Die vergessene Lethrusae - Wiedererwachen einer Lethra

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Jael'Zeerith
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Die vergessene Lethrusae - Wiedererwachen einer Lethra

Beitrag von Jael'Zeerith »

Der erste Funke

Der Stein tropfte.
Langsam und stetig, wie der Pulsschlag eines schlafenden Riesen.

Von der Decke lösten sich feine Wasserfäden, die in langen Bögen auf das vernarbte Metall der alten Werkbank fielen. Dort verdampften sie zischend, als hätten sie Angst, zu verweilen. Der Geruch von feuchtem Gestein und bitterem Pilz lag in der Luft, durchzogen von der säuerlichen Note kalten Rauchs.

Jael`Zeerith saß auf ihrem Schemel, das Rückgrat gerade, die Hände still in ihrem Schoß. Ihre nachtblaue Haut wirkte fahl im Schein der rußenden Kerze, deren Flamme wie ein fiebernder Atem flackerte. Vor ihr lag eine Sammlung aus Werkzeugen: Schalen aus grauem Stein, mit Rissen wie Adern durchzogen, ein Mörser, stumpf vom jahrelangen Gebrauch, und eine Glasphiole, deren Boden gesprungen war, aber noch hielt. Alles war gebraucht, beschädigt, aber funktional. Wie sie selbst.

Ihre Finger zitterten. Nicht aus Furcht.
Es war Erwartung, die in ihnen vibrierte, wie eine Saite kurz vor dem Ton.

Das aufgeschlagene Notizbuch vor ihr war mehr Fragment als ein Werk - eine Sammlung aus halben Gedanken, unvollständigen Formeln, und gezeichneten Symbolen, die sich über die wenigen Seiten rankten wie eine Sprache, die sie verlernt hatte zu sprechen. Listen, Linien, unruhige Worte. Ein Versuch, das Vergessene zu greifen.

Schwarzes Wasser darf nicht weinen.
Der dritte Atem ruft das Licht.


Sie hatte die Sätze unzählige Male gelesen, sie im Dunkeln geflüstert, bis die Worte sich fremd und doch vertraut anfühlten. Jetzt – im flackernden Schein der Kerze, deren Docht längst zu kurz geworden war – glaubte sie, die Bedeutung zu spüren. Nicht zu verstehen. Zu fühlen.

Mit einer bedächtigen Bewegung goss sie das „schwarze Wasser“ in die Phiole – ein Sud aus Moos, Asche und dem schwachen Blut einer schlafenden Wurzel. Es floss träge, ölig, in einem dunklen Blaugrün, das das Licht verschluckte, anstatt es zu spiegeln. Dann entzündete sie mit einem Funken getrockneter Flechten eine kleine Flamme. Das Knistern klang, als würde etwas Altes aufwachen.

Ein Atemzug. Zwei. Beim dritten hielt sie die Luft an.

Der Trank begann zu leben. Ein feiner Dampf stieg auf, kaum sichtbar, und die Flüssigkeit glühte von innen heraus – schwach, dann stärker, bis es schien, als hätte sie ein Stück Sternenlicht verschluckt. Dann erlosch es, leise, als hätte es sich entschlossen, zu schlafen. Zurück blieb ein metallisches Flimmern auf der Oberfläche.

Jael`Zeerith verharrte. Ihre Finger umklammerten das Glas. In ihrem Inneren regte sich etwas – kein klares Wissen, eher das Echo einer Melodie, die sie einmal im Traum gesummt hatte, bevor alles vergessen wurde.

„Das war es“, flüsterte sie. Nicht vollkommen. Nicht rein. Aber echt. Etwas hatte geantwortet.

Sie stellte die Phiole beiseite. Dann griff sie nach der Feder.

Wenn das schwarze Licht atmet, höre zu.
Es spricht nicht – es erinnert.


Ein flüchtiges Lächeln streifte ihre Lippen. Vielleicht würde der nächste Versuch wieder scheitern. Vielleicht auch noch der Zehnte. Gewiss sogar! Doch jetzt wusste sie: Die Alchemie hatte sie nicht vergessen.

Der Stein tropfte weiter. Und irgendwo in der Dunkelheit antwortete ein leises Klingen, als würde der Fels selbst ihre Entdeckung bezeugen.

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Jael'Zeerith
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Re: Die vergessene Lethrusae - Wiedererwachen einer Lethra

Beitrag von Jael'Zeerith »

Zwischen Glas und Staub

Der Stein tropfte.
Ein gleichmäßiger, geduldiger Klang, der den Raum füllte wie ein Atem.

Erneut saß Jael`Zeerith vor der alten Werkbank. Drei Lichtquellen brannten - eine Kerze, deren Docht zu kurz war und zwei Öllampen, deren Rauch in dünnen Schwaden an der Decke hing. Das Licht vibrierte in weichen Kreisen über Metall und Glas, füllte Glanz in Risse, die sonst übersehen worden wären.

Vor ihr lagen Werkzeuge - Mörser und Stößel, Spatel aus Kupfer, Pinzetten, Phiolen, kleine Gewichte aus Blei, eine Waage mit schiefem Arm. Alles gebraucht. Und alles noch brauchbar. Und wartete auf schlichte Arbeit. Reinigung. Ordnung.

Sie begann mit dem Glas. Jede Phiole wurde einzeln geprüft – gegen das Licht gehalten, gedreht, mit einem Tropfen destillierten Wassers ausgespült. Einige waren trüb geworden, an ihren Böden hatte sich ein feiner Film gebildet, wie Staub auf einem Spiegel. Sie rieb sie aus, sorgfältig, penibel, mit einem Tuch aus altem Leinen. Einmal stockte, als sie eine kleine, bauchige Flasche in Händen hatte. Der Riss am Hals – diagonal, fein wie ein Haar – kam ihr bekannt vor. Sie ahnte, dass sie ihn schon einmal gesehen hatte. Vielleicht war er damals auch schon da. Vielleicht hatte sie ihn selbst verursacht. Sie stellte die Flasche beiseite, markierte sie mit einer roter Schnur.

„Nicht für Wärme“, murmelte sie.

Dann griff sie nach dem ersten Spatel. Eine feine Schicht aus getrocknetem Sud klebte daran, wie verkrustetes Harz. Mit dem schmalen Leinentuch wischte sie die Oberfläche ab, drehte das Metall, prüfte die Kanten. Ihre Bewegungen waren hierbei langsam, präzise. Jede spiegelte eine Erinnerung, die sie nicht mehr denken, aber noch ausführen konnte. Das Tuch verfärbte sich, der Geruch wurde scharf. Sie tauchte das Werkzeug in eine Schale mit kaltem Wasser, dem sie einen Tropfen Essig hinzugefügt hatte. Der Spatel glitt hinein, sank, und kleine Blasen stiegen auf. Sie nahm ihn wieder heraus, trocknete ihn mit dem Saum ihres Tuches, hielt ihn gegen die Kerze. Das Licht glitt über die Kanten und blieb an einer Kerbe hängen.

„Zu stumpf“, flüsterte sie.

So ging sie fort. Messer, Schaber, Pinzette, Stößel. Ein Werkzeug nach dem anderen, jedes mit eigenem Ton, eigenem Widerstand. Einige reinigte sie mit Öl, andere mit feuchter Asche. Die unterschiedlichen Oberflächen verlangten eigene Pflege und sie kannte die Sprache des Materials - das feine Schaben des Stahls, das sanfte Quietschen von Stein, das dumpfe Klopfen, wenn sie prüfte, ob ein Griff noch hielt.

Zwischendurch hielt sie inne, wischte sich die Finger an ihrer Schürze ab, und sah in die Flamme. Die Schatten zitterten auf ihrer Haut. Sie erinnerte sich nicht, wann sie gelernt hatte, so zu arbeiten – aber ihr Körper wusste, was zu tun war.

Sie prüfte, markierte, legte beiseite.
Ordnung entstand, langsam, wie das Wachsen von Kristall im Dunkeln.

Die Luft roch nach Öl und Metall. Nach Hitze und Geduld. Das Tuch in ihren Händen war schwarz vom Schmutz, ihre Fingernägel grau vom Staub der Arbeit. Doch die Werkzeuge glänzten wieder – stumpf, aber sauber. Bereit.

Jael`Zeerith richtete sie aus: nach Größe, nach Gewicht, nach Schärfe, nach Vertrautheit.
Ein stilles Muster auf der Werkbank, wie Zeichen einer Sprache, die nur Hände sprechen.

Dann atmete sie aus, tief und bedächtig um den Abschluss ihres Tuns zu besiegeln.

Reinigen. Prüfen. Bewahren.

Sie löschte die Lampen und der Schatten kroch näher. Der Raum wurde stiller, dichter.
Nur der Stein tropfte weiter.

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Jael'Zeerith
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Re: Die vergessene Lethrusae - Wiedererwachen einer Lethra

Beitrag von Jael'Zeerith »

Grabmoosflüstern

Der Stein tropfte.
Immer noch. Wieder.

Nach der Ordnung der Gerätschaften kam nun das Sichten und Katalogisieren der alchemistischen Bestände. Die Lethra stand zwischen Schränken aus dunklem Holz, Regalbrettern aus Stein, Schalen, Beuteln und Gläsern in einer Vielzahl von Formen. Die Luft war schwer - erdig, süß, leicht bitter. Es war kein Geruch des Todes, sondern des Wartens. Das Licht ihrer Lampe flackerte über Glas, brach sich in vergilbten Etiketten, ließ Staub tanzen wie träge Funken.

