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Verfasst: Dienstag 21. April 2015, 14:54
von Gast
Der erste Tag, ich musste zugeben das es seltsam war von 100 auf 0 hinab zu fallen. Ich sagte keinen Ton, ich hielt mich mit Worten und Gesten zurück, man hätte mich vorzeigen können und ein anderer hätte mich nachahmen können, denn es war vorbildlich. Das seltsame war allerdings, dass ich mich in dieser Rolle, in diesem unscheinbaren Sein, wohl fühlte. Nicht nur die Tatsache, dass diverse Lasten von meinen Schultern gefallen waren und nun auf anderen lasteten, auch schienen diese fehlende Titel wieder das Glück in meine Familie zu treiben. Jede Sekunde fühlte sich an wie eine halbe Ewigkeit und jeder Moment den ich mit meinem Mann verbrachte, verbrachten wir mit einem Lächeln. Ich glaube so glücklich hatte man uns noch nie gesehen, wie in diesen Tagen. Wir genossen es in der zweiten, dritten oder gar vierten Reihe zu stehen und wieder leben zu dürfen. Wir wurden nach und nach wieder das was wir waren, das was wir immer sein wollten. Wir selbst.

"Du hast mir zwei wundervolle Kinder geschenkt, Zuneigung, Liebe und alles Gute, das ich zuvor niemals angedacht hatte. Ich habe es in dir gefunden. Dhabir das du in mein Leben getreten bist."

Ich lehnte eine ganze Weile am Türrahmen und betrachtete Imraan, wie er wieder eingeschlafen bei den Kindern saß und in diesem Moment realisierte ich, alleine für mich, dass ich ihn sogar lieben würde, wäre er ein Hausloser, ich realisierte wie egal mir sein Titel war und wie egal dieses von 100 auf 0 war, denn in seiner Nähe fühlte ich mich nicht wie Nichts, ich fühlte mich genau so, wie ich mich fühlen sollte, an der richtigen Stelle. Und wo manch einer vielleicht gezweifelt hätte, dass die Frauen, die sich zum Emir hingezogen fühlten, dies eben nur taten weil er der Emir war, der König, hegte ich keinen Zweifel. Ich liebte ihn noch ein Stück mehr, ohne seine Macht, seine Lasten die er trug. Denn nun konnte er das für mich sein was ich brauchte, ich das für ihn sein was er brauchte. Das Bruchstück, das uns gegenseitig vollkommen machte, vollkommen und frei.

"Ich liebe dich, Ranim, heute, morgen und bis ans Ende meiner Zeit."

Ich ging einige Schritte auf ihn zu, legte eine Decke über seinen Leib und wandte mich wieder ab. Denn das kleine Chaos in unserem eigenen Heim musste beseitigt werden. Nicht das ich das nicht Diener machen lassen könnte, aber ich nutzte es aus, dass wir etwas weniger Wert waren und räumte selber die hundertzwanzigtausend Teddys vom Boden. Und ich musste etwas grinsen, denn ein Großteil waren keine Geschenke für die Kinder.

Verfasst: Montag 18. Mai 2015, 13:36
von Gast
Kinder waren schon süß, das konnte man ja nicht anders sagen. Aber jeder der behauptete, wenn man mal nicht weiter wusste und das Chaos einen überrannte, das ein Kinderlächeln alles wieder gut machte, der hatte gelogen, so dachte ich. Ich rannte durch den Raum, versuchte die Gegenstände zu retten, die sie herunter warfen. Sie konnten mittlerweile krabbeln, ein Fortschritt, ganz sicher und ich erinnerte mich an Imraan, wie stolz er war, es miterlebt zu haben, dieses erste Mal. Als dann die dritte Vase zu Bruch ging, verlor ich persönlich allerdings den Stolz. Armaiti begann dann noch zu weinen, als sie das Geräusch erschreckte, während Aasim verdutzt guckend in der anderen Ecke saß und ich stand in der Mitte, schnappte einmal nach Luft und nahm mein Mädchen in den Arm. Es war nicht so schlimm, es war nur eine Vase. Es war nicht schlimm. So brachte ich sie, nachdem ich die Tränen getrocknet hatte, in eine andere Ecke des Raumes, beschäftigte sie mit ein paar Stofftieren und sammelte die Scherben ein.

Es war einfach anstrengend, so süß es auch war, es war anstrengend. Ich rieb mir immer wieder mit den Händen über das Gesicht. Ich war müde und überfordert. Sicherlich war es der zufriedene, dösende Ausdruck in Aasims Gesicht, als er schlief, der von all diesen Gefühlen wieder etwas weg nahm, aber gänzlich weg kriegte es wohl keiner. Und als sie dann endlich schliefen, übergab ich sie der Amme, zog meine Rüstung an und rannte in die Durrah hinaus. Ich wollte eine gute Mutter sein, das bedeutete auch die Kinder nicht abzugeben, wenn sie anstrengend wurden. So tat ich dies nur im Notfall und sonst nur, wenn sie schliefen. Diese Momente wurden dann allerdings auch genutzt. Ich wirbelte etwas Sand auf, rannte über die Dünen und schrie laut auf, als ich die Klinge über die Skarabäen riss. Denn wo ich Zuhause nicht schreien konnte und schimpfen, tat ich es hier um so lauter.

Von Dreck besudelt, und müde, fand ich mich auf dem Platz der Kaserne wieder. Realisierte gar nicht wie Saajid an mir vorbei ging und mich grüßte. "Salam Aleikum, Jijkban!" So drehte ich verspätet meinen Kopf zur Seite, musste erst einmal begreifen das er mich meinte und genau das trieb mir ein Lächeln in die Züge, senkte meine Schultern hinab und brachte mich dazu etwas euphorischer die nächsten Schritte zu setzen. Mein Fehler, der Muskelschmerz rächte sich zugleich. Doch irgendwann war ich angekommen, vor dem Stein der Armee und ich betrachtete die Namen.

"Manche Namen sind verblasst, andere ganz frisch."

Das war wohl eines der ersten Gespräche, die ich mit meinem Mann führte. Wir standen hier, genau an dieser Stelle und starrten auf die Namen. Mein rechter Arm ging vor und nachdem die Handschuhe von den Fingern entfernt wurden, strichen die Kuppen über die eingemeißelten Schriften. Über die, die man kaum noch lesen konnte und die, die so frisch waren, als hätte ich sie selbst gerade eingemeißelt. Viele von ihnen waren gefallen, andere verschollen, wieder Andere zur Familie zurückgekehrt und dann gab es die, deren Namen zwar bereits kaum noch lesbar waren, aber welche noch immer weilten. Standhaft. Sie waren wir Felsbrocken, die sich von nichts auf der Welt vertreiben ließen. Sie hatten Narben, Einkerbungen, einige Stücke fehlten bereits, wurden wieder neu gesetzt. Einige von ihnen sind sogar ganz gebrochen, von anderen wieder zusammen gesetzt und stehen nun fester als zuvor. Man konnte sich gar nicht vorstellen wie viel Geschichte sich auf diesem Stein befand und wie viel Zukunft sich noch hinzu gesellen würde. So senkte ich meinen Kopf ab, hob die rechte Faust auf Herzhöhe und schloss für wenige Sekunden meine Augen.

Verfasst: Mittwoch 27. Mai 2015, 15:12
von Gast
Als der Laut des knackenden Astes an mein Ohr drang, war es bereits zu spät. Er hatte mich gesehen und stand vor mir, sein Gesicht verborgen durch eine Maske aus Knochen und es waren nur diese roten Augen, die sich penetrant durch meinen Kopf bohrten. Ich zog meinen Bogen vom Rücken, nutzte die Distanz, die noch vorhanden war und schoss in seine Richtung. Ich wusste bis heute nicht, ob das ein Fehler war. Denn als sich der Pfeil in seine Schulter drückte, verfiel er in eine Art Raserei. Der stürmte auf mich zu, mit einer Art animalischen Schrei und ich hatte nicht einmal Zeit mein Schild zu ziehen. Er rammte mich zu Boden, erdrückte mich mit seinem Gewicht und wieder waren es diese roten Augen, die sich durch meinen Blick hindurch in meine Seele schlichen. Dabei presste er den Pfeil weiter in seine Schulter, was ihn nur zu noch mehr Kraft aufbäumte, so kam es mir vor. Er presste seine Hände links und rechts an meinen Kopf, wie als wäre er eine Zange, die mir in den nächsten Augenblicken den Kopf vom Leib drehte. Ich schnappte nach Luft, windete mich nach rechts und links, doch ich war seinem Gewicht und seiner Kraft deutlich unterlegen.

