Wo der Horizont das Meer küsst

Geschichten eurer Charaktere
Gast

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      • Es gibt Menschen, die in unser Leben kommen
        und es wieder verlassen.
        Es gibt aber auch Menschen, die eine Weile
        bleiben und eine Fußspur in unserem
        Herzen hinterlassen.
        Und wir sind nie mehr dieselben.
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Tag 3 war nicht wirklich einfacher, als der Tag zuvor. Ich bereitete mich mental auf das Gespräch mit Nazeeya vor und versuchte, die Zeit zu überbrücken. Ich kochte viel Fisch, trocknete diesen und brachte ihn zu den Tieren. Sie mochten den Fisch gerne, warum also nicht kostengünstiges Tierfutter verwenden.

Razyr versuchte mit übertriebener Freundlichkeit seinen Ausrutscher wieder auszubügeln. Es berührte mich nicht im geringsten, ich war auf eine distanzierte Art und Weise höflich und ich half jedem, wenn er etwas benötigte. Allerdings blieb ich weiterhin auf Distanz. Ich hatte es nicht nötig, mich als Dreck abstempeln zu lassen, was er mit seinem Wort und dem überreichten Teller perfekt in Szene gesetzt hatte.

Ich lernte. Vermutlich nicht das, was sie sich wünschten, was ich lernen sollte. Aber ich lernte, mich selbst zurückzunehmen und ich lernte, zu ignorieren. Auch das falsche, aber ehrlich aussehende Lächeln beherrschte ich mittlerweile sehr gut. Ich war nahezu stolz auf mich.

Des Weiteren zog es mich gerade jeden Abend in den Tempel. Ich wollte beten, das tat ich immer. Aber ich wollte wirklich ungestört sein und Eluive sehr Nahe sein. Wo konnte ich das besser als im Tempel? Vielleicht noch in der Oase, aber dieser Ort machte mich gerade eher traurig. Weil ich dort Abbas so oft traf und die Sehnsucht nach ihm war unaufhaltsam und füllte meinen Körper nur immer noch mehr aus. Es wurde von Tag zu Tag auch schwieriger, mich abzulenken. Es verging kaum eine Minute, an dem ich nicht irgendwie an ihn dachte. Und mir wünschte, er wäre hier. Er sollte einfach nur in meiner Nähe sein. Und wenn ich nur an seinem Bett sitzen würde, um ihn wieder gesund zu pflegen. Wenn wir doch jetzt nur schon verheiratet gewesen wären...

Wenn...

Aber das waren wir nicht und ich versuchte krampfhaft, mein Gesicht zu wahren. Ich versuchte mich damit zu trösten, dass seine Gedanken mit Sicherheit auch immer bei mir waren und dass alles gut werden würde. Eluive würde ihn mir nicht jetzt schon nehmen. Dass ich aber auch so gar nichts erfuhr...

Als ich mit allem fertig war, setzte ich mich an den Tisch in meinem Zimmer. Eigentlich wollte sich die Familie zusammenfinden für ein Treffen, aber mir war nicht groß danach. Ich blieb auf dem Zimmer und schrieb eine Geschichte auf, die ich einmal gehört hatte. Dieses Buch ließ ich mit einem kleinen Schreiben wieder den Wachen im Palast überbringen, auf dass sie dies wieder Abbas geben würden. Ich wollte heute nicht selbst zu den Wachen gehen, es zerriss mir immer beinahe das Herz, wenn ich nur in der Nähe des Palastes war und wusste, ich durfte nicht zu ihm.



