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Verfasst: Samstag 24. Mai 2014, 02:42
von Gast
Seine rechte Hand griff zur Seite, nach dem Handgelenk der kleinen Frau, und zog sie etwas näher zu sich. Sie war bereits so erschöpft, er wusste gar nicht, ob sie ihn noch realisierte. In seinen Kopf ratterten diverse Gedanken. Er wollte eigentlich nicht wissen was sie tat, wer was mit ihr tat oder was sie tun musste und doch sah er sie jedes Mal nach Hause kommen und hätte es ihr am liebsten verboten.
Zwar waren die, für die sie einstand, in gewisser Weise Verbündete des alatarischen Reiches, doch waren ihre Methoden recht fragwürdig. Besonders für einen wie ihn, einen Bauernjungen dem zwar der Glaube Alatars nahe gebracht wurde, aber die Schattenseiten fernab seines Blickes lagen. An manchen Tagen fragte er sich gar, ob das wirklich der Weg sein sollte, den er gehen könnte. Zwar schaffte sein Bruder es, stieg auf und machte die Mutter vermutlich stolz, aber wollte er ebenfalls in solch Fußstapfen treten? Die Erwartungen in ihn waren nicht sonderlich hoch, so gab es für ihn auch keinen großen Ansporn.
Er beugte sich kurz zur Seite hin, drückte der schlafenden Gestalt neben sich einen Kuss auf die Stirn und befasste sich dann wieder damit, an die Decke zu starren. Zufrieden war er nicht, aber der große Kerl konnte nicht wirklich definieren, ob das nun an dem Zustand des Wesens neben ihm lag, oder an seiner eigenen Lage. Und er konnte nicht einmal zu seinem Bruder gehen, um Rat fragen oder dergleichen, denn den Spott und all das, was er ihm zukommen ließ, der brachte ihn noch mehr zu würgen als seine derzeitige Situation.
So vergingen die Stunden, in denen er einfach nur da lag, wach, hellwach und versuchte irgendeinen festen Weg zu finden, der ihn nicht gänzlich aus der Bahn werfen würde. Er wusste allerdings, dass nur der Schutz Mairis nicht das sein sollte, was ihm am Leben erhielt. In wie weit er aus der Erkenntnis was wachsen ließ, blieb aber noch offen. Denn als die Sonne die ersten Strahlen in das Haus warf, befasste er sich erst einmal wieder damit, Stunden durch das alatarische Reich zu laufen und zumindest eines standhaft konstant zu halten: Ausdauer und Kraft.
- Somit halte ich meinen Kopf hoch
verstecke den Hass, der in mir brennt
welcher nur ihren egoistischen Stolz antreibt
Verfasst: Dienstag 10. Juni 2014, 17:42
von Gast
In der letzten Nacht schlich ich mich doch nach hause. Und auch wenn ich nicht mit ihm reden konnte, musste ich ihn zumindest noch einmal sehen. Vielleicht war es das letzte Mal, aber diesen Gedanken verschloss ich schnell irgendwo, wo ich ihn nicht so schnell wieder ausgraben konnte.
Am diesem Morgen würde er ein Zettelchen auf dem Kissen neben sich finden
Mein Garvin,
es ist die letzte Nacht, in der ich nicht hier bin, wo ich hingehöre. Ab morgen musst du meine Anwesenheit und meine furchtbaren Kochkünste wieder ertragen, stell dich schonmal drauf ein!
Und außerdem vermiss ich dich.
Dein Mädchen
Verfasst: Mittwoch 11. Juni 2014, 17:13
von Gast
In der Erinnerung gibt es keine Grenzen; nur im Vergessen liegt eine Kluft, unüberwindlich für eure Stimme und euer Auge. (Khalil Gibran)
Lange noch starrte ich auf die Stelle, an der er verschwommen und dann verschwunden war. Die Brüder und Schwestern waren längst weg, doch ich wollte mich nicht so recht fortbewegen. Erst nach einer Weile des Starrens erhob ich mich. Ich hatte eine neue Stärke erhalten, doch wollte mein Geist das nicht so recht begreifen. Ich beschäftigte mich damit und nutzte das ein oder andere, um die Grabkammer von den Überresten des letzten Abends zu befreien. Dabei erlaubte ich mir allerdings kaum, darüber nachzudenken, was ich eigentlich tat, als ich die leblosen Körper fortzerrte und letztendlich den Boden säuberte.
Es dauerte Stunden, bis ich die Maske, die an diesem Abend das ein oder andere Mal gebröckelt, aber nie gerissen war, ablegte und das tat ich nicht in der Grabkammer, dort wo er zum vorerst letzten Mal gestanden hatte, dort wo der Zwiespalt der Diener am letzten Abend nur allzu deutlich war.
Ich tat es dort, wo ich ihm zum ersten Mal begegnet war, wo er mir diese unendliche und unsagbar traurige Leere gezeigt hatte, die ihm durch die Alben auferlegt wurde und wo er mein Vertrauen im Nu erlangt hatte. Der ältere Bruder hatte mich naiv genannt, der andere gefühlsduselig. Was sie nicht verstanden, war aber, dass ich keines von beidem war. Auch wenn ich lange selbst geglaubt hatte, dass mein Mitgefühl mich schwächer machte, so war es doch meine Stärke. Amagar hatte mich genau das gelehrt und ich hatte nicht vor, seine Worte oder ihn jemals zu vergessen. Sein Abschied hatte jeglichen Zweifel ausgelöscht, es war kein Abschied für immer und so konnte ich loslassen für jetzt. Ihn, der nicht mein Geliebter, sondern mein Bruder war, dem ich ohne zu Zögern all mein Vertrauen erneut entgegenbringen würde. Mein Bruder, den ich irgendwann in einer anderen Zeit wiedersehen würde und für den ich eine Möglichkeit finden würde, seine Verfolger von ihrer Jagd abzubringen. Nicht jetzt, aber irgendwann.
Der Schrat. Der Silen. Der Blutbrecher. Die weiße Frau, Cliodhna. Ich meißelte die Namen fest in mein Gedächtnis.
Und dann ließ ich es zu, allein in der Höhle inmitten der Statuen, zu fühlen. Den Verlust. Den Betrug. Den Tod. Die Sorge. Und die Hoffnung. Und ich weinte, bis ich keine Tränen mehr hatte.
Erst der kühle Luftzug, den die Morgendämmerung mit sich brachte und der mich so sehr an Amagar erinnerte, löste mich aus meiner Starre. Wer war wohl tatsächlich stärker? Derjenige ohne Emotionen, der Kalte, der tat, was er tat, weil er eben nichts spürte? Oder derjenige, der es zuließ in vollem Maße zu fühlen und es dennoch tat?
Nur die Zeit konnte diese Frage beantworten und ich nahm mir vor, mich nicht länger damit zu beschäftigen. Im Grunde sollte es mir auch egal sein. Solange ich Ihm diente. Solange Er mit mir zufrieden war und mir Seine Gunst gewährte. Solange ich nicht werden musste, wie meine Geschwister hier und nicht vergaß, was einige Dinge bedeuteten. Solange ich ich bleiben konnte und so oft es ging einfach heim kehren konnte – zu meinem Leben, zu meinem Garvin.
Und genau das tat ich auch. Ich wählte bewusst den Weg, den ich ging, machte mich auf Richtung Bajard und ignorierte alle Abkürzungen. Auch wenn die letzten Tage an meinen Kräften gezehrt und mich ausgelaugt hatten, tat es gut, einfach zu gehen. Ganz bewusst hielt ich an einer Stelle an. Hier in etwa war mir jemand anderes zum ersten Mal begegnet. Ich erinnerte mich noch, dass ich ihn einfach eine Weile lang angeschaut hatte und wie sehr es mich geärgert hatte, als er behauptete, ich hätte mich verlaufen.
Und dann ging ich weiter bis nach Düstersee bis zum Wasser, in das ich damals, völlig berechtigt, befördert wurde. Und weiter, an der Bibliothek vorbei, die mich auch heute noch in Staunen versetzte und in der er mich das erste Mal geküsst hatte.
Damals, auf dem Weg von Bajard nach Düstersee, in der Taverne, im Wasser war ich noch nicht Seine Dienerin, auch wenn mein Weg längst unter Seinen Schwingen vor mir lag.
Später dann, in der Bibliothek, war ich bereits eine von ihnen. Hätte ich ihm damals etwas antun können, wenn es jemand verlangt hätte? Hätte ich ihn geopfert, wenn mein Bruder, der mir damals viel zu nahe stand, dessen Namen ich noch heute auf meinem Bürgerbrief trug und der mich doch hintergangen hatte, es verlangt hätte? Ich wusste keine Antwort darauf, wie ich damals gehandelt hätte. Ich wusste sie allerdings heute, als ich die Haustür leise aufschob.
Er hatte sich damals in mich verliebt, als ich keine Dienerin war. Er war jetzt noch da, obwohl er wusste, auf welchen Weg ich verdammt war. Manchmal konnte ich ihm die Zweifel und auch die Sorge ansehen und fragte mich, ob es egoistisch war, zu bleiben. Vielleicht. Vielleicht war das aber auch der beste und sicherste Weg, über ihn zu wachen. Aufzupassen. Und ihn vor den schlimmen Dingen dieser Welt, Alben, Dämonen, Seelenfängern, zu beschützen.
Ich verstand nicht viel von solchen Dingen, wie Liebe oder Beziehungen. Aber ich wusste, dass ich immernoch das Mädchen war, das nicht zugeben wollte, sich verlaufen zu haben. Und mir blieb nur zu hoffen, dass er das auch sah.
Verfasst: Montag 21. Juli 2014, 09:32
von Gast
In den frühen Morgenstunden schlich ich mich aus dem Lager und begab mich nach Rahal. Es wurmte mich ein wenig, dass ich Garvin wieder einmal verpasst hatte, im Großen und Ganzen war das aber doch besser so. Er hätte mich wahrscheinlich nicht ohne weiteres zum Lager zurückkehren lassen. So hinterließ ich ihm eine große Portion Kuchen auf dem Tisch und ein Zettelchen auf dem Kopfkissen.
