Geschwisterliebe und zarte Bande

Geschichten eurer Charaktere
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Arno Hohenstein
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Registriert: Samstag 22. Februar 2025, 20:02

Beitrag von Arno Hohenstein »

Er lag neben ihr. Sie schlief. Ruhig. Selig. Als würde sie in einer Welt sein, in dem es kein Leid zu geben schien. Kein Schmerz. Nur Frieden. Er legte die Hand auf ihren Bauch – schenkte ihr Nähe so wie sie ihm Geborgenheit schenke. Ein Atemzug hob ihren Brustkorb, als würde sie auf die Berührung reagieren. Er beobachtete sie – wie ein stiller Wächter. Achtete darauf, dass es ihr gut ging. Die Kopfschmerzen machten ihm weniger sorgen als der Blick bei Ida. Gegen die Kopfschmerzen konnte er was tun. Den Schmerz in Ihrem Blick konnte er beinahe spüren. Fühlte ihn als wären sie verbunden durch ein unsichtbares Band. Schicksal. Geteilter weg, geteiltes Leid. Wollte er etwas gegen ihren Schmerz tun? Natürlich. Konnte er es? Unbekannt. Er würde was finden. Er wollte die Schatten vertreiben.

Er stieß sich auf – zog die Schuhe aus. Er wollte eigentlich noch üben gehen. Aber nein. Heute nicht. Es fühlte sich falsch an, konnte er sie nicht allein lassen. Setzte sich zurück aufs Bett, zog die Decke etwas höher über sie. Dann legte er sich zu ihr, vorsichtig, als wolle er einen Traum nicht stören. Er blieb bei ihr, legte die Arme um sie. Umarmte sie, schützend. Eine Mauer von der Außenwelt. Beistand. Sie seufzte im Schlaf, als hätte ihr Körper die Geste erkannt. Als hätte er ihr etwas gegeben, was Worte nicht können. Sein Atem wurde ruhiger.

Wir.
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Arno Hohenstein
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Registriert: Samstag 22. Februar 2025, 20:02

Beitrag von Arno Hohenstein »