"Kämpfe weiter, nicht aufgeben. Deine Angst nährt mich, sie nährt mich!"

Wieder drückte er den Pfeil mehr gegen meinen Leib, so dass er sich tiefer in sein Fleisch bohrte. Ich starrte ihn an, merkte wie sich meine Augen mit Tränen füllten und sich Gedanken in meinen Kopf schlichen, als würde ich mich von meinem Leben verabschieden. Ich dachte an meine Kinder und an meinen Mann. Wie konnte ich ihn nur alleine lassen? Ich versuchte mich wieder zu befreien, vergebens und während ich mich von meinem Mann verabschiedete und die Angst mich von innen zerriss, legte der Lethar seinen Daumen an meinen Augapfel. Säuselte irgendwas von besser zielen und dann durchzog ein kurzer Schmerz meinen Körper, als sich der Fingernagel über meine Iris zog. Panik und Angst unterdrückten das Schmerzempfinden allerdings. Mein Kopf wurde losgelassen, fiel zur Seite und mit meinem einen, nicht geschundenen Auge, starrte ich auf die Füße von irgendwem. Irgendwer sah zu, wie der Lethar mir das Leid zufügte, was ich nicht verdient hatte. Ich entschuldigte mich in Gedanken bei meinem Mann, bei meinen Kindern, bei der Göttin selbst, für mein Fehlverhalten. Und dann schossen mir die Worte Imraans in den Kopf, die er immer zu mir sprach, wenn ich Kampf gefallen war. Steh auf, Noelani. Und das tat ich dann, kroch jämmerlich über den Waldboden hinweg in Richtung Freiheit. Das seltsame daran war allerdings, sie folgten mir nicht einmal, sie ließen mich gehen.

Ich zog mich auf meine Echse, die weiter in der Ferne stand. Die Echse, die mich einst zum Altar begleitete und als ich fest auf jener saß, mit den Armen ihren Hals umschlang, begann ich zu weinen. Ich weinte so jämmerlich, dass es mich fast zerriss. Ich konnte nicht mehr sehen, ich konnte nur noch auf einem Auge irgendwas sehen und ich dramatisierte. Ich war panisch, verzweifelt und wollte meine Kinder in den Arm nehmen, meinen Mann und die Emotionen kochten über, ich konnte sie nicht halten und so weinte ich, jämmerlich, bis ich irgendwann in Menek'Ur ankam und in die Arme meines Volkes fiel, welche mich von meinem Wahn wieder in die Realität holten.

Die Nächte die darauf folgten, waren eine Qual, für mich, für Imraan, für die Kinder. Jede Nacht hatte ich diesen Traum von diesen roten Augen. Ich schreckte auf, schrie laut, schweißgebadet und weckte meinen Mann, dann den Hund, der weckte die Kinder... Es war ein elender Kreislauf und ich bekam diese Angst einfach nicht aus mir heraus. Die Abende verbrachte ich damit an der Kaserne zu sitzen und in den Ring zu starren, apathisch. Und auch wenn Majdy mir immer wieder Hoffnung zu sprach, ich war nicht dumm. Ich registrierte auch ohne das ich den Verband von meinem Auge nahm, dass ich kein Lichteinwurf registrierte. Es war keine hundert prozentige Gewissheit und so ließ ich den Verband einfach eine gefühlte Ewigkeit auf meinem rechten Auge ruhen. Denn auch hier war es die Angst. Angst, mit der ich umgehen musste und nicht konnte. Diese verdammten roten Augen...

Verfasst: Dienstag 30. Juni 2015, 23:00
von Gast
Die Tage vergingen recht rasch. Man stand auf, schnappte sich die Kinder und ging dem Alltag hinterher. Es tat gut einfach einige Zeit Mutter zu sein und irgendwann wurde es Routine. Man sah den Kindern bei ihren ersten Schritten zu, lauschte ihren ersten Worten oder deutete irgendwelche Laute als erste Worte, das konnte man nie genau sagen und lebte das Leben. Eigene Interessen stellte man hinten an, man lebte für seine Kinder und das eigentliche Leben, welches man ohne all das gelebt hätte, gerät in Vergessenheit. Das war allerdings vollkommen in Ordnung. Ich liebte mein Leben, es lenkte mich ab und umso mehr liebte ich das Leben meiner Kinder. Am Abend legte ich sie ins Bett, gab ihnen ein, zwei Küsse und ließ mich von ihnen umarmen, zog ihren Geruch ein und schenkte ihnen ein Lächeln. Danach war der Tag natürlich noch nicht am Ende. Man musste putzen, irgendwann auch einmal etwas essen und dann, irgendwann, ging man zu Bett.

Und als man da so lag, den Blick auf die andere Bett-Seite lenkte und merkte sie war leer, schlug die Realität auf einen ein. Das dumpfe Lächeln aus meinem Gesicht verschwand, Tränen liefen über meine Züge und als die Augen genug schmerzten, schlief ich dann auch ein. Meine rechte Hand leg dabei auf der Stelle, wo sonst eher ruhte. Irgendwann weckten mich Kinderlaute und das Leben ging von vorne los. Ich lächelte wieder, ging ein paar Schritte dem Alltag entgegen und warf nur einen kurzen Blick auf den leeren Ständer, wo sonst Imraans Rüstung thronte. Ich nickte einmal, als würde ich mich von ihm verabschieden und ging wieder hinaus. Ich rannte in die Durrah, übte meine Kampffähigkeiten, wartete bis die Sonne irgendwann so weit untergegangen war bis die Zeit für meine Kinder heran kam und wieder von vorne. Tag ein, Tag aus.

Er fehlte mir unheimlich, das konnte ich nicht abstreiten und doch ließ ich mir das nicht anmerken. Wenn man mich nach ihm fragte lächelte ich, sagte ihm ginge es gut und er ist auf Reisen und innerlich schrie ich. Aber das Leben ging weiter, denn ich konnte einmal schon ohne ihn sein, ich schaffte es wieder. Doch waren es zahlreiche Briefe, die ich ihm schrieb, nur nie losschickte. Aber irgendwann, irgendwann würde ich sie ihm zeigen...

Verfasst: Donnerstag 8. Oktober 2015, 14:33
von Gast
Als alle weg waren, stand ich einfach noch eine ganze Weile da und strich mit der rechten Hand über den Hals meines Sandläufers. Er war mir, abgesehen von meiner Familie, mein Heiligstes. Das Geschenk meines Mannes zur Hochzeit und zeitgleich einer der treusten Gefährten. Ich konnte noch nicht wirklich realisieren was an diesem Abend geschah und so versuchte ich es immer und immer wieder in meinem Kopf abzuspielen. Doch die Worte die man sprach änderten sich nicht, die Konsequenz daraus änderte sich nicht. Ich hatte wahr gesprochen und doch fühlte ich mich zum Teil so, als hätte ich meinen Kindern, meinem Mann, den Rücken zugedreht. Ich habe einen Weg gewählt, der egoistisch war und zeitgleich ein Schritt voran für das Volk. Ich hatte glaube ich noch nie eine Entscheidung getroffen, die so viele positive und negative Facetten hervor lockte wie diese. Und alles was ich tun konnte war dastehen, mein Tier streicheln und mich nicht entscheiden ob ich Trauer oder Glück fühlen sollte. Das Schlimmste daran war, dass das eine Sache war, die ich für mich selbst entscheiden musste. Ich konnte meinen Mann nicht um Rat fragen, denn die Hürde würde er mir nicht abnehmen, ich konnte nicht zweifeln, weil das hätte mich schwach gemacht und ich konnte meine Kinder nicht bitten mich zu verstehen, denn in diesem Moment, zu dieser Zeit, hätten sie es noch nicht verstanden. Ich verstand es selbst kaum und doch war es so klar. Ich wollte umdrehen, doch dann wollte ich nicht, ich wollte weinen, dann lachen und letztlich, letztlich stand ich eben einfach nur da.