He mein Brummelchen!
Ich bin nur kurz hier und kehre gleich zum Lager zurück. Bisher haben alle die Angriffe überlebt, ein paar Verletzte gibt's und die Stimmung schwankt immer wieder. Piraten sind irgendwie lustig - und ich weiß jetzt, wie Kanonen funktionieren. Ein bisschen.
Ich hatte einen... Pfeile sind doof.
Mir geht's gut. Hatte nur... Hab nur ein paar Kratzer.
Dein Mädchen
PS: Dazen geht's auch gut.
Verfasst: Freitag 25. Juli 2014, 23:16
von Gast
Die Belagerung hatte mich fest im Griff und mit ihr zusammen die Verletzung. Dennoch konnte ich noch nicht vom dem ablassen, was ich mir fest in den sturen Kopf gesetzt hatte – und ich glaubte immer mehr daran, ein Wort dafür gefunden zu haben, warum ich das Ziel weiter verfolgte: Familie. Auch wenn nicht das gleiche Blut durch unsere Adern floss, wir waren über jemanden (meinen Fels in der Brandung) verbunden. Der Ritter selbst würde wohl nicht einmal im entferntesten auf den Gedanken kommen, meinen Namen in dieser Hinsicht zu nennen, das änderte allerdings nichts an meiner Sicht der Dinge.
Ich lernte also, auch mit ganz vielen anderen im Lager umzugehen, Rittern, Templern, Heilern, Piraten. Die letzteren fand ich von Tag zu Tag besser, war es nun ein Delancy, der mit seiner manchmal doch beinahe zu charmanten Art immer ein aufmunterndes Wort fand (selbst wenn er gerade die Rückansicht der Ritterin beurteilte) oder ein Bartos mit Mistgabel, der fest darauf bestand, er sei Paul, der Bandit und der dann doch von Yvette niedergemäht wurde.
Natürlich gefiel mir auch das immer wieder zahlreiche Auftreten der Raben. Die 'Geschwister' um mich zu haben, bestärkte mich. Zwar beobachtete ich mit einem gewissen Zwiespalt die Jüngeren – niemals hätte ich jemandem diesen Weg 'gegönnt', andererseits bedeutet es wiederum eine Stärkung der Gemeinschaft an sich – aber sie machten sich zum Teil ganz gut.
Mit meiner Verletzung und den damit einhergehenden Schmerzen arrangierte ich mich weitestgehend, selbst mit meinem Auge, das mittlerweile ein Farbspektrum von gelb bis dunkellila bot. Ich fieberte ein wenig, das war allerdings nichts, was mich von den Beinen holte – bisher. Garvin hätte wahrscheinlich schon bei meinem bloßen Anblick die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen und mir wahrscheinlich ernsthaft verboten, das Haus für die nächsten Wochen zu verlassen. Hmh – den Gedanken fand ich dann doch gar nicht so schlimm. Ich vermisste ihn in den letzten Tagen furchtbar (vor allem als Dazen mal wieder die 'faule Bruder' Nummer auspackte) und ein wenig von ihm betüddelt zu werden, würde mir unheimlich gut tun.
Gut war allerdings auch, dass ich noch nicht aufgab und den Lehrstunden beiwohnte, die der Wanderer für die Frischlinge vorbereitet hatte. Ich wusste noch nicht so recht, was ich von jenen halten sollte, aber im Endeffekt war das auch egal, solange sie im Ernstfalle so funktionierten, wie sie sollten. Es gab ja selbst unter den „Älteren“ den ein oder anderen, den man mehr mochte oder eben weniger. Wobei sich die Abneigung – gemischt mit einer Prise Hass – bei mir nur auf einen beschränkte, wenn man die verschollenen oder längst toten Brüder mitrechnete, vielleicht auf zwei. Wie auch immer – im Ernstfall waren die persönlichen Vorlieben egal.
Die Lehrstunden besuchte ich auch, obwohl ich einen großen Teil des Inhalts bereits kannte, weil ich der Meinung war, dass man je öfter man etwas hörte, es umso besser verstand und vielleicht noch viel mehr daraus ziehen konnte, als beim ersten Mal. Der Wanderer überraschte auch immer wieder mit neuen Aufgaben – und das war lehrreicher als manche Worte.
Wieviel Kraft ich eigentlich hatte, war mir auch nach den paar Wochen noch nicht vollends klar und es überraschte mich selbst manchmal ein wenig. Den Suchenden zu schützen, während die Lakaien ihre ganz eigene Macht testeten, sollte also zu meiner Aufgabe werden. Ich hatte selbst keinen Schimmer, dass der Wanderer mich in die Lehrstunde einbeziehen würde und war demnach auch ein wenig überrumpelt. Vor den Lakaien allerdings konnte und vor allem wollte ich mir das jedoch nicht anmerken lassen. Ich hatte so etwas selbst nie zuvor getan und musste schnell schalten. Der logischste und sicherste Weg war die schlichte Verbindung durch Blut und auch wenn ich es hasste, mir zum geschätzt fünfundachtzigsten Mal die Hand aufzuschneiden, tat ich es doch.
Der Schutz hielt stand, auch wenn die Kleinigkeit (oder auch Großigkeit, je nachdem, wie man es nun sehen wollte), die die Lakaien vergessen hatten, ihre Absichten in die falsche Richtung lenkten und damit ordentlich an meiner Kraft zehrten. Wahrscheinlich hätte ich allein durch meine von der Belagerung in Mitleidenschaft gezogene Verfassung recht bald aufgeben müssen (was mit komplett widerstrebte, weil ich damit wahrscheinlich sogar den Suchenden indirekt auf dem Gewissen gehabt hätte). Glücklicherweise waren die Kräfte der beiden Lakaien aber vorher am Ende.
Was mich jedoch nicht wenig überraschte, war die Tatsache, dass auch meine eigentlich als Schutz gedachte Verbindung zum Suchenden sich während des Rituals wandelte – oder eher für mich plötzlich mehr brachte, als ich erwartet hatte. Ich schützte ihn nicht nur, indem ich ihm einen kleinen Teil meiner Kraft zukommen ließ über die Verbindung, ich war mir ab einem Punkt recht sicher, dass ich seine Seele an Ort und Stelle hielt. Es war kräfteraubend, aber es keimte auch mal wieder eine Idee in meinen Gedanken. Wenn ich sie an Ort und Stelle halten konnte, konnte ich auch jede Menge anderen Unfug damit anstellen. Ich war nicht so grausam, es sofort auszuprobieren. Es lag einfach nicht in meiner Natur, Menschen weh zu tun – und soweit ich das beurteilen konnte bis dahin, waren Spielereien mit der Seele durchaus schmerzhaft. Und allein das Wissen, dass ich es könnte, reichte mit an diesem Punkt.
Ganz unbewusst wanderten meine Gedanken wieder einmal zu Amagar. Die Erinnerung an ihn und seine Worte hatten mir auch an diesem Abend wieder Halt gegeben und ich wunderte mich, dass eine schlichte Handbewegung, die für mich unweigerlich mit dem Gedanken an Amagar verknüpft war, so etwas ausrichten konnte. Ich gewöhnte mich ganz langsam daran, dass ich eben bei jeder dieser schlichten Bewegungen nichts spürte, als die Luft, durch die meine Finger strichen, aber so ein kleines Fünkchen Hoffnung blieb doch, dass ich irgendwann wieder den schemenhafte Nebel mit den Fingerspitzen durchkämmte, selbst wenn er das mit sich brachte, was ich damals gespürt hatte. Ich fragte mich erst gar nicht, weshalb es immer wieder auf ihn hinauslief. Es war auch noch gar nicht die Zeit dafür. So setzte ich dennoch brav meine Maske wieder auf, vor allem dann, wenn mir der ungeliebte Bruder wieder einmal über den Weg lief oder die zu Lehrenden einfach nicht verstanden, was sie übersahen. Ich würde keine Position unter den Dienern einnehmen, die ich notfalls mit Gewalt verteidigen musste. Ich forderte auch nicht übermäßigen Respekt von den Jüngeren. Es reichte mir, wenn sie sich mir gegenüber normal verhielten und das taten, was sie eben tun mussten.
Ich hatte mein Zuhause, unsere vier Wände, um die Maskerade fallen zu lassen.
Ich würde noch einmal im Lager vorbeischauen, noch einmal nach Dazen sehen, ihm vielleicht ganz unauffällig den ein oder anderen Ärger nehmen und dann doch mein Ziel ein wenig verlagern. Das Ritual hatte so viel meiner Kraft gekostet, dass ich so fiebrig und verletzt zudem, niemandem dort diente. Und ja, manchmal musste man auch einfach seiner Schwäche nachgeben und die Kontrolle jemand anderem überlassen – in meinem Fall dann Garvin, der mich schlafend in einem Zustand in unserem Bett finden würde, bei dem er wahrscheinlich wieder eine Miene ziehen würde, wie der Brummelteddy, den ich fest im Arm hielt bis er bei mir wäre.
Verfasst: Mittwoch 20. August 2014, 18:32
von Gast
Being deeply loved by someone gives you strength, while loving someone deeply gives you courage.
(Lao Tzu)
Meine Wunden waren weitestgehend geheilt und die Belagerung war vorbei. Ab und an ziepte die frische Narbe an meinem Oberschenkel noch, aber das war nichts, was mich beeinträchtigte. Die letzten Wochen hatte ich mich sehr zurückgezogen, was nicht nur an dem Fieber lag, das mich die erste Zeit geplagt hatte. Ich konnte einfach besser nachdenken, wenn ich nicht unter Menschen war und mich auch so vollends auskurieren. Garvin hatte ich in den Wochen vor und nach der Belagerung viel zu selten zu Gesicht bekommen. Aber das Training in den Wäldern schien ihm gut zu tun und so teilte ich ihm nicht noch öfter, als nötig war, mit, dass ich ihn vermisste. Natürlich nagte immer mal wieder der Gedanke an mir, dass er sich vielleicht von mir entfernte - ein Gedanke, den ich die meiste Zeit ganz schnell beiseite schob.
