Der letzte Hammerschlag
Verfasst: Samstag 17. August 2024, 18:53
- Der Schleifstein glitt mit einer flüssigen Handbewegung über das rötliche Axtblatt. Die Pyrianaxt wies die ein oder andere Scharte auf und der Kâl Dâr schnaufte. Am Ende vom Tag war kein Metall so widerstandsfähig wie das heilige Mithrill. Die Zornesröte stieg ihm ins Gesicht und fluchend erhob sich der Wühler. Der Bergvater hatte ihm viele Gaben und Fähigkeiten in verliehen, doch Geduld und das Schleifen von Scharten gehörten nicht dazu! Es war ohnehin mal wieder Zeit für eine Patrouille durch den heiligen Berg. So machte sich Rago auf, schulterte die Waffe und mit zackigem Schritt und wachsamen Blick begab er sich zur alten Goldhandschmiede hinüber. Wie oft war er als Rhûkum bereits hier gewesen und hatte sich die Rüstung ausdellen lassen? Leise gluckste er in Gedanken an die Schimpftiraden des Goldhand-Meisters aufgrund des rücksichtslosen Umgangs mit der Ausrüstung. Kräftig pochte er an die Tür, doch es kam keine Reaktion. Erst jetzt stellte Rago fest, dass er ein Zottelrattenhirn war. Er was es so gewohnt gewesen, Brogrums Schmiede aufzusuchen, dass er vergessen hatte, dass der Kalure den Schmiedehammer an die Wand gehängt und sich der Graik angeschlossen hatte. Naja, musste er halt einen anderen Schmied finden …
Grölend lachte Rago, als der Kurzbart-Rekrut der Graik schwitzend über den erdachten Hindernisparcours stolperte. Mit Argusaugen beobachtete er die Bewegungen der Graikler und die Ausrüstung. War es als Kâl Dâr doch mitunter seine Aufgabe die Truppe auf Zack zu halten. Zum Apell hatten sich alle die nicht gerade mit einer wichtigeren Aufgabe oder einem Wachgang beschäftigt waren eingefunden. Alle waren da, nur einer der neueren Rekruten des Berges fehlte. Es war zugegebenermaßen kein Kurzbart mehr, doch im Umgang mit einer Waffe war jener Kalure noch unerfahren. „Wo bei Cirmias Barte ist, Brogrum abgeblieben!?“ Als Schmiedemeister war er sonst stets pünktlich und legte Wert auf Genauigkeit und Pflichtbewusstsein. Das laute Scheppern eines gestolperten Graiklers riss den Wühler aus seinen Gedanken. „Eh! Aufstehen, wir sind nicht bei den Schweinsnasen hier!“ brüllte er jedoch mit einem Hauch Belustigung in der Stimme.
Mit gefurchter Stirn besah sich der Getwergelyn die Diensttafeln. Es war üblich die Wachgänge für mindestens einen Mondlauf im Voraus festzulegen. Alle Kaluren hatten sich immer zurückgemeldet. Alle Kaluren bis auf Einen. Sorge machte sich im fülligen Wühlerkörper breit und sogleich eilte er zum Kâl Khâzad und besprach die Situation mit ihm. Brogrum war seit geraumer Zeit verschollen. Die Goldhandschmiede war verwaist, in der Mine war er nicht, zu Apellen ist er nicht erschienen und auch zu den eingeteilten Unterrichten und Wachgängen war Brogrum nicht erschienen. Jetzt war Eile geboten! Rago persönlich stellte einen Stoßtrupp zusammen und sogleich wurde die Suche begonnen. Auf dem Graik-Dienstplan wurde bestimmt, welche Routen Brogrum wohl zuletzt auf seiner Patrouille abgelaufen ist. Auf der Klamm und in den bewohnten Stollen im Nilzadan gab es keine Spur von Brogrum. Die erste Expedition in die Frostklamm und die eisigen Höhlen darunter wurde unternommen und auch hier gab es keine Spur vom Bart des Goldhands.
