Die Tage gingen vorüber...
Der Bau des menekanischen Wachturms in der Durrah bündelte alle Kräfte des Volkes und der Verbündeten auf den Schutz der Grenzen des Sonnenreichs, damit die Handwerker ungestört das Fundament ausgraben, Mauern hochziehen und Decken einziehen konnten. Ständig an der Seite ihres Verlobten, des Sajneens der für die Umsetzung des Unternehmens zuständig war, musste auch die Priesterin ihren Fokus vom Anliegen der verstorbenen Haatim Saida Zaki lösen. Ohne den Rückhalt der Armee wäre es leichtsinnig eine Expedition auf eigene Faust durchzuführen.
Die erste Stab-Vision hatte die Vermutung aufkommen lassen, dass ein Bund abtrünniger männlicher Khaliq im Besitz der beiden missenden Gegenstände war, die in die leeren Fassungen des Stabs gehörten. Irgendwo in einer Schatulle....irgendwo in einer Höhle ruhten sie. Hatten die Khaliq der Haatim jene mit Gewalt entrissen? Warum? Welchen Wert hatten sie? Was wollten sie damit anstellen? - Das es schlichte Stabverzierungen waren bezweifelte Maheen sehr stark.
Ein unruhiges, nagendes Gefühl beschlich sie immer wieder und ihr Instinkt sagte ihr, dass die wohl abtrünnigen Glaubensbrüder das Diebesgut für ein frevlerisches Werk nutzten - und sie rechnete mit dem Schlimmsten.
Seit der Abreise Callistas trafen sich Mina und Maheen einmal, um sich über ihre Aufgabenstand zu informieren.
Das Wüstenkloster schwieg anhaltend. Die Armee war bereit nach dem Turmbau zu helfen. Maheen kam der Gedanke einen Liedwirker der Leviathan zur Observation der Durrah-Höhlen zu entsenden, die am wahrscheinlichsten als Unterschlupf der Abtrünnigen genutzt werden könnten. Man beschloss zusammen die Leviathan über die Armee einzubinden...
Ein paar Tage später saßen die beiden Khaliq wieder in der Bibliothek des Tempels. Mina berichtete, dass der Hadri Zhenzrael die Erkundungsflüge in der Durrah übernehmen würde, während mit der Armee noch kein genauer Termin vereinbart wurde. Da Maheen ihren Part erfüllt hatte - das Schreiben für Alwa'shiral, dass noch immer nicht beantwortet wurde, bot sie Mina an ihr bei ihren Aufgaben zu helfen. Immerhin traf sie Adal täglich.
Bereit sich ins Ungewisse zu stürzen - immerhin hatten sie immernoch keinen Anhaltspunkt, ob sich die Höhle aus der Vision in der Durrah, auf Gerimor oder irgendwo auf Alathair befand...
Einen Moment schwiegen die beiden Azeezehfrauen, ehe Maheen in die Initiative ging:
"Ich denke wir sollten den Stab mit auf die Erkundung nehmen, immerhin hat er sich als Schlüßel zu einer Vision gezeigt...
Und wer weiß, was passiert, wenn wir dem Ort des Geschehens näher kommen oder ihn gar einmal beide zusammen berühren?"
Maheen spähte forschend zur Jüngeren. Die Haatim Callista hatte zwar ihren Einfall verworfen, dass man mit dem Stab seine fehlenden Teile aufspüren könnte, zwischen denen Maheen ein Band vermutete, dem man folgen könnte, jedoch blieb der Stab der verstorbenen Haatim weiter das 'Schlüsselelement'. Maheen hob ihre Hände waagengleich an.
"Jung und alt..."
"Hum.. du meinst.. er offenbahrt sich auch uns?"
"Nun, wir drei haben diesen Traum empfangen. Vielleicht soll die Haatim Callista nur unsere Führung sein. Diese 'Prüfung' soll aber uns beiden bestimmt sein? Und ins uns beiden sehe ich viele dualistische Aspekte, die allesamt den Charakter der Geweihtenschaft ausmachen.
Das waren zu mindestens die Gedanken, die mir noch einfielen, als ich über die beiden leeren Fassungen und den Dualismus nachdachte."
"Sollten wir..?"
"Einen Versuch ist es wert. Vor allem, solange wir sonst keine anderen Anhaltspunkte haben..."
"Dann wagen wir es!"
"... ist unser unerschütterliche Glaube an die All-Mara stets Grundlage unseres Handelns"
Sie knieten sich in einer entspannten Haltung vor die beiden Statuen, den Abbildern der Weisen der Wüste und der Weisen der Oase. Maheen streckte ihre linke Hand aus und bot sie haltgebend an. Beide atmeten tief durch und sprachen je ein kurzes Gebet, ehe sich die je beiden freien Hände zum Stab absenkten, der dort am Fuße der Statuen neben der Urne der Haatim ruhte. Maheens Augen wurden glasig, als sie ihren Fokus verinnerlichte und sich auf jene Sinne konzentrierte, die Callista und Antorius ihr gezeigt hatten zu schulen...
Ein Ruck geht durch das klerikale Gefüge, als die beiden Khaliq den Stab berühren, wie ein leises Knistern durch die elektrisierte Luft. Und dann prasseln erneut die Bilder auf sie ein...
Eine Höhle, modrig und kühl, aber erfüllt von Stimmen und Farben, undeutlich, verschwommen und dumpf.
Dunkelheit, Schatten, das dunkle Violett als Farbe der Eluive, männliche Stimmen und der Schimmer von sandiger Farbe dann, Sandstein, feste Schritte auf hallendem Boden...
Statuen aus Sand, deren Augen ihre Besucher zu verfolgen scheinen. Wieder die Stimmen. Wieder das dunkle Violett, ein Stab, eine Kette, Relikte offenbar, doch verschwommen und flüchtig und mittendrin ganz klar die kleine Schatulle und die hallende, seichte Stimme der verstorbenen Alten 'Findet sie!'...
Und der Drang, der Bitte, der Aufforderung nachzugehen...
Und dann schwinden die Bilder, werden überlagert von Dünen, Sand, dem rauen Gestein des Gebirges, in dessen Stein die Schwärze eines Höhleneingangs schimmert. Und dann... Gefieder, Geschrei, Krallen, Klauen beinahe...
Und am Ende bleibt nur das Bild einer mächtigen Harpyie, das eine ganze Weile braucht, um wieder zu verblassen und in Stille und Ruhe überzugehen.