Sie begann am ersten Regal. Oben hingen Knoblauchbündel, geflochten, über einem Tuch aus grobem Hanf. Der Duft war stechend und reinigend zugleich - er schützte die Luft selbst, ein stiller Wächter gegen die Fäulnis. Einige Zehen waren weich geworden, ihre Haut eingesunken. Sie drückte sie sanft, roch an ihnen. „Drei Bündel entsorgen", raunte sie.

Darunter ein Beutel aus dunklem Leinen mit getrocknetem Nachtschatten – die Blätter fast schwarz, die Ränder leicht eingerollt, als hätten sie sich beim Sterben selbst umarmt. Zwischen ihnen schimmerte violetter Staub, der an den Fingerspitzen glühte, kaum spürbar, doch voller Versprechen. Sie nahm eine Prise. „Noch wachsam“, murmelte sie.

Daneben ein längliches Gefäß aus Obsidian, undurchsichtig auf den ersten Blick, doch beim Neigen erkannte sie das matte Schimmern des Inhalts - Molchaugen in öligen Schlieren, dunkelgrün und lebendig, obwohl längst kein Leben mehr in ihnen war. Eine leichte Trübung war zu sehen – die Flüssigkeit bebte zu stark. "Zu alt. In tiefer Erde vergraben", flüsterte sie.

Weiter hinten im Schrank, in einem Korb aus verkohltem Holz, lag der Torf: Fest, schwer, von einer tiefen, fast metallischen Schwärze. Es war in Wachstuch eingeschlagen, um seine Feuchtigkeit zu halten. Wenn man ihn zerdrückte, gab er ein leises, nasses Knacken von sich – ein Laut, der an Regen erinnerte. Auf einem schmalen Brett ruhte eine kleine Schale aus glasiertem Stein: Schlangen-schuppen, auf weißem Sand gebettet, jede hauchdünn und von irisierendem Rand. Manche trugen noch Spuren getrockneter Haut, Reste des Lebendigen. Wenn Luft über sie strich, raschelten sie kaum hörbar. Daneben ein Behälter aus hellen Knochen, sorgfältig geschnitzt. Darin Fingerhutblüten, blassgelb, federleicht, in mehreren Lagen getrocknet. Sie schlummerten in einem Bett aus Spinnenseide, damit keine Reibung sie zerstörte. Beim Öffnen entwich ein Duft, zart und süß, gefährlich zugleich.

In einer flachen Kiste aus Stein, deren Boden stets leicht feucht blieb, fand sie Grabmoos. Ein dünner Film aus Wasser glänzte auf der Oberfläche, und das Moos atmete leise, zog sich zusammen, wenn man es berührte. Sein Geruch war alt, mineralisch, beinahe ehrwürdig. Schließlich der Ginseng – aufbewahrt in Glasröhren, gefüllt mit Alkohol und Harz. Die Wurzeln wanden sich darin wie schlafende Tiere, golden, mit feinen Adern, die das Licht aufnahmen. Er war einer der wenigen Stoffe, der Leben barg, das man noch fühlen konnte.

Jael`Zeerith kontrollierte, roch, rieb, schüttelte. Die Bewegungen flossen. Prüfend, ehrend, nicht besitzend. Alles begleitet vom Kratzen ihrer Feder.

Knoblauch – hütet die Luft.
Nachtschatten – wartet im Dunkel.
Molchaugen – träumen in Öl.
Torf – trägt Schlaf unter sich.


Nach Sichtung aller Vorräte legte sie das Buch beiseite und wandte sich den unbefüllten Gefäßen zu. Mit kaltem Wasser wischte sie Schalen und Röhren, polierte Glas und Obsidian, bis jeder Fleck verschwunden war. Rauch aus verbranntem Knoblauch zog durch die Regale, wie ein leiser Atem, der die Vorräte reinigte und schützte. Zwischendurch legte sie die frischen Fledermausflügel, die einer der Lethrixoren herein gebracht hatte, auf Leinen, um sie zu trocknen. Sie rochen nach altem Staub und Sturm.

Im Anschluss sortierte sie die Proben und Vorräte neu - nicht nach Nutzen, sondern nach Herkunft, nach Temperatur, nach Klang. Torf ruhte nun neben Knoblauch, damit Schwere und Schärfe sich ausglichen. Der Nachtschatten wurde fern vom Ginseng gestellt – Dunkel sollte nicht an Leben zehren. Grabmoos legte sie über Obsidian, damit das Wachsende im Schutz des Steins atmen konnte. Die neue Ordnung entstand leise, nicht aus Zwang, sondern aus Achtung – wie eine Landschaft, die sich selbst erinnert, wo jedes Ding seinen Platz kennt.

Dann trat sie zurück und ließ den Blick über alles schweifen: ein Archiv aus Farben, Gerüchen, Oberflächen – jedes Gefäß eine Stimme, jede Beschriftung ein Teil eines größeren Satzes.

Jael`Zeerith atmete tief ein. Es schmeckte nach Leben, nach Schlaf, nach Erwartung. Sie legte die Hand auf ihr Notizbuch. Die letzte Zeile schrieb sich wie von selbst:

Erkennen. Bewahren. Atmen.

Dann löschte sie die Lampe. Im Nachglimmen der Dochtglut spiegelte sich für einen Augenblick das Obsidian – und darin, ganz flüchtig, ein Paar Augen, das nicht ihres war.

Der Stein tropfte weiter.
Und irgendwo in der Dunkelheit antwortete das Grabmoos mit einem leisen Seufzen.

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Jael'Zeerith
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Re: Die vergessene Lethrusae - Wiedererwachen einer Lethra

Beitrag von Jael'Zeerith »

Schattenpfad

Der beißende Geruch von Schwefel und kaltem Eisen hing schwer in der Luft, während sie die letzte Mischung des Abends rührte. Der Rauch stieg kräuselnd über dem Glas auf und fing das flackernde Kerzenlicht ein, das sich in tanzenden Reflexen auf ihren Wangen spielte. Ihre Augen folgten den Dämpfen, ohne sie wirklich anzusehen – und langsam, beinahe lautlos, glitt sie fort, hinein in die finsteren Tiefen ihrer eigenen Dunkelheit. Ihr Atem wurde flach, der Herzschlag unregelmäßig, und ein zittriger Schauer jagte wie kaltes Wasser durch ihren ganzen Körper.

Sie befand sich wieder an jenem Ort, der ihr so fremd und doch unendlich vertraut war – das Reich, in dem ihr gesamtes Ich verborgen lag, verschlossen vor sich selbst. Lautlos bewegte sie sich durch die Schwärze, vorbei an den beiden Türen, die sie bisher zu öffnen vermocht hatte. Aus ihnen schimmerte ein sanftes Licht, warm wie flüssiges Gold, als wollten sie ihr sagen: Wir sind hier.

Und während sie weiterwanderte, spürte sie plötzlich eine Veränderung um sich herum. Zuerst war es nur ein kaum merkliches Ziehen, wie ein leiser Windhauch, der durch ein verlassenes Zimmer strich. Doch allmählich wuchs es, schwoll an zu einem flüsternden Laut: Sorth’esahr.

Sie kannte diesen Namen – er lag schwer auf ihrer Zunge, schmeckte nach Asche und uralter Macht. So war es also doch kein Zufall gewesen, dass er ihr im Gespräch mit Velvyr’tae ausgerutscht war, einer der Sieben, wie ein Funke, der sich in ihrem Unterbewusstsein festgesetzt hatte. Ein Schimmer von Kontrolle, von kaltbrennender Klarheit, durchzog ihren Geist, und für einen flüchtigen Augenblick wusste sie, dass dies einst ihr Wesen gewesen war – ein Teil von ihr.

Sie schrak auf, als das Glas zwischen ihren Fingern zersprang und das Reagenzgemisch in glitzernden Tropfen über die Arbeitsfläche rann. Der Rauch, der noch einen Moment die Luft erfüllte, zerfiel in wirbelnde Schleier, als wollte er die flüchtige Erinnerung festhalten – doch auch er verging, wie alles, was sie gerade noch gespürt hatte.

Langsam, fast noch ein wenig betäubt, griff sie nach ihrem Buch, schlug eine leere Seite auf und ließ den Kohlestift wie von selbst über das Papier gleiten. Die Linien flossen, als erinnere sich ihr Körper an Wege, die ihr Geist längst vergessen hatte. Eine Rune entstand – verschlungen, kraftvoll, getragen von der Essenz Sorth’esahrs in jedem Schwung. Doch ehe sie vollendet war, stockte sie. Ein leises Zögern wühlte in ihr, als gehöre dieser alte Funke nicht mehr zu ihr.

Mit einem tiefen Atemzug zog sie den Stift zurück und strich das Zeichen entschlossen durch. Die Rune zerbrach, die Kohle splitterte in feinen Staub. Ohne es zu planen, folgte eine neue Bewegung. Linien formten sich, zögerlich und doch entschlossen. Es war eine Rune, die mehr flüsterte als brüllte, die sich sacht in ihr Bewusstsein drängte.

Etwas anderes, Eigenes, wuchs aus dem Fundament der Vergangenheit. Sie klappte das Buch zu. Die Kerze flackerte, und ihr Herz schlug ruhiger, gefasster.

Sie musste zum Tempel.

