
Es irrt der Mensch so lang er lebt,
an seinem Schicksalsfaden webt,
und glaubt, mit diesem Selbstgestrick,
hätt' er Macht über das Geschick.
Mitnichten! Denn ihm ist nicht klar,
was schon vor seinen Maschen war.
Da hielten Fäden in der Hand,
die Alten, die er nie gekannt.
Mach dich lieber nicht verrückt,
wenn dir im Leben was nicht glückt,
sieh ein, dass deines Lebens Band
in vieler anderer Menschen Hand.
Such du nur nach dem silbern Faden,
verhindere den größten Schaden,
füg sorgsam in das Flickwerk Leben
dein eignes unverzagtes Streben.
Ein zerfallenes Haus, brüchiges Mauerwerk und scharf schneidender Wind der im Gesicht ziepte, welch passender Ort um die Vergangenheit einmal mehr aus der Kiste zu kramen und sie auf dem Präsentierteller zu servieren, es gab wohl nichts, was die Erinnerung an Cantir und den Tod meines Vaters so gut versinnbildlicht hätte wie dieses Gebäude. Doch hier, in Abgeschiedenheit und zwischen ekelerregend formulierten Worten hatte ich noch etwas anderes entdeckt, von dem ich mir nicht sicher gewesen war, ob es wirklich in mir schlummerte.. Dunkelheit. Auch wenn ich wusste, dass nur wenige seiner verdrehten Worte wirklich der Wahrheit entsprachen, er mir die Hälfte davon im Munde herumgedreht und verbogen hatte, so zupften andere gleichwohl mehr an meinen Nervenenden, rissen förmlich daran. “Oh, das is' ganz einfach. Die letzt'n Jahre hat ja Schwesterch'n 'e ganze Arbeit gemacht, un' verdammt, war 'se gut darin. Das Angebot is', du kommst zurück un' arbeitest für'n Onkel, bis'e Schuld beglich'n is'. Wenn ma schaut, wie and're in deiner Familie da war'n... bist'e ähnlich gut, is' das bald geschafft. Besonders bei dein’r flexiblen Moral. Scheiß drauf, was mit’m Rest der Welt wird, is’ ‚ne nützliche Einstellung.“ Noch ehe ich mir dessen bewusst geworden war, hatten meine Finger sich unter einem gleißenden Schwall aufkeimender Wut geballt und ich hatte gehört, wie ihm die Luft wegblieb, ein Ringen nach Atem, ein Japsen. So befriedigend, denn für einen kurzen, ruhigen Augenblick hatte es ihm die Sprache verschlagen.. aber gleichsam so beängstigend, denn mein eigener Zorn und der Durst nach etwas wie Rache hatten mir die eigene Kehle zugeschnürt, wie eine feste Hand an meinem Halse. Das hier war ganz allein Ich gewesen, nur ich, ohne die Schlange. Hier war kein Einfluss und keine höhere Macht am Werk, einzig meine eigene Entscheidung ihn büßen zu lassen für das, was er sich erlaubt hatte in meiner Gegenwart über sie zu sagen, mich wissen zu lassen, dass auch er selbst sich bereits einen Eindruck von ihrer "Arbeit" gemacht hatte. Für keinen Schuldenberg der Welt würde ich den Weg meiner Schwester einschlagen, oder doch? Für Gold vielleicht nicht, aber für das Leben meiner Schwester?
