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Verfasst: Mittwoch 24. Januar 2024, 13:01
von Mairi Kaija
Angst liegt nie in den Dingen selbst, sondern darin, wie man sie betrachtet.

Gerimor
Cirmiasum 266
Ich vermisste Lesen und Schreiben. Das erstere mehr, auch wenn ich die Stimme, die mir an manchen, zu seltenen Abenden die Zeilen ruhig vorlas, immer bevorzugen würde. Trotzdem wusste ich mir zu helfen, wenn es sein musste, zumindest bei meinen eigenen Notizen. Hätte man mir vor ein paar Jahre gesagt, wozu wir eigentlich im Stande sind, hätte ich den Kopf geschüttelt. Heute nahm ich es einfach an und nutzte, was mir gegeben war.
Mir fehlte der Schlaf, um meine Gedanken richtig zu ordnen, also mussten sie irgendwie auf Pergament, nachdem ich versprochen hatte, mich nicht selbst weiter zu geißeln, wollte ich wenigstens versuchen, meinen Fokus auf etwas anderes zu lenken, als auf jene Erinnerung, die mir die Erholung raubte. Die Erinnerung an den viel zu kalten Körper, die leblosen Arme. Jedes Mal, wenn sie mich in meinen Träumen oder Gedanken heimsuchte und mich hochschrecken ließ, stieg die Panik in mir auf. In manchen Nächten tastete ich das Bett neben mir ab, bis mir einfiel, dass es leer war und ich mich zumindest etwas entspannen konnte. In anderen, in denen es nicht hätte leer sein sollen, ich aber trotzdem die vertraute Wärme nicht gleich finden konnte, versuchte ich zumindest nicht zu klingen, als sei mir die Kehle zugeschnürt, als ich den Namen in den Raum fragte. Ich machte mir immer wieder klar, dass es vorbei geht, das tat es immer und viele Sommer hatte ich zumindest halbwegs Ruhe gefunden, weil nur die Erinnerung allein bei mir war, ohne die Sorge, die Angst, die sich jetzt mit darunter mischte. Es war einfacher vorher, sicherer. Dafür auch so viel leerer.

Ich lenkte meinen Blick wieder auf das Pergament, das inmitten der vielen anderen Zettel und Notizen lag. Die Schrift wollte schon wieder verschwimmen, sich in das schummrige Grau mischen, das mein Alltag geworden war, doch fasste ich erneut meine Gedanken zusammen und richtete den Fokus wieder auf das, was ich vorhatte. Es war ein kurzer Impuls, der mich innehalten ließ, ich erinnerte mich nur nicht, warum, also zwang ich den Kohlestift wieder zum Papier hin… Ich schaffte es nicht einmal, den Namen fertig zu schreiben, als die Warnung der schon lange vermissten Stimme durch meine Erinnerung blitzte und mich genauso schnell und heftig traf, wie der Griff, der mich von meinem Kissen zerrte und mich unsanft auf steinigem, unebenem Boden wieder aufkommen ließ. Ich spürte, wie die Steine die Haut an meinen Handballen und Knien aufrissen, als ich durch die Heftigkeit noch ein Stück weiter rutschte und wie ein dumpfes Dröhnen durch meinen Kopf hallte, als jener unsanft den Kontakt zum Boden fand. Für den Moment konnte ich das Brennen der Abschürfungen kaum spüren, als die Erinnerung an die Stimme des Freundes klarer wurde „Denk ihren Namen nicht einmal.“ Ich fühlte den zu festen Griff erneut, es war der gleiche, der mich vor Jahren einmal gepackt und meine Wut damals geschürt hatte, doch wehrte ich mich dieses Mal nicht. Stattdessen versuchte ich, so viel Ruhe wie möglich bei mir zu halten, als ich die Schmerzen und alles, was mich ablenken wollte, so gut es ging in irgendeine Ecke meines Bewusstseins schob, wo sie so wenig wie möglich störten. Sie taten es trotzdem, als ich versuchte, meine Umgebung zu erfassen und ihr bloßer Anblick mich zusammenzucken ließ. Es war eine Sache, ihre hässliche Fratze so zu sehen. Es war eine ganz andere, sie mit meiner Sicht zu erfassen und auch wenn sie zumindest zu einem Teil Wesen meines Gottes waren, versetzte mir ihre Erscheinung ein Stechen im Kopf, das mein Bewusstsein langsam schwinden ließ, bis das vertraute Grau dem Schwarz wich.
Naturgemäß hat man kein Gefühl für Zeit, wenn man weder Licht zur Orientierung hatte, noch wusste, wie lange man auf dem kalten Boden verbracht hatte. Mein erster Gedanke war, dass es viel zu kalt war. Ich fror, eine Tatsache, die mich nicht sonderlich überraschte. Nur langsam wurde mir wieder bewusst, dass ich nicht dort war, wo ich hätte sein sollen, dass mein Körper sich nicht anfühlte, als hätte ich gerade nach einem angenehmen Bad auf den Kissen in dem kleinen Raum meines Hauses mit den Büchern und Zetteln gesessen. Eigenartig, welche Dinge einem zuerst in den Sinn kamen in Situationen wie diesen. Es würde aussehen, als wäre ich einfach verschwunden. Ich rappelte mich zumindest in eine sitzende Position auf, auch wenn meine Hand dabei schmerzte. Nur vorsichtig strich ich mit den Fingern über das Armband, das an Ort und Stelle saß. Der Kratzer, der die feinen Gravuren durchtrennte, ließ meine Augen brennen, vor allem aber die Wut in mir auflodern. Ich würde es ihm erklären, wenn ich hier raus war, doch um überhaupt dazu zu kommen, brauchte ich Ruhe und vor allem die sorgfältig zurechtgelegte Maske, die alles darunter verbarg. Ich nehme an, dass sie mehr Gegenwind erwartet hatte, dass sie davon ausging, dass ich mich wehren würde und ihnen das Leben schwer machen. Stattdessen ließ ich ihre Drohung oder vielmehr Warnung auf mich einprasseln, genauso wie alle Schläge, Tritte und was sie sich sonst noch so überlegte. Sie hätte mich einfach töten können und ich hatte dem nicht sonderlich viel entgegenzusetzen. Noch nicht. Aber auch das verkniff ich mir zu denken, geschweige denn zu sagen. Wer wusste schon, wieviel sie in mir lesen konnte, auch wenn ich allmählich eine Ahnung bekam, dass ich ihre Fähigkeiten in der Hinsicht vermutlich überschätzte.
Sieh es als Warnung, Menschlein, für dein Einmischen.
Aber es hatte zumindest ein Gutes: Ich konnte ihre hässliche Fratze endlich sehen, als sie sich einmal mehr in mein Gedächtnis einbrannte und ich fragte mich, ob es sie interessieren würde, dass ich mich einmischte, wenn sie der Meinung wären, ich wäre keine Gefahr. Manchmal neigte ich dazu, mich selbst zu unterschätzen. Ich ließ nach ihren schneidenden Worten noch Stunden, vielleicht sogar einen oder zwei Tage vergehen, bis ich mich traute, an mein Zuhause zu denken. Sie hatte klar gemacht, was sie wollte und war seither verschwunden. Offenbar lag es in der Natur derjenigen, die es gewohnt waren, die Oberhand zu haben, dann irgendwann die Aufmerksamkeit zu verlieren. Vielleicht war es ihr auch schlichtweg egal, ob ich aus diesem Drecksloch verschwand. Arroganz war kein guter Begleiter, wenn man sich Feinde machte. Ich nutzte das, was mir gegeben war, um an den Ort zu kommen, den ich Heimat nannte, versorgte meine Wunden so gut ich es eben konnte und stieg zumindest des Sauberwerdens wegen für einen Moment in das warme Wasser meines Bades. Es war kein angenehmes, erholsames Bad. Dafür brannte meine Haut an diversen abgeschürften Stellen zu sehr. Wieder wanderte mein Finger über den kleinen Kratzer im Metall des Armreifs. Es war jetzt ein Jahr. Und auch wenn große Versprechungen und übertriebene Gesten zu solchen Tagen nicht zu meinem Repertoire gehörten, machte die Tatsache, dass die Alben mir vor allem diesen einen Tag genommen hatten, es umso schlimmer. Irgendwann, irgendwann würden sie dafür teuer bezahlen.

