» Briefe in die Heimat «
Ihr Schlaf war in letzter Zeit unruhiger, als sie es gewohnt war, manchmal wachte sie mitten in der Nacht auf und fand dann schlicht nicht die Ruhe wieder einzuschlafen. So auch diese Nacht, aber diesmal nutzte sie jene, um einen Pergamentbogen aus der Kommode ihres Bettes zu angeln, mit der Absicht, endlich einen Brief an ihre Mara zu verfassen. Zu ihrem Glück schlief Kelani tief und fest im Nachbarbett und mehr Natifahs der Familie hatten sich aktuell nicht im Schlafraum eingefunden.
In den Morgenstunden gab sie eben diesen Brief am Hafen ab und von dort würde er die lange Reise über das Meer, Baed’Madina und die Wüste machen, bis er in Akmene ankam.
Menek'Ur, Staubviertel
13. Searum 266
Salam Aleikum geliebte Mara,
tut mir leid, dass ich mich neda viel früher bei der
Familie und dir gemeldet habe. Ich hoffe, dir geht es gut und Radeh und
Leyth machen dir neda unnötig viel Arbeit? Du weißt, Leyth ist alt genug,
um eine Natifah zu finden, die dir die Last von den Schultern nimmt! Ich
hoffe du stupst Radeh oft genug an, dass er die Augen nach einer
geeigneten Rani offen hält, wenn Leyth selber keine Augen dafür hat.
Vielleicht bringt meinem Fadrim das auch auf andere Gedanken, als sich
der Armee zu widmen, wir alle brauchen ein wenig heimische Wärme und
Ablenkung zu den Pflichten.
Wie geht es Nadeem und seiner Rani? Haben sie schon ein Geschenk der
All-Mara erhalten? Hudad, wenn es so weit ist, zögere neda mir einen Brief
zu senden, ich möchte unbedingt bei der Taufe und dem Fest anwesend sein!
Vor wenigen Tagen sah ich die kleine Abla der Haatim Callista, sie war
einfach bezaubernd und ich freue mich, wenn Safiya und mein Fadrim auch
endlich so ein Bündel in den Armen halten dürfen. Sie wünschen es sich so
sehr.
Hier in Menek’ur bin ich auf einige Hazar’s Durrah gestoßen, die ebenso vom
Blut der Ryzan sind und entsprechend auch diesen Namen tragen. Wie auch
Radeh haben sie nach dem, was damals passiert ist, sich dazu entschlossen,
den alten Namen neda mehr anzunehmen, um den Neuanfang zu wagen.
Ein glücklicher Zufall, dass sie der Botschaft eines Unbekannten gefolgt sind,
oder Schicksal, dass mich mein Weg nun ebenso hierher geführt hat.
Du würdest sie alle gernhaben! Da bin ich mir sicher. Da der Erhabene nur
anerkannte Familie innerhalb der Stadtmauern wohnen lässt, leben wir
aktuell allerdings als Wüstenfüchse vor der Stadtmauern im Staubviertel -
es klingt schlimmer als es eigentlich ist. Natürlich ist es sehr eng und ich
vermisse die hübschen Fenster und Steinbögen Akmenes, aber dadurch
herrscht auch ein großer Zusammenhalt und es ist herrlich wuselig und
lebendig innerhalb unseres provisorischen Familienhauses. Und dreckig...
du glaubst gar neda wie oft am Tag ich eigentlich den Sand wieder
hinauskehren könnte.
Vielleicht kennen Radeh und meine Fadrims sogar unser Oberhaupt, er war
ebenso in der Akmener Armee. Zayn, er ist zwar noch neda so alt, aber er
besitzt eine sehr bodenständige und gelassene Art, die ihm bei den
Aufgaben helfen wird, die auf ihn zukommen. Gut, eigentlich ist er kein
Oberhaupt, immerhin sind wir Wüstenfüchse und er wird auch neda müde
es jedesmal zu betonen, dass er nur ein Sprecher der Ryzans darstellt,
aber eigentlich weiß jeder von uns, was er ist und zu was er werden wird.
Daher nennen wir ihn einfach Oberhaupt. Du kannst dir seine Reaktion
vorstellen! Er hat sich wie viele Ryzans den Janitscharen der goldenen
Stadt angeschlossen - ich neda, keine Sorge.
Auch zwei Hakims befinden sich in unserem kleinen Zusammenschluss.
Einer ist der große Fadrim von Zayn, Zehir und der andere heißt Chakib.
Soweit ich weiß, haben sich beide auch dem Maristan in der goldenen Stadt
angeschlossen. Chakib erinnert mich ehrlich gesagt ein wenig an dich,
liebe Mara. Sein Blick, wenn jemand spät am Abend noch Mocca trinkt oder
eine Behandlung verweigert, weil es "aiwa gar neda so schlimm ist".
Ich vermute an dieser Stelle einfach, es ist typisches Hakimverhalten.