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Jael'Zeerith
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Re: Die vergessene Lethrusae - Wiedererwachen einer Lethra

Beitrag von Jael'Zeerith »

Wenn das Neue spricht

Das Kerzenlicht tanzte über die geordnete Werkbank, auf der jedes Instrument, jedes Glas und jede Substanz seinen festen Platz hatte. Die Stille aus dem Tempel lag noch in ihren Gliedern wie ein nachklingender Atem, und Jael`Zeerith saß schweigend da. Minuten verstrichen, dann Stunden, während die Schatten der Flamme leise über die Wände krochen.

Schließlich schlug sie ihr Buch auf, das Leder und das Papier unter ihren Fingern fühlten sich beruhigend vertraut an. Sie blieb auf der Seite mit Sorth’esahrs Rune hängen – zerbrochen wie ein Spiegel, der ihre Vergangenheit reflektierte. Langsam legte sie die Finger auf die zersplitterten Kohlelinien, spürte ihre Kühle, ihre Schwere. Ein Atemzug, ein leises Lächeln des Abschieds, getragen von Respekt für den Weg, der einst ihr eigener gewesen sein muss. Die Kohlefragmente glitten von der Seite, fielen wie winzige Funken aus einer Welt, die sie hinter sich ließ. Ein letztes Hinsehen, ein stilles Verbeugen vor Sorth’esahr.

„Vielleicht neu. Vielleicht anders. Aber es liegt Möglichkeit im Verlieren“, flüsterte Velvyr’tae in ihrem Geist. Die Worte fühlten sich an wie ein Schlüssel, der das Schloss ihres Widerstands zu öffnen vermochte. Sie nickte stumm, sog die Luft ein und erlaubte sich, loszulassen. Wirklich loszulassen.

Langsam griff sie den Kohlestift. Zunächst zögerlich, unsicher, als müsse sie das Neue vorsichtig wie ein zerbrechliches Gefäß behandeln, dann sicherer, jede Kontur ein Schritt in unbekanntes Terrain. Linien wanden sich über das Papier wie Flüsse aus Licht und Schatten, ein Spiel aus Ruhe und Bewegung. Jede Kurve eine Einsicht, jede Spitze ein Atemzug voller Ehrfurcht. Aus der Lücke, die Sorth’esahr hinterlassen hatte, erwuchs Erqual’sidar – nicht als Ersatz, nicht als Flucht, sondern als etwas Eigenes. Geboren aus dem, was sie nicht halten konnte, aus der Akzeptanz ihrer eigenen Zerbrechlichkeit.

Als die letzte Linie vollendet war, verharrte sie einen Moment, das Bild in ihren Augen festhaltend. Die Werkbank war unverändert – akkurat, geordnet und unverrückbar, ein stiller Zeuge der Vergangenheit. Der Schatten Sorth’esahrs ruhte in einem Winkel ihres Bewusstseins, ruhig und unaufdringlich, keine Fessel, sondern ein Fundament. Mit einem tiefen Atemzug schloss sie die Augen. Sie ließ zu, dass die Rune in ihr pulsierte, dass Erqual’sidar sie durchdrang wie ein Fluss, der mit gemächlicher, aber bestimmter Strömung durch ihre Adern zog.

„Wenn es zu dir spricht, ist es dein Weg. Deine Wahl.
Ob es die richtige ist, wirst du sehen.“

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Jael'Zeerith
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Re: Die vergessene Lethrusae - Wiedererwachen einer Lethra

Beitrag von Jael'Zeerith »

Q’in ist Q’in

Feuchte Kühle hing in der Luft. Der Stein roch nach Moos, altem Metall und Rauch. Das Axorn war niemals still – es murmelte leise unter der Erde, als trüge es Erinnerungen in sich, die längst niemand mehr auszusprechen wagte.

Jael’Zeerith war in Gedanken. Ihre Schritte hallten gedämpft durch die Gänge, begleitet vom leisen Schaben der Ledersohlen. Sie achtete nicht auf den Weg, zu sehr verfangen in Überlegungen, die wie Nebel um ihren Geist lagen: träge, schwer zu fassen, undurchdringlich.

So sah sie nicht, was vor ihr lag. Nicht die Händlerin. Nicht den alten Mann. Nicht den Arm.

Erst als sie mit ihm zusammenstieß, kehrte sie in den Moment zurück. Ein dumpfer Aufprall, ein hastiges Keuchen. Etwas Hartes, Lebendiges, das nicht wich. Der Körper des Alten war wie aus Stein gemeißelt, unbeweglich. Nur sein Atem regte sich – rau, gequält, als kämpfe jeder Zug ums Überleben. Ein fiependes Einatmen, ein kratzendes Ausatmen, so regelmäßig, dass es beinahe weh tat, ihm zuzuhören.

Für einen Herzschlag stand alles still.

Jael’Zeerith wich zurück, entwirrte sich aus dem groben Stoff seiner Tunika und blinzelte. Ihr Buch war ihr aus der Hand gefallen, lag nun aufgeschlagen zwischen seinen Füßen. Ohne nachzudenken beugte sie sich vor, um es zu greifen – halb in Erwartung eines Tadels. Doch kein Wort kam. Kein Ärger. Nur das leise, gepeinigte Atemgeräusch, das in der Stille lauter war als alles andere.

Langsam richtete sie sich auf, trat einen Schritt zurück – und erst da erkannte sie, wo sie hineingeraten war: in eine groteske Handelsverhandlung. Auf der Theke der Händlerin Ci’lur lag ein Arm, bleich und reglos, mit einem Ring an einem der Finger. Der alte Letharf stand davor, mit der Ruhe eines Mannes, der zu vieles gesehen hatte, um sich noch zu wundern – aber offenbar nicht verstand, welches Problem die Händlerin mit dem Ring hatte.

Etwas in Jael’Zeerith verlangte nach Handlung, nach einer Geste, die dem Augenblick Halt verlieh. Sie trat näher, griff das tote Glied, löste den Ring von den kalten Fingern und legte ihn behutsam auf die Theke. Eine einfache, sachliche Bewegung – und doch schien sie Ordnung zu schaffen, wo zuvor keine war. Ci’lur neigte kaum merklich den Kopf, dankbar, und ließ das Juwel hinter der Theke verschwinden.

Der Alte nickte fahrig. Etwas in seinen schwefelgelben, leeren Augen schien sie zu erkennen. Und auch sie durchzuckte sie das seltsame Gefühl, dass sie diesen Mann kannte. Nicht aus Erinnerung, sondern aus einer Lücke darin.

Er trat näher – ein Schritt, dann noch einer. Seine Hand griff nach ihrem Kinn, drehte den Kopf ohne Nachsicht, fast wie ein Uhrwerk, das eine vorgegebene Bewegung vollzieht. Sein Blick glitt über ihre Züge, tastete die Linien ihrer Haut ab, verweilte auf dem flüchtigen Zittern ihrer Lippen – sachlich, unbarmherzig, wie ein Automat, der ein fehlendes Puzzleteil sucht.

Dann sprach er - zögernd, suchend, als wühle er in den Scherben eines zersplitterten Gedächtnisses:

„Syrr’ael? … Nein.“

Eine Pause.

„Velvyr’tae? … Nein.“

Seine Worte klangen wie aus einem fernen, zerrissenen Traum. Und dann löste sich ein Name von seinen Lippen, brüchig, aber bestimmt:

„Jael … Jael’Zeerith.“

Der Klang ließ sie erstarren. Der Name war ihr vertraut, doch aus seinem Mund klang er wie ein Stück Vergangenheit, das plötzlich Gestalt gewann. Alles in ihr zog sich zusammen, als rührte jemand an eine alte, halbverheilte Wunde. Langsam nickte sie, vorsichtig, als könne die Erkenntnis zerbrechen, würde sie zu fest danach greifen.

„Du bist verändert“, sagte sie leise. Kein Vorwurf, kein Staunen – nur eine nüchterne Feststellung, geboren aus dem Gefühl, dass dieser Mann, der sie erkannt hatte, nicht mehr derselbe war, der es einst getan haben musste.

Der Alte schwieg lange, ehe er tonlos erwiderte:

„Q’in ist Q’in.“

Und sie glaubte ihm fast.

Dann verlosch das Licht in seinen Augen. Müdigkeit trat an seine Stelle – dumpf, alt, bodenlos.

Er wandte sich ab. Sein Gang war ungelenk, der Rücken gebeugt, als trüge er die Last vergessener Zeiten auf den Schultern. Schritt für Schritt entfernte er sich, hinab in die tieferen Gänge des Axorn. Sein schwerer Atem hallte nach, bis er in den Schatten verklang.

Jael’Zeerith blieb zurück. Sie nahm das Buch von der Theke auf – und ohne zu wissen warum, auch den Arm. Schwer und kalt lag er in ihrer Hand und doch fühlte es sich richtig an, als gehörte er plötzlich zu ihr.

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Jael'Zeerith
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Re: Die vergessene Lethrusae - Wiedererwachen einer Lethra

Beitrag von Jael'Zeerith »

Wissen im Schatten

„Das Reich wird nicht verlassen“, hallte die Stimme in ihrem Kopf, aber Jael´Zeerith trat über die Schwelle hinweg. Ein Schaudern lief über ihren Rücken, doch sie ignorierte es – nicht aus Leichtsinn, sondern aus stiller Entschlossenheit. Die Dämmerung der anbrechenden Nacht legte sich wie ein schützender Mantel um sie und deckten ihr Vergehen, ihr Brechen der Regeln. Kein Licht wies den Weg, als sie sich nach Bajard aufmachte.

