Vor ihr lagen die Lederstreifen, bereits geglättet und vorbereitet. Die Arbeit war aufgeteilt, wie es sich gehörte. Norwin hatte die Streifen für Olov gewählt, für den Einherjer, für den Turm unter den Männern – ein Freund, ein Bruder im Geiste. Seine Hand würde den starken Teil des Bandes führen. Lykka aber... Lykka war von Brytta selbst ausgewählt worden, und das Gewicht dieser Geste ruhte warm und stolz in ihrer Brust.
Sie kannte Brytta, kannte sie tiefer als Worte reichen. Die Jagdgefährtin, die Schwester im Geist, ihre Freundin durch Frost und Feuer. Es war nicht irgendein Band, das heute geflochten wurde – es war ihres, zumindest ein Teil davon. Und dieser Teil sollte wahr sprechen.
Es war DAS Band. Jenes, das zwei Seelen für ein Leben verbinden sollte – und es waren keine gewöhnlichen Seelen.
Olov, der Einherjer – Fels, Schild, Turm. Und Brytta – Wolfsheulerin, oberstes Schwert, Jägerin mit dem Blick einer Falkin. Zwei wie Feuer und Stein, unerschütterlich auf ihre Weise. Lykka spürte noch immer die Schwere in ihrer Brust, als Brytta sie gebeten hatte, ihren Teil des Bandes zu flechten. Keine Frage, keine Zweifel – einfach die Erwartung, dass niemand es besser wüsste. Und vielleicht hatte sie recht.
Sie kannte das Flechten – nicht nur aus Pflicht, sondern aus Vergangenheit. Schon als junges Mädchen hatte sie Körbe geflochten, aus Weiden und Bast, mit geschickten Händen und ruhigem Blick. Später hatte sie ihre Haare kunstvoll geflochten, wenn sie sich sammelte, wenn sie in sich ging. Und Thorlav, ihrem Gefährten, hatte sie mehr als einmal die Haare geflochten – fest, ordentlich, aber nicht ohne Zuneigung. Ihre Finger wussten, was zu tun war.
Vor ihr lagen drei schmale Lederstreifen – geschmeidig, gegerbt, in sorgfältig gewählten Farben. Ihre Wahl. Für Brytta.
Rot. Nicht das Rot der Zier, sondern das tiefe Rot des Lebens. Blut, Herz, Zorn, Mut. Diese Farbe gehörte Brytta wie das Geheul dem Wolf. Kein halbes Maß.
Silbergrau. Wie das Fell des Nachtwolfs, wie die Schneespur, die kaum einer sieht. Für ihre Beweglichkeit, ihre List, ihre Wildheit – aber auch ihre kühle Besonnenheit, wenn andere brannten.
Grün. Dunkles, waldiges Grün. Erde unter Nägeln, Moos auf altem Stein, die ruhige Kraft der Jagd. Ein stiller Gruß an die Wurzeln, aus denen auch Brytta kam – an das Rudel, an den Stamm, an die Heimat.
Sie nahm die Streifen auf, ließ sie durch die Finger gleiten. Dann begann sie zu flechten – nicht blind, sondern mit Bedacht. Jeder Zug der Hand, jeder Knoten hatte Bedeutung.
Zuerst flocht sie das Herz des Bandes – aus der Mitte heraus, fest und klar, ließ sie die Farben tanzen. Der Wolfskopf entstand aus der Symmetrie der Linien, sein Blick aus dem silbernen Streifen, seine Ohren aus dem aufragenden Rot. Brytta war ein Wolf. Nicht gezähmt. Nicht gebändigt. Aber loyal bis zum letzten Atemzug. Der Wolf stand ihr besser als jedes andere Tier – nicht nur als Jägerin, sondern als Freundin.
Norwin saß still auf seiner Seite. Seine Hände arbeiteten langsam, ruhig. Seine Farben waren anders – Schwarz, wie Olovs Humor. Dunkelblau, wie die Tiefe seines Wesens. Weiß, kaum sichtbar, aber da – für die Klarheit in seinem Blick, für die Stille, die ihn umgab.
Auch er flocht ein Zeichen ein. Der Bärenkopf, schwer, kraftvoll, rund in den Schultern, mit stiller Gewalt. Ein Tier des Schutzes, nicht des Angriffs. Ein Spiegel Olovs.
Zwischen ihren roten, silbernen und grünen Strängen wuchs nun ein Bogen, leicht gekrümmt, aber gespannt, eingefasst in ein Muster, das sich wie Sehnen spannte. Kein Pfeil war nötig. Der Bogen selbst war Symbol genug – für Bryttas Zielstrebigkeit, für ihren unerschütterlichen Blick. Sie traf. Immer.
Fast zum Schluss legte Norwin sein letztes Zeichen ein – den Turm. Ein schlichter Aufbau, aufgerichtet aus den senkrechten Linien des dunklen Leders, flankiert von den blauen Schatten. Der Turm war kein Prahlhans. Er stand einfach da – und hielt. Wie Olov.
Als sie ihre beiden Hälften verbanden, war es fast feierlich. Zwei Teile, zwei Geschichten, die zusammen ein Band ergaben. Ein langes, kunstvolles Stück, verwoben aus Gefühl, Erinnerung, Stärke und Vertrauen.
Als sie das fertige Band in Händen hielt, betrachtete sie es mit schweigendem Stolz. Es war kein einfaches Band. Es war das Lied zweier Seelen – erzählt von zwei anderen. Und jedes Muster, jeder Knoten, jeder Schatten darin trug Bedeutung.
Bald würden Brytta und Olov es bei ihrer Handfasting-Zeremonie tragen.
Und selbst wenn der Wind es eines Tages ausfransen sollte, wenn das Leder Risse bekam und die Farben verblassten – das, was in ihm lag, würde bleiben. Verwoben und untrennbar.
