- Es gibt Menschen, die in unser Leben kommen
und es wieder verlassen.
Es gibt aber auch Menschen, die eine Weile
bleiben und eine Fußspur in unserem
Herzen hinterlassen.
Und wir sind nie mehr dieselben.
- Es gibt Menschen, die in unser Leben kommen
Razyr versuchte mit übertriebener Freundlichkeit seinen Ausrutscher wieder auszubügeln. Es berührte mich nicht im geringsten, ich war auf eine distanzierte Art und Weise höflich und ich half jedem, wenn er etwas benötigte. Allerdings blieb ich weiterhin auf Distanz. Ich hatte es nicht nötig, mich als Dreck abstempeln zu lassen, was er mit seinem Wort und dem überreichten Teller perfekt in Szene gesetzt hatte.
Ich lernte. Vermutlich nicht das, was sie sich wünschten, was ich lernen sollte. Aber ich lernte, mich selbst zurückzunehmen und ich lernte, zu ignorieren. Auch das falsche, aber ehrlich aussehende Lächeln beherrschte ich mittlerweile sehr gut. Ich war nahezu stolz auf mich.
Des Weiteren zog es mich gerade jeden Abend in den Tempel. Ich wollte beten, das tat ich immer. Aber ich wollte wirklich ungestört sein und Eluive sehr Nahe sein. Wo konnte ich das besser als im Tempel? Vielleicht noch in der Oase, aber dieser Ort machte mich gerade eher traurig. Weil ich dort Abbas so oft traf und die Sehnsucht nach ihm war unaufhaltsam und füllte meinen Körper nur immer noch mehr aus. Es wurde von Tag zu Tag auch schwieriger, mich abzulenken. Es verging kaum eine Minute, an dem ich nicht irgendwie an ihn dachte. Und mir wünschte, er wäre hier. Er sollte einfach nur in meiner Nähe sein. Und wenn ich nur an seinem Bett sitzen würde, um ihn wieder gesund zu pflegen. Wenn wir doch jetzt nur schon verheiratet gewesen wären...
Wenn...
Aber das waren wir nicht und ich versuchte krampfhaft, mein Gesicht zu wahren. Ich versuchte mich damit zu trösten, dass seine Gedanken mit Sicherheit auch immer bei mir waren und dass alles gut werden würde. Eluive würde ihn mir nicht jetzt schon nehmen. Dass ich aber auch so gar nichts erfuhr...
Als ich mit allem fertig war, setzte ich mich an den Tisch in meinem Zimmer. Eigentlich wollte sich die Familie zusammenfinden für ein Treffen, aber mir war nicht groß danach. Ich blieb auf dem Zimmer und schrieb eine Geschichte auf, die ich einmal gehört hatte. Dieses Buch ließ ich mit einem kleinen Schreiben wieder den Wachen im Palast überbringen, auf dass sie dies wieder Abbas geben würden. Ich wollte heute nicht selbst zu den Wachen gehen, es zerriss mir immer beinahe das Herz, wenn ich nur in der Nähe des Palastes war und wusste, ich durfte nicht zu ihm.
- Das Hemd des Glücklichen
Vor langer, langer Zeit lebte ein König, der sehr
schwer erkrankte. Er versprach die Hälfte seines
Reiches demjenigen, der ihm Heilung bringen
könnte. Da versammelten sich die Weisen des
Landes und beratschlagten, wie dem König zu
helfen sei. Aber niemand wusste Rat. Nur ein
Weiser erklärte: „Wenn man einen glücklichen
Menschen findet, ihm sein Hemd auszieht und es
dem König anlegt, dann wird er genesen.“
Daraufhin schickte der König Boten aus, die in
seinem weiten Reich einen glücklichen Menschen
suchen sollten. Aber es gab keinen einzigen
Menschen, der mit allem wahrhaft zufrieden und
deshalb glücklich gewesen wäre. Der eine war
zwar gesund, aber in seiner Armut unglücklich.
Und wenn einer gesund und reich war, dann war
die Ehe unglücklich oder seine Kinder waren nicht
geraten. Kurz, jeder klagte über sein Los und
nannte es ungerecht.
Eines Abend ging der Sohn des Königs an einer
armseligen Hütte vorüber und hörte, wie drinnen
jemand sagte: „Nun habe ich meine Arbeit getan,
habe mich satt gegessen, satt getrunken und
gehe schlafen – was fehlt mir noch? Ich bin der
glücklichste Mensch.“
Den Königssohn erfasste eine große Freude. Nach
seiner Rückkehr in den Palast befahl er, diesem
Mann sein Hemd auszuziehen. Man sollte ihm
soviel Geld dafür anbieten, wie er nur wünschte,
und sein Hemd dem König überbringen.
Die Boten eilten zu dem Glücklichen – aber der
Glückliche war so arm, dass er nicht einmal ein
Hemd am Leibe hatte. Da erkannte der König,
dass man sein Glück nicht besorgen kann, und
dass jeder alles hat, um glücklich zu sein. So zog
er jeden Morgen ganz bewusst das Hemd eines
Glücklichen an und wurde gesund.
(Nach Leo N. Tolstor)
- Das Hemd des Glücklichen


