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[Q] Die Verbindung des ewigen Raben und der alten Spinne

Verfasst: Mittwoch 29. Januar 2025, 19:11
von Arjuna Marell
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Es irrt der Mensch so lang er lebt,
an seinem Schicksalsfaden webt,
und glaubt, mit diesem Selbstgestrick,
hätt' er Macht über das Geschick.
Mitnichten! Denn ihm ist nicht klar,
was schon vor seinen Maschen war.
Da hielten Fäden in der Hand,
die Alten, die er nie gekannt.

Mach dich lieber nicht verrückt,
wenn dir im Leben was nicht glückt,
sieh ein, dass deines Lebens Band
in vieler anderer Menschen Hand.
Such du nur nach dem silbern Faden,
verhindere den größten Schaden,
füg sorgsam in das Flickwerk Leben
dein eignes unverzagtes Streben.

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  • Ein zerfallenes Haus, brüchiges Mauerwerk und scharf schneidender Wind der im Gesicht ziepte, welch passender Ort um die Vergangenheit einmal mehr aus der Kiste zu kramen und sie auf dem Präsentierteller zu servieren, es gab wohl nichts, was die Erinnerung an Cantir und den Tod meines Vaters so gut versinnbildlicht hätte wie dieses Gebäude. Doch hier, in Abgeschiedenheit und zwischen ekelerregend formulierten Worten hatte ich noch etwas anderes entdeckt, von dem ich mir nicht sicher gewesen war, ob es wirklich in mir schlummerte.. Dunkelheit. Auch wenn ich wusste, dass nur wenige seiner verdrehten Worte wirklich der Wahrheit entsprachen, er mir die Hälfte davon im Munde herumgedreht und verbogen hatte, so zupften andere gleichwohl mehr an meinen Nervenenden, rissen förmlich daran.
    “Oh, das is' ganz einfach. Die letzt'n Jahre hat ja Schwesterch'n 'e ganze Arbeit gemacht, un' verdammt, war 'se gut darin. Das Angebot is', du kommst zurück un' arbeitest für'n Onkel, bis'e Schuld beglich'n is'. Wenn ma schaut, wie and're in deiner Familie da war'n... bist'e ähnlich gut, is' das bald geschafft. Besonders bei dein’r flexiblen Moral. Scheiß drauf, was mit’m Rest der Welt wird, is’ ‚ne nützliche Einstellung.“ Noch ehe ich mir dessen bewusst geworden war, hatten meine Finger sich unter einem gleißenden Schwall aufkeimender Wut geballt und ich hatte gehört, wie ihm die Luft wegblieb, ein Ringen nach Atem, ein Japsen. So befriedigend, denn für einen kurzen, ruhigen Augenblick hatte es ihm die Sprache verschlagen.. aber gleichsam so beängstigend, denn mein eigener Zorn und der Durst nach etwas wie Rache hatten mir die eigene Kehle zugeschnürt, wie eine feste Hand an meinem Halse. Das hier war ganz allein Ich gewesen, nur ich, ohne die Schlange. Hier war kein Einfluss und keine höhere Macht am Werk, einzig meine eigene Entscheidung ihn büßen zu lassen für das, was er sich erlaubt hatte in meiner Gegenwart über sie zu sagen, mich wissen zu lassen, dass auch er selbst sich bereits einen Eindruck von ihrer "Arbeit" gemacht hatte. Für keinen Schuldenberg der Welt würde ich den Weg meiner Schwester einschlagen, oder doch? Für Gold vielleicht nicht, aber für das Leben meiner Schwester?

    Der vor Tagen noch so reine und hübsch anzusehende Schnee wirkte nun, da ich seinen verlassenen Schritten hinunter vom Grundstück folgte, trist, dreckig und verbraucht. Und obwohl ich mich müde und ausgelaugt fühlte, trieben meine Schritte mich nicht nach Rahal zurück, denn ich wollte ihm entfliehen, dem Schnee, der Kälte, dem Dreckskerl und ein bisschen auch mir selbst und meiner Vergangenheit. Die Schatten die mein Herz erschwerten trieben hellgraue Federn, es erforderte dieses Mal keinerlei Anstrengung sie zu rufen und so setzte sich schon kurze Zeit später ein Flügelpaar in Bewegung, um über das Meer hinweg in wärmere Gefilde zu fliehen. Es war nicht lange her, dass ich hier gewesen war, eine andere Zeit und andere Gründe, doch obwohl ich nicht deswegen hierher gekommen war, suchten meine Augen den verwehten Strand nach der Stelle ab, wo ich noch vor kurzer Zeit so unbesorgt geschlafen hatte. Der Deut einer zurückgebliebenen Kuhle überzeugte mich, mich niederzulassen und so saß ich eine ganze Weile schweigend dort und sah auf das ruhige, mild rauschende Meer hinaus. Tiefe Atemzüge ließen etwas Ruhe und Frieden in meine Lungen ein, so dass der vorherrschende Ärger ein wenig abebbte und auch die Hitze aus meinem Gesicht wich. Ein Tasten nach der eigenen Haut verriet, dass mir der Kopf schmerzte, als hielte sich das Glühen noch an meinen Ohrenspitzen und hinter meiner Stirn fest. Ich schloss die Augen und versuchte mich nur einen Moment an den Abend am Strand zu erinnern. Wie oft ich in dieser Nacht aufgewacht und kurz nach dem anderen Gesicht gespäht oder die verbliebene Narbe beobachtet hatte, gelauscht hatte, ob die Umgebung noch immer friedlich, das Wetter noch immer ruhig war. Mit Leichtigkeit war es mir gelungen am Morgen danach aufzustehen ohne jemanden zu wecken, der Sand war ein verschworener Komplize gewesen, denn auch die Schritte zum Wasser waren beinahe lautlos geblieben und so hatte ich es genossen, nur eine kleine Weile durch das warme Wasser zu waten, dort wo die niedrigen Wellen an meine Haut schlugen. Dennoch kehrte mein Fokus immer wieder auf das ruhende Bernsteinbraun zurück, das, so sollte ich spätestens an diesem Morgen entdecken, ein paar goldene Flecken in der Sonne beherbergte und sich so gut in die morgendliche Strandumgebung fügte. Aurum, wie die milde Farbe des honigscharfen Whiskys.

    Wie passend konnte ein Opfer für eine Spinne wohl sein, wenn ich selbst mich gerade wie in einem zurrenden Netz gefangen fühlte, dank ihm, der das Ass im Ärmel hielt.
    Silberne Fäden die alles miteinander verbanden und sich um meinen Hals zu legen drohten. Unzertrennbare Bänder, so unzertrennlich wie alle Schicksalsfäden. Familie, Vergangenheit, Freundschaft, Liebe, Zukunft, Pflicht, einzelne Personen für die man auf verdrehte Art und Weise immer eine gewisse Schwäche besitzen würde. Doch was passierte, wenn man diesen Faden durchschnitt? Verschwanden die Liebe, das schlechte Gewissen, Wut oder Sehnsucht wenn man ihn durchtrennte, wie der Schmerz einer Wunde, an die nur eine Narbe erinnerte? Das silberne Garn, es musste noch andere Farben geben. Grün, wie das Gift in meinen Adern, welches ich bereitwillig von Serpentin in mich aufgenommen hatte um auch mit ihr ein Band zu teilen, grün wie meine Augen und der ruhige, sonnendurchflutete Wald den ich in meinem Inneren spürte. Hellgrau, wie mein Versprechen an Kra’thor und das feine, leicht verblasste Brandmal in meiner Handfläche, das einem Blitz glich und vielleicht eines Tages der eigene Trumpf zwischen meinen Fingern sein würde. Dunkelrot, wie Leidenschaft und Sehnsucht, das Gefühl für meine Vertrauten und nicht zuletzt auch das, was in uns allen schlummerte und uns am Leben hielt, Blut. Schwarz, wie die Dunkelheit von der ich eben gekostet hatte und die nun herrschende Ungewissheit, womöglich auch das unergründliche Augenpaar einer Spinne. Doch hier im Sand sitzend, konnte ich kurz die Wärme einer Hand fühlen, die zaghaft auf meinem Handgelenk zur Ruhe gekommen war und die den silbernen Faden des Netzes für einen winzigen Augenblick mit Grün und Gold verwob. Ein zweiter Blick auf die Dinge.

    Ich hatte dem weitaus älteren Bruder in Verborgenheit der Nimmerruh von meinem Vorhaben mit der Spinne erzählt, ihm einen vorgreifenden Einblick in all das gegeben, von dem ich erzählen durfte. Ich hatte berichtet dass es ein Opfer geben musste und ebenfalls, wie schwer es mir fiel unter meinen persönlichen Ausschlusskriterien eines zu finden. Interessanterweise hatte er, anders als erwartet, weniger meine Präferenzen als die Unternehmung selbst ermahnt, sogar in meinem Geiste nach anderen Beeinflussungen geforscht.. doch nichts, hierbei handelte es sich nach wie vor um meinen eigenen Willen, mein eigenes Streben mich fortzuentwickeln, ein mögliches Ziel zu erfüllen um dem ewigen Raben noch ein wenig besser dienen zu können. Auch hörte ich hin und wieder noch die Stimme, die durch ernste, graue Augen unterstützt wurde und sich sorgte, dass ich mich eines Tages in etwas wie Dunkelheit verlieren würde. Oh, heute hatte ich sie sogar ganz deutlich gehört, als mein eigener, fester Griff sich gelockert und dem Mann etwas seiner Freiheit zu atmen zurückgegeben hatte. Wie ein mahnendes Zischen war sie mir in Körper und Geist gefahren, während ich dem Drang nach Rache nachgegeben hatte, wieder ein Zwiegespräch zweier Wesen, welche darum stritten wie gut oder schlecht es war, es zuzulassen. Säuselnd und versprechend, eine warme Woge von Macht nur allein in meinen Fingern, Überlegenheit und die Möglichkeit ein rasches Opfer einzuheimsen, die Genugtuung von Leid auf seinem Gesicht, als Gerechtigkeit für all den Schmerz den sie meiner Schwester und nun mir zufügten. Und dann wieder ruhig, einflüsternd, wie das Zupfen an einer Haarsträhne, beruhigend und vernunftsbekundend, um keine zu schnellen Entscheidungen zu tätigen oder ein mögliches Spinnenopfer zu verschwenden. Wer hätte gedacht dass ich meine Kriterien schon so bald erfüllt sähe, obgleich der „Onkel“ mit Sicherheit eine noch viel befriedigendere Wahl gewesen wäre.

