- ~ Cuimhne air dachaigh - Erinnerung an Zuhause ~
So man einem Maler ein Bild zeichnen möchte, eines vor dem inneren Auge versteht sich, damit er all die Eindrücke und Erinnerungen einzufangen vermag, in Pinsel- und Zeichenstriche, Ölfarbe oder solche aus Wasser, so muss man sehr genau sein in all seinen Beschreibungen. Ein lebhaftes Bild mit Worten malen, so dass man die grüne Farbe der Gräser förmlich riechen, das dunkle Blau des tiefen Wasser schmecken und das Wehen des grauen Windes hören könne. An dieser Stelle war die junge Frau aus Duthaich großgeworden, saftige und weite Wiesen, die ihren Grasteppich über Berge und Täler schmiegten, in braun gekräuselte, kieselfarbene Bäche mündeten und knorrige, einzeln stehende Bäume, die das prächtige Grün der langen Grashalme und Sträucher in ihrer Krone spiegelten. Sie war keine Malerin, doch in ihrem Kopf hielt sie all die Eindrücke der Heimat geborgen wie einen kühnen Schatz, den es mit dem Leben zu beschützen galt.
Dort, umrahmt von violett blühenden, wilden Wiesen und der Aussicht auf steinerne Küsten, die das Wasser plätschernd einfingen und von Weitem weiße Wolletupfen der Schafe als Kontrast zeichneten wurde sie in ein behütetes Heim geboren, mit Vater und Mutter, ein bisschen zu idyllisch gar. Doch nicht immer war alles so rosig gewesen wie man es nun vermuten würde. Viele Jahre bevor ihr Vater Ian ihre Mutter kennengelernt hatte, war der junge Bursche der Tochter einer befreundeten Familie versprochen gewesen, als Zeichen des Zusammenhaltes, des gegenseitigen Respektes und der darauf folgenden, hoffentlich langen Verbundenheit. Natürlich könnte man all die unschönen Wahrheiten verschweigen und vorgeben alles wäre von Vorn herein glatt gegangen, doch sah es ein wenig anders aus, als Ian sich den Zorn seiner Großeltern zuzog, entschlossen eine familienlose junge Frau zu heiraten, welcher er auf einem Dorffest begegnet war. Es war dieses unscheinbar und selbstverständliche, natürliche Verhalten und das sonnengeblichene Haar, die unbändigen und geschwungenen Locken, welche das Sommerflecken übersäte Gesicht umschmeichelten. "Anthea" rief man sie, als eines der Bühnenmädchen sich den Rock an einem Nagel angerissen hatte. Eine Weile hatte Ian sie beobachtet, dabei zugesehen wie sie eine der Nadeln zwischen die fein geschwungenen Lippen steckte, während zwei weitere den Saum absteckten. Als die Aufführung an diesem Tag zu Ende ging, hatte Ian all seinen Mut zusammengenommen um die junge Frau anzusprechen. Das fahrende Grüppchen, das offenkundig nur für einige Auftritte durch die Dörfer zog, war ein bunt gewürfelter Haufen aus verschiedenen Charakteren, niemand war wirklich miteinander verwandt und doch wirkten sie auf verdrehte Art und Weise wie eine Einheit, ein Clan oder eine Familie. Erst als einige Wochen in das Land gezogen waren und die beiden sich des Öfteren davongestohlen hatten erfuhr Ian, dass es sich um viele verlorene Seelen handelte, die auf ganz verschiedene Arten ihrer Eltern oder Kinder beraubt worden waren und sich selbst als heimatlose Weisen betrachteten. Während Ian in strengem Glauben erzogen worden war, so schien Antheas Geist gänzlich ungebunden von sämtlichen Glaubensansätzen oder Pflichten, die solcherlei mit sich trug. Ein ungleiches Paar mit völlig verschiedenen Windrichtungen und dennoch hatte er sein Herz hoffnungslos an sie verloren, im Wissen sowohl die Tochter des Nachbarn als auch seine Großeltern in ihrem Willen und ihren Prinzipien zu verletzten. Würde man von den komplizierten und aufreibenden Jahren erzählen, die die beiden unter seinen Großeltern und ihrer Abneigung gegenüber dieser Verbindung zu leiden hatten, so würde man nur allzu fröhlich vom Tage berichten, als der Kummer von ihnen abfiel und Ians eigener Vater das Oberhaupt der Familie Gaelach übernahm. Denn so wie sein Sohn dem Charme der jungen Anthea verfallen war, konnte auch sein Vater selbst sich diesem nicht verweigern und willigte in die Heirat der beiden ein, um die junge Frau als seine Tochter in die Familie aufzunehmen. Nur zwei Jahre später sollte ihr Sohn Murray und eineinhalb Jahre darauf auch Neera geboren werden. So hatten sie es beide gewollt, so dass die Kinder nah beieinander und zusammen mit ihren Großeltern aufwachsen konnten.
Wenn Neera sich heute an ihre Mutter erinnerte, so hörte sie in seltenen Momenten noch die warme und weiche Stimme die durch den langen Flur hallte, wenn sie des Abends zu Tisch rief. Es waren Momente und einzelne Wörter bei denen ihr hin und wieder die Stimmlage oder eine bestimmte Geste einfiel, die damit verbunden gewesen war. Besonders wenn sie Abends an Neeras Bett gesessen und über das kurze Lockenmeer gestreichelt und "Gruag Ghrian" geflüstert oder ihr eine Gutenacht-Geschichte erzählt hatte. Diese Eindrücke waren flüchtig, denn wenn sie ehrlich war, so konnte sie sich kaum noch daran erinnern wie ihre Mutter wirklich ausgesehen hatte, da die Jahre das gemalte Bild immer weiter verblassen ließen, der einzige greifbare Anhaltspunkt war das eigene Spiegelbild am Morgen. Sie trug es ihren beiden Geschwistern nicht nach, was hätte es auch gebracht sie für etwas zu bestrafen für das sie nichts konnten, denn es hätte ebenso bei Murrays oder ihrer eigenen Geburt geschehen können. Während Colin schon nach wenigen Stunden das Licht der Welt erblickte, stand es weitaus schlimmer um ihre kleine Schwester, welche sich im Mutterleibe gedreht hatte und nur durch schmerzhaftes Eingreifen der Heilersfrau gerade noch rechtzeitig geholt werden konnte. Es dauerte viel zu lange, eine Zeit in der Ian den Erzählungen nach die Luft angehalten hatte, bis der Schrei des Kindes sich mit dem Wehklagen ihrer Mutter paarte, welches schon Stunden das Familienhaus durchdrang. "Blut, zuviel Blut" hatte man die hektischen Stimmen der Heilerin und ihrer Gehilfinnen durch die schwere Holztür mauscheln hören, "..mehr Tücher".. "es ist zuviel!", all diese Bruchstücke die man in unglückseligen Nächten wie dieser hören kann, wenn Mütter ihr Leben für ein anderes geben, ein unschuldiges. Die Schmerzenslaute wurden mit voranschreitender Zeit leiser, verstummten irgendwann ganz und das kleine Mädchen würde erst nach der Nacht des Unglücks ihren Namen erhalten. Ian würde sie Fia taufen, den dunklen Frieden.