      • Das Hemd des Glücklichen

        Vor langer, langer Zeit lebte ein König, der sehr
        schwer erkrankte. Er versprach die Hälfte seines
        Reiches demjenigen, der ihm Heilung bringen
        könnte. Da versammelten sich die Weisen des
        Landes und beratschlagten, wie dem König zu
        helfen sei. Aber niemand wusste Rat. Nur ein
        Weiser erklärte: „Wenn man einen glücklichen
        Menschen findet, ihm sein Hemd auszieht und es
        dem König anlegt, dann wird er genesen.“
        Daraufhin schickte der König Boten aus, die in
        seinem weiten Reich einen glücklichen Menschen
        suchen sollten. Aber es gab keinen einzigen
        Menschen, der mit allem wahrhaft zufrieden und
        deshalb glücklich gewesen wäre. Der eine war
        zwar gesund, aber in seiner Armut unglücklich.
        Und wenn einer gesund und reich war, dann war
        die Ehe unglücklich oder seine Kinder waren nicht
        geraten. Kurz, jeder klagte über sein Los und
        nannte es ungerecht.
        Eines Abend ging der Sohn des Königs an einer
        armseligen Hütte vorüber und hörte, wie drinnen
        jemand sagte: „Nun habe ich meine Arbeit getan,
        habe mich satt gegessen, satt getrunken und
        gehe schlafen – was fehlt mir noch? Ich bin der
        glücklichste Mensch.“
        Den Königssohn erfasste eine große Freude. Nach
        seiner Rückkehr in den Palast befahl er, diesem
        Mann sein Hemd auszuziehen. Man sollte ihm
        soviel Geld dafür anbieten, wie er nur wünschte,
        und sein Hemd dem König überbringen.
        Die Boten eilten zu dem Glücklichen – aber der
        Glückliche war so arm, dass er nicht einmal ein
        Hemd am Leibe hatte. Da erkannte der König,
        dass man sein Glück nicht besorgen kann, und
        dass jeder alles hat, um glücklich zu sein. So zog
        er jeden Morgen ganz bewusst das Hemd eines
        Glücklichen an und wurde gesund.

        (Nach Leo N. Tolstor)
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      • Du stehst an unserem Grabe – doch trauere nicht,
        denn wir liegen nicht hier und schlafen.
        Wir sind der Wind, der dich umspielt,
        die Sonne über den Feldern,
        wir sind die Schneeflocken in der Luft,
        der Regen über den Wäldern.
        wir sind die Vögel, die singend rufen,
        die Sterne, die dich grüßen aus der Ferne.
        Wir sind bei dir, wenn die Sonne sinkt –
        du weißt doch – wir sah'n es so gerne.
        Wir sind bei dir, ob Nacht oder Licht, geh ruhig zum Grabe,
        doch weine nicht, denn wie liegen nicht hier und schlafen.



Der Tod war ein Thema, mit dem ich mich nicht gerne beschäftigte. Und dennoch war dieses Thema immer wieder ein großer Bestandteil in unserem Leben. Wir mussten liebe Menekaner gehen lassen, vielleicht auch, um Platz für neue zu machen.

Ich hatte mich zum Gebet zurückgezogen, wie so oft. Ich wollte Eluive meinen Dank für einen neuen Tag aussprechen und meine Gedanken wieder auf Abbas' Gesundheit legen. Ich sammelte meine Kraft und ging am Palast vorbei. Natürlich sorgte mein Reflex dafür, dass ich in die Richtung von Abbas' Zimmer sah, welches ich niemals hätte sehen können, aber ich erhoffte, irgendwas erkennen zu können – doch ich sah nur hohe Palastmauern. Für einen Moment legte sich wieder dieses bedrückende Gefühl auf meine Brustgegend, ich vermisste ihn. Sehr. Dann führten mich meine Schritte weiter. Umso näher ich dem Tempel kam, desto merkwürdiger wurde mein Gefühl. Zuerst war es dieses Klemmen um die Brust, doch dann, im nächsten Moment, war es diese unsagbare Erleichterung. Irgendetwas stimmte nicht.

Ich wurde schneller, säuberte mein Antlitz und betrat den Tempel. Schon beim Betreten sah ich den leblosen Körper. Es war ein Moment, in dem sich die Gefühle überschlugen. Ich hatte Angst, ich hatte Panik, ich fühlte mich schwach, unterlegen, feige und dennoch mutig genug, um weiter nach vorn zu gehen. Umso näher ich ging, desto deutlicher wurde, was sich mir offenbarte. Die letzten Schritte gestalteten sich als die schwersten. Ich sank auf meine Knie. Ich hatte meine Befürchtung und ich hoffte, dass sie sich nicht bewahrheiten würde. Ich griff nach der Hand der Menekanerin, fühlte nach ihrem Puls. Nichts. Gar nichts. Ich schloss meine Augen, wieder kreisten tausende Gedanken in meinem Kopf umher. Und wieder waren da diese vielen Gefühle. Ich musste etwas tun.