"Du wirst ab heute nicht mehr für dich leben, du lebst ab heute für den Orden, nicht für deine Familie, nicht irgend wen sonst. Und Eluive wird über dein Leben selbst entscheiden."

Es war bitter zu hören, als Mutter, dass man nicht mehr für seine Familie lebte, tat ich das doch die letzten Jahre nur und das mit vollem Herzen. Die Tatsache, dass diese Worte aus dem Mund meines Mannes kamen, der in dem Fall nicht mehr mein Mann war sondern mein Maleem, machte das Ganze noch etwas bitterer. Er war nicht mehr mein Mann, zu dieser Zeit, Abbas war nicht mehr mein Emir und Khalida war nicht mehr meine Cousine. Es war so, als wäre ich in ein anderes Leben getaucht, welches auf einer dünnen Schneide geführt wurde und wo niemand wusste wie lange es gehen würde. Eventuell würde ich all diese Strapazen die Sahid durchlebte nicht überleben und dann wäre es wohl diese eine Frage, die meinen letzten Atemzug begleitet: War es das Wert?

Am späteren Abend, als ich dann endlich geschafft hatte nach Hause zu kommen, gesellte ich mich gleich zu meinem Mann, welcher - wie so oft, mit den Kindern im Arm einschlief. Statt ihm diese aber in üblicher Manier abzunehmen und ihn zuzudecken, griff ich mir Aasim und nahm seinen Platz auf Imraans Schoß ein. Mein Gesicht schmiegte sich an seinen Hals, während ich mit meinen Armen einen kleinen Schutzwall um ihn und meine Kinder baute. Meine Lider senkten sich ab und nahm den Geruch meiner Liebsten auf. Und als er mir dann einen kurzen, im Halbschlaf entstandenen Kuss auf die Stirn drückte, fand mein Körper auch endlich Ruhe und die Erkenntnis schlich sich über Nacht in meinen Geist.

"Die Ausbildung zum Hadcharim hat begonnen."

Verfasst: Montag 14. Dezember 2015, 20:11
von Gast
S C H L A F L O S

Die Zeit tropft in das Meer der Ewigkeit,
und die Sekunden fallen in die Nacht.
Die Finsternis hüllt die Gedanken ein,
und quälend mancher Kummer nun erwacht.


Es war nun fast die 20. Stunde des folgenden Tages. Ich war nun, wenn ich richtig gezählt hatte, dreißig Stunden wach. Und immer wenn meine Lider sich absenkten, hörte ich den schrillen Laut der Geige, welche Inaani erklingen ließ. Mir war recht schlecht und ich wusste nicht ob ich wirklich Hunger hatte oder ob die Müdigkeit einfach an mir zerrte und mir falsche Gefühle vorgaukelte. Dazu war mir noch recht kalt, obwohl ich wusste wie warm eigentlich noch war. Meine Finger bekamen kein Blut und drei Decken schienen dem auch nicht Abhilfe zu schaffen. So beschäftigte ich mich damit, nachdem die Kinder im Bett waren, Mocca zu trinken und mir zu überlegen wie ich die nächsten Tage herumkriegen könnte. Ich erachtete es als gute Idee in der kalten Oase Erfrischung zu suchen, sobald der Mond am höchsten stand und das Wasser umso kälter war. Nur zweifelte ich gerade daran, dass es mir irgendwie helfen würde. Auch brachte es nichts auf die Jagd zu gehen, würde diese mich nur noch müder machen, wenn sie mich zu Anfang vermutlich auch auf Trab halten würde. Was mir allerdings dann einfiel, gab mir doch ein wenig Hoffnung. So drückte ich mich in die Höhe und ging in Richtung Tempel. Dabei hüpfte ich auch immer wieder in die Höhe, um die Müdigkeit aus dem Körper zu bekommen.

Im Tempel angekommen setzte ich mich nieder. Ich dachte an meinen Mann und daran, dass er immer meditierte. Meditieren war nicht schlafen, sondern fokussieren. Also versuchte ich zu fokussieren, auch wenn es meinem Kopf wirklich schwer fiel sich auf irgendwas zu konzentrieren. Immer wieder schweiften meine Gedanken hab und ich benötigte einige Momente, bis ich dann wirklich mit dem Kopf bei einer Sache blieb. Ich versuchte mich voll und ganz auf eine Sache zu konzentrieren: Auf Armaiti. Ich brauchte Aasim nicht in meinem Kopf haben, bei ihm war ich mir sicher, dass es nicht nötig wäre. Bei meinem Mann selbst hätte es nicht zu Entspannung oder dergleichen geführt, sondern zur Trauer und Leid - so sehr wie er mir fehlte. Also war es Armaiti. Sie war mein kleiner Sonnenschein, auch wenn ich glaubte sie würde ihren Vater noch mehr vermissen als ich. Aber sie war stark und es zerriss mir jedes Mal das Herz, wenn sich ihr Gesicht verkrampfte weil sie nicht weinen wollte und es doch irgendwie nicht schaffte die Tränen aufzuhalten. Die Liebe die sie mir gab, konnte ich manchmal nicht zurück geben, es kam mir vor als hätte sie die Zuneigung von Imraan und mir in sich, so viel, dass ich es als einzelne Person nicht wiedergeben konnte.
Die Angst in ihrem grauen Sorgenkleid,
die du am Tag noch leicht bei Seite schiebst,
erhebt sich jetzt im Dunkeln riesengroß,
die Angst um Menschen, die du innig liebst.
Und als ich nach einigen Stunden die Augen wieder öffnete, merkte ich selbst das ich die Tränen nicht aufhalten konnte. Ich hatte nicht einmal richtig geweint, seitdem er ging und nun kam es mir vor, als hätte ich all die angestauten Tränen verloren, während ich mich versucht habe genau darauf nicht zu konzentrieren. Die Schlaflosigkeit und die vier Tage oder waren es mehr? Machten mich seelisch schwach, ich wurde paranoid, fror und wusste nicht wie spät es war. Ich denke es war nicht möglich zu sagen: Maleem, ich bin gerade generell nicht gut drauf, bitte nimm Rücksicht. Doch hätte ich es gerne getan, denn so wie ich mich nun im Spiegel der Glasvase sah, wollte ich mich nie sehen. So lange war ich noch nie ohne ihn und ich wusste nach 34 Stunden nicht mehr genau welche Probe härter war. Doch bevor mich wer sah, drückte ich mich auf, wischte mit den Händen über mein verquollenes Gesicht und ging wieder hinaus. Als nächstes war es die Oase, die mich lockte. Das kalte Wasser, sie musste mich wach halten und mich von den Lauten befreien, die nicht da waren oder von dem sekündigen Bedürfnis zu Boden zu fallen und zu schlafen.

Die Uhr tickt leise Stund‘ um Stunde,
und kein Gedanke, der noch nicht gedacht.
Die Zeit tropft in das Meer der Ewigkeit,
und die Sekunden fallen in die Nacht.

Verfasst: Montag 14. Dezember 2015, 20:27
von Gast
ᴥ۞ᴥ

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ᴥ۞ᴥ

Verfasst: Donnerstag 17. Dezember 2015, 19:30
von Gast
S C H L A F L O S II


Es dauerte 81 Stunden. Das Atmen fiel mir schwer und meine Wahrnehmung war eine einzige Katastrophe. Ich hörte Dinge die nicht da waren, sah Sachen die nicht existierten. Manchmal dachte ich sogar ich würde mich bewegen und eigentlich habe mich mich nicht einmal im Ansatz gerührt. Meine Augenringe waren so tief, meine Augen so rot, dass man kaum noch das Braun darin erkennen konnte. Die Haut war blass, die Lippen trocken, trotz unzähligem Wasser. Meine Kinder hatte ich abgegeben, denn ich konnte ihnen in diesem Zustand keine gute Mutter mehr sein. Ich erkannte nicht einmal was sie taten, weder konnte ich irgendwie in einer Geschwindigkeit reagieren, die angemessen gewesen wäre. Also befasste ich mich damit im Palast meine Runden zu laufen. Runden die mir wie Stunden vorkamen und doch verging die Zeit kein bisschen. Das Schlürfen meiner Füße machte sogar die Bediensteten unruhig und auch wenn ich kaum noch was merkte, konnte ich fühlen da sie mir folgten, mich beobachteten. Eventuell taten sie das auch gar nicht und ich redete es mir ein. Dachte ich ja auch, dass ein Drache in meinem Schlafzimmer ruht, beim genaueren Hinsehen war es nur eine neue, dekorative Anordnung meiner Kissen. Ich hatte gelacht, doch eigentlich fand ich es nicht witzig. Ich wanderte in einer Blase. Eine Blase die nur zuließ, dass ich kaum noch Schmerz fühlte. Meine Knöchel, ich habe das Gefühl jeder Einzelne, an den Händen sind alle entweder gebrochen oder angestaucht. Eigentlich tat mir jeder Handgriff weh und doch war es alles wie ein Traum, ein waches Schlafwandeln.