    “Wenn du mir meine Schwester bringst, hierher nach Gerimor, gehe ich im Austausch mit dir nach Cantir und nehme ihren Platz ein.“ So schnell war es über meine Lippen gekommen, so rasch hatte ich meine Entscheidung also über Bord geworfen oder nur schnell genug gehandelt um eine vermeindliche Wahl zu treffen. Denn wie ich es auch drehen und wenden würde, entgegen seiner verlogenen Version meiner Geschichte, würde ich mich immer auf ihre Seite stellen, immer für, aber niemals gegen sie. Und auch damals war ich zu ihrem Wohl gegangen, unwissend von irgendwelchen Schulden, um sie vor mir zu beschützen, vor mir und dem was ich allein mit meinen Händen und ein wenig Wissen schaffen konnte. Man konnte diese Münze so oft drehen bis sie vergriffen war, denn zuerst hatte ich nur versucht ihr beim Überwinden der Albträume zu helfen, dann erst hatte sie begonnen sich den Kopf mit meinen Mittelchen zu vernebeln und sich selbst zu betäuben. Meine Ansicht zu diesem „Geschäftweg“ den sie eingeschlagen hatte, hatte sich auch in den vergangenen Jahren nicht geändert, stets hatte ich sie nur zu befreien versucht, hatte mir die eigenen Hände wund gearbeitet um sie zu überzeugen, dass wir diese Art von Bezahlung nicht brauchen würden, um zu leben. Auch wenn ich selbst genau wusste aus welchen Gründen ich gegangen war, hatte dieser Mistkerl von einem Menschen mich und mein Vorgehen verunsichert. Hatte ich all das wirklich zu verantworten?

    Mir blieben nun drei Möglichkeiten: Ich würde ihm eine Art Versicherung geben, eine die ihm garantierte dass ich mit ihm gehen würde und sobald meine Schwester einen Fuß an diese Insel setzte, würde ich ihn daran erinnern, was der wahre Lohn für ein solches Leben und diese Art von Entscheidungen war, doch welche Versicherung konnte das sein? Oder ich würde tatsächlich mit ihm gehen um Narleja dort auszulösen, dann musste ich mich allerdings darauf gefasst machen, dass der „Onkel“ sein eigenes Netz auswarf um uns Beide in seine verdorbenen Geschäfte einzubinden. Alleine, selbst mit Kra’thors Hilfe, konnte ich es kaum mit einer ganzen Bande dieser Gestalten aufnehmen, doch möglicherweise nach und nach.. Die dritte Möglichkeit musste ich zuerst mit einigen vertrauten Geschwistern besprechen, denn das was ich hier vorhatte war nicht wirklich ein Ziel unseres Herrn, es war nur eines meiner persönlichen Ziele, zuerst zumindest, doch würde es einem viel größeren, ewig altem und hungrigem Ziel durchaus dienlich sein.


Verbindungen & Erinnerungsstücke

Verfasst: Montag 10. Februar 2025, 15:28
von Arjuna Marell


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Zwar ist's mit der Gedankenfabrik
Wie mit einem Weber-Meisterstück,
Wo ein Tritt tausend Fäden regt,
Die Wege herüber hinüber schießen,
Die Fäden ungesehen fließen,
Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt.

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  • Und wieder das Wort „Verbindungen“, einmal mehr eine Ansammlung von Wortklauberei wie Ketten, Fäden, Bänder, Bindung oder Gefüge, Anschluss. Wieso schien sich mein ganzes Leben aus diesem einen Wort zu speisen. Irgendwo hatte ich einmal geschrieben: „Vielleicht war es also meine Bestimmung das Band zu sein“, und war mir der Tragweite dieser Überlegung noch garnicht richtig bewusst gewesen, nicht nur ihrer Tragweite, sondern auch ihrem Wahrheitsgehalt. Die Brücke die ich für Mahu zum wirklichen Leben schlug, voller Aufregung und Spitzzüngigkeit, die mein Gegenüber aus der Reserve locken wollte, durchzogen von Aufmerksamkeit und Sehnsüchten, Neugierde und tastenden Fingern, nicht nur für mich sondern auch für sie, ewig gebunden an eine Insel in Einsamkeit. Das Band das ich werden sollte, zwischen Wesenheiten, so mächtig, dass ich mich das ein oder andere Mal in einer Fabel gefangen sah. Darüber hinaus unwissend, wie eine Verbindung des Raben und einer Spinne aussehen würde, unsicher, weil ich nicht wusste was es mich kosten würde. Ängstlich sogar, da ich nun nicht einmal mehr wusste ob ich es überhaupt bis in das Spinnennest schaffen würde. Und nun.. brauchte es eine Verbindung zu den anderen Dienern, um nicht verloren zu gehen. Einheiten, Verknüpfungen, Verbund.

    Ich hatte gedacht der Gedankenwelle aus dem Weg zu gehen und lag nun auf dem weichen Teppich in der oberen Etage, einen Berg aus Kissen um mich versammelt, ein einzelnes zwischen meine Knie geklemmt und fuhr mit dem Finger über das dunkelblaue Schuppenkleid Serpentins. Geholfen hatte die Vermeidung meines Bettes aber leider nicht. Ich konnte den Atem an meinem Ohr noch spüren, das leise Kratzen in der Stimme..
    „Hidra nicht Arjuna.“ und einerseits hatte er Recht, doch am Ende des Tages griffen diese beiden Persönlichkeiten immer mehr ineinander über. Der Mistkerl aus Cantir hatte sie rücksichtslos miteinander vermischt, wie eine Palette Wasserfarben, die man zum Reinigen mit klarem Wasser übergoss, so dass alle Töne kurzzeitig ineinander flossen. Er hatte das Ziel welches ich für Kra’thor verfolgt hatte einfach so, mit nur wenigen Worten, mit meinem alten Leben verbunden. Vergangenheit und Gegenwart, der unzertrennbare Faden. Das unnatürliche Glimmen der Schlangenschuppen intensivierte sich zwischenzeitlich, denn das Wesen neben mir war viel empfänglicher für meine Empfindungen als jeder Mensch es je gekonnt hätte. Sie spürte den erhitzten Drang nach etwas wie Rache in mir keimen, Gerechtigkeit und auch die tief verborgene Wut die ich hinter eisernen Türen verbarg. Ich musste sie wegsperren, denn den Kopf zu verlieren riskierte ich in nächster Zeit noch oft genug, davon abgesehen, dass dieser Aspekt so garnicht zu meinem Wesen passte. Was hatte es auf sich mit dieser Dunkelheit, die sie alle von mir fernhalten wollten? Stürzte man in einen schwarzen Abgrund und war nie wieder in der Lage sich daraus zu befreien? Nein.. wenn ich ehrlich war, wusste ich es. Denn eine Weile lang hatte ich dort gestanden, direkt an den Klippen, immer wieder hinabsehend, abwägend, schlussendlich aber abwendend. Und im Gegensatz zu manch anderem sah ich mich auch in meinem Dienst zu Kra’thor nicht verloren, nicht mehr,.. noch nicht, denn kampflos aufgeben würde ich keinesfalls.

    Ich konnte mich nicht selbst belügen, er hatte mich wahrlich verunsichert und das was daraus erwuchs, ließ mich auch mit dem Kommenden hadern, zumindest mit einem Teil davon. Ich hatte nur wenige von tausend möglichen Fragen gestellt und wie immer, wenn man statt zu Schweigen etwas Mut fasste um seine Frage an ein aufmerksames Ohr zu richten, musste man mit Antworten rechnen, die nicht zwingend gefallen würden. Ich dachte es würde einfacher werden, da war ich ehrlich, hatte mir nicht vorgenommen meinen Geist so schnell wieder von meinem Körper zu trennen, denn wenn ich nur an das graue und leblose Gefühl in der Geisterwelt dachte, konnte ich bereits fühlen wie sich die Oberfläche meiner Arme zu einer Gänsehaut zusammenzog. Um auch dieses Mal nicht gänzlich darin verloren zu gehen brauchte es also, was auch sonst, Verbindungen. Für manche Diener würde vermutlich der Aspekt, dass wir dem gleichen Weg folgten, ausreichen, doch für einige wenige unter ihnen, denen den ich am meisten traute, musste ein stärkeres Band her, da ich mir fast sicher war, dass sie mich nicht einfach so aufgeben würden, zumindest aus einer Art verdrehtem Pflichtgefühl. Ein persönlicher Gegenstand, eine einzigartige Erinnerung, etwas von mir, das mich an das Hier und Jetzt knüpfte. Der weisende Weg zurück. Der alte Wolf hatte zwar bereits etwas von mir erhalten, doch wollte ich das Ganze noch um eine Kleinigkeit erweitern, hoffnungsvoll, dass ich ihm solche Macht wirklich anvertrauen konnte. Mairi würde eine allzu bekannte Form in die Hände bekommen, auch wenn es keine Taschenuhr war, so würde der Kompass meines Vaters gleich mehreren Bedeutungen nachkommen. Kevke, der mir wohl am meisten zu etwas wie einem älteren Bruder geworden war, würde ich wortwörtlich einen Teil meiner Selbst anvertrauen, sicher, dass er sogar darauf achten würde, wenn der Weg zurück mir verborgen blieb, Serpentin. Und dann war da noch der kleine, im Licht schimmernde Bernstein, der mich mittlerweile an viel mehr als nur meine Schwester erinnerte, die Libelle im Inneren für die Ewigkeit gefangen, in makelloser Schönheit geborgen. Umso mehr ich darüber nachdachte war er nur an eine Person auszuhändigen, wenngleich sie noch so unerfahren und jung in unseren Reihen war, das Vögelchen. Einen letzten Diener gab es noch dem ich gerne etwas persönliches anvertraut hätte, dem ich schon viel von mir anvertraut hatte und der vermutlich mehr von mir wusste, als sie alle beisammen. Das nervöse Kneten seiner Hände als mein eigener Ruhepol.. doch diesen Weg würde er nicht mit mir bestreiten und nur Kra’thor selbst wusste, wo er nun wandelte. Wie ermüdend kompliziert das Schicksal bisweilen seine Fäden sponn.

