Von reimenden Hafenwächtern und klappernden Schusswaffen

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Lyree Landerwal
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Von reimenden Hafenwächtern und klappernden Schusswaffen

Beitrag von Lyree Landerwal »

Logbucheintrag vom 27. Eisbruch 265

Jarne sitzt neben mir und beobachtet mich. Ich habe meine Angel ausgeworfen und starre einen kleinen Fluss in der Nähe der Hafenstadt Bajard an. Hin und wieder beißt ein Fisch an, den ich lustlos ans Land ziehe. "Würdest du fangen, einen Fisch, ganz groß, wäre das nicht absolut famos?", fragt mich der zu jeder vollen Stunde Reime durch das Fischerdorf klopfende Miliz-Mann. "Aye, isch han mal davon jeträumt, so 'nen Riesenkraken zu fangen, wie in diesen Gruselgeschichten." Skeptisch sieht der Dichterkönig auf meine bescheidene Angelrute herunter. "Deine Träumerei in allen Ehren, doch mit diesem bescheidenen Stöckchen wird man dir jeden Erfolg verwehren." Ich brumme. Recht hat er. Mit etwas Größerem als einen Barsch würde ich durch Holzstock, Schnur und Würmchen als Köder sicherlich nicht in die Geschichtsbücher über die berühmtesten Fischerinnen Gerimors eingehen. Aber was könnte mir da nur helfen?

"Hör' ma', Jarne, du bist doch 'n kluges Kerlchen. Hast du keine Idee, wat ich mir bauen könnt', um so richtig auf Fischfang zu jehen?" Jarne überlegt, verschränkt die Arme vor der Brust und sieht gen Himmel. Die Abenddämmerung ist angebrochen, das Wetter ist schön, aber kühl. "In der Miliz, da sehe ich den Einen oder Anderen mit einer exotischen Waffe, und denke mir voll Verwunderung, dass mich lause, der Affe." Ich muss bei der Dichtkunst die Augen verdrehen. "Aha, und wie sieht diese legendäre Waffe aus?" Der Milizionär sieht mich verschwörerisch an, wie ein Alchemisten-Greis, der sein streng geheimes, aber vermeintliches, Verjüngungstonikum verkaufen möchte. "Die Waffe, sie ist nicht, und wiederum doch, einer Armbrust gleich, die Munition, so groß, sie bohrt sich durch jedes Fleisch." Mein Gesicht formt sich zum Fragezeichen. "Hä? 'Ne übergroße Armbrust soll 'mer bei der Fischerei helfen? Wat für'n Kraut hast'n du jeraucht?" Er schüttelt den Kopf und fügt hinzu: "Egal, ob der Fisch ein Winzling ist, oder der Meere erschreckende Hüne - alle fürchten sie: Die Har... püne." Ich mache "Hmmm". Eine "Harpüne" also. Eine Art Armbrust mit riesiger Munition. Schwer vorstellbar. Aber ich will dem alten Jarne hierbei einmal mehr vertrauen, als dass er eines Tages mit seinen Reimen aufhört.

Die milizionäre Reimemaschine bringt mir ein paar Holzbretter mit. Ich sitze am Pier von Bajard, lasse die Beine baumeln und starre in die Ferne. Dann richte ich meinen Blick langsam hoch und sehe dem Kreativitätsbolzen in die Augen. "Und wat soll isch mit den Brettern", frage ich ihn. "Hältst du mich nun für 'nen Schreiner?" Jarne schüttelt den Kopf. "Das ist Teak-Holz, aus La Cabeza, du armseliger Tropf. Streng' ihn doch mal an, deinen Kopf!" War ja klar, noch ein Reim. "Wie bist du denn an dat Material gekommen? Wird man op Cabeza nit zerfleischt zur Zeit?" Der Milizionär schüttelt den Kopf. "Das sind Reserven aus alter Zeit, als jeder konnt' noch zur Insel fahren, jederzeit." Ach so. Na dann. "Und wat is' so toll an dem Holz", frage ich erneut und klopfe gegen die nicht ungewöhnlich ausstehenden Bretter. "Schau' nur her. Wie ein junger Mann mit lüsternen Trieben, lässt sich dieses Holz, ohne zu brechen, biegen." Ich erröte. "Triebe? Hä?" Dann wird's mir deutlich: Jarne biegt das Ende eines Bretts, ganz leicht. Jedoch bricht es nicht. Wahnsinn.

