In der ersten Blässe des Morgens, als die Schatten der Berge noch länger waren als der Tag alt, rollte eine Kutsche aus Bajard gen Berchgard. So wie sie es mehrfach am Tag tat.
Der Himmel trug noch das Grau der Nacht, und selbst die Vögel schienen den Atem anzuhalten, als würde etwas Unerwartetes in die Welt treten.
Im Inneren saß ein Junge aus Bajard, einer von der Straße vermutlich, wer wusste das schon – klein, schmal, mit wachen Augen, die zu viel sahen für sein Alter. Als die Kutsche hielt, sprang er mit einem kaum hörbaren Seufzen auf das Pflaster, die Hände tief in den Taschen, ein Grinsen auf den Lippen, das mehr verheimlichte als verriet. Wer ihn sah, hätte sich wohl gefragt, wie er sich die Fahrt leisten konnte – doch der Kutscher zählte keine Fragen, nur Münzen. Und jene wanderten einfach in seine Tasche, ohne dass er dem Kerl einen weiteren Blick schenkte..
Mit unbeirrtem Blick schritt der Junge an den Wachen vorbei. Kein Zögern. Kein Flackern im Blick. Sollte man ihn aufhalten, würde er den Brief vorzeigen, den er bei sich trug – adressiert an einen gewissen Marlan Kabo. Ein einfaches Pergament, unauffällig, versiegelt mit einem schmucklosen Kreis. Kein Zeichen von Bedeutung – und gerade deshalb von Bedeutung.
Die Straßen von Berchgard lagen noch still, als der Junge durch sie schlich. Nicht hastig, nicht ängstlich – mit der Vorsicht eines Fuchses, der weiß, wo Fallen liegen könnten. Ab und an knabberte er an einem Keks aus seiner Jackentasche, als wäre der Geschmack von Süßem ein Stück Heimat. Am Marktplatz fragte er leise nach dem Weg, kaum lauter als der Wind, und folgte dann den Angaben mit sicherem Schritt.
Das Haus lag still am Rand des Felsens, der über Berchgard wachte – nichts Besonderes und doch nicht gewöhnlich. Eine Bank, eine Kohleschale. Eine Übungspuppe im Wind, die ihn kurz zusammenzucken ließ. Dann trat er näher, schob den Brief vorsichtig durch den Spalt des Briefkasten. Kein Klopfen. Kein Wort.
Nur ein prüfender Blick, der über Schulter und Gasse strich, als suchte er nach Augen im Schatten. Und dann war er wieder fort – nicht laufend, nicht flüchtend, sondern mit jener Leichtigkeit, die man nur kennt, wenn man oft genug ungesehen verschwunden ist.
Er nahm nicht die Kutsche zurück nach Bajard. Stattdessen schlüpfte er auf einen Heuwagen, der gemächlich den Weg entlang rollte. Niemand sah, wie er sich zwischen die Ballen zwängte, niemand hörte das leise Lachen, das sich in einem Halm verlor. Vielleicht summte er, vielleicht schwieg er. Auf jeden Fall war er zufrieden. Sie würde ihm sicher weitere Aufträge geben. Das bedeutet weitere Kekse, weitere Münzen.
Und während die Sonne immer höher stieg, lehnte sich ein kleiner Bursche zurück. So zufrieden mit der Welt, wie man als kleiner Kerl mit Keksen im Bauch und Münzen in der Tasche sein kann.
Nur das Rascheln des Strohs blieb zurück – und der Hauch einer Geschichte, die keiner erzählen würde.
Und wenn jemand später fragte, wer der Junge gewesen war, würde man sich an kein Gesicht erinnern – nur an einen Schatten in der Morgendämmerung und den leisen Klang von Schritten, die auch nie da gewesen sein könnten.
Und niemand fragte, woher er kam
- Jynela Dhara
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