Sachlich, trockener Humor und ein missbilligendes Zucken der Mimik.
Ich mag ihn.
Auch die kleine Schwester von Zayn und Zehir ist bei uns, allerdings habe
ich sie bisher noch neda richtig kennenlernen können. Ich weiß neda wo sie
sich aktuell rumtreibt, sie scheint aber ein ähnlicher Freigeist zu sein wie
Kelani. Kelani, Iszra und ich sind die einzigen Naitfahs, die aktuell in
unserem kleinen Häuschen leben. Kelani würde dich zum Kopfschütteln
bringen, sie kommt auch aus Akmene und das merkt man ihrem Verhalten
an. Ein wirbelnder Freigeist, der sich neda wirklich Gedanken darum zu
machen scheint, was andere von ihr halten. Sie ist herzlich und hilfsbereit
und weiß dennoch, wann es angemessen ist, sich korrekt zu kleiden und zu
verhalten. Sie schafft da einen interessanten Spagat und so muss man sie
einfach ins Herz schließen. Eigentlich gibt es auch noch Ramiza, die den
Namen Ryzan trägt, allerdings habe ich bisher noch neda viel von ihr
gesehen, sie scheint sich eher fernzuhalten und ich weiß neda so richtig,
woran das liegt.
Letztendlich gibt es da auch noch Ishmael, Djariq und Faizullah. Sehr viele
Anaans, ich weiß, aber du brauchst dir neda Sorgen um mich zu machen.
Zayn hat ein waches Auge darauf, dass alles sittlich ist und Djariq ist,
wie auch ich, ein Prekhaliq der All-Mara. Ich würde ihn sogar als noch
strenger als Zayn bezeichnen, auch wenn er diesbezüglich mehr
schweigsamer Natur ist - ich seh es seiner Mimik jedoch an! Wenn du Djariq
treffen würdest, würdest du ihn auch mögen, er vermittelt den Eindruck
eines in sich ruhenden Gelehrten, auch wenn ich manchmal glaube, dass er
sich gerne reden hört. Seine Wortwahl ist sehr ausschweifend, es macht
Spaß ihm zu lauschen, als wäre er jeden Moment bereit eher ein Gedicht
vorzutragen.
Ishmael stammt aus Baed’Madina und hatte dort wohl neda ein einfaches
Leben. Er kommt von der Straße und ich würde ihn wohl als Musiker oder
Dichter… wenn auch neda einen ernsten… bezeichnen. Er scheint auch mehr
ein Freigeist und bildet damit schon einen deutlichen Kontrast zu den
restlichen Anaans bei uns im Haus. Er erzählt viel und gern, ich glaube,
bestimmt die Hälfte davon sind Geschichten, die niemals passiert sind.
Radeh wäre sicherlich genervt, du würdest ihn lustig finden. Auch wenn ich
selber oft den Kopf über seine Unarten schütteln muss, gehört er zur
Familie und ich hab ihn irgendwie gern.
Faizullah ist ein Salzschürfer und somit unser einziger richtiger Handwerker!
Ich weiß ehrlich gesagt gar neda woher er kommt, aber er ist ständig am
Arbeiten, ich sehe ihn so gut wie nie und wenn, dann steht er vor Esse und
Amboss… oder kommt von der Mine.. oder ist auf den Weg in diese.
Sehr strebsam und wenn er da ist, meinem ersten Eindruck nach,
recht humorvoll.
Es gibt noch Liyanah die den Namen der Bashir trägt und Samir der den
Namen Dawada führt, sie sind immer wieder bei uns zu Besuch und
unterstützen uns. Sie sind ebenso Wüstenfüchse und ich glaube, sie könnten
irgendwann Teil unserer Familie werden. Liyanah ist eine begnadete
Tuchweberin, ich habe einige Stücke aus ihren fähigen Fingern erhalten und
würde sie dir am liebsten zeigen. Ich mag sie sehr, sie ist ehrlich, offenherzig
und sehr hilfsbereit, man kann sich wunderbar mit ihr unterhalten.
Samir ist ein Hadri der Akademie Leviathan, er trug einst auch den Namen
unseres Blutes und möchte nun zurück zu diesen Wurzeln. Ich habe mich
noch neda viel mit ihm unterhalten können, aber er macht einen
freundlichen und ruhigen Eindruck.
Bevor ich mir die Finger blutig schreibe, werde ich an dieser Stelle erst
einmal aufhören und dir im nächsten Brief mehr von dem erzählen, was hier
passiert ist. Du weißt nun hoffentlich, dass deine Abla in guten Händen ist
und dass es mir überaus gut geht. Auch wenn alles weiterhin sehr neu und
aufreged ist! Drücke alle ganz lieb von mir und hau meinen Fadrims auf die
Finger, wenn sie dir zu viel auflasten!
Möge unsere geliebte Schöpferin ihre Hände schützend
über dich und die anderen halten.
gez,
~•~