    Ein Schritt nach dem anderen, sagte man doch immer. Also musste ich zuerst das beschriebene Pergament an der alten Ruine platzieren und meinen Willen zu einem Angebot offenbaren. Die geforderte Versicherung hatte ich mir bereits Stunde um Stunde durch den Kopf gehen lassen, bis mir etwas Passendes eingefallen war. Ob ich in seiner Gegenwart wirklich sicher war, nur weil ich meinem Gefühl ein einziges Mal nachgegeben und ihn sehen lassen hatte, was in mir steckte? Er konnte mich vermutlich in einem unaufmerksamen Moment einfach übermannen, mich über seine Schulter schmeißen und auch ohne meine Bereitschaft mit zum Onkel zurücknehmen, doch ich ging stark davon aus, dass die Raben es nicht soweit kommen lassen würden. An irgendeinem Punkt meines Weges hatte auch ich eine gewisse Vertrauenswürdigkeit in ihnen geweckt, es musste so sein, denn in normalen Fällen mischte sich Niemand in persönliche Angelegenheiten ein, wenn sie nicht Kra’thor direkt betrafen. Ich würde es einmal mehr darauf ankommen lassen müssen, Prüfung um Prüfung, Hürde um Hürde, anders würde ich so oder so nicht an mein Ziel gelangen.




    Nur einige Stunden später würde die Ruine also eine schlichte und kurze Botschaft beherbergen, unter einen runden, nahezu ausgesuchten Stein inmitten der Hütte platziert und nur eine Person auf Gerimor würde seinen Inhalt verstehen:

    „Es ist Zeit, ich habe dir ein Angebot zu unterbreiten und erwarte dich am vierten Abend der Woche in deinem heimeligen Versteck, kleiner Kater.“




Gedankenwanderung

Verfasst: Dienstag 18. Februar 2025, 11:02
von Arjuna Marell
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Von da an wusste ich,
dass sich nichts ändert, dass alles bleibt,
das Spinnrad sich dreht, Runde um Runde.
Ein Schicksal geknüpft an das Nächste,
ein Faden, rot wie Blut,
der unser aller Tun verbindet.
Man kann den Knoten nicht lösen,
aber schneiden kann man ihn.
Er hat Unseren geschnitten, mit scharfer Schneide
und doch bleibt etwas zurück das man nicht schneiden kann,
das beinahe unsichtbare, silberne Band.
In mancher Nacht zieht er daran,
dann schrecke ich aus dem Schlaf und ich weiß,
dass nichts vergeht, dass alles bleibt.


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  • Das Rauschen des fließenden Wassers übertönte den Nachhall des nervenaufreibenden Ohrenklingens einen Moment lang. Nachdem ich die halbe Nacht im Bett der Nimmerruh wachgelegen hatte, war ich Dank der Schwester nun endlich wieder Daheim. Natürlich hatte sie Recht behalten, kein Rückzugsort und keine Bleibe würde die wirklich entspannende Ruhe des eigenen Bettes mit sich bringen, dort wo man Türen sicher hinter sich verschließen konnte, hier wo kein kontinuierliches Knacken durch die Gemäuer zog. Innerhalb eines Wochenlaufs war soviel passiert, dass ich mir nun einige Tage Zeit nehmen musste, bevor ich weitere Schritte plante. Alles war gutgegangen, gerade so noch einmal, aber vermutlich nur, weil ich mir den Wortlaut des Wolfes zu Herzen genommen hatte.
    „Hidra.. nicht Arjuna“ – die hatte ich in den letzten Tagen mehr und mehr in den Hintergrund meines Bewusstseins gerückt, unterdrückt sogar, damit kein falsches Mitgefühl oder ein schlechtes Gewissen sich in meinem Kopf breitmachen würden. Stattdessen hatte ich mir die Menschen, die mir wahrlich am Herzen lagen, vor Augen geführt, die Personen für die es durchzuhalten galt, Menschen die sich um mich sorgten, ganz offensichtlich. Ich hatte dergleichen nicht nur gehört, unterdrückt in einem verärgerten Brummen, sondern auch in Form eines wütenden Schlages gesehen. Dem Bernsteinbraun hatte ich Nichts von den kleinen, ziependen Fieslingssplittern in meinem Arm erzählt, keine Einzelheiten darüber wie wir den Mistkerl am Ende gefangen hatten oder wie er mit mir umgesprungen war. Stattdessen hatte ich sie allein entfernt und das Brennen der Holzreste mit etwas Alkohol besiegelt.

    Die Zeit zwischen Eiskristallen, schwach rauschenden Wasserrinnsalen und warmem Teegenuss war die sinnbildliche Ruhe vor dem Sturm gewesen, nein, zwischen den Stürmen. Denn neben behütender Umarmung, weichen Wolldecken, Seerosenstoff und Nymphenzauber konnte ich alles andere einen Moment lang vergessen und die Zeit genießen, mit allem, worum anderes Fernbleiben mich beraubt hatte. Stahl auch ich etwas, indem ich verhindern wollte, dass mir geholfen wurde? Indem ich vermied das jemand anderes meine Kämpfe schlug? Noch wusste er nicht, wie sehr er mir neben den ausgewählten Geschwistern wirklich geholfen hatte, denn neben all den Gegenständen, die für Teile meines Lebens standen und die ich anderen Händen anvertraut hatte, war er derjenige gewesen, der eine andere Art von Anker zu mir erhalten hatte, eine Erinnerung, tief verwurzelt, die wir miteinander geteilt hatten.

    Am Abend in der Nimmerruh war meine Unsicherheit bezüglich des Gastes dann aber gewichen, hier herrschte nur Ungewissheit darüber, wie weit mir mein Vorhaben gelingen würde, wann meine mir gegebenen Kräfte mich verlassen oder ob ich am Ende versagen würde. Eine Erinnerung zu teilen war noch einfach gewesen, doch dort hatte ich nach einer Gemeinsamkeit gesucht, einem Zugang, dem Schlüssel selbst, um in seinen Kopf zu gelangen. Der Schatten meiner Schwester hatte sie mir schlussendlich geöffnet und den Blick auf ihren persönlichen Albtraum freigegeben.
    „Hilflosigkeit“, ein Wort dass die Tür des Gedankenraumes aufgestoßen und sie direkt vor meinem inneren Auge wieder zugeschlagen hatte, die Erinnerung daran, wie eine schwammige Gestalt Narleja beim Arm gepackt und mit sich hinaus gezerrt hatte. Einmal mehr war eine heiße Woge durch meinen Körper gezogen: „Wut.. Zwang“ – der Weg tiefer hinein kündigte sich jedoch neben der visuellen Erweiterung durch ein leises, im Hinterkopf platziertes Knistern an, ein feiner, zündelnder Draht, den ich als mein eigen ausmachte. Zwischen einem großen Foyer mit dunkelrotem Samtmöbeln, dickflorigen Teppichen, breiten Treppen und einer langen, aus dunklem Holz gezimmerten Theke hatte ich den Mistkerl viel schneller ausfindig gemacht, als meine eben noch verschwundene Schwester. Besser so, denn der Fokus lag zumindest an diesem Abend nicht auf ihr. Wieviel Zeit es mich und den glühenden Draht gekostet hatte seine Fassade zu brechen, sie und den Willen mich aus seinem Kopf zu schieben, wusste ich nicht mehr, denn schon als ich mich an ersten obszön stöhnenden, freudig erregten oder pöbelnden Türen vorbei in das untere Geschoss geschoben hatte, zwang eine erste Welle des Schwindels mich in die Knie, als verginge der Boden unter meinen Füßen kurz. Ein steinerner Kellergang mit dunklen Eichentüren, schummriges Fackellicht, dass unter meiner Schwäche flackerte und viel zu weit entfernt noch eine versprechende Bodenluke. Ja.. diese hatte ich zu erreichen begehrt, doch der erste Schritt in ihre Richtung dröhnte mir schrillend in die Ohren und ich war zu Boden hinabgesunken, gerade noch so in der Lage die erste der Türen zu erreichen. Da war sie also, eine seiner vielen vielen, vielversprechenden Ängste, jedoch die einzige, die mir bei dieser Reise eröffnet würde. Die Eine, die mich daran erinnerte, mich nicht bis zur Besinnungslosigkeit in diesen Gängen zu verlieren, wie ein stummes Tippen auf meine Schulter. Wieder hatte ich Jente erblickt, dieses Mal in einem steinernen, beinahe sakralen Raum, der an einen Gerichtssaal erinnerte, mit festem Hammerschlag dazu verurteilt in Nutzlosigkeit und Vergessenheit für sein Leben zu büßen. „Richter“ – das Band zum Jetzt, zum Sein und zu allem was beständig bleiben würde.