Keine halbe Stunde später fand ich mich wieder in der wohltuenden Nähe, die gleichzeitig die Wärme mit sich brachte, die ich dringend brauchte und wollte. Ich bemerkte, noch während ich redete, dass meine Erklärungen mir nicht mehr so schwer fielen, dass sie nicht mehr ständig den stummen Begleiter der Angst bei sich hatten, dass jedes Wort zu viel vielleicht doch die Abneigung schüren konnte. Es war nur eine Eigenschaft von so vielen, die ich so sehr liebte, doch ohne seine Sicherheit, die er ausstrahlte, würden wir nicht hier stehen. Es erschütterten ihn keine Erkenntnisse, zumindest ließ er davon nichts an die Oberfläche, ich glaubte aber auch nicht, dass es irgendwo in seinen Gedanken brodelte, als er den Grund erforschte, warum ich Amagar auch half und mich damit einmal mehr schubste zu einer Beschäftigung mit mir selbst. Wollte ich nur eine Schuld begleichen? Nein. Half ich ihm, weil ich mich ihm verbunden fühlte? Ja. Liebte ich ihn? Vielleicht, auf eine Art, die mit der jahrelangen Verbindung aus gegenseitigem Retten und der ewigen Jagd, der Rache, der Revanche und der Dankbarkeit zu tun hatte. Es gab aber auch eine Sache, bei der ich die absolute und unumstößliche Sicherheit in mir trug. Ohne vielleicht oder möglicherweise. Ich gehörte hierhin. Genau dort, wo ich jetzt von der Wärme umfangen wurde, die ich so sehr liebte. Wo ich mich sicher fühlte und nicht nur die Decke um mich gelegt wurde, sondern das Zündholz gereicht, um mein eigenes Feuer wieder zu entfachen. Ich würde nicht gehen, für keine Schuld, für kein Versprechen der Welt.

Verfasst: Mittwoch 30. Oktober 2024, 20:38
von Mairi Kaija
Man verhandelt in der Defensive nicht. Zuerst muss man zurückschlagen.

Gerimor
Rabenmond/Alatner 266

Ich hätte nicht sagen können, weshalb ich vor der alten Standuhr in der Grabkammer stand und die Hand nach dem Pendel ausstreckte. Vielleicht lag es an der vergangenen Messe. Der Rabenmond. Ein besonderer Monat – für die Diener, aber auch für mich.
Fast jedes Jahr im Rabenmond hatte mich Micah aus der Kammer oder aus irgendeiner Tätigkeit herausgezerrt, auf die Straße vor dem Waisenhaus, um mit mir die ersten Schneeflocken zu feiern. Kindliche Freude über die kleinen kristallförmigen Flocken, die sich wie ein sanfter, glitzernder Schleier über die Welt legten und sie ein kleines Stück hübscher machten. Jedes Jahr hatte er mir erzählt, dass ich zu ihm gekommen war, als der erste Schnee in dem Jahr fiel. Damals liebte ich diese Tage oder Nächte, in denen wir das schimmernde Weiß auf uns herabrieseln ließen. Heute hasste ich Schnee.
Ich schubste das Pendel an, während meine Gedanken bei der Messe vor wenigen Tagen davor lagen. Es war zehn Jahre her seit ich die Gestalt das erste Mal erblickt hatte. Trotzdem erkannte ich ihn, als er im Schatten der Grabkammer aus dem Dunkel trat. Ich wusste sofort, wer dort vor uns stand, auch wenn die anderen ihn noch nicht einmal sahen und so grüßte ich ihn, wie es ihm gebührte, lauschte den Worten, die nur an meine Ohren drangen. Der Formant. So hatte sich sein Name in mein Gedächtnis gebrannt. Sein Richter. Derjenige, der Seine Urteile verkündete. Bei seinem ersten Urteil, der ersten Begegnung hatte ich Angst. Panik kroch mir damals in die Knochen, ließ mich schaudern. Und Wut über seine Verkündung. Verzweiflung, dass er dieses Urteil gesprochen hatte. Wir durften uns nicht gegen die Alben stellen. Sie waren Kreaturen unseres Herrn, auch wenn sie nach eigenem Befinden handelten. Wir durften uns ihnen nicht entgegenstellen und an Amagars Seite. Ich durfte es nicht. Heute wusste ich besser, zumindest glaubte ich das, dass das Urteil nicht das Schlimmste war, denn wir mussten ihn nicht ausliefern. Wir durften ihn ziehen lassen. Im Nachhinein war es kein perfektes, kein gutes Urteil, aber es war auch kein Ende.
Ich glaube, der Formant war der Herold, den ich am längsten kannte. Der erste, den ich gesehen haben, ohne ihn nur zu erahnen. Es war dennoch nicht, wie einen alten Freund wiederzutreffen. Zwar war es keine panische Angst mehr, die mich packte, aber ein tiefer Respekt und Demut.
Deine Pfade sind recht, deine Opfer weise und gut, deine Wege stärken seine Ziele - doch auch dich erwartet eine selbstgewählte Prüfung... bald schon, bald.
Ich lauschte seinen Worten, der Anklage, dem Urteil, auch wenn sie mich nicht trafen. Ich entschied mich dennoch, es mitzutragen und den Geschwistern beizustehen, auch wenn meine Gedanken woanders lagen, wunderte mich aber zumindest vage, dass Er mich so sah. Die vielen Zweifel, die auf meinem Weg gelegen hatten, an meinem Dasein, an mir selbst, wie man zu sein hatte. Diese Worte nach all den Jahren, bestärkten mich nur darin, dass ich offenbar den richtigen, nein, meinen richtigen Weg gefunden hatte.

Es nutzte wenig, ein festhängendes Pendel anzustoßen. Nur wenig Bewegung fand sich in der Uhr, als hätte man das Gehäuse mit Sand gefüllt. Und dennoch erklang das Ticken. Insgeheim fragte ich mich, ob es immer kalt sein musste, immer ein Windhauch an uns zerren musste. Vielleicht war das unser Schicksal.
Ma.... r... Mai.... rrrrrri.... Spuuur... wi... ha... wi... haben... Spuuuurrrrr
ssszeeei... Zeiiiit... ba... esss... i... es ist... bald... BALD... AN DER ZEIT
sssieee sind... ihm au... auf... auf der Spurrrrr... und di.. DIR!
Doch wirrrr sind berrrreiiiit...