So wandelte ich also durch den Palast, die Treppen hinauf, die Treppen runter und irgendwann, ich merkte es gar nicht, drückte sich immer wieder etwas Hartes in meinen Rücken, an meinen Hinterkopf, gegen meine Arme. Es hätte Khalida sein können, die mich irgendwie lehren wollte. Ich wusste es nicht einmal. Vor meinen Augen drehte sich alles und ich schnappte mehrmals nach Luft. Wieder drückte sich irgendetwas in meinen Rücken und dann wurde es kalt. Mir war durch den fehlenden Schlaf sowieso ununterbrochen kalt, doch diese Kälte war noch einmal eine Andere. Sie jagte mir den Schmerz durch den Leib, den ich zuvor verdrängt hatte oder den mein schwebender Zustand unterdrückte. So sah ich noch ganz viele Füße, wie sie sich vor meinen Augen aufstellten. Ich zog die Brauen zusammen und verstand nicht so recht was passiert war.

"Mara? Tut dir was weh?"
"Armaiti..?"


Es dauerte 81 Stunden bis mich der Schlafmangel die Treppen herunter trieb und ich meine Augen schloss, nachdem ich den Namen meines Kindes sprach und versagte. Ich schlief ein und selbst die Bewegungen meines Leibes in mein Bett, nachdem sich versichert wurde, dass außer blauen Flecken nichts geschehen war, bekam ich nicht mit. Erst eine halbe Stunde später, als Inaani sich an mein Bett stellte und die Geige erklingen ließ, schreckte ich hoch, als hätte man mich in einen Krieg geschmissen und blickte mich panisch um. Meine Emotionen waren am Ende und die halbe Stunde hat es noch schlimmer gemacht. Ich wusste nicht ob ich weinen oder lachen sollte und presste penetrant die Fingerkuppen gegen meinen Kopf, während der Klang des Wahnsinns sich in meine Ohren presste und mich von der Ruhe fern hielt.

Verfasst: Sonntag 3. April 2016, 16:42
von Gast
E R F R O R E N


Das kalte Wasser bohrte sich in meinen Körper wie tausend kleine Nadeln und der Schmerz war so extrem, dass ich es nicht einmal hätte mit irgendeiner anderen Sache vergleichen können. Er war so penetrant, dass ich irgendwann nichts mehr spürte außer eben diesen. Ich bekam keine Luft mehr, vermutlich weil meine Lunge eingefroren war und ich starrte einfach voran, in die Leere, in das kalte Blau. Und als ich am Anfang meines Werdeganges entschieden hatte, Hadcharim zu werden, hätte ich nie gedacht, dass ich irgendwann hier sein würde. Meine Beine waren schwer, meine Hände hingen hinab wie Blei und ich konnte mich nicht mehr bewegen. Es war meine Prüfung, die damit begonnen hatte, dass sich Khalida verabschiedete - wenig herzlich aber deutlich so, dass ein Ende hier offensichtlich möglich wäre. Und so hing ich da, mein Blut begann zu frieren, meine Atmung wurde langsamer und der Körper immer schwerer und schwerer. Ich konnte nicht einmal mehr mein Gesicht bewegen, doch wäre das möglich gewesen, wäre es die pure Schwäche gewesen, die pure Trauer, der pure Verlust. Ich sah Imraan von mir, Armaiti, Aasim, Amar... sie taten alle das was sie eben sonst auch immer tun. Sie realisierten mein Schicksal nicht und ich hing dort und schrie ohne einen Laut zu erzeugen. Sollte es das gewesen sein? Dafür hatte ich all diese Opfer gebracht? Ich versuchte immer wieder meine Lippen zu bewegen und es ging nicht, es ging einfach nicht und ich schloss ab. Ich dachte an meine Liebsten, an die Liebe die ich für sie empfand und das sie nicht trauern sollten. Ich hatte es versucht und sie sollten nicht trauern, sie sollten weiter leben, glücklich sein - ob ihnen das irgendwer sagen könnte? Imraan, mein Seelenheil, es tut mir so unheimlich leid.

Ein Ruck ging durch den Seil und mein Körper sank tiefer in die Kälte hinab und ein verzweifelter Atemzug wurde genommen, der nun auch meinen Mund mit eisigem Nass füllte. Es tat so weh, dass es alles zuvor übertraf. Ich kniff für einen Augenblick meine Augen zu und wollte darauf warten das es vorbei ist und ich hoffte, es würde verdammt nochmal nicht mehr so lange dauern. Doch dann war es seine Stimme, die durch meinen Kopf hallte und mich wieder in die Realität holte. Meine Augen rissen sich auf und sah mich um. Ich sah nichts, ich fühlte nichts, ich hörte es nur in meinem Kopf.

"Steh auf, Noelani."

Es war keinerlei Mitleid in der Stimme, es war eine sture Weisung, die man einem Soldaten gab, der am Boden lag. Und plötzlich war ich nicht mehr im Wasser, ich lag vor der Kaserne auf dem Boden, niedergeschlagen von irgendwem und neben mir hockte Imraan. Er streckte mir keine Hand hin, er starrte mich einfach nur an, mit diesen unglaublich blauen Augen und wiederholte immer wieder die drei Worte. Über die ich mich damals so ärgerte, weil ich dachte er müsste mit seiner Frau doch wirklich liebevoller sprechen. Eine Naivität die ich als Jemaat zumindest abgelegt hatte.

"Steh auf, Noelani."

Und mit einem Ruck riss ich meine Hand in die Höhe, krallte mich in den Schnee und versuchte mein Kinn hinterher zu schieben. Ich wollte mich irgendwie am am Rand des Sees halten, doch mein Körper war blau, meine Glieder und Muskeln halb tot, ich rutschte und rutschte und dann wurde ich gegriffen.

Danach erinnerte ich mich nicht mehr wirklich an viel. Nur an eine kurze Unterhaltung mit dem Maleem. Ich glaube das waren auch die letzten großen Worte die ich sprach, bevor ich regelrecht erstickte an den Nachwirkungen des Eiskältebades und mich das Fieber in den Wahnsinn trieb:
  • "Was hättest du gemacht, hättest du mich tot herausgezogen? Wie hättest du es Imraan und Amar gesagt?"
    "Ich wäre einfach eine Weile von Menek'Ur fern geblieben."
    "So machen es die guten Hadcharim."
    "Habe ich von deinem Mann gelernt."
    "Dachte von Sahid."
Und dann lachten wir, kurz, bevor sich die Schwäche in mir ausbreitete und ich die nächsten Tage das Maristan nicht verließ. Und selbst wenn, ich konnte durch Fieber und den Schmerz in Kopf, Lunge und Hals, nichts registrieren. Wenn nun also irgendwas passiert wäre, ich gar den Ort gewechselt hätte, hätte ich es vermutlich nicht bemerkt. Ich wollte lediglich nicht zu meinen Kindern, nicht so.

Verfasst: Mittwoch 18. Mai 2016, 23:50
von Gast
Der Sonnenuntergang war immer das Beste, was die Heimat zu bieten hatte. Der Sand wurde in ein warmes Gold getaucht und der frische Wind, der das Land auf die kalte Nacht vorbereitete, wehte ein paar Körner in die Höhe und schaffte kleinen Wirbel, die leicht funkelten im Licht des Abendrots. Mein geflochtener Zopf riss durch den einkehrenden Abend und die losen Haare peitschten immer mal wieder in mein Gesicht. Ich konnte nichts anderes tun als zu lächeln, denn dieser Anblick erwärmte immer wieder aufs Neue mein Herz. Allerdings machte sich darin auch, nach dieser langen Zeit, eine gewisse Verbitterung breit, welche ich nicht einmal in Worte fassen konnte. Ich vermisste meine Familie und auch wenn ich sie immer bei mir trug, durch mein Herz oder den Ring, der durchgehend meinen Finger schmückte, zerrte das Verlangen immer mehr, wenn die Beine mich auch noch nicht zurück trugen. Also saß ich da, betrachtete die Schönheit der Natur und wartete darauf, dass es Nacht wurde. Eventuell war es auch nur eine Ausrede und eigentlich wollte ich lediglich, dass meine Beine wieder funktionierten.

