Die Legende vom Zweigmädchen - Prolog I
Diese Geschichte, die sich in den Nebeln der Zeit versteckt, beginnt nahe einem einsamen aber doch hochherrschaftlichen Anwesen nahe der Grenze zu einem namenlosen Wäldchen.
Die Nächte werden länger als die Dunkelheit den Tag frisst und schon früh, als noch vor wenigen Mondläufen die Sonne noch hoch am Himmel stand, nimmt der Mond seinen zustehenden Platz am nächtlichen Firmament ein.
Vereinzelt hört man Hunde, als Zusicherung der Nähe zur Zivilisation, bellen und nur wenige Laute sind zu hören, als der Winter immer näher rückt und die Bäume mit ihrem Laub die Erde bedecken.
Doch horch, da raschelt es im Unterholz!
Dieses Geräusch wurde jedoch nicht etwa von Eichhörnchen verursacht, die noch eine letzte Nuss fanden, noch von einem Vogel, der auf der Suche nach wärmenden Dingen für sein Nest war, nein.
Es entstammte den Stiefeln der Brüder Verring, zwei gleichalten räuberischen Brüdern, die im Hafenviertel der Heiligen Stadt aufwuchsen und nun die aufkommende Dunkelheit, die noch nicht vom winterlichen Leichentuch des Alatner bedeckt ware, nutzten, um einige letzte Raubzüge zu machen, bevor dieses zu einem nahezu unmöglichen Vorhaben wurde. Denn mit den längeren Nächten blieben auch die Menschen zuhause und verbarrikadierten sich gerne schon früh in ihren Häusern und Hütten, was es sehr schwer macht, dort ungesehen einzusteigen und noch schwerer macht, ungeschoren wieder heraus zu kommen.
Doch dieses Mal konnte nichts schief gehen, sagten sie sich.
Der Plan wirkte perfekt.
Bei ihrem auserkorenen Ziel handelt es sich um ein reiches Anwesen. Es würde der letzte große Beutezug vor Wintereinbruch sein. Die Brüder haben das Anwesen und seine Bewohner lange Zeit beobachtet, dass sie sich sicher sein konnten, dass es sich nur um zwei Bewohner handelte, die oftmals für Tage nicht dort waren. Natürlich handelte es sich um Bürger des Heiligen Alatarischen Reiches blablabla und Gläubige bestehlen sich untereinander nicht, sagt man. Jedoch ist dieses Gebot für Räuber nicht bindend, wenn man dabei dem Bestohlenen kein Leid zufügt, sagten sich die Brüder immer wieder, um ihre Raubzüge zu rechtfertigen. Tatsächlich hielten sie sich auch daran, denn wenn die Brüder Verring irgendwo "einstiegen", so taten sie es stets unentdeckt und leise.
Und so sollte es auch dieses Mal geschehen.
Es war kurz nach der sechsten Abendstunde. Der Mond stand rund und golden am Himmel und verlieh der abendlichen Flur ein unwirkliches Licht. Zu wenig, um zwei im Unterholz verborgene Ganoven zu erkennen, aber genug, dass diese ihr Ziel genau im Blick hatten.
Seit über drei Stunden gab es keinerlei Bewegungen in dem Anwesen, kein Licht wurde entzündet und Stimmen waren auch keine zu hören. Und einen Hund hatten die Besitzer auch nicht. Sehr leichtsinnig, aber das würde die Sache noch einfacher machen. Und die Nähe zu einer Festung setzt dem Vorhaben die Krone auf, denn wer rechnet schon damit, als Nachbar einer wehrhaften Festung bestohlen zu werden...
Die Ausrüstung war komplett und griffbereit: Haken, Seile, Werkzeuge, Dietriche, Federtränke, Mehlbomben, Diamantschneider...
...weiche Lederrüstungen und Stiefel, wattierte Knüppel. Alles da. Es konnte losgehen!
Die Hecke des Anwesen stellte kein Problem dar als die Beiden sich gekonnt durch diese wanden und leisen Schrittes am Rand eines aussen liegenden Bassins entlang schlichen. Die Fenster des Hauses wirkten mehr dekorativ als gesichert, weswegen die Fingerfertigkeit siegte, das Fenster in Folge mit wenigen Handgriffen geöffnet war und den Brüdern Verring die Eintrittskarte in das Gebäude stellte.
