Die Vision

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Kyre'ath

Die Vision

Beitrag von Kyre'ath »

Kyre’ath hatte sehr lange tief im Gebet zum All-Einen verweilt. Hatte seine Nähe in ihren Reisen durch das alatarische Reich gesucht, bis sie schließlich von Vater eine Vision empfangen hatte. So sah sie ihr Ziel deutlich vor sich: Ediphanie Carolina Fiara von Winterfall-Aschenfeld zu Ehrenstein und Ruchin. Als angehende Lethoryxae hatte sie gelernt sich zu verkleiden und sich als Menschenweib zu tarnen. Auch Gifte waren ihr nicht fremd, so legte sie ihre menschliche, bleiche Maske an und steckte einige Phiolen mit Gift ein, ehe sie sich auf die Reise nach Aschenfeld machte. Sie verschwendete keinen Gedanken an die kräftigen Reitpferde, welchen sie auf ihrem Weg nach Ruchin, der Hauptstadt des Herzogtums begegnete. Sie war alleine auf ihr Ziel fokussiert.

Kyre’ath huschte lautlos durch die dunklen Gassen von Ruchin, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Sie fühlte, wie das Gewicht ihrer Bestimmung sie immer schwerer drückte, doch ihr Glaube an den All-Einen stärkte sie. Die Vision, die sie erhalten hatte, war klar: Ediphanie Carolina Fiara von Winterfall-Aschenfeld musste sterben. Die Zeit war gekommen, die letzte Phase ihres göttlichen Auftrags zu vollenden.

Als sie das Anwesen von Winterfall-Aschenfeld erreichte, hielt sie inne und musterte die mächtigen Tore. Vor diesen standen zwei schwer gepanzerte Wachen, ihre Hellebarden glänzten im schwachen Licht der Laternen. Ein direkter Angriff wäre töricht gewesen. Doch Kyre’ath war keine gewöhnliche Attentäterin – sie war eine angehende Lethoryxae, eine Dienerin des All-Einen, verfüllt von seiner Macht, seinem, Hass, seinem Zorn und sie hatte die Kunst der Täuschung und Tarnung gemeistert.
Sie legte eine Hand an ihren Gürtel, wo sie eine kleine Phiole hervorzog. Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie den Inhalt in die Luft streute.
Der unsichtbare Nebel, der aus der Phiole entwich, glitt unbemerkt durch die Luft. Innerhalb weniger Augenblicke begannen die Wachen zu schwanken, bis sie schließlich lautlos tot zu Boden sanken. Kyre’ath wartete einen Moment, um sicherzugehen, dass keine weitere Gefahr lauerte, dann glitt sie durch das Tor und in die Schatten des Gartens.

Das Anwesen selbst war imposant, seine weißen Mauern leuchteten wie eine Mahnung in der Dunkelheit. Kyre’ath blieb wachsam. Sie wusste, dass die Herzogin nicht nur einfache Wachen auf ihrer Seite hatte – eine Frau von solchem Einfluss verfügte oft über magische Schutzmaßnahmen. Doch bis jetzt hatte nichts ihre Tarnung durchbrochen.
Ihre Hand umklammerte eine Phiole mit Gift, als sie durch das Labyrinth der Korridore in das private Gemach der Herzogin schlich. Der Plan war einfach: ein Tropfen in den Weinbecher, und das Leben der Herzogin wäre vorbei.

Als sie durch die prunkvollen Hallen glitt, näherte sie sich dem Privatgemach der Herzogin. Dort wollte sie ihre Aufgabe erfüllen – die Frau, die sie gesehen hatte, die in ihrer Vision zum Ziel geworden war, sollte fallen.
Doch als sie die Tür zum Schlafgemach öffnete, wurde sie überrascht. Ediphanie Carolina Fiara saß aufrecht in ihrem Bett, umgeben von dunklen Schatten, als ob sie gewusst hätte, dass Kyre’ath kommen würde. Die Lampe neben ihr warf ein sanftes, unheilvolles Licht auf ihre Miene.
„Du bist also gekommen“, sagte die Herzogin kühl. Ihre Augen glitzerten gefährlich. „Glaubst du wirklich, ich hätte dich nicht erwartet?“
Kyre’ath erstarrte für einen Moment, ihre Sinne auf Alarmbereitschaft.
„Wachen!“ rief die Herzogin, ihre Stimme scharf wie ein Dolch.
Dann hörte sie das metallische Klirren hinter sich. Ohne sich umzudrehen, wusste sie, dass die Wachen auf sie zustürmten.
Mit einem schnellen Sprung drehte sich Kyre’ath um, ihre Klinge gezückt, bereit für den Kampf. Die ersten beiden Wachen stürmten auf sie zu, ihre Hellebarden auf die Lethra gerichtet. Doch Kyre’ath war schneller. Sie duckte sich unter dem ersten Schlag hindurch und stach präzise in die Lücke zwischen Brustplatte und Schulter eines der Wachen, der mit einem tiefen Stöhnen zu Boden ging.
Doch die zweite Wache war besser vorbereitet. Sie parierte Kyre’aths Angriff mit einem lauten Klirren, während eine dritte Wache von der Seite auf sie zustürmte. Der Raum war eng, und Kyre’ath wusste, dass sie zahlenmäßig unterlegen war. Aber Aufgeben war keine Option.
Die nächste Wache griff an, und Kyre’ath wehrte den Schlag mit ihrer eigenen Klinge ab, doch der Aufprall ließ ihre Knochen vibrieren. Ein weiterer Hieb, diesmal von hinten, streifte ihre Seite, und sie spürte, wie warmes Blut ihre Kleidung tränkte. Die Wachen umzingelten sie, ihre Klingen bereit, sie niederzustrecken.
Mit einem letzten Aufbäumen kämpfte Kyre’ath weiter, ihre Klinge blitzte im schwachen Licht, als sie einen weiteren Gegner zu Boden schickte. Aber sie war zu stark verletzt, ihre Bewegungen wurden langsamer. Der Kampfeslärm hallte durch den Raum, doch sie spürte, wie ihre Kräfte schwanden. Schließlich traf eine Hellebarde sie schwer in die Seite, und sie fiel auf die Knie.
Blut überströmte den Boden, und Kyre’ath keuchte, während sie versuchte, sich aufzurichten. Ihre Vision verschwamm, und sie spürte, dass das Ende nahe war. Doch selbst in diesem Moment gab sie nicht auf. Mit letzter Kraft hob sie ihre Waffe, doch die Wachen waren unerbittlich. Ein finaler Schlag brachte sie zu Fall.
Mit ihrem letzten Atemzug hob sie den Blick gen Himmel, suchte nach einem Zeichen des All-Einen. Doch nichts erschien. Kein Zeichen Vaters, keine Erlösung. Nur die eiskalte Dunkelheit, die sie umgab.
„Dein Wille geschehe...“ flüsterte sie, bevor alles schwarz wurde.
Eine der Wachen beugte sich über den blutigen Leib und trennte den Kopf der Lethra mit seinem Schwert von ihrem Leib. Eine behandschuhte Hand griff in ihr Gesicht um jenes musternd zu drehen, wobei die Schminke verschmiert wurde. Der Wachmann wandte sich seinem Vorgesetzen zu und hielt ihm den Kopf hin.
„Seht nur… die Haut ist blau…“
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