Immerhin hatten sich meine Kochkünste etwas verbessert in der freien Zeit nach der Belagerung und ich nahm mir vor, meinem Garvin mal wieder ein ordentliches Mahl zu zaubern. Lustigerweise erinnerte ich mich daran, dass genau so etwas auch in diesem grandiosen Buch "Das gute Eheweib" oder so ähnlich stand. Das versetzte mir dann doch ein Schmunzeln und ich machte mich an die Arbeit. Liebe ging ja bekanntlich durch den Magen. Ich war noch nicht einmal ansatzweise fertig, da schlossen sich seine Arme auch schon um mich. Ich liebte diese Begrüßung und konnte mir nicht vorstellen, dass ich jemals genug davon bekommen würde. Ja, ich war glücklich, das musste ich mir eingestehen und obwohl ich mich bis zu meiner Ankunft in diesen Landen gegen Bindungen gesträubt hatte, musste ich auch zugeben, dass mir diese hier leichter fiel. Natürlich konnte er mich furchtbar verletzen, aber ich vermutete bei ihm nicht, dass er es jeden Moment tun könnte. Deshalb fragte ich mich auch gar nicht, wie lange Glück anhalten könnte und nahm mir einfach vor, es zu genießen. Schließlich hatten wir solche Abende auch viel zu selten.
Allerdings hatte ich auch nicht damit gerechnet, wie sehr ein paar einfache, wenige Worte mich doch aus der Bahn werfen konnten. Ich wusste nicht, ob ich lachen oder heulen sollte - mein Körper übrigens auch nicht, der entschied sich schlichtweg dafür, zu erstarren und meine Gesichtszüge entgleisen zu lassen. Irgendwie versuchte ich noch recht schnell zu überprüfen, ob meine Ohren mir einen Streich gespielt hatten, aber als ich Garvin ansah, sah er so aus, als hätte er das tatsächlich gerade gesagt. Sprachlosigkeit und eine ordentliche Panik überkamen mich für den Moment. Wenn er damit spaßte, würde ich ihn umbringen, definitiv. Oder ihm zumindest weh tun. Sehr.
Und obwohl ich die weiteren Worte, die er mir entegegenbrachte, hörte und auch verstand, dröhnten nur die drei vorhergehenden in meinen Gedanken.
"Heirate mich, Mairi."
Und ehrlichgesagt wusste ich keine Antwort darauf. Mal abgesehen davon, dass es nicht einmal eine Frage war. Wir hatten irgendwann mal ganz nebenbei über dieses Thema gesprochen, aber ich hatte eigentlich erwartet, dass dieser Zeitpunkt noch weit in der Zukunft lag und ich hatte mir bis jetzt bei Garvin nie darüber Gedanken gemacht.
Und doch wusste ich, als ich ihm die Antwort, auf die Nicht-Frage gab und ihn in diesem Moment betrachtete, dass es richtig war. Ich hatte ihn nie so gesehen und ich wusste da immernoch nicht, ob ich lachen oder vor Freude heulen sollte, also hielt ich ihn einfach ganz fest.
Es war spät nachts oder sehr früh am Morgen, als ich erwachte. Ich hatte nicht das Bedürfnis, mich aus dem Bett zu stehlen, im Gegenteil, ich wollte für die nächsten Stunden nicht von seiner Seite weichen. Nachdenken konnte ich auch hier bei ihm. Ich strich ihm kurz einige der verirrten Strähnen aus der Stirn. So richtig konnte ich den Gedanken noch immer nicht fassen, dass ich diesen Mann heiraten würde. Nicht, dass ich es nicht wollte, im Gegenteil. Ich hatte ohnehin vor, den Rest meines Lebens bei ihm zu bleiben. Ich hatte nur schlichtweg nicht damit gerechnet, dass er mich fragen würde. So langsam trieb auch ein längst verdrängter Gedanke wieder an die Oberfläche. Mir hatte schon einmal jemand diese Frage gestellt - damals war es tatsächlich eine Frage - und ich hatte mir, nachdem er weg war, geschworen, den nächsten, der mich fragen würde, höchstpersönlich zu Kra'thor zu befördern. Einen Schwur konnte man aber auch mal brechen, zumindest bei sowas und nunja, wenn man es genau nahm, hatte Garvin auch nicht gefragt, sondern es einfach gefordert. Vielleicht konnte ich deshalb auch doch recht schnell antworten und vielleicht fühlte es sich deshalb nicht ein winziges bisschen falsch an. Natürlich würde mich die Angst, dass er dennoch irendwie gehen würde, nicht ganz verlassen. So war es nun einmal, wenn man liebte, nahm ich an. Man hatte Angst um das, was man verlieren konnte und das war in meinem Fall eine ganze Menge.
Ich hatte keine Ahnung, wie es nun weiterging. Kurz dachte ich darüber nach, Dazen zu fragen, verwarf den Gedanken aber fürs Erste. Ich muss zugeben, ich hatte ein wenig Bammel vor seiner Reaktion und auch davor, dass er etwas für mich so Gutes irgendwie mit ein paar Worten weniger gut machen könnte. Wahrscheinlich war es ohnehin das Beste, ersteinmal mit Garvin darüber zu sprechen. Er hatte das angezettelt, also musste er auch wissen, wie es weiterging!
Verfasst: Mittwoch 20. August 2014, 19:16
von Gast
Als ich am Morgen wieder meine Runden zog, durch den Wald rannte und mir den Übungsplatz der Garde zu nutzen machte, war irgendwas anders. Als wären es nicht meine Beine die laufen würden, nicht meine Lunge die Luft in sich aufnahm und nicht mein Kopf, der so viele Gedanken mit sich trug, dass nicht einmal die Übungen es verschwinden ließen. Ich hatte sie gefragt und ohne Frage, ich war nicht nur durch meinen Willen getrieben, sondern auch durch diese Frau, welche mir doch tatsächlich etwas von Spaß am Leben erzählen wollte und Idealen, die keine mehr wären. Ihre Worte machten mich wütend und zeitgleich fiel ich in eine Art Trance, eine Trance die Männer anscheinend aus machte, oder so ähnlich.
Als ich nämlich gestern Abend nach Hause kam und die Frau in meine Arme zog, die noch was von Idealen verstand, fühlte ich mich am rechten Ort und dann, dann kam es einfach aus mir heraus. Nach einer Mütze Schlaf und dergleichen, warf das Licht natürlich ein ganz anderes Bild auf die Situation. Mein Leben nur noch mit einer Frau teilen? Sie war perfekt, perfekt für mich. Eventuell glaubte ich auch, dass mein Weg es war, auf ihren Weg feste Steinplatten zu legen, damit sie voran kam. Aber Panik hatte ich trotzdem. Sie hatte ja gesagt und ich war glücklich, als ich nicht lange darüber nachgedacht hatte, ja, da war ich glücklich. Nun allerdings..
All das was sie war, hat mich verwirrt, mich einst auch in den Wahnsinn getrieben. Ich wusste zum Beispiel bis Heute noch nicht, was sie da mit ihren Graugerobten so trieb, was man mit ihr trieb, was sie mit Leichen trieb und damit befasste ich mich auch sehr selten. Wenn ich es mal tat, wurde ich wütend und ich hatte Zweifel. Ist das mein Weg? Ich wusste es nicht, ich wusste es noch nie und wenn ich mich so mit meinem Bruder verglich, war das eigentlich alles recht lächerlich. Ich war es.
Als ich wieder Zuhause war, griff ich nach einem Stück Papier, dann nach einer Feder und beginn zu schreiben. Mehrmals, auf hundert Stücke Papier, die nach und nach im Mülleimer landeten, zerknautscht und zerwischt.
[s]
Alatars Segen über Euch, Mutter.
Ich werde heiraten, ich würde Euch das Mädchen gerne vorstellen und auch Vater, Ihr werdet sie schätzen. Doch mehr, mehr kann ich Euch nicht positiv über mich berichten, nur dieses Mädchen, welche mich am Leben hält. Ich weiß Ihr werdet enttäuscht sein, Mutter...[/s]
Und wieder zerknüllte ich das Papier, warf es weg und gab ein Schnaufen von mir. Die Tür knallte, als ich erneut das Weite suchte und mich im Wald beschäftigte.
- Wie lange werde ich dich brauchen?
So lange wie die Jahreszeiten es nötig haben
ihrem Plan zu folgen.
Wie lange werde ich bei dir sein?
So lange wie das Meer unterwegs ist,
Spüle auf dem Sand ab.
Verfasst: Donnerstag 21. August 2014, 18:31
von Gast
Im Schneidersitz saß ich zwischen den vorher zerknautschten und jetzt wieder einigermaßen geglätteten Zetteln. Mir waren die vielen Papierknäuel natürlich aufgefallen und mich hatte die Neugier gepackt, also hatte ich eins nach dem anderen wieder entfaltet und neben mir ausgebreitet. Pünktchen, unsere getigerte Katze, spielte auch ganz aufgeregt mit einem der raschelnden Dinger, während ich mich fragte, ob das hier nicht komplett falsch war. Hatte ich das Recht, das zu lesen? Das meiste waren nur Wortfetzen und eigentlich ergab nur ein Briefchen wirklich Sinn und beinahe jedes Wort darin machte mich traurig. Ich verstand nicht, weshalb er das so sah und seine Worte klangen für mich völlig falsch. Weshalb dachte er selbst so schlecht über sich, wenn ich das Schlechte nicht einmal im Ansatz sehen konnte.
Nach einer ganzen Weile verstaute ich die Papierknäuel allesamt wieder im Mülleimer, was mir einen abschätzigen Blick von Pünktchen einbrachte. Nur das eine angefangene Brieflein behielt ich bei mir.
Ich konnte nicht hinnehmen, dass er selbst nicht zufrieden oder glücklich war, wo doch gerade jetzt die Zeit hätte sein müssen, wo genau das zutreffen sollte. Oder bereute er seine Nicht-Frage schon?