Also ging ich zum Familienviertel zurück. Die Panik überkam mich. Ich hatte mich nie damit auseinandergesetzt, einen leblosen Körper zu sehen. Und nun lag Nazeeyas lebloser Körper vor mir. Nicht einmal Mariks leblosen Körper hatte ich gesehen, ich hatte mich geweigert, ich war davon gerannt. Und nun rannte ich wieder, nur diesmal zurück zur Familie. Ich rief laut nach Nadim, es war ein Glück, dass ich ganz automatisch funktionierte.

Nadim kam gemächlich ums Eck, gefolgt von Shariza und Razyr. Ich berichtete in abgehackten Worten, musste die Hysterie in meiner Stimme verbergen. Ich versuchte, tapfer zu bleiben. Nadim schickte Razyr mit mir zum Tempel. Nadim hoffte, dass es sich um einen Irrtum handelte. Doch auch Razyr konnte nichts anderes feststellen, als ihren Tod. Ich saß bei Nazeeya, griff bei dem Gebet nach ihrer Hand und hielt sie fest umschlossen. Sie sollte ihre Ruhe finden, ihren Platz an der Seite von Eluive. Am Ende des Gebetes hauchte ich ihr einen Kuss auf die Hand. Sie war so kalt, jegliches Leben war aus dem Körper gewichen. Und schon jetzt wusste ich nicht, wie ich all das auf meinen Schultern tragen sollte.

Zuhause angekommen bat ich Rajani, weiße Kleidung zu schneidern. Als Zeichen der Trauer zogen wir uns alle um. Ich fühlte den Boden unter meinen Füßen nicht mehr, ich konnte im Nachhinein nicht sagen, wie ich alles geschafft hatte. Ich deckte den Tisch zitternd ein, ich öffnete einigen Gästen sogar die Türe. Ich tat alles, was man eben so tat – ohne wirklich anwesend zu sein. Mein Körper war anwesend, mein Geist war verschwunden. Immer wieder stiegen die Tränen auf, die ich aus den Augenwinkeln weg blinzelte.
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Nach einer Weile ging ich zurück in mein Zimmer. Zumindest musste ich das getan haben, immerhin war ich letztendlich dann dort, als ich nach dem Schlaf wieder zu mir kam. Ich setzte ein Schreiben auf, um es zum Palast zu bringen. Ich wusste, die Wachen würden mich wieder nicht zu Abbas lassen, ganz egal, wie ich flehte. Also sparte ich mir die Mühe gleich und ließ ihm nur das Schreiben überbringen.
Salam Aleikum, Ya'aiyni.

Ich schicke dir heute schlechte Nachrichten. Nazeeya ist tot. Ich habe sie am heutigen Abend tot im Tempel aufgefunden. Es tut mir leid, dir diese Nachricht nicht selbst überbringen zu können, aber die Wachen lassen mich wieder nicht zu dir.

Ich wünschte, du wärst hier.

Ich liebe dich.


Laila
Sie wusste, dass einige der Worte verschmiert waren ob ihrer Tränen, aber sie wusste, dass er den Zusammenhang erschließen konnte. Warum kam das alles jetzt? Er konnte nicht da sein und sie stützen, obwohl sie ihn mehr denn je brauchte. Sie wollte diesen Raum nicht mehr verlassen, nicht mehr essen, nicht mehr trinken, nicht mehr sprechen. Dieser Abend war zu viel gewesen für die zarte Natifah.
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Ich wurde in der Nacht mehrmals wach. Einmal erschrak ich vor meinem eigenen Schrei, der mir so durchs Mark ging, dass ich zitterte. Ich bekam die Bilder des leblosen Körpers nicht mehr aus meinem Kopf. Ich zog mir etwas über und hoffte, dass so spät in der Nacht niemand mehr durch das Viertel streifen würde. Schnell ging ich in die Küche und trank ein kühles Glas Wasser. Ich sah die Pergamente auf dem Tisch – mein eigenes und das von Nadim. Es war also kein schlechter Traum gewesen. Nazeeya war wirklich tot.