Der Köder versank, kaum dass ein Fisch ihn berührte. Angebissen. Arno machte den Kopf lang, blickte hinüber und zog an der Angel, als könnte er ihn mit einem Ruck aus dem Wasser reißen.
Doch dann – die lang ersehnten Worte: „Heda! Keinen Mucks, sonst gibts nen Pfeil ins Aug!“ - unbekannte Stimme, doch lang erwartet. Angeschlichen. Nicht schlecht. Kurz zuckte der Mundwinkel des jungen Mannes – keine Bewegung. „Brav so! Jetzt schneid die Börse vom Gürtel und wirf sie hinter dich! Aber keine Tricksereien... ich bin Clever, das du das weisst!“ führte die Person fort, schien ihn zu mustern. Sein tun. Seine Bewegung. Nur konnte er die innere Hitze Arnos nicht sehen – die Vorfreude. Lang ersehnt. Schade Sir Armon. Niemand für euch. Er lockerte den Dolch mit der dunkel schimmernden Klinge. Lang hatte er daran gearbeitet. Während er das Lederband löste rutschte es ihm hinaus: „Auf dich habe ich gewartet.“ Verdammt. Arno atmete durch – Ruhe. Vielleicht stand er knappe 10 Schritt weg – konnte es nur schwer einschätzen. „Auf mich gewartet? Ich wusst' ja selbst nicht das ich komme?“ erwiderte der Dieb. Noch immer zeigte der gespannte Pfeil auf Arno. Nun war es eh zu spät. Was solls. „Ich wusste aber dass du irgendwann kommst. Irgendwann - gestern? Heute? Vielleicht morgen?“ mit den Worten lies er desinteressiert den Beutel Fallen. Hinter sich. Nah genug. Komm ran. Hol es dir. Die Gedanken rannten um die Wette. „Du kennst mich doch nicht - warum wartest du dann auf mich?“ fragte er, trat einen Schritt vor und blieb doch stehen. Zögernd. Arno drehte die Angel in der Hand. Ein Geduldspiel. Jetzt komm. „Du hast es bei meiner Partnerin auch durchgezogen.“ und dort brannte die Flamme wieder. Lichterloh. „Nichts hab ich gezogen“, kam die schnelle Antwort. „Verwechselst mich sicher.“ Das Lächeln, kalt wie die Morgenluft huschte über die Lippen Arnos. „Du sagtest, du wärst clever.“ - „Der cleverste!“ prahlte er; Dummkopf! Lügner! Wollte er ihn zum Narren halten? Der Geduldsfaden gespannt wie eine Saite der Laute Johannes'. „Dann droh ihr nie wieder.“ wäre es giftig aus ihm herausgeplatzt wäre dieser Faden nun gerissen. Nein – noch war die Stimme ruhig. Der vermummte sah sich um, seine Augen sprangen nervös den Pfad entlang. „Drohen wem? Deinem Pferd?“, spottete er. „Hab ich nie gemacht, seh’s zum ersten Mal.“ Arno sagte nichts. Das leise zischen eines langsam reißenden Seiles. Der Geduldsfaden. Langsam. Er deutete nur mit der Angel nach Westen zum Wald beim Schrein. „Der Kräutersammlerin“, sagte er ruhig. „Die... Stumme... mit dem Haar wie Flieder...“ stammelte er, suchte scheinbar nach Worte. Richtig. Genau die. „Der... der tu ich nichts. Ist... ist in Ordnung, die...“ fuhr er fort. Arno sah für einen Moment in den Himmel, als würde er dort oben nach Bestätigung suchen, vielleicht sogar nach Vergebung. Aber die Worte Ragais waren die, die er fand. Er tat ihr leid. Und er verstand sie. Wie immer. Sie legte die Hände über sein inneres Feuer. Beschütze. Arno. Ihn. Die Umwelt. „Gut – dann nimm das Gold. Brauchst du mehr, meld dich. Frag. Heb den Bogen gegen wen auch immer - gerne gegen mich. Aber nie wieder gegen sie.“ Heute hatte Ragai wieder leben gerettet. Vielleicht das von Arno. Vielleicht das des Fremden. Aber das würden sie nie erfahren.

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Ragai Mirkow
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Registriert: Dienstag 7. Januar 2025, 20:03

Beitrag von Ragai Mirkow »

Der Tag war noch jung, verborgen in der Umarmung der Steinwände, die die kühle Luft wie ein altes Versprechen hielten. In der Dämmerung eines kellerartigen Raums, wo das Licht sich schüchtern an den Rändern der Holzbalken sammelte, öffnete Ragai langsam die Augen. Das Bett, in dem sie lag, war aus rohem Stein, bedeckt mit grobem Stoff und wärmenden Decken. Kein Ort für Eitelkeit, doch ein Ort, an dem Nähe zählte. Der Platz neben ihr war leer, doch nicht ohne Spur.

Ein feiner Duft hing in der Luft. Warm, blumig, mit einer Note von Nachtschatten und Lavendel. Er führte sie mit sanfter Hand zu zwei Gegenständen, die sorgsam auf einem gefalteten Tuch lagen. Eine filigrane Parfümflasche, deren Glas das erste Licht einfing wie ein Tropfen Bernstein und daneben eine frische Myrthenblüte, ihre weißen Blütenblätter unversehrt, wie eben erst gepflückt.

Sie setzte sich auf, barfuß auf dem kalten Boden, streckte die Hand nach dem Geschenk aus. Keine Botschaft. Kein Zettel. Aber es war seine Sprache, eine stumme Geste, voller Gefühl. Arno.

Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Es war klein, aber echt. Sie roch am Flakon, ließ sich den Duft über die Haut legen wie einen Schleier. Trug ein schlichtes Kleid, band sich das Haar zurück und steckte sich die Blüte so ins Haar, dass sie sichtbar, aber nicht aufdringlich war. Ein heimliches Zeichen. Vielleicht nur für ihn.

Arno war fort. Wahrscheinlich schon früh gegangen, leise wie immer. Doch Ragai nahm es ihm nicht übel. Es war seine Art. Stattdessen schulterte sie einen Korb und machte sich auf den Weg. Wenn das Herz schweigt, sprechen die Hände und ihre fanden sich bald im Dickicht des Waldes wieder, zwischen feuchtem Moos und schattigen Pilzkolonien. Der Atem der Bäume beruhigte sie. Die Welt hatte dort draußen keinen Platz, nur der Wald, sie und in ihren Gedanken: Arno.

Stunden später stieg sie aus der Kutsche in Bajard. Der Geruch von Fisch, Stall und Stadtmauer lag in der Luft. Ihre Stiefel waren erdig, der Korb gut gefüllt. Und dann sah sie ihn.

Er stand einfach da, wie zufällig, wie bestellt vom Tag selbst. „Huh“, sagte er nur. Und das reichte.

Sie blickte ihn an. Ihre Augen, so still wie klare Seen, fanden seine mit einem warmen Funkeln. Er lächelte, schief wie immer. „Was für ein Zufall“, sagte er. Und doch, keiner von ihnen glaubte daran.

Sie trat näher, ohne ein Wort. Zeigte auf die Blüte in ihrem Haar, dann mit einer zarten Bewegung auf sich. Ich habe beides auf dem Bett gefunden, erklärten ihre Finger, ohne dass ein Ton ihre Lippen verließ.

Er musterte sie, seine Augen verweilten. „Oh! Das ist schön.“ Und er meinte nicht nur die Blüte.

Die Berührung war unausweichlich. Sie trat an ihn heran, küsste ihn, vorsichtig zuerst, doch mit jenem Vertrauen, das zwischen ihnen wie eine Brücke stand. Seine Hand fand ihren Kragen, zog sie näher. Der Kuss war still und doch voller Worte. Als hätte er auf genau diesen Moment gewartet.

Ihre Hand, duftend nach Wald und Wildblumen, glitt an seine Wange. Er schloss kurz die Augen, lehnte sich in ihre Berührung, als sei sie der Ort, an dem er ankommen wollte.

„Warst du gerade unterwegs?“ fragte er leise.

Sie schüttelte den Kopf, lächelte stumm. Und du?

„Ich wollte nach Hause – zu dir“, erwiderte er, fast verlegen. „Aber... das Pferd hat heute mehr Wasser gesehen als Fisch. Lief nicht gut.“

Sie blickte ihn mitfühlend an, ihre Finger zeichneten eine kleine, tröstende Geste in die Luft. Morgen wird besser.

„Ja“, sagte er und nickte, als hätte sie ihn tatsächlich überredet. „Wird’s.“

Er fragte, ob sie gut geschlafen hatte, und sie antwortete mit einer Mischung aus Gesten und leisen Worten. Ich bekomme Kopfschmerzen, wenn ich zu viel spreche. Ich habe gestern wohl wieder zu viel geübt.

„Du übst?“ Er hob überrascht die Brauen.

Sie nickte. Ein leiser Laut kam über ihre Lippen. „Ich muss das Maß finden. Sonst wird es schlimm.“

Er schwieg einen Moment, dann legte er eine Hand über ihre. „Ich schau mal... vielleicht kann ich etwas für dich tun.“

Das Gespräch verfloss in anderen Dingen. Ein Besuch bei Lucius, der ihr mit Kräutern half. Ein kurzer Handel. Neue Bekanntschaften, wie Phiala, eine angehende Feinschmiedin, deren Hände vorsichtig Ragais Kette reparierten. Arno und Ragai handelten Tränke gegen Fläschchen, boten Hilfe an und lernten, dass Vertrauen sich auch in kleinen Gesten zeigt.

