Admuena

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Beitrag von Admuena »

Scherben

Admuenas Kopf lehnte mit geschlossenen Augen an dem Thekenmäuerchen, neben ihr ein Haufen weißer blitzeblanker Tellerscherben. Ihr Blick wanderte kurz hinauf zum Spülbecken mit einem Funken von Bestreben wieder aufzustehen und das Malheur zu beseitigen, doch dann schoben sich ihre Schultern wieder zurück und sie drückten sich wieder an die Steine. Sie blieb einfach dort sitzen und schob das Spültuch zur Seite um mit ihren dünnen Fingern langsam über ihre Augen und Wangen zu streichen. Das Herdfeuer knisterte, seitlich im Raum an den Fleischerhaken tropfte das Blut eines frisch erlegten Wildschweins in den bereits gut gefüllten Eimer und die alten Küchenfenster klapperten im zunehmend starken herbstlichen Hafenwind. Ihr langer seufzender Atemzug ging in all diesen Geräuschen unbemerkt unter.

Die gesamte Küche wirkte alt und abgewirtschaftet, doch sie war sauber bis zur letzten kleinen Nische. Die Küche reinigen war früher ihre Aufgabe gewesen und so manchem Duktus der Eltern konnte man sich wohl auch im Alter nicht erwehren. Admuena griff in die Tasche der Schürze und holte einen Glimmstängel hervor. Beim Aufräumen gefunden, wirkte er bereits etwas trocken und sie konnte sich nicht mehr erinnern wann sie diesen erworben hatte. Sie klemmte ihn sich zwischen die Lippen, drückte sich hoch und beugte den Stängel über eine Öllampe auf dem Tresen bis er glomm. Nach dem ersten Zug nahm sie ihn mit den Fingern beiseite und leckte über die Lippen mit leicht verzogenem Gesicht. Die gelbgrünen Augen wanderten vom Lichtschein langsam über den kleinen Speiseraum. Klein und eng war er, doch sie hatte sich mit aller Kraft um etwas Gemütlichkeit bemüht. Trotz alledem wurde ihr Blick bitter und fahl. Es hatte zu viel Kraft gekostet, als sie sich hätte richtig freuen können.

Und noch immer war sie nicht sicher, ob sie den richtigen Weg gegangen war. Die Schlachterei mit Schmausbüdchen zu errichten schien noch jetzt ein hoch gestecktes Ziel. Sie hatte zu früh zu groß gedacht. Jedes Gold, welches sie sich hart und teils sogar mit eigenem Blute erarbeitet hatte, zerrann mit jeder Ausgabe. Die Hausrenovierung, die Möbel, der Kochtopf, die Teller, die Becher und Gläser, Saftpressen und Teekannen, Bienenstöcke, Spaten, Wassereimer, Sensen, Saatgut und Tränke… Kaum hatte sie eine große Anschaffung endlich besorgen können, stand die Nächste im Grunde schon an. Sie war müde und ausgebrannt. Die Freude an der neuen Errungenschaft versackte zu schnell in den Gedanken wie sie das nächste Gold heranschaffen könne. Nur ein Körnchen Stolz hielt Admuena am Weiterarbeiten, denn sie hatte dies alles selbst erreicht. Sie hatte jede Münze zweimal umdrehen müssen, doch es war stets ihre Münze gewesen.

Sie wollte gar nicht wissen wie viele Münzen in ihren Traum schon geflossen waren von dem sie nicht einmal wusste, ob er fruchtete. Sie kam der Eröffnung zwar immer näher, doch immer und immer wieder bauten sich neue Stolpersteine auf. Hätte sie doch nur mal mit einem Marktstand begonnen oder eine bereits vorhandene Taverne mehrmals gemietet, statt etwas Eigenes direkt aufzubauen, schimpfte sie so manche Tage zu sich, doch wäre sie dann so eifrig gewesen? Die Münzen waren nur ein Mittel zum Zweck. Sie trauerte ihnen nicht nach. Ihr missfiel die Unvollständigkeit ihres Strebens. Ihr missfiel, dass nicht einmal ein Etappenende zu sehen war.

Der aufgerauchte Stummel wurde auf einer aufgehobenen Scherbe ausgedrückt ehe sie Besen und Kehrblech aus einer Ecke holte. Die im Lampenschein glänzenden Scherben ließen kleine Lichtfunken beim Zusammenfegen tanzen und präsentierten nochmals ihre makellose Oberfläche ehe sie mit einem Rumps im Mülleimer landeten. Dann tauchte sie den nächsten Teller in das Spülwasser und murmelte: „Auf ein Neues“.
Zuletzt geändert von Admuena am Donnerstag 28. März 2019, 14:03, insgesamt 2-mal geändert.
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