Darin angekommen wussten die Brüder, dass sie einmal wieder goldrichtig lagen: Teure Möbel aus feinem Basaltstein, eine meterlange Wand voller Fässer mit Schildern daran, Vorhänge als Raumteiler. Und das war erst der Anfang. Und es war wirklich niemand hier. Das würde über den ganzen Winter reichen.
Die Brüder entschieden, sich aufzuteilen. Jonah wollte im Obergeschoss nachsehen und Stelin im Keller. Denn oftmals befanden sich die Vorräte im Obergeschoss und die wertvollen Dinge in den Kellern. Zumindest wurde diese Tatsache bisher nie eines besseren belehrt.
Lassen wir Jonah die Treppen nach oben nehmen, während wir Stelin in den Keller begleiten.
Stelin ärgerte sich bereits beim Abgang in den Keller, da die Besitzer des Anwesens auch dort keinerlei Beleuchtung hinterliessen und ein neblig-bläuliches Schummerlicht alles war, was dem Räuber als Anhaltspunkt diente. Jedoch war es eindeutig zu erkennen, dass es sich nur um einen langen Gang handelte, der sich am Ende in einem großen Raum verlor.
Als der Gang weiter erkundet wurde, umschmeichelten auch immer mehr wohlige Düfte die Sinne des Räubers. Scheinbar sollte er dem vermuteten im Keller versteckten Reichtum immer näher kommen. Denn wer sich solche Düfte leisten kann, der muss genug Gold haben.
Am Ende des Ganges angekommen musste Stelin Verring sich erst einmal an den Raum gewöhnen, der mehr wie ein Entspannungsbereich als eine Schatzkammer wirkte: Ein großes Badebecken zierte die ganze Ecke des Raumes und exotische Pflanzen wuchsen darum. Blütenblätter waren am Rand des Beckens verstreut und in der Mitte des Raumes lag ein Ensemble an Damenkleidung. Ein mehr zeigendes als verbergendes Kleid und aus Balronleder gefertigte halterlose Strümpfe. "Man scheint hier einen guten Geschmack zu haben", dachte er sich grinsend und lenkte seine Schritte weiter durch den Keller, wo er hinter einem großen Vorhang ein überdimensional großes Bett mit Eisbärfellen vorfand.
Kopfschüttelnd über soviel Dekadenz suchte er den Raum nach Schatullen, Kisten oder Schmuckkassetten ab, aber.... nichts. Nahezu genervt wirkend schlug er einen weiteren Vorhang zur Seite, wo er jedoch erst einmal stockte. Er hatte mit viel gerechnet, aber nicht mit einem kalten gefliesten Raum mit lauter... Ketten? Und Blut?
Doch für einen Bewohner des Heiligen Alatarischen Reiches sollten solche Anblicke keine Besonderheit sein, daher suchte er weiter. Und wurde fündig! Eine große Kiste stand unbeteiligt in einer Ecke des Raumes und er wusste, dass er darin endlich fündig werden würde.
Er kniete sich nieder und stellte fest, dass diese Kiste weder gesichert noch mit einer Falle versehen war. Wie leichtsinnig...
Doch verlassen wir Stelin fürs Erste und sehen nach, was seinen Bruder Jonah im Obergeschoss erwartete.
Dieser stieg die Stufen hinauf und fand daraufhin eine elegante Altane vor, die ihn mit einem exzellenten Ausblick über die umliegenden Wälder begrüßte. Jonah wusste zwar, dass es in den oberen Etagen meistens weniger wertvolle Ausbeute gab, aber dafür eben nahrhaftere Dinge, da viele Leute ihre Speisekammern dort versteckten. Jonah war ein gutes Abendessen sowieso mehr wert als Juwelen, weshalb er seinem Bruder die Freude an den wertvolleren Beutestücken gönnte und sich selbst an den Leckereien gütlich tun konnte.
Nachdem er die Aussicht für einen Moment auf sich wirken liess und gleich den Fluchtweg von dieser hohen Warte aus nochmals prüfte, öffnete er eine schwere Tür und fand vor sich einen nahezu königlich wirkenden Raum. Der Mond schien durch die Fenster herein und offenbarte einen großen herrschaftlichen Raum, der zur Hälfte regelrecht mit Kissen geflutet war, die auf einem kostbaren Teppich lagen. Kissen waren zwar keine Beute, dachte er schmunzelnd, aber irgendetwas von Wert wird sich hier schon verstecken.