Doch als der Tag sich dem Ende neigte, fanden sie sich wieder in ihrem Heim ein. Der Keller, kühl und schlicht, war kein Ort für große Worte, aber für Nähe.

Dort, in der flackernden Dunkelheit, nahm sie seine Hand, zog ihn zu sich. Ihre Lippen fanden seine, leidenschaftlicher nun, und seine Hände umfassten sie, fest, sicher, wie jemand, der nichts festhält, sondern einfach bleibt.

Sie legte die Stirn gegen seine Brust, lauschte seinem Herzschlag. In der Stille sprach er. „Wie konnte ich nur so lange ohne dich…“

Und sie lächelte, jenes Lächeln, das nur ihm gehörte.

Was folgte, war kein Spiel. Kein Tanz. Es war einfach das, was geschieht, wenn zwei sich in einem Raum wiederfinden, den nur sie verstehen. Ihre Körper fanden zueinander, wie sie es taten, seit sie sich kannten – manchmal stürmisch, manchmal tastend, doch immer ehrlich. Und als sie später unter den Decken lagen, einander zugewandt, seine Haut warm an ihrer, ihr Knie über seinen Beinen, da war nichts mehr zwischen ihnen als Atem und Herzschlag.

„Das wird eine Nacht…“, murmelte er mit einem Schmunzeln, das mehr versprach als Müdigkeit.

„Du machst es mir nicht leicht, mein Herz…“

Und sie antwortete mit einer letzten Geste. Du mir auch nicht.

Dann wurde es still. Nur das Flackern einer Lampe, das kaum Licht, aber viel Wärme spendete. Ihre Hand auf seinem Oberschenkel, seine an ihrer Taille. Zwei Menschen, fern von Glanz, aber ganz nah am Wesentlichen. Und über ihnen, fast vergessen, duftete noch immer ein Hauch von Myrthenblüte.
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Zuletzt geändert von Ragai Mirkow am Montag 21. April 2025, 17:24, insgesamt 1-mal geändert.
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Ragai Mirkow
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Beitrag von Ragai Mirkow »

Der Abend senkte sich über Bajard wie ein samtener Schleier, der die Farben dämpfte, das Licht streichelte, die Geräusche weich werden ließ. Im Keller der Mirkow-Schwestern war es still, bis auf das leise Knistern der Flammen im Kamin. Die Steinwände warfen das Licht in matten Reflexen zurück, und der Duft von Minze, Salbei und Lavendel hing schwer in der Luft.

Ragai saß auf der Bank, in sich versunken. Ihre Finger, schlank und fein wie der Flügelschlag eines Nachtfalters, drehten gedankenverloren den Ring an ihrer Hand. Als Arno die Treppe herabstieg und mit leiser Stimme mehr Wildkraut ankündigte, hob sie überrascht den Blick. Ihre Augen, dunkle Spiegel einer Tiefe, die nicht in Worten messbar war, trafen ihn wie ein warmer Windhauch.
„Alles gut?“ fragte er.
Sie hob und senkte leicht das Köpfchen, eine Geste voller Nuancen, voll von allem, was sie nicht in Sprache fassen konnte. Arno lächelte, ein feines, liebevolles Lächeln, und als sie ihm eine Kiste reichte, machte sie ein paar Bewegungen mit den Händen. Ihre Kommunikation war still, aber so beredt wie das Lied des Regens auf altem Holz.
„Von Taran als Dank“, ließ sie ihn wissen. Arno nickte.

