... als über die Dunkelheit zu klagen." - temorianische Weisheit
Ein leises Erwachen
Der Todestag von Sir Rafael de Arganta. Brav kniete der Siebenjährige zwischen all jenen, die sich zu diesem Anlass in der kleinen Kapelle einfanden: sein Vater, seine Mutter, Savea, Shaya, Bedienstete des Hauses, und wenn sie konnten, Lady Selissa, Viola...
Dieser Sir Rafael musste total wichtig gewesen sein! Aaryon bewunderte ihn, auch wenn er ihn nur aus Erzählungen kannte. Wenn er groß war, wollte er auch Ritter werden! Er verstand gar nicht, warum heute, an seinem Ehrentag, alle immer so traurig waren. Es war dunkel in der Kapelle, als sie nieder knieten, aber Aaryon wusste, das blieb nicht so. Er mochte es, wenn die Kerzen angezündet wurden. Manchmal flammte die auf dem Altar sogar von selber auf!
"...
Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht."
(aus "Von guten Mächten" von Dietrich Bonhoeffer)
Er hörte die Worte seiner Mutter. Jetzt war der Moment, wo die Kerzen angezündet wurden. Er linste hoch, schaute in das Dunkel, hörte etwas Stoff rascheln und schloss rasch brav die Augen wieder und senkte den Kopf. Gleich würde es etwas heller hinter seinen Augenlidern werden! Er mochte es, wenn er wusste, dass Licht da war, auch wenn er die Augen nicht offen hatte.
Stoffrascheln. Mehr Stoffrascheln. Aaryon wartete und wusste nicht, dass Viola einen Fluch unterdrückte, weil sie die Schwefelhölzer im Dunkeln irgend wo hin geschoben hatte und jetzt nicht fand! Oder.. Himmel, hatte sie die Dinger vergessen?!
Warten. Irgend eine Art von Unruhe breitete sich aus, während das Erscheinen des Lichtes viel zu lange dauerte. Aaryon wagte nicht, zu blinzeln, aber wartete auf das Licht. Auf die Kerzen! Er konnte den Geruch des Dochtes, der Feuer fing, doch geradezu schon riechen...
"Habt keine Angst." Die Kerzen würden brennen. Das spürte er völlig sicher. Er spürte, wie sich die kleine, entstehende Flamme um den dünnen schwarzen Faden legte und zu ihrer Nahrung, dem Wachs griff. Er roch ihre Wärme. Er spürte ihren leisen, beruhigenden Ton, der durch den Atem der anwesenden Menschen schwang. Er hörte das Licht der Kerze, und wie es zu der Kerze Geschwistern eilte, damit sie nicht alleine war. Aaryon brauchte ihr nur zu in Gedanken zu zeigen, wo jede einzelne stand, denn das wusste er ganz genau. Er mochte Kerzen!
Was Aaryon nicht hörte, war die absolute Stille, die entstand, als die Anwesenden sahen, wie sich aus dem Nichts heraus die dicke hellblaue Kerze in der Mitte des Altars entzündete. Violas Geste, irgendwo Schwefelhölzer finden zu wollen, erstarrte. Geräuschlos, ohne das übliche Zischen, hatte sich am Docht eine Flamme gebildet. Und jetzt sprang die Flamme weiter! Nach und nach, mit schlafwandlerischer Sicherheit, trug sich ein Flämmchen zu allen Kerzen im Raum und zündete sie an. Niemand achtete auf den Jungen, der mit selig ruhiger Miene zwischen ihnen kniete und dessen Gesichtchen selbst ein bisschen zu leuchten schien.
Seine Mutter dankte Temora im Stillen für ihr Zeichen, während ihr zwei, drei Tränen der Rührung übers Gesicht flossen und fuhr mit dem Gebet fort:
"Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang."
Ja. Aaryon hörte ihn. Nein, spürte! Nein... hm, es gab kein Wort dafür. Oder er musste seine Frau Mutter fragen. Er... trieb in Harmonie in ihm wie ein schwimmendes Stückchen Holz unter Wasser. Er spürte die Ströme, diesen ... vollen Klang... Gesang... das war schön.
