Geburtstag

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Beldan Scherenbrueck
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Registriert: Dienstag 1. September 2015, 12:52

Geburtstag

Beitrag von Beldan Scherenbrueck »

Es war einer dieser Tage. Welcher Tage ? Nun dieser ganz gewöhnlichen Tage. Schweigend döste er vor sich hin. Was hätte es auch zu sagen gegeben ? Seine abgelegten Lederstiefel, der alte Stuhl am Bettende und der morsche Schrank bei der Türe leisteten ihm Gesellschaft. Stille Kameraden. Gute Zuhörer. Aber es gab nichts zu sagen. Er konnte die Decke sehen, dort von seiner Pritsche aus, wo er lag. Die verspielte Maserung des Holzes, das einzig unregelmäßige in der kleinen Kammer, die nicht genug Platz für ein richtiges Bett bot. Er rauchte eine Pfeife. Es war morgens. Der Pfeifenrauch, der ihm immer wieder in die Lunge strömte machte ihn schläfrig. Schläfrig und taub. Wenn er ausatmete fiel der breite Brustkorb schlaff in sich zusammen. Der zähe Dunst waberte wie flüssig aus seiner Nase und über seine halbgeöffneten Lippen. Manchmal strich er unschlüssig davor herum, ein anderes mal wurde er vom Atem schwach emporgehoben und schwebte als blaue Wolke über seinem Haupt.

Er würde bald wieder einschlafen. Nicht richtig, aber fast. Mehr ein unruhiges Dämmern. Morgens träumte er viel, seltsame und verworrene Dinge. Es war als wolle sein Körper ihn auf etwas aufmerksam machen. Das war keine Zeit mehr zum schlafen. Steh auf! Trotzdem würde die Zeit vergehen. Er würde es nicht einmal richtig bemerken. Der Morgen würde lange dauern und dennoch bald vorbei sein. Zu seinem Bedauern. Ein Paradox des Müßigganges. Die frühen Stunden waren stets die angenehmsten. Ein seltsames Gefühl der Zeitlosigkeit und Gleichgültigkeit machte sie aus. Die Kunst der Muße bestand darin, diese Stunden so weit wie möglich in die Länge zu ziehen. Die unweigerliche Enttäuschung herauszuzögern, die eintrat, sobald einem bewusst wurde, dass der Tag vorbei war. Die Zeit unwiederbringlich verloren. Am nächsten Tage würde man es anders machen. Der erste Gedanke. Der erste Entschluss, sobald man sich langsam vom Bett erhob und müde in den Nachmittag starrte. Aber dieser Tag war verloren. Die wenigen Stunden, die er noch dauern mochte. Das war kein ganzer Tag. Ein halber Tag war ein wertloser Tag. Am nächsten Tag. Dieser war verloren. Am nächsten würde er es anders machen. Jedes Mal dieselben Gedanken. Eine Erleichterung.

Hunger und Durst waren die einzigen ehrlichen Verbündeten. Sie lockten ihn ins Wirtshaus. Dort gab es einen Tisch, ganz in der Ecke. Der Wirt kannte ihn schon. Er würde ihm etwas zu trinken bringen. Er würde ihm etwas zu essen bringen. Das Bier schmeckte gut dort. Er würde zwei oder drei Bier trinken. Nach dem Essen würde er einen Schnaps trinken. Dann würde er noch eine zeitlang in der Taverne sitzen. Gelegentlich kämen Menschen vorbei. Sie unterhielten sich und lachten. Er würde aufstehen und noch einen Spaziergang machen. Er ging gerne am Hafen entlang, aber dort standen die Palisaden, die ihm den Weg versperrten. Manchmal stieg er einfach in den Wehrgang empor. Hier war es zugig. Die Luft war frisch. Man konnte das Meer sehen. Oder man ging vorne herauf, bei der Nordwand. Dann konnte man in Richtung Varuna blicken. Über die Straße. Zum Kloster. Vielleicht würde er nach seinem Spaziergang noch einmal in die Taverne gehen und noch ein Bier trinken. Sehr schnell. Wenn es noch nicht spät war, dann fuhr er manchmal mit der Kutsche nach Varuna. Warum wusste er nicht genau. Oft fuhr er nur bis zum Tor. Nachdem er eine halbe Stunde oder weniger dort gestanden hatte und den Reisenden zugesehen, fuhr er wieder zurück. Meistens wollte er schon früher zurück, aber er musste warten. Dann konnte er so tun, als hätte er etwas dringendes erledigt. Warum eigentlich ?

In Bajard würde er noch einmal um die Häuser gehen. Hier und dort jemandem nachsehen, der geschäftig durch die Straßen eilte, einen Händler besuchen und aus Verlegenheit irgendetwas kaufen, das er gar nicht brauchte, oder sich auf einer der kleinen Holzbänke ausruhen. Manchmal setzten sich Menschen zu ihm, aber er wusste nicht recht, was er ihnen sagen sollte. Ihm fiel nichts ein. Vielleicht würde er noch eine Pfeife rauchen. Dann könnte er zurück auf sein Zimmer gehen. Er hatte ein Kartenspiel mit dem er manchmal eine Patience legte. Das war schwer, weil er nur einen Stuhl hatte und keinen Tisch. Meistens legte er sie auf dem Bett, aber dazu musste er sich vorbeugen. Davon bekam er Rückenschmerzen. Gerne würfelte er auch. Das ging besser, denn er brauchte nur ein flaches Stück Holz oder einen anderen glatten Gegenstand unter den Becher zu legen. Aber es vertrieb die Zeit schlechter. Irgendwann würde seine Laterne ausbrennen und er würde zu Bett gehen, ohne wirklich müde zu sein. Das waren die schwersten Stunden. Im Dunkeln dachte man viel nach und es dauerte meist lange, bis er einschlief. Aber das machte nichts. Bald würde der nächste Tag kommen und er würde seinen Entschluss vergessen haben. Es würde der gleiche Tag sein. Nur das Datum wäre ein anderes. Ein Jahr älter. Das hatte er ganz vergessen.
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