Verfasst: Donnerstag 24. Juli 2014, 16:38
- Ich schlief und träumte, das Leben wäre Freude.
Ich erwachte und sah, das Leben war Pflicht.
Ich handelte, und siehe, die Pflicht war Freude.
Rabindranath Tagore
Als er vor über einem Jahr hier ankam, hatte er kein Geld, verschlissene Kleidung, sein vom Seewasser rostig gewordenes Entermesser und ... seinen Hut. Er war ihm lieb und teuer geworden, denn er war damals eines der wenigen Stücke den er sich durch ehrliche Arbeit hatte leisten können. Monate lang war er ziellos auf der Insel herumgestreunt. Er hatte Schiff und Kapitän verloren, war gestrandet und der Rum, dessen Beschaffung eine tägliche Herausforderung war, tat sein übriges zu dieser Tatenlosigkeit. Dann und wann konnte er sich bei Fann in der Hafentaverne aushalten lassen oder mit Würfelspiel ein paar wenige Münzen gewinnen, die sogleich in die nächste Flasche Rum investiert wurden.
Nach vielen Monaten, in denen er dem verhungern beinahe näher gewesen war als dem Leben, hörte er vom Ruf Kapitän Perera's, der die Mannschaft für sein Schiff, die Toro de la Muerte, aufstocken wollte. Er hatte viel über dieses Schiff und noch viel mehr über den Kapitän gehört. Dinge, die ihn Monatelang daran hinderten auch nur darüber nachzudenken, sein altes Leben wieder aufzunehmen. Doch was stand ihm nun bevor? Verhungern im Hafenviertel Rahals. Es konnte nicht schaden, sich jenes Schiff, jenen Kapitän zumindest einmal anzusehen.
Es waren viele Wochen seitdem vergangen und er spürte den Schnitt in seiner Hand immernoch, den der Kapitän persönlich setzte. Und er erinnerte sich sehr gut daran, dass er mit seinem Blut auf dem Schiff anheuerte. Als man ihn fragte warum, war die Antwort eine leichte. Alles war besser als zu verhungern. Als man ihn fragte, wie er dem Schiff von Nutzen sein konnte, antwortete er wahrheitsgetreu dass er früher Soldat war, lange Jahre, bevor er fahnenflüchtig wurde und sein neues Leben begann. Seither war er stets an Bord eines Schiffes gewesen und hatte gelernt, darauf zu kämpfen. Nun würde er es für die Toro tun, zehn Jahre lang, falls er so lange überlebte.
Vieles hatte sich seitdem verändert. Beinahe alles. Er war zu einem Teil der Mannschaft geworden, die verschworen war und einen starken Zusammenhalt besaß. Von einem Tag auf den anderen war er satt, er besaß Kleidung, Ausrüstung, Waffen. Sie ließen einen nicht im Stich. So wenig er die meisten von ihnen kannte, waren sie wie eine Familie für ihn geworden. Vor allem Delancy, Yvette, Fernandez, an deren Anwesenheit und Gesellschaft er sich gewöhnt hatte und sie sehr schätzte. Das Feldlager in dem Jean erwachte war der erste wirkliche Auftrag den er als Teil der Mannschaft erhalten hatte und ohne es zu merken, hatte er sich mit voller Kraft an selbige begeben. Es war ihm nicht genug, einfach nur dort zu sein.
Es hatte viele Kämpfe gegeben. Verwundungen. Auch er war von einem Elfen in vollem Galopp erwischt worden, als sie sich durch den südlichen Eingang nach Schwingenstein hineingeschlagen hatten. Er erinnerte sich gut an den Moment, ebenso an jenen, als er gemeinsam mit Sebastiano die Palisaden des Feindes mit Sturmleitern überwunden hatte. Dieses Feldlager hatte ihm seinen Lebensmut zurückgegeben. Diese Mannschaft ebenso. Sebastiano erwies sich im Lager als fähiger Anführer. Er hatte einen ruhigen und besonnenen Charakter und konnte doch von einer Sekunde auf die andere entflammen, wie er es in der Schlacht beobachtet hatte. Er hatte die seltsame Gabe, die Mannschaft vor Ort zusammen zu halten ohne bei jeder Kleinigkeit einschreiten zu müssen oder zu wollen.
Diese Mannschaft war besonders. Jeder von ihnen wusste, was seine Pflicht ist. Wenn es um Freiwillige ging, waren sie stets unter den Ersten die sich meldeten. Wenn es um Befehle ging, führten sie sie aus. Wenn es in die Schlacht ging, waren sie stets in der ersten Reihe. Der Feind behauptete oft und ausgiebig, es wäre eine Gemeinschaft versoffener Vebrecher denen man nicht vertrauen könne. Aye, versoffen waren sie. Vertrauen sollte man ihnen vermutlich auch nicht. Und doch waren sie eine Gefahr, die man nicht unterschätzen sollte. Sie wussten, was es bedeutet Befehle auszuführen. Sie wussten, dass jeder seinen Teil beitragen musste, nicht erzwungen, sondern freiwillig. Es war ihrer aller Entscheidung gewesen.
Jeder von ihnen genoss ebenso die Freiheit, abseits der Befehle. Yvette hatte ihr Rauschkraut, dessen flüchtiges einatmen Jean bereits in einen Zustand nahe dem Delirium verfrachtete. Viele andere waren den Tag über durchweg angetrunken und doch nicht unfähig zu tun, was getan werden musste. Das Wachehalten vor den Toren wurde sich oft mit Würfelspiel oder Wetten vertrieben bei denen größere Summen den Besitzer wechselten. Jenes Würfelspiel bei dem Jean auch sein Geld verloren ... und doch bei den Wetten umso mehr gewonnen hatte. Er schmunzelte unter seinem alten Hut als er darüber nachdachte. War es Schicksal das ihn hier her geführt hatte? Zufall? Die Antwort auf diese Frage blieb im Verborgenen.
Eine Weile kreisten seine Gedanken unwillkürlich, unkontrolliert, der Blick starr auf das Innere des Hutes gerichtet, bevor er die Augen schloss und seine Lippen sich tonlos bewegten, einen stillen Namen formten.
Schließlich hob er den Hut von seinem Gesicht als er vom Bett aufstand und ihn sich ordentlich aufsetzte. Dazen machte ganz ordentliche Arbeit als Anführer des Lagers. Auch wenn es hier und dort zu Streit kam, war das nichts schlechtes. Im Gegenteil. Er kannte es zu gut, die Spannung vor einem Kampf. Und es war gut, dass sie da war. Sie würde in der nächsten Schlacht noch nützlich werden.
Einen Moment lauschte er noch den Geräuschen vor dem Zelt ehe er die Zeltplane zur Seite schlug und hinaus ins Licht trat, wo er das rege Treiben im Lager beobachtete und ihm mit einem Schmunzeln wieder jene bekannten Worte über die Lippen kamen. "Bonsoir, mes amis!".
Es war gut, hier zu sein.