Im Dorfkrug trafen sie auf Erlaucht Helisande und ihren Gatten Heinrik, Kronritter und Herrin der Grafschaft Tiefenberg. Die Welt der Etikette öffnete sich wie ein schweres Tor aus Eisen, ehrwürdig, groß, und mit einem Echo, das sich tief in Arnos Unsicherheiten verfing. Doch Ragai war seine Stütze. Und Arno war ihre Stimme.
Die Begegnung am Feuer war geprägt von feiner Höflichkeit, doch darunter lag ein stilles Verständnis, ein Taktgefühl, das sich in Nicken, Blicken und den sanften Linien auf Ragai’s Pergament zeigte.
Als der Abend dunkler wurde, als der Met wärmer wirkte als das Feuer selbst, zogen sich die hohen Gäste zurück. Arno und Ragai blieben.

Zuhause. Der Tee dampfte, die Kräuter gaben ihr bestes Lied von sich. Arno war vertieft, rührte um, wie jemand, der nicht nur Tee zubereitet, sondern einen Moment erschafft.
Dann trat sie ein.
Nicht laut. Nicht plötzlich. Fast wie eine Erscheinung, ein Schatten im Dämmerlicht, kaum mehr als ein Wispern in der Luft. In den Händen trug sie einen Schleier, hauchdünn, durchscheinend wie eine Erinnerung an etwas, das nie ganz greifbar war. Arno hielt inne.
Sie tanzte. Der Schleier folgte ihr, schwebte, glitt, schmiegte sich an Luft und Licht. Jede Geste war eine Frage, ein Versprechen, eine Erinnerung daran, dass Liebe nicht laut sein muss, um alles zu sagen.
Arno blickte ihr nach, sein Tee vergessen. Sie war das Feuer, der Tanz, der Funke, der Wind. Und als sie näherkam, als der Schleier über seine Schulter glitt wie ein Flüstern, da war es nicht nur Stoff, sondern Absicht. Nicht nur Bewegung, sondern Einladung.
Sie berührte ihn.
Nicht fordernd. Nur ein Hauch. Ihre Fingerspitzen auf seiner Brust, wo Herzschläge beginnen, wo Bekenntnisse wachsen. Arno erwiderte. Langsam. Wie jemand, der einen Traum nicht zerbrechen will. Ihre Haut unter seinen Fingern war warm. Wie die erste Berührung nach langer Zeit. Wie Heimkehr.
Der Schleier fiel.
Und mit ihm die letzte Grenze zwischen Nähe und Zuneigung, zwischen Unsicherheit und Gewissheit. Ihre Augen begegneten sich, keine Worte, nur ein Blick, tief wie ein Ozean, ruhig wie der letzte Moment vor dem Einschlafen.
„Tee?“ hauchte er, ganz leise.
Sie nickte.
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Ragai Mirkow
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Beitrag von Ragai Mirkow »

22.ter Wechselwind des Jahres 268

Adoran war laut an diesem Abend. Stimmen riefen, Stiefel schlugen gegen das Pflaster, und irgendwo läutete eine Glocke, müde wie die untergehende Sonne.

Ragai blieb am Rand stehen, abseits der Strömung aus Soldaten, Kaufleuten und Adligen. Ihre Hände sprachen in feinen Bewegungen zu Arno, der wie ein Fels an ihrer Seite stand. Um sie herum kreuzten sich Blicke, nickten Köpfe, ein höfisches Gewebe aus Ritual und Pflicht.
Doch dann kam er.

Tarek.

Klein, abgerissen, mit einer Wut in den Augen, die älter war als seine Jahre.
Er drückte sich an die Mauer, den Körper geduckt, die Tasche fest an die Brust gepresst, als wolle er sein letztes bisschen Würde verteidigen. Misstrauen flackerte in seinen Blicken, sprang von einem zum nächsten, wie ein scheues Tier, das in die Enge getrieben war.
Als Ragai ihn sah, regte sich etwas in ihr, etwas Altes, das in stillen Nächten nie ganz schwieg.
Sie ging in die Hocke, streckte ihm die Hand entgegen. Keine Worte. Nur eine Geste:
Ich sehe dich.