Ein Wirrwarr an Worten der verschiedenen Stimmen, es war dennoch viel zu klar. Ich hatte zu lange auf den Tag gewartet.
Dann sollen sie kommen. Wir sind bereit.
Er zeigte mir sie. Zeigte mir alle vier, auch wenn der Spiegel kein Spiegel war und sie mich ebenso sehen konnten. Sie starrte mir direkt entgegen mit ihren großen Augen in dem bleichen Gesicht. Ich wich nicht, schaute nicht weg.
Kommt nur. Wir haben keine Angst mehr vor euch. Wir sind lange genug davon gelaufen. Es wird Zeit, dass die Jäger zum Gejagten werden.
Als das Bild verblasste, blieb nur Newenar und letztlich nur die kleine Uhr, die er mir gab.
Zu wenig ZEIT... zU wENiG! Esss... wird sich dir... erschliessen... GIB ES NICHT HER
Ich gab ein Versprechen. Ich würde ihn holen, wenn es an der Zeit war. Das leise, gleichmäßige, wenn auch ungewöhnliche Ticken begleitete mich die nächsten Wochen, ohne sich zu verändern bis zu jener Nacht.

Siebenwacht
Rabenmond 249
Mairi? Die Stimme drang nur leise an ihr Ohr und noch undeutlicher in ihr Bewusstsein. Sie wollte doch nur schlafen. Micah betrachtete das halb zusammengerollte Bündel. Es schmerzte ihn, sie so zu sehen. Schlimmer, als sein geschundener Körper. Es schnürte ihm die Kehle zu und ihm wurde einmal mehr bewusst, dass sie es sich nicht freiwillig angeeignet hatte, auf dem Bauch zu schlafen. Es war keine Vorliebe, sondern schlicht notwendig, um die Wunden nicht mehr zu reizen. Er legte seine Hand auf die Stirn der Schlafenden. Sie hatte sicher Fieber, kein so starkes, auch wenn die Wärme ihrer Haut sich viel schlimmer anfühlte, weil sie immer ein wenig zu kühl war. Vielleicht weil sie so mager war und klein. Woher sollte ihr Körper also auch Wärme nehmen, wenn er nicht gerade darum kämpfte, die Oberhand über Entzündungen und Verletzungen zu gewinnen. Er wusste, sie würde wütend auf ihn sein, wenn er sie jetzt anders behandeln würde, als wenn sie gesund und unversehrt wäre. Auch wenn sie die Freude über die ersten weißen Rieselkristalle nicht offensichtlich teilen würde.
Na, komm, ich schlepp dich, Faulpelz. Sie brummte leise. Immerhin ein Zeichen, dass das Mädchen schon verstanden hatte und so schob er einen Arm vorsichtig um ihren Rücken, den anderen in ihre Kniekehlen. Sie war viel zu leicht, stellte er einmal mehr stumm fest.
Wie kann man eigentlich so wenig wiegen als Mensch? Bist du dir sicher, dass du einer bist? Dabei grinste Micah sie an in einem Versuch, ihr Gemüt etwas aufzuheitern.
Kann ja nicht jeder so fett sein, wie du. Der Konter war zwar leise und heiser, aber er war da. Ein gutes Zeichen. Er drehte sich mit ihr auf den Armen ganz leicht zur Seite, machte ein paar Schritte rückwärts, bis sie durch die Türe waren und beobachtete, wie die kleinen, wunderschönen Kristalle sofort vergingen und nur winzige Tröpfchen hinterließen, als sie auf die blasse, fiebrige Haut trafen. Er bemerkte, wie sich ihre Brauen zusammenzogen und die Lippen aufeinanderpressten. Das machte sie immer, wenn ihr etwas weh tat, sie es aber ums Verrecken nicht zugeben wollte. Er fragte nicht nach, stattdessen hob er die Brauen fast schon überrascht, als die dezent übellaunigen Worte an sein Ohr drangen. Warum magst du Schnee? Er ist kalt, er tut weh, er macht nass. Nur weil er ein bisschen hübsch aussieht und glitzert und sich vom Grau abhebt, das hier sonst ist?
Er betrachtete ihre Miene einen Moment, fast schon ernst. Weil er dich gebracht hat. Und weil du ihn hasst und dich ärgerst. Er fügte den zweiten Teil noch schnell an. Nicht, dass sie noch denken würde, er wäre sentimental und nur wegen ihr so vorfreudig auf die ersten Schneeflocken des Jahres.

Gerimor
Hartung 267
Der Moment des Wachwerdens war stets dem Zustand, in dem ich mich seit über einem Jahr befand, recht ähnlich. Ein Zustand irgendwo zwischen Realität und Traum, zwischen einer Welt, die grausam und ruhig sein konnte und jener da draußen, die wir alle kannten. Es war im Grunde wie meine Sicht, irgendwo zwischen erschreckender Klarheit und grauer Verschwommenheit. Ich war schneller wach, wenn die Erschöpfung und Wärme mich am Vorabend nicht in den tiefen Schlaf versetzt hatten, es dauerte dennoch einen Moment, bis ich verstand, was mich geweckt hatte. Ich hangelte mich halb aus dem Bett, fischte nach den Sachen auf den Sessel, um letztlich das kleine, tickende Etwas aus der Hosentasche zu angeln.
Ich brauchte keine guten Augen, um zu erkennen, dass es sich um keine gewöhnliche Uhr handelte. Die meisten Menschen würden darin ein extravagantes Schmuckstück erkennen. Es passte so wenig zu mir, wie kaum etwas anderes. Ich musste über die fehlende Farbe des Bandes schmunzeln, das so sehr meiner Sicht entsprach. Grau, wie die Welt, aus der die Uhr stammte. Was die meisten anderen nicht sehen würde, waren der Puls, der inmitten der Uhr schlug und der feine Strudel aus schwarzen Sandkörnern. Die Kälte, die ihr entstammte entsprach ebenso der Kälte der Welt, aus der sie kam. Sie fühlte sich nicht mehr fremd an für mich. Zu oft war ich dort gewesen. Ich fragte mich, ob die Torwächterin dahinter steckte, obwohl es Newenar war, der sie mir gab.
Das Ticken wurde lauter, die Zeit rückte näher. Für einen Moment betrachtete ich meine bloßen Hände, als läge die Antwort darin. Ich hatte den Geschwistern nicht leichtfertig gesagt, dass es nur einen Ausgang in dieser Sache gäbe. Es war kein Kompromiss, es war nur ein Entweder-oder. Davon war ich überzeugt.
Doch nicht nur Newenars Stärke, die ich an meiner Seite wusste, ließ mich der Sache gefestigter entgegenblicken. Ich würde keinen der Dienerschaft bitten oder danach fragen, sich an meine Seite zu stellen. Ja, die junge Schwester hatte Recht, es war nicht mehr nur meine Angelegenheit. Dennoch sah ich sie als etwas Persönliches. Wenn nötig, würde ich auch alleine losziehen, mit jedem Gespräch wurde mir aber bewusster, dass ich das nicht musste. Sie standen freiwillig an der Seite oder mitten im Geschehen. Es war aber vor allem das Vertrauen in mich, das mich bestärkte, nicht zurückzuweichen. Und ich war schlichtweg noch lange nicht fertig hier.
Gib ihnen deinen Abgrund.
Und genau das war der Grund, weshalb ich nicht vor hatte, abzutreten. Nicht die Worte an sich, sondern derjenige, der sie sprach. Ich wunderte mich ein wenig, wie sehr man sich beschützt fühlen konnte, ohne dass man es wurde. Aber alleine das Vertrauen darin, meine Fähigkeiten richtig zu nutzen, ohne dass er sie im Detail kannte, das Vertrauen in mich und meine Entscheidungen, war so viel wert. Und genau das hatte ich vor. Sie würden meinen Abgrund zu spüren bekommen, auch wenn sie mich mit hineinrissen. Irgendwie würde ich schon wieder hinaus kommen.

