Schwärme von Pfeilen schwirrten durch den wolkenlosen Nachthimmel, überwanden die Zinnen der Letharenfestung und hagelten auf die letharischen Verteidiger herab. Draußen vor den Mauern des Bollwerkes vernahm man trotz der dichten Baumkronen die Zurufe der lichtenthaler Soldaten, während das Stakkato an wilden Explosionen entlang der Mauern auch noch meilenweit in der Ferne zu vernehmen war.
Der junge Letharf beschleunigte seine Schritte, stürzte die Treppe von der Wehrmauer herab und als er den Hof der Quuypoloth Festung erreichte, bot sich ihm eine Szenerie, die man sonst nur aus einem Belagerungszustand kannte. Überall eilten Geschwister umher, um mit Eimern von Wasser die vielen kleinen und größeren Brandherde zu löschen. Neben ihm sank eine seiner Schwestern getroffen von herabregnenden Blitzen zu Boden, das Gesicht hinter dem Pantherhelm zu einer unerkennbaren Masse zerschmolzen, während überall ringsum weitere Blitze einschlugen, um alles und jegliches auf das sie trafen in kleine Einzelteile zu pulverisieren. Die Luft stank sogar nach den Maßstäben der Letharen bestialisch nach Schwefel, gemischt mit dem Beigeschmack von Blut, Schweiß und Asche. Überall vernebelte schwarzer Rauch die Sicht der Verteidiger, während irgendwo an der Wehrmauer das trommelfellzerreissende Donnern einer Muskete sich mit sporadischen Todesschreien abwechselte. Ringsum fielen die Lethrixoren reihenweise von der Wehrmauer, teils tödlich verwundet, und wenn nicht, so tat der Aufprall zu Boden sein Übriges. Mittig des Hofes überragte die massive Gestalt des geflügelten dämonischen Wesens die Köpfe der hastig umhereilenden letharischen Verteidiger. Der Erzlethyr in Gestalt des Ungetüms kanalisierte all seine magischen Kräfte, um sich in einem indirekten Duell mit dem lichtenthaler Magier auf der Seite der Angreifer zu messen. Die Entladungen roher magisch induzierter Naturgewalten in Form von Säure, Blitzen und gar vom Himmel herabfallenden Feuerbällen vermittelten den Eindruck als wurde soeben die Apokalypse eingeleitet.
Auf beiden Seiten, sowohl die der Angreifer als auch die der Verteidiger, waren die Verluste zahlreich. Aufgrund ihrer geringen Anzahl, hinterließ jedoch jedes Ableben eines Letharen eine große Lücke in ihren Reihen, die nur schwerlich gefüllt werden konnte. Und trotz des Umstandes warfen sich die letharischen Verteidiger mit frenetischem Eifer gegen die zahllosen Angriffe des zahlenmäßig überlegenen lichtenthaler Regimentes. Der brennende Hass, der die Venen der letharischen Kämpfer durchflutete, war die Essenz ihres Antriebes, der übermächtigen gegnerischen Streitmacht standzuhalten. Und möge es ihnen allen das Leben kosten, so wird das Opfer für Vater trotzdem ein Gerechtes sein.
Doch so plötzlich wie der Angriff durch das Regiment eingeleitet wurde, so zogen sich die lichtenthaler Soldaten geordnet und diszipliniert wieder zurück, ohne dass eine Erstürmung der Festung erfolgte. Der Angriff war eindeutig als eine Art Duftmarke einzuordnen, die das Regiment hinterließ, um den andauernden Überfällen durch die Letharen ein Zeichen entgegenzusetzen. Ein Zeichen, das signalisierte, dass man sich in Lichtenthal nicht alles ungestraft gefallen ließ. Die Symbolik war angekommen und als sich der Rauch legte und die Kampfgeräusche durch das müde Stöhnen der schwer Verwundeten abgelöst wurde, konnte man auf den Gesichtern der überlebenden Letharen erkennen, dass dieser Angriff, sei er auch noch so kurz gewesen, nicht ungesühnt bleiben würde.
Hass induzierte nur noch mehr Hass und gerade das Volk der Letharen würde sich niemals einschüchtern lassen.
Ein paar Tage später wird ein junger Blondschopf in den Städten Lichtenthals umherstreunen, um neugierig das Treiben auf den Straßen zu sondieren. Lauernd, auf der Suche nach einer Gelegenheit die verloren Leben seiner Geschwister zu vergelten…