    Ob des Dröhnens in meinen Ohren und dem Gefühl der Taubheit in meinen Gliedern, meinem Kopf, hatte ich schlichtweg losgelassen und mich an verschiedene meiner Erinnerungen geklammert, sinnfrei die eigenen Gedanken und Bruchstücke noch vor ihm zu verbergen. Den Kompass, der mich an die Vergangenheit und meinen Vater erinnerte, das Sonnenlichtglänzen im Bernstein als Band zu meiner Schwester, eine einzelne Haarsträhne die für die Dienerin stand, die ich geworden war und ebenso das blaue Aufblitzen der Schlangenschuppen als Teil meiner Selbst. Zuletzt noch das Rauschen des Meeres, wie ein Echo des beängstigenden Dröhnens, ein Lippenpaar an meiner Stirn, die Verbindung zu Arjuna, ungeschönt und unverstellt. Eine flackernde Reihenfolge von Bildern, die ich nun, wie als Preis den ich hatte zahlen müssen, auch meinem Gast zeigte, ehe die Bewusstlosigkeit mich übermannt hatte. Erst als ich seinen Kopf, seinen Gedankenkreis, hinter mir gelassen und Serpentin vom Bruder zurückerhalten hatte, kehrte eine letzte Kraft in mich zurück und festigte mich im Hier und Jetzt. Auch der Mistkerl hatte die Prozedur überlebt, Kra'thor sei Dank, denn auch wenn ich ihn liebend, beinahe schon sehnsüchtig gerne im Raum seiner Angst eingesperrt hätte, so würde ich ihn noch brauchen. Doch dieses Mal würde er der Preis sein.


Verfasst: Mittwoch 26. Februar 2025, 12:53
von Christo
In den letzten Wochen hatte sich einiges ereignet was den gealterten Rabendiener beschäftigte, von Kleinigkeiten über große Möglichkeiten. Doch seid langem hatten sich auch wieder einzelne Diener mehr in seine Gedanken geschlichen. Etwas das er eigentlich hatte vermeiden wollen nach den Enttäuschungen der letzten Jahre.

Da waren die neuen Seelen welche Krathor an die Dienerschaft gesandt und schliesslich aufgenommen hatte und so neue Spitzen und Abgründe aufgetan hatte. Ob hier und da ein Schliff reichen würde oder ob man Abgründe füllen konnte, das war nun eine der Sorgen die sich die Weißrobe machte. Giftige Worte waren schon aufgekommen, wie sie wohl über die Zeit einsickern würden ?

Rückkehr und Eintreffen von Reisen, ebenfalls ein Thema für die Dienerschaft in diesem neuen Jahr der Ernte. Aber auch hier gingen die Gedanken zurück zum Festland hinüber, würde Fames eine andere Familie als seine eigene besuchen fahren ?

Weihen, Rituale und Vorbereitungen füllten die Tage, davon eine ihn durchaus überraschende Anzahl mit Familienmitgliedern verbunden, selbst wenn es teilweise nur die Reagenzien und der Mittel zum Zweck war. Nicht nur er hatte sich mit Gedanken auseinander gesetzt.

Fames nahm nun die Ankerkette in die Hand und betrachtete nochmal nachdenklich die Kratzer im Silber, dachte über die haarigen Probleme nach welche nun nicht mehr in seiner, sondern nur noch in Krathors Hand lagen.

Es war keine andere Hand im Spiel bei den getroffenen Entscheidungen, das hatte er schon festgestellt. Würde er weiter seine Hand hilfreich hinhalten oder zugreifen ? Die Kette mit dem Amulett wanderte in die Schublade seines Schreibtisches, eine nachtdunkle Erinnerung in ein Fach seiner Gedanken und ein unwohler Kloss den Hals herunter ob dem was kommen mochte.

Von Preisen, schwindenden Sinnen und Gift

Verfasst: Freitag 14. März 2025, 16:56
von Arjuna Marell

Aus "Die Verbindung des ewigen Raben und der alten Spinne"



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Sie wirft mir Blicke zu aus mystischen Azuren,
gleich schwarz Amethysten ihrer Augen Feuer glüht,
ihr roter Mund verdorbner Sünde Geist versprüht,
wird zum Verhängnis mir und meiner Welt Konturen.

Der Spinne gleich, die listig ein ihr Opfer bindet
der Augen Kraft und letzten Widerstand bricht,
dieses Geschöpf mich zwingt und zum Verzicht
der Biederkeit in der mein Leben gründet.

Traum aus des Abgrunds schwarzem Schlunde,
dein Spinnengift in meiner Venen Gemisch sich zwängt
mit frischem Blut zu einem dieser Todesbunde.

Gleich schwerem Wein dein süßes Gift trübt meine Sinne,
mit fremdem Ornament meine Hände du behängt,
du dunkel Schmerz, Elixier meiner Lebensrinne.


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  • "Xenesthis.."
    , flüsterte es mitten in der Nacht an mein Ohr, nur ein Deut, beinahe als wäre der Wind des aufkommenden Frühlings durch das Gemäuer gestriffen. "Xeen..esthis", setzte das Zischeln wieder an, oder war es nur in meinem Kopf? Ein Blick durch das dunkle und leere Schlafzimmer ließ mich zumindest vermuten, dass ich alleine war. Ganz sicher war ich mir dessen nicht mehr, die Umrisse der Möbelstücke und schummrigen Ecken verschwammen von Zeit zu Zeit gefährlich beängstigend. Es war nun fast einen Wochenlauf her, doch eine gewisse Unruhe lag noch immer in meinem Körper, meinem Blut, vielleicht auch dem Herzen, denn es schlug immer eine Nuance zu schnell, nervös. Meine Haut kribbelte etwas zu sehr, sehnsüchtig darauf wartend angefasst oder gekratzt zu werden, wie diese eine, unangenehme Stelle am Rücken, an die man nur mit Mühe alleine reichte. Warme Wogen aus Macht, eines betäubenden Rausches und einer gewissen Weiblichkeit. Wie viel Gift konnte ein Körper wohl verwinden bis es ihn von Innen zerfraß? Oder galt das nur für einfache, normale Menschen ohne den Einfluss irgendeiner Göttlichkeit. Ersteres war ich wohl schon eine ganze Weile nicht mehr, wer konnte schon von sich sagen eine Verbindung zu einer Schlange zu teilen, ein Teil ihres Giftes in meinen Adern, ein Teil meines Blutes in ihrem Schuppenleib, dafür gemacht einander zu hören und des anderen Stimmung, gar seinen Willen zu kennen, eine stumme Verständigung. Damals war ich sehr viel mutiger gewesen als bei meinem Besuch im finsteren Spinnenhort, denn ich hatte gewusst, dass ihr Biss tödlich für mich enden würde und hatte dafür auf Kra’thor vertraut, darauf dass er etwas in mir sah das er bewahren würde wollen. Und ja, ich war für diese Entscheidung am Rande des eigenen Tode gewandelt, hatte auf Niemanden Rücksicht nehmen müssen der sich sorgte oder dem ich am Herzen lag. Doch dort, wo ich lediglich einen Handel hatte schließen müssen, dort hatte ich das erste Mal, trotz meiner Worte, innerlich gezweifelt.

    Was hatte ich mir dabei gedacht ein weiteres Band knüpfen zu wollen? Ich konnte auch ohne diesen Handel an Gift gelangen, Tiere waren schon für sinnfreieres als die Fortentwicklung eines Lebensweges gestorben. Ohja, ich hatte gezögert und der weiße Rabe hatte es gesehen.
    "Meine Kinder tragen acht Augen, doch du verlangst eines von ihnen für deine Zwecke. Der Preis dafür wird deine Sicht sein. Mit dem Biss meines Kindes wird dir die klare Sicht genommen, einverstanden Giftmischerin? Es gibt keinen Weg zurück, so wie du ein Band knüpfen wirst, wird sein Leben in deine Hände gelegt. Also, wie verbleiben wir, kleine Giftnatter?" Lange hatte ich geschwiegen, die Augen besinnend geschlossen und über all die Eindrücke nachgedacht die ich nicht mehr würde klar erfassen können. Das Glitzern der Sonne auf seichten Wasserwellen, weit auf dem Meer treibende Schiffe, am blauen Himmel kreisende Möwen, weite Wälder im Schnee- oder Frühlingstreiben, würde es Einfluss auf die Gestalt des Raben haben? Vielleicht sogar auf Gesichter, Narben, Augen.. Bernsteinbraun, Sturmesgrau, Apfelgrün und unnatürliches Rot. Wie sollte ich halbblind nach Cantir gelangen und dann auch noch den Onkel und seine Handlanger überlisten? Ich brachte es nicht mehr gänzlich zusammen wie viel Zeit zwischen meiner Zustimmung und dem Biss der Spinne an meinem Handgelenk vergangen war, doch ich wusste auch jetzt noch, dass ich mir selbst keine große Wahl gelassen hatte, so sehr ich auch umdrehen und die Gefilde verlassen hatte wollen. Am Ende wusste ich nicht wie mild oder schlimm diese Strafe ausfallen würde. Diesen Handel auszuschlagen hätte mich auch vor Kra’thor scheitern lassen, ich hätte das Leben meiner Schwester und das der anderen Diener umsonst riskiert, ein sinnloses Opfer dargebracht, vergeblich nach all der Hilfe gefragt und auch das was ich bis hierhin getan hatte, wäre absolut fruchtlos geblieben. Heiß und kalt und in Windeseile war der Kuss des Spinnlings durch meinen Körper gezogen, sinnlich und schmerzhaft brennend zugleich, hatte noch etwas mehr des roten Lebenssaftes vergiftet und für sich beansprucht. Ein weiterer Teil von mir, ein weiterer Teil in mir, ein weiteres Band für die Ewigkeit.