Verfasst: Sonntag 3. November 2024, 01:57
von Mairi Kaija
Du musst deinen Gegner kennen, um ihn zu schlagen.

Gerimor
Eisbruch/Lenzing 267
Wie macht man ein Leuchtfeuer unsichtbar? Auch wenn die Frage eine rein theoretische war, ließ sie mir keine Ruhe. Dazu kam noch, dass mich jedes noch so kleine Geräusch aus dem ohnehin viel zu wenigen Schlaf riss, vor allem, wenn es dem ständigen Ticken in den zu kalten Nächten nahe kam. Die Hoffnung blieb, dass die neue, wenn auch erzwungene Obsession mit Uhren ein baldiges Ende finden konnte. Ich war mir aber gar nicht so sicher, ob das Ticken nicht doch das bessere Geräusch war.
Mittlerweile war klar, dass die Alben annahmen, dass ich der Schlüssel zu Amagar war, den sie noch immer jagten, auch nach all den Jahren. Amagar und ich hatten eine Verbindung, seit der ersten Begegnung, seitdem meine Hand durch die schemenhaften Schlieren gestrichen hatte, seitdem er mir gezeigt hatte, was ich nie wieder fühlen wollte. Natürlich würden sie die Verbindung nutzen. Und sie wussten, dass ich noch immer nicht losgelassen hatte. Das war mir seit der Warnung vor ein paar Monden nur allzu bewusst. Ob sie meine einzig andere Verbindung nutzen würden, wie Newenar es zumindest vage vermutete, war eine andere Sache. Wenn sie mich quälen wollten, ganz sicher. Wenn sie meinen verletzlichsten Punkt finden wollte, durchaus. Meine größte Schwäche war ebenso meine größte Angst. Sie würden mich dort treffen, wo es mir am meisten weh tun würde, wenn sie ihm ein Haar krümmten. Und so sehr ich es wünschte, umso weniger konnte ich es verbergen. So sehr ich für ihn brannte, so einfach konnten sie es sehen.
Schütze die deinen, Mädchen, schütze die, die dich verletzlich machen.
Die Worte ließen mir nächtelang keine Ruhe und es brauchte ein paar Tage, bis ich meine Sorge in Worte – nicht allzu gute, wie so oft – verpacken und teilen konnte. Wir hatten nie eine Beziehung, in der wir uns vor den anderen warfen. Er hatte mich nie hinter sich geschoben, wenn ich mich mit irgendwas anlegte, ich hatte mich nie vor ihn gestellt, wenn etwas auf ihn zustürmte, auch wenn mein ganzer Körper und auch mein Geist danach schrien. Vielleicht war das unserer Vergangenheit geschuldet, vielleicht der Tatsache, dass Mitleid in unseren Geschichten nicht existierte. Mitgefühl dafür schon und vor allem Verständnis. Wir hatten unsere Kämpfe immer allein ausgefochten, weil wir es beide so wollten. Dennoch würde ein Wort reichen und ich würde in jedem Krieg an seiner Seite stehen. Womöglich war das genau der Punkt, der es so einfach machte mit ihm. Er gab mir nie das Gefühl, als müsse oder wolle er mich beschützen, wie es andere vor ihm getan hatten, er war nicht mein Schutzschild. Und umgekehrt genauso. Auch wenn ich wusste, er würde es tun, wenn es sein musste. Er gab mir Sicherheit, ohne mich schwach fühlen zu lassen. Er war mein Leuchtfeuer.

~~ wenige Tage darauf ~~
Du musst nur einmal siegen - dann, wenn du es das letzte Mal probierst.

Ich hob die kleine Kappe mit dem Mohnsaft darin hoch, hielt sie dicht vor mein Gesicht, so dass ich in der Dunkelheit noch gerade die Umrisse erkennen konnte. Es nützte nichts. Auch wenn der Saft die Träume nicht fernhalten konnte und würde, zumindest brachte er etwas Schlaf. Nicht die ersehnte Erholung, nicht die Wärme, doch zumindest mein Körper würde etwas der Anspannung der letzten Tage für ein paar Stunden ablegen können. Hoffentlich. Es dauerte nicht lange, nachdem ich die Kappe geleert hatte, bis die Zwielichtsicht von grauen Schemen und Umrissen verschwand und ich in Schwärze tauchte. Vorerst.


Es waren graue, verdrehte Schleier, die hochgewachsene, schlanke Gestalt, die mich in Alarmbereitschaft versetzten. Irgendwo in meinem Geist schimmerte der kleine Funke Bewusstsein, der mich die Hitze an meinen Fingern spüren ließ, den Stoff, in den sie griffen, die Haut darunter, die angespannten Muskeln, nicht die vertraute und gute Art der Anspannung. Es schien mir unmöglich, loszulassen. Ich wollte nicht loslassen, während ich die viel zu schnellen grauen Schleier einzufangen versuchte. Ich hatte immer damit gerechnet, dass die Albin jene wäre, die mir wieder nahe käme, die mich schmerzlich daran erinnern würde, was sie waren und was ich war. Wer der Ober und wer der Unter in diesem Spiel war.

Er ist so... hübsch... er gefällt mirrrrrr..
Es war nicht ihre Stimme. Ich kannte sie dennoch, alle anderen, die sich hineinmischten auch, nur anders als bei der Albin weckte nicht ihr Klang etwas in mir, als vielmehr das, was sie sagte. Wenn ich die Zeit und das Bewusstsein gehabt hätte, hätte ich geschaudert. Doch all meine Aufmerksamkeit, jeglicher Fokus lag gerade nicht auf mir. Und ich hatte Angst, die ich verzweifelt zu kontrollieren versuchte. Nicht um mich. Sollten sie mit mir machen, was sie wollten.
Zieh dich jetzt zurück, kleines... schwaches... Mädchen!
Wie schmeckt dir diese Medizin, Kind?
Seine Seele ist sooo schön facettenreich, gesplittert... berrrrührt. 'Diese Ängste, köstlich, ich will sie alle auf einmal schmecken!