Ich wollte das Beste für ihn und mir war klar, dass ich aus purem Egoismus das Beste schon abschwächte. Nur besaß ich nicht so viel Selbstlosigkeit, um diesen einen Teil seines Lebens zu ändern, den er scheinbar als recht gut ansah. Bei dem anderen Teil aber konnte ich ihn wenigstens unterstützen, auch wenn ich immernoch nicht ganz verstand, weshalb er selbst und auch sein Bruder das als so schlimm ansahen. Vielleicht hatte er seinen Weg noch nicht wieder gefunden, na und? Wenn Kra'thor sich nicht meiner angenommen hätte, würde ich mich wahrscheinlich noch immer auf der Straße durchschlagen mit Gelegenheitsarbeit, die grade genug Gold zum Überleben einbrachte.
Ich war mir, in Gegensatz zu den beiden Brüdern jedoch, absolut sicher, dass auch Garvin seinen Weg finden und dann ebenso konsequent gehen würde, wie Dazen. Die Frage war nur, wie ich ihm dabei helfen konnte, den Weg zu finden.
Bevor ich am Abend nach hause zurückkehrte, suchte ich mir ein lauschiges Plätzchen ganz in der Nähe der kleinen Unterwasserhöhle, die er mir einst gezeigt hatte (die Absicht damals hatte ich nur völlig falsch - oder auch gar nicht - interpretiert und ihm sicher vor den Kopf gestoßen. Ich nahm mir fest vor, das wieder gut zu machen). Kohlestift und Papier hatte ich glücklicherweise in die Tasche gepackt und so begann ich zu schreiben. Was für ein toller Mensch er war, auch wenn er kein Ritter war. Und dass ich wusste, dass er seinen Weg gehen würde und dass sie ebenso stolz auf ihn sein sollten, wie auf Dazen. Und ich schrieb auch von dem Antrag und dass ich stolz und glücklich sei, mein weiteres Leben an der Seite ihres Sohnes verbringen zu dürfen und auch wenn es ungewöhnlich und entgegen jeglicher Tradition war und obwohl ich sie nicht kannte und sie mich nicht, bat ich um ihren Segen.
Ob ich diesen Brief jemals abschicken würde, wusste ich nicht, als ich ihn beendete. Es ging ohnehin kein Weg daran vorbei, mit Garvin selbst darüber zu reden. Nicht nur über seinen weiteren Weg, sondern auch über unseren.
Verfasst: Sonntag 28. September 2014, 11:34
von Gast
Fünf Uhr morgens. FÜNF!
Was hatte ich mir eigentlich dabei gedacht? Nein, was hatte er sich dabei gedacht? Was vorher unproblematisch war, wurde mir nun in einer Tour vor die Füße geknallt. Verbeug dich hier, verneig dich da. Ja, das musste jeder. Aber vorher ging es ja auch ohne. Zumindest bei ihm.
Mein innerer Monolog schwankte immer wieder zwischen jammern und maulen, aber ich hielt die Klappe. Wer wusste schon, was ihm alles berichtet wurde.
Ich hatte mich noch in totaler Dunkelheit aus dem Bett geschlichen, vor dem ersten Hahnenkrähen, vor dem ersten Sonnenstrahl. Aber ich würde einen Scheiß tun und Dazen gewinnen lassen. Da siegte eindeutig die Sturheit. Also stand ich pünktlich – sogar überpünktlich – in der Arscheskälte mit Nieselregen vor dem Haus der Prätorianer und wartete auf die Dinge, die da kämen.
Noch während des Laufens (Wer dachte sich eigentlich so einen Mist aus? Achja, Dazen!) verfluchte ich alles und jeden um mich herum. Immerhin war er selbst nicht da, was wahrscheinlich wirklich das Beste war, weil ich ihm sonst Dinge an den Kopf geworfen hätte, die mir die nächsten Monate das gleiche Drama beschert hätten. Oder aber, viel naheliegender, ich hätte vor lauter Atemlosigkeit und Gekeuche keinen Ton heraus bekommen. So jemanden wünscht man sich doch als Schwager! Fünf Uhr morgens!
Ich hatte keine Ahnung, wie spät es war, als ich völlig fertig nach hause zurück kehrte. An anderen, normaleren Tagen hätte ich um diese Uhrzeit noch geschlummert und ich fand, dass genau das ein grandioser Plan für den restlichen Vormittag war und brezelte mich, so wie ich war, aufs Bett. Sollte er sich ruhig noch mehr solche Schikanen ausdenken, ich würde sie alle überleben.
Insgeheim dämmerte es mir aber, dass er es doch vielleicht gar nicht so schlecht meinte. Immerhin hatte das Ganze einen ordentlichen Lerneffekt.
Am Abend stand ich dann wieder ziemlich pünktlich vor der Reihe von Letharen und schloss mich der Übungseinheit zusammen mit Mio an. Die erste Runde war ich dran und für einen kurzen Moment war ich ratlos. Wie brachte man einen Trupp geordnet von A nach B? Tja, ich warf mit ein paar aufgeschnappten Worten wie Vorhut und Nachhut um mich – und immerhin kamen alle an. Den Rest der Übung war ich dann mit Zuhören beschäftig. Und mit Laufen. Gefühlte dreißig Mal ging es nach Grenzwarth und zurück und ich hatte ohnehin schon den Muskelkater meines Lebens. Dennoch war Durchhalten die Devise und wenn die kleine Mio da mitmachte, musste ich wohl auch.
Ich wusste noch nicht so recht, wo ich das Mädchen einstufen sollte. Ich hatte nicht einmal eine Ahnung, wie alt sie eigentlich war. Ich schätzte irgendwo um die Vierzehn bis Sechzehn. Eigentlich passte ihr Äußeres irgendwie zu dem Weg, den ich beschritt, diese kränkliche Erscheinung, die Augenringe erinnerten mich immer an die erste Zeit, in der mein Weg sich so langsam offenbarte und die Albträume einsetzten. Aber wenn ich sie betrachtete, fühlte ich einfach nichts. Nicht wie bei anderen vor ihr, wo irgendetwas weit entfernt dämmerte und man irgendwann zu dem Schluss kam, denjenigen mal dorthin zu zerren, wo es mehr Aufschluss gäbe, war bei ihr einfach nichts in diese Richtung. Trotzdem beschäftigte sie mich.
Und nach dem Besuch mit ihr in der Bibliothek, beschäftigte mich noch viel mehr diese Fabel, die ich nicht verstanden hatte. Nach den Erinnerungen an Garvin, wie er hier mit mir damals zwischen den Regalen stand, ein Buch in der Hand und ich ihm großmaulig erklärte, dass das Quatsch sei, was da stand, hatte diese Fabel, die ich am Abend gelesen hatte, sich irgendwie festgesetzt. Ich konnte die Lehre darin einfach nicht erkennen und das wurmte mich und ließ mich nicht recht zur Ruhe kommen.
Das wiederum war kein Vorteil, als ich mich am nächsten Morgen wieder in aller Frühe aus dem Bett quälte und mich aufmachte zum Haus der Prätorianer. Den zweiten Tag der Strafe trat ich noch müder und grummliger an, aber ich trat ihn an, auch wenn ich das Gefühl hatte, keinen Fuß mehr vor den anderen setzen zu können. In dieser Hinsicht würde er nicht gewinnen.
Verfasst: Montag 13. Oktober 2014, 15:42
von Gast
Ich hatte den Entschluss gefällt, ohne mit jemandem oder in meinem Falle nur mit Garvin darüber zu reden. Das lag nicht daran, dass mir seine Meinung nicht wichtig war, im Gegenteil, sie bedeutet sehr viel für mich und deshalb gab es hier auch gar kein aber. Ich hatte es getan, weil das ein Schritt auf meinem – und damit unserem – Weg war, den ich glaubte, gehen zu können, denn es war ein Schritt zu mehr Eingliederung und da reichte mir die Taverne, die sich im Umbau befand, schlichtweg nicht aus. Ich brauchte Aufgaben und ich konnte mir gut vorstellen, sie unter Dazen zu erfüllen. Und auch wenn es mir anfangs schwerfiel, mich einem System zu unterwerfen, dass ich erst verstehen lernte, klappte es einigermaßen. Mit den Aufgaben, die Dazen mir auftrug, konnte ich gut leben und die Bedenken, die Garvin dem Ganzen gegenüber trug, konnte ich nachvollziehen, sah sie allerdings auch nicht als Weltuntergang an. Natürlich hatte er ein komisches Gefühl dabei, dass ich auf seine Bruder hören sollte, aber im Endeffekt musste das ohnehin beinahe jeder, sofern Dazen es ausreizen würde. Und das tat er nicht.
Ich musste zugeben, dass er mir in den letzten Wochen immer mehr ans Herz gewachsen war. Die kleinen Foppereien blieben und es gab seltene Momente, in denen eine Seite an ihm durchschien, die, so glaubte ich, nur sehr wenige Menschen zu Gesicht bekamen. Und genau das ließ mich noch mehr zu dieser Familie hinwandern. Familie war etwas, was ich erst kannte, seitdem Garvin in mein Leben getreten war und dass ein großer Bruder noch dazu gehören sollte, war zwar für mich eigenartig, aber ich gewöhnte mich daran und ich empfand es als nichts Schlechtes.
So war es für mich auch – meistens – nicht sonderlich schwer, Dazens Befehlen zu gehorchen. Ich musste besser kämpfen lernen, wenn ich zu dieser Gruppe von Leuten gehören wollte, die mich bei sich aufgenommen hatten – und wenn ich dazu Tanzen lernen musste, dann würde ich auch das tun, widerwillig, aber auch damit würde ich mich abfinden. Natürlich zeigte ich bei den Übungen nur einen kleinen Teil von dem, was ich mir selbst über die letzten Monate beigebracht hatte. Allein schon durch meine Statur war ich den meisten anderen unterlegen, aber ich würde nicht das gegen diese Gemeinschaft, der ich angehörte, einsetzen, was mich ausmachte. Zudem wusste noch immer niemand, welchem Weg ich eigentlich folgte, außer dem einen, und ich dachte, dass das auch durchaus gut so war. Man würde mich mit anderen Augen sehen und das wollte ich nicht.
