Und doch, wie jeden Abend, schweiften seine Gedanken. Als er dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, endlich da lag. Vielleicht war es doch der ungewöhnlich viele Rum, der seine Gedanken heute besonders ausschmückte. Wie es beim Einschlafen immer so ist: Wann hört der Gedanke auf, wann fängt der Traum an? Niemand mag es zu sagen. Auch er nicht. Sein Traum war intensiv, detailliert an vielen Stellen, blass an anderen. Obwohl er schlief, erkannte er die Geschichte. Es war seine Geschichte.
Es ist die Geschichte von Larius Demion, einem gewöhnlichen Bürger des Reiches. Er ist kein Held, kein edler Adeliger, kein durch Traumata geschaffener Kämpfer. Er ist ein junger Mensch von etwas mehr als zwanzig Sommern, wie es sie wohl zu tausenden im gesamten Reich gibt. Auf Gerimor gibt es viele, die weniger Jahreswechsel erlebt haben und bereits reden, als seien sie vom Leben gestählte Greise. Auch Larius hat für seine kurze Lebensspanne bereits einiges erlebt, Lektionen gelernt. Doch ist er im Stande zu erkennen, dass die meisten dieser Lektionen wohl noch vor ihm liegen. Er ist dankbar. Dankbar dafür, dass er bislang recht unbeschwert durchs Leben gehen kann, vom Erlebten zehrend, ohne stetig Ballast dafür tragen zu müssen. Die Zeit wird zeigen, ob es so bleibt.
I - Weidenheim
Der groß gewachsene, kräftige Mann stand an der Waldlichtung, direkt an der Anhöhe, die sie bereits hinter sich gelassen hatten. Die Lichtung lag perfekt, um einen Blick ins Tal zu erhaschen. Wie an einer Perlenkette aufgereiht sah man die Wägen, bis kurz vor dem Zusammenbruch beladen mit Stämmen, wie sie sich durch die weiten Wälder fraßen. Die Schweißperlen noch auf der Stirn vom erfolgten Anstieg. Die Axt im Lederhalter auf dem Rücken, fasste er die beiden Knaben von sechs und sieben Sommern an der Hand, links und rechts. Die frische Waldluft war für die kleine Familie nichts Besonderes. Ebensowenig der Anblick der Kolonne, die wie ein Ameisenvolk das Holz ins Landesinnere beförderte. Heute, an diesem klaren Frühlingsmorgen, erstrahlte die wirtschaftliche Maschinerie des Reiches vor ihren Augen noch beeindruckender als sonst.

Wäre man an das andere Ende des Waldes gelaufen und hätte von dort ins Tal geschaut, hätte man ebenso, soweit das Auge reicht, Wald gesehen. Allerdings auch immer wieder die kahl geschlagenen Wunden des Waldes. Die Kolonne an Holzarbeitern und der damit verbundene Abtransport pausierten nie und liefen ganzjährig wie ein gut geöltes Uhrwerk. Die Holzarbeiter, so gut wie immer männlich, zogen durch die verschiedenen Teile der Provinz mit all ihrem Hab und Gut, wie man es eher von fahrendem Volk kennt. Die wechselnden Arbeitsstellen waren Teil des vom Senat angeordneten Forstgesetzes. Niemals wurde länger als einige Jahre an der gleichen Stelle gerodet. Dann wurde weiter gezogen und aufgeforstet. Auf dass die Provinz ewig vom Reichtum des Waldes profitieren möge. Zumindest, wenn es nach der Reichsführung ginge.
Ein kurzer Moment war es auf dieser Lichtung. Der schnaubende Kaltblüter hinter den Dreien erinnerte sie daran, dass sie keine Zuschauer waren, sondern ein Teil dieser Lebensader für die Provinz. Das alte Pferd war mit dem Karren ebenso die Anhöhe hinauf und ließ jenes auch deutlich durch die Atemgeräusche erkennen. Auf dem Karren befand sich das alte Stoffzelt, an vielen Stellen mit Leder geflickt. Wenn die Holzarbeiter ihre Lager aufschlugen, wandelte sich ein Stück des Waldes in eine kleine Stadt. Die erforderliche Logistik und Organisation oblag der Provinz selbst. Schmiede, Schneider, Barbiere, Jäger und, tatsächlich manchmal nötig, Gardisten waren Teil der Kolonne. Für die Arbeiter wurde gut gesorgt, sodass viele es sich leisten konnten ihre Familien mit sich zu führen.

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Das Reich bringt Wohlstand. Jeder trägt seinen Teil dazu bei.
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Der sich durch das Reich ziehende Glaube an den All-Einen war für Larius und seinen Bruder Andres ebenso allgegenwärtig. Nicht nur durch die immer mitziehenden Templer, die auch den umherziehenden Arbeitern die Lehren und Gebote Alatars einverleibten. Auch die Einstellung des Vaters zum Leben und Schicksal der kleinen Familie selbst. Immer wieder strahlte Theor diese Zufriedenheit aus, als habe ihn Alatar zu seinem Platz im Leben geführt, so wie Generationen an Arbeitern vor ihm. Es war ein Privileg und keine Pflicht. Das Streben nach Höherem wurde beinahe als Gotteslästerung verstanden. Und so waren es oft Unmut bis hin zu Zorn, den die Jungen erfuhren, keimte auch nur der Hauch von Unzufriedenheit mit ihrem bescheidenen Leben auf. Der einzige Weg, den Segen Alatars zu würdigen, war harte Arbeit für das Reich. Dies war eine der Grundfesten Theors, die er stets seinen Kindern vorlebte.
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Alatar weist uns den Weg. Sei diesem würdig und arbeite hart.
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Und so wuchsen die beiden Knaben heran. Mit der für den Vater selbstverständlichen Annahme des vorbestimmten Weges durch Alatar, lernte er die beiden Jungen an. Denn auch sie würden einst im Wald arbeiten. Die Möglichkeit, dass der All-Eine in seiner Allmächtigkeit einen anderen Weg für seine Kinder wählte, war nur ein schmerzlicher und verdrängter Gedanke. Kaum waren die Kinderhände groß und stark genug, bekamen sie Holzäxte zum Spielen. Kaum begann das Alter die Jungen mit den ersten körperlichen Fähigkeiten auszustatten, wurden sie in des Vaters Arbeit eingebunden. Vom Tragen bis zum Hacken. Die Holzspäne in den Haaren und der Staub in beinahe jeder Körperstelle zeigten: Sie waren Holzmänner. Oder sollten es werden.
Und doch keimte immer wieder etwas auf. In Larius und in Andres. Ob der eine das Verlangen des anderen nur noch befeuerte, es war zumindest naheliegend. Die beiden Jungen lebten gut in den immer wieder kehrenden Zeltdörfern. Sie hatten Freunde und lernten ein zukunftsträchtiges Handwerk. Ihr behüteter Weg zu einem guten Leben im Reich und ihren eigenen Familien schien wie vorbestimmt.

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Familiäre Erwartungen sind mehr Fluch als Segen.
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„Dann geh.“ sprach Theor, weiterhin mit einem Beben in der Stimme. Die Fäuste geballt konnte er seinem Jungen nicht mehr in die Augen schauen. Ob er ihm seine Tränen nicht zeigen oder als letzten Eindruck seine Enttäuschung in Larius’ Gedächtnis brennen wollte, sollte offen bleiben. Und dann stand Larius erst mal nur da.