Neben dem ersten Entsetzen, dass sie diese Grenze tatsächlich überschritten, und der Angst um ihn, mischte sich aber noch etwas anderes in meine so gerne kontrollierten Emotionen – Wut. Darüber, was sie sagten, darüber, was sie taten, vor allem aber über Berührungen, die nicht hätten sein sollen. Ich hatte nicht lange nachgedacht, hatte schlichtweg das klerikale Abbild meiner Kraft zwischen ihr Ziel und sie gedrängt und sie zurückgeschoben, so gut es eben ging. Natürlich reichte es nicht aus. Ich war eine Dienerin eines Gottes. Sie waren seine Wesen seit Jahrhunderten. Die offensichtliche Unterlegenheit schürte das Feuer nur noch mehr. Doch dieser kleine Abstand, diese nicht mehr unmittelbare Nähe reichten aus, damit ich zumindest einen halbwegs klaren Gedanken fassen konnte. Vielleicht blieb mir auch nichts anderes übrig, als mich auf das Spiel einzulassen. Vielleicht war es auch das vertraute Sturmgrau und die Zusicherung, die darin lag, die meine Entscheidung nicht ins Wanken brachten. Wie konnte er so viel Vertrauen in mich haben, wenn ich selbst nicht wusste, was ich tat? Ein wenig Zeit war, was ich so dringend brauchte.
Macht er euch so viel Angst, dass ihr nicht mal seinen Namen sagen könnt? Was ist euer Wort wert?
Genau so viel wie deines, kleine Dienerin. Was wollen wir mit deinem Spielzeug, wenn wir ihn haben koennen?
Warum habt ihr ihn dann noch nicht?
Ich nehme den hübschhhhen Burschen...
Nein. Nehmt, was ihr schon lange wollt.
AMAGARRRRRR
Sein Name hallte noch lange in meinen Ohren nach, auch wenn sie ihn nur einmal ausgesprochen hatten, wenn das Ächzen nur einmal den Raum gefüllt hatte. Er würde es noch ein paar Tage ohne mich schaffen. Er würde meine Entscheidung verstehen. Schließlich war er es, der mein Herz erkannt hatte. Der mir den Weg gezeigt hatte, meine Schwäche zu einer Stärke zu machen. Er wüsste, warum ich es getan hatte und ich wusste es plötzlich auch, war mir erstaunlich sicher.
~~~

Plötzlich war da Vertrautheit, die meinen Geist berührte, Verbundenheit und als ich genauer hinsah, zeichnete sich das ab, was ich nicht in Erinnerung hatte, vielleicht hatte er sich auch verändert. Es war wie durch eine feine Nebelschlicht das Funkeln von Sternen zu betrachten. Ich hatte eine Ahnung, wie es auf die anderen wirkte, es war nur nicht das, was ich vornehmlich sah. Nur kurz, nur für den Bruchteil von Sekunden schimmerte unter dem nebelhaften Fluss und den glimmenden und schwindenden Lichtsternen, die Gestalt durch, das Gesicht, das mir seit beinahe zehn Jahren vertraut war. Ich rührte mich trotzdem erst einmal nicht, musste mich selbst fassen. Wenn man Jahre auf etwas wartete, war man trotzdem nicht vorbereitet. Wollte ich ihn umarmen? Ja. Hatte ich zu viel Angst vor der Leere, die er mir damals offenbart hatte? Ja. War ich mir sicher, dass die Hälfte der Anwesenden im Raum es nicht verstanden hätte? Ja. Genau wie damals. Also verweilte ich, nahm mir die Zeit, bis ich wirklich etwas sagte. Die meiste Zeit versuchte ich ohnehin zu lauschen, in seine Erklärungen gegenüber der Dienerschaft mehr Sinn zu bringen. Selbst er, der sich Jahrzehnte mit den Alben beschäftigt hatte, ihnen seit mehr als zweihundertfünfzig Jahren immer wieder entkam, konnte keine Sicherheit bringen. Es blieb ein Himmelfahrtskommando, auch wenn der Plan mehr Gestalt annahm. Was konnten wir ihnen also entgegensetzen? Wir hatten die Kraft der Dienerschaft. Wir hatten Newenar, der uns sicher nützlich sein würde bei ihrer Fähigkeit, das Lied zu beeinflussen. Wir hatten Amagar. Wir hatten mich.

Es gibt nur einen Ausweg dieses Mal.
Deshalb bin ich hier.
Deine Loyalität ist beispiellos, besonders unter Unseresgleichen.

Erst als ich nach all den Jahren einen Moment mit ihm alleine hatte, wich die Anspannung etwas. Es gab so viele Fragen, die mir auf der Seele brannten, doch war es nicht die Zeit dazu. Danach, danach würde Zeit sein, wobei ich eine Ahnung hatte, dass sie mir wahrscheinlich nicht beantwortet werden würden. Doch manche Dinge, hatte ich das Gefühl, änderten sich kaum. Auch jetzt nach all dieser Zeit war er es, der mir die Ratschläge gab, mich warnte, auch vor Verbündeten. Kurz kam mir das Aufeinandertreffen erst ein paar Tage davor in den Sinn. Ich hatte mich gewundert, weshalb die Verbindung zu meinem Verbündeten nicht funktioniert hatte. Warum ich die Spiegelklinge in der Hand hielt und er trotzdem nicht zur Hilfe kam. Hatte er es nicht gesehen, nicht wahrgenommen? Worauf wartete er? Oder war der Pakt doch nicht so fest, wie ich es dachte. Ich würde ihn dennoch einfordern. Newenar war unsere Überraschung. Auch wenn er mir nicht half bei ihrem Besuch, so würde er es tun, wenn es sein musste.
Nicht die Alben werden dir irgendetwas geben für Opfer, sie nehmen nur. Verlass dich auf die wahren Diener unseres Herrn.
Verrate Ihn nicht und verrate dich nicht, Mairi Kaija. Alles andere wird sich fügen.


~~~

Erneut wurde ich fortgerissen, fand mich in der geliebten Wärme wieder, nur kurz, ehe meine Sinne die Gefahr wieder spürten und die Fratze sich hinter dem vertrauen Seelenlicht abzeichnete. Dieses Mal gab es kein Zögern, kein Beobachten, kein angstvolles Erstarren, auch wenn die Angst über mich rollte wie eine Lawine aus Schnee und Eis, ich weigerte mich, ihr nachzugeben. Ich hüllte ihn sogleich in das schützende Zwielicht, umgab ihn mit den Nebelschlieren und stemmte mich gegen alles, was ihm hätte zu nahe kommen können. In diesem Gefüge, in dem ich klar und deutlich sehen konnte. Ansonsten blieb mir nur, nahe zu bleiben, ihn festzuhalten. Ich ließ von beidem auch nicht ab, auch wenn die Übelkeit über mich hereinschwappte, als er zubiss. Ich nahm noch war, was sich auf der vertrauten Miene widerspiegelte, sah den Ekel, den Schrecken und hörte die Worte, stemmte mich und alles, was ich an Kraft noch hatte, gegen die Umarmung und den Biss des verhassten Wesens, ehe er die Erinnerungen über mich hinwegfegen ließ.