Ich hatte nicht einen Moment damit verschwendet, aus egoistischen Gründen zu trauern. Nicht einen Moment dachte ich an das bevorstehende Gespräch und die Hochzeit. Die Hochzeit war gerade nicht wichtig. Nazeeya war fort und hinterließ eine große Lücke. Ich kannte sie nicht gut, aber das, was ich von ihr kannte, war bezaubernd. Und sie war eine Cousine.

Natürlich versuchte ich, meinen Alltag so gut wie möglich zu gestalten. Aber die Trauer saß wirklich tief. Jeder Schritt fühlte sich an, als würde ich auf Federn gehen, noch immer konnte ich nicht allzu klar denken. Das reden viel mir schwer, ich brachte nicht einen Ton heraus. Ich kannte das von dem Tod von Marik. Auch da hatte ich wochenlang nicht mehr gesprochen, keinen einzigen Ton. Ich schaffte es nicht, die gesehenen Bilder zu verarbeiten... Nicht jetzt.
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Eine weitere Nacht verging, in der ich nicht gut schlief. Immer wieder hatte ich Albträume, die mich hochschrecken ließen. „Abbas?“, ein leises Flüstern durchdrang den dunklen Raum. Für einen Moment musste ich durchatmen, meine Pupillen zogen sich zusammen, erst dann realisierte ich, wo ich war. Ich war im Zimmer von Aaminah, niemand sonst war hier. Auch Abbas nicht. Ich konnte mich nicht mehr an das erinnern, was ich geträumt hatte. So sehr ich mich auch anstrengte. Ich stieg aus dem Bett und meine Füße trugen mich zum Balkon hin. Es war kalt draußen, das dünne Hemdchen zog ich enger und starrte in die Ferne.

Callista hatte mir mit ihren Worten helfen wollen, sie hatte gespürt, dass mir alles einen Deut näher ging, als anderen. Sie bot mir an zu reden, doch ich fand für den Moment keine Worte. Da war der Tod von Nazeeya, der alte Wunden aufriss. Abbas, der krank war und nicht hier sein konnte und die Tatsache, dass ich genau darüber mit niemandem reden konnte. Vielleicht hielten mich die einen oder anderen auch für verrückt, aber im Grunde war mir das egal. Gleichgültig.

Mariyah war es, die mir letztendlich mehr Worte entlocken konnte. Das Reden strengte an, immer wieder versagte meine Stimme. Dass Abbas und ich heiraten wollten hatte sich mittlerweile wirklich schon herumgesprochen, auch sie wusste bereits davon. Es war schwer über Abbas zu sprechen, immerhin sorgte ich mich zusätzlich um ihn und ich hatte ihn seit Tagen nicht mehr gesehen. Beinahe ein Wochenlauf ohne ihn... Meine Hände glitten über das Geländer des Balkons. Die Nacht war ruhig und klar, es sah so aus, als würde die Wüste heute schweigen. Die Natur lag in Trauer. Trauer um Nazeeya.

Bei Eluive, warum fehlte er mir so sehr? Warum konnte ich mich nicht einmal für eine längere Zeit ablenken? Warum gerade jetzt? Ich seufzte kurz, wandte meinen Blick dann ab. Aaminah war nicht hier, der Rest war mit sich selbst beschäftigt. Ich wollte niemandem zur Last fallen und das tat ich auch nicht. Im Tempel war mein Hass auf Razyr für einen Moment verflogen. Vielleicht konnte er ja doch einfühlsamer sein, auch, wenn er das mir gegenüber nicht war. Ich kniff die Augen zusammen. Nein, er hatte mir einen der schönsten Tage in meinem Leben zerstört...

