Ich sehe was, was du nicht siehst, und das ist…
- [list][list][list][list]...silbergrau.
Ängste waren etwas, das es zu überwinden galt. Er machte sich gut darin inzwischen, was das Meer und den Schiffbruch anging. Womöglich war eine längere Überfahrt noch immer eine Herausforderung, aber er würde es sich inzwischen wieder wagen, davon war er überzeugt. Sein anderes Problem, die Tatsache, dass ihm übel wurde, wenn jemand oder etwas blutete, hatte sich seit einer geraumen Weile vollständig gegeben. Es musste so sein und er hatte es geschafft, diese damals noch ausgeprägte Aversion zum sichtbaren Lebenssaft abzulegen und dank seines Willens zu bezwingen. Es war mühevoll und schwer gefallen, sehr schwer, aber es war ihm gelungen und seither zum Glück auch nicht mehr der Rede wert.
Es gab noch eines, was ihm zu schaffen machte – etwas, wovon nur eine weitere Person und der Herr selbst wusste. Etwas, das so richtig untypisch war für jemanden, der dem Tempel diente, sollte man meinen, aber die Dunkelheit machte ihm dennoch sehr zu schaffen, jedes Mal wieder. Auch wenn die Nacht des Panthers Freund war, so war es bei ihm nur bedingt der Fall. Darum war er stets dankbar dafür, dass er nicht im Dunkeln wandeln musste, selbst wenn es doch noch so finster um ihn herum war.
Natürlich hatte er sich bemüht, während der Feiertage im Alatner, den Prüfungen diesbezüglich zu stellen, allerdings gab es da Umstände, die nicht nur bei ihm lagen, die es ihm schwer machten dabei zu bleiben und daran zu arbeiten. Bis heute war es ihm im Grunde nicht sonderlich gelungen daran etwas zu tun. Und noch immer überragte das Unbehagen in der Dunkelheit fast alles, wenn er allein für sich war. Waren andere dabei, vergaß er das gerne, verdrängte es, stellte es nach hinten, wollte sich da auch keine Blöße geben. Wie sähe das auch aus? Er war erwachsen, Vicarius Alataris, und hatte inzwischen das ein oder andere miterlebt, was garantiert schlimmer war als jede simple Dunkelheit. Und das Einzige, was nachhallte davon war tatsächlich der Moment, wo die Kristallkreaturen ihn mit ein, zwei anderen Rabendienern verschleppt hatten und er die Erinnerung an den Tag verlor. Das war eine Art von Dunkelheit, die in ihm sehr unangenehme Beklemmungen auslöste, denn sein Geist bemühte sich darum die Erinnerungen wiederzufinden, aber nichts davon wollte zurückkehren aus eigener Kraft. Zwar hatte die kleine Schwester ihm damals erzählt, was war, aber vermutlich nicht jedes Detail davon und da war ihm Wissen verloren gegangen. Wertvolles Wissen womöglich. Natürlich konnte er sich irren, aber er war doch davon überzeugt, dass er es gerne wissen würde, wenn er sich nur erinnern könnte.
Die Tatsache, dass diese Erinnerungen wohl nie wieder zurückkehrten, sorgte für einen inneren Krampf, der ihm die Übelkeit den Hals hochtrieb und in einem Kloß dort endete, gepaart mit einer guten Portion Zorn, den er seither mit sich rumtrug. Natürlich wusste er schon, wo er diesen auslassen wollte – Schattenwinkel, danach bei der letzten Schlacht, die offenbar bevorstand. Aber er wusste genauso gut darum, dass es ihm die Erinnerung nicht zurückbrachte. Zumindest hatte er von solchen Fällen noch nichts gehört. Vielleicht hatte der Herr ein Einsehen mit ihm und offenbarte ihm das Fehlende noch, wenn es an der Zeit war, aber diese Hoffnung war so klein und gering gehalten, er ging nicht wirklich davon aus, dass das geschehen würde.
Das war ihm sonst zu unheimlich. Wie damals im Zimmer mit seinen Brüdern, wenn sie Nachts schlafen sollten, die Schatten so tief waren, das aus einer Jacke plötzlich ein Monster wurde, weil der Geist es einem vorgaukelte. Kindisch, das wusste er sehr genau. Aber sein Verstand ließ sich da dennoch nicht drauf ein, seine Angst schon gleich mal gar nicht einfach so.
Er erinnerte sich noch an einen Moment im Tempel von Rahal, oder war es die alte Ruine gewesen? Als die Schatten sich bewegten, und der Panther sich dabei hier und da zeigte, sogar hervorkam. Auch da war erst völlig beunruhigt gewesen. Erst als er Ihn darin wiedererkannte, breitete sich wieder Sicherheit in ihm aus, Zuversicht und die Angst schwand. Aber war Er nicht an sich immer da? Musste er Ihn erst mit den Augen sehen, um beruhigt zu sein? Und sollte er es nicht von sich aus schon sein, denn die Dunkelheit war ja ein Teil von Ihm?
Im Moment fühlte er sich in der Nacht wie ein auf dem Ast hockender Habicht, der sich nicht wagte abzuheben.