Aaaaah, wie fühlt es sich an, wieder einmal zuzusehen, wie der, der dich schützen will, leidet?
Es war nicht mehr Silens Stimme, es war Micahs, jung, kindlich, jungenhaft und flehend.
Bitte, bitte... tu ihr nichts... bitte.
Für einen Moment war ich in Siebenwacht, für einen Augenblick spürte ich die alten Dielen unter meinen Füßen beinahe, für einen Atemzug lang spürte ich alles Leid, allen Schmerz. Vielleicht war es das Wanken meiner eigenen Kraft, vielleicht auch die Leere im Blick, der sich nach dem Blinzeln wieder in meine Sicht schob, vielleicht ein winziger Funke meines Bewusstseins, der mir klar machte, dass das nicht wahr war. Und für den Augenblick blieben nur der Schmerz und die Übelkeit, den die Erinnerungen und der viel zu feste Griff am Oberarm hervorgerufen hatten.
Was verbindet dich... mit der Torwächterin? Falsches Spiel... wir sehen uns wieder, bis dahin... seht zu, wie ihr beide _hier_ wieder heraus finden könnt!
Graue Wellen rissen mich davon, rissen mich aus dem zu festen Griff und ließen mich ins Leere fassen. Als mein Geist wieder aus der Dunkelheit tauchte, war ich… ich. Nur vor vielen Jahren. Ich war wieder das kleine Mädchen aus dem Kinderhaus in Schwarzwasser, ängstlich, verletzt. Ich hörte das leise Atmen in meiner Nähe, noch bevor der Lichtschimmer eine Jungengestalt freigab. Micah? Nein, es war nicht Micah. Er hatte kein schwarzes Haar oder war von so schlankem Wuchs. Misstrauen kroch in mir hoch, Vorsicht. Ich kannte ihn nicht und doch war er mir nicht fremd und ich war mir sicher, dass ich diese Augen nie vergessen hätte, wenn ich sie vorher jemals gesehen hätte. Ein seltsamer Gedanke zog sich durch mein kindliches Gemüt und trotz meiner Vorsicht mochte ich den Abstand zwischen uns nicht. Ich wollte seine Hand halten, musste sie festhalten. Alles in mir schrie danach, ihn zu berühren. Mein ganzes Dasein bestand nur aus dem Gedanken, dem Wunsch, ihn zu beschützen.


Ich schreckte hoch, wachte aus den Träumen auf, die nicht mehr aber auch nicht weniger waren, als die Erinnerungen der letzten Tage. Kurz suchte ich verzweifelt nach der Wärme, die nicht da war, bis ich realisierte, dass ich diese Nacht selbst so gewählt hatte. Der Schimmer von Licht, der den Raum in helleres Schemengrau verwandelte, verriet immerhin, dass ich ein paar Stunden geschlafen hatte. Geträumt. Erinnert. Der Mohnsaft. Meine Atemzüge kamen zu schnell, der Schweiß auf meiner Haut war kalt und ich schauderte. Ich konnte die Angst nicht so schnell abschütteln, wie ich es wollte. Nicht um mich selbst. Darum machte ich mir gerade die wenigsten Sorgen.
Ich hatte immer gedacht, dass die weiße Albin mich in den Abgrund stoßen würde. Wie sehr ich mich getäuscht hatte. Und eigenartig, dass ich immer fest davon ausging, dass die Alben immer zusammen waren. Warum hatte ich das gedacht? Weil ich sie so erlebt hatte? Aber hatte ich sie nicht auch schon anders erlebt, die Albin allein? Erst als Amagars Worte schmerzliche Bestätigung fanden, war klar, was es tatsächlich bedeutete. Sie waren nicht untrennbar. Sie schienen sich nicht einmal untereinander völlig loyal.
Und es war auch klar, dass Silen einen besonderen Platz eingenommen hatte. Vor allem in meiner Geschichte. Ich hatte lange nicht so viel Hass verspürt, vielleicht nie zuvor. Und möglicherweise rückte mein Fokus ab von den Alben und mehr hin zu nur einem davon. Er hatte sich an jemandem vergriffen, der mir wichtiger war, als mein eigenes Heil. Er hatte es ausgenutzt. Zuerst gegen mich und dann für sein eigenes Vergnügen. Er wollte wissen, was mich mit der Torwächterin verband und ich war bereit, es ihm in seine hässliche Fratze zu schleudern.
Kurz wanderten meine Finger über die fast verblassten Abdrücke an meinem Hals, dann über den Verband, der um mein rechtes Handgelenk und einen guten Teil vom Unterarm gewickelt war. Ich bewegte die Hand und kniff unter dem Schmerz kurz die Augen zusammen.
Ich wusste es besser, wusste, dass ich ihn nicht berühren sollte, wenn das Fieber über ihn brandete. Aber seine Qual und das, was sich auf seiner Miene abzeichnete, schmerzten mich so sehr, dass ich die Nähe brauchte. Ich konnte nicht anders, als ihn zu berühren in dem verzweifelten, sanften Versuch, ihm irgendwie Ruhe und Erlösung zu spenden. Ich hatte ja keine Ahnung und war so überrascht von der Heftigkeit seiner Reaktion, dass ich viel zu spät meine Gedanken beisammen hatte, um ihm zu entgehen. Sein Griff war zu fest, schmerzhaft, so fest, dass die Knochen meines Unterarms nachzugeben drohten. Er hörte mich nicht. Er sah mich nicht. Und trotz des Schmerzes zögert ich, mich gegen ihn zu wehren, ihm etwas zuzufügen, auch wenn es nur für einen kurzen Moment nötig wäre. Ich war zu vorsichtig dabei, ihn zu lähmen. Und ich verabscheute mich, dass ich es doch tun musste und nur noch mehr Gegenwehr in ihm hervorrief. Viel zu spät sickerte in mein Bewusstsein, dass ich mich ihm anders entziehen konnte, zu spät für unversehrte Haut oder Handgelenke. Ich hasste alles daran. Seine Qual, meinen Schmerz, die Tatsache, dass das nicht spurlos an uns vorbeigehen würde. Meine Unfähigkeit, direkt auf das seichteste und effektivste Mittel zurückzugreifen. Ich hasste, dass er überhaupt ein Teil von diesem ganzen Wahnsinn sein musste und meinen Egoismus, weil ich nicht vorher gehen konnte und meinen dummen, dummen Gefühlen nachgeben musste und geblieben war. Und allen voran hasste ich den Silen.

~~ wenige Tage darauf ~~
Lügen werden zur Wahrheit, wenn man sie glauben will.