So drückte ich mich nach einer Weile empor, rutschte den Hang hinab und wirbelte noch mehr Sand auf. Während meine Hände versuchten sich irgendwo fest zu halten, hielt ich bereits Ausschau nach meiner Waffe und meinem Schild. Ich hatte sie irgendwo verloren und musste nun den Nachteil von Wind und Sand feststellen. So sackte ich weiter unten auf die Knie und tastete mich durch den frisch aufgewirbelten Sand, bis meine Finger sich um den Waffenknauf schlossen und die andere Hand gegen den Schild knallte. Mir kam es vor, als hätte ich in jedem Muskel einen kleinen Schmerz, den nicht einmal die Zeit mit mir nahm, allerdings hegte ich kein Interesse daran deswegen zu zerbrechen. Ich musste das hier tun, denn anders konnte ich nicht zurück gehen. Anders konnte ich mich selbst nicht mehr ertragen. So wickelte ich also die Stoffe wieder fester um meine Rüstung, so dass der Wind nicht in jedes Kettenglied Sand drückte und zog weiter durch das mittlerweile blaue Meer aus sich abkühlenden Sand. Der Mond zeigte mir den Weg und das Knarzen des Metalls wurde deutlich, als ich die Waffe fester griff.

Ich wäre fast gestorben, bei der Prüfung Khalidas. Und das war vermutlich nicht einmal die Schlimmste, die ich hätte erleben können. Ich wusste also, dass die Nächste mich umgebracht hätte, also war ich feige und suchte das Weite. Ich habe meinen Mann zurückgelassen und meine geliebten Kinder, um selbst wieder irgendwas zu werden, irgendjemand zu sein. Es gab zwar niemanden sonst, der es mehr verstanden hätte, doch das schlechte Gewissen zerriss mich ab und an, wenn ich mich nicht ablenkte. So tat ich das, was ich immer tat, wenn mich irgendetwas belastete, ich schrieb, tausende von Briefen. Allerdings war in der Durrah weit und breit niemand außer ich, deswegen konnte ich sie meistens nicht abschicken und die Boten die ich traf, wirkten nicht so, als würden sie es bis zur Stadt schaffen. Manchen gab ich ein Schreiben mit, andere versorgte ich nur mit Wasser, welches ich mir selbst irgendwo erstehen konnte. Karawanen halfen mir meistens die Tage zu überstehen und irgendwann konnte ich mir auch merken, wann wo eine anzutreffen war. Dort hätte ich die Briefe auch mitgeben können, aber aus irgendeinem Grund habe ich es nie getan. Ich glaube die Tatsache, dass man mir nicht antworten würde, weil ich keine Adresse hatte, wo es hin könnte, hielt mich davon ab.

Irgendwann in der Nacht fiel ich zu Boden, nachdem meine Arme zitterten und meine Beine gänzlich den Geist aufgaben. Ich rollte mich im Sand so, dass ich in den Himmel blicken konnte und ließ mich von Mond und Sternen bestrahlen. Immer wieder hob sich mein Brustkorb und ich wusste nicht, ob ich je wieder zu Atem kommen würde. Schweiß lief mir am Gesicht hinab und das Gefühl der Erschöpfung war gleichermaßen angenehm wie unangenehm. Ich lächelte und sah in die Nacht hinein, darauf wartend, dass der Schlaf mich holte, Dabei hielt ich meine Waffe fest im Griff, bereit für einen Angriff, sollte denn einer folgen oder bereit für den Tod, sollte die Mutter andere Dinge für mich geplant haben. Und dabei begleitete mich ein Gedanke in meine Träume hinein:
"Wir alle sind Steine mit Kerben, manche tiefer, manche verblasst, manche frisch, manche alt. Wichtig ist, dass wir uns daran nicht schneiden und auch anderen dadurch keinerlei Wunden zufügen. Denn diese Einschnitte machen uns zu dem was wir sind: Einzigartig."

Verfasst: Sonntag 22. Mai 2016, 01:11
von Gast
Ich saß eine ganze Weile einfach nur da und starrte voran. Es war für mich wie ein Traum und ich wartete jeden Moment darauf, dass er um die Ecke kam, mich anlächelte und irgendeinen dummen Scherz machte. Ich hätte gelacht, ich hätte Tränen gelacht und mich gefreut, trotz des makaberen Scherzes. Aber er kam nicht und als ich nach ein paar Stunden noch immer nicht begriffen hatte, dass es sich nicht um einen Witz handelte, wechselte ich einfach den Platz. Ich kontrollierte ob die Kinder da waren, waren sie, und setzt mich im oberen Bereich auf sein Kissen. Und dann wartete ich eben dort, wobei die Sonne bereits durch die Öffnungen und Fenster schien und den Innenhof beleuchtete. Ich starrte voran und er kam nicht, er kam einfach nicht nach Hause. Und auch das gab mir keine Genugtuung, denn langsam wurde es Mittag, ich hatte noch kein Auge zu gemacht und konnte auch nicht einmal wirklich die Zeit einschätzen. Ich stellte mich also in die pralle Sonne aufs Dach und sah zum Eingangstor der Stadt. Auch dort kam er nicht und ich wollte doch unbedingt seinen Witz hören. Doch ich sah ihn nicht, ich hörte ihn nicht und ich konnte ihn nicht riechen, nicht fühlen. Und egal in welche Ecke des Palastes ich mich stellte, nirgends erschien er mir und sagte mir, dass man mich hochnehmen wollte. Und als der Abend anbrach, war es noch immer so. Er kam nicht nach Hause und der Schmerz in meiner Brust zog sich langsam über meinen ganzen Körper. Das Schlucken fiel mir schwer und ich wusste nicht mehr wie Atem funktionierte. Ich wusste nicht mehr wie Leben funktionierte, wenn er nicht nach Hause kommen würde. Tief im inneren wusste ich, dass sein Zuhause nun bei der Mutter selbst war, doch ich wanderte weiter wie ein lebloser Körper, bis ich mich irgendwann vor dem Barbier wieder fand. Ich stand da und sah zu, wie ich ihm das erste Mal begegnete. Ich lächelte ihn an, wusste nicht wer er war und war bereits seinen Augen verfallen, ihm verfallen, bevor der den Mund öffnete. Ich sah das ganze wie ein Schauspiel in meinem Kopf. Ich konnte das Leder seines Bestienleder-Mantels noch riechen. Das Bild zerfiel auch erst, als ich hindurch schritt, versuchte wieder Luft zu holen, zu schlucken und zur Oase wanderte. Dort sah ich ihn wieder, wie er mit mir über das Leben diskutierte und wie wir uns anlächelten und bereits wussten, dass das mehr war als nur eine einfache Unterhaltung. Ich sah seine Hand, wie sie nach meiner griff und er mir mitteilte, er wolle zu Sahid gehen, für mich, für uns und ich sah mein Gesicht, als für mich das Glück explodierte und sich um ihn und mich legte.

Und als ich wieder im Palast angekommen war, konnte ich ihn wieder sehen. Wie er unsere Kinder strahlend in den Armen trug und mich anblickte, als könnte er dieses Wunder nicht begreifen. Ich konnte die Liebe sehen, die er ihnen mit jedem Blick und Atemzug schenkte und ich sah die Liebe, die immer mehr und mehr wuchs, wenn ich ihn um mich hatte. Ich sah wie er alt wurde, wie er wieder jung wurde. Wie er Kriege durchlebte, wie er sich neu verliebte, neue Gefühle aufbaute, wie er Wesir wurde, wie er Emir war und wie er einfach der Mann meines Lebens wurde, beim ersten Herzschlag, als sich unsere Blicke trafen. Und als ich dann nach vorne griff, in die Richtung wo ich ihn sah, verblasste sein Bild und baute sich an meiner Seite wieder auf. Ich stand in der Kaserne, blickte auf die Namen, welche sich dort in den Stein meißelten und fokussierte den Seinen. Er war verblasst, wie so viele Andere und ich erinnerte mich daran, wie rational er mir davon erzählte, dass das Leben gibt und nimmt und das alles seinen Sinn habe. Und dann sah ich ihn nicht mehr und die Erinnerungen zogen sich in den Stein, in seinen verblassten Namen und ich versuchte rational zu bleiben. Und ich konnte es nicht. Denn er kam nicht mehr zu mir nach Hause.