Also ging ich jeden Morgen noch vor Einbruch der Dämmerung in voller Montur – auch wenn diese meist nur aus Leder bestand – vor die Tore Rahals und wartete auf meinen zukünftigen Schwager und den Rest und biss die Zähne zusammen, um die tägliche Lauftortur irgendwie zu überstehen. Ich hatte schon nach den ersten Tagen den Muskelkater meines Lebens und bewegte mich eher wie Großmütterchen, als wie ein junges Ding meines Alters. Dennoch musste ich da irgendwie durch und ich hatte die Hoffnung, dass es besser werden würde mit jedem Tag. Das einsetzende Kampftraining mit Ritter und Letharen half da nicht sonderlich, grün und blau lief es sich einfach nicht besser. Ich musste zugeben, dass ich für eine Weile ins Jammern verfiel und erst Fanns Kommentar – meine zukünftige Schwägerin übrigens und ich wusste noch nicht so recht, wie ich diese Tatsache nun finden sollte – riss mich aus dem Gejammer heraus. Ich nahm mir vor, mir nicht noch einmal die Blöße geben zu müssen, mich von ihr vor versammelter Bande anschnauzen zu lassen, welchen Luxus ich doch hatte, das kämpfen auf diese Weise zu lernen und dennoch jammerte. Es blieb also nichts, als einfach weiterzumachen und das Geweine über Schmerzen für mich zu behalten.
Was mir einerseits gut tat, war endlich zu lernen, wie man sich vor wem zu benehmen hatte, inklusive Anrede, Verneigung oder eben leichtes, mittleres oder tiefes Hauptneigen. Lustigerweise fiel mir das, obwohl ich mich gerade da immer so angestellt hatte, nicht einmal so schwer – im Gegenteil, ich zog es nach meiner ersten Laufstrafe konsequent durch. Dafür fiel mir aber umso mehr auf, wie Menschen um mich herum, anscheinend eher weniger darauf gaben – so wie ich früher – und es regte mich furchtbar auf. Sich vor einem Ritter zu Verneigen war scheinbar irgendwie aus der Mode und selbst einfaches freundliches Grüßen schien einigen Bürgern des Reiches komplett abhanden gekommen zu sein. Ich fand es furchtbar befremdlich, dass Dazen gerade mir dann sagte, ich sei in dieser Hinsicht ein Vorbild und erst nach einigem Nachdenken darüber, nahm ich das an. Ich würde mich weiter den Grußregeln entsprechend verhalten und wenn nur ein Einziger daraus irgendetwas lernte, dann war das schon ein Erfolg.
Und es gab noch ein Mitglied der Prätorianer, das mir immer wieder mal durch die Gedanken spukte: Mio. Mit ihrer Erscheinung und ihrem Verhalten, das sie oft an den Tag legte, hätte sie rein vom Eindruck her, prima auf den Weg gepasst, den ich gehen musste. Aber wenn ich sie ansah, fühlte ich einfach nichts dergleichen und selbst wenn ich mich noch so sehr konzentrierte, ließ mein Gespür dafür einfach keine Anzeichen erkennen. Sich die kleine Mio in den Kreisen der Diener vorzustellen, hinterließ mir auch einen eigenartigen Beigeschmack und auch wenn ich selbst nicht viel größer oder kräftiger war, als sie, rüttelte sie an irgendeinem Instinkt, der sie beschützen wollte. Eine Erklärung dafür fand ich allerdings nicht und so tat ich schlichtweg, was ich konnte, um ihr die eigenartige Welt zu erklären, auch wenn ich selbst nicht gut darin war, manche Dinge in Worte zu fassen.
Irgendetwas verpasste mir in den letzten Tagen eine eigenartige Ruhe, die ich sonst nicht so sehr bei mir getragen hatte. Sie hielt nicht ständig an, aber gerade in Situationen, die mich an den Rand der Überforderung brachten, hielt sie stand und mich im Zaum. So stand ich – angespannt wie ein Flitzebogen – neben Dazen, als die Frau Oberstleutnant und Knappin Helisande Senheit inklusive kleinem Trupp vor uns stand, und beobachtete nur, hielt den Mund und überließ dem Ritter alles Reden, ganz wie es sich gehörte, aber wie es ihn und auch mich erstaunte, und redete erst, als ich dazu aufgefordert wurde. Seltsamerweise konnte ich sogar auf die Drohung der Frau Oberstleutnant meinem zukünftigen Schwager gegenüber die Fassung bewahren, obwohl ich ihre Worte alles andere als gut fand und antworte ruhig, diplomatisch und doch irgendwie mit Nachdruck. Wie ernst sie mich nahm, wusste ich nicht und würde es wahrscheinlich nie erfahren oder erst dann, wenn ich ihre Seele in alle Einzelteile zerlegt hatte und so meiner eigentlichen Aufgabe nachgegangen wäre. Irgendwann würden sie alle ihren Platz finden – und der war nun einmal bei Kra’thor selbst als Mahlzeit oder in ewigen Qualen – oder einfach beides.
Ich hatte mich gut geschlagen bei der verbalen Begegnung mit dem Feind, das wiederum wurde mir allerdings erst einigermaßen klar, als Dazen mich dafür lobte. Ich freute mich mehr darüber, ihm das Leben damit ein wenig erleichtert zu haben, als über das Lob an sich, aber immerhin zeigte das, dass ich lernwillig war und mich anpassen konnte, wenn ich musste.
Selbst das Essen mit der zukünftigen Familie ließ mich nicht so richtig aus der Ruhe geraten und erstaunlicherweise kam der große Wolfseiche meiner Bitte nach, den Abend nicht so ausarten zu lassen, wie die anderen dieser Art und ich war ihm ungemein dankbar. Selbst mein Garvin schien sich zu entspannen und verdrückte sich sogar mit Fann für einige Zeit nach draußen, um in Ruhe über die Unsäglichkeiten in Rahal herzuziehen, die da vor sich gingen. Ich war vor allem erleichtert über den Verlauf und wieder einmal erstaunt darüber, wie ähnlich die beiden sich sahen. Selbst die Kleiderwahl war ohne Absprache beinahe die gleiche und auch sonst waren die beiden großen Kerle beinahe wie aus einem Ei gepellt, ich wunderte mich also kaum darüber, dass ich den großen Bruder gern mochte, wenn er dem Kleinen so ähnlich war, auch in einigen Verhaltensmustern, wenngleich sie doch schlichtweg vom Wesen her andere Züge trugen.
Es tat gut, den Abend so friedlich ausklingen zu lassen, vor allem, weil ich glaubte, dass es Garvin einmal gut tat, nicht von seinem Bruder kritisiert zu werden.
Es waren gute Tage allesamt mit kleinen Ärgernissen, obwohl sie im Großen und Ganzen erfolgreich verliefen. Ich hätte genau das aber besser wissen müssen und ich hatte vor lauter guten Dingen einfach vergessen, dass es nie so blieb. Im Nachhinein fühlte ich mich fast lächerlich dafür, dass ich diese eine Lehre, die mich mein ganzes Leben begleitet hatte, so schnell in den Hintergrund geraten lassen konnte.
Irgendetwas hätte mir dämmern müssen, als er da so ruhig saß, schon als das erste Glas an die Stirn des eigenartigen Heilers donnerte und ich wusste im Nachhinein, dass ich da hätte einschreiten sollen – oder zumindest die Klappe halten sollen. Es war neben den vielen kleinen Schritten, die ich in letzter Zeit nach vorne gemacht hatte, ein riesiger Sprung nach hinten, so fühlte es sich an. Aber nein, statt zu schweigen oder zu schlichten hatte ich mir einen Spaß erlaubt und eben aus meiner Erfahrung berichtet, dass fliegende Trinkutensilien, seien es nun Krüge oder Becher oder Gläser, auch schnell einmal damit endeten, dass die Werfende den Beworfenen heiraten musste. Es war nur die Erinnerung des Kennenlernens mit Garvin, die durch meine Sinne wanderte und die ich in Worte fasste. In meiner Kurzsicht hatte ich nicht damit gerechnet, dass die Kinder des All-Einen Je’yuxalae und Lex’tiara das für bare Münze nahmen und noch weniger hatte ich eingeplant, dass Mio den zweiten Krug an den Kopf von Phemotos donnerte, um ihre Position in dem ganzen Spiel klar zu machen.
Und mir hätte auffallen müssen, dass er viel zu ruhig war dabei.
Ich erkannte das Ausmaß dieses Verlaufs des Abends noch nicht einmal, als er uns immer noch in aller Seelenruhe dazu aufforderte, uns gegenseitig Strafen zu verhängen und sie verdoppelte. Ich wollte protestieren – schließlich hatte ich nicht geworfen, sondern nur ein paar Worte dazu gesagt, die dann unbewusst den Auslöser darstellten, aber ich schwieg und nahm hin, dass ich in den nächsten zwei Wochen damit beschäftigt sein würde, Würmer und Käfer zu sammeln, eimerweise.
Was mir die Angst durch Mark und Knochen jagte, war die Strafe, die er sich selbst auferlegte, weil er diesem Haufen von verschiedenen Charakteren nicht Herr wurde. Ich hatte ihn erst vielleicht einen Stundenlauf vorher gesehen, seinen Rücken, der dieselben Male trug, wie Garvins, was mich da schon mit dieser Nachdenklichkeit belegte. Ich konnte nichts für diese Narben, das wusste ich und ich wusste auch, dass diese beiden sie hinnahmen mit einem Stolz und einer Selbstverständlichkeit, die ich dafür vielleicht nie aufbringen konnte. Ich wusste, wenn ich irgendwann meinem Schwiegervater unter die Augen treten würde, dass dieser kleine bittere Beigeschmack immer zwischen uns stünde.
Ganz automatisch griff ich nach dem Leder der Peitsche, die Jexxe schon längst fest im Griff hatte, ganz automatisch wollte ich das verhindern, was passieren würde und doch ließ ich wieder los und sagte auch dem Rest des loyalen Haufens, dass sie es lassen sollten. Was mich dazu bewegte loszulassen, war nicht die Drohung, dass jeder von uns auch etwas davon abkriegen sollte, wenn wir uns nicht zurücknahmen, es war zu einem kleinen Teil die Drohung, dass er es ebenso auf sich nehmen würde und vielmehr noch waren es die Bilder meines ganz eigenen Albtraums, die mich schlagartig einholten. Ich wusste zu diesem Zeitpunkt, dass ich es nicht abwenden konnte und je mehr ich mich dagegen wehrte, umso schlimmer würde es sein. So war es damals vor 13 Jahren, so würde es heute sein und so würde es immer wieder sein.
