22. Eluviar 263
Das Tagebuch meine Ehe wird sich im Goldblatt schließen, doch dieses hier will ich neu eröffnen. Es fehlt mir meine Gedanken zu ordnen und ein wenig auf Papier zu heulen, teilweise. Doch zunächst hinterlege ich hier einen Brief meiner Eltern. Im Grunde hat ihn meine Mutter geschrieben, aber ich nehme stark an, dass mein Vater seine Weisheit hineingerufen hat. Mein Knappe, Tristoban Schnellwasser wurde von mir vor einigen Wochen zu ihnen geschickt. Pferdepflege lernt er besser aus erster Hand vom alten Senheit und das Reiten gleich dazu. Ich werde bald sehen was es da gefruchtet hat oder ob er immer noch reitet wie ein Bauer auf einem Ackergaul.
Gut Altholz
Marsbergen am 04. Eluviar 262
Meine liebe Tochter Helisande,
du schickst deinen Knappen zu uns, erscheinst aber nicht selbst. In deinen Briefen berichtest du monatlich von Conrad und welche Fortschritte er macht, aber über dich berichtest du nichts.
Tristoban hat erzählt, dass dein Gatte vermisst wird und alle Umstände darum herum. Liebes Kind, was fällt dir eigentlich ein uns diese furchtbaren Tatsachen nicht mitzuteilen?! Dein Vater und ich, wir waren wie erschlagen von diese Neuigkeiten. Wir sind nun 33 Jahre verheiratet und wünschen allen unseren Kindern das gleiche Glück und die gleiche Geborgenheit. Du musst das nicht mit dir allein ausmachen, du bist immer noch unsere Tochter, trotz aller Titel und Ehren, die dir zu teil werden.
Ein Teil deiner tief romantischen Seele wird sich an den Rest der Hoffnung auf ein Wunder klammern. Dein Verstand weiß es besser. Thelor ist tot und du musst darüber hinweg kommen. Ehre ihn, aber widme einem verschollenen Gatten nicht dein Leben.
Weißt du noch....
Du bist Efeu. Efeu ist unverwüstlich, ein unglaubliches Unkraut. Er übersteht Trockenheit, große Hitze, man kann ihn ausrupfen - aber überlebt nur ein Wurzelfaden, so treibt er wieder aus. Er berankt ganze Burgen aus einem Sproß und hält das Mauerwerk auf Jahrhunderte zusammen. Er bietet vielen kleinen Geschöpfen Heim und Nahrung, Schutz vor Unbillen der Natur. Er ist immer grün.
Du bist Efeu, keine Rose. Du wirst nie verblühen.
Du hast dir einen recht unscheinbaren Knappen gewählt, zumindest auf den ersten Blick. Er ist still, bis er spricht. Aber seinen wachen Augen entgeht nichts. Auch nicht an dir und trotz allem, was er von dir sieht, verehrt er dich sehr. Er fühlte sich recht wohl bei uns, denn im Grunde sind wir wohl das, was er kennt. Wir sind weder Adel noch Edel, wir sind arbeitende Verwalter. Besser gestellte Bauern sozusagen. Unsere Handgriffe und Abläufe, die Rhythmik unserer Tage ist ihm vertrauter als dir vermutlich es noch sein kann.
Er sprach nicht viel über sich, aber ich glaube er hat früh seine Mutter verloren. Dennoch reihte er sich mühelos in die Reihen deiner Brüder ein, als wir den ersten Grasschnitt hurtig ausführen mussten. Die Unwetter hatten uns hier ebenso getroffen, wie euch in Gerimor und wir sind ein wenig hintendran mit allem.
Dein Knappe hat wie du eine tief romantische Seite in sich, aber er ihm fehlt noch etwas, was du im Überfluss immer hattest. Ihm fehlt noch das Feuer, die Gluht ist da. Sie glimmt in ihm und wird durch das gedeckelt, was er an Erziehung genossen hat. Vergib es ihm, freue dich daran, dass er vermutlich sehr bald das Wort offen und scharf erhebt. Ich ahne, dass du nur darauf wartest.
Ich habe ihm einen Rat dazu gegeben, ich hoffe er kann ihn richtig deuten.
- 'Nicht die Anzahl der Worte, die man spricht wird gehört. Nicht die schwierigen Worte werden gehört. Nicht die weichen Worte werden gehört. Gehört werden die Worte, die gleichsam fest und besonnen, wahr und nötig, mutig und klar sind.'
Ach von deinem Vater soll ich zu deinem Knappen noch schreiben. Aufgrund der Wortwahl, zitiere ich lieber wörtlich:
"Sag meiner Tochter, dass der Junge ein Guter ist. Kann mit Pferden. In sechs bis sieben Jahren ist er ein brauchbarer Reiter, bis dahin gib ihm eine Lotte und keinen Jasper. Der Kleine brauch noch ein bischen mehr Mumm in den Knochen. Wenn dem was nicht passt, dann merkt man ihm klemmt was im Darm, aber er scheißt es nicht aus. Ist ein Guter."
Nachdem ich das mit hochrotem Kopf nun geschrieben habe, Kind, muss ich mich erstmal erholen und dringend ein Gespräch mit deinem Herrn Vater führen. Am Ende hat der Junge das gehört. Wobei er es ihm wahrscheinlich direkt ins Gesicht gesagt hat. Wie lange bin ich mit ihm noch gleich verheiratet? 206 Jahre?
Nun aber Kopf hoch und küss Conrad von uns. Wir erwarten, dass du uns irgendwann selbst besuchst. Wobei ich ahne, dass du es nicht tun wirst. Du wirst erst kommen, wenn du nicht mehr gehen willst.
Wir lieben dich.
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Godth und Halric Senheit, meine Eltern. Der eine nimmt kein Blatt vor den Mund und macht aus seinem Herzen keine Mördergrube. Die andere errötet bei jedem Schimpfwort und unterschreibt Briefe an ihre erwachsene, 30jährige Tochter mit 'Mama'.
Ich fühle ein unendliches und plötzliches Vertrauen in die Zukunft, einfach weil diese beiden Menschen sie mir geschenkt haben.