Ich setzte mich vor meine Truhe und kramte nach dem Brief von Abbas. Ich las die Nachricht erneut und ich hörte seine Stimme. Ich hörte die Wärme in seiner Stimme, die Zuneigung. Diese tiefe, angenehme Stimme in meinen Gedanken verursachte Gänsehaut. Meine Gedanken sind die ganze Zeit über nur bei dir und ich vermisse dich sehr.
Ich presste die Lippen aufeinander. Wann, ja, wann nur war es soweit, dass ich ihn endlich wiedersehen durfte? Wann nur?

Es gab Momente, in denen ich mich deutlicher zusammenreißen musste. So oft war mir danach, den Palast aufzusuchen, nur, um nach ihm zu sehen. Ich wusste, es war zwecklos. Bei den Wachen half auch all das Flehen nichts. Daher beließ ich es dabei, ich würde mich gedulden müssen. Ich musste ausharren. Noch ein Grund, weswegen ich ihn lieber gestern schon geheiratet hätte. Aber das konnte man sich nicht immer aussuchen. Die Dinge kamen eben, wie sie kamen.

Ich musste Geduld haben. Nur Geduld würde mich weiterbringen.
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    • Ich habe noch nie in Augen gesehen, die mich so überwältigt haben,
      wie die deinen. Ich habe noch nie in so schöne Augen gesehen, die
      heller leuchten, als die Sterne am Horizont.



Augen waren der Spiegel zur Seele, an Augen konnte man schon immer erkennen, wie es um das Seelenwohl eines Menschen steht. Auch, wenn der Mensch lügt, seine Augen sprechen immer die Wahrheit. Immer.

Mir fehlte mein Bruder. In solchen Momenten fehlte Malik sehr, aber es half nichts. Ich war hier, er war dort und uns trennten mehrere Stunden voneinander. Ich konnte nicht einfach so zu ihm, zumal ich auch nicht wusste, wann Abbas wieder gesund war. Denn ich wollte da sein und auf ihn warten. In den letzten Tagen war nicht viel aufregendes passiert. Ich hatte mein eigenes Haus bezogen. Ob das noch so lohnenswert war, wusste ich nicht. Aber ich wollte mein eigenes Reich haben. Mein Reich für mich alleine. Hier konnte ich die Türe verschließen und ganz für mich sein.

Hier musste ich mich nicht mit einem schmutzigen Teller beleidigen lassen, musste nicht lächeln, obwohl mir nicht zum lächeln war. Ich arrangierte mich einfach mit allem, war stets freundlich und irgendwann? Irgendwann würde vielleicht auch jemand verstehen, warum ich eines meiner Familienmitglieder so gut wie möglich mied. Ich musste kurz etwas schmunzeln. Wenn ich ihnen sagen würde, dass mich diese Geste an dem Abend beleidigte, mir vermittelte, ich sei Dreck und wäre nur zum Putzen da, würde mit Sicherheit die Antwort kommen, dass ich mich nicht hineinsteigern sollte, dass ich wissen sollte, dass es so nicht gemeint war. Aber genau so kam es an. Genau so fühlte es sich an.

Für einen kurzen Moment hatte ich sogar überlegt, Imraan zurate zu ziehen. Aber ich vertraute mich Abbas an. Abbas war der Menekaner, den ich liebte, dem ich über dem Maßen vertraute. Er war es, der mir Worte zum Trost zusprach und der meine Wut teilen konnte. Malik hätte ich das auch erzählt, aber Malik war nicht da. Was mir wieder einmal schmerzlich bewusst wurde. Wie es ihm wohl ging?

Und wie es Abbas wohl ging? Es war nun über eine Woche her, dass wir uns das letzte Mal gesehen hatten. Ich wusste langsam nicht mehr, wie ich damit umgehen sollte. Ich wollte ihm so gerne schreiben. Schreiben, dass meine Stimme weg war, dass ich traurig war. Aber ich wollte ihn nicht zusätzlich beunruhigen. Ich wollte, dass er vollkommen genesen war. Und vielleicht hatte ich Glück und ich hatte all die Bilder bis dahin verarbeitet. Vielleicht hatte ich Glück, und ich konnte ihm gleich sagen, wie sehr ich ihn vermisst hatte. Wie unser erstes Treffen nach dieser Zeit wohl ablaufen würde? Ich würde ihm am liebsten in die Arme fallen, aber das war hier nicht möglich.