Später erklärte seine Frau Mutter ihm, dass man das "Ergriffenheit" nenne. Aha.
Probleme
Keuchend ließ Aaryon vornüber gebeugt das silberne Kettenhemd über seinen Rücken gleiten, wie man es ihn gelehrt hatte und mit einem Rasseln sanken sowohl das Metall wie auch der Junge zu Boden. Die Paladin sah dem Geschehen mit unbewegter Miene zu, denn sie konnte kein Mitleid mehr für ihren elfjährigen Sohn erübrigen, was das betraf. Sie waren schon auf Silber statt auf Eisen umgestiegen, damit er keinen Hautausschlag mehr bekam, und jetzt das?!
"Dann fehlt dir eben noch Kraft, Aaryon", sagte sie streng, "Du kannst mir nicht erklären, dass dieses Kettenhemd zu schwer ist, es ist gerade mal ein Vier-in-Eins-Geflecht. Es geht auch Sechser!"
Aaryon zitterte. Vor Wut, vor Enttäuschung von sich selbst, vor Schwäche, er konnte es nicht sagen. "Ich kriege keine Luft, Frau Mutter!", wollte er widersprechen, doch das Geröchelte klang nicht sehr überzeugend.
"Drei Runden um das Gut, wenn du wieder auf die Füße kommst", lautete die Ansage, mit der Darna sich abwandte, "Im Laufschritt!"
Aaryon schloss die Augen. "Ja, Frau Mutter."
Er fühlte sich so unfähig. Er glaubte nicht, sich mit dem Kettenhemd anfreunden zu können. Tief im Innersten verabscheute er es. Er machte so tapfer bei den Schwertübungen mit, lernte wirklich alles über Taktik, aber...! Würde doch kein Ritter aus ihm werden?
(Szenenwechsel)
"Zieht die Sehne weiter zurück! Weiter!" Im wahrsten Sinne des Wortes presste Aaryon verbissen die Zähne zusammen und zerrte an der Sehne, presste den Bogen dabei nach vorne, obwohl sein Arm längst zitterte.
"Zielen...!", ordnete Shaya an und versuchte, dem Burschen irgendwie Ruhe zu vermitteln.
Zielen! Zielen brauchte er nicht! Er wusste ohne jeden Hauch eines Zweifels, wo das Ziel war! Die Kraft in seinen Fingern ließ nach und der Pfeil traf gerade mal den Rand der Strohscheibe. Shaya verkniff sich ein Seufzen und legte eine Hand auf die bebende Schulter des schlaksigen Jungen, der einfach schneller wuchs als seine Muskeln, trotz erbarmungslosem Training. "Ihr habt den Wind nicht bedacht", versuchte sie, ihn zu lehren und erntete einen empörten Blick. Der Bursche zitterte, und es ließ sich nicht sagen, ob vor Schwäche oder Wut. Den Blick kannte sie - wenn sie es jetzt nicht beendete, gäbe es Streit, bösen Streit. Sie wandte sich ab, ignorierte Aaryons Starren in ihrem Rücken und sah ratlos ein paar Atemzüge lang über den Tisch, auf dem die Utensilien lagen. Aaryon senkte den Blick, als er das Gefühl bekam, er täte Shaya sonst weh und starrte frustriert auf das Fässchen mit den Pfeilen. Mistdinger! Viel zu schwer, viel zu plump! Er griff einen heraus und schmiss ihn voller Wut weg.
"Vielleicht doch mit einer Armbrust?", überlegte sie halblaut und schüttelte direkt den Kopf, "Nein, das würde Milady nicht erlauben. Niemals." Sie hörte einen dumpfen 'Plock'-Laut und drehte den Kopf: in der Mitte der Zielscheibe steckte ein Pfeil, wie sie erfreut feststellte. "Ihr könnt ja doch das Ziel treffen!", lobte sie den Jungen, der überrascht von sich selbst auf den leeren Bogen in seiner anderen Hand sah. Sie klopfte ihm auf die Schulter. "Werdet Ihr nur nervös, wenn man Euch beobachtet? Das ist nicht schlimm, das legt sich!"