Nur kurz ließ ich mich von den Bildern überrollen, dann biss ich die Zähne zusammen und beschwor Amagars Stimme, seine Präsenz, seine Worte tief in meinem Bewusstsein herauf. Etwas anderes, als seinem Ratschlag zu folgen, auch wenn ich nicht wusste, wie gut oder schlecht ich das schaffte, blieb mir nicht übrig. Und so lenkte ich die Bilder des kleinen Micah durch meine Gedanken, während ich Dazen ansah, wie er eine Strafe über sich ergehen ließ, die über andere hätte verhängt werden sollen. Nicht hinzusehen, wie Mio wäre einfacher gewesen, ganz sicher, aber einfach gab es für mich in diesem Moment nicht mehr. Meine eigene Narbe brannte, als hätte man sie erneut geöffnet und Salz darin verrieben, während ich die Züge des Familienmitgliedes im Blick hatte und speicherte, irgendwo neben den Bildern meiner Kindheitstage, irgendwo dort, wo schon genug Schaden angerichtet war. Ich nahm mir vor, die Tränen nicht zu zeigen, auch wenn ich mir dafür die Unterlippe aufbiss und es gelang mir tatsächlich und das einzige, was mir blieb, war, in diese verkrampfte Ruhe zu verfallen und in die Förmlichkeit, die so viel Abstand zwischen uns brachte, dass es beinahe erträglich wurde.
Dass er mich wegschickte, schubste mich bis an den Rand, aber nicht darüber und auch Kysira oder Fenia schafften es nicht, mich weiterzuschubsen oder davon wegzurücken, ich blieb einfach stur und unbeweglich an meinem eigenen dunklen Abgrund stehen, während meine Hände ganz automatisch funktionierten und den Tisch, die Regale und zu guter Letzt den Boden im Erdgeschoss mit einem Lappen auf Hochglanz polierten. Dass die Haut an meinen Händen dabei aufriss, weil ich beinahe die Fliesen wegschrubbte, bekam ich nicht ganz mit, so sehr war ich damit beschäftigt, nicht zu fallen. Ich wusste, warum er das getan hatte und mir dämmerte, dass es mehr eine Strafe für uns war – zumindest war sie das für mich. Das änderte aber nichts daran, dass ganz langsam und unaufhaltsam der Gedanke wieder in mein Bewusstsein kroch, wie ein dunkler Nebel, der sich nach und nach in alle Ecken schlich, ob es immer Schmerz und Leid mit sich brachte, wenn es um mein Umfeld ging. Die Dämonen meiner ersten elf Lebensjahre rüttelten erneut an dem Gefängnis, in dem sie saßen und ich fragte mich, ob die Narben auf seinem Rücken die einzigen waren, die an diesem Abend hinterlassen wurden. Und ich wünschte mir sehnlichst Amagar zu mir. Ich war mir sicher, dass er genau die richtigen Worte gefunden hätte, um die Welt wieder in eine normale Bahn zu bringen.
Stattdessen ging ich mit aufgebissener Unterlippe nach hause und griff nach dem Anker, den ich hier immer hatte. Ich wusste, dass er es eigenartig finden würde, dass ich wegen so etwas so aufgelöst wäre, wenn ich doch schon ganz andere Dinge mitgemacht hätte, von denen er sich ein eigenes Bild gemalt hatte. Ich schaffte es irgendwie die Geschehnisse in Worte zu packen, ehe die Tränen kamen und erst aufhörten, als ich allmählich in den Schlaf glitt, während er mich festhielt. Ich stand noch immer am Abgrund, aber hier und jetzt hatte ich nicht mehr das Gefühl zu fallen, sondern die Sicherheit, dass seine Arme mich mit Leichtigkeit an meinem Platz hielten. Ich fühlte die längst verheilten Male unter meinen Fingerspitzen auf seinem Rücken und der letzte Gedanke, bevor mich die traumlose Betäubung des Schlafes umfing, war, dass ich nie wieder schuld sein würde an so etwas. Nicht bei meiner eigenen Familie.
Verfasst: Montag 10. November 2014, 16:40
von Gast
Garvin war noch nicht zurück und das bot mir wiederum Zeit, nachzudenken über die letzten Tage. Normalerweise wäre ich an Abenden wie diesen einfach ins Bett geschlüpft und hätte die Zeit des Wartens mit Lesen oder Schlafen überbrückt, bis ich die Ruhe in seinen Armen fand.
Nun aber stand ich vor dem übergroßen Spiegel und betrachtete mich selbst – eine Sache, mit der ich sonst wenig Zeit verbrachte. Das an sich hatte mehrere Gründe, vor allem wohl jenen, dass ich etwas anderes sah, als Garvin oder Mio oder sonstwer und viel zu sehr in diese grüblerische Unsicherheit verfiel, als ich es sollte. Und doch tat ich genau das an diesem Abend.
Ich sah die Veränderungen, auch wenn sie unter der Kleidung noch verborgen blieben. Zu dünn war ich immernoch, doch zeichneten sich so langsam und recht vorsichtig Muskeln unter meiner hellen Haut ab. Die ständige Rennerei zeigte also tatsächlich auch Wirkung, ganz im Gegenteil zu der dauernden Süßigkeitenesserei. Das bezeichneten die meisten als Glück, dass mein Schokoladenkonsum keine Ringe auf den Hüften hinterließ. Allerdings tat er das auch an anderen Stellen nicht, bei denen ich mir immerhin vorstellen konnte, dass es gar nicht so schlecht wäre, wenn er es denn täte.
Ändern konnte ich es ohnehin nicht. Was ich allerdings ändern konnte, waren die Schrammen und Flecke, die so langsam wieder verblassten und verheilten. Ich hatte den Hang dazu, mich in furchtbar dumme und gefährliche Aktionen zu stürzen, wenn ich mit irgendetwas nicht umgehen konnte. Wie ich mir das abgewöhnte, wusste ich nicht, aber ich nahm es mir vor.
Als ich mich drehte, den Blick über meine eigene Schulter schweifen ließ, legte sich meine Stirn wie immer bei diesem Anblick in Falten. Ich wusste nicht, weshalb immernoch ein kleiner Hoffnungsschimmer glimmte, dass die Narbe, die sich über meine Wirbelsäule erstreckte, als hätte jemand versucht, eben jene herauszuschneiden, irgendwann verschwinden würde. Anders als der Rest meiner neu gewonnenen Familie, die die Zeichen der Strenge des Vaters mit einer Selbstverständlichkeit und ohne Groll trugen, spürte ich bei meinem eigenen Makel nichts als Hass. Und Traurigkeit.
Ein weiterer Grund, weshalb ich die Zeit vor dem Spiegel auf ein Mindestmaß beschränkte. Es verging ohnehin kaum ein Tag, an dem ich nicht an den Jungen dachte, der mir die ersten Lebensjahre so lebenswert wie möglich gemacht hatte – und wenn ich die Narbe sah, fühlte ich mich in der Zeit zurückgeschleudert.
Micah.
Er war mein bester Freund und auch wenn wir nicht das gleiche Blut teilten, so war er mein großer Bruder. Gewesen. Ich hatte nie erfahren, was mit ihm tatsächlich passiert war – oder ich hatte es so weit verdrängt, dass ich es nicht mehr wissen konnte. Wenn man einem Mädchen von elf Jahren den Halt in der Welt nimmt, dann konnte es nur noch fliehen.
Ich wünschte mir so sehr, ihn noch einmal sehen zu können oder noch besser, mit ihm zu sprechen, ihm nur ein einziges Mal Danke zu sagen. Wenn er wirklich nicht mehr hier war, dann gab es diese Möglichkeit, das wusste ich, aber ich umging sie, so konsequent ich nur konnte. Dann klammerte ich mich lieber an das kleine bisschen Hoffnung, dass er damals auch einfach weggelaufen ist und irgendwo ein glückliches Leben führte, weit weg von der Vergangenheit und weit weg von dem Mädchen, das durch ihren Schmerz seine Schreie zum verstummen brachte.
Mein bester Freund, der wichtigste Mensch in einem Leben. Ich hatte jemand anderen gefunden, der diesen Platz ausfüllte, auch wenn es sein ganz eigener war. Ich wusste nicht, wieviele Frauen hier oder überhaupt das von sich behaupten konnten, aber ich zumindest konnte sagen, dass ich genau diesen einen Menschen heiraten würde. Ich würde an der Seite meines Freundes, meines Liebsten, meines Haltes in der Welt alt werden, auch wenn ich, genau wie in diesen Momenten vor dem Spiegel, die Frage stellte, wieso ich es war, die er gewählt hatte und keine aufreizende Tänzerin, keine Schneiderin mit eindeutigen Angeboten, keine vollbusige Kämpferin, keine hüftschwingende Gardistin. Ich kannte sein Antwort.
Und mit ihm, mit Garvin, kam auch der große Bruder. Wenn ich Falten oder graue Haare gehabt hätte, wäre er in den letzten Tagen und Wochen daran Schuld gewesen. Ja, es war überflüssig, sich um ihn Sorgen zu machen, aber als er in diesem Kerker saß und ich keinen Schimmer hatte, wie es ihm ging und ob ich ihn jemals wieder zu Gesicht bekam, erinnerte ich mich immer wieder an Garvins Worte, dass auch Wolfseichen einmal sterben mussten. Und das jagte mir eine Heidenangst ein, denn ich war absolut nicht bereit, diese Familie gehen zu lassen.
Umso erleichterter war ich, als Dazen mit unsagbar schlechter Laune wieder vor mir stand und entgegen jeglicher Ohrfeigen- und Belehrungsszenarien blieb mir nur, ihm zu sagen, dass es gut war, ihn wieder hier zu haben.