Jedoch konnte er diesen Gedanken nicht zu Ende denken, da ein gellender Schrei und ein Ruf nach Hilfe ihn aus seinen Vorstellungen rissen. Das war doch Stelins Stimme! Sofort nahm er den wattierten Knüppel in die Hand und rannte nach unten. Während er die Treppe hinunter hastete, wunderte er sich, dass Stelin so laut schrie. Die beiden haben bisher stets leise gearbeitet und egal, was geschah, den Mund gehalten.
Unten angekommen, konnte Jonah seinen Bruder nirgends finden. Wo steckte er nur? War er etwa immer noch im Keller? Da ihn ein unglaublich mulmiges Gefühl beschlich, holte er sein Stiefelmesser heraus, denn das war nun ernster als gedacht. "Scheiß drauf, niemanden verletzen zu wollen" waren seine Gedanken, als sich seine Nackenhare stellten. Denn aus der Richtung, in der Stelin vor nicht einmal zehn Minuten verschwand, waren erneut hilfesuchende Schreie zu hören. Hatten die da unten etwa einen Warg versteckt? Er konnte seinen Bruder nicht im Stich lassen, also stieg er die Stufen in den Keller hinab und stolperte über etwas.
Jonah ärgerte sich noch über eine derart primitive Stolperfalle und stieg weiterhin mit gezücktem Messer die Stufen hinab. Dort fand auch er am Ende der Stufen den langen Gang vor und sah diesen entlang, als ein verzerrtes Gurgeln seine Aufmerksamkeit fesselte und ihn mit einem lebendig gewordenen Alptraum konfrontierte:
Am Ende des in neblig-blaues Licht gehüllten Ganges lag ein Pärchen in inniger Umarmung am Boden. Die Silhouette mit den langen Haaren sah aus wie eine Frau, die den liegenden Mann leidenschaftlich an der Wange küsste und ihn fest umklammert hielt.
Jonah war verwirrt von diesem Anblick und konnte den Zusammenhang zwischen seinem um Hilfe schreienden Bruder und dieser Szenerie nicht ergründen, als ein Detail seine Aufmerksamkeit für einen Bruchteil eines Augenblickes fesselte. Von dem verschlungenen Pärchen aus ging eine dunkle Spur bis zum Ende des Ganges, an dem er nun stand. Und diese dunkle Spur... war Blut.
Als er dieses grausame Detail erkannte, sah die weibliche schemenhafte Silhouette zu ihm auf und erhob sich in einer fließenden Bewegung, die im Wind flatternder Seide ähnlich war, und liess ihren Liebhaber am Boden liegen. Jedoch erkannte Jonah nun, dass es sich bei diesem "Liebhaber" nicht um irgendjemanden handelte, sondern um seinen Bruder. Als die beiden Umrisse sich voneinander trennten, fragte er sich, weshalb sein Bruder dort einfach so lag, als er realisierte, dass seinem Bruder vom Nabel ab die gesamte untere Körperhälfte fehlte und dunkle Umrisse nur zu erahnen gaben, was dort nun herausquillt.
Als ihn bei dieser unwirklichen Erkenntnis die pure Panik ergriff, liess er einen lauten Schrei los und rannte so schnell es ihm möglich war, die Treppe hinauf. Zuvor sollte er jedoch noch sehen, dass die knochendürre Gestalt mit den langen struppigen Haaren ihm mit langsamen taumelnden Schritten folgte.
Am Ende der Stufen angelangt, stolperte Jonah in seiner angsterfüllten Hast nochmals über diese Stolperfalle, die sich diesmal bei genauerer Betrachtung als die fehlenden Beine seines Bruders herausstellten.
Dieser Anblick zerstörte die Psyche des Räubers nun vollständig und hinterliess ein in der Ecke des Kellerabganges kauerndes Wrack, welches zitternd und unkontrolliert zwischen dem grausigen Anblick und den Stufen hinunter in den Keller hin und her sah, aus deren Richtung leises Tapsen zu hören war, welches immer näher kam.
"Sie waren sehr unartig, ja... der weiße Rabe liebt keine unartigen Spielzeuge..." waren die letzten Worte, die Jonah Verring hörte, als auch sein Leben in dieser eisigen Nacht des Rabenmondes sein Ende fand.