Im Fischerdorf schlich sie dicht an den Schatten der Häuser und des Gestrüpps entlang, ihr Blick huschte nervös von Ecke zu Ecke. Jeder Schritt drohte, sie zu verraten, jede Bewegung schien die Dunkelheit zu zerreißen, in der sie sich verbergen wollte. Als sich eine Tür öffnete, schlüpfte sie rasch hinein, als könnte sie mit dem Eintreten die Welt draußen hinter sich lassen.

Und dann standen sie sich gegenüber – zwei, die im Streben nach Wissen ähnlich wirkten, deren Denken und Handeln jedoch Welten voneinander entfernt waren. Das Gedränge, das Murmeln und die endlosen Stimmen im Rahaler Spital hatten ihr den Kopf schwirren lassen, die menschliche Sprache in ihren Ohren geschmerzt. Doch aus diesem Chaos hatte sie ihn gewählt: Er schwieg. Lernte mehr aus Beobachtung als aus Worten. Deshalb schien er ihr nützlich – ein stiller Komplize inmitten des überwältigenden Lärms.

Und obwohl Cassian sich heute deutlich mehr im Sprechen üben musste, belastete es Jael´Zeerith kaum. Er konzentrierte sich aufs Wesentliche, ließ Geschichten, Anekdoten oder beiläufige Bemerkungen weg, die sonst ihre Aufmerksamkeit hätten zerstreuen können. Anfangs spürte sie noch ein leises Ziehen der Anspannung – ein instinktiver Argwohn gegenüber Menschen, einfach weil sie Menschen waren. Doch während sie seinen Bewegungen und Worten folgte, trat dieses Gefühl allmählich in den Hintergrund. Nach und nach wich es einem klaren, konzentrierten Blick, der sich ausschließlich auf die Arbeit richtete. Cassian erklärte präzise, demonstrierte Schritt für Schritt, während sie beobachtete, Notizen machte und analysierte. Jeder Blick, jede Geste, das leise Kratzen des Stiftes auf dem Pergament – alles trug Informationen, die wie unsichtbare Fäden zwischen ihnen hin und her flossen.

Selbst wenn ihre Ansichten über die Wahl der Reagenzien manchmal auseinanderliefen – warum Ginseng und nicht Alraune? – wirkte das nicht störend. Unterschiede wurden mit ruhiger Aufmerksamkeit behandelt, oft nur durch einen Blick oder eine kurze Handbewegung ausgetauscht, ohne dass ein Wort zu viel fiel. Auch widersprüchliche Entscheidungen fügten sich nahtlos in das feine Geflecht ihrer Zusammenarbeit ein und schärften den Fokus, statt die Konzentration zu trüben.

So entstand zwischen ihnen ein ungewöhnliches Band – getragen von unerwartetem Respekt, konzentrierter Aufmerksamkeit und einem stillen Verständnis für die Materie. Kein Laut zu viel, keine Regung unnötig. Hier zählte nur das nüchterne Erfassen, das Beobachten und das Aufnehmen von Wissen – und genau darin lag eine tiefe, nahezu körperlich spürbare Ruhe, aus der zugleich der Grundstein für eine ausgefallene Zusammenarbeit keimte.

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Jael'Zeerith
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Re: Die vergessene Lethrusae - Wiedererwachen einer Lethra

Beitrag von Jael'Zeerith »

Echo der Klinge

„Ich kann für dich alles sein – oder dein Ende.
Was es wird, entscheidest du mit deinen Taten.“

Die Worte hingen noch immer im Raum. Nicht laut, doch schwer wie Rauch, der zwischen Glas und Kupfer schwebt, zwischen dem leisen Zischen der Retorte und dem dumpfen Pochen ihres Herzens, das keinen Ruhepunkt fand. Die Nacht hatte das Labor verschluckt, nur das matte Grün des Destillats warf bewegtes Licht über ihre Hände, über die Werkbank, über das Pergament mit den unvollendeten Formeln. Schwefel, Eisen, Knoblauch, Öl – der vertraute Geruch ihrer Arbeit. Doch dazwischen roch sie immer noch ihn. Er haftete an ihr wie Asche, metallisch, kalt, schwer. Der Mael’Qil. Jyn`drarr.

Jeder Atemzug trug sie tiefer hinein, in den Nachhall dessen, was geschehen war: Die Weide, der kalte Wind, das Klirren der Rüstung. Der Griff an ihrem Hals, wie er sie emporhob – und wie er sie wieder zu Boden stieß. Worte wie präzise Schnitte in der Luft: „Das nächste Mal berichtest du unaufgefordert.“ Kein Befehl. Ein Gesetz, das nicht verhandelt werden konnte.

Sie atmete flach, als stünde er noch immer über ihr, schwer, unerbittlich. Ihre Hände zitterten leicht, strichen über das kalte Glas der Retorten. Das grüne Licht spiegelte sich in ihren Augen. Sie sah seine Klinge vor sich schweben, schimmernd, beinahe lebendig, die Luft zwischen ihnen spaltend. Sie fühlte keine Furcht, nur eine törichte Faszination, die sich in ihre Brust schlich. Die Klinge tastete nach etwas, das sie selbst nicht greifen konnte. Ein Hauch nur, die Spitze streifte ihre Haut, Frost und Feuer zugleich. Ein Versprechen, kein Angriff. Und dennoch hob sie die Hand, hungrig nach dem, was sie spüren musste. Doch die Klaue kippte, glitt wie ein Funken aus Smaragd über ihre Haut und erinnerte sie daran, wer hier bestimmte. „Ein Hauch reicht, um dir Vaters Zorn in die Adern zu brennen.“

Sie zog die Hand zurück, nicht aus Angst, sondern aus Erkenntnis. Als sie den Kopf hob, trafen seine giftgrünen Augen die ihren – schwer wie Blei, unerbittlich, unausweichlich. Sekunden dehnten sich zu Ewigkeiten, jeder Augenblick ein scharfer Schlag gegen ihre Sinne. In diesem Blick lag kein Wort, nur Gewicht und Forderung, ein stilles Urteil, das sich in ihre Seele brannte. Dann wandte er sich ab, hart, endgültig, als hätte er einen unsichtbaren Vorhang zwischen sie gezogen. „Verdiene erst.“

Sie öffnete die Augen. Das Licht der Retorte hatte sich verändert. Das Grün war dunkler, dichter, pulsierte unregelmäßig, fast wie ein Herzschlag, der nicht ihr eigener war. Ihre Finger ruhten auf dem kalten Tisch, zwischen den Flecken vergangener Experimente, zwischen Schwefel, Öl und Staub. Für einen Moment glaubte sie, einen Schatten hinter sich zu sehen – groß, aufrecht, zu präzise, um Zufall zu sein. Sie wagte nicht, sich umzudrehen.

Vielleicht war es nur das Nachbild seiner Präsenz, das sich in ihrem Bewusstsein festgesetzt hatte. Vielleicht aber auch etwas anderes. Etwas, das er in ihr geweckt hatte, ohne es zu wissen, ohne dass sie es greifen konnte.

Sie griff nach der Pipette, tauchte sie in das brodelnde Grün und hob sie über ein leeres Glasgefäß. Die Flüssigkeit zog sich schwer in die Spitze, träge, bevor sie in Tropfen hinabfiel. Jeder Tropfen zischte leise, ein winziges Echo der Macht, die sie kürzlich gespürt hatte.

„Alles oder Ende“, flüsterte sie. Der Satz schmeckte bitter, doch in seiner Schärfe lag Wahrheit.

Langsam hob sie das Glas, betrachtete das Licht, das darin lebte. Die Oberfläche bebte, als wäre darin etwas wach geworden – etwas, das verstand, beobachtete, wartete. Sie stellte das Gefäß behutsam beiseite, doch ihr Blick blieb daran haften, noch lange nachdem das Licht erloschen war.

In der Dunkelheit glomm das Grün weiter.
Still. Geduldig. Wie ein Versprechen.

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Jyn'drarr
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Re: Die vergessene Lethrusae - Wiedererwachen einer Lethra

Beitrag von Jyn'drarr »

Kein Raum für Zweifel

Der Wind, der über die Alm strich, war schneidend klar.
Er trug keinen Nebel, keinen Dunst, nur die kalte Reinheit der Höhe und das leise Wispern von Bewegung zwischen Holz und Stein.
Als Jyn'drarr den letzten Schritt aus dem Felsenschacht tat, füllte seine Präsenz den offenen Raum mit jener Stille, die entsteht, wenn das Erwartbare dem Unausweichlichen weicht.

Seine Schritte waren schwer, nicht durch Müdigkeit, sondern durch Bedeutung.
Die Kettenglieder seiner Rüstung bewegten sich mit einem dunklen Klang, der weder laut noch drohend war, aber in der Luft hängen blieb wie das Nachklingen eines uralten Gebets.
Ein Ton, der an Pflicht erinnerte, an Ihn.

In einer der Ecken saß sie ruhig, als hätte sie die Gegenwart ihrer eigenen Unvollständigkeit erkannt, aber noch keinen Schritt zur Besserung getan.
Ihr Rücken war zwar aufgerichtet, doch nicht gespannt.
Kein Zeichen einer inneren Haltung, die dem Blick des Mael'Qil standgehalten hätte.