    "Xenes...thiss", wisperte es erneut, dieses Mal säuselnd und als die Adern, die sich nun grünlich an meinem Handgelenk abzeichneten, pochend Antwort gaben, wurde mir schlagartig bewusst wer oder was in meinen Ohren, oder meinem Kopf lag. Das kleine, giftige Spinnentier forderte die Aufmerksamkeit, die ich ihr in den letzten Tagen absichtlich verwehrt hatte. Eine Strafe an sie, oder vielleicht bestrafte ich auch nur mich selbst, für den Preis den ich gezahlt hatte, es widerte mich an. Ich selbst ekelte mich ein wenig an, war ich nun schwach oder stark gewesen zuzustimmen? Meinerseits lag keine stille und unbeantwortete Wollust in diesem Handel, keine Begierde in meinen Augen, ganz gleich wie unweltlich schön M’rissanth auch gewesen war mit ihrem seidig, blutroten Lippenpaar, verheißungsvoll wie ein leises Versprechen. Völlig egal wie knisternd das Verlangen und die Betörung um die anderen meiner Begleiter gelegen hatte, beinahe willenlos, mit Offenbarung des Preises war es mir kalt den Rücken hinab gelaufen, hatte den sinnlichen Eindruck zunichte gemacht und das wahre Gesicht der Spinnenmutter preisgegeben, wie eine gehässig grinsende Fratze die kein makelloser Körper mehr zu Schönheit führen konnte, Intrigen und Hinterlist. Das Erreichen meines Zieles schmeckte nun einfach bitter, zumindest für die Frau die ich hier war, verborgen hinter den schützenden Mauern meines Heimes, vergraben unter einem Berg aus schweren, umarmenden Decken. Fames Frage hatte es auf den Punkt getroffen, war es das wert? Ich war versucht diese Frage mit "Nein" zu beantworten, doch welchen Wert hatte ich als Dienerin dann noch? Für keine Münze der Welt würde ich zugeben wie sehr ich es bereute, dass der Preis allen ernstes ein Teil meines Augenlichtes gewesen war. Ein Teil meiner Freiheit. Nichts desto weniger war ich bereit dem Ganzen eine Chance zu geben, ich meine, was blieb mir auch anderes übrig?

    Wenn ich ehrlich war, wartete ich noch auf die große Veränderung, das dicke Ende oder das sprichwörtliche "Böse" das sich in meinem Körper breitmachen würde, eine gewisse Skrupellosigkeit die ich für mich einnehmen würde, die schließlich eintretende Dunkelheit, der ich mich nicht hatte zuwenden sollen. Noch konnte ich nichts dergleichen spüren, aber vielleicht hatte das kleine, behaarte Wesen mit all seinen schillernden Farben auch eine ähnliche Wirkung wie Serpentin auf mich. All diese Erkenntnisse würden mich wohl früher oder später ereilen, einige Eindrücke, wenn sie auch nicht mich betrafen, hatte ich bereits in Spinnengefilden entdeckt. Diebisch grinsende Mädchen, die ernste Situationen mit unüberlegten Aussagen untergruben, die unser aller Leben hatte kosten können, Männer, die am Ende des Tages auch nur Männer waren, nicht gänzlich unpässlich und erhaben über körperliche Sinneseindrücke und wenn man den Einflüsterungen der Spinnenmutter glauben mochte, so verbargen sich dort zwischen wolkenfarbenen Spinnennetzen und dem gruseligem Klackern von Mandibeln noch ganz andere, interessante Dinge. Ein einzelner Besuch in diese Höhlen würde mir jedoch erst einmal ausreichen und ich hatte nun ein paar neue, ganz persönliche Aufgaben zu bewältigen. Wo manches Interesse ganz offenkundig fehlte, so wusste ich bereits jetzt, an welcher Stelle ich alles haargenau berichten musste um mein Gegenüber beruhigt oder gar zufrieden zu stimmen.. und nicht zuletzt, blieb da auch noch das Vorhaben um meine Schwester, wie auch immer mir das möglich sein würde.

Von Alleingängen, giftigen Botschaften und Rache

Verfasst: Dienstag 1. April 2025, 17:24
von Arjuna Marell


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Aus dem Feuerquell des Weines,
Aus dem Zaubergrund des Bechers
Sprudelt Gift und süße Labung,
Sprudelt Schönes und Gemeines:
Nach dem eignen Wert des Zechers,
Nach des Trinkenden Begabung.

Scharf und milde, grob und fein,
Vertraut und seltsam, dunkel und rein.
Der Narren und Weisen Stelldichein:
Dies alles bin ich, will ich sein,
Rabe zugleich, Spinne und Schlangenstein.

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  • Von all den garstigen Worten, die pieksen und kratzen, in der Seele jucken, die zu Herzstechen führen und Schrunden hinterlassen, sind deren zwei, die schlimmer noch, von den größten Träumen bis still keimenden Hoffnungen schlichtweg alles kappen – „zu spät“. Ich hatte einige Tage ins Land ziehen lassen, Wochen sogar, ich hatte zu viel Zeit mit warten vergeudet, doch auf was eigentlich? Antworten auf offene Fragen, verschiedene Lebenszeichen, etwas mehr Mut, irgendeine Form von Genesung für meine Augen, andere mögliche Nachwehen, eine warme Hand an meiner Wange, ersehnte Farbnuancen in meiner nun deutlich eingeschränkteren Sicht.. doch auf all das hatte ich vergebens gehofft. In den Nachmittagsstunden war der lang hinausgezögerte Entschluss dann doch gefasst, denn in der Abenddämmerung hatte ich das Haus bereits im Dunkeln und in absoluter Stille hinter mir gelassen, nur die beiden Begleiter und ein kleines Bündel verschiedenster Utensilien bei mir. Ich würde dieses Mal Niemanden bitten mir zu helfen auch wenn einige wenige es angeboten hatten, ich würde kein weiteres Leben riskieren und Niemandem etwas schuldig bleiben, um einer eigenen Sache nachzugehen. Ich war es leid, leid immer nur das kleine Schwesterlein zu sein, egal in welchem Leben, das unschuldige, höfliche und brav wartende Blondchen vor dem es, laut dem jüngsten Nachwuchs, keinen Respekt gab. Die Zeit zum Handeln war gekommen.

    Die Passage nach Cantir war schnell gebucht und ich wusste wie rasch diese Überfahrt vorbeigehen würde. Einen Blick in mein von Zeit zu Zeit klingendes Reisegebäck geworfen, tastete ich an den verschiedenst eingepackten Fläschchen entlang, bis ich die glatten Schuppen Serpentins spürte. Heute gab es kein Anstacheln, nur tiefe und gesäuselte Ruhe aus ihrer Richtung, als wäre sie es, die beruhigend über meine Haut strich. Irgendwo tief in mir brodelte die Angst, Furcht zu spät zu kommen, Panik davor zu versagen, doch diese ganzen Empfindungen und Ungewissheiten von Zuhause hatten hier und jetzt keinen Platz in meinem Kopf. In den kommenden Tagen würde ich mich allein an meine Konzentration klammern, Wachsamkeit, Vorsicht, mein gesammeltes Wissen und nicht zuletzt würde ich nach dem dunklen Vorhang haschen, den ich bisher vermieden hatte zu durchschreiten. Hierbei handelte es sich nicht nur um einen Besuch in der alten Heimat, oh nein, ich würde einen Schritt in die Finsternis wagen, in die das Schlangenwesen mich so unnachgiebig zu ziehen versuchte, um meine Schwester diesen gierigen Fingern zu entreißen.

    Dort wo Männer gern die volle Konfrontation bevorzugten, ein geschärftes Schwert und einen Schild in den Händen um all ihre Kraft und Macht zu demonstrieren, hielten viele Frauen sich lieber im Hintergrund, ganz offenkundig unterlegen.. oder auch nur schrecklich unterschätzt. Ich hatte meine ganz eigenen Waffen und sie waren, passend zur Gelegenheit, soviel länger und qualvoller zu erspüren als ein einfacher Dolchstreich. Wie viele Jahre Narleja ihr selbst gewähltes Schicksal nun schon ertrug, die ganzen versoffenen und ungepflegten Gäste, keine Möglichkeit dem Ganzen zu entkommen, da sie im Zweifel nun ihr eigenes Kind zurücklassen musste. Ungebetene Pein, grausam beherbergtes Leid, unausgesprochene Schmerzen – sie alle würden bald erfahren, wie sich das anfühlte, denn die verkorkten Phiolen und fest verschlossenen Flaschen warteten nur auf ihren großen Auftritt. Während ich gewartet hatte, hatte ich viele Nächte in meinem kleinen Labor verbracht, Wurzeln zerrieben, Beeren in feines und schmackhaft aussehendes Mus zerstampft, kalte Auszüge von einigen getrockneten Pflanzenteilen hergestellt oder Pflanzensäfte extrahiert. Kein Experimentieren mehr, kein kleiner Spaß zum Abschrecken, für diese Reise hatte ich nur ganz besondere Lieblinge bei mir. Eisenhut für das gewisse Erlebnis am Körper, ein feines Ameisenkribbeln, Schweißausbrüche, taube Arme und Beine, Fingerhut für unvorhergesehene Hautausschläge und Schwindelgefühl, Oleander für ein wenig Übelkeit, Schöllkraut für ein unvergessliches Brennen sobald es in den Körper gelangt war und zuletzt auch Tollkirschen-Extrakt, der letzte Schliff zu innerer Unruhe. Ein unheilvolles, tödliches Gespann, und sie alle waren zu nichts weniger bestimmt. Vermutlich hatte ich den Schritt in das dunkle Zimmer mit all meinen Überlegungen und Vorbereitungen bereits getan, doch ich hielt mir stets vor Augen, dass ich selbst in diesem Fall meine Prinzipien nicht brach. Menschen die mit dem Leben anderer handelten um sich selbst daran zu bereichern, egal wie viel Schmerz und Leid es bringen würde, hatten es in meinen Augen nicht anders verdient und die Welt würde ohne sie bereits eine weitaus bessere sein.