Erst als Ragai eine Handvoll Kronen auf der flachen Hand zeigte, trat er vor, riss sie ihr beinahe aus den Fingern und wich sofort wieder zurück, den Rücken gegen die Mauer gepresst, die Tasche umklammernd, bereit zu rennen.
Ein Moment, kaum länger als ein Atemzug, in dem alles hätte kippen können.

Moira von Bergfall trat näher, ruhige Worte auf den Lippen, doch Tarek hörte nur die Bedrohung. Er sprach trotzig, ein Kind gegen die Welt: „Man schießt nicht auf wen, der nix gemacht hat!“
Als man sie aufforderte, beiseite zu treten, weigerte sie sich.
Stand da, eine stumme Mauer zwischen Tarek und der Ordnung.
Ein Flüstern ging durch die Reihen:
Widersetzt sie sich?
Will sie ein Kind gegen das Gesetz schützen?
Für einen schmerzhaften Moment war es still, nur das Pochen ihres Herzens füllte die Luft.
Es hätte gereicht, ein falsches Wort, eine zu schnelle Bewegung und sie wäre verhaftet worden.
Weil sie nicht zulassen konnte, dass man einem verängstigten Kind noch mehr nahm.

Doch dann sprach Arno.
Seine Stimme war ruhig, seine Worte eine Brücke.
Er gab sein Wort für sie.
Und Ragai, seufzend, widerwillig, trat einen Schritt zurück.
Es war genug.

Tarek blieb.
Er murmelte seinen Namen. "Tarek." Nicht mehr, nicht weniger.
Und in seinen Augen lag etwas, das wie Hoffnung aussah. Nur ein Schimmer, aber ein echter.

Später, auf dem Schiff, während der Nachtwind das Wasser streichelte, kuschelte sich Ragai an Arno.
Er hielt sie fest, als wolle er sie an die Welt binden.
Und sie wusste, dass sie wieder so handeln würde.
Tausendmal, wenn es sein musste.
Denn manchmal reicht eine ausgestreckte Hand, um einen verlorenen Jungen daran zu erinnern, dass nicht alles Dunkel ist.


23. ter Wechselwind des Jahres 268

Am späten Nachmittag begegnet die Adlige Moira von Bergfall der jungen Frau Ragai Mirkow nahe einer Steinplatte in Adoran. Moira, eine erfahrene Mutter und Soldatin, spricht Ragai auf ein Ereignis vom Vortag an: Ragai hatte versucht, ein verängstigtes Kind zu schützen, ein impulsives, aber gutgemeintes Handeln, das jedoch beinahe politische Folgen gehabt hätte, da sie damit gegen lokale Gepflogenheiten verstieß.
Ragai, eine stille und tief mitfühlende Person, erklärt sich schriftlich. Sie gesteht, dass sie nicht anders kann, als Kindern in Not zu helfen. Ihr größter Wunsch ist es, ein Heim für Straßenkinder zu eröffnen, ein Ort der Zuflucht und Wärme. Moira zeigt Verständni.
Um Ragai Mut zu machen, führt sie sie zum Waisenhaus von Adoran, ein lebendiger Ort voller Lachen und Leben, gegründet im Gedenken an Liliana von Drachenfels. Dort erklärt Moira, dass Hilfe willkommen ist. Sie weist sie auf die Gräfin Nyome von Meerswacht hin, die für Adoran zuständig ist, sowie auf die Freiherrin Amelie von Salberg, die sich ebenfalls um das Heim kümmert.
Am Ende verabschieden sich die beiden mit gegenseitigem Respekt. Moira bietet ihre Hilfe an , sei es in Etikette oder Schutz, während Ragai entschlossen ist, ihren Traum weiterzuverfolgen: Kindern ein besseres Leben zu schenken.

