
Wie immer, wenn man um diese Zeit nah dem Wasser in Ered Luin lauschte, erstarb nach und nach das geschäftige Flattern und Zwitschern der Vogelschar und auch viele der anderen Wesen, die in der weißen Stadt ihr Zuhause gefunden hatten, begaben sich zur Nachtruhe in ihre Behausungen.
Im Keller des Leuchtturms jedoch, der schon vor vielen Jahren das Zuhause der noch unter 200 Jahre zählenden Elfe geworden war, brannten flackernd und ihr mattes Licht verbreitend einige Kerzen auf dem steinernen Tisch und erhellten das anmutige und makellose Gesicht, warfen Schatten auf die mit Büchern, Karten und allerlei Schriftrollen bedeckte Oberfläche und tanzten als winzige Lichtpunkte über die tief in Gedanken versunkenen bernsteinfarbenen Augen.
Amae’thariel, oder Amae, wie die meisten Geschwister und Vertreter der anderen Völker sie nannten, saß, die Beine im Schneidersitz an den Körper gezogen und den Kopf über ein geöffnetes Buch gebeugt zwischen einer bunten Mischung aus Kissen und schien in Gedanken verloren. Die Karte der Sternbilder am sommerlichen Himmelszelt in Reichweite an den steinernen Säulen eines Regals festgebunden, die Geschichte von der Entstehung der Seelentiere neben sich, einen Roman der Menschen über eine geheime Welt der Bücher unter einer Stadt als Stütze für eine kleine Statue der ersten Camvaethol des Volkes gerade weit genug entfernt, um das fein gearbeitete Gesicht der goldenen Elfe erkennen zu können, brütete Amae über dem geschriebenen Wort, als hinge ihr Leben daran, ihm seine Geheimnisse zu entlocken.
Ninim, ihre jüngste Schwester, mit Haaren weiß wie Schnee, streckte kurz den Kopf hinein in das Labyrinth aus Büchern und sah mit Augen, die an klare Aquamarine im Sonnenschein erinnerten, in das ausgebreitete Chaos und auf die darin versunkene Schwester und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Seit sie sich erinnern konnte war die Mittlere der drei Schwestern ernsthaft gewesen, wenig lächelnd, die Umwelt mit ruhiger Kühle musternd und aufnehmend, immer auf der Hut, aber die Ankunft in Ered Luin hatte sie nach und nach verändert, die Mundwinkel zu mehr Aktivität bewogen.
Ninim wusste genau, was diesen Wandel in ihrer Schwester angestoßen, was die sanftere Seite ihrer Muinthel (Schwester) hervorgelockt hatte.
Die Lindil, die ohne Amaes manchmal eisige Mauer aus Selbstzweifel und das Gefühl von Schuld erklimmen zu müssen einfach die Schwalbenflügel ausgebreitet hatte um darüber zu fliegen.
Ninims Lächeln vertiefte sich ob der Erinnerung und so ließ sie die Schwester in ihren Gedanken zurück, wohlwissend, dass diese bald von allein zurückkehren würde um hinaus in den Nebelwald zu wandern und nach eben jenem kleinen grünen Vogel zu sehen, der sie in der Grundfeste ihres Wesens erschüttert und doch standfester denn je zurückgelassen hatte. Die Jüngere aber schlenderte die Treppen hinauf und hinaus in die sich herabsenkende Nacht mit all ihren leisen Versprechungen von einem makellosen Sternenhimmel und dem Gesang der Eulen.
Amae seufzte und schlug eine neue Seite des inzwischen vierten vor ihr ausgebreiteten Buchs auf. Irgendwo musste es doch Erinnerungen oder Zeichnungen geben, die ihr bei ihrem Vorhaben helfen konnten. Sie hatte geahnt, dass es vielleicht nicht wie von manch anderen Geschwistern ganze Bände über deren Leben gab, aber ein wenig mehr als Lamentinus Beschreibungen, die sie eifrig auf einem Blatt Papier notiert hatte, über die Nuancen der Haarfarbe, das grün der Haut, eine grobe Vorstellung der Größe und das freundliche Lächeln, war noch nicht zusammengekommen.
Ein weiteres Seufzen entwich ihrer Kehle.
Eigentlich gab es nur eine Quelle über die Lindil, deren Bild sie so verzweifelt versuchte zu weben, aber eben jene Quelle stand für sie zweifelsohne außer Frage, jene Quelle, für die am Ende all die Mühe gemacht war.
Amae sank in der gewohnte Ruhe tiefer ins Lied, ließ sich einen Moment im vollkommenen Klang um sie und in ihr treiben wie ein Kind, das stundenlang dem Flug der Wolken am blauen Himmel folgen kann ohne sich zu langweilen. Die leise flackernden Flammen der Kerzen sprühten vor ihrem inneren Auge in roten Funken, der Boden schmeckte nach der Kühle des schlummernden Steines und das Glas mit frischem Traubensaft, das sicher Gwael, ihre älteste Schwester, irgendwann in den letzten Stunden für sie dort abgestellt hatt,e bildete feine grüne Schlieren, die sich in ihrer Nase sammelten. Das Lied in all seiner Pracht faszinierte sie und sie konnte sich kaum vorstellen wie es sich anfühlen musste, all diese manigfaltige Vielfalt nicht vernehmen, spüren, ja mit allen Sinnen genießen zu können.
