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Bittersüß der feine, herbe Geschmack des grünlichen Kräutertees in Verbindung mit dem Hauch Aprikose. Eine Kombination die sanft einlullend, Geist und Körper sowohl stärken als auch beruhigen sollte und doch... ihre blassen Finger zitterten leicht und verursachten so ein kleines Wellenspiel im Zentrum der Tasse. Irgendwo im Bauch stieg ein Schwindelgefühl wie ein Phönix empor und bahnte sich den Weg zum Brustbein hin, nur um dann doch, von einem unsichtbaren Pfeil getroffen, wieder in die Tiefe zu taumeln. Law, an Ruhe war nicht zu denken, auch in dieser Nacht nicht. Sie kannte den Grund für das innere Beben, zumindest hatte sie den Moment klar benennen können, an dem die Unruhe schlagartig erwacht war.
Wie viel Zeit musste man in der Nähe einer Seele verbringen, wie viele Jahre musste man nebeneinander ausharren, um einander wirklich zu kennen? Gab es diesen Zustand des vollkommenen (Er-)Kennens denn tatsächlich oder musste man damit leben, dass man selbst vom eigenen Wesen nur eine ungefähre Ahnung hatte und das Kunststück vollbrachte sich selbst immer mal wieder zu überraschen? Wie schnell wurde man sich dann wiederum fremd und wie viele Gesichter, Fratzen, Facetten könnte man im Laufe der Zeit entdecken? Gab es hier denn überhaupt Hoffnung auf eine zuverlässige Zahl?
Silbrig-gülden bleiche Lippen öffneten sich einen Spalt, als mit dem erneuten Sturzflug der Emotionen, ein Seufzen der Brust entrungen wurde und leise aus der Kehle drang. Man konnte es drehen und wenden, das Fazit blieb, dass sie selbst mit gut einhundert Jahren im besten Fall ein winziger, kurzer Klang im Lied dieser Welt war. Ein feines Klingeln vielleicht, das im mächtigen Rauschen der Urzeitenmelodien rasch unterging. Was wunderte sie sich also, dass sie nun auch endlich entdeckte, dass Wissen und Kennen oftmals eine nette Illusion darstellten? Dass in jeder Notenzeile der Melodiengefüge Unbekanntes steckte und darauf wartete sie zu überraschen?
Eigentlich ein unglaublich spannender und aufregender Aspekt, wäre er dieses eine Mal nicht mit dem beklemmenden Gefühl der Hilflosigkeit gepaart gewesen, das sich nun auch nicht mehr recht abschütteln ließ. Im Laufe der dahinfließenden Jahre lag es den Kindern ihres Volkes, den Eledhrim, oftmals nahe eine gewisse Arroganz und überzogenes Selbstbewusstsein an den Tag zu legen. So viel hatte man gesehen und Einiges davon wiederholte sich, während auch die Mühlen der alltäglichen Routine tiefer gruben und felsenfeste Sicherheit vorgaukelten. Vielleicht lag es genau daran, dass sie nun innerlich wankte und der Unsicherheit mehr und mehr zum Opfer fiel.
Naw, wahrscheinlich hätte eine Adaneth, eine Menschenfrau, ganz genau geahnt, wie sie hätte handeln müssten. Nae! Sicherlich hätten es jene aus dem Schlage der Mornedhel, ihre dunklen Geschwister, sogar begrüßt, dieses seltsame Spiel und in der Reaktion zu trumpfen gewusst. Sie aber hatte gestarrt, gelauscht und entsetzt realisiert, wie man ihr den Boden jeglicher Würde und Sicherheit unter den Füßen weggerissen hatte, bis sie, eine Talagan ihres Volkes, auf einmal keine Worte mehr gefunden hatte...
Die Rechte löste sich plötzlich vom Teebecher und die Fingerspitzen fanden zittrig den Weg zum eigenen Kinn um einer längst vergangenen Berührung nachzufühlen. Mit dieser Geste griff sie nach den Erinnerungen und schärfte sie, wie die Linse eines Fernrohrs den Blick zu den Sternen.
„Tatsächlich?“, die leise Stimme hallte dunkel und raunend erneut in ihren Ohren nach und da war sie wieder an jenem Ort, vernahm die Antwort verspätet und kindlich kleinlaut, statt sicher oder gar stoisch überzeugt.
„... tatsächlich.“
Ein beunruhigender, schmaler Blick, der nicht stimmte und sie alarmierend an die dunklen Seelenfeuer der Mornedhil erinnerte aber zugleich ein durch und durch authentisches, wahres Wesen spiegelte. Der Anflug eines Lächelns, Süffisanz und interessiertes Amüsement im Bezug auf diese unbehagliche Situation, als habe man sie beim Brettspiel in eine jämmerlich ausweglose Lage gebracht und lehnte sich nun höhnend zurück, um ihre Reaktion zu beobachten. Nur dass sie keinerlei Reaktion parat hatte, es kein Brettspiel gab und sich niemand zurücklehnte, im Gegenteil.
Nah, zu nah, das Ganze!
„Gut.“
Weiches Leder der Handschuhe im Vorbeigleiten an der Wange, ohne zu berühren und dann aber doch der Druck im Nacken, das flüsternde Rascheln der schneefarbenen Locken. Viel zu nah – und die Worte versiegten im trockenen Treibsand der Fassungslosigkeit. Es war der Körper der sie rettete und aus der Starre erwachte. Eine fließende, rasche Bewegung ließ sie unter dem Arm hinweg tauchen und verschaffte zumindest den längst so ersehnten Sicherheitsabstand.
Aber darin, im Bruchteil der Bewegung sah sie die Zähne blitzen und hörte das witternde Einatmen, welches sie auch jetzt wieder erschaudern ließ und ihre Verzweiflung nährte. Sie verstand nicht, erkannte nicht, wusste nicht – Hilflosigkeit.
„Du weißt wo du mich findest...“, das Lächeln glomm wieder auf, wie der letzte Funken eines rabenschwarzen Kohlestücks, „... und ich weiß, wo ich dich finde.“
Die Schärfe der Erinnerung verschwamm und gab sich wieder der Dunkelheit hin. Zurück blieb eine junge Elleth, die stumm in die sanften Wellenkreise des Tees starrte, als könne sie tief im weichen Grün Antworten auf schaurig fremde Fragen erhalten.