Sie trug keine Rune.
Kein Zeichen der Einbindung, kein Beweis, dass sie ihren Platz gefunden hatte. Für Jyn'drarr war das genug.

Er ging auf sie zu, langsam, mit der Sicherheit dessen, der keine Worte verschwenden muss, um Wirkung zu entfalten.
Der Blick aus den giftgrün leuchtenden Augen unter der tiefen Kapuze lag bereits auf ihr, ehe der Schatten seines Körpers sie erreichte.

Als sie nicht sprach, hob er die Hand ohne Zögern, aber mit der kalten Konsequenz eines Richters.

Seine Finger legten sich um ihren Hals.
Die Bewegung war flink, kontrolliert, beinahe technisch.
Ein Griff, so exakt, als wäre er Teil eines uralten Rituals.

Ihr Körper hob sich unter seiner Kraft, leicht, formbar und ungeschützt.
Einen Moment lang hielt er sie dort, in der Schwebe, zwischen Entscheidung und Konsequenz.

Dann ließ er los.
Sie fiel nicht hart, aber deutlich.
Genug, damit sie verstand.
Genug, damit es Wirkung zeigte.

Er sprach. Nur einen Satz.
Seine Stimme war rau wie über Stein geschliffenes Eisen, brüchig, aber unerschütterlich.

Zurückgetreten ließ er sie auf dem Boden.
Beobachtete sie nicht als Feind, sondern als Prüfender.
Ihre Atmung war flach, der Blick noch unklar, aber nicht leer.
Sie blieb liegen, nickte.

Eine Reaktion, die nicht ganz aus Angst kam, auch nicht aus Gehorsam, sondern aus einer Mischung, die möglicherweise den ersten Hauch von Einsicht trug.
Er hätte es nicht benannt.
Es reichte, dass es geschah.

Langsam trat er wieder näher, hob die Klaue an seiner Seite.
Die moosgrüne Klinge ruhte in der Bewegung, lebendig und doch vollkommen still, wie ein Tier, das nur schläft.

Die Spitze senkte sich, schwebte knapp vor ihrem Gesicht.
Nah genug, um Wirkung zu entfalten, fern genug, um nicht zu verletzen.

Die Lethra hob die Hand.
Unsicher. Neugierig. Vielleicht trotzig.
Eine Geste, die nicht ganz aus Naivität geboren war.

Er ließ es zu.
Der grünliche Schimmer tastete über ihre Haut, kalt wie Nachtluft und zugleich brennend wie aufbrechender Zorn.

Es war keine Warnung.
Es war ein Vorgeschmack.
Und was in ihr geweckt wurde, lag außerhalb seiner Verantwortung.
Doch nicht außerhalb seiner Wahrnehmung.

Als sie ihn ansah, direkt und ohne Flucht, war in ihrem Blick etwas Echtes.
Kein Verständnis. Noch nicht.
Aber ein Gefühl für das, was sie in seiner Nähe berührte.

Dann wandte er sich ab.
Die Kettenglieder an seiner Hüfte bewegten sich wie Wasser über Stahl.

Die letzten Worte fielen still.
Der Wind nahm sie auf, trug sie hinab, weit weg.
Doch ihre Wirkung blieb zurück.

In ihr.
In der Alm.
In dem stillen Wissen, dass ein Schatten fortgegangen war, aber nicht verschwunden.

Er hatte sie nicht gebrochen.
Aber er hat einen Funken gesetzt, der noch Form finden muss.



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Jael'Zeerith
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Re: Die vergessene Lethrusae - Wiedererwachen einer Lethra

Beitrag von Jael'Zeerith »

Staub und Ordnung

Jael`Zeerith zog den groben Besen durch die staubigen Ecken der Höhle, ihre Bewegungen mechanisch und widerwillig. Jeder Krümel, der vom Boden aufwirbelte, schien ihr eine stumme Erinnerung daran zu sein, dass sie hier nicht freiwillig putzte. Die Anweisungen Jyn`drarrs hallten noch in ihrem Kopf: streng, unnachgiebig, unausweichlich. Ein Teil von ihr wollte sich sträuben, wollte den Besen fallen und den Staub auf seinem eigenen Gewissen liegen lassen. Doch der Mael`Qil spürte jeden Fehler. Und sie wusste das.

Sie beugte sich tiefer, wischte mit einem Lappen über die steinernen Regalböden und zwang sich, jede Fuge so sauber zu reiben, dass der raue Fels darunter fast zu glänzen schien. Der Staub löste sich nur widerwillig, sammelte sich an ihren Fingerknöcheln, und als sie die Hand zurückzog, schwebte eine einzelne Flocke lautlos empor. Langsam drehte sie sich in der Luft, tanzte schwerelos wie ein winziges, verblasstes Fragment von etwas, das längst zerfallen war. Die Lethra blickte ihr nach, erst gelangweilt, dann wie gefesselt. Dort, in der Erinnerung, flammte es wieder auf. Dieses kalte Giftgrün, das sich wie ein Dolch in ihren Verstand schob.

Es war erst wenige Stunden her, dass er in ihre Höhle eingedrungen war und sie ihr entrissen hatte. Schwere Schritte auf kaltem Boden. Keine Worte, nur Blicke: prüfend, schneidend, gnadenlos. Er hatte nach Fehlern gesucht und sie gefunden. Natürlich.

Sie hatte ihn ignoriert. Nicht einmal bewusst, sie war vollkommen vertieft in ihr Tun gewesen. Eine Arbeit, die keine Ablenkung duldete, wenn man die Unversehrtheit des Reagenz bewahren wollte. Doch irgendwann hatte sich sein Blick so tief in ihren Rücken gebohrt, dass sie nicht länger tun konnte, als sei er Luft.

„Erklär mir, weshalb dieser Ort aussieht wie verlassener Dreck!" Sie war erstarrt. Hatte sich langsam zu ihm umgedreht, ihn angesehen, drei Herzschläge lang, viel zu lange. „Wie? Was?!“, halb empört, halb erschrocken. Der Versuch, sich zu behaupten, sofort wieder im Gewicht seiner näherkommenden Schritte versunken. Mit dem Rücken an der Werkbank hatte sie sich so weit es ging nach hinten weg geneigt, um wenigstens noch ein paar Zentimeter Abstand zu ihm zu gewinnen. „Belustige mich nicht mit schwachem Trotz!"

"Hier ist Ordnung", war ihre Antwort gewesen, leise, aber bissig. Arbeitstisch, Werkzeuge, Vorratsregale, alles geordnet. "Meine Ordnung."

Seine Finger hatten gezuckt, als würden sie gleich wieder zupacken. Stattdessen: „Mitkommen.“ Ein Befehl, kein Angebot. Widerwillig war sie ihm gefolgt, hatte die Spinnenseide sich selbst überlassen. Vor den Regalen am anderen Ende der Höhle hatte er ein Fass angeschoben, nur einen Fingerbreit, sodass seine Schieflage unübersehbar wurde. Er hatte den Staub von einem Anderen gewischt und scharf dagegen getippt. „Das nennst du Ordnung? Ich habe diesen Ort nie so verkommen verlassen.“

Keine Worte. Keine, die helfen würden. Also hatte sie genickt.

„Bevor Vater andere Pläne mit mir hatte, ging ich den Weg des Lethrusaren. Lethrusar Jyn’drarr hat diesen Ort erschaffen. Und das hier ist nicht der Ort, den ich hinterlassen habe. Mein Weg hat sich geändert. Die Ansprüche nicht.“

Dann war seine Hand an ihrem Kiefer gewesen, unvermittelt. Seine Finger hatten ihren Kopf nach links geschoben, nach rechts, mit kontrollierter Härte. Kein Widerstand - nicht weil sie nicht wollte, sondern weil sie wusste, dass das falsch wäre. Sein giftgrüner Blick war tief in sie gedrungen: Sieh mich. Und vergiss mich nicht.

Dann war er gegangen. Schritt für Schritt, sein Umhang über den Boden streifend, die Kettenglieder klirrend. Sie hatte ihm nicht nachgesehen, nicht dieses Mal. Erst als sein Schatten von den Höhlenwänden verschwand und die Stille zurückkehrte, hatte sie wieder geatmet.

Und nun stand sie hier, mitten in der Nacht, Besen und Tuch in der Hand, und spürte seine Worte wie eine kalte Last auf den Schultern. Sie sah zur Werkbank hinüber, zu den dunklen Leinentüchern, auf denen die Spinnenseide noch immer wartete. Silberne Fäden, zart wie Hauch und doch stärker als so manch dünner Draht. Da regte sich etwas in ihr, eine Entscheidung. Leise, aber fest. Mit bewusster, beinahe feierlicher Ruhe legte sie den Besen beiseite. Nicht, weil ihre Aufgabe getan war, sondern gerade weil sie es nicht war. Sie drehte sich um, kehrte dem Befehl den Rücken und folgte stattdessen dem Ruf ihres Handwerks, dem Wert des Reagenzes, das auf sie wartete.

