„Sie darf sich jetzt entfernen“, murmelte Cedric immer noch leicht
verärgert ob der Gedankenlosigkeit der Magd, die es an diesem Morgen
erneut versäumt hatte ihm die gewünschten zwei Scheiben Käse statt der
einen aufs Zimmer zu bringen. Natürlich ging es ihm dabei nicht um den
Käse, so senil war er mit seinen 51 Jahren gewiss nicht, aber doch konnte
er sich der zunehmenden Verärgerung schwerlich erwehren. Dort wo er
herkam hätte man der Magd für drei Tage sämtliche Nahrung aus der
Küche verweigert und sie hätte sich mit den Schweinen um ihren Teil
balgen müssen. „Von Natur aus reicht der Verstand des einfachen Volkes
kaum von der Ziege bis zur Milch und wenn man ihnen nicht wieder und
wieder einbläut, wie wichtig es ist die Weisungen ihrer Herrscher zu
befolgen, wird schreckliche Unordnung entstehen und die Welt ertrinkt in
Blut“, sprach er grimmig, während er mit einer seiner mächtigen Pranken
die erste Scheibe Brot ergriff. Von der Bedeutung seiner Worte ergriffen,
sandte er ein kurzes Stoßgebet an die Herrin Temora und dankte ihr
dafür, dass sie ihm bereits in sehr jungen Jahren diese Weisheit zuteil
werden ließ.
In einem Land, dass nur zwei Jahreszeiten kannte, einen
erbarmungslosen Winter und einen kühlen Sommer, den man eigentlich
nur deshalb so nannte, weil für wenige Monate eine spärliche
Feldwirtschaft möglich war, gehörten Fehler und Nachlässigkeiten zu den
Dingen, die einem gläubigen Menschen eher ins Grab brachten als ein
hohes Alter. Er dachte eine Weile darüber nach, während er stoisch auf
dem Brot herumkaute. Ich hoffe mein Sohn kümmert sich in allen
Belangen so gründlich um alles, wie er es stets versucht hatte. Er war
zuversichtlich, denn sein nun ältester Sohn Telamon schlug in vielerlei
Hinsicht nach seinem Vater. Er war praktisch veranlagt, hatte keinen Sinn
für das Spiel, betrank sich nur bei wichtigen Anlässen und legte selbst in
den kleinsten Angelegenheit Wert auf äußerste Genauigkeit. Darüber
hinaus war er ein geschickter und kräftiger Krieger geworden. Bei einem
Übungskampf im letzten Jahr traf er Cedric so stark an der linken
Schulter, dass die hölzerne Klinge nahe der Spitze zerbarst und ein
Splitter sich tief in seine Schulter bohrte. Zwar konnte man den Splitter
leicht entfernen, aber die Schulter entzündete sich dennoch. Telamon war
schwer betroffen, weil er seinen Vater derart verletzt hatte, aber der
lachte nur und verbat sich jedwede Entschuldigung aufs Äußerste. Ja, er
war zufrieden mit seinem ältesten Sohn und lächelte leicht im Gedanken
an ihn und den Rest der Familie.
„Es wird Zeit, dass ich ihnen wieder Ehre mache“, sagte er sodann
entschlossen und legte den Plattenpanzer an, den ihm der junge Herr de
Arganta freimütig überlassen hatte. Es brauchte seine Zeit bis er wieder
bei Kräften und in der Lage eine so schwere Rüstung zu tragen war. Es
fühlte sich gut an nach all der Zeit nun das schwere Eisen auf der Brust zu
haben. Seitdem er vor knapp zwei Monden das gräfliche Schloss von
Varuna verlassen hatte, um in der Festung der Allianz des Lichts mit
verschiedenen körperlichen Übungen zu alter Stärke zurück zu finden und
sich in Ruhe und Abgeschiedenheit über die Vorkommnisse seit seiner
Abreise aus der Heimat klar zu werden, wurde ihm eines über allem
Anderen bewusst; es gibt kein Gebet, dass einem vor Schaden und Unheil
auf ewig bewahrt, nur den göttlichen Beistand beides zu ertragen und
eines Tages wieder das Schwert zu erheben, um auf ehrenvolle Weise
Genugtuung bei jenen einzuklagen, die Schuld auf sich geladen hatten.
Einen ersten Schritt hatte er getan und so machte er sich auf den Weg
zum Schloss, um den nächsten Schritt zu wagen. Am Osttor zu Varuna
traf er auf den Gardisten, der ihm bereits bei seiner Ankunft auf
unwirsche Art aufgehalten und beleidigt hatte. Vielleicht war es nicht sein
Fehler gewesen, der Gedanke blieb für einen Augenblick. Der Gardist
salutierte und grüßte mit den Worten: „Temora zur Ehr, Sir Cedric!“
Cedric nickte knapp und grimmig, war fast schon an ihm vorbei als erneut
ein leichter Groll in ihm aufkam. „Er wird mir fortan den Respekt entgegen
bringen, der sich für seinerlei gehört, und seine Erlaucht dem Rang im
Reiche entsprechend anreden“, donnerte er mit gespannten
Gesichtsmuskeln. Der Gardist war verwirrt. „Aber ich würde nie wagen
seine Erlaucht Adrian von Hohenfels in irgendeiner Weise respektlos
entgegen zu treten, Sir Cedric, mein Eid ver…“, sprach er erst unsicher,
dann zunehmend bestimmter, bis ihn Cedric mit schneidender Stimme
unterbrach: „Seine Erlaucht Sir Cedric.“
Der Gardist versteifte sich und schluckte schwer, während sich Cedric
umwandte und seinen Weg zum Schloss fortsetzte. Bestimmt würde der
heutige Tag diesem vorwitzigen Gardisten einiges an Frechheit genommen
haben. Die Art, wie er Cedric am Tag seiner wohl unrühmlichen Ankunft in
Varuna behandelt hatte, kränkte ihn noch immer in seinem Stolz. Am
Torbogen vor dem Schloss grüßten die Wachen auf gleiche Weise, wobei
der diensthabende Offizier eilig einen Befehl an einen der einfachen
Gardisten ausrief: „Meldet, dass Sir Cedric im Schloss eingetroffen ist und
stellt Wein im Speisesaal bereit!“
„Wartet!“, sagte Cedric mit sicherer Befehlsstimme, woraufhin der Gardist
sich auf der Stelle umwandte „Unterrichtet Adrian, dass seine Erlaucht Sir
Cedric von Rabenau, 7. Graf der Mark Rabenaue, im Schloss eingetroffen
ist und ihn um ein Gespräch bittet.“