Die Gemäuer des Grauen Banners waren kalt, Staub lagerte sich auf Regalen und in Ecken ab, Spinnweben an der Decke der hohen Räume, um die Feuerbecken herum, die nur zu Anlässen entzündet wurden. Er starrte in die Glut, die noch übrig war – das zweite Mal hatte er Holz nachgelegt, kurz bevor das Kaminfeuer erloschen war, die Gedanken ließen ihm keine Ruhe und sie trieben ihn in eine Welt, in der er lange nicht versunken war… zuletzt, bevor der Herr ihn erwählt hatte. Mehr als zwei Jahresläufe war es her. Das bekannte Gefühl, das nun wiederkehrte, machte ihm Angst, verwirrte seinen Geist, und zugleich eröffnete es etwas in ihm, von dem er wusste, dass es Teil eines ‚nächsten Schrittes‘ war, den er gehen würde.
Die Worte hallten in ihm nach, Stunde für Stunde… „Eine… Gegen…leistung… eigenes Opfer… der Herr wird… nicht gemolken, Diener…“ – „Mehr.. von euch… müsst ihr geben.. wenn eure.. Werke… gelingen.. sollen.“, eine dröhnende Stimme, ein Schauer durchfuhr ihn, als sich seine Gesichtszüge verzerrten, das Grauen durchdrang als Echo wieder seinen Leib und Kälte durchfuhr ihn. Er ballte die Hände zur Faust, einpaar Mal, um Wärme zu erzeugen, während der Blick kälter wurde, die Welt um ihn herum verblasste… ein Krächzen, er glitt über die Wälder, bekannte Wälder, ein Wasserfall, Ort der Erinnerung, Thyra… Freunde aus der Vergangenheit, dunkle Wolken brachen das Bild, Schauerregen, Blitze, als er sich dem Holzhaus näherte – und ein Mann lag darin, eine Frau an seiner Seite, ein Heiler betrachtete die Wunde – die Wunde war schwarz, das Gewebe nekrotisch, die Venen bläulich schimmernd, als würde der Tod durch die Adern des Mannes fließen. Das Gesicht des Mannes war nicht erkennbar, aber er kannte das Haus – die Frau… den Heiler, Arrigal, dessen Gesicht blass war, als er die Worte sprach. „Es tut mir Leid. Ich kann nichts mehr tun.“
Angst, blanke Angst. Er blickte in das Gesicht des Mannes, eine leblose Fratze blickte ihm entgegen, verzerrt und bar jeder Emotion, leer, das Angesicht des Todes, er war gestorben, damals, in Grenzwarth. Der Wolf… hatte ihn erlegt, die Fäulnis. Es war der Beginn. Es gab kein Zurück.
„Mehr… von euch…“, wiederholte er vor der Glut sitzend die Worte, als er zurück in seinen Leib gerissen wurde, der sich nunmehr dumpf anfühlte, taub, als wäre er getrennt von sich, abgespalten. Ein dumpfer Druck auf seinen Ohren, als er sein Jagdmesser zog und sich vom Stuhl erhob. Ruckartig waren die Bewegungen, unkontrolliert, der Stuhl schepperte zu Boden und in relativ zügigen Schritten verließ er die Burg.
Die Jagd… war eröffnet…

Die Kontrolle über sich selbst – das war es, was er nie aufgeben würde, was er nicht aufgeben konnte. Wer… war er, wenn er nicht die Kontrolle behielt – das Jagdmesser in der Hand schritt er durch die Dämmerung, sein Blick war wachsam; seine Vergangenheit machte ihn zu einem fähigen Fährtenleser, der Stunden, manchmal Tage zurück zu deuten vermochte, was an einem Ort passiert war – die Leere, die ihn erfüllte, war schwer auszuhalten, das Gefühl von ‚Nichts‘ – er musste sich an einem Baumstamm festhalten.
„Fürst… ich diene dir, opfere dir die, die keine Zukunft haben… und die, die eine Zukunft hätten, ich fordere nichts. In der Grabkammer vereinen wir uns, die Nimmerruh hat ihren Preis. Ihr Schutz… ermöglicht uns, dir besser zu dienen. Vater, Richter, lass uns ein Mahnmal errichten, das Leben zu Tod werden lässt, ein Spiegel für all jene, die versuchen dir zu schaden. Die Ziele deiner Feinde ins Gegenteil verkehrt, soll das Leben dir dienen, als untotes Leben. Lass das Leben um die Nimmerruh weichen, und das erwachsen, was unsere Schwester aus dem Herzen des Feindes gestohlen hat.
Ich opfere dir die, die eine Zukunft hätten.“
Die Leere war etwas gewichen, als er das Gebet sprach und den Fokus zurückgewann. Es war an der Zeit, Opfer zu bringen, auch wenn sie nicht genügen würden, waren sie ein Anfang.
Bald waren seine Schritte begleitet von klackernden Geräuschen, weiß hob sich die Gestalt hervor, die ihm folgte, groß war sie, durch ein unheiliges Band Kra’thors, durch klerikale Rituale zusammengehaltene Knochen, die die Form einer Chimäre hatten, die zu Lebzeiten wohl aus einer Mischung aus Skorpion, Höllenhund, Schlange und einem Flugwesen bestanden hatte – sie folgte durch den Wald, Vögel stoben in die Höhe, Unruhe machte sich unter den am Boden lebenden Tieren breit, ihr Instinkt warnte sie, sie flohen. Was sich näherte war real gewordenes Grauen. Das Grauen war innerlich leer, es folgte nur Befehlen, bedingungslos, ohne Widerstand.
Ein leicht gelbliches Leuchten an den Büschen und im herbstlichen Blätterdach…