    Nur ein paar Tage später, nachdem meine Füße das erste Mal nach vier Jahren wieder den Hafen Cantirs beschritten hatten, hatte ich mir ein Zimmer in einer schmucklosen Taverne gemietet. Ein dunkel eingefärbter Schopf und ein anderer Name würden mich hoffentlich vorerst vor einigen, neugierigen Augen bewahren. Das Zimmer war nur klein, kein großer Schmuck an den Wänden und auch kein sonderlich bequemes Bett, doch da ich nicht zum schlafen oder ausruhen gekommen war, blieb auch keine Zeit irgendetwas zu beanstanden. Für die verschlossene Zimmertür öffnete ich das Fenster und bevor ich wirklich angekommen war, konnten aufmerksame Bewohner von Zeit zu Zeit eine zierliche Krähe in einer großen Birke neben besagtem Freudenhaus entdecken, die durch blau umrandete Augen das Treiben beobachtete. Wo des Tages über die Türen des Gebäudes verschlossen blieben und nach jedem Besucher zurück in die Angeln geworfen wurden, öffnete man etwa zur siebten Abendstunde gleich beide von ihnen durchgehend, die Vorhänge wurden an die Seite geschoben und die vorzeigbaren Frauen des Hauses in der Innenstube zur Schau gestellt, so dass auch jene, die sich solche Ausflüge nicht leisten konnten, oder wollten, zwangsläufig einen Blick auf die "Ware" erhielten. Zwei schmierige und gut beleibte Kerle, die solchen Etablissements alle Ehre machten, besahen die Gäste zwar recht streng, doch nur selten wurde einer von ihnen wegen schlechtem Verhalten wieder vor die Tür verfrachtet. Ebenso pünktlich wie das Abendprogramm seine Pforten öffnete, kamen dafür auch des Vormittags die Lieferanten angetrudelt. Während das Haus noch in absoluter Stille lag, stellten sie ihre Waren unter ein kleines Vordach an der Hintertür, wo es erst zum Mittagessen in die Küche geschoben wurde. Vielleicht gab es auch für mich etwas wie Glück, denn nachdem die kleine Rabengestalt sich ganz unauffällig den Kisten und Körben genähert hatte, konnte ich erkennen dass jeder von ihnen mit einem kleinen Zettel versehen worden war. "Küche" und "Mädels" stand an den ersten beiden Körben, "Gäste u. Stammgäste" an zwei gut befüllten Getränkekisten und die letzte von ihnen war mit dunklem Innenfutter bekleidet sowie einem Zettel mit der Aufschrift "Herren des Hauses" versehen. Volltreffer.

    Es kostete mich weitere Tage um festzustellen ob die Uhrzeiten sich gleichbleibend hielten, ob die Aufschriften der Waren immer die Selben waren oder variierten, ich achtete sogar darauf ob unterschiedliche Gesichter sich zur Türe hinausstreckten und nach der Lieferung umsahen, doch wie ich feststellen konnte waren selbst die Menschen in diesem Haus zuverlässige Gewohnheitstiere. Zu guter Letzt konnte ich sogar ein paar kurze Blicke auf "den Onkel" erhaschen, der erst nach der Eröffnung des Geschäftes eintrat und mit großem Respekt besehen wurde, zumindest von seinen eigenen Leuten, denn wenn man sich im Hafen selbst nach dem Besitzer umhörte, so sprachen viele nur vom Mann namens Egreto, dem viel daran lag eine Menge Ärger auf sich zu ziehen und Unfrieden zu stiften. Eine schräg sitzende Kappe tief in das bärtige Gesicht gezogen, hing eine Zigarre aus seinem verächtlich gehobenen Mundwinkel und gab dem Gesamtbild einen treffenden Abschluss. Konzentration, Vorsicht und Ruhe, kein Platz für aufkommende Rachegelüste, für den Moment hatte ich genug gesehen und so kehrte ich in mein Kämmerlein zurück, wo ich das Fenster schloss und mich meiner Werkzeuge annahm. Ein kleiner Messbecher und ein paar locker verschlossene Phiolen würden mir das Unterfangen schneller von der Hand gehen lassen, jeder "Herrenflasche" eine andere, besondere Note zuzufügen, die ihnen, wenn alles gutgehen würde, ein schnelles oder qualvolles Ende bescheren würden. Eine ganz besondere würde ich mir für die Flasche des Onkels aufbewahren, leise schleichend, ihm die Möglichkeit einräumend dabei zuzusehen, wie seine Bagage ihm durch die Finger glitt.

    Während ich mit Serpentin und Xenesthis im Bett lag und mich an meinem Abendessen stärkte, streiften meine Gedanken nur kurz nach Gerimor hinüber. Ich hatte keinerlei Abschiedsbriefe oder Informationen hinterlassen wohin ich entschwunden war, war in meiner Ernüchterung über Stille und Spinnenhandel einfach gegangen. Würde etwas Grobes schieflaufen so musste mein Fernbleiben schlichtweg irgendwann auffallen, immerhin war Jente nicht mehr da um über mein Fortgehen zu urteilen. Das kleine Spinnenwesen kruschelte unangenehm in meinem Haar herum und holte mich rasch in die Gegenwart zurück. Womöglich würde ich mich nie an ihre Anwesenheit und ihre komisch klackernden Zangen gewöhnen und so schaffte ich sie mit einem Handstrich raus aus meinen Strähnen und verdonnerte sie zu einer weiteren Nacht an der Zimmerwand. Auf die Seite gedreht und meine Wolldecke bis an das Kinn über mich gezogen, schloss ich die brennenden Augen. Ich brauchte meine ganze Kraft um die kommenden Entwicklung im Freudenhaus ohne große Unterbrechung zu beobachten, doch zuerst würde ich ein letztes Mal dorthin zurückkehren müssen.



    Am nächsten Vormittag, kurz nachdem die Lieferung wieder an ihren Platz gestellt worden war, machte ich mich daran, in eine Ecke des kleinen Vorraumes gezwängt, die einzelnen Flaschen zu entkorken und ihnen je nach Intensität ihres Inhaltes eine passende Phiole zuzukippen. Nur für diese eine Flasche hatte ich eine ganz besondere Mischung zusammengekippt, die neben ein paar Kräutern auch Serpentins Gift enthielt. Sie würde dem guten Onkel nicht nur etwa eine Stunde Zeit geben bis es zu Ende ging, sondern ihm auch eine ähnliche Erfahrung wie die meine zukommen lassen – nur das Kra’thor nicht kommen und ihn erlösen würde, sondern sich schlussendlich an seiner verdorbenen Seele erfreuen durfte. Ein kleiner Zettel mit der Aufschrift "für'n Boss" an der Flasche im Herrenkorb befestigt, saß die zierliche Krähe schon bald wieder im schützenden Birkenkaum, abwartend, lauernd, um beim ersten Anzeichen einer Veränderung in aller erster Reihe zu sitzen.


Verfasst: Freitag 4. April 2025, 23:11
von Der Erzähler
Man musste wissen, welchen Gassen man folgen oder überhaupt auch nur betreten musste, wenn man an diesen einen Ort gelangen wollte. Dabei war er nicht schäbiger oder gefährlicher als die meisten Anderen, ganz im Gegenteil. Der erste Blick von außen ließ ihn fast traut, heimelig oder gar idyllisch wirken. Dicke Butzenscheiben, die die Wärme im Inneren auffingen und von der Front her nur bedingt Einblicke gewährten, da musste man schon wissen, wo man sich zu platzieren hatte. Eine geölte, dicke Eichentüre, deren schwere Riegel an der Front nicht zu sehen waren und ein ordentliches Schieferdach, an dessen rechtem Eck dann und wann ein geflochtenes Band im Küstenwind wippte. Narzissengelb war es und ein einzelnes Glöckchen lockte mit zartem Klang. In der Narzisse war auch das Blümlein gefunden, welches auf dem Schild dieser besonders einladenden Taverne zierte und ihr den Namen gab, der darunter erstrahlte:

Zum feynen Narzissleyn

Fein, das waren sie alle... zu Beginn.
Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht seine Burschen genau zu schulen, dass sie das rechte Augenmerk hatten und jene, die partout nicht hören und zu blind oder weichherzig für seine Befehle waren, jenen ließ er die nichtsnutzigen Augen ausstechen, wenn er einen guten Tag hatte oder das weiche Herz aus der Brust schneiden, wenn es eher einer von den schlechten war. Zum Glück geschah es aber sehr selten, dass einer so unbelehrig war, schließlich wählte er auch seine Handlanger nicht aufgrund besonders laffen Tugenden. Mitbringen mussten sie vor allem zwei Dinge:
Treue, die ihm allein gehören musste - bedingungslos und ohne lange zu hinterfragen.
Skrupellosigkeit, wenn es darum ging Aufträge zu erfüllen - ganz gleich wie schmutzig.