"Äh... ... ja..." Blinzelnd log Aaryon, denn er wusste selber beim besten Willen nicht, was eben gerade geschehen war. War er so in Gedanken gewesen, dass er doch noch mal einen Schuss probiert hatte?
Was immer es auch gewesen war, er schaffte es nicht, den Schuss mit dem Bogen zu wiederholen, auch wenn er passabel damit umzugehen lernte - wie mit allem, was man ihm zu lernen anbot: passabel. Aber zu einem wirklich guten Schützen taugte er nicht.
Fehler
Ja, ein wirklich schönes Haus hatten diese vons. Eigentlich viel zu hübsch für so ein unbedeutendes Kaff wie dieses.. wie hieß das hier? Irgendwas mit Elfen. Oder Hirschen? Egal. Also nahmen die Adeligen hier wohl die armen Leute aus, ja ja, es war überall das Gleiche. Venebris, seines Zeichens achtbarer Magus des Konzils des Bewahrens, strich sich durch den erhaben weißen Bart.
Nur leider sehr viel Metall hier, ja. Rüstungen hier, Schilde dort, überall schnöde Waffen...
Fast mitleidig sah er auf den Burschen, der schräg vor und zwischen Vater und Mutter stand. Selbst die Mutter trug Rüstung, gute Güte. Wie alt sollte er sein, hatten sie gesagt? Zwölf? Nein, wohl eher vierzehn, so groß, wie er schon war. Viel zu alt.
Man musste es ihm nachsehen, wenn er gerade nicht gut zuhörte, in Gedanken war er ja schon längst wieder daheim und fragte sich besorgt, wie viele Bücherregale seine Kollegen in seiner Abwesenheit schon wieder umgeräumt hätten und wie lange er brauchen würde, um die Werke, die er benötigte, wieder zu finden. Die Register mochten ja nett sein, aber ein gestandener Magus in seinem Alter orientierte sich doch lieber am Holz der Regale! In Reihe Nummer Zweihundertvierzehn standen die Abhandlungen über die Temporis anni circulae und ihre Auswirkungen unter dem Einfluss der Gestirne der Ungula panthera, und..
"Und?" Venebris blinzelte und führte seine Gedanken fort: "..und ich frage mich, ob die da noch stehen."
"Wie bitte?" Die Gerüstete sah ihn verständnislos und irgendwie pikiert an. Der Gemahl verdrehte die Augen. Ja, so war das immer, einfache Leute verstanden keine Magiere!
Venebris atmete durch und übte sich in Nachsicht. Wieso stand eigentlich dieser Bursche vor ihm, sollte er sein Schüler werden? Viel zu alt. Sein Gepäck tragen? Nein.
Ach so!
Väterlich legte der Magus ihm die Hand auf die Schulter. Oh, all dieses Metall überall! Nein, keine Chance, da brauchte er gar nicht seine Kräfte zu verschwenden, um wirklich nachzusehen. "Keine Sorge", beruhigte er die Eltern, die ja nun eindeutig mehr dem Kriegerhandwerk zugetan waren als dem Studium arkaner Schriften, "Er wird sicher ein guter Erbe Eures Hauses werden!"
"Er ist nicht womöglich magisch begabt?"
Zweifelte man etwa seine Erfahrung an?! Energischer strich sich Magus Venebris durch den Bart. "Nein. Sicher nicht."
"Nun gut", Adrian stand auf. Dieser alte Mann nervte ihn, aber in Elbenau wuchsen Magiere nicht auf Bäumen, da musste man fragen, wen man kriegen konnte. "Ihr müsst erschöpft sein, wir lassen Euch Euer Zimmer zeigen."
"Danke."
Etwas verloren blieb Aaryon zurück und senkte den Blick.
Ritter nicht.
Schütze nicht.
Und Magier also auch nicht.
Etwas daran machte ihn fürchterlich wütend, frustriert, auch wenn ein Posten als "einfacher" Verwalter eines Lehens doch nun wirklich nichts ehrenrühriges war!
"Zünde lieber eine Kerze an, ...
- Aaryon von Hohenfels
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