Die kurze, ungewohnte Umarmung machte alle Sorgen, alle Wut und überhaupt alles wieder gut.
Und dann war da noch das Mädchen. Ich hatte lange nach einem Zeichen gesucht und es dann gefunden, als ich sie fand, auf dem Boden sitzend vor dem pulsierenden Stein in der Grabkammer. Ich wusste nicht, was ich fühlen sollte, aber es war auch gleich. Es gab kein zurück mehr. Ich erinnerte mich aber gut an den Schmerz und die Angst, die ich damals gespürt hatte und ich wusste, dass sie da durch musste, egal, welchen Ausgang es nehmen würde. Und so tat ich etwas, das ich vorher nie tat und stellte eine Verbindung her, gab ihr etwas Wichtiges. Die Aufforderung, es mir danach zurückzugeben, sollte ihr die Angst nehmen und ihr zeigen, dass ich nicht zweifelte, auch wenn es in mir ganz anders aussah. Natürlich zweifelte ich, denn ich wusste bis heute nicht, weshalb Kra'thor seine Wahlen traf, so wie er sie traf.
Aber es war nicht nur für sie, es war auch für mich. Die Blutsverbindung erlaubte mir, es mit ihr zu fühlen und auch wenn das Aussetzen ihres Herzschlags mich ins Wanken brachte, so war ich dennoch froh, es mit ihr fühlen zu können und schnell die Gewissheit zu haben, dass sie bleiben würde. Wie lange, das lag nicht mehr in unserer Hand, aber ich war froh darum, die Freundin noch nicht gehen lassen zu müssen.
Ich löste den Blick vom Spiegel und begab mich nun doch in unser Bett und war froh, dass er bald bei mir sein würde, dass ich ihm eine Sorge nehmen und berichten konnte, dass sein Bruder wieder heil zurück war und Wolfseichen eben doch nicht einfach so starben und dass er mich die trüben Erinnerungen an die Vergangenheit vergessen lassen würde. Es war nie eine Frage, ob es falsch oder richtig war, ihn zu lieben. Die Frage war eher, wie viel ich ihm zurückgeben konnte für all das, was er für mich war.
I don't just want your heart. I want you flesh, your skin and blood and bones, your voice, your thoughts, your pulse and most of all your fingerprints everywhere.
Verfasst: Donnerstag 20. November 2014, 19:44
von Gast
Zorn.
Es war eine Weile her, seit ich das letzte Mal richtig wütend war. Nicht diese kurzen Phasen des Moserns und Meckerns. Ich glaube, richtigen Zorn hatte ich das letzte Mal verspürt, als sich endlich alles um mich beruhigt hatte, vor allem aber auch ich selbst, und mich dann dieser Brief erreichte vom längst tot geglaubten Bruder. Wie lange war das her? Ein volles Jahr, etwas mehr sogar. Natürlich waren während dieser Zeit die Emotionen ab und an mal hochgekocht, das Fass zum Überlaufen hatte aber nichts gebracht.
Bis vorgestern.
Ja, zugegeben, meine Laune war schon nicht die beste, als ich das Haus verließ. Es war scheiß Wetter, mir war kalt und müde, außerdem hatte ich keine Zeit gefunden, etwas vernünftiges zu essen. Keine Schokolade, keine gute Laune.
Die Maske wurde dennoch aufgesetzt, auf die Spielereien der anderen hatte ich nicht die größte Lust und so setzte ich mich erst einmal einfach dorthin, wo er beim Urteilsspruch gesessen hatte. Irgendwie war der Platz zu meinem geworden – für mich. Die anderen hatten es entweder nicht bemerkt oder nahmen es einfach stillschweigend hin.
Weihen waren auch jetzt noch etwas besonderes für mich, das würde sich wahrscheinlich auch so schnell nicht ändern und wie jeden Tag erinnerte ich mich an seine Worte, versuchte, mir nichts anmerken zu lassen und dennoch zu fühlen. Das funktionierte auch, nur wich die Konzentration recht bald vom eigentlichen Ziel meines Mitgefühls ab und donnerte schlichtweg zu dem hin, das sich in unserer Mitte abzeichnete.
Schattenhafte Gestalten, Schemen und sonstiges Gezeugs, was man nicht direkt und vollständig ausmachen konnte, waren mir mittlerweile zuwider. Und genau da fiel der stete Tropfen, der den Stein höhlte und ließ die Wasseroberfläche unter der Spannung reißen und das Fass überlaufen. Es war nur dieser eine kleine Moment des Nichtganzerkennens, des kurzen Hoffnungsflackerns und dann die Enttäuschung über den Falschen, der da stand, die den Zorn schürte.
Dass eben jener dann die kleine, stotternde Lakai traf, wäre unter anderen Umständen keinesfalls in meinem Sinn gewesen, heute aber passte die Namenswahl auch noch zum Objekt des zerborstenen Hoffnungsschimmers und so war es nicht einmal das Schlimmste, dass derjenige Namensvetter tatsächlich kommen könnte, wenn er denn wollte, sondern eher die vertraute, vermisste Stimme des noch mehr vermissten Schemen, die mich eben genau vor eben jenem warnte, der seine helle Freude an Menschen wie mir hätte. Und Mio. Und Allhina.
Ich hätte schreien wollen, stattdessen lachte ich und tat meinen Unmut über den neu gewählten, altbekannten Namen kund und stieß – wie unzählige Male bevor – auf taube Geschwisterohren. Und just in dem Moment fiel nicht nur der Groschen, sondern auch die Entscheidung. Dieser Name würde nicht über meine Lippen wandern als Ansprache für eine der Unsrigen, denn sollte er jemals tatsächlich vor uns stehen, könnte ich dann, bevor das Puppenspiel begann, immerhin unglaublich selbstgerecht behaupten, dass ich es ja gesagt hätte.
Der Rest des Abends außerhalb der Grabkammer war ebenso behaftet von Zorn, wie von einer weiteren Entscheidung. Ich hatte schlichtweg zu viel zu verlieren, als dass ich mich in der Nähe von Geschwistern aufhalten konnte, deren Namenswahl leichtfertig war und die den Scharfsinn mancher Menschen unterschätzte und verspottete. Ich hatte da speziell einen im Sinn und gerade der war es, bei dem ich kein Risiko eingehen würde. Wenn das nun bedeutete, dass neu gewonnene Freundschaften zur Ruhe gelegt und Beschützerinstinkte unterdrückt werden mussten, dann würde ich damit leben, wie mit so vielem anderen auch. Aber es gab nun einmal Prioritäten, die ich mir gesetzt hatte, ganz abgesehen von dem Weg, den ER mir vor die Füße gelegt hatte und dazu gehörte das, was ein jeder Mensch haben sollte und was ich den größten Teil meines bisherigen Lebens vermisst hatte – Heimat. Die war genau dort, wo sie eben nun war und sie war genau das, was sie war und mit den Personen, die dieses Wort für mich geprägt hatten.
Nach hause konnte ich so jedenfalls erst einmal nicht und so machte ich mich auf den Weg zu dieser verfluchten Höhle, in der alles seinen Anfang genommen hatte. Hinein musste ich nicht und wollte ich auch nicht, der Baum davor reichte aus, um meinen Zorn etwas abzubauen und dafür die Fingerknöchel durch die Handschuhe hindurch blutig zu schlagen. Die Namen, die bei jedem Hieb durch meinen Kopf dröhnten, klangen genauso scheußlich, wie die Erinnerungen an die, denen sie gehörten: Schrat. Blutbrecher. Silen. Weiße Frau, Cliodhna.
Und am Ende, als ich mich erschöpft, aber immerhin etwas ruhiger auf den Weg nach hause machte, blieb es wieder bei dem einen, dessen Nichterscheinen den Zorn gebracht hatte.
I try not to think about you, but in the end, i still do.
Verfasst: Montag 24. November 2014, 20:17
von Gast
Zwei Dinge sind unendlich, das Universum und die menschliche Dummheit, aber bei dem Universum bin ich mir noch nicht ganz sicher. (A. Einstein)
Wut, Zorn und Hass lassen Menschen nicht mehr klar sehen. Sie blenden, werfen flimmernde Bilder an die Wand. Sie verzerren die Wirklichkeit, schaffen Trugbilder, lassen über- und unterschätzen und verdrängen die Vernunft.
Zorn allein in richtige Bahnen zu lenken, ganz so wie Alatar es vorsah, war die eine Sache. Zorn gepaart mit Angst eine ganz andere. Und das Verschulden der anderen einzig und allein durch Dummheit, die aus Machtgier entsprang, setzte der giftigen Mischung noch die nur allzu tödliche Kirsche auf.
Ja, ich musste es zugeben, auch wenn es eine Weile dauerte, bis ich es konnte nach dieser Sache, ich tobte. Das Gefühl eines Waldbrandes im trockenen Hochsommer brannte sich durch meine Adern. Ich fand keine Worte mehr für denjenigen, der daran Schuld trug und doch viel zu viele. Allen voran Dummheit, gefolgt von Unvorsicht und Neid. Es konnte mit einem Male alles dahin sein, nur weil er, der Weisheit fressende Löffelträger, seine Machtspielchen in aller Öffentlichkeit ausfechten musste. Spiele um vermeintliche Macht, die er größer glaubte, als die des fühlenden Herzens. Fehler Nummer eins, kleiner Bruder. Und wer fechten wollte, sollte seine Waffe sicher führen können. Es vor anderen tun zu wollen, die eingeweiht, aber in diesem Moment unwichtig waren, belanglos waren, Fehler Nummer zwei. Dicht gefolgt vom Dritten im Bunde, denn die Blindheit, die mit der Gier nach Macht Hand in Hand schlenderte, würde im Falle des Falles alle treffen.
Wer anderen die Grube gräbt, fällt selbst hinein, so lernt man schon als Kind. Und wer sich höher glaubte, konnte umso tiefer fallen.
Sicher kamen diese Gedanken erst in ihre Ordnung, als die brennende Wut nachließ und man die Katastrophe des Abends mit etwas Abstand in ihre ganz eigene Logik packen konnte.
