Durch Sturm und See, auf ewig geeint.

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Arjen Elsinga
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Registriert: Sonntag 26. Mai 2024, 07:07

Durch Sturm und See, auf ewig geeint.

Beitrag von Arjen Elsinga »

01 - Das Schwerste Gepäck

Das alte Holz in der, verglichen mit den Mannschaftsunterkünften, einer Kathedrale gleichenden Kapitänskajüte, widersetzte sich der einsetzenden Stille durch ein unregelmäßiges, müdes Knarzen, während im Gleichklang dazu die den Bug umspülende See für konstant aufwallende Geräusche sorgte, die auf der anderen Seite des Rumpfes penetrant daran erinnerten, dass, fern dieses Schiffes, nur der Tod auf all’ jene wartete, die so töricht waren, den schützenden Körper dieser Einheit aus Holz, Segeln und Stahl, gefüllt mit Menschen, zu verlassen.

Während Arjen Elsinga, seit nunmehr gut drei Jahresläufen, auf dem alten Zweimaster, der “Silberspeer”, diente, war er zu einem festen Bestandteil des Schiffes geworden, das sonst eher als Durchgangsstation für Seeleute in ihrer Ausbildung diente. Umso mehr konnte er die Anspannung spüren, mit der sich der Raum füllte, als er, Haltung bewahrend, seinem Kapitän ein Schreiben übergab. Worte wurden nicht gewechselt, sah doch der alte Mann am gegenüberliegenden Ende eines ausladenden Schreibtisches, der viel zu groß für den Rest des Raumes war, im Blick des Mannschafters, dass der Inhalt des Schreibens Probleme mit sich brachte, die er vermutlich nicht gebrauchen konnte. Die Augen des Kapitäns pendelten stumm über die Zeilen des spärlich beschriebenen Papiers. Er nahm sich sichtbar mehr Zeit als für das Verstehen der Zeilen nötig war und Arjen rechnete damit, dass der Kapitän bereits eine Erwiderung schmiedete, deren Intention der Seemann nicht abschätzen konnte.

Im Laufe der wenigen Jahre hatte Arjen gelernt, dass Kapitän van de Graaf ein zuverlässiger, ein guter Kapitän war, der sich um den Zusammenhalt seiner Leute mehr scherte, als um sein eigenes Wohlbefinden - letztlich aber doch, Krone und dem Dienst verpflichtet, einige Entscheidungen getroffen hatte, für die Arjen dankbar war, dass sie unter Kapitänsvorbehalt standen. Sein Leben galt der Krone und dem Dienst - und es wartete, mit nunmehr weit über 50 Wintern, keine Frau im Heimathafen der “Silberspeer” auf ihn. Treffend formulierte er einst gegenüber dem Seemann, dass er, jedesmal wenn er sich an Land befände, die See, diese ungestüme Braut es sei, die ihn in ihr Bett locken wollte, doch noch sei er nicht bereit, ihrem Ruf zu folgen. Und tatsächlich steckte noch so viel Kraft und Leben in diesem alten Seebären, dass es wohl für drei Seeleute gereicht hätte.

Während van de Graaf also nun die wenigen Zeilen in gefühlt endloser Wiederholung las und dabei nicht selten auf das Begleitschreiben blätterte, auf das sich die Zeilen bezogen und das Arjen, obschon nicht erforderlich, in einem Anflug von Pflichtvergessenheit, beigemengt hatte, bemerkte er, dass man das Alter des Schiffes in diesem Raum intensiv wahrnehmen, förmlich riechen konnte. Obschon in der Haltung unbewegt, pendelte sein Blick zu verschiedenen Memorabilien aus dem Leben des Kapitäns und damit - zwangsläufig - auch dem Schiff. Van de Graaf hatte einen Großteil seines Lebens auf der alten Dame verbracht und sie war, obschon alt, noch immer seetüchtig und hatte bislang weder im Kampf, noch bei langer Zeit auf See, den Eindruck von Schwäche erweckt. Sie war in vielerlei Hinsicht dem Mann, der Arjen gegenüber saß, ähnlich - oder van de Graaf hatte sich im Laufe der Jahre dem Schiff angepasst. Man konnte es nicht sagen. Fest stand, dass Kapitän und Schiff eine Seelenverwandtschaft verband, die man sonst nur zwischen engsten Vertrauten fand. Umso weniger konnte Arjen Elsinga den Blick deuten, als der Kapitän zu ihm aufsah und auch nicht im Traum daran dachte, den Befehl zum Rühren zu geben. Zweifelsohne der erste Akt des Aufbegehrens, hatten sie doch in der Vergangenheit oft und zwanglos in diesem Raum gesessen. Es wäre vermessen gewesen zu sagen, sie wären Freunde. Aber dass der Kapitän ihn in seine feste Mannschaft aufgenommen hatte, bewies Respekt und dass er etwas in ihm sah, das Arjen vermutlich nur erahnen konnte. Den Blick indes, konnte der Seemann keiner einzelnen Emotion zuordnen. Es fanden sich Spuren von Resignation, aber auch Ärger und dann wieder Enttäuschung darin.

