- Vergeltung ist eine Art wilder Gerechtigkeit.
Sir Francis von Verulam Bacon
Die durchwachte Nacht, die Versorgung der Verbrennungen, die Alin davon getragen hatte, brachte indes viel Zeit zum Nachdenken mit sich. Die folgenden Gespräch am Nachmittag ebenfalls. Florentine schien mit der Versorgung Alins zufrieden zu sein und sah keine Notwendigkeit selbst nochmals Hand an zu legen. Das Fräulein vom Vorabend, eben jene, die geholfen und sich sogar in den Weg stellte, obschon sie gesehen hatte, zu was diese Wahnsinnige in der Lage war, kam ebenfalls vorbei sich zu erkundigen und bot Hilfe an - damit ich etwas Schlaf bekam. Irgendwie war die indirekte Hilfestellung durch Florentine drollig (auch wenn ich ihr das niemals so sagen würde. Vermutlich wäre ich dann gleich einen Kopf kürzer.)
Wie gesagt - viel Zeit zum Nachdenken. Und nun folgte die Zeit zum Handeln. Ich brachte Alin etwas später auf ihrem Wunsch hin zum schwarzen Ross. Natürlich wollte sie dabei sein, als die Stadtwache sich dort versammelte und ein wenig freie Zeit genoss. Nicht nur, dass ich dort erfuhr, dass diese verfluchte Furie offenbar nicht nur Alin im Visir gehabt hatte, sondern auch eine andere der Stadtwache, nein, ich wurde auch noch über weitere Dinge in Kenntnis gesetzt, die durchaus interessant waren. Nichts desto trotz verabschiedete ich mich alsbald, bat Alin heim zu bringen, wenn allgemeiner Aufbruch herrschen sollte, und machte mich auf den Weg nach Bajard.
Natürlich hielt ich mein Versprechen und unterrichtete Frau Scherenbrueck über den Vorfall. Aus eigenem Interesse schon, auch wenn ich nicht viel Hoffnung hegte, dass die Bäuerin da etwas ausrichten konnte. Diese Vermutung bestätigte sich auch schon während des Gesprächs mit ihr. Sie glaubte nicht daran, dass die Magierin sich von irgendwelchen Worten seitens der Bürgermeisterin beeindrucken ließ. Das machte nichts. Mir ging es an dieser Stelle eher um etwas anderes. Der Rückweg würde dahingehend sicherlich vielversprechender sein. Und auch da sollte ich Recht behalten.
Ich hielt Einkehr in der Akademie, berichtete auch dort von dem Vorfall am Oger und die Optionen, die genannt wurden, fand ich doch hochgradig amüsant. Voraussetzung: Sollte sich meine Aussage bewahrheiten. Nun, es gab Zeugen, die ich im Zweifel noch vorweisen konnte. Bislang hatte ich sie zwar kurz genannt, aber nicht auf deren Befragung gepocht. Mal sehen, ob das zur Notwendigkeit wurde. Als ich die Akademie wieder verließ, musste ich lächeln.
Ich mochte dieser Wahnsinnigen sicher nicht im offenen Kampf gewachsen sein, aber es gab ja nun einmal auch noch die Wege des Verstandes, die man für sich nutzen konnte. Und ich hielt mich doch für fähig genug, mich darin mit ihr zu messen - wenngleich auch auf meine, gewiss eher schmutzige Art und Weise. Ganz allmählich gefiel ich mir als Arschloch immer besser.
Eines war darüber hinaus gewiss: Sollte Frau Scherenbrueck von dem Recht der Gerichtsbarkeit zurücktreten und die Matriarchin ihr Wort halten und das Miststück nach Düstersee und damit Florentine unterstellen, dann begann das eigentliche Fest erst richtig. Ich hoffte inständig, dass diese Frau, die die Akademie leitete, mehr Eier in der Hose hatte, als so manch Kerl im Reich, und ihren Worten auch Taten folgen ließ.
Wenn das alles durchgestanden war… nun, ich vermutete, das war erst der Anfang. Alin machte nicht den Eindruck als wollte sie verzeihen. Und Thanaya war schon losgezogen, um diese Wahnsinnige zu suchen. Es begann bereits jetzt unaufhaltsame Kreise zu ziehen. Ebenso stand das Versprechen im Raum, dass das Problem nicht mehr lange Bestand haben würde. Alles in allem - ja, was sollte ich sagen: Ich war zufrieden mit der Entwicklung. Das Süße an einer Rache war und blieb die Nachhaltigkeit dessen. Man konnte sich so angenehm zurücklehnen und genießen. Ganz in Ruhe seinen Hass nähren und warten, bis die Saat keimte, letztlich aufging und wuchs. Sie war eine derer gewesen, wofür fünf der Gemeinschaft sich die Peitsche zum Freund gemacht hatten. Ihr Dank kam mir doch geradezu herzlich vor. Nun, diese Wärme und Leidenschaft dafür musste doch erwidert werden, nicht wahr? Alles andere wäre doch allzu unhöflich. Immerhin das hatten meine Eltern mir eingebläut. Vergelte stets einmal im Guten, und dreimal im Schlechten. Schritt eins und zwei hatten wir bereits. Auf drei wollte ich warten - oder sollte ich sagen, ich überließ es Alin diesen zu wählen? Ich glaube, das war einer der Ausnahmen, wo ich mir denken konnte, wohin oder worauf ihre Wahl fiel. Es war genau die gleiche, die ich nähme an ihrer Stelle.
Aus irgend einem Grund fing ich auf dem letzten Stück des Weges bis zum Strand bei Düstersee an zu summen.
Erst später ging mir auf: Es war das Kinderlied, das meine Mutter mir einst mal vorgesungen hatte.
- An seinen Feinden rächt man sich am besten dadurch,
dass man besser wird als sie.
Diogenes von Sinope