Erst einmal loderte der Brand, heiß und unberechenbar und einzig und allein des Entsetzens und Unverständnisses wegen.
Wer die einzige Regel brach, hatte die Suppe selbst zu löffeln. Wer sie auch noch vor den Schützlingen brach, hatte gleich drei Teller vor sich. Ihm, dem machthungrigen Löffler, sollte im Moment nur hoffen und beten bleiben, wobei ich bezweifelte, dass er in seiner verblendeten kleinen Welt auch nur den Funken Verstand in sich trug, zu begreifen, was er getan hatte und so war es wohl an mir, die Hoffnung zu hegen, dass keine Ohren gespitzt waren an diesem Abend.
Kra'thors Wege waren unergründlich. Der Weg, der gerade ihn unter Seine Schwingen geführt hatte, blieb mir ein absolutes Rätsel. Warum tat Er sich das eigentlich selbst an? Das war auf jeden Fall keine Frage, die es für mich zu beantworten galt. Anmaßend wäre es wohl, die Wahl des einzigen Herren anzuzweifeln. Außerdem überließ ich genau das gern dem Weisheitenfresser. Anmaßungen in seinen Entscheidungen, wer mit wem und überhaupt reden durfte, würden ganz sicher irgendwann zur gerechten Strafe führen. Ich hoffte inständig, dass ich dann auch dabei sein durfte.
Hass, Wut, Zorn trieben mich aber dennoch mit schwerem Gepäck in die Wälder, raus aus der Stadt, von der ich hoffte, dass sie nach diesem Abend noch die selbe für mich bleiben würde. Der nächste Trainingsmarsch war nicht einmal fünf Stunden entfernt, doch trieb mich jetzt nicht Dazens autoritäre Art dazu, zu laufen, sondern eben jene unschönen Gefühle, die mir, gepaart mit der Angst, die sich immer wieder durch die Hoffnung schlich, im Nacken saßen.
Ich lief, lief, lief in den immer dichter werdenden Nebel, rannte, bis ich japsend auf Händen und Knien landete und rappelte mich doch wieder auf mit der Frage, wovor man hier draußen in der düsteren, nebligen Kälte noch Furcht spüren sollte, wenn die schlimmste Angst hinter einem lag.
Und wie immer in solchen Momenten, zog es mich zu leichtsinnigen Aktionen hin, in irgendeine Höhle um meiner Wut durch körperliche Gewalt irgendwo inmitten von irgendwelchen Wesen freien Lauf zu lassen. Und durch den Schmerz einfach zu vergessen für eine Weile.
Allerdings hatte ich mir vorgenommen, genau das nicht mehr zu tun. In eine Höhle zog es mich trotzdem und anstatt auf irgendetwas einzuprügeln, schrie ich die Namen, bis ich keine Luft mehr kriegte und meine Stimme nicht mehr als nur ein heiseres Krächzen war. Wie passend.
Des Zornes Unvernunft ließ mich sie rufen. Unüberlegt. Wahrscheinlich waren sie so weit entfernt, dass sie mich ohnehin nicht einmal wahrnahmen. Und ja, im Nachhinein war das besser so, denn wären sie aufgetaucht, ich wusste nicht, ob ich die Grenze nicht überschritten hätte. Ein Handel war ein Handel, ganz gleich in welchem Geisteszustand sich die händeschüttelnden Partner befanden. Es war gut, dass sie nicht kamen. Es war schlecht, dass auch er nicht kam, denn gerade jetzt hätte ich seinen Rat gebraucht.
Erst in den frühen Morgenstunden rappelte ich mich wieder auf. Ich würde es noch rechtzeitig zum morgendlichen Laufprogramm schaffen und sogar noch einen Abstecher nach hause machen. Garvin schlief noch tief und fest und als ich ihn für den Moment betrachtete, wusste ich: Wenn die Unvorsicht eines „Bruders“, der keiner war, zumindest nicht mehr für mich, mich in den Abgrund reißen würde, nahm ich genau diesen mit.
Ich drückte dem kleinen Wolfseiche einen sachten Kuss auf die Stirn, stellte ihm ein ordentliches Frühstück und einen Proviantbeutel für seinen täglichen Ausflug bereit und erst dann machte ich mich, pünktlich wie ein Uhrwerk auf den Weg zum großen Wolfseiche. Sicher würde er mich in meinem lädierten Zustand komisch ansehen, aber komisch war in jedem Fall besser als wissend.
Und auch, wenn ich verschrammt, durchgefroren, nach einer Nacht ohne Schlaf und mit den Gedanken noch nicht ganz wieder dort war, lief ich mit, auch wenn es an diesem Morgen oft eher ein Stolpern und Fallen war und ich erst lange nach den anderen ankam.
Und dann konnte ich doch auch für ein paar Stunden die Gedanken von dem abwenden, der nicht mehr auftauchte, nachdem ich mich ironischerweise an seine eigenen Worte erinnerte. Die Geschichte war noch nicht zu Ende. Kein Abschied für immer. Nur ein Auf Wiedersehen.
Are you, are you coming to the tree
Where they strung up a man, they say who murdered three
Strange things did happen here
No stranger would it be
If we met at midnight in the hanging tree.
Are you, are you coming to the tree
Where dead man called out for his love to flee
Strange things did happen here
No stranger would it be
If we met at midnight in the hanging tree.
Are you, are you coming to the tree
Where I told you to run so we'd both be free
Strange things did happen here
No stranger would it be
If we met at midnight in the hanging tree.
Are you, are you coming to the tree
Wear a necklace of rope side by side with me
Strange things did happen here
No stranger would it be
If we met at midnight in the hanging tree.
(The Hanging Tree)
Verfasst: Mittwoch 10. Dezember 2014, 12:59
von Gast
Den ganzen Morgen rannte ich durch den Wald und suchte ein paar Dinge zusammen. Die Kälte kroch bis in meine Knochen, doch durch die körperliche Bewegung war es regelrecht angenehm. Auch wenn der Schal nicht mehr seinen Zweck erfüllte und mir sogar die Nase halb abfiel. Das merkte ich besonders, als ich mit Hacken und Kletterausrüstung den Berg bei Rahal in die Höhe stieg. Der Wind wurde immer stechender und jeder Atemzug fühlte sich an wie tausend kleine Nadelstiche. Doch ich musste an die Spitze, denn wenn ich mich recht erinnerte, wuchs dort das, was ich wollte und brauchte. Und nach einer halben Ewigkeit und diversen Schmerzen im Leibe, als ich wieder hinab stieg, war es dann auch geschafft.
Bibbernd ging ich nach Hause und legte meinem Mädchen neben ihr Kopfkissen ein zusammen geschnürtes Bündel hin. Ich hatte alle grünen Pflanzen des Winters gesammelt und zu seiner Art Strauch zusammen gebunden und in der Mitte thronte diese blaue Blume, die ich vom Berg gepflückt hatte und welche wohl die Einzige in meinem Verstand war, welche auch im Winter blühte. Es war eine Art Eisgewächs und vermutlich hätte dieser Strauch mit Tannen und Zapfen und jener besagten Blume schöner aussehen können, aber nun ja. Der Wille zählte. Statt mich dann aber zu ihr zu legen, um zu warten wie sie auf die Gabe an jenem Tage der Gaben reagierte, nahm ich mir eine Decke und legte mich zum Kamin, in der Hoffnung meinen Körper bald wieder zu fühlen-
Verfasst: Mittwoch 10. Dezember 2014, 17:35
von Gast
Schlafen war etwas tolles, vor allem, wenn es nach den allmorgendlichen Strapazen des durch den Schnee Rennens war und am allerbesten, wenn ich nicht alleine in dem großen Bett liegen musste, sondern in den Armen, die mich Nacht für Nacht festhielten.
Als ich aufwachte, passierte aber genau das, was immer passierte, wenn in den Momenten des Noch-nicht-ganz-bei-sich-Seins etwas am Rande des Bewusstseins fehlte. Und war es auch noch so eine kleine dumpfe Ahnung, dass etwas falsch war. Ich schoss also recht schnell aus dem Liegen ins Sitzen und trotz des kurzen Schwindels, der einsetzte, fuhr mir wie immer dieses unbehagliche Gefühl durch die Glieder, wenn er nicht neben mir lag. Für den Bruchteil von Sekunden war die kalte Angst da, er könnte einfach weg sein. Als der Verstand dann auch aus dem Dämmerzustand herauskam, legte sich der kurze Moment der Panik wieder und wurde überlagert von logischen Erklärungen. Er war schlichtweg schon aufgestanden.
So war es also, dass ich nicht gleich mitbekam, was sich da neben mir auf dem Kissen eingefunden hatte, doch umso mehr freute es mich. Ja, Alatar hin oder her und Geschenke hin und her – ein Glück, dass man sich in seinen eigenen Wänden nicht an alles halten musste und wir uns damit völlig einig waren.
Ich betrachtete das kleine Bündel an grün und dann eine ganze Weile lang das Eisgewächs und fragte mich, wo er das aufgetrieben hatte. Ich konnte mir die Gesichter anderer Frauen vorstellen, die an einem Tag der Geschenke Blumen bekamen und in Unzufriedenheit verfielen, weil es eben nicht das unheimlich teure, glänzende, glitzernde, seidige, samtige, güldene und mit Edelsteinen verzierte Irgendwas war und musste kurz über diese Befindlichkeiten lachen, denn für mich war es genau das richtige. Es war perfekt und es zeigte mir einmal mehr, dass er sich Gedanken um mich machte – und Mühen, auch wenn das immernoch nicht komplett in meinem Kopf bleiben wollte, weshalb. Nach einiger Zeit des Betrachtens, Schnupperns und vor allem Freuens, suchte ich dem grün-blauen Winterstrauß einen geeigneten Platz und dann nach dem Übeltäter.
Eine Weile betrachtete ich den Kerl, der da zusammengerollt vor unserem Kamin lag und mir der liebste Anblick überhaupt war, ehe ich zu ihm unter die Decke krabbelte und den halben Tag auch genau dort verbrachte.
Erst am Abend würde er kleines viereckiges Bündelchen auf seiner Seite des Bettes vorfinden.