Sie trat zurück an ihren Arbeitstisch und ließ die Fingerspitzen über die Spinnenseide gleiten. Ohne Handschuhe. Nackt. Rein. Der Faden fühlte sich kühl an. Er klebte leicht und federte ein wenig zurück, als prüfe er ihre Absicht. Sie griff zu einer schmalen, glatten Knochennadel und begann die Fäden zu entwirren. Jeder einzelne wurde mit gedämpftem Atem gelöst, behutsam gestreckt und auf dem dunklen Leinentuch ausgerichtet. Immer entlang der natürlichen Krümmung des Fadens, niemals dagegen. Nie ziehen. Nur führen. Mit jeder Schnur, die sie ordnete, verengten sich ihre Augen, konzentriert, ruhig, mit wachsender Sicherheit. Die Höhle atmete wieder mit ihr, nicht gegen sie. Als sie den letzten Faden platzierte, zog sie den Leinenstoff an den Ecken straff und strich sanft darüber.

Ordnung, ja.
Aber ihre Ordnung.
Die Ordnung des unbeugsamen Anspruchs, der Ehrfurcht vor dem, was unter ihren Händen Wert bekam.

Die Höhle gehörte wieder ihr. Und die Spinnenseide glänzte wie ein stiller Triumph.

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Jael'Zeerith
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Re: Die vergessene Lethrusae - Wiedererwachen einer Lethra

Beitrag von Jael'Zeerith »

Prüfungen und Ara´thraxenscheiße (1)

Natürlich blieb ihr kleiner Triumph nicht unbemerkt. Und in keinster Weise ungestraft, auch wenn es kein Donnerwetter auf dem Fuße war, sondern eines, das durch die Hintertüre kam. Mit Ansage.

Als Jyn`drarr ihr wieder begegnete, genügte ein einziges Wort, um alles zu fassen: „Du.“

Es war kein bloßes Sprechen. Wie ein Schatten legte sich nicht nur seine physische Gestalt über sie, sondern der Klang seiner Stimme umgriff ihr gesamtes Wesen, zog an ihr, drang tief ein und ließ keinen Teil unberührt.

Die Kettenrüstung ruhte vor ihr, schwer und unnachgiebig, eine stumme Mahnung an alles, was folgen würde. Sie tastete die kalten Glieder, spürte das Gewicht, das Druck versprach, den Schmerz, der sich unweigerlich einstellen würde.

Mit einem tiefen Atemzug begann sie die Rüstung anzulegen: Armschienen, die wie ein engmaschiges Netz aus Stahl um ihre Glieder glitten. Die Brustplatte, die beim Einrasten ein hartes, metallisches Echo durch den Raum schickte. Handschuhe, die sich schwerfällig um ihre Hände schlossen, jeder Finger musste einzeln geführt werden. Beinschienen, die auf Knie und Oberschenkel drückten. Und schließlich der Helm, der ihr Gesicht in Stahl hüllte und jedes Geräusch dämpfte.

„Sieben Tage. Kein Ablegen. Nicht beim Schlafen. Nicht beim Arbeiten. Sieben Tage.“

Unbeeindruckt von dem protestierenden Ausdruck in ihren Augen schickte er sie fort. Erst, als der Abstand zwischen ihnen vermeintlich groß genug war, entwich ihr ein leises, aber scharfes: „Verdammte Ara`thraxenscheiße.“

Vom ersten Moment an war die Rüstung ein Feind. Das metallene Geflecht lag wie ein eisiger Fremdkörper auf ihrer Haut, jede Bewegung fühlte sich verzögert an. Die ungewohnte Last drückte die Schultern nieder, das Atmen unter dem Helm war eng, flach und mühsam. Bei jedem Schritt spürte sie, wie die Ringe gegeneinander schabten – ein feines, unablässiges Klingen, das sie sofort nervte und an ihrem Geduldsfaden zupfte. Jeder Versuch, sich flüssig zu bewegen, scheiterte. Jeder Griff, jede Drehung wurde zur Anstrengung.

Die erste Nacht brachte keine Erleichterung. Schlaf war ein unruhiger, schmerzhafter Versuch, sich dem Stahl zu fügen, der sich gegen jede Lageveränderung wehrte. Die Arme wurden schwer, die Beine brannten, der Helm drückte auf Brust und Kehle. Sie konnte kaum liegen, kaum atmen, doch zwischen den Schmerzintervallen spürte sie winzige Momente der Wachsamkeit – Sekunden, in denen Geist und Körper kurz zusammenarbeiteten, bevor der Druck sie wieder auseinanderzog.

Am Morgen brannte ihr der Nacken und die Schultern klagten, als hätte jeder Muskel eine eigene Stimme. Die Kette lag wie eine zweite Haut aus Blei um sie herum und die Punkte, an denen sie auflag, waren empfindlich gereizt. Ihr Gang wurde steifer, jeder Schritt ein Abwägen zwischen Druck und Schmerz. Unter dem Helm staute sich die eigene Wärme, Haare klebten an Stirn und Schläfen, und beim Arbeiten merkte sie, wie unpräzise ihre Bewegungen geworden waren. Besonders jene feinen Bewegungen, die sie beim Mischen, Zerteilen oder Dosieren benötigte. Eine Pipette kippte, eine Probe schwappt über.

Der körperliche Schmerz war erträglicher als das Gefühl, unzureichend zu funktionieren. Sie scheiterte an Kleinigkeiten, verlor die gewohnte Kontrolle und jede dieser kleinen Fehlbewegungen schnitt tiefer als das Scheuern der Ketten. Ihre Präzision, ihr Wesen, wurde durch das Metall stumpf gemacht. Und so kroch ganz leise eine Frage in ihr Bewusstsein: „Wenn ich nicht arbeiten kann, was bin ich dann? Wer bin ich dann?“

Kein neuer Gedanke. Vielmehr ein Schatten, der sich schon einmal vor nicht allzu langer Zeit in die Leere ihres verlorenen Gedächtnisses gedrängt hatte. Beängstigend und entblößend kehrte er nun zurück und gemeinsam mit dem Metall drohte er, nicht nur ihre Bewegungen, sondern vor allem ihre Identität abzuschaben. Die Rüstung nahm ihr mehr als einfach nur Handgriffe. Sie kratzte gefährlich an dem kleinen Stück Sicherheit, das sie mühsam aus den Fetzen ihres früheren Selbst zusammengesetzt hatte.

Aber noch, noch war sie da.

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Jyn'drarr
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Re: Die vergessene Lethrusae - Wiedererwachen einer Lethra

Beitrag von Jyn'drarr »

Der Preis des Schweigens

Als Jyn'drarr die Stufen des Axorn betrat, war es still.
Diese Stille war kein gewöhnlicher Mangel an Geräusch.
Sie war dicht, gespannt, voller unausgesprochener Gedanken.

Inmitten dieser Stille stand sie: Jael'Zeerith.

Er hatte sie kommen sehen. Schnell, fast hastig hatte sie sich bewegt,
als wolle sie etwas hinter sich lassen oder sich irgendwohin retten.
Doch dann fiel ihr Schritt ins Stocken.
Ein einziges Wort genügte, um sie anzuhalten.

„Du.“

Es war keine Frage. Kein Ruf. Kein Befehl.
Es war ein Urteil, das in diesem Moment über sie gefällt wurde.
Die Stimme des Mael'Qil war wie das Knirschen von altem Eisen,
das sich tief in das Fleisch der Bedeutung schnitt.

Sie hielt inne, ganz so, als hätte ihr Körper von selbst verstanden,
was dieser Klang bedeutete.

Jyn'drarr trat näher. Seine Schritte hallten dumpf gegen das Gestein.
Mit jedem Tritt zogen die Kettenglieder seiner Rüstung ein metallisches Echo hinter sich her.
Kein Laut war überflüssig. Alles an ihm war Ausdruck: Gewicht, Haltung, Blick.

Er stellte sich vor sie, fest, unbeweglich, ein Bollwerk in Dunkel und Stahl.
Die Schultern trug er breit, seine Klauen ruhten locker an der Seite,
aber bereit – immer bereit.

Er sah sie an. Nicht einfach nur mit den Augen.
Sein Blick tastete, bohrte, maß.
Die Kapuze warf einen Schatten über sein Gesicht,
doch das giftgrüne Glimmen seiner Augen darunter brannte,
wie zwei Fackeln, die nach Wahrheit suchten.

Keine Wärme war darin zu finden. Nur das kalte Licht eines Urteils.

Sie kniete nieder.
Langsam, fast zögerlich. Nicht weil er es verlangt hatte,
sondern weil sie spürte, dass es das Einzige war, was ihr blieb.
Ihre Geste war kein Gehorsam – es war ein Eingeständnis.
Ein leises, beinahe schmerzhaftes Zeichen, dass sie verstanden hatte,
dass sie sich unterordnen musste.

Und doch schwieg sie.

Jyn'drarr ließ die Stille wirken.
Er sprach nicht sofort.
Das Schweigen zwischen ihnen wurde zu einem Prüfstein.
Er ließ es lang werden, ließ es wachsen, bis es wie ein Gewicht auf ihren Schultern lag.

Dann, nach einem langen Atemzug, sprach er.

Seine Worte waren wie Stahl, der an Stein schliff.
Keine Hast, kein Zorn – nur Entschlossenheit.

„Das nennst du Bericht?“

Er stellte die Frage, die alles sagte:
Ob sie es wirklich gewagt hatte, ihn mit einem losen Stück Papier abzuspeisen.
Ob sie das einen Bericht nannte. Und warum sie schwieg, wenn man von ihr Antwort verlangte.

Ihre Antwort war zaghaft, unvollständig.
Sie wich aus, sprach davon, dass es ein „Inkenntnissetzen“ gewesen sei, kein Bericht.
Es sei nicht an ihr gewesen, mehr zu sagen.