Ich dachte auch an das Gespräch mit Mariyah zurück. Ich hatte nicht viel bisher mit ihr zu tun, aber das Gespräch war mir in positiver Erinnerung geblieben. Ich musste mich wirklich beizeiten bei ihr bedanken. Ich seufzte wieder etwas. Es verging nicht ein Moment, in dem ich nicht an ihn dachte. Ich hatte keine Möglichkeit mich zu ihm zu schleichen. So gerne würde ich einfach durch die Tür gehen und mich auf die weichen, weißen Felle auf seinem Bett setzen, ihm behutsam durch die Haare streichen und ihm ein glückliches Lächeln schenken. Vielleicht würde ja auch gerade diese Nähe und diese Wärme, die Liebe zueinander, heilend sein? Ich verfluchte es seit Tagen, dass er ein Sohn der Omar war. Das alles wäre einfacher gewesen, wäre da nicht ein halbes Dutzend Wachen, die ständig irgendwo herumspazierten und einem die Wege versperrten. Es gab keine Möglichkeit. Nicht eine einzige. Einzig allein seine Nachricht heiterte mich auf. Ich hoffte so sehr, dass er nicht noch einen Rückschlag erleiden musste. Denn, wenn alles gut ging, würden sie bereits in wenigen Tagen wieder vereint sein.
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    • [img]http://31.media.tumblr.com/dba6783da0d08d59ab70d52100b84d1f/tumblr_n9vffkqrH81tnwpamo1_500.gif[/img]
Langsam kehrte ich aus der Traumwelt zurück. Ich befand mich in der Phase zwischen Traum und endgültigem Erwachen. Mein Körper und mein Geist wurde langsam wach, aber war noch nicht voll da. Ich hörte von der Ferne die sanfte Geräuschkulisse. Da waren vereinzelte Schritte, Stimmen. Ich fragte mich, wer sich so früh schon um meinem Haus umherschlich, dann seufzte ich leicht und zog das Laken ein Stück höher. Ein Arm. Ein Arm? Ein Arm!

Meine Augen waren noch immer geschlossen. „Eluive, ich träume. Bitte, lass mich träumen.“
Ich wagte den Versuch, eines der beiden verschlossenen Augen zu öffnen und meinen Kopf leicht zur Seite zu drehen. Ich spürte den ruhigen Atem bereits in meinem Nacken und im gleichen Moment überkam mich wieder die Gänsehaut. Als ich ihn sah, wie er neben mir lag, so ruhig schlafend, presste ich die Lippen schnell aufeinander, um nicht laut aufzujupsen. Am Ende hätte ich ihn noch vorzeitig geweckt. Meine zweite Heldentat des Tages war der Biss auf meine Unterlippe, als sich mein Blick komplett klärte und ich tatsächlich die Gewissheit hatte, nicht zu träumen. Es war faszinierend, was eine Natifah alles auf einmal denken und fühlen konnte. Ich legte meinen Kopf wieder zurück in die Kissen und sah an den Himmel des Himmelbetts zurück. Mit offenen Augen starrte ich diesen an und versuchte mir den gestrigen Abend zurück in die Gedanken zu rufen. Dann hob ich das Laken schnell an und sah an meinem Körper entlang. „OHHH... MEINE... GÖTTIN!“, keuchte ich und ließ das Laken sowie meine Arme wieder auf das Bett fallen. Ich strich mir mit beiden Händen über das Gesicht, befreite es von den lästigen Haarsträhnen. „Denk, Laila. Denk. Versuch dich irgendwie zu erinnern.. du hast doch gar keinen Kaktusschnaps getrunken.“; aiwa, wir hatten uns definitiv zu lange nicht gesehen, die Sehnsucht war zu groß gewesen. Aber so groß? Ich zog das Laken über meinen Kopf. Meine Gefühle vermittelten mir Nervosität, Aufregung, Angst, Unwissenheit, Zufriedenheit, Glück. Langsam schaute ich wieder zur Seite. Was hatte er mit mir diese Nacht gemacht? Er sah so friedlich aus und so glücklich. So... erleichtert und frei von jeglicher Sorge.