Aufgeweckt aus Albträumen. Es schien beinahe wie Ironie an diesem Tag. Ich nahm mir die Zeit, für mich, für meine Gedanken, für meine Erinnerungen, die mich schon im Schlaf gejagt hatten. Es waren nicht jene an Siebenwacht, an das Haus, an den Jungen. Zumindest nicht die gleichen Fetzen wie damals. Sie hatten sich verschoben, hatten Regengrau gegen einen Sturm getauscht, den ich zuletzt vor anderthalb Jahren wirklich sehen konnte. Ich vermisste ihn.
Meine Finger taten sich schwer, als ich am Nachmittag den gefalteten Zettel in die angelaufene Schatulle steckte. Kurz kroch in mir der Gedanke hoch, dass das vielleicht der letzte Zettel war. Hatte ich alles gesagt? Hatte ich drumherum geredet? Für einen Moment starrte ich das verwitterte Holz an, hatte die Hand gehoben, doch das Klopfen blieb aus.
Keine Stunde später zerrte ich mit meiner schmerzenden Hand die letzten Schnallen des ledernen Wamses fest. War es eine kluge Idee, verletzt in solch ein Vorhaben zu gehen? Sicher nicht. Aber zum einen hatte ich keine andere Wahl mehr und hatte sie ohnehin selbst so getroffen, zum anderen war der Verband und die schmerzende Hand eine Erinnerung, weshalb ich zurückkehren musste. Als letztes fand die tickende, alte, eigenartige Uhr den Weg in meine Tasche.
Ich war froh um die eine oder zwei Stunden, in denen ich allein vor der alten Standuhr verbringen konnte. Sie war ein Weg in die Geisterwelt, war eine Möglichkeit das Tor zu öffnen. Nicht für Newenar, er brauchte es nicht, konnte wandeln ohne durch Pforten zu schreiten. Vielleicht war sie der kleine Unterschied, der die Waage zum kippen bringen konnte. Ich hatte niemandem davon erzählt, war selbst erst durch Silen darauf gekommen. Vielleicht war es Wahnsinn, aber immerhin ein kleiner Keim einer Idee.
Mein Blick wanderte über die blau-lila-grauen Seelenlichter und die Gestalten, die sie umhüllten. Es waren so viele und kurz zweifelte ich, ob ich nicht alle in den Abgrund mitnehmen würde. Aber es war ihre Entscheidung. Es gab keine Bitte, keine Forderung im Vorhinein. Lediglich meine Geschichte und die feste Tatsache, dass ich dort stehen und mein Versprechen einlösen würde. Von manchen kannte ich nur diesen Anblick, nur die Schemen und das Flackern. Und ich stellte fest, dass ich eigenartig ruhig war, wenn es um meine Sicht ging. Ich war in Ordnung damit. Wenn das ein Preis dafür war, den Alben ein Ende zu bereiten, dann hatte ich ihn vor anderthalb Jahren gezahlt und mittlerweile hielt ich ihn nicht einmal für zu hoch. Amagars Anblick alleine wäre es wert gewesen. Trotzdem war es etwas anderes, auf dem mein Blick im Moment seinen Fokus fand. Das Netz aus den verschiedenen Abbildern des klerikalen Wirkens. So verschieden wie die Dienerschaft war, so unterschiedlich war ihr Wirken. Von Dornenranken bis hin zu hellgrünen, sich schlängelnden Schlieren, von dunklen Schatten über Efeuranken bis hin zu dem Hauch von Krankheit und Pest – trotzdem waren am Ende alle verflochten zu einem Netz, das sich mehr und mehr festigte. Wir waren so stark, wenn wir unsere Kräfte verbanden. Und brandgefährlich. Doch waren die Alben das auch.

Der Schrat war der erste, der sich zeigte und sogleich auf sein Ziel zustürmte. Er würde es nicht erreichen. Das Netz hielt und doch war es nur einer. Für den Moment, nur für Augenblicke, bis sich seine Geschwister zu ihm gesellten. Die Weiße Frau, Cliodhna. Der Blutbrecher. Der Silen.
Atmen.
Wir mussten sie abschneiden, sie waren zu stark. Ich sah, wie sie den anderen Dienern zusetzten, spürte, wie sie gegen das Netz ankämpften und doch waren es nicht ihre klerikalen Ausbrüche und magischen Angriffe, es waren nicht ihre Drohungen oder Gestalten, die peitschenden Arme, die versuchten, zu verletzen. Es war eine vertraute Stimme an meinem Ohr, warmer Atem, der mir dabei über die Wange strich. Es war der Schmerz, der in den Worten lag, der mich wanken ließ. Irgendwo am Rande meines Bewusstseins war mir klar, dass sie mit den anderen das Gleiche machten. Sie spielten mit unseren Ängsten. Täuschend echt. Ich tat das einzige, was mir in dem Moment hilfreich erschien, uns allen. Am Ende lief es immer auf eines hinaus. Kra’thor. Es war mir bewusst, es war richtig. Trotzdem war es viel mehr Hoffnung, als Gewissheit, dass er seinen wahren Dienern beistehen würde und den Verrätern den Rücken kehrte.
Als die nächste Welle der Verzweiflung über mich schwappte, die Worte sich so sehr in meine Gedanken bohrten, dass ich sie vermutlich noch Wochen hören würde, war es der kurze Schmerz des zu festen Griffes, es war der kleine Funke, der hell aufglomm und sich neu entfachte. Sie waren nicht unfehlbar. Und auch wenn die Vertrautheit der Stimme so täuschend echt war, so waren es die gewählten Worte nicht. Ich ließ los, auch weil ich wusste, dass die anderen noch immer fest im Netz verbunden waren, richtete meinen Fokus stattdessen auf die Standuhr und die Taschenuhr. Newenar.

Und plötzlich, im Anblick der drohenden Passage zur Geisterwelt, letztlich im Angesicht zu dem Verbündeten, waren sie es, die Angst hatten.
Er wollte meine Verbindung zur Wächterin. Jetzt konnte er sie haben.
Ich bekam das Ableben – oder vielmehr das Verschlingen der anderen drei nicht einmal ganz mit, hatte keinen Blick dafür, solange der Silen in meiner und in Amagars Nähe war. Er kämpfte. Panisch. Hektisch.
Es war meine Wahl, wie er gehen sollte. Vielleicht unfair, wenn man bedachte, dass Amagar derjenige war, der so viele Jahre vor ihnen geflohen war. Dennoch ließ er sie mir aus irgendeinem Grund. Und ebenso Newenar, der von vornherein klar gemacht hatte, dass die Alben seine wären, wartete auf meine Worte. Er wusste, warum. Als ich den Silen ein letztes Mal anblickte, kroch kalter Hass in mir hoch. Nicht nur, weil er mir so zugesetzt hatte in den letzten Wochen, auch und vor allem, weil er Erinnerungen, die nicht meine waren, zurückgeholt und mit ihnen gespielt hatte. Meine Antwort fiel ruhig aus, ungewohnt kühl und vermutlich konnte die Tragweite niemand anderes erahnen. Vielleicht nicht einmal ich selbst. War sie grausam? Ja. Trotzdem lag kein Zögern in ihr.
Mit allen Erinnerungen, die er zurückgeholt hat. Mit allem Leid, allen Schmerzen. Ihr seid doch Wesen der Gefühle. Jetzt kannst du sie alle haben.
Ich beobachtete, wie Newenar begann, ihn zu verschlingen, war gefangen in dem Anblick und konnte so dem Arm nicht mehr ausweichen, der nach mir peitschte und mir den Rücken aufriss. Kurz, ganz kurz, wollte ich lachen über die Ironie, der Schmerz ließ mich aber stumm bleiben, ließ mich verharren mit dem Gedanken, dass wir es geschafft hatten. Er war fort. Ich hatte mein Versprechen gehalten.