24.ter Wechselwind des Jahres 268

Ich weiß nicht, wie er es geschafft hat.
Manchmal sehe ich ihn einfach an, wie er da steht mit diesem leicht schiefen Lächeln, das nur auftaucht, wenn er auf etwas stolz ist aber nie auf sich selbst. Und dann erinnere ich mich: Arno hat dieses Haus gekauft. Ganz allein. Ohne großes Aufheben. Ohne mich vorher zu fragen. Einfach gemacht.
Als er mir die Tür aufhielt und ich zum ersten Mal diesen knarzenden Flur betrat, war mir klar: Das hier ist kein Haus. Es ist ein Anfang.
Es hat Charakter, habe ich gedacht, weil ich nicht zugeben wollte, wie sehr mir die Kehle brannte vor Rührung. Aber es war wahr. Die schiefen Fensterrahmen, die groben Holzbalken, alles an diesem Ort war rau und ehrlich. Genau wie Arno.
Ich wollte ihn in den Arm nehmen, ihn schütteln, ihn küssen, alles auf einmal. Stattdessen habe ich nur seine Hand genommen und mit den Händen gesagt: „Ich bin so stolz auf dich.“ Und ich meinte es mehr, als Worte je ausdrücken könnten.
Zuletzt geändert von Ragai Mirkow am Freitag 25. April 2025, 12:26, insgesamt 1-mal geändert.
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Linus van Sturmfang
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Registriert: Donnerstag 12. Oktober 2023, 18:11

Von Händen und anderen kleinen Wundern

Beitrag von Linus van Sturmfang »

Es gibt Abende in der Villa Sturmfang, da scheint das Feuer leiser zu knistern und der Wind sich selbst zur Ruhe zu mahnen. Abende, an denen die Geschichten nicht mit Worten erzählt werden, sondern mit Händen.

Seit einiger Zeit übe ich mit Frau Mirkow Zeichensprache. Ein Versuch, die Brücke zwischen unseren Welten ein wenig kürzer zu schlagen. Anfangs war ich, gelinde gesagt, eine Katastrophe. Ich verzeichnete mich in einem fort – zeigte statt „Guten Abend“ eher „Tanzende Katze“ oder „Dach fällt ein“. Frau Mirkow nahm es mit bewundernswerter Geduld. Sie nutzte extra langsame, klare Handzeichen, fast wie eine Malerin, die weiß, dass der Pinsel in ungeschickten Händen liegt.

Und ich? Ich starrte auf ihre Hände wie ein Schüler auf seine erste Harfe, der noch nicht weiß, welcher Ton auf welchem Faden wohnt. Manchmal verstand ich sofort, manchmal glaubte ich, sie hätte mir ein uraltes Rätsel aufgegeben, das selbst die Weisen von Berchgard verwirren würde. Trotzdem übte ich. Abend für Abend. Fehler für Fehler. Lächeln für Lächeln.

Nach einigen Wochen nun... einfache Sätze bekomme ich schon hin. Kein großes Lied, keine feinen Verse, aber kleine ehrliche Botschaften. „Wie geht es dir?“ „Ich habe eine Idee.“ „Komm, schau dir das an.“
Und wenn Frau Mirkow Rücksicht nimmt, ihre Hände bremst, die Bewegungen flüssig und langsam wie ein Bach in der Abendsonne fließen lässt, dann verstehe ich sogar ganze Gedanken.

Es ist seltsam schön, auf diese Weise zu lernen. Nicht über Hast oder Ehrgeiz, sondern über Geduld, Freundlichkeit – und die Bereitschaft, sich selbst ein wenig auf die Schippe zu nehmen.

Manchmal denke ich: Vielleicht gelingt es mir eines Tages, ein ganzes Lied in Zeichensprache zu erzählen. Kein Ton, kein Klang – nur Hände, die tanzen und sprechen, und Augen, die hören.

Und sollte ich mich dabei wieder einmal verzeichnen...
Nun, dann wird eben aus einem Liebeslied hoffentlich nur ein Ruf nach Bier.
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