Ich stand auf und hüllte mich in den Rest meiner Kleider. Es war ungewohnt hier und seltsam, so dass ich entschloss, schnell wieder ins Bett zu gehen. Ich ließ meine Gedanken zum Vorabend zurück schweifen. Abbas stand vor mir und ich konnte nichts sagen, weil mir noch immer die Stimme fehlte. Ich war so froh ihn zu sehen, mir fiel eine wahnsinnige Last von den Schultern und ich hätte ihn am liebsten umarmt. Doch das durfte ich hier nicht. Ich musste mich gedulden. Also wartete ich. Als Callista meinte, dass Nadim mich in seinem Büro erwartete, hatte ich schon wieder mit dem Schlimmsten gerechnet. Niemals hatte ich es für möglich gehalten, dass Malik nur wenige Augenblicke später vor mir stand. Aber da war er und ich konnte nicht mehr an mich halten, ich fiel ihm um den Hals. Seine Anwesenheit war es auch, die mir meine Stimme wieder zurückbrachte. Wie viel Glück musste es geben an diesem heutigen Tage? Ich hatte meinen großen Bruder so vermisst. So unendlich vermisst. Und nun war er wieder da. Wir mussten viel Zeit miteinander verbringen, immerhin hatten wir einiges aufzuholen. Ich stellte Malik sehr schnell Abbas' vor, auch wenn ich mir jetzt schon ausmalen konnte, dass es für Malik nicht einfach war, mich in die Hände eines anderen Mannes zu geben. Das war auch früher schon so, als wir gespielt hatten. Hach, mein Bruder.

Vermutlich war ich irgendwann wieder eingeschlafen. Denn als ich später wieder wach wurde, lag ich noch immer auf den weißen Fellen. Noch immer umgab mich das weiße Laken und meine Kleider hüllten meinen Körper. Noch immer spürte ich die Wärme seiner Nähe. Ich blinzelte etwas und sah ihm entgegen. Auch Abbas war mittlerweile wach und fragte mich, ob ich gut geschlafen hatte. Das hatte ich. Besser als jemals zuvor. Ich glaubte, dass ich noch nie in meinem Leben so gut geschlafen hatte. Ich wollte nicht mehr ohne ihn einschlafen, aber ich fürchtete, dass ich das noch ein paar Mal tun musste.
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Ich saß auf meinem kleinen Balkon und sah auf das Meer hinaus. Malik und ich hatten als Kinder immer gerne miteinander gespielt, wir waren ein Herz und eine Seele, so, wie alle meine Geschwister. Wenn ich ein Problem hatte, bin ich zu ihm gegangen. Wenn ich irgendwas angestellt hatte, was Mara und Radeh nicht wissen durften, bin ich zu ihm gegangen. Es hatte nie etwas in meinem Leben gegeben, was ich vor Malik verbarg.

Und nun war der Tag doch gekommen an dem ich ihn zum ersten Mal belogen hatte. Für einen kurzen Moment hatte ich überlegt, ob ich ihm alles sagen sollte. Dass Abbas mich längst geküsst hatte und auch nicht nur einmal, dass ich sogar schon in seinen Armen eingeschlafen war. Aber nein, das konnte und wollte ich ihm nicht antun, auch, wenn ich genau wusste, dass es für ihn schlimmer war, wenn er jemals erfahren würde, dass ich ihn zum ersten Mal in meinem Leben wirklich belogen hatte. Ich wollte das niemals tun, aber ich sah im Moment keine andere Möglichkeit. Ich hätte es ihm nicht sagen können, er wäre zu enttäuscht von mir gewesen, vielleicht wütend. Vielleicht hätte er auch dafür gesorgt, dass ich Abbas erst einmal nicht mehr wiedersehen konnte. Und ich hatte doch nun schon die Woche auf ihn warten müssen.