Der vor Tagen noch so reine und hübsch anzusehende Schnee wirkte nun, da ich seinen verlassenen Schritten hinunter vom Grundstück folgte, trist, dreckig und verbraucht. Und obwohl ich mich müde und ausgelaugt fühlte, trieben meine Schritte mich nicht nach Rahal zurück, denn ich wollte ihm entfliehen, dem Schnee, der Kälte, dem Dreckskerl und ein bisschen auch mir selbst und meiner Vergangenheit. Die Schatten die mein Herz erschwerten trieben hellgraue Federn, es erforderte dieses Mal keinerlei Anstrengung sie zu rufen und so setzte sich schon kurze Zeit später ein Flügelpaar in Bewegung, um über das Meer hinweg in wärmere Gefilde zu fliehen. Es war nicht lange her, dass ich hier gewesen war, eine andere Zeit und andere Gründe, doch obwohl ich nicht deswegen hierher gekommen war, suchten meine Augen den verwehten Strand nach der Stelle ab, wo ich noch vor kurzer Zeit so unbesorgt geschlafen hatte. Der Deut einer zurückgebliebenen Kuhle überzeugte mich, mich niederzulassen und so saß ich eine ganze Weile schweigend dort und sah auf das ruhige, mild rauschende Meer hinaus. Tiefe Atemzüge ließen etwas Ruhe und Frieden in meine Lungen ein, so dass der vorherrschende Ärger ein wenig abebbte und auch die Hitze aus meinem Gesicht wich. Ein Tasten nach der eigenen Haut verriet, dass mir der Kopf schmerzte, als hielte sich das Glühen noch an meinen Ohrenspitzen und hinter meiner Stirn fest. Ich schloss die Augen und versuchte mich nur einen Moment an den Abend am Strand zu erinnern. Wie oft ich in dieser Nacht aufgewacht und kurz nach dem anderen Gesicht gespäht oder die verbliebene Narbe beobachtet hatte, gelauscht hatte, ob die Umgebung noch immer friedlich, das Wetter noch immer ruhig war. Mit Leichtigkeit war es mir gelungen am Morgen danach aufzustehen ohne jemanden zu wecken, der Sand war ein verschworener Komplize gewesen, denn auch die Schritte zum Wasser waren beinahe lautlos geblieben und so hatte ich es genossen, nur eine kleine Weile durch das warme Wasser zu waten, dort wo die niedrigen Wellen an meine Haut schlugen. Dennoch kehrte mein Fokus immer wieder auf das ruhende Bernsteinbraun zurück, das, so sollte ich spätestens an diesem Morgen entdecken, ein paar goldene Flecken in der Sonne beherbergte und sich so gut in die morgendliche Strandumgebung fügte. Aurum, wie die milde Farbe des honigscharfen Whiskys.
Wie passend konnte ein Opfer für eine Spinne wohl sein, wenn ich selbst mich gerade wie in einem zurrenden Netz gefangen fühlte, dank ihm, der das Ass im Ärmel hielt. Silberne Fäden die alles miteinander verbanden und sich um meinen Hals zu legen drohten. Unzertrennbare Bänder, so unzertrennlich wie alle Schicksalsfäden. Familie, Vergangenheit, Freundschaft, Liebe, Zukunft, Pflicht, einzelne Personen für die man auf verdrehte Art und Weise immer eine gewisse Schwäche besitzen würde. Doch was passierte, wenn man diesen Faden durchschnitt? Verschwanden die Liebe, das schlechte Gewissen, Wut oder Sehnsucht wenn man ihn durchtrennte, wie der Schmerz einer Wunde, an die nur eine Narbe erinnerte? Das silberne Garn, es musste noch andere Farben geben. Grün, wie das Gift in meinen Adern, welches ich bereitwillig von Serpentin in mich aufgenommen hatte um auch mit ihr ein Band zu teilen, grün wie meine Augen und der ruhige, sonnendurchflutete Wald den ich in meinem Inneren spürte. Hellgrau, wie mein Versprechen an Kra’thor und das feine, leicht verblasste Brandmal in meiner Handfläche, das einem Blitz glich und vielleicht eines Tages der eigene Trumpf zwischen meinen Fingern sein würde. Dunkelrot, wie Leidenschaft und Sehnsucht, das Gefühl für meine Vertrauten und nicht zuletzt auch das, was in uns allen schlummerte und uns am Leben hielt, Blut. Schwarz, wie die Dunkelheit von der ich eben gekostet hatte und die nun herrschende Ungewissheit, womöglich auch das unergründliche Augenpaar einer Spinne. Doch hier im Sand sitzend, konnte ich kurz die Wärme einer Hand fühlen, die zaghaft auf meinem Handgelenk zur Ruhe gekommen war und die den silbernen Faden des Netzes für einen winzigen Augenblick mit Grün und Gold verwob. Ein zweiter Blick auf die Dinge.