Verfasst: Montag 4. November 2024, 08:51
von Mairi Kaija
Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können.

Geisterwelt
Lenzing 267
Ein Jahrzehnt später, stand ich dort und konnte endlich mein Versprechen einlösen. Trotz der Verletzungen, trotz der Erschöpfung war es die Erleichterung, die alles andere überlagern wollte. Das Grau der Geisterwelt erschreckte mich lange nicht mehr. Es machte mir keine Angst, genauso wenig wie die Tatsache, dass wir zu ihr mussten. Auch sie hatte an diesem Abend einen Sieg errungen. Ihre Anwesenheit brachte immer Kälte mit sich. Ich hätte nicht einmal sagen können, ob tatsächlich oder einfach ein Gefühl, das die Schauer hervorrief. Meine Sorge galt trotzdem mal wieder nicht mir selbst, sondern demjenigen an meiner Seite. Erst ihre kühle Stimme forderte meine Aufmerksamkeit ganz ein.
Du hast dich an unsere Abmachung nicht nur gehalten, sondern mir den Dienst erwiesen, sie alle vier zu vernichten und... dennoch bist du mir mehr als eine Antwort schuldig.
Wer bist du, Kind?

Ich schwieg für einen Moment. Die Zeit verging hier ohnehin anders, doch ich brauchte den Moment, um selbst darüber nachzudenken. Hilfe bei dieser Frage konnte ich nicht erwarten und wenn man darüber nachdenkt, sollte die Antwort eigentlich leichtfallen und schnell parat sein. Für viele, vermutlich.
Ich fing mit dem an, was mir am logischsten schien, was meinen Weg seit vielen Jahren gepflastert hatte. Ich war Seine Dienerin. Doch das war nicht die Antwort auf die Frage. Es war ein Teil von mir. Es war nicht alles. Mein Blick wanderte wieder zu demjenigen, der neben mir stand. Amagar war es, der den Namen das erste Mal ausgesprochen hatte, er war es, der ihn mir mitgab, obwohl er mir schon immer gehörte. Und so sprach ich ihn aus.
Gut, so sollst du mein Versprechen haben, dass du das niemals vergisst, nicht einmal, sollte ER dich hierher senden... diesen Namen und eine weitere Erinnerung schenke ich dir. Du hast gelernt, ohne deine Augen zu sehen und auf Anderes zu lauschen?
Dann nenne mir die Erinnerung, die deine bleiben soll... immer und ewig.


Wieder war ich still. Stumm für eine ganze Weile. Für einen Moment fragte ich mich, wie man aus dem Unmöglichen wählte? Wie wählte man aus so vielen Erlebnissen, Erinnerungen, Gefühlen? Dennoch war mir erstaunlich klar, was ich nicht aufgeben wollte, was ich mir nicht vorstellen konnte, zu verlieren. Ich sah es – ihn – so deutlich vor mir, dass es keinen Zweifel an meiner Wahl gab. Es war keine leichtfertige Entscheidung, aber eine einfache. Und ich pokerte hoch, in dem Wissen, dass sie ihr Angebot jederzeit zurücknehmen konnte und mich strafen konnte für meine Frechheit. Ich wusste, dass sie mir jederzeit alle nehmen konnte, anstatt mir eine zu lassen.
Ich will ihn nie vergessen.
Und dann sprach ich den Namen aus, den ich so weit wie möglich von all dem hier fern halten wollte. Der durch meine Fehde mit den Alben überhaupt erst in den Fokus gerückt war. Es war eine selbstsüchtige Entscheidung. Es war eine, die irgendwann, in vielen Jahren, wenn alle anderen Erinnerungen verblasst waren und Zeit und Tod gemeinsam ihr Unheil getrieben hatten, schmerzen würde. Vielleicht war es töricht. Aber es war das eine auf dieser Welt und den anderen, das ich nicht hergeben wollte.
Ich spürte Amagars Anwesenheit neben mir, konnte mir vorstellen, wie er mich in diesem Moment sah, als ich die wenigen Worte und den einen Namen aussprach. Es hätte vermutlich viele Menschen oder auch andere Wesen gegeben, die meine Entscheidung belächelt hätten. Ganz, ganz kurz zuckte der Gedanke auf, dass sie, wie sie vor mir stand als Wächterin dieser Welt, auflachen würde. Es gäbe sicherlich jemanden, einige, die meine Wahl verspottet hätten. Das waren jene, die mich nicht kannten. Die nicht hinter die ruhige, vielleicht manches Mal kühl wirkende Fassade blicken konnten oder wollten. Man hätte mich in dem Moment als vieles sehen können. Als naives, verliebtes Mädchen. Als Anhängsel, das sein Herz verloren hatte. Als hoffnungslos fühlend, klammernd an Etwas, das nicht ewig währen würde und was verzweifelt versucht wurde, zu halten. Vielleicht hätten andere, naive, verliebte, klammernde Mädchen diese Entscheidung auch getroffen, um sie dann zu präsentieren in der Hoffnung, dass sie die Erwiderung der Liebe bringen würden, die sie sich erhofften. Sie hätten sie mit strahlenden Augen demjenigen verkündet, dessen Namen sie genannt hätten. Hätten sich in seiner Bewunderung, die sich wie eine weiche Decke um sie gelegt hätte, heimelig und warm, geliebt und begehrt gefühlt. Und sie hätten all das getan, ohne zu ahnen, was die Entscheidung bedeutete.
Das fühlende Herz, so hatte Amagar mich von der ersten Begegnung an genannt. Und sicher hatte er damit seither Recht behalten. Ohne Zweifel war ich das. Ich traf keine Entscheidungen, ging keine Wege, aus bloßem Kalkül. Ich war nicht berechnend, ohne in meine Gedanken auch die kleine Stimme meines Herzens einfließen zu lassen. Ich traf keine Wahl ohne Emotion. Nicht einmal der Abgang des Alben, des Silen, war eine solche. Ganz im Gegenteil. Ich ließ ihn all den Schmerz spüren, den er mir und ihm zugefügt hatte, aus Wut, aus Hass, aus Liebe. Meine vermeintliche Schwäche war zu meiner Stärke geworden. Aber ich war auch nicht das kleine, naive Mädchen, das die Welt in rosaroten Schattierungen sah. Ich liebte mit meinem kompletten Dasein und trotzdem war mein Bewusstsein nicht völlig umsponnen von der rosafarbenen Wärme und Ruhe.
So klar wie mir war, dass es die schönste, die beste Entscheidung war, alle Momente, die zusammen erlebt würden, für immer festhalten zu können, so war mir schmerzlich bewusst, dass es gleichermaßen die schlimmste, traurigste Wahl war. Die einfachste und die schwierigste zugleich. Zum einen, weil es nicht immer nur gute Momente geben würde und ich wusste, was die schlechten Momente mit mir machten, weil ich sie schon erlebt hatte und mit meiner Entscheidung ebenso festhielt, auch wenn ich sicher war, dass wir noch nicht die schlimmsten erlebt hatten. Allein der Gedanke an ein ‚danach‘ nahm mir den Atem, wie der verzweifelte Versuch, Luft in die Lungen zu zwingen, wenn man dabei war zu ersticken oder zu ertrinken. Vergeblich