Erst als ihr Spiel der Farben und Düfte ein wenig abgeflacht war fand ihre Konzentration zu dem Punkt zurück, an dem sie begonnen hatte…
Die Illusion, die sie erschaffen wollte sollte nicht einfach nur ein Abbild sein, sondern ein Gefühl, das jene, die sie erblickten, nicht nur in ein Paar Augen blicken ließ, sondern die Freundlichkeit des Lächelns wie einen warmen Sonnenschein auf der Haut spüren konnten. Die Illusion eines Mitglieds ihres Volkes, dessen Klang nur noch im sie umfangenden Lied ertönte.
Behutsam schob Amae ein paar Klänge aufeinander zu, erschuf vor ihrem inneren Auge einen Körper, mit dem bisher jedes ihrer Experimente begonnen und meistens auch geendet hatte und versicherte sich, dass die Proportionen, die sie sich anhand der Schilderungen zusammengereimt hatte auch übereinstimmten. Ein kleiner Luftzug und schon gesellten sich zu der noch einer Puppe ähnelnden Form lange grüne Haare, ein Hauch Moos, ein Funken Blaugrün, ein wenig Smaragd, frisches Grün von Blättern gepaart mit ein wenig vom fernen Meeresuntergrund die sich in einem kaum spürbaren Wind bewegten.
Die goldene Elfe atmete tief durch, um nicht in der Freude über den bisherigen Erfolg die Konzentration zu verlieren und verharrte einen Moment beobachtend. Manche der Haarsträhnen ähnelten sich noch zu sehr, bewegten sich zu gleich um natürlich dem Schopf der Lindil anzugehören und so glich sie hier ein wenig am Scheitel an, formte dort an den Spitzen um, bis sie rundum zufrieden den ersten Zwischenschritt betrachtete.
Der einfachste Teil der Arbeit war getan, nun kam es darauf an, den Charakter auch im Gesicht greifbar zu machen. Als reichte schon ein bloßer Gedanke, begann die Gestalt vor ihr zu lächeln, liebevoll, mütterlich, voller Wärme und innerer Ruhe und in dem dunklen Edelsteinton der Augen blitze ein fröhlicher Schalk auf. Amaes Herz flatterte für einen Moment aufgeregt, denn so weit war sie bisher im Studium der Illusionen noch nie gekommen, meist hatte das Antlitz der Eledhrim eher ihrer eigenen Mutter geähnelt, hatte wann immer ihre Konzentration abgenommen hatte deren Züge angenommen aber heute schien der Bann gebrochen.
Ohne das Bild der weiblichen Lindil zu verlieren zog sie weitere Klänge zu sich heran und ein zweiter Körper, etwas größer, den Rücken eine Spur gebeugt und mit dem freundlichen Klang eines knorrigen alten Baumes gesellte sich dazu. Diese Form war schnell gefunden, die Kleidung beinahe greifbar, die Aura eine Erinnerung an die vielen langen Stunden, in denen er ihr das Wirken des Liedes näher gebracht, ihr vom Sturm im Wasserglas und den Folgen des Wirkens erzählt hatte. An ihn waren die eigenen Erinnerungen so frisch und klar wie ein durch die Berge fließender Bach.
Amaes Herz schlug und schlug und sie bemerkte nicht, dass ihr ob des Aufwands der Illusion und der Kraftanstrengung die Konzentration zu schwinden drohte.
Ein letztes Mal schob sie die Klänge des Liedes an, ließ die Illusion der Frau die Arme heben um eine weitere, bisher nicht sichtbare Person zu umarmen und das isdirische Wort „Jah“ (Kind) klang wie ein Echo aus lang vergangenen Zeiten an ihr Ohr, als das Bild zu flackern begann, die Hände an Form verloren und durch das zarte Grün der Haut die Kerze des Arbeitszimmers hindurchschimmerte. Aber Amae wollte die Illusion noch nicht aufgeben, sie wollte den Klang so genau wie möglich studieren um ihn beim nächsten Mal schneller, noch etwas sicherer, wieder heraufzubeschwören. Ihre Hand tastete nach dem Kohlestift vor sich, berührte die Seiten eines Buches, als gäben die Worte und Beschreibungen darin ihr die Kraft und einen Atemzug lang strahlte die Illusion wieder auf während Buchstaben in elfischer Schrift, fein geschwungen, zusammen mit den eher kantigen menschlichen Schriftzeichen um sie herum zu tanzen schienen. Amae spürte einen feinen Stich im Inneren, nicht genug um wirklich schmerzhaft zu sein, nicht genug um lange in ihrem Hinterkopf zu verbleiben, aber genug, um die gehaltene Konzentration vollends zu zerstören.
Wie eine platzende Seifenblase lösten sich die Bilder der beiden vor ihr auf, verblasste das Lächeln, bis nichts außer den stummen Büchern und dem Flackern der Kerzen zurückblieb.
Als Amae sich tief in dieser Nacht auf den Weg in den Nebelwald machte, auf einen der hohen Bäume, in dem die dem Wald näheren Lindil ihr Zuhause gefunden hatten, zusteuerte, begann die Stelle an ihrem Handgelenk, an der eine nach außen hin nicht mehr sichtbare Narbe sie für immer an ihren größten Fehler erinnern würde, zu jucken. Noch während sie sich in die Hängematte legte, die Augen schließend, zog sich eine winzige geschwungene Linie aus Tinte über die helle goldene und von einem Hemd aus weicher Seide bedeckte Haut des Armes, zuerst nicht mehr als der Beginn eines Buchstaben, als habe jemand damit begonnen, den ersten Strich einer neuen Geschichte zu schreiben.