So wurde eine ordentliche Pause eingelegt und schließlich begann die Gruppe der Graikler die tieferen Stollen des Nilzadan in Angriff zu nehmen. Brogrum hatte einen der Tunnel ablaufen sollen, dass wussten die Kaluren. Mit schnellem Schritt und voller Wachsamkeit schritten sie den Tunnel hinab, bis sie nach einer Biegung zum Stehen kamen. „Karte!“ bellte Rago. Er kannte die meisten Stollen natürlich, doch wollte er auf Nummer sicher gehen. An der Stelle hätte der Tunnel frei sein sollen, doch war er verschüttet. Die Graikler schmiedeten folglich einen Plan. Ein Teil der Gruppe ging zurück, um die fähigsten Stollenbauer zu holen und der Rest blieb vor Ort und hielt die Stellung. Es dauerte eine Weile, bis eine abgehetzte Truppe Kaluren mit dem entsprechenden Werkzeug eingetroffen war. Sogleich wurde sich daran gemacht den Tunnel wieder freizuschaufeln. Ungeduldig tippte der Wühler mit dem rechten Zeigefinger auf seine Schläfe. Seine Brüder gaben ihr Bestes, doch ging es ihm nicht schnell genug. Weiß der Seelenschmied was hinter den Felsen passiert ist!
Als der Durchgang geöffnet wurde, war Rago bereit. Die Wühlerrüstung aus Brogrums Hand saß wie angegossen. Der Helm war festgeschnallt und die Krallenhände waren so scharf und bereit wie an dem Tag, als er sie zu Ehren der Wühlerweihe von Brogrum erhalten hatte. Als der Tunnel freigegeben wurde, eilte Rago an der Spitze der Graikler durch die Öffnung. Sie befanden sich in einer größeren Höhle. Schnell blickte er sich um. Keinerlei Bewegungen waren auszumachen, doch sah er einige Leichen. Hier hatte es einen großen Kampf gegeben! Überall lagen tote Zweiköpfe in der Höhle verteilt. Das Adrenalin pumpte durch Ragos Körper. Tote Zweiköpfe waren in den tieferen Stollen nicht unbedingt eine Seltenheit, aber so viele auf einmal – das war ungewöhnlich. „Kâl Dâr, schau!“ Ein Graikler an Ragos Seite deutete auf eine Stelle in der Höhle. Etwas bläuliches schimmerte dort unter einem Felsen hervor. Sogleich eilte Rago hinüber. Die Augen weiteten sich. Eine Ader an seiner Schläfe trat hervor und lautstark fluchte der Kâl Dâr. Ein Stein war herabgestürzt von der Decke, oder ein Ettin hatte ihn auf den Kaluren geworfen, das war nicht mehr auszumachen. Doch unter dem Felsen lag ein Kalure begraben. Ein Kalure, den Rago nur all zu gut kannte. Es war der verschollene Brogrum. „Helft mir mal, kommt schon!“ brüllte Rago und sogleich machten sich alle daran den Felsen von Brogrum wegzuschaffen. Wie ein wilder rüttelte Rago an dem Körper, doch es passierte nichts. Eine einzelne Träne rann die Wange herab, dann machte sich der Zorn im Körper Ragos breit. „Warum ist der alte Sturschädel allein in die Stollen gekommen!?“ Mit der Faust schlug Rago neben Brogrums regungslosen Körper in die Wand. Wieder und wieder. Nach einer Weile konnte sich Rago lösen und er bellte die Befehle. Die Graikler untersuchten die Höhle noch eine Weile und kamen zu dem Schluss, dass Brogrum auf seiner Patrouille in dieser Höhle von einer Horde Zweiköpfe überrascht wurde. Da die Stützbalken durchgeschlagen waren hatte er wohl versucht die Höhle zu versiegeln, sodass die Unwesen keine Gefahr für die Bewohner des Nilzadan werden können. Der Leichnam des Brogrum Goldhand wurde geborgen und zurück in die große Stadt gebracht. Nach kalurischer Tradition wurde Brogrum nahe der Bauhütte bestattet. Während der Zeremonie sprach Rago kein Wort. Er hatte nicht nur den Erschaffer seiner Rüstung und des Großteils seiner Waffen verloren, sondern auch einen guten Freund. Seit jenem Tag glänzt das Siegel des Schmiedes auf Ragos Brustplatte wie am ersten Tag.