"Mama, du musst heute kämpfen!" Eine kindliche Feststellung, unverrückbar in ihrer Absolutheit. "Wir haben das geträumt." Wunderbar, ganz wunderbar. Statt künftigen Rittern wurden hier Propheten großgezogen. "Temora wird dich und Papa leiten, aber du musst heute wieder kämpfen, Mama."
Sie schälte sich aus dem Bett nachdem Anna dann satt war und die beiden Jungen ihr abwechselnd und sehr detailreich von ihren Träumen erzählt hatten. Auch davon, dass sie schreckliche Angst haben. Denn im Traum war nur zu sehen, dass die Eltern beide kämpfen heute würden kämpfen müssen. Kämpfen gegen die Kristallwesen und dass es ein ganz schrecklicher Kampf werden würde. Was Conrad und Rikard bangen lies, war die Tatsache, dass der Traum geendet hatte, bevor beide Eltern sie wieder daheim waren. So klein sie auch waren, sie waren Kinder von Rittern, Kinder Gerimors und sie wussten um den Tod. Sie wussten um Verlust und Ende.
"Ich werde kämpfen. Papa auch. Und ich verspreche Euch, dass einer von uns beiden zurück kommen wird." Der heilige Pakt der Alsteds. Wenn du fällst, dann muss ich leben. Wenn ich falle, dann musst du leben. Helleth schüttelte in ihrer eingen Sorgen nur stumm den Kopf. Sie war in den letzten Tagen sichtlich um Jahre gealtert. Eine junge Mutter, noch im Wochenbett mit Milchfieber, die ständig stundenlang auf Mauern Wachdienste schob. Zwei agile Fünfjährige, die alles im Kopf hatten in dieser Situation. Nur stillhalten nicht. Sie hatten sich von einem der Handwerker Zwillen bauen lassen und versuchten mit Pyrianerzbrocken bewaffnet auf die Mauern zu kommen. Dazu noch ein Säugling, der gestillt werden musste.
"Conrad, Rikard... ihr beide bewaffnet Euch und geht heute Abend mit Helleth und Anna hoch zur Taverne in der Oberstadt. Dort haltet ihr Wache. Falls wir Berchgard nicht halten können, gehorcht ihr Helleth aufs Wort und flieht mit ihr nach Nilzadan durch den Stollen. Haben wir uns verstanden?!" Die Amme packte schon ein Bündel zusammen und sah auf den schlafenden Säugling hinab. Die letzten Tage hatten einen guten Milchübeschuss bewirkt, den sie in gut verschlossenen und gekülten Gefäßen mitnehmen würde. Der Hunger würde das Mädchen schon zwingen aus der Flasche oder vom Löffel zu trinken. In ihrem Köcher hatte sie Feuerpfeile, der Bogen hing griffbereit. Am Ende des Tages war sie Aschenfelderin, so wie ihre Dienstherrin auch.
Die goldene Rüstung und das Drachenwappen wurde angelegt und sie erklomm die Wehrmauern. Der gewittergraue Blick glitt über die Stadt und die Handvoll unentwegter und ziemlich abgekämpfter Streiter. Sie musste lächeln.
- Uns wen’ge, uns beglücktes Häuflein Brüder:
Denn welcher heut sein Blut mit mir vergießt,
Der wird mein Bruder; sei er noch so niedrig,
Der heut’ge Tag wird adeln seinen Stand.*
Denn wer mit mir sein Blut vergießt, der wird mein Bruder. Die Gedanken glitten hinweg über die Mauern, den Berg hin zu all ihren Brüdern und ihrer Schwester im Orden der Ritterschaft.
- "Herrin Temora, Segne Sir Beak und schenke ihm dein Licht,
Herrin Temora, Segne Sir Ernst, mach aus ihm ein Bollwerk aus Zuversicht,
Herrin Temora, Segne Sir Keylon und gewähre ihm deine Kraft,
Herrin Temora, Segne Sir Hluthar und lass ihn das Dunkel vertreiben und Zweifel zerreiben,
Herrin Temora, Segne Dame Lydia, lass ihr junges Schwert in deinem Namen glühen,
Herrin Temora, Segne Moira und lass sie standhaft bestehen,
Herrin Temora, Segne Sir von Alsted gib ihm die Weisheit deiner Weitsicht.
Herrin Temora, die mit mir ihr Blut vergießen, werden meine Brüder.
Segne sie, leite sie und führe sie heim nach deinem Willen.
So sei es"
Tharoan trat an ihre Seite und nickte, auch er wirkte älter. Nairnas schmale Gestalt nahm sie auch wahr, wie sie die beste Position sucht um auf magischer Ebene mitzufechten. Der Schmied aus dem Bürgergespräch hinkte langsam herbei, er wirkte als wäre er in Lichtenthal bereits um diverse entbehrliche Erfahrungen bereichert worden. Aber er trug eine Rüstung und eine Waffe, ebenso die anderen Bürger. Zwei der neueren erspähte sie auch unter den Streitern.
Gemeinschaft und Hoffnung. Gebündelt durch eine Botschaft der Schwertmaid selbst. Nun lag es an ihnen, an jedem Einzelnen und doch an allen.
So sei es.
*St. Crispins Tag Rede, Heinrich V. Shakespeare
