Der Tag war noch jung, verborgen in der Umarmung der Steinwände, die die kühle Luft wie ein altes Versprechen hielten. In der Dämmerung eines kellerartigen Raums, wo das Licht sich schüchtern an den Rändern der Holzbalken sammelte, öffnete Ragai langsam die Augen. Das Bett, in dem sie lag, war aus rohem Stein, bedeckt mit grobem Stoff und wärmenden Decken. Kein Ort für Eitelkeit, doch ein Ort, an dem Nähe zählte. Der Platz neben ihr war leer, doch nicht ohne Spur.
Ein feiner Duft hing in der Luft. Warm, blumig, mit einer Note von Nachtschatten und Lavendel. Er führte sie mit sanfter Hand zu zwei Gegenständen, die sorgsam auf einem gefalteten Tuch lagen. Eine filigrane Parfümflasche, deren Glas das erste Licht einfing wie ein Tropfen Bernstein und daneben eine frische Myrthenblüte, ihre weißen Blütenblätter unversehrt, wie eben erst gepflückt.
Sie setzte sich auf, barfuß auf dem kalten Boden, streckte die Hand nach dem Geschenk aus. Keine Botschaft. Kein Zettel. Aber es war seine Sprache, eine stumme Geste, voller Gefühl. Arno.
Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Es war klein, aber echt. Sie roch am Flakon, ließ sich den Duft über die Haut legen wie einen Schleier. Trug ein schlichtes Kleid, band sich das Haar zurück und steckte sich die Blüte so ins Haar, dass sie sichtbar, aber nicht aufdringlich war. Ein heimliches Zeichen. Vielleicht nur für ihn.
Arno war fort. Wahrscheinlich schon früh gegangen, leise wie immer. Doch Ragai nahm es ihm nicht übel. Es war seine Art. Stattdessen schulterte sie einen Korb und machte sich auf den Weg. Wenn das Herz schweigt, sprechen die Hände und ihre fanden sich bald im Dickicht des Waldes wieder, zwischen feuchtem Moos und schattigen Pilzkolonien. Der Atem der Bäume beruhigte sie. Die Welt hatte dort draußen keinen Platz, nur der Wald, sie und in ihren Gedanken: Arno.
Stunden später stieg sie aus der Kutsche in Bajard. Der Geruch von Fisch, Stall und Stadtmauer lag in der Luft. Ihre Stiefel waren erdig, der Korb gut gefüllt. Und dann sah sie ihn.
Er stand einfach da, wie zufällig, wie bestellt vom Tag selbst.
„Huh“, sagte er nur. Und das reichte.
Sie blickte ihn an. Ihre Augen, so still wie klare Seen, fanden seine mit einem warmen Funkeln. Er lächelte, schief wie immer.
„Was für ein Zufall“, sagte er. Und doch, keiner von ihnen glaubte daran.
Sie trat näher, ohne ein Wort. Zeigte auf die Blüte in ihrem Haar, dann mit einer zarten Bewegung auf sich.
Ich habe beides auf dem Bett gefunden, erklärten ihre Finger, ohne dass ein Ton ihre Lippen verließ.
Er musterte sie, seine Augen verweilten.
„Oh! Das ist schön.“ Und er meinte nicht nur die Blüte.
Die Berührung war unausweichlich. Sie trat an ihn heran, küsste ihn, vorsichtig zuerst, doch mit jenem Vertrauen, das zwischen ihnen wie eine Brücke stand. Seine Hand fand ihren Kragen, zog sie näher. Der Kuss war still und doch voller Worte. Als hätte er auf genau diesen Moment gewartet.
Ihre Hand, duftend nach Wald und Wildblumen, glitt an seine Wange. Er schloss kurz die Augen, lehnte sich in ihre Berührung, als sei sie der Ort, an dem er ankommen wollte.
„Warst du gerade unterwegs?“ fragte er leise.
Sie schüttelte den Kopf, lächelte stumm.
Und du?
„Ich wollte nach Hause – zu dir“, erwiderte er, fast verlegen.
„Aber... das Pferd hat heute mehr Wasser gesehen als Fisch. Lief nicht gut.“
Sie blickte ihn mitfühlend an, ihre Finger zeichneten eine kleine, tröstende Geste in die Luft.
Morgen wird besser.
„Ja“, sagte er und nickte, als hätte sie ihn tatsächlich überredet.
„Wird’s.“
Er fragte, ob sie gut geschlafen hatte, und sie antwortete mit einer Mischung aus Gesten und leisen Worten.
Ich bekomme Kopfschmerzen, wenn ich zu viel spreche. Ich habe gestern wohl wieder zu viel geübt.
„Du übst?“ Er hob überrascht die Brauen.
Sie nickte. Ein leiser Laut kam über ihre Lippen.
„Ich muss das Maß finden. Sonst wird es schlimm.“
Er schwieg einen Moment, dann legte er eine Hand über ihre.
„Ich schau mal... vielleicht kann ich etwas für dich tun.“
Das Gespräch verfloss in anderen Dingen. Ein Besuch bei Lucius, der ihr mit Kräutern half. Ein kurzer Handel. Neue Bekanntschaften, wie Phiala, eine angehende Feinschmiedin, deren Hände vorsichtig Ragais Kette reparierten. Arno und Ragai handelten Tränke gegen Fläschchen, boten Hilfe an und lernten, dass Vertrauen sich auch in kleinen Gesten zeigt.
Doch als der Tag sich dem Ende neigte, fanden sie sich wieder in ihrem Heim ein. Der Keller, kühl und schlicht, war kein Ort für große Worte, aber für Nähe.
Dort, in der flackernden Dunkelheit, nahm sie seine Hand, zog ihn zu sich. Ihre Lippen fanden seine, leidenschaftlicher nun, und seine Hände umfassten sie, fest, sicher, wie jemand, der nichts festhält, sondern einfach bleibt.
Sie legte die Stirn gegen seine Brust, lauschte seinem Herzschlag. In der Stille sprach er.
„Wie konnte ich nur so lange ohne dich…“
Und sie lächelte, jenes Lächeln, das nur ihm gehörte.
Was folgte, war kein Spiel. Kein Tanz. Es war einfach das, was geschieht, wenn zwei sich in einem Raum wiederfinden, den nur sie verstehen. Ihre Körper fanden zueinander, wie sie es taten, seit sie sich kannten – manchmal stürmisch, manchmal tastend, doch immer ehrlich. Und als sie später unter den Decken lagen, einander zugewandt, seine Haut warm an ihrer, ihr Knie über seinen Beinen, da war nichts mehr zwischen ihnen als Atem und Herzschlag.
„Das wird eine Nacht…“, murmelte er mit einem Schmunzeln, das mehr versprach als Müdigkeit.
„Du machst es mir nicht leicht, mein Herz…“
Und sie antwortete mit einer letzten Geste.
Du mir auch nicht.
Dann wurde es still. Nur das Flackern einer Lampe, das kaum Licht, aber viel Wärme spendete. Ihre Hand auf seinem Oberschenkel, seine an ihrer Taille. Zwei Menschen, fern von Glanz, aber ganz nah am Wesentlichen. Und über ihnen, fast vergessen, duftete noch immer ein Hauch von Myrthenblüte.