Was so harmlos klang und so überwiegend geordnet wuselig wirkte, machte ihn innerlich so nervös und äußerlich so gesammelt und bei sich wirkend wie eine maximal zusammen gepresste Sprungfeder. Alle überflüssigen Pferde wurden fort gebracht. Die Katapulte nicht. Sie würden sie auch sicher nicht umsonst her gebracht haben, und er wunderte sich glatt, dass sie diesen dritten Tag überhaupt noch erlebten. Die ganze Zeit war ihm immer wieder der Gedanke gekommen, was Arenvir und sein Meteorregen mit diesem Holzlager, den Katapulten und den Zelten angestellt hätten: 'gefeiert'.
Aber nun gut. Die Steine lagen bereit, fast alles war gepackt, viele aßen noch eine Kleini...
"FEINDKONTAKT IM SÜDEN!"
"Das müssen sie dringend noch zu präzisieren lernen", schüttelte Aaryon fast synchron mit Valentin leicht den Kopf und beobachtete, wie viele Leute sich in Bewegung setzten. "Eine Rashari auf ihrem morgendlichen Waldlauf? Oder zwei handvoll Rabendiener, die sich vor dem Tor postieren?" "Komm...", sagte er nur leise, und Valentin folgte ihm. Zum Nordtor. Sie hatten schon in den wenigen Tagen zu viele Ablenkungsmanöver erlebt, um dieses nun verwaist zu lassen. Und so nickte er zufrieden, als er den Wachturm und die Plattformen am Nordtor trotz des Alarm besetzt vorfand.
Der junge Herr Taran, den er eigentlich als Heiler kennen gelernt hatte, marschierte an ihnen vorbei, öffnete das Tor und ging unter den ungläubigen Blicken aller Beobachter dieses Vorganges nach draußen.
"Öhm?", entfuhr es Valentin, ein "Was zum..." war von Gardist Elsinga zu hören.
"Auf eigene Gefahr", stellte Aaryon fest, auch wenn er die Skepsis teilte. "Aber nein: ihm werden jetzt nicht ungeordnet einzelne Leute hinterher laufen!"
"Ist der lebensmüde?!", rief Elsinga aus, was alle dachten und Aaryon befürchte, dass das jetzt der Punkt sein könnte, wo sich jemand oder etwas in Gang setzte, was sie dann nicht mehr aufhalten konnten...
"Ignorieren, weiter Wache", sagte er also viel härter und vor allem ruhiger, als er es gerade fühlte.
"Jawohl, Hochedler." Die aufgewallte Unruhe legte sich und alle sahen wieder nach draußen. Keiner hörte, wie dem jungen Studiosus ein Stein vom Herzen fiel.
"Wieso hören die eigentlich auf mich...?", raunte er, damit nur sein Leibwächter den Zweifel hören konnte: "Als hätte ich Befehlsgewalt..."
"Weil Ihr ein Hohenfels seid", erwiderte Valentin, als wäre es das selbstverständlichste auf der Welt.
"Ist das so?", grübelte Aaryon, während er pflichtbewusst das geschlossene Tor anstarrte, als würde er freiwillig keinen fingerbreit Boden preis geben, während er eigentlich Angst hatte, dass gleich links und rechts die Wachen getroffen von ihren Plattformen fielen, das Tor aufkrachte, ein schwarzes rahaler Heer sich ins Lager ergoss und ihn als einen der ersten überrollte, während sie allen anderen in den Rücken fielen. "Ist das so? Nur weil ich ein 'von Hohenfels' bin? Dulden sie mich nur und gehorchen, so wie du, Valentin, eigentlich bloß meinem Vater?
Aber viele können mit dem Namen doch eigentlich schon fast nichts mehr anfangen. Sie bräuchten sich doch nur auf den hiesigen Adel oder ihre eigenen Vorgesetzten berufen.
Die sind aber gerade nicht hier. Wozu sollten sie sich auflehnen oder verweigern?
Ich bin hier nur Hochedler.
Du gibst doch keine unsinnigen Anweisungen. Du bekräftigst sie nur in einer Richtung, die ohnehin notwendig ist.
So, wie Vater?
So wie Vater."
Ein leichtes Lächeln legte sich auf seine Lippen und schien zeitlich schon kaum noch etwas mit Valentins Antwort zu tun zu haben.
Das Tor öffnete sich. Aber herein kamen nur erst Taran und bald darauf mehrere Thyren und Alaun. Sie hatten wirklich den Nerv gehabt und waren durch Grenzwarth marschiert, um letzte Verbliebene vor dem zu erwartenden Katapultbeschuss zu warnen. Sie hatten aber kaum wen gesehen. "Schien schon recht leer zu sein", meinte Djurgeirr. "Naja, 'recht leer' war es schon vor dem Angriff", erwiderte Aaryon trocken, "Halb bewohnt, bestenfalls. Wäre hier nicht diese verdammte Blauhaut-Festung, wäre mir dieses Nest absolut egal."
Ob sie den Ort aufgeben würden? So lange und ungestört, wie die Katapulte schossen, wirkte es, als wäre dem Feind die Siedlung selber egal.
"Nachladen", hieß es immer wieder. Sie verschossen tatsächlich sämtliche bereit gelegten Felsen, und das waren nicht wenige gewesen. Der Wehrturm, um den tags zuvor gekämpft worden war, brannte lichterloh.
Dann geriet mehr und mehr Bewegung in alles:
"AUFMARSCH IM NORDEN!" Dunkler Nebel waberte aus dem Wald heraus. Stöhnend wankten Untote auf das Nordtor zu: Zombies. Ganze... zwei.
Innerlich nickend wunderte sich Aaryon nicht, als die nächsten Alarmrufe von Südtor kamen und auch dringender klangen. Wenigstens schwappten nun nicht sämtliche Bewaffneten hin und her, bis sie aus der Puste waren, sondern ein Teil verharrte, wartete ab.
"Valentin? Robe oder Rüstung?"
"Ihr seid in der Robe eine Zielscheibe..."
In Ordnung. Er ließ die dünne Herbeirufung der Robe fallen und legte den grünen Umhang an. Sattgrün wie sein Wappen, und das fast völlig weiß gebleichte Balronleder, das Emilian erst vor wenigen Tagen fertig genäht hatte.
"Weniger Zielscheibe", nickte Valentin und gab sich damit schon zufrieden. Adel verpflichtete eben.
Es schien sich im Süden zu sammeln.
Sir Heinrik nahm, was noch beim Nordtor stand und führte die Leute in gestrecktem Schritt um den kleineren der Gebirgsausläufer herum nach Süden. Aaryon schwang sich auf den Krücken mit und war glatt stolz, dass er einigermaßen folgen konnte. Sie betraten den schmalen Waldausläufer, der an die Spitze der schwarzen Felsen stieß. Die ersten hatten ihn durchquert, Aaryon stand mitten drin, als er Sir Heinrik hörte:
"Ritter Drapenstein." Es klang glatt wie eine höflich-kühle Begrüßung. "Wir fallen den Feinden in den Rücken!", frohlockte Aaryon. Die Freude wich mittelprächtigem Entsetzen, als er registrierte, dass direkt auf der anderen Seite des Baumes, wo er stand, eine Klerikerin war - eine Hohepriesterin des Panthers! Die Robe und die Selbstverständlichkeit ihrer Haltung ließen kaum einen anderen Schluss zu. "Das wird hart!" Oder noch härter: Die handvoll, die sie stellten, schien nur ein Lockvogel gewesen zu sein. Während Aaryon noch fast wie gelähmt war und sich nicht recht traute, dem feindlichen Ritter näher zu kommen, strömten erst seine Leute an ihm vorbei, auch Valentin ging auf die Wiese... und er kam mit diesen verdammten Krücken im weichen Waldboden kaum voran, verflucht! - und dann kamen da Feinde. Viele Feinde.
Sehr viele.
"Scheiße, ich bin tot!"
Er stolperte zur Seite, drohte zu fallen, ließ sich auch fallen: in ein Gebüsch. Neben einem Stein. Und so, wie er zuerst die Tetrarchin im Gewirr der Bäume übersehen hatte, schien auch er nun übersehen zu werden - und er tat alles dafür, dass es auch so blieb! Das Gebüsch war hoch, und neben ihm war ein halbrunder, sperriger Felsen...
Moment, er erkannte, wo er war: hier hatte Andra doch lauter Fallen ausgelegt, weil man vom Felsen aus über die Palisade sehen konnte?!
Tatsache, da lag auch eine: regelrecht sauber abgebaut und zusammen gelegt. Wer auch immer das gewesen war, Aaryon dankte ihm in Gedanken kurz, aber heftig, weil er sich nicht ausmalen wollte, wie er hier in eine von Andras Fallen gelaufen aufgeschrien und damit garantiert sämtliche Aufmerksamkeit all dieser Letharen, Rabendiener, Schwarzgerüsteten und Arkorither auf sich gehabt hätte...!
Stattdessen beobachtete er, wie all diese finsteren Gestalten sich gruppierten und ihrerseits vorbereiteten: Rabendiener stimmten dunkle Liturgien an, dunkler Nebel wallte zunehmend durch die Bäume, und aus dem matschigen Waldboden gruben sich nicht nur Zombies, sondern auch Skelette und sogar ein Lich. "Die werden mich entdecken!" Nein. Sie folgten stöhnend, grunzend und klappernd ihren Beschwörern.
"Studiosus!", hörte er Lester rufen, "Zu mir!"
"Tut mir leid, ich kann grad nicht!", brüllte er zurück und hoffte, dass er es nicht tatsächlich laut gedacht hatte, während er auf die Bündelung schwarzer Arkoritherroben in seiner Nähe starrte. Ob es eine Espe war, zwischen deren Laub er gerade hockte? Er zitterte jedenfalls wie welches. Er hörte das Zischen von Letharen und hätte sich am liebsten in den Boden vergraben, aus dem das Skelett sich gerade raus gebuddelt hatte. Unsichtbarkeitstrank? Er hatte Angst, dass ihm die Phiole aus der zitternden Hand fiel. Zum Konvent teleportieren? Er hätte sich nicht mal konzentrieren können. Und irgend etwas in ihm weigerte sich selbst jetzt, sich einfach 'zu verpissen', während seine Leute sich erst zum Kampf stellen mussten.
Vielleicht zogen die Rahaler vorbei und er konnte in ihrem Rücken...
da bekam er einen Tritt in den Rücken ab, sah eine Frau stolpern und zog den Kopf ein, sank völlig in sich zusammen. "Jetzt ist es aus.
Sie wird mich sehen. Sie kann mich gar nicht übersehen."
Doch. Konnte sie. Denn in dem aufgezogenen dunklen Nebel war seine Rüstung beim besten Willen nicht vom hellen Stein zu unterscheiden, an dem er hockte, und sein fröhlich-grüner Umhang entsprach fast den Blättern des herbstresistenten Gesträuchs, in dem er hockte. Selbst seine Krücken fielen hier als so etwas ähnliches wie Äste kaum auf. Lange verschwendete die Frau auch keine Zeit auf den Grund ihres Stolperns: "Ich hab da noch was", sagte sie und hängte einen Beutel an die Palisade - offenbar gefüllt mit Schwarzpulver. Tatenlos musste Aaryon mit zusehen, wie keine fünf Schritt von ihm entfernt ein Lethar mit einer Feueraxt auf die Palisade einhieb und sich offenbar genau so gerne auf die andere Seite gewünscht hätte wie der junge Magier - nur aus anderen Gründen.
"INS LAGER!", brüllte Heinrik und Aaryon heulte fast. "Würd ich gern!"
Endlich bewegte der schwarze Pulk sich weiter. Er hockte da immer noch wie gelähmt. Wenn er sich jetzt bewegte und auf die Wiese trat, würde der Feind ihn dann entdecken? Er musste sich aber bewegen: in seiner Nähe waberte ein Lavaelementar über den Boden und drohte das Holz in der Nähe anzuzünden. Aaryon wusste hinterher gar nicht mehr, wie er es zurück in den Stand geschafft hatte, aber er torkelte an den Waldrand.
Da! Valentin! Er kam in seine Richtung und winkte ihn mit heftiger Geste heran.
"Kommt!"
Ohne viel Federlesens lotste er den kalkbleichen jungen Mann ins und durchs Lager.
Es blieb keine Zeit, das Erlebte zu verarbeiten. Nun an der Nordpalisade war Lester dabei, sowohl die offenbar zwischenzeitlich in Flammen gesetzte Palisade zu löschen und gegen Kreaturen vorzugehen, die draußen gegen die rußgeschwärzten Balken hämmerten. Aaryon eilte einfach näher und stellte ihm seine Kraft zur Verfügung, die der Magister dankbar aufnahm.
Ausfall. Es ging nicht anders: sie würden in Grenzwarth kämpfen müssen.
Mit leichtem Kopfschütteln versuchte Aaryon, Schritt zu halten, bis er keuchend nicht mehr konnte und Valentin ihn anwies, an einem Heuwagen auf ihn zu warten. "Das kann's nicht sein!", dachte er frustriert, als er wieder zu Atem gekommen war und lauschte in die Stille und den Lärm: da. Eine Häuserecke weiter sah er mehrfach blau-gold vorbei hasten! Hinterher.
Er verlor völlig den Überblick, wo sie waren. Oder so ziemlich. Eigentlich orientierte er sich mehr am Lärm und dem magischen Geknister diverser Wände. Und an den Rücken seiner Leute. Er fühlte sich wie in einem Meer, wenn die Brandung einen hin und her warf.
Da, Innes! Er hatte zuvor gemerkt, dass sie häufig in seiner Nähe gewesen war, aber plötzlich sah er sie an einer Gebäudeecke im Gras liegen. In ihrer Nähe brannte etwas. Feinde waren nicht weit weg, aber ein paar seiner Leute hatte er noch vor sich... ohne nachzudenken, zog er Innes einen, vielleicht anderthalb Schritt fort, weg von den Flammen, dichter ins hohe Gras, nur hoffen könnend, dass sie so übersehen wurde wie er zuvor. "Valentin wird stinkig, wenn er sie verliert!", war die völlig logische Motivation.
Bald darauf war es Valentin selber, zu dem er sah, denn sein Leibwächter folgte nicht, dabei rückten Feinde näher! Paralysiert? Mitten auf dem Weg stehend hielt Aaryon inne und versuchte allen Ernstes, Valentin mit einem kleinen Energiefunken zu treffen, um die Starre zu lösen, als er sah, dass es zu spät war: mehrere Gegner waren heran und mähten ihn nieder. "Ich glaube, du hättest gerade besser 'Mikh! ROT!' rufen sollen, wir hatten doch vereinbart... oder wo sind die anderen?"
Er kam nicht ein mal so weit, seinen Blick um 180 Grad zu wenden: Als er von Valentin aus nach links blickte, sah er gerade noch das schwarze Pferd von ... wie hatte Heinrik ihn genannt?

Und wohl noch ein paar andere.