wusste ich, dass sie die Richtige war.
Sie blickte in meine Augen und lächelte.
Ihre Lippen trugen die Farbe der Rosen,
die am Flussufer blühten:
So blutrot und wild.
Mit dem schwindenden Licht wurden die Schatten länger und lebendiger. Dieses Wechselspiel ist seit Anbeginn der Zeit den gleichen Regeln unterworfen wie Ebbe und Flut und ähnlich wie die Gezeiten ist es nicht aufhaltbar, nicht zu verhandeln und nicht zu leugnen. Was dann allerdings im huschenden Halbdunkel zu entdecken ist, bleibt wiederum meist ganz der schöpferischen Freiheit der Fantasie oder den unendlich tiefen Schubladen der Erinnerung überlassen… meist.
Wenn etwas zu weit in die Abgründe der Seele und die sich windenden Gedanken hinabdrang, dann konnte es durchaus sein, dass es dort unten die schwelende Glut fand, der es von einer Realität in die andere schob. Wie heißt es doch so schön:
Wenn man nur lange genug an eine Sache glaubt, dann kann sie wahr werden.
Richtig und wenn man nur lange genug, mit einer explosiven Mischung an starken Emotionen einer Sache nachhing, dann wurde sie zum Schatten selbst und konnte einen bis weit über das Lebensende hinaus noch verfolgen. Dabei gab es immer einen Anfang, immer einen zündenden Funken für das sich rasch ausbreitende Lauffeuer. Auch diesmal…
Vielleicht hatte es mit der Berührung angefangen. Warme Haut an der Hand, dieses zarte und prickelnde Gefühl der übertragenen Wärme. Nicht seine eigene Wärme oder die Kälte irgendwo darin, die nie ganz schwinden wollte. Ja, damit hätte der Anfang gemacht werden können, denn eine einzige Berührung konnte längst hinabgedrückte Erinnerungsfetzen wie Papierlichter in die Höhe steigen lassen, bis sie sich oben angekommen schmerzhaft in den Kopf brannten.
Oder aber es hatte mit dem Gespräch begonnen, ganz zu Beginn schon, als wiederholt werden musste, was diese Hände getan hatten, Wort für Wort und Bild für Bild, bis sich das Innere seltsam leer anfühlte und doch ein kleiner Brocken des Drucks auf der Brust verschwunden war.
Ganz sicher stand es aber auch mit dem einen Moment in Verbindung, als er im Labyrinth des Herren diese Blume betrachtete und entdeckte, dass sie für jeden, der daran roch, einen anderen Duft verströmte. Sein Nebenmann sprach von Törtchen, von Heimat und dabei leuchtete das Gesicht beinahe schon kindlich glückselig kurz auf. Er aber fühlte sich von dem feinen, sanften Aroma, das ihm wie ein Frühlingslüftchen sanft um die Nase strich, regelrecht erschlagen…
Als die wilden Rosen blutrot blühten.
Ein feiner Hauch von wilden, dunklen Rosen in weizenfarbenen Locken, die sich mit besagten Halmen im Sommerwind wogen, seine Wange kitzelten und ihn mit einem Schlag mitten in diesen einen Moment katapultierten. Es war der späte Cirmiasum… jetzt, vor knapp einer Dekade, als er sie gefragt hatte, als ihr Lächeln bereits die Antwort war und sie beide, so dachte er, Nileth Azhur auf Erden gefunden hatten. Er ertrank glücklich in diesem Duft, der Berührung ihrer Locken, dem weichen Lachen.
Und dann sprang das Bild!
Von einem Moment auf den anderen erstickte er panisch am beißenden Rauch eines brüllenden Infernos, würgte Schuld und ohnmächtige Wut, Verzweiflung und Hass herab, schmeckte das Metall in der Luft, das Gefühl von kaltem, glitzerndem, schwerem Stein in der Hand.
Als die wilden Roten blutgetränkt verwelkten.
Und dann, wenn der Herr gnädig war, wacht er auf.
Schweißgebadet und nach Luft schnappend, doch nicht gerettet, nicht erlöst, denn in jeder einzelnen Nische des Raumes wogte der Sommerwind, wehten Locken, erklang ein leises Lachen, erblühten blutende, wilde Rosen. Und mit jedem Erwachen, jedem Hinauftauchen wurde es kräftiger, lauter, intensiver – doch der fahrig tastende Griff seiner Rechten galt immer und immer wieder der Nachttischschublade, in der ein letztes Andenken ruhte.
Als die wilden Rosen in einer blutroten Schleife schlummerten.