Der Blick für die richtigen Mädchen ergab sich dann ganz wie von selbst..

Wie sie hinter der Eichentüre landeten und vom Narzisslein verschlungen wurden, war dann wiederum ganz unterschiedlich. In seltenen Fällen wurden sie wirklich verschleppt, weil sie sich wehrten, obwohl sie durch die Bank alle keine Aussichten auf eine auch nur ansatzweise bessere Zukunft hatten, doch meistens folgten sie wahlweise der Liebe in Form einer seiner Burschen oder dem verführerischen Ruf des Geldes.
Mit letztem hatte er auch sie bekommen...

Narleja, das Mädchen, welches wimmernd in der Kammer vor ihm kniete, faszinierte ihn auch nach all den Jahren immens. Als sie ihnen zulief, war sie nicht so naiv und blauäugig, wie die meisten und wusste genau, welche Arbeit ihr bevorstand, jedoch die Not und die Furcht vor den wenigen anderen Optionen zwang sie dazu. Den Kunden gefiel es, dass sie ihren Stolz so lange ungebrochen behielt, das Kinn hob und sich sogar auf den Knien noch etwas Würde bewahren konnte. Außerdem war sie damals und auch jetzt noch unbestritten schön. Das Haar war nun stumpfer, doch noch immer schimmerte es im Schein des Lichts in den weichen, braunroten Tönen der Kastanienfrucht. Obwohl sie vollkommen verheult waren, strahlten die Augen in diesem verträumten Seegrün und die Tatsache, dass vor nicht allzu langer Zeit ein Kind in ihrem Körper herangewachsen war, hatte diesen nicht entstellt. Nach wie vor war sie rank und schlank, die Brüste vielleicht nicht mehr ganz so straff wie zuvor, dafür etwas größer. Mit Wohlgefallen blickte er an ihr herab.

"Sieh dich doch einmal selbst an. Andere verrecken in diesem Beruf aber hier, im Narzisslein, kümmert man sich gut um die Mädchen.", begann er raunend und schob die Zigarre in den anderen Mundwinkel danach, ehe er mit schärferem Ton nachschob, "Selbst um die törichten, kleinen Närrinnen, die ihre Fingerchen nicht von starken Rauschmitteln lassen können."
Sie erbebte kurz, biss die Zähne merklich zusammen und setzte nickend an.
"Das... das ist richtig aber... aber ich nehme sie nicht mehr, seit..."
"Du die Göre hast." Er fiel ihr noch gröber ins Wort, wollte den Namen gar nicht erst hören, denn da gab es ein Problem. "Die kommt ganz nach dem räudigen Hund, dessen Lenden sie entsprungen ist. Mit jedem Tag mehr ist zu sehen, dass es ein gewöhnliches, vielleicht sogar ein hässliches Kind wird und nichts, was man hier mal brauchen könnte, wie die Kleine von Heleris."
Die Erleichterung in ihren Zügen zündete aber eine neue Flamme der Wut in ihm und gerne hätte er ihr mitten in diese beruhigte Miene geschlagen, doch sie musste unversehrt bleiben, für das, was kommen würde.
"Lächle nur, Täubchen. Das gefällt den Kunden und morgen wirst du sie wieder empfangen. Da der dreckige Lump Jente nicht mit deiner süßen Schwester zurückgekommen ist, wird es zwar auch nur halb so lukrativ aber doppelt so anstrengend für dich. Nicht so schlimm, Täubchen, du bist ausgeruht, frisch, bereit und mit dem Ende der Woche auch wieder ungebunden."
Sie brauchte eine kurze Weile, ehe sie begreifen konnte, dann schrie sie auf, erhob sich und ihre Fäuste trommelten wenige Momente auf ihn ein, doch ein Hieb in den Bauch ließ sie keuchend zusammenbrechen und würgen, während sie sich auf dem Boden krümmte. Selbst jetzt gefiel sie ihm noch und er beschloss, dass sie ihm diese Nacht noch das Bett wärmen durfte, bevor sie wieder die Freier bediente.
"Ich... bring mich... um, wenn du sie... mir weg... nimmst."
Die geröchelten Worte ließen ihn seufzen und mit gepielter Nachsicht schüttelte er den Kopf und sah herab.
"Narleja, Täubchen, mein besonders törichtes aber wertvolles Mädchen, ich werde selbst dein hässliches Gör verkaufen und weil ich dich so mag, gebe ich es in gute Hände. An einen Ort, wo sie sicher, vielleicht sogar glücklich aufwachsen kann... aber wenn du deinen Wert minderst, weil du dich gehen lässt oder gar etwas antust, dann suche ich diesen Ort auf und breche ihr eigenhändig das Genick."

Kurze Zeit später verließ er das Zimmer, sperrte es aber von außen ab, damit sie wirklich nicht auf weitere, dumme Gedanken der Verzweiflung kam. Mit jedem Schritt, den er hinab in den Schankraum machte, stieg die bereits sonnig gute Laune noch weiter ins Unermessliche. Macht hat das so an sich. Die Burschen waren in der Schankstube noch erstaunlich ruhig und so beschloss er den Abend mit einem Umtrunk einzuleiten. Ein paar Becher konnte er sich genehmigen, bevor er den zweiten Teil der Nacht mit Narleja einleitete und so griff er nach einer besonders schönen Flasche.
Nicht einmal eine halbe Stunde später, welche gefüllt von ersticktem Keuchen, dem bitteren Gestank schaumiger Galle und kaltem Schweiß, dem malerischen, sachten Sickern des Lebenssaftes auf vielen Mündern, Nasen, Augen war, verstummte des "guten Onkels" Vermächtnis.
Für immer.


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Verfasst: Sonntag 6. April 2025, 20:34
von Lysander Thuire
Eine Ballade, die doch keine war

Im Walde, wo das Dunkel schwand,
stand ein Jüngling, die Axt in der Hand,
dunkelbraunes Haar, Augen noch klar,
blickte er in die Hoffnung der Sternenschar.
Er schlug auf den Baum, der Stamm splittend bricht,
doch in seinem Herzen erstrahlt es nicht.

„Ich bin ein Nichtsnutz und du so weit,
an dunklen Wassern, in fernem Streit.
Du reitest dahin, in des Schicksals Hand,
und ich steh hier, in ganz anderem Land.
Du kämpfst allein, mit List und mit Mut,
und ich bin fern, ohne Trost, ohne Glut.“

Die Axt traf das Holz, der Klang war hart,
im Kopf nur die Sorge, die zerrt' und nagt.
„Warum gingst du heimlich, ohne ein Wort?
Wo du nun verweilst an dem dunkelsten Ort,
vor Schurken und Räubern, die mit finsterer List,
dein Leben bedrohen, wie wertvoll du bist.“
Er schlug, als ob Arbeit den Schmerz vertreibt,
doch das Leid der Sorge in ihm verbleibt.

„Ich hätte bei dir sein sollen, dich begleiten,
dir treu zur Seite, bei allen Begebenheiten.
Was, wenn du stirbst? Ja, solltest du fallen
wird meine Schuld wie ein Stein niederprallen!“
Die Axt ging weiter, der Kopf war schwer,
der Kummer in seiner Brust wie Blei ungefähr.
Er schlug und er schwitzte, sein Blick war trüb,
doch nichts wusste er von dem, was sie trieb.

Die Freundin, sie flog durch des Nachtes Geäst,
der Weg war lang, doch ihr Wille so fest,
später hat sie die Schurken mit List bezwungen,
die Rettung der Schwester, die war ihr gelungen.
Sie schloss sie in die Arme, am trostlosen Ort,
„Du bist nun frei, der Albtraum hinfort.“
Und während sie schiffte, den Heimweg nun nahm,
dachte sie an den Burschen, der nicht mit ihr kam:
„Ich komm bald zurück, das verspreche ich dir,
bleib sicher im Walde und freu dich mit mir.“

Im Tann schlug weiter der Holzfäller matt,
die Sorgen betäubend, sie machten ihn satt.
„Wie geht es dir nun, will nicht daran denken,
und meine Ängste in Arbeit ertränken.
Ich bin dir kein Freund, nur ein schwacher Mann,
der dich nicht beschützt, nicht zur Seite steh'n kann.“
Er wusste nicht, dass sie längst bereit,
auf dem Rückweg schon war und die Schwester befreit.

Mit jedem Schlag nun zitterten seine Glieder,
die Axt flog weiter, ganz stumpf auf und hernieder.
„Warum nur ließ ich dich ziehen und folgte dir nicht?
Dort oben strahlt unser wärmendes Morgenlicht.“
Und da, abgelenkt, die Axt sie flog schief,
zuckte, rutschte, schnitt lang und tief.

Blut lief ins Moos, doch im Wald herrschte Stille,
und nichts zerstörte die Morgenidylle.

Von Gerechtigkeit, Rache und Genugtuung

Verfasst: Dienstag 8. April 2025, 22:46
von Arjuna Marell



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Nun habt ihr sie gehört, die Tochter.
Glaubt sie zu kennen,
ist sie nicht gut und schön?
Einspinnen lassen habt ihr euch,
von Worten und hübschen Blicken.
Doch glaubt mir, ein jeder,
ob Königstochter oder nicht,
steht mit einem Fuß im Schatten,
mit dem anderen nur im Licht.

Hier steht sie nun vor euch,
keines Königs Tochter,
keines Bettlers Weib,
keines Bruders Schwester,
ein loser Faden in der Zeit.
So sterben sie alle gleich,
egal in welches Haus geboren,
egal in welches Gewand,
ob auf Erden kurz oder lang gewesen.
Gleich ob man Hände reichte
oder Hände schlug.