Ich sackte auf die Knie, drückte mein Gesicht gegen meine Schenkel und begann zu weinen. Ich konnte nicht in Worte fassen, wie sehr es weh tat, wie sehr es meine Kehle, mein Herz und meinen Körper zerriss. Ich fühlte nur den Schmerz und nicht einmal das Verlangen nach Rache trieb andere Gedanken von dannen. Ich wusste nicht mehr wie ich ein fester Name auf diesem Stein bleiben sollte, wenn er mir nicht mehr sagte, dass ich aufstehen sollte, das ich nicht aufgeben sollte, dass mehr in mir steckte, dass er mich liebt. Eine Klinge konnte nicht erzeugen, was das Leid aus mir machte. Es war schärfer als tausend Messerstiche, brechender als tausend Hammerschläge. Es war die Hölle auf Erden und ich betete zu Eluive, dass dieser Alptraum enden sollte, denn das Atmen darin fiel mir schwer.
  • Lieber Amar,
    "Ich halte zur Zeit eine Kette in meinen Händen, Amar und du wirst nicht glauben von wem sie ist. Aus welchem Grund ich sie habe, ich glaube es selbst kaum. Gab es für dich einmal einen Moment, wo du dein Glück nicht fassen konntest und es fast schon weh tat?"

    Lieber Amar, ich wünschte ich könnte dir genau das schreiben. Aber die Mutter hat mir mein Glück genommen, sie hat nach so vielen Prüfungen entschieden, dass die seinen nun ein Ende haben. Und ich wünschte so sehr, dass es das Glück wäre, was mir Schmerzen zufügt, aber das ist es nicht, geliebter Bruder. Denn er kommt nicht nach Hause und ich warte bereits seit so vielen Stunden. Ich kann ihn nicht mehr fühlen, nicht mehr sehen.

    Oh Eluive, bitte, Bruder, bitte - bring ihn mir zurück, bring mir meinen geliebten Mann wieder nach Hause. Denn ich will mir dieses Glück wieder vorstellen...
Ich griff nach seinem Kopf und ich sah die Wunden nicht und das Blut, ich griff lediglich nach seinem Kopf, bettete meine Stirn an seine und teilte ihm meine unendliche Liebe ohne Worte mit. Ich strich immer wieder mit dem Daumen über seine Wangen und sie erwarteten alle, dass ich mich mit lauten Worten verabschiedete. Aber alles was ich ihm sagen wollte konnte ich nicht in Worte fassen, weil ich nicht wusste wie sehr man diese Liebe in Worte fassen sollte und diesen Verlust. Also sagte ich nur wenig, küsste ihn zuvor auf die Stirn und ließ ihn damit gehen, und mit meinen Tränen.

"Du wirst immer unsterblich sein, Imraan Mukthaar."

Ich empfinde es für immer. In meinem Herzen sind Erinnerungen von perfekter Liebe, die du mir gegeben hast. Oh, ich erinnere mich daran.

Wenn du bei mir bist: bin ich frei - bin ich sorglos.
Ich glaube wir werden über all die Anderen fliegen und das bringt mich zum Weinen.

Verfasst: Sonntag 29. Mai 2016, 18:35
von Gast
Ich saß auf dem einzigen Gegenstand in unseren Räumlichkeiten, der nicht belegt war von seinen Sachen. Es war ein kleiner Nachttisch, den nie wirklich wer benötigte, den man aber fand, als man sich mit dem Hinterlassenen des Mannes verfasste, den man einst all dies um die Ohren geschmissen hätte, hätte man von diesem Chaos gewusst. Die Wut die damals existent gewesen wäre, ist in diesem Moment allerdings nicht einmal im Ansatz vorhanden. Also saß ich einfach nur da, starrte auf die massigen Dinge und auf das Leben meines Mannes, verteilt in Gegenständen auf dem Boden. Ich hatte das Gefühl, dass meinen Tränen mittlerweile aufgebraucht waren und so musste ich hierbei nicht einmal eine oder zwei vergießen. Ich betrachtete das Ganze einfach und fühlte mich erschlagen, müde und so allein wie noch nie. Und es war auch dieses 'Allein-sein', welches man nicht bekämpfen konnte, indem man nach diesen ganzen Händen griff, die einen angeboten hatten einen zu halten. Es war dieses Gefühl, was nur eine Person hätte wandeln können und diese würde es wohl nicht mehr tun. Also drückte ich mich hoch, griff nach seinen Hemden, die auf dem Boden verteilt lagen und legte sie ordentlich zusammen, nachdem ich meine Nase eine Weile in den Stoff drückte. Ich legte sie zusammen und räumte sie in den Schrank, wo man sie nie wieder brauchen würde. Aber ich war noch nicht bereit sein Leben aus dem Meinen zu entfernen. Also hing ich auch seine Rüstung über die Puppe, die in der Ecke stand, reinigte sie vorher und ignorierte die Dellen und Schnitte, die zu dem führten, wo ich mich gerade befand.

"Mara?"

Nur langsam drehte ich den Kopf und ich war so übermüdet, dass ich nicht einmal wusste, ob ich das träumte oder ob Aasim wirklich neben mir stand und meine Hand griff, die nicht wie festgeklebt an der Rüstung ruhte. Er lächelte mir zu, zeigte mir damit wer nun der starke Part in dieser Familie war und zog mich ein Stück weg von der Folter, der ich mich unbewusst hingab. Seine Schritte führten mich auch hinaus aus den Räumlichkeiten, aus unseren Räumlichkeiten. Ich blinzelte, mehrmals und strich immer wieder, wie von selbst, mit dem Daumen über seinen Handrücken. Was ihn dazu bewegte zu mir auf zu blicken, mir wieder dieses Lächeln zu schenken, mit diesen unglaublich blauen Augen, die er natürlich nicht von mir hatte.

"Gehen wir Baden, Mara?"

Ich nickte ihm zu, stand aber sowieso schon im großen Baderaum in der zweiten Etage und atmete tiefer ein, als das Wasser mich vollkommen einhüllte und meinen mittlerweile recht dünnen Körper regelrecht in sich aufnahm. Aasim setzte sich neben mir auf die Stufen, so dass er nicht unterging und wackelte immer mal wieder mit den Füßen. Aus dem Augenwinkel sah ich, dass auch er litt, ich glaubte sogar zu erahnen, dass er es noch mehr tat als Armaiti, nur durch seine Stärke immer recht viel davon verborgen hielt. Wortlos hob ich als mit einem Lächeln meine Hand aus dem Wasser, bettete sie auf seinem Schopf und strich durch das pechschwarze Haar. Dann blickte ich selbst voran und lehnte dabei meinen Hinterkopf an die Kante des Wasserbeckens.

Wir hatten bereits Rache genommen, noch nicht genug, aber zum Teil haben wir schon ein paar Schritte in diese Richtung getan. Wir haben Körperteile abgetrennt, Kehlen durchgeschnitten und doch musste ich bedauernd feststellen, dass es nicht ausreichte, das es nicht einmal irgendetwas bewirkte. Es war nur eine Flucht vor dem Schmerz, den wohl nur die Zeit besiegen könnte und das sorgte für ein recht leeres Gefühl. Es hätte mir deutlich mehr zu gesagt, würden die nicht sichtbaren Wunden schneller heilen, durch das Blut, das das Volk und ich vergossen hatten. Aber es brachte ihn mir nicht zurück und es änderte gar nichts. Außer das ich mich tatsächlich für einen Bruchteil der Sekunde wie ein schrecklicher Menekaner fühlte. Sie hatten Gefühle wie wir, sie konnten sie verborgen halten, aber vorhanden waren sie. Sie provozierten mit Trauerbriefen und trotz allem hatte ich Mitleid mit ihnen, mit dem, dem ich das Ohr abtrennte, mit dem, der vor Sahids Klinge kniete. Doch dieses Mitgefühl kam erst auf, als Euphorie und Rausch verflogen waren und ich wieder alleine irgendwo saß. Es machte mich zu dem was ich war, doch ich wusste gar nicht mehr so recht, was das überhaupt war.