Ich hatte dem weitaus älteren Bruder in Verborgenheit der Nimmerruh von meinem Vorhaben mit der Spinne erzählt, ihm einen vorgreifenden Einblick in all das gegeben, von dem ich erzählen durfte. Ich hatte berichtet dass es ein Opfer geben musste und ebenfalls, wie schwer es mir fiel unter meinen persönlichen Ausschlusskriterien eines zu finden. Interessanterweise hatte er, anders als erwartet, weniger meine Präferenzen als die Unternehmung selbst ermahnt, sogar in meinem Geiste nach anderen Beeinflussungen geforscht.. doch nichts, hierbei handelte es sich nach wie vor um meinen eigenen Willen, mein eigenes Streben mich fortzuentwickeln, ein mögliches Ziel zu erfüllen um dem ewigen Raben noch ein wenig besser dienen zu können. Auch hörte ich hin und wieder noch die Stimme, die durch ernste, graue Augen unterstützt wurde und sich sorgte, dass ich mich eines Tages in etwas wie Dunkelheit verlieren würde. Oh, heute hatte ich sie sogar ganz deutlich gehört, als mein eigener, fester Griff sich gelockert und dem Mann etwas seiner Freiheit zu atmen zurückgegeben hatte. Wie ein mahnendes Zischen war sie mir in Körper und Geist gefahren, während ich dem Drang nach Rache nachgegeben hatte, wieder ein Zwiegespräch zweier Wesen, welche darum stritten wie gut oder schlecht es war, es zuzulassen. Säuselnd und versprechend, eine warme Woge von Macht nur allein in meinen Fingern, Überlegenheit und die Möglichkeit ein rasches Opfer einzuheimsen, die Genugtuung von Leid auf seinem Gesicht, als Gerechtigkeit für all den Schmerz den sie meiner Schwester und nun mir zufügten. Und dann wieder ruhig, einflüsternd, wie das Zupfen an einer Haarsträhne, beruhigend und vernunftsbekundend, um keine zu schnellen Entscheidungen zu tätigen oder ein mögliches Spinnenopfer zu verschwenden. Wer hätte gedacht dass ich meine Kriterien schon so bald erfüllt sähe, obgleich der „Onkel“ mit Sicherheit eine noch viel befriedigendere Wahl gewesen wäre.
“Wenn du mir meine Schwester bringst, hierher nach Gerimor, gehe ich im Austausch mit dir nach Cantir und nehme ihren Platz ein.“ So schnell war es über meine Lippen gekommen, so rasch hatte ich meine Entscheidung also über Bord geworfen oder nur schnell genug gehandelt um eine vermeindliche Wahl zu treffen. Denn wie ich es auch drehen und wenden würde, entgegen seiner verlogenen Version meiner Geschichte, würde ich mich immer auf ihre Seite stellen, immer für, aber niemals gegen sie. Und auch damals war ich zu ihrem Wohl gegangen, unwissend von irgendwelchen Schulden, um sie vor mir zu beschützen, vor mir und dem was ich allein mit meinen Händen und ein wenig Wissen schaffen konnte. Man konnte diese Münze so oft drehen bis sie vergriffen war, denn zuerst hatte ich nur versucht ihr beim Überwinden der Albträume zu helfen, dann erst hatte sie begonnen sich den Kopf mit meinen Mittelchen zu vernebeln und sich selbst zu betäuben. Meine Ansicht zu diesem „Geschäftweg“ den sie eingeschlagen hatte, hatte sich auch in den vergangenen Jahren nicht geändert, stets hatte ich sie nur zu befreien versucht, hatte mir die eigenen Hände wund gearbeitet um sie zu überzeugen, dass wir diese Art von Bezahlung nicht brauchen würden, um zu leben. Auch wenn ich selbst genau wusste aus welchen Gründen ich gegangen war, hatte dieser Mistkerl von einem Menschen mich und mein Vorgehen verunsichert. Hatte ich all das wirklich zu verantworten?
Mir blieben nun drei Möglichkeiten: Ich würde ihm eine Art Versicherung geben, eine die ihm garantierte dass ich mit ihm gehen würde und sobald meine Schwester einen Fuß an diese Insel setzte, würde ich ihn daran erinnern, was der wahre Lohn für ein solches Leben und diese Art von Entscheidungen war, doch welche Versicherung konnte das sein? Oder ich würde tatsächlich mit ihm gehen um Narleja dort auszulösen, dann musste ich mich allerdings darauf gefasst machen, dass der „Onkel“ sein eigenes Netz auswarf um uns Beide in seine verdorbenen Geschäfte einzubinden. Alleine, selbst mit Kra’thors Hilfe, konnte ich es kaum mit einer ganzen Bande dieser Gestalten aufnehmen, doch möglicherweise nach und nach.. Die dritte Möglichkeit musste ich zuerst mit einigen vertrauten Geschwistern besprechen, denn das was ich hier vorhatte war nicht wirklich ein Ziel unseres Herrn, es war nur eines meiner persönlichen Ziele, zuerst zumindest, doch würde es einem viel größeren, ewig altem und hungrigem Ziel durchaus dienlich sein.





