„Zwischen den Buchdeckeln blüht eine Welt, die nur jene sehen, die ihre Augen dafür öffnen.“
aus "Das Mädchen in der alten Bibliothek"
aus "Das Mädchen in der alten Bibliothek"
Der Regen fiel auf Ilyras Kleidung, drang durch die dünne Schicht Stoff und rann ihr in die Augen, während sie vorsichtig über das glitschige Kopfsteinpflaster stapfte. Jede Pfütze fühlte sich wie eine kleine Prüfung an, jede Windböe schob ihre Schultern nach vorn. Die Tasche mit ihren Büchern drückte schwer gegen ihre Schulter, und ein einzelner Foliant schob sich immer wieder aus der Öffnung, als wollte er sich in die Freiheit retten. Sie murmelte leise zu sich selbst: „Nur ein kleiner Umweg..."
Da trat ein Mann aus dem Nebel, breit lächelnd, eine Schale in der Hand. „Bajarder Schmollmops, frisch zubereitet. Und mein Umhang, damit du nicht völlig durchnässt wirst.“
Ilyra blinzelte überrascht. „Oh… danke… das ist sehr freundlich von euch.“
Er stellte sich als Ron vor, erzählte von seiner eigenen Ankunft hier, davon, wie ihm geholfen wurde, und dass er diese Freundlichkeit nun weitergeben wollte. Es stellte sich heraus er bot ihr nicht nur Essen, sondern auch ein kleines Startgeld, grundlegende Utensilien und sogar ein Zimmer für die Nacht an. Da die Nacht hereinbrach und der Regen unvermindert gegen die Dächer der Stadt trommelte, stimmte sie zu. Eine Nacht in Sicherheit schien klug, bevor sie ihre Reise nach Westen fortsetzen würde.
Jahre zuvor...
Sinael, Seranyth – Ein kleines Handelshaus am Rande der Stadt
Plötzlich stieg ihr ein vertrauter Geruch in die Nase: warmes Holz, getrocknete Kräuter, das schwache Aroma von Tinte und Papier. Für einen Moment war sie zurück in Sinael, im kleinen Handelshaus ihrer Eltern, wo sie aufgewachsen war.
Die Verkaufsräume waren eng, aber liebevoll eingerichtet: Regale voller Gewürze, Körbe mit Stoffballen, Kisten mit getrocknetem Obst und Nüssen. Hinter den Kulissen führte sie Buch über jede Lieferung. Ihre kleinen Finger glitten über das Pergament, während sie sorgfältig aufzeichnete, welche Waren hereingekommen waren, welche verkauft wurden, wie viel Zoll zu zahlen war und welche Zahlungen noch offen standen. Sie kannte jeden Lieferanten, jede Preisschwankung, jede Abweichung von den üblichen Handelsmustern und notierte sie akribisch.
Doch während sie zwischen Kisten und Registern saß, entglitt ihr Blick oft den Zahlen. Ein altes Buch lag in einer Ecke des kleinen Lagerraums, vergessen von der Frau eines durchreisenden Händlers, aber wie ein Schatz für sie. Sie zog es hervor, öffnete vorsichtig den Einband und ließ ihre Finger über die Seiten gleiten, als würde sie jedes Wort aufsaugen. Märchen, alte Geschichten, Legenden aus entfernten Ländern. All das fand sie faszinierend. Manchmal schrieb sie selbst kleine Notizen in die Ränder, kleine Ergänzungen oder Gedanken, die ihr in den Sinn kamen.
Ihre Eltern beobachteten sie oft lächelnd: Ihre Hände waren geschickt im Berechnen und Aufzeichnen, aber ihre Augen glitzerten bei jedem Buch, das sie fand, und bei jedem Satz, der sie in fremde Welten entführte. „Ilyra“, hatte ihr Vater einmal gesagt, „du siehst die Welt nicht nur so, wie sie ist. Du siehst, wie sie sein könnte.“
Und sie tat es. Während die anderen Kinder draußen auf dem Marktplatz spielten, verlor sie sich in ihren eigenen Geschichten: sie erfand Figuren, die zwischen den Regalen herumtanzten, stellte sich vor, dass jedes Buch ein Tor in eine andere Welt war und malte sich aus, wie Handelsberichte plötzlich zu spannenden Abenteuern würden. Ihre Fantasie war ein zartes, aber stetig wachsendes Feuer, das sie sowohl tröstete als auch beflügelte.
In dieser Mischung aus praktischer Ordnung und träumerischer Leidenschaft wuchs sie heran: organisiert, aufmerksam und zuverlässig, mit einem unerschütterlichen Blick fürs Detail. Doch immer begleitet von einem Funken Fantasie, der oft über die Ziffern und Tabellen hinauswuchs. Die Welt konnte chaotisch sein, voller Überraschungen und Ungerechtigkeiten, aber in ihren Büchern und Notizen fand sie eine kleine Insel der Kontrolle und Schönheit.
Zurück in der Gegenwart...
Ilyra betrachtete Rons angebotenes Zimmer: ein kleiner Raum, Kerzenschein, ein trockener Boden. Sie legte vorsichtig ihre Bücher ab, öffnete das Notizbuch und begann, die Ereignisse des Tages zu skizzieren, die Beobachtungen, die ersten Eindrücke dieser neuen, fremden Insel.
In ihrem Inneren spürte sie eine Mischung aus Aufregung und Angst. Was würde der nächste Tag ihr bringen? Sie versicherte sich noch das die Türe auch fest verschlossen war. Nahm sich eines ihrer Bücher und legte sich aufs Bett, wo sie ein letztes mal für diesen Tag Gedanken durch den Raum fliegen lies.
Dann schlief sie ein, ruhig, erschöpft und mit dem Buch wie einen Schatz zwischen ihren Armen.