So viele Gedanken und ich merkte gar nicht, dass ich eingeschlafen war und mich irgendwann zwei Hände griffen und in die Höhe hoben. Es war eine der Palastdamen, die mich mit Hilfe einer anderen in mein Bett trug. Aasim musste sie geholt haben. Ich konnte mich nicht an die Gesichter erinnern, nur an diesen mitleidigen Blick, den sie mir schenkten, als ich kurz die Augen öffnete, als mein Körper auf dem weichen Bett landete. Ein genervter Laut entweichte mir, es hätte aber auch ein müdes Seufzen sein können, ich wusste es nicht genau. Denn ich schlief recht schnell wieder ein, als Aasim sich dann an meine Seite schmiegte und dort zur Ruhe kam. Die letzten Gedanken die ich hatte waren, wo eigentlich die anderen Beiden waren, aber dann hatte mich das Land der Träume bereits geholt und ich konnte dem ganzen nicht mehr nachgehen wie ich wollte. Hatte ich doch zumindest in dieser Welt, in welche ich driftete, eine Verabredung mit meinem Mann.

Verfasst: Mittwoch 15. Juni 2016, 00:18
von Gast
Was lehrte uns Eluive? Warmherzigkeit, Geduld, Liebe, Freundschaft, Mitgefühl. Sie gab uns eine Seele, eine Seele mit der wir fühlten, wodurch wir wurden was wir waren. Unsere Herzen wurden durch sie geformt, unsere Schritte durch sie gelenkt und jeder Atemzug von ihr gegeben. Sie war die Mutter allen Lebens und wir waren dankbar für jede Sekunde, die wir durch sie hatten. Aber was passiert, wenn das nicht mehr genügt, wenn sich Gift in den Leib schleicht und sich wie ein Parasit an uns fest nagt, so dass wir vergessen wer wir sind und was wir waren. Und sind wir dann fähig diesen Eindringling selbst zu bekämpfen oder schaffen wir es nur durch die Hilfe fremder Hände. Im schlimmsten Fall wird er uns übernehmen, fressen und zerstören. Aber ist auch das eine Entscheidung die wir treffen oder ist das gar Eluives Weg für uns? Greifen wir ein, lassen wir es geschehen und sehen zu oder kämpfen bis zum letzten Moment, bis wir die Liebe wieder fühlen?

Wenn eine hohe Macht sich dazu entscheidet, dir das Wichtigste zu nehmen, musst du dich entscheiden ob du es akzeptierst oder ob du rebellierst. Wobei Rebellion schlimmsten Falls den Tod bedeuten könnte. Also denkst du zwei oder dreimal darüber nach, bevor du das Wort erhebst. Doch was ist, wenn man dir etwas nimmt, wo das ganze restliche Leben keinen Sinn mehr hat? Was ist, wenn der, der die Macht über dich hat, dir das nimmt, was dein Herz erwärmt – deine Kinder. Und du darfst zusehen, wie sie ihre Sachen packen, dir zulächeln und du dir überlegen musst, was du ihnen sagst. Du ihnen erklären musst, dass ihr Vater nie wieder kehrt und sie nun auch ihre Mutter verlassen müssen. Wenn sie dann weinen, die Händchen auf deine Wangen legen und dich ansehen, als würden sie nicht begreifen, warum die Welt auf ihnen einstürzt. Was wirst du tun?
„Wenn Du wissen willst, wer dich beherrscht, musst Du nur herausfinden, wen Du nicht kritisieren darfst.“
Voltaire
Er war besessen, ich war mir recht sicher das es so war und ich konnte nichts dagegen tun. Ich musste zusehen, wie er genüsslich betrachtete, wie sie Schaden nahm, wie ich Schaden nahm. Musste mir sein Schmunzeln antun, als er mir noch einmal unter die Nase rieb, was an diesem Abend geschah und ich konnte keinen Ton sagen. Ich wüsste nicht was passiert wäre, hätte Saif mir nicht den Mund verboten. Ich glaube ich hätte mich so weit in Rage geredet, dass ich ihm an die Gurgel gesprungen wäre. Er war nicht mehr der Eluive geküsste, er war verdorben, von innen wie von außen und außer meine Klinge dafür zu heben, fiel mir nichts ein. Ich konnte den Hass nicht beschreiben, den ich empfand und ich wünschte mir so sehr, dass ich noch das Gute in ihm finden könnte. Doch er nahm mir mit seinen Worten alles und warf mich mit seinen Emotionen noch eine Klippe hinab. Ich schlug auf, mehrmals mit dem Kopf und aus Freundschaft wurde Hass. Ich konnte nichts gegen das dunkle Gefühl tun und auch wenn ich mich in Beherrschung übte, konnte ich die Gefühle nicht mehr verändern. Ich wusste das er nicht er selbst war und ich wusste, dass wenn er geheilt werden würde, dass sich dann rein gar nichts zu meinen Gefühlen zu ihn ändert. Mein Fehler war mir durchaus bewusst, doch ich habe hier bereits schlimmere Dinge erlebt, die weitaus weniger drastisch bestraft wurden. Und nun sah ich zu, wie meine Kinder die nächste Karawane nahmen, irgendwo hin, zu irgendwelchen Menekanern die ich nicht einmal kannte und ich konnte nichts tun, ich musste lächeln, nicken und mein Kopf neigen.
"Für die vorzüglichste Frau wird diejenige gehalten, welche ihren Kindern den Vater, wenn er weg geht, zu ersetzen imstande wäre."
Johann Wolfgang von Goethe
Ich zog mich die Treppen empor, auch wenn es in Rüstung ziemlich schwer war. Meine Beine taten weh und ich konnte meinen Rücken kaum gerade halten. Aber ich musste hier heraus, ich wollte nicht anwesend sein, wenn alle wach wurden und gemeinschaftlich am Frühstückstisch saßen. Also schlug ich mir den Weg über die Dünen frei und setzte mich auf einer von diesen nieder und beobachtete von dort den Sonnenaufgang. Und ich versuchte zu überlegen wie das Leben funktionieren sollte. Eluive hatte mir meinen Mann genommen, der Emir mir meine Kinder. Wer war ich also und wo wollte ich sein? War ich auch besessen, nur von vollkommen anderen Dingen als er es war?