Im Tode sind sie alle gleich
und enden in des Raben Reich.


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  • Sie sagt, sie versteht es nicht, senkt den Blick und schüttelt den Kopf. Sie versteht nicht, wieso ich nach all der Zeit, die wir gemeinsam auf einer nostalgisch anmutenden Wippe saßen, aufgestanden und gegangen bin. Weg von Vaters Erinnerung, weg von ihr, weg von uns. Ich konnte nicht anders. Zu lange habe ich mich immer wieder vom Boden abgestoßen, verzweifelt versucht uns in Bewegung zu halten, aber es ging nicht. Ich war immer schwerer als sie, mit all meinen Sorgen, Ängsten um sie und den Erwartungen an das Leben. Ich konnte nichts tun, nichts ändern, weder mich noch sie höher steigen lassen oder hin zu den Sternen schießen. Viel zu lange hatte ich dagesessen, auf unserer Wippe mit kleinen Flüssen aus aufgewirbeltem Dreck und sehnte mich nach früheren Zeiten. Zeiten als wir beide kichernd auf und ab, hoch und nieder wippten, bis unsere Herzen glühten. Ich konnte sie noch nach mir rufen hören, als das Wippen immer langsamer wurde, ich mich immer schwerer fühlte. Doch eine Wippe die stillsteht, verdient ihren Namen nicht länger und so stieg ich irgendwann ab. Meine immer seltener werdenden Rufe erreichten sie nicht mehr und ab einem gewissen Zeitpunkt hielt ich mir die Ohren zu, um meinerseits frei von den ihren zu werden. Wäre es anders gekommen, hätte ich mein eigenes Leben geopfert um sie weiter zu erhören?



    Mehr als ein ganzer, langer Tag musste vergehen bis ich erste Veränderungen mitbekam. Zumindest die Nacht hatte ich damit verbracht die äußeren Hauswände mit einem gedrehten Stück Stoff und dem Inhalt einer meiner Fläschchen zu bemalen, nicht wirklich sichtbar für ein vorbeiziehendes Auge, aber durchaus notwendig wenn ich reichen Lohn aus dieser grässlichen Tat schlagen wollte. Einfache Symbole, die doch für meine Verbindung zu Kra’thor standen, aus Gift gezeichnete Efeublätter, Rabenfedern, eine Schlange, selbst einen feuchten Spinnenabdruck zeichnete ich auf eine der gelblichen Wände, bis eine Art Kreis um das Freudenhaus entstanden war. Sofern mein Plan aufging, schaffte ich durch diese Zeichen womöglich etwas mehr Aufmerksamkeit von Ihm zu erhalten. Ich konnte mir nicht helfen.. ja ich verspürte noch immer den Drang nach Rache und Gerechtigkeit, die Suche nach Genugtuung, gleichzeitig aber umtrieb mich eine gewisse Angst, auch ein unschuldiges Leben vom Spielbrett zu streichen, lediglich ein leises Fingerschnipsen, einfach weil ich es konnte. Doch so war ich einfach nicht. Sicherlich, ich stolperte von Zeit zu Zeit über einen mir dargebotenen, dunklen Riss auf dem glatten Erdboden meiner Welt, manches Mal tauchte ich sogar eine Fingerspitze in die dort entstandene Pfütze, doch bisher hatte ich es noch immer geschafft sie wieder trocken zu wischen, einen großen Schritt über die Unebenheit zu wagen und meinen Weg fortzusetzen.

    Hier saß ich nun, in das unschuldige Kleid eines hellen Raben gehüllt, ein paar aufgeplusterte Federn die mich vor der Kälte bewahrten und einem gelegentlichen Schnabelklappern um während des Wartens nicht einzunicken, als ich einen ersten, panischen Angstschrei aus dem Inneren des Narzissleyns hörte, der mich fast vom Ast kippen ließ.
    "Er atmet nicht mehr! ", rief eine Frauenstimme und einer der Wachmänner drehte sich bereits in das Innere der Tür, um einzutreten. Die Gunst der Stunde, denn sogleich löste ich mich vom angestammten Platz und flog wie ein verirrter Vogel zur offenen Türe hinein und setzte mich auf einem breiten Zimmerbalken des Fachwerkes ab. Kurz traf mich die schockierende Erkenntnis, dass ich mich im Inneren des Hauses auskannte, viele der mit rotem Samt bekleideten Ecken hatte ich bereits in Jentes Kopf, in seinen Erinnerungen erhascht und nun, wo ich mich selbst im Inneren dieses Etablissements wiederfand, fühlte ich mich beinahe wie ein Eindringling in eine zu intime Szenerie. Ein paar halbnackte Frauen sowie einige Gäste tummelten sich um den umgekippten Mann, ein paar schaulustige Mädchen bedachten das Geschehene bereits mit einem verräterisch zufriedenen Lächeln. Doch keine Zeit über den zu Tode gekommenen Kerl nachzusinnen, denn hinter mir fiel unter dumpfem Schlag der Kopf eines weiteren Mannes auf den Holztisch, einen grünlichen und im Kerzenschein schimmernden Schaum vor Mund und Nase. Sein Nebenmann griff grob nach dem Haarschopf um einen Blick in sein Gesicht zu werfen, ließ ihn aber ebenso schnell wieder fallen und kratzte sich hektisch und nervös über die Unterarme – er würde der Nächste sein. Und während die Männer nach und nach wie die Fliegen vom Himmel fielen, saß die kleine Rabengestalt mit geschlossenen Augen, all die lauten, drängenden und ängstlichen Geräusche ausblendend, auf ihrem Balken und sandte ein stilles Gebet an ihren Herrn.

    Einmal mehr rief ich sie in meinen Gedanken, so viele seiner Namen. Vater, Kra’thor, Richter. Ewiger Rabe, Seelenfänger, Schöpfer, rief ihn an meine Seite, dort wo ich mir seiner Anwesenheit schon unzählige Male sicher gewesen war. Und während die Spelunke sich mehr und mehr leerte, bis auf ein paar wenige Angestellte alle zur Türe hinaus gedrungen waren um einer möglichen Krankheit zu entkommen, sah ich den Onkel durch einen Vorhang in den Vorraum wanken. Eine Hand dabei bereits haltsuchend nach dem Tresen ausgestreckt, sah ich die blanke Panik in seinem düsteren Augenpaar aufkeimen, als er seine hinab gesunkenen, erstickten und toten Männer erblickte. Ein kleiner Wutausbruch, bei dem er einige Flaschen von der Theke wischte und sie scheppernd auf dem Boden zerbrach, dann sank auch er auf die Knie, nach Luft ringend, dunkelrote Äderchen in seinen weit aufgerissenen Augen, bevor er vorn über kippte und seinen letzten Atemzug tat. Ohne es zu merken hatte ich bei seinem Anblick die Luft angehalten, doch nun, als er ein letztes, röchelndes Geräusch von sich gab, entließ ich den geborgenen Atemzug in die Freiheit und spürte seit langer, langer Zeit endlich etwas wie Erleichterung. Genugtuung. Gerechtigkeit. Ja, Frieden. Und ganz leise, kaum merklich, ein seichter Strich über das Federkleid, nur ein Hauch, konnte ich auch die Anwesenheit meines Herrn spüren, den die Vielzahl an schwindenden Seelen an diesen verlassenen, dunklen Ort gelockt hatte, um mich bei meinem unsäglichen Weg zu unterstützen und die Beute einzustreichen.



    In den kommenden Morgenstunden packte ich bereits meine Sachen und verließ mein Tavernenzimmer so ordentlich und schnörkellos wie ich es vorgefunden hatte. Eine Weile lang stand ich noch mit geschlossenen Augen am Hafensteg und atmete die salzige, heimatliche Luft, die mich so sehr an meinen Vater erinnerte, dann tat ich einen letzten Schritt und begab mich an Bord des Schiffes. Noch in der Nacht hatten einige Marinesoldaten die Leichen aus dem Freudenhaus geschafft, wenngleich das Tuscheln an allen Straßenecken noch einige Wochen fortgesetzt würde. Auch meine Schwester hatte noch zur Mitternacht ihre Sachen und ihre Tochter eingepackt um das Haus zu verlassen, widerwillig würde sie mein Zimmer für die nächste Zeit bewohnen. Ich konnte es ihr nicht verdenken dass sie einen gewissen Ärger in sich spürte, wenn es um mich ging. In ihren Augen hatte ich sie verlassen, zurückgelassen - die zerkratzte Rückseite der silbernen Münze, die wir unsere eigene Wahrnehmung nannten. Nichts desto weniger hatte ich sie nach unserem Gespräch überreden können, mich in spätestens einem Jahreslauf auf Gerimor zu besuchen und sich zu melden, wenn sie etwas Gold brauchte. Nun, wo ich und meine Gedanken wieder alleine waren, glitten meine Überlegungen schon beim Absetzen des Schiffes nach Hause. Eine ziehende Sehnsucht und eine flaue Ungewissheit, die vermutlich auch meine Rückkehr nicht ausmerzen würde. Wo war er? Ging es ihm gut? Wieso hatte ich nichts von ihm gehört? Würde es immer so sein? Es war ermüdend, dass sich an einem abgeschlossenen Pfad immer ein neuer Weg abzweigte, der in rätselhafte Himmelsrichtungen führte. Ich wollte endlich ruhen, in meinem eigenen Bett, ein behütendes paar Arme um meinen Körper geschlungen und schlafen, nur schlafen. Frei von Zweifeln, frei von Sorgen, frei von Reue. Und das würde ich, schon bald.