Ich seufzte langgezogen und dachte über die Worte von Malik nach. Ich hatte mich also verändert und das gefiel ihm nicht. Ja, ich war erwachsener geworden und mir waren auch noch andere Dinge in meinem Leben wichtig geworden. Und eines dieser wichtigen Dinge war Abbas. Ich wusste, dass das für Malik am schlimmsten war. Er wollte mich immer vor allem Bösen beschützen und auch, wenn er sich für mich wünschte, dass es irgendwann einen Mann an meiner Seite gab, so hoffte er trotzdem, dass dieser Tag nicht allzu schnell kommen würde. Nachdenklich sah ich in den Himmel.

Eigentlich wollten Abbas und ich uns für den Abend nochmal sehen. Allerdings schien irgendetwas dazwischen gekommen zu sein. Ich hoffte nur, dass er nicht wieder so krank war. Ich hatte Eluive gebeten, mehrfach, dass sie uns nicht mehr so lange voneinander trennen würde. Aber manchmal meinte es das Schicksal nicht gut. Meine Lippen verzogen sich zu einem schmalen Strich, die Lippen wurden aufeinander gepresst. Warum musste mich dieser Brief jetzt erreichen? Ich wusste um die eigenen Traditionen meiner Eltern, aber ich wollte sie ausblenden. Ich wollte nicht zurück fahren, um diesen nachzugehen. Aber der Brief war eindeutig und ließ keine Widerworte zu. Ich wusste noch nicht einmal, wie ich Abbas das nun erklären sollte. Wie ich ihm sagen sollte, dass ich über einen Wochenlauf weg sein würde. Ich brauchte ja allein schon etwa einen Tag, bis ich wieder bei meinen Eltern war. Seufzend öffnete ich den Brief wieder und las ihn. Warum hatten sie das nicht schreiben können, als Abbas so krank gewesen war? Dann hätte ich Ablenkung gehabt. Aber so? Ich verfluchte innerlich gerade alles, aber es half nichts. Mara und Radeh bestanden darauf. Sie bestanden darauf, dass ich mich für die Ehe vorbereitete. Mara hatte das auch mit unseren Cousinen gemacht, die bereits geheiratet hatten. Wir führten Gespräche, sie bereitete mich auf das vor, was auf mich zukommen würde, sie lehrte mich, eine gute Ehefrau zu sein. Und das ging leider nicht an einem Tag. Ich würde einen Tag lang allein damit verbringen, zu beten. Um meinen Geist und mein Gewissen frei von jeder Schuld und jeder Sünde zu sprechen. An einem weiteren Tag würden wir pilgern und schweigen, um den Ahnen zu gedenken, die an meinem großen Tag nicht dabei sein konnten. Danach würde Mara mich waschen und salben, um ein letztes Mal die fürsorgliche Pflege ihrer Tochter zu übernehmen und sie rein aus dem Haus zu geben. Rituale, auf die man sich normalerweise freuen sollte. Aber momentan steckten sie mir wie ein schwerer Kloß im Hals fest. Die Nacht würde lang werden, ich würde kaum Schlaf finden. Dennoch ging ich zurück in mein Bett. Diese Leere war erdrückend, die letzten zwei Nächte bei Abbas waren angenehmer. Und so lag ich noch eine ganze Weile wach und dachte nach, bis mir dann irgendwann die Augen zufielen.
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Es war der letzte Abend gewesen, der den beiden für einen Wochenlauf etwa geblieben war. Ich war froh, ihn hier bei ihm zu verbringen. Umso schwerer fiel es mir, am frühen Morgen aufzustehen und zu gehen. Wir verabschiedeten uns voneinander und mit Tränen in den Augen wartete ich dann auf die Karawane, die mich zu meinen Eltern bringen würden.

Malik hatte ich einen Brief geschrieben, dass ich mich für einen Wochenlauf bei unseren Eltern befand und er sich keine Sorgen machen müsse. Und Abbas? Er musste sich auch keine machen. Ich würde wohl erhalten und gesund zurückkehren. Noch bevor ich aus seinem Blickfeld verschwand gab ich ihm einen letzten Kuss für lange Zeit - und obwohl er so süss schmeckte, hatte er einen solch bitteren Nachgeschmack.

Mein Weg zurück zu meinen Eltern begann...
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