Diese Worte waren es, die in ihm ein Urteil reifen ließen.

Er wollte keine Ausflüchte hören. Keine Rechtfertigungen.
Er wollte Taten.
Und also beschloss er, sie zu prüfen – nicht mit Worten,
sondern mit einer Aufgabe, die tiefer schnitt als jedes Verhör.

„Rüste dich.“

Und als sie dies tat, führte er sie hinaus – hinauf nach Donnerholm.
Nicht, weil es dort einen Auftrag gab,
sondern weil er sie sehen wollte im Ernstfall.
Er wollte wissen, ob sie eine Waffe halten konnte.
Ob sie standhalten würde, wenn der Lärm des Kampfes ihre Gedanken erschütterte.
Ob sie sich unter dem Druck beweisen würde oder brechen.

Im Kampf war sie unsicher, aber sie wich nicht.
Ihre Hiebe waren nicht präzise, ihre Haltung nicht geübt – doch sie kämpfte.
Sie taumelte nicht. Sie flüchtete nicht.
Das reichte ihm, um zu erkennen, dass sie Potenzial hatte.
Vielleicht nicht für den Krieg – noch nicht –
aber für etwas, das wachsen konnte.

Nach der Rückkehr jedoch wartete kein Lob. Keine Worte der Erleichterung.

„Sieben Tage wirst du diese Rüstung tragen.“
„Ohne sie abzulegen. Nicht beim Schlafen. Nicht beim Essen. Nicht bei der Arbeit.“

Die Worte kamen ruhig, aber ohne jede Verhandlung.
Als sie ihn entgeistert ansah, antwortete er nicht.
Sein Blick allein reichte, um ihre Zweifel zu zerschlagen.
Er ließ ihr keinen Raum für Widerrede.

Sie würde lernen, dass Gehorsam nicht mit Lippen beginnt, sondern mit Taten.
Dass Stärke nicht in Muskeln wohnt, sondern in der Bereitschaft, Gewicht zu tragen.

Er verlangte von ihr, Buch zu führen.
Über jeden Tag. Über jede Stunde.
Über das, was die Rüstung mit ihr machte.
Wo sie sie brach, wo sie sie prägte, wo sie sie vielleicht sogar schützte.

In ihrem Blick lag ein Aufbegehren. Ein Funken von Trotz.
Doch er kannte diese Regung.
Er hatte sie gesehen in vielen anderen. Immer wieder.
Es war das letzte Aufflackern von Stolz, bevor die Formung begann.

Er beantwortete diesen Blick nicht mit einem Befehl.

Ein Knurren folgte
Tief. Warnend.
Kein Laut eines Tieres, sondern das Echo einer drohenden Enttäuschung.

„Du dienst.“
„Nicht wie ein Streuner. Nicht wie ein Schatten. Du dienst wie eine Lethra.“

Und als sie ging, in der Rüstung, deren Metall noch fremd auf ihren Schultern ruhte,
blickte er ihr nach.

Nicht mit Zorn. Nicht mit Zufriedenheit.

Sondern mit Warten.

Denn die wahre Prüfung hatte gerade erst begonnen.


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Re: Die vergessene Lethrusae - Wiedererwachen einer Lethra

Beitrag von Jael'Zeerith »

Prüfungen und Ara´thraxenscheiße (2)

Der Morgen des dritten Tages begann nicht mit Schmerz.
Er begann mit Abstumpfung.

Es war ein anderes, dumpferes Gefühl als zuvor: keine scharfen Reize, kein Wüten der Haut unter Metall. Die Kettenrüstung lag auf ihr wie ein grauer, erkalteter Gedanke. Ein Gewicht, das sie einfach nur niedersog.

Als sie im Labor stand und versuchte ein getrocknetes Kraut zu zerkleinern, rutschte ihr der Mörser aus den Händen. Kein Ausdruck des Zorns, kein Fluch. Nur ein schiefes, tonloses Ausatmen.

Ihr Kopf war leer, aber nicht ruhig. Und in diese Leere drängte sich die Erinnerung an die Frage vom Vortag: "Was bin ich, wenn ich nicht arbeiten kann?"

An diesem Tag fand sie keine Antwort. Lediglich ein gefährliches Nichts. Und nur ein einziger Gedanke konnte sie aus dieser Verfassung noch bewegen. Geboren aus Instinkt, nicht aus Überzeugung: "Raus!"

Ihre Schritte waren stacksig und klirrend, aber zielstrebig in ihrer Ziellosigkeit. Die Kälte draußen traf sie wie ein Schlag, doch der frische Wind fühlte sich echter an als alles, was an diesem Morgen geschehen war. Sie wandte sich einem kleinen Waldstück zu, ein paar Minuten Fußweg vom Axorn entfernt. Zwischen den Bäumen wirkte die Welt enger und gedämpfter, fast geschützt.

Der erste Teil der Rüstung fiel, als hätte sie keinerlei Kraft mehr, ihn festzuhalten. Dann der nächste. Armschienen, Handschuhe, Beinschienen — jedes Stück landete im Schnee. Die Brustplatte war die letzte. Als sie sie löste, sackte sie leicht nach vorn, als würde ihr Körper sich erst in diesem Moment an seine eigene Erschöpfung erinnern.

Sie kniete sich hin und schob die Stücke unter einen verschneiten Haufen aus Blättern und Zweigen, so tief, dass selbst ein geschultes Auge zweimal hinsehen müsste. Als der Stahl verschwunden war, stand sie da: nicht frei, sondern entkleidet. Nur noch ein Mantel und eine Kapuze. Zu wenig Schutz gegen die Kälte und doch zu viel Nähe zu sich selbst.

Dann ging sie. Nicht schnell. Nicht zielgerichtet. Sie wanderte durch den Winterwald, ein dunkler Punkt zwischen bleichen Stämmen. Der Schnee dämpfte die Welt und machte sie lautlos. Sie spürte sich kaum. Kein Gedanke hielt lange genug, um zu schmerzen. Kein Gefühl war stark genug, um Form anzunehmen.

Und je länger sie ging, umso bewusster wurde ihr, was fehlte: Kein feines Schaben von Metallringen. Kein nervtötendes Klingen bei jeder Bewegung, das ihr in den letzten Tagen die Geduld zerfasert hatte. Keine ständige Erinnerung daran, dass etwas Fremdes an ihr zog, drückte und scheuerte. Die Stille war nicht warm und schon gar nicht tröstlich. Aber sie war sauber. Unbelastet.

Ein Teil von ihr sog diese Abwesenheit des Klangs wie ein Schwamm das Wasser auf. Eine Ruhe, die nicht wehtat. Vielleicht war es das erste Angenehme an diesem Tag. Oder einfach das erste, das sie nicht reizte.

Eine Stunde verging. Vielleicht zwei. Irgendwann blieb sie stehen. Nicht weil sie musste, sondern weil sich etwas in ihr sich wieder gesammelt hatte — eine dünne Linie von Bewusstsein, kaum stärker als ein Faden. Ein Gedanke tauchte auf, nüchtern, klar und unbestechlich: "Wenn ich nicht zurückgehe, löse ich mich auf. Ich sterbe nicht. Ich verschwinde."

Das war genug. Sie drehte um.

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Jael'Zeerith
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Re: Die vergessene Lethrusae - Wiedererwachen einer Lethra

Beitrag von Jael'Zeerith »

Prüfungen und Ara´thraxenscheiße (3)

Das Waldstück lag in absoluter Stille, als sie zurückkehrte. Kein Wind bewegte die Äste, kein Tierlaut durchbrach die Nacht, nur das leise, gedämpfte Knirschen des Schnees unter ihren nackten Füßen. Ihr Atem hing in der eisigen Luft wie zerrissene Schleier. Unter dem bleichen Mondlicht schob sie die Kapuze zurück. Langsam, als wollte sie den Moment hinauszögern. Der schwere Mantel löste sich von ihren Schultern und sank lautlos in den Schnee. Sie kniete nieder, schob den zugewehten Haufen Laub und Frost zur Seite und holte die abgewetzte Tasche mit der Rüstung hervor.

Unter leisem Scheppern hob sie das erste Stück an: den Helm. Das kalte Metall fing das spärliche Nachtlicht auf. Sie betrachtete ihn lange und ihre Fingerspitzen wanderten über seine Ränder, tasteten, prüften, fast zärtlich, aber ohne jede Wärme. Zurück. Unterwerfen.

Ein kaum hörbares Rascheln eines Umhangs. Schwere Schritte, die den Schnee nicht zerdrückten, sondern verschluckten. Ein wachsender Druck in der Luft, fast greifbar - ein Raubtier, das sein Ziel längst ausgemacht hatte. Sie wusste es: Er war hier.

Sie legte den Helm zurück in die Tasche, bedächtig und kontrolliert, als wollte sie dem Augenblick seine Hast nehmen. Dann stemmte sie sich hoch, richtete sich auf und wandte sich zu ihm um. Nackt, jede Linie ihres Körpers klar im fahlen Mondschein, ohne etwas zu verbergen. Sie senkte den Blick nicht. Kein Zögern, kein Ausweichen.

"Du bist ohne Rüstung unterwegs. Du weißt, was deine Aufgabe war. Du hast das Axorn verlassen. Ohne Befehl, ohne Deckung. Wessen Wille, wenn nicht Vaters, folgst du hier?"

Seine Stimme war tief und hart wie geschmiedetes Eisen, jede Silbe präzise, ohne Raum für Zweifel oder Widerrede. Sie trug den unerschütterlichen Zorn eines Mannes, der das Unerwartete vor Augen hatte. Er verringerte die Distanz, seine Präsenz drängte sich auf sie, der Schatten seiner Rüstung wie eine Wand hinter ihm. Das giftige Grün seiner Augen glitt über ihre Haut, ohne Mitleid, ohne Hunger. Dafür prüfend und unerbittlich. Die Stille zwischen ihnen spannte sich wie eine Saite, die nur darauf wartete, angerissen zu werden.

Ein Funke flackerte in ihren Augen, zu heiß und zu hell, um verborgen zu bleiben. Ihr Herz hämmerte gegen ihren Brustkorb und eine Welle bäumte sich auf, die sich nicht zurückhalten ließ. Nicht wegen seiner Worte. Sondern weil er sie hier gefunden hatte. Jetzt, in diesem Moment, vollkommen entblößt, die sorgfältig gewahrte Fassade zerrissen, jede Schicht Selbstbeherrschung offenbart. Körperlich erschöpft, geistig ausgelaugt und verletzlich in einer Weise, die er niemals hätte sehen dürfen. Nicht er.

Der erste Schlag kam flach und unkoordiniert, noch bevor ihr Verstand begreifen konnte, was geschah. Ihre Faust prallte immer wieder gegen seine gepanzerte Brust, getrieben von dem brennenden Bedürfnis, etwas von der eigenen Ohnmacht abzuschlagen.

„Ich kann in dieser Rüstung nicht arbeiten. Ich kann in dieser Rüstung meine Funktion nicht erfüllen. Meine Hände sind unpräzise. Mein Verstand getrübt. Ich werde wieder zu nichts. Das lasse ich nicht zu. Nicht nochmal.“

Für einen kurzen Moment kamen ihre Fäuste auf seiner Brust zur Ruhe, die Finger noch angespannt, als wollten sie den Widerstand erzwingen. Dann ließ die Kraft nach, sie glitten seitlich ab und ihre Stimme verklang wie ein Flüstern im Sturm.

Ein harter Stoß folgte, unausweichlich, unbarmherzig — und sie lag im Schnee.

Jyn’drarr griff nach dem Seil an seinem Gürtel, jede Bewegung kontrolliert und geübt. Sein Stiefel presste sich auf ihre Brust und hielt sie am Boden, mühelos, trotz ihrer Gegenwehr. Mit einem präzisen Ruck hob er sie auf, zog sie wie ein lebloses Bündel durch Schnee und gefrorene Erde, bis sie seine Echse erreichten. Ruhig und ohne Hast führte er den langen Strang unter dem Geschirr hindurch, knotete ihn fest und sicherte alles. Dann stieg er in den Sattel.

„Du wirst begreifen, wie wichtig die Rüstung für dich ist.“

Die Echse setzte sich in Bewegung. Mit jedem Schritt spannte sich das Seil und riss ihren Körper über Steine, Wurzeln und gefrorene Schollen. Die Stöße fraßen sich durch Fleisch und Knochen, ließen ihre Muskeln unkontrolliert zucken und den Atem stoßweise aus der Lunge brechen. Kälte brannte auf der Haut, Schnee und Erde scheuerten über Rücken und Hüften, während jede Unebenheit ein dumpfes Echo durch ihren Körper jagte. Ein kurzes Aufbäumen der Schultern, ein verkrampftes Anziehen der Beine — reflexhafte Versuche, etwas von dem Schmerz abzufangen.

Doch seine Kontrolle lag wie ein eiserner Zug auf ihr und trieb sie unaufhaltsam voran, tiefer und tiefer in Richtung Axorn.

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Jael'Zeerith
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Re: Die vergessene Lethrusae - Wiedererwachen einer Lethra

Beitrag von Jael'Zeerith »

Prüfungen und Ara´thraxenscheiße (4)

Er sagte nichts, als er zu ihr trat. Kein Vorwurf. Kein Befehl. Er kniete sich neben ihre Beine und das Seil löste sich unter seinen Händen mit derselben ruhigen, kontrollierten Präzision, mit der er es zuvor angelegt hatte. Die Fessel wich lautlos, beinahe sachlich. Kein Akt der Milde. Nur Abschluss.

Kaum waren ihre Füße frei, setzte sie sich auf. Nicht hastig oder panisch, sondern reflexhaft. Die Beine wurden angezogen, der Körper schloss sich und Raum wurde zurückerobert, so viel es ging. Schnee rieselte von ihr herab, als sie sich bewegte, feucht und schmutzig. Gras hing in ihrem Haar, Erdklumpen hafteten an Schultern und Rücken. Ein matter Film aus Dreck lag auf ihrer fahlblauen Haut. Sie sah aus, als hätte die Landschaft selbst sie aus ihrem Inventar gespien.

Er verlagerte das Gewicht leicht. Eine minimale Bewegung, aber sie registrierte sie sofort. Als er sprach, war seine Stimme nicht laut. Sie musste es auch nicht sein. Sie erreichte sie mit dem Gewicht eines Schlages.

„Was du an deinem Fleisch spürst, hätte deine Rüstung abgefangen. Der Boden. Der Stein. Der Weg ins Axorn. Alles hätte an Metall gekratzt, nicht an dir.“

Der Satz traf nicht ihren Körper. Er traf ihre Logik. Metall statt Haut. Belastung auf Struktur, nicht auf Funktion. Es war keine Rüge, es war eine Rechnung. Jael`Zeerith zwang sich sie anzunehmen und durchzugehen. Akkurat und nüchtern. Doch sie ging nicht auf, nicht für sie. Eine Funktion, die nicht exakt ausgeführt werden kann, ist keine Funktion. Der Gedanke war klar. Und doch fehlte ihm plötzlich die alte Schärfe, als wäre die Schneide stumpf geworden.

Sein Schatten fiel hart über sie und legte sich auf ihren zusammengesunkenen Körper.

„Du gehorchst nicht.“

Diese Worte schnitten tief. Nicht, weil sie falsch waren, sondern weil sie ihr Innerstes falsch benannten. Nicht Ungehorsam hatte sie hierher geführt. Sondern der Versuch, brauchbar zu bleiben.

„Du widersprichst. Du sträubst dich. Du stellst mein Wort infrage.“

Sie hob den Blick und wischte sich grob über das Gesicht. Nicht, um sauber zu werden, das war zweitrangig. Es war eine Markierung, ein inneres Protokoll, das sagte: Ich bin noch hier, ich bin noch aktiv. Und darunter: Ich kann wieder aufstehen.

Als sie sprach, tat sie es nicht trotzig oder aufbegehrend. Sondern erklärend, wie man einen fehlerhaften Ablauf korrigiert.

„Ich stelle dich nicht infrage.“

Eine Pause. Der Atem stockte, wurde bewusst gezogen.

„Ich muss funktionieren, um gehorchen zu können.“

Ihre Augen hielten seine. Kein Weichen. Kein Bitten. Für sie war das kein Widerspruch, sondern eine Voraussetzung. Er schwieg. Und in diesem Schweigen lag keine Unsicherheit, sondern Vermessung. Sein Blick glitt über sie wie eine Klinge, die Tiefe prüft, nicht Oberfläche.

„Du wirst funktionieren. Aber erst, wenn du gelernt hast, zu gehorchen.“

Da gab das Fundament nach. Nicht ihr Wille brach, nicht ihre Fähigkeit. Sondern das, worauf beides geruht hatte. Für ihn stand Gehorsam vor allem. Für sie war Funktion stets der Beweis von Gehorsam gewesen. Messbar, reproduzierbar, ohne Deutungsspielraum. Und in diesem einen Satz verschob sich die Ordnung. Was sie als Disziplin verstanden hatte, wurde umgedeutet, nicht mehr als Stärke gelesen, sondern als Abweichung. Zum ersten Mal wusste sie nicht mehr, ob das, was sie tat, sie näher an Gehorsam führte oder weiter davon weg.

Als der Befehl schließlich fiel – roh, laut, unnachgiebig – traf er sie genau dort, wo kein Widerstand mehr war. Nicht im Körper. Nicht im Willen. Sondern im Selbstbild.

„JETZT ZIEH DEINE RÜSTUNG AN!“

Ihre Lippen öffneten sich, doch kein Argument formte sich. Kein Gedanke, der noch tragfähig gewesen wäre. Nur ein flaches Einatmen. Er hatte entschieden, dass ihre Präzision kein Wert war, sondern ein Hindernis.

Sie griff nach der Rüstung. Jede Kette, die einrastete, nahm etwas mit sich. Feinheit. Gefühl. Selbstdefinition. Schwerer als das Gewicht des Metalls war das Wissen um seinen Blick. Sie spürte ihn auf jeder Bewegung, jeder Ungenauigkeit, jeder Verzögerung. Er sah alles. Und sie wollte nicht, dass er sah, was dabei von ihr übrig blieb.

Den Helm in den Händen, hielt sie einen Atemzug zu lange inne. Als das Metall schloss, verschwand der letzte sichtbare Riss. Als er ihr befahl zu arbeiten, nahm sie den Auftrag an. Sie würde liefern. Sie würde gehorchen.

Aber ein Teil von ihr blieb zurück. Dort, wo sie einst gewusst hatte, wer sie war, wenn sie funktionierte.

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