Im selben Atemzug reicht mir der Milizmann einen zusammengerollten Bauplan. Ich sehe eine Waffe. Offensichtlich zum Schießen. Allerdings weder ganz Armbrust, noch hundertprozentig Muskete - sondern irgendwas dazwischen; wie eine Kreuzung aus beiden Schußwaffen. Rasch habe ich mir Nägel, Hammer, Säge und Knochenleim besorgt. Ich fange mit dem oberen Teil des Hohlkörpers an; die Vorrichtung zum Einspannen dieser langen Geschosse mit Widerhaken. Eine Art dünne Bahn. Ich säge, ich fräse, ich hämmere. Eher schlecht, als recht, und mit einem regelmäßig kleine Finger-Verbändchen vorbeibringenden Jarne. Da ich bei den Proportionen per Augenmaß improvisiere, ich habe einfach keine Geduld für Millimeterarbeit, muss ich hier und da einen Nagel doppelt einschlagen, oder abstehende Holzstücke vom Konstrukt abtrennen. Anschließend verbinde ich eine Kurbel, die mir Jarne zum Glück bereitstellt, an die Seite des obersten Elements. Sie hilft mir beim Einspannen der riesigen Munitionsbolzen. Durch das Drehen des Rädchens werden nämliche weitere runde Zahnscheiben innerhalb der Waffe in Gang gesetzt, um oben einen kleinen Holzfinger in Bewegung zu setzen, der die Sehne bis zum Anschlag anspannt. Wie ein Flaschenzug. Eigentlich sollte ich jedoch am Ende des Kurbelns ein "Einrast-Geräusch" vernehmen, das mir signalisiert: "Bis hierhin drehen und nicht weiter." Das befriedigende "Klack" bleibt aber aus. Ob das gut geht? Am Ende sprengt mir diese Missgestalt einer Armbrust bestimmt noch die Hand weg.

"Die einen Seeleute verlieren ein Bein; du wiederum betrachte deine Hand als des Schicksals Pfand", witzelt Jarne und sieht amüsiert zu, wie ich beim verzweifelten Aufbau dieser "Harpüne" mit Werkzeug hantiere. Nun geht es an den Abzug. Der sorgt bei Druck dafür, dass der Sehne haltende Holzfinger oberhalb der Vorrichtung absinkt und somit die Spannung ruckartig löst - was zum Abschuss des Widerhaken-Bolzens führt. Soweit, zumindest, die Theorie. In der Praxis habe ich den Überblick verloren, welches Rädchen was bewirkt und ob der Abstand zwischen der einen Mechanik und der anderen ausreicht. Nicht, dass ich am Ende den Abzug betätige und statt der Munition meine Kurbel abspringt. Etwas einfacher gestaltet sich das Schnitzen und Formen des Hand- beziehungsweise Schulterstücks. Hier bin ich ganz stolz, das Holz mit Lederriemen umwickelt zu haben, so drückt das Material nicht allzu unangenehm gegen die Schulter. "Und wie schießt man nun damit?" Wieder richte ich meinen Blick auf Jarne.

"Führ' die angespannte Sehne in des Harpunenbolzens Nocke und hau' dann so richtig auf die K..." - "Verstanden. Also...", wiederhole ich und hebe das missratene Stück Holz, entstanden aus der Ehe einer Muskete und Repetierarmbrust, an meine Schulter und drücke das ledergebundene Endstück leicht gegen das Fleisch. Während die - nennen wir sie mal - "Waffe" somit durch meinen Körper eine Stütze findet, führe ich die Nocke eines Harpunenbolzens an die bereits leicht angespannte Sehne heran. Der Platz fehlt, merke ich schnell. Die Sehne ist noch nicht ausreichend angezogen, so dass der Bolzen nur zur Hälfte in den oberen Hohlraum passt. Viel zu wenig. So hätte der Schuss gar keine Reichweite! Mich graust es allerdings davor, die Kurbel zu nutzen, doch fasse ich meinen Mut zusammen und tu's. Mir bleibt ja nichts Anderes übrig. Ich drehe, und drehe, und drehe... Zwar zieht sich die Sehne immer weiter zurück und gewinnt an Spannkraft, doch das "Einrast-Klicken", das mir eine Dreh-Grenze signalisieren sollte - laut Bauplan, zumindest -, bleibt wieder aus. Ich drehe ins Leere und befürchte, die Sehne durchs Überspannen zu zerreißen. Nur mein Bauchgefühl sagt mir irgendwann: "Stopp!" Ich schräge meinen Kopf leicht an und schaue durch die Bolzen-Nocke hindurch. Mein Ziel: Ein dicker Baumstamm, nahe Bajard. Meine linke Hand liegt unter dem vorderen Ende des Harpunengewehres, stützt es mühsam - das Ding ist schwer! -, die andere Hand will den Zeigefinger am Hebel, beziehungsweise gegen den Abzug, bemühen. Ich drücke letzteren fest, ruckartig, als ich meine, gut genug zu zielen.

Tatsächlich! Der Bolzen springt ruckartig aus dem tunnelförmigen Hohlraum und fliegt. Die vielen Widerhaken des Geschosses scheinen sich im Flug elegant zu drehen. Atemberaubend. Ich treffe den Baumstamm! Ein Erfolg! Doch dann klappert das Konstrukt ganz arg und die Kurbel fällt mir auf den Fuß. Ich wechsle mit Jarne entsetzte Blicke. Kurz danach kullern sämtliche Zahnräder des Schusswaffen-Körpers geräuschvoll auf den Boden. Immer noch herrscht Stille zwischen uns. "So eine verdammte Sch...", will ich mit erröteten Wangen fluchen. Jarne meint unterbrechend: "Jeder Anfang ist schwer, wenn du dich aber bemühst, sehr, wird die zweite Harpunenpistole sicher mehr, als nur ein labiles Konstrukt, das dir durch Zufall ist halbwegs geglückt." Ein schwacher Trost des Reime schwingenden Soldaten. Doch er behält Recht: Ich darf wohl nicht erwarten, mich beim ersten Versuch in eine Meisterin der harpunischen Schnitzkunst zu verwandeln. Irgendwann wird's schon besser klappen. Hoffe ich...
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