Verfasst: Donnerstag 16. Juni 2016, 10:47
von Gast
Zweifel wären gut, denn ohne Zweifel soll ein Glaube nichts Wert sein, so hieß es. Doch wenn der Zweifel einen regelrecht zerfrisst, dann sind jegliche Weisheiten und Ratschläge eigentlich hinfällig. Dann sitzt man da, so wie ich, auf dem Dach der Hadcharim Burg und starrt in die Ferne. Ich überlegte mir, was ich in den letzten Jahren hier auf Menek'Ur getan hatte und versuchte es auf eine Waage zu legen mit den Dingen, die mir von Eluive genommen wurden. Es herrschte dabei eindeutig kein Gleichgewicht und so gingen die Argumente regelrecht durch meinen Kopf hindurch, die meine Familie, die mir auch nicht beistand, an mich richtete. Alles was er tut, wird durch sie gelenkt. Alles hat irgendwann einen Sinn. Vertrau darauf, es wird irgendwann alles gut. Und ich konnte deswegen nicht einmal mehr böse sein, ich war vollkommen erledigt von der ganzen Wut und dem ganzen Hass, der sich in den letzten Tagen in meinem Kopf breit machte. Ich war zu wach um zu schlafen und zu erledigt um mich zu bewegen. So starrte ich einfach und sehnte mich zurück in die Zeit, in der sie mir noch nicht mein ganzes Leben nahm. Ich dachte an all die, die nicht mehr an meiner Seite sitzen konnten und trotzdem drehte ich den Kopf, in der Hoffnung einen von ihn ebenfalls auf der Erhöhung zu erblicken, wo ich Platz nahm.
  • Ghadir Tazim Omar - Sie nahm mein Vorbild und ich verachtete sie nicht.
    Eshaty Chiala Bashir - Sie holte meine liebste Freundin und ich zürnte ihr nicht.
    Majid Rasim Omar - Sie ließ meinen besten Freund wieder gehen und ich begann zu zweifeln.
    Mariyah Yazir - Sie schickte meine beste Freundin auf Reisen und ich versuchte es zu übergehen.
    Imraan Mukthaar Omar - Sie entriss mir meinen Mann und ich verstand die Welt nicht mehr.
    Armaiti, Aasim und Arif - Sie führte ihn dazu, mir meine Kinder zu nehmen und ich entwickelte Hass.
Ich griff zur rechten Seite hin, in die Leere, die so groß war wie die in meinem Leib und zog tiefer Luft in die Lungen. Ich fühlte mich von ihr verlassen und ich erkannte den tieferen Sinn hinter ihrem Handeln nicht mehr. Kurz sagte mir eine Stimme im Kopf, dass das vielleicht in Verbindung mit der Hadcharim Ausbildung stehen könnte, doch fragte ich mich wirklich, warum die Opfer die man bringen musste, in solch großen Unterschieden entstanden. Theoretisch sollte ein Gleichgewicht zwischen Geben und Nehmen herrschen, doch dieses schien vollkommen an mir vorbei zu ziehen. Und so wuchs der Zweifel und die Verachtung, wenn meine Seele auch nicht wusste, wo sie diese Gefühle hinlenken sollte. Ob nun eher in die Richtung Eluives oder war ich es selbst, die das erzeugte, was nun auf mich einschlug wie tausend Steine.
Gib nie einen Menschen oder die Hoffnung auf ihn lieblos auf.
Ich wünschte Majid wäre hier, entweder um mich aufs gröbste zu beleidigen und mir den Kopf gerade zu rücken oder um ein Freund zu sein und mir zu zeigen, dass Eluive manchmal auch Dinge wieder gibt. Ich erhoffte mir von ihm Beistand, der mir sonst überall fehlte. Doch hätte ich vermutlich mit der Konsequenz nicht leben können, wäre er ebenfalls einer von denen, die mein Leid nicht begriffen. Und eigentlich hatte ich nur mich, auch wenn Tamika ihre Loyalität erneut offenbarte, wollte ich ihr Leben nicht durch meine Schritte beeinflussen. Vermutlich war irgendwann einfach die Zeit gekommen, in der man lernen musste zu existieren, ohne sich an irgendwem anders festzukrallen. Fraglich war nur, ob das auf Dauer funktionieren konnte oder ob man überhaupt dazu in der Lage war. So drückte ich meine Hände in mein Gesicht, wischte die frischen Tränen fort und bewegte mich danach wieder über Stunden nicht.
Denn sie hatte zugesehen, wie ich so viel für diese Stadt und dieses Land tat und nahm mir alles. Also was würde passieren, wenn sich das Blatt dreht? Es ist nicht so, als gäbe es noch irgendwas, was mich darin hindern könnte es auszuprobieren. Ich hatte keine Lust mehr mich zu beweisen, ich hatte genug und wenn sich mein Leib dazu entschied, sich endlich wieder von diesem Stein zu erheben, würde ich das der Welt auch offenbaren. Dieser Welt, wo selbst mein Blut mich tadelte.
Aufgeben heißt am eigenen Willen gescheitert zu sein.

Verfasst: Freitag 17. Juni 2016, 23:00
von Gast
G E B R O C H E N
Tag 1
  • "Du darfst dir zwei Dinge aussuchen, die du mit auf diese Reise nimmst."
    "Katana und Wasser."
Ich stand mitten in der Wüste, mit einem Wappenrock am Leib, seinem Wappenrock, einem Katana in der einen Hand und einem Wasserschlauch in der Anderen. Die letzten Sonnenstrahlen zogen sich über den Sand und formten Beige in ein dunkles Blau und die Hitze wurde zu Eis. Ich blickte eine ganze Weile einfach der Zeit hinterher und fühlte, wie der Wind mir das Haar um die Ohren schlug. Die Worte Khalidas hallten immer wieder in meinem Kopf wieder, als ich dann endlich die ersten Schritte setzte und in die Richtung eines Geräusches rannte. Eine Hyäne rannte mir entgegen, welcher ich mit voller Wucht die Waffe über den Kopf zog und das Jaulen sich kurz in meinen Ohren zerriss. Ich zog das Fell ab, so wie es mir mit der riesigen Waffe möglich war und versuchte mir daraus eine Hose zu basteln. Und ich konnte den Gestank schon riechen, bevor er sich entwickelte. Es gab nichts abartigeres als sich die blutige Haut samt Fell auf den Körper zu legen. doch weiter ohne Hose durch die Wüste zu ziehen konnte ich weder mir noch wem anders zumuten. Außerdem redete ich mir ein, dass es mich wärmen würde, wenn auch nur für einen Moment. Ich zerschnitt auch Imraans Wappenrock, den ich sonst hütete wie einen nicht ersetzbaren Schatz und schuf mir daraus einen provisorischen Turban und ein paar Fänden nutzte ich, um das Fell an meine Beinen zu halten. Und kurzzeitig war ich tatsächlich dankbar dafür, dass die Mutter mich nicht zur Weberin machte.
»Weißt du was dein Ehemann mal gesagt hat, über die Ausbildung im Orden? "Brich den Talif, sorge dafür das er ein leeres Gefäß wird, dass sich füllen lässt." Wenn ich ehrlich bin, habe ich erst gestern erkannt, was das wirklich bedeutet. Ich habe auch den Bruch bei Sahid nicht gesehen, oder bei Imraan. Aber keiner von uns hatte jemals soviel zu verlieren, wie du es nun hast.«
Die Nacht war nicht zu ertragen, es war bitterlich kalt und auch kein stinkendes Fell konnte daran etwas ändern. Ich versuchte mich in Bewegung zu halten und rannte den Weg beim Hauslosenviertel auf und ab, bis meine Füße so schmerzten, dass ich mich dazu entscheiden musste inne zu halten. Also sank ich hinab, drückte meine Arme dabei voran und hielt in beiden Händen das Katana. Kniebeuge, sie waren nicht optimal um mir Hitze zu spenden, hielten mich allerdings in Bewegung. Irgendwann holte mich allerdings die Müdigkeit ein und ich schlief, nicht fest, nicht ruhig, aber ein paar Stunden, bis mir die Sonne im Gesicht brannte. Und wo ich mich kurzzeitig über die Kälte beschwerte, war die Hitze dagegen ein wahrer Alptraum. Ich suchte mir Schatten, während mir das Wasser aus ging und die Kakteen mir nicht auf Dauer helfen konnten. So klebte ich unter drei Palmen, nutzte ihren Schatten aus und sinnierte über die letzten Wochen.

Sie wollte mich gebrochen und um so mehr Stunden vergingen, um so mehr glaubte ich daran, dass sie das auch so bekommen würde. Ich baute eine Art Gleichgültigkeit für die Ereignisse der letzten Tage auf und wenn ich mich damit nicht groß befasste, war es auch in Ordnung. Es war die alte Devise die Kinder immer verfolgen: Wenn ich es nicht sehe, ist es nicht da. Eine Methode, die ich regelrecht zu mir lockte und so war der einzige Fokus darauf gelegt, zu überleben. In der Kälte oder in der Hitze, das war dabei egal. Lediglich als am Abend das Feuer eines Skarabäus meinen Rücken überrannte, dachte ich kurze Zeit ans Aufgaben. Aber aus irgendeinem Grund tat ich es nicht. Ich zog mich an der Felswand empor, an welche ich geworfen wurde und humpelte in Richtung Stadt. Ich war bereit mir meine zwei Gegenstände für meinen zweiten Tag abzuholen. Wenn die Füße auch verbrannt waren und jeder Schritt auf festen Stein eine Qual. Und als ich bei Khalida eintraf, verscheuchte ich jedes Thema, was irgendwie auf meine Gefühlswelt zugreifen könnte, ich besprach nur das Nötigste und schüttelte die Schwächen ab. Sie wollte eine Hülle, sie würde sie bekommen.

Tag 2
  • "Du darfst dir weitere zwei Dinge von deinen Gegenständen aussuchen."
    "Schuhe und Ehering."
. . .


Wir sind an unsere Grenzen gestoßen und können nicht darüber hinwegkommen.
Nichts, das wir wiederaufleben lassen könnten.
Du sagtest es, ich verstehe es.
Ich schätze es ist was es ist.