Bis dass der Tod uns scheidet
Rückblick hat geschrieben:Zwei Herzen treffen sich in Einsamkeit. Zierliche Finger schmiegen sich zögerlich in die Handfläche einer großen Pranke, die sich dann einfühlsam verschließt und sie nie mehr loslassen will.
Mandur hatte sich mittig ins Pentagramm begeben. Dunkles Flüstern, gesprochen mit unheilvollen Stimmen, umgaben Mandur. Die grauen Gestalten, jede von ihnen vermummt, so dass ihre wahren Identitäten nicht preisgegeben wurden, schickten ihre Bitten zum ihrem dunklen Herrn in der Hoffnung, er oder einer seiner dämonischen Herolde würden sich in irgendeiner Form manifestieren, um den grauen Bittstellern ihre Gunst zu gewähren.
Rückblick hat geschrieben: Erneut suchte ihre Hand seine Pranke und auch er schob diese vorsichtig in ihre Richtung, in der Hoffnung beide würden sich in der Mitte begegnen. Anfangs zaghaft aus Angst vor Zurückweisung, dann immer mutiger tasteten sie sich vor, um in fast unmittelbarer Nähe anzuhalten. Würde sie genau empfinden wie er? Würde er genau empfinden wie sie? War alles nur ein großes Missverständnis?
Mandur hatte den großen Jutesack vor sich auf den Boden gehievt. Die Klinge des Ritualführers war gezückt und die blitzende Spitze blanken Metalls ragte in Richtung von Mandurs Kehle.
„Wähle ihm zu dienen oder das Ende durch die Klinge.“
Wenn ich jetzt den Tod wähle, werde ich für ewig mit meiner Frau Jila vereint sein….
Für einen kurzen Moment war die zweite Option tatsächlich eine echte Option für ihn. Eine schnelle zuverlässige Lösung.
Wenn ich das Leben wähle…
Er rief sich das Saphirblau ihrer verträumten Augen, ihrer Seelenspiegel, ins Gedächtnis und vor ihm erschien das herzerwärmende Lächeln der blonden Frau mit Sommerhut, die es geschafft hatte das Vakuum in seiner Seele zu füllen.
Wenn ich das Leben wähle, werde ich dem Tod dienen.
Welch Ironie des Schicksals.
Mandur wischte sich mit dem Handrücken die Tränen und den Schweiß von den kantigen Wangen. Mit deutlichem Widerwillen kippte er den Inhalt des Jutesacks vor sich gut sichtbar für alle Anwesenden in das Zentrum des Pentagramms. Allerlei Inhalte ergossen sich auf den Boden, ein paar Beine, ein abgehackter Fuß, Arme und Hände, dann ein entstellter Kopf sowie der zierliche Torso einer jungen Frau….
Rückblick hat geschrieben: Ihre Blicke waren gen Osten in die Ferne gerichtet und verfingen sich in den nächtlichen Schleiern der nebeligen Luft Wulfgards. Das Land der Thyren war vielleicht nur ein halber Tagesritt entfernt und man konnte im nächtlichen Himmel noch vereinzelte Lichter sehen, die nach und nach erloschen, als die Nacht fortschreitete. Die beiden Groß und Klein standen regungslos auf dem Balkon des kleinen Fachwerkhauses, welches den Mittelpunkt des einsamen Hofguts bildete. Während sich ihre Blicke in der Schönheit der nächtlichen Dunkelheit verloren, berührte seine Hand gelegentlich die weiche Haut ihres Oberarms. Die Nacht war kalt und er bemerkte wie die blonde Frau zu seiner Seite gelegentlich zitterte, aber sich dennoch wacker wenig anmerken ließ.
Mandur kniete sich zum Torso herunter, drehte ihn um, so dass die nackten einst ästhetischen Brüste des Leichnams ihm entgegenstarrten. Mit roher Gewalt tauchte er seine mächtigen Pranken in die Bauchdecke, wühlte sich durch Eingeweide, kämpfte sich mühevoll weiter empor und brach Rippen, zerfetzt Lungenflügel auf der Suche nach etwas Bestimmtem.
Rückblick hat geschrieben: Er beugte sich zu ihr vor so dass sie Gesicht zu Gesicht standen. Er konnte ihren schneller werdenden Atem spüren. Als sie ihrerseits die Distanz zwischen ihrer beider Lippen verkürzte, erschien es ihm wie eine halbe Ewigkeit, bevor er den zarten Geschmack ihrer Lippen schmeckte. Anfänglich zögerlich beschämt, dann zärtlicher, vollendeten sie das Geplänkel ihrer Lippen zum feurigen Kuss, nun endlich in Gewissheit was sie füreinander empfanden.
Mit einem brutalen Ruck riss Mandur das Herz aus dem Brustkorb. Kleine Stücke geronnenen Blutes flogen in alle Richtungen, als das Herz mit Gewalt von den Blutgefäßen getrennt wurde. Mit einer ehrfürchtigen Geste präsentierte er das Herz in seiner großen Handfläche dem Ritualführer. Ein dezentes Nicken dessen war das einzige Zeichen, dass Mandurs Suche nach dem Symbol für die Begierde seines Innersten Ichs beendet war. Ein Symbol welches die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft präsentierte.
Rückblick hat geschrieben: Ein helles glucksendes Lachen, als der dunkle Riese die kleine blonde Frau mit Leichtigkeit hochhob, um sie auf seinen stämmigen Armen die Treppe emporzutragen. Sie hakte ihre Arme um seinen muskulösen Oberkörper und schmiegte ihren Kopf genießerisch in seinen Brustkorb. Im Gewächshaus angekommen holten sie beide tief Luft, unwahrscheinlich dass das kurze Besteigen der Treppen ihnen den Atem raubte, wohl eher ein Ausdruck der Erleichterung, dass sie endlich unter sich waren und die vertraute Zweisamkeit nun genießen durften.
Kleine Nadelstiche peinigten den dunklen Riesen und ließen seine Knochen spröde werden. Seine Kehle begann auszutrocknen und auf seiner Haut zeichneten sich tiefe Furchen ab. Kraftlos ließ sich Mandur auf die Knie fallen. Die unheilige Macht durchströmte seinen Körper, brannt sich durch seine Adern, zerdrückte seine Lungenflügel und zerriss seine Eingeweiden.
'Das ist das Ende….' schossen die Gedanken durch Mandurs Kopf.
Das Feuer des Todes loderte in jedem Winkel seines Körpers, nährte sich von seiner Existenz und brannte sich tief in seine Seele ein…
Rückblick hat geschrieben: Im matten Schein der Laterne hatte sie sich an ihn geschmiegt, um der nächtlichen Kälte zu entkommen. Behutsam hatte Mandur die stämmigen Arme um ihre Schultern gelegt und zärtlich streichelten seine Fingerkuppen über ihren Rücken. Die nackten Füße der jungen Frau standen auf Zehenspitzen und versuchten sich trippelnd vom kalten Boden zu lösen. Der dunkle Riese hatte seine vollen Lippen in die gewellten blonden Strähnen vergraben, um sich begierig und ein letztes Mal ihren Duft einzuprägen… Die blonde Frau mit den saphirblauen Augen hatte ihren Kopf dicht an seine stählerne Brust gedrückt. In inniger Umarmung kosteten die beiden die Magie des Momentes aus und es kam ihnen so vor als würde die Zeit in diesem Moment stillstehen.
Mandur erhob sich langsam von der Mitte des Pentagramms. Die Qualen und Schmerzen, die ihn zuvor zu Boden gerungen hatten, waren verschwunden. Stattdessen spürte er eine neue Kraft in ihm wachsen, die dunkel, bedrohlich und lauernd darauf wartete zu einem nachtschwarzen Feuer entfacht zu werden.
Es war vollbracht.
Er hatte sein Leben dem dunklen Herrn verschrieben und einen Pakt geschlossen, der nicht gebrochen werden konnte.
Rückblick hat geschrieben: Mandur hauchte ihr einen letzten butterweichen Kuss auf die Stirn. Die kraftvollen Pranken verkrampften sich, fuhren ihren Rücken empor und glitten Richtung ihres Nackens. Es wäre ein Leichtes gewesen nun den schlanken Hals zu packen und zuzudrücken. Dann würde er sie und ihn selbst von der Aussichtlosigkeit ihrer Liebe befreien. Jilas Stimme in seinem Kopf flüsterte Mandur eindringlicher ein, dass es getan werden musste. Es war die beste Lösung…
Doch Mandur drückte nicht zu. Stattdessen strich er liebevoll mit dem Handrücken über die zarte Haut ihres Nackens. Dann löste er sich widerwillig und langsam von ihr und verschwand wortlos sie hinter sich lassend im Dunkeln der Nacht…
Er würde das Leben wählen, um dem Tod zu Dienen.