Es war eine wilde Mischung verschiedener Empfindungen, die damit konkurrierten, ob der alte Kapitän dem Seemann viel Glück wünschen, oder ihn ob der Idee, die Mannschaft ins Ungewisse zu verlassen, anschreien sollte.

“Deine Familie ist hier. Auf diesem Schiff.” stellte der Kapitän nun, erstmals das Wort ergreifend klar. Die Worte rollten langsam über seine Lippen und die Festigkeit, mit der sie gesprochen wurden, ließen keinen Zweifel an der Unumstößlichkeit der Aussage aufkommen und wurde nur von dem penetranten Starren des alten Seemannes unterstrichen. “Ich bin dankbar für ..” begann Arjen mit pflichtgemäßer, protokollhafter Intonierung, doch letztlich kam er nicht dazu, weiter zu reden. Ein Krug, der aus dem Nichts in der Hand des Kapitäns erschienen war, flog knapp an dem jungen Seemann vorbei und zerbrach irgendwo hinter ihm an der hölzernen Wand. Arjen traute sich nicht, auch nur für einen Moment, hinter sich zu sehen, insbesondere da er im gleichen Moment so intensiv angebrüllt wurde, dass er das Gefühl hatte, ein Sturm wäre aufgezogen - und ehrlicherweise war er das auch. “Gar nichts bist du!” brüllte der Kapitän sich in Rage. “Dankbar.. so ein Unsinn! Grün hinter den Ohren warste und jetzt das?! Lichtenthal? Lächerlich! Haben die überhaupt Schiffe? Ansonsten nimm’ dir eins von den Beibooten, kannst’ damit in einem Teich dein eigener Käptn’ sein. Gehts darum? Willst du unbedingt so schnell vorankommn’ ?!”

Arjen neigte sich in der Körperhaltung sichtbar ein wenig nach hinten. Wann immer van de Graaf so salopp sprach und sich nicht der eigentlich festen, militärischen Wortwahl bediente, konnte man sich sicher sein, dass er sich noch über Stunden nicht beruhigen würde. Und tatsächlich tat er das auch nicht.

Das Gespräch, so kurz es am Ende war, gestaltete sich eher als Monolog und die wenigen Beteuerungen von Arjen Elsinga, dass sein Versetzungsgesuch zur Lichtenthaler Marine dem Sammeln neuer Erfahrungen galt, bei dem Aufbau von etwas neuem dabei zu sein, all’ das war dem alten Kapitän egal. Es war ein Verrat. Ein Verrat an ihm und dessen, was er offenbar für den Seemann im Sinn gehabt hatte - was letztlich vor allem darauf hinauslief, noch viele Jahre auf “Der Silberspeer” zu dienen - möglicherweise sogar bis zu ihrem bitteren Ende. Es war das letzte mal, dass Arjen Elsinga die Kapitänskajüte betrat. Alle Aufträge, die man ihm nun angedeihen ließ, wurden durch den ersten Offizier überbracht und beliefen sich in vor allem auf Tätigkeiten, die sonst niemand machen wollte. Die Navigation, der Bereich in dem Arjen bislang hauptsächlich Verwendung fand, war binnen eines Tages auf einen neuen Seemann übertragen worden und die Fahrt war vor allem von dem Gedanken geprägt, dass die Idee, dem Kapitän das Schreiben in vertrauter Umgebung zu überreichen, sich am Ende nicht als klug erwiesen hatte. Ganz und gar nicht.

Einige Wochen später, als die “Silberspeer” im Heimathafen von Alrynes einlief, hatte sich zwar das Verhältnis zum Rest der Mannschaft beruhigt, doch der Bruch war weiterhin spürbar und war das bei weitem schwerste Gepäck, das Arjen Elsinga mit sich nahm, als er ein letztes mal von Bord trat.

Insgesamt hatte sein Versetzungsgesuch auch außerhalb des Schiffes nicht für Begeisterungsstürme gesorgt und die Überfahrt nach Gerimor erfolgte schließlich auf einem zivilen Handelsschiff, ohne irgendein Begleitschreiben oder eine förmliche Verabschiedung. Die Nachricht war deutlich: Die Marine in Alrynes, hatte für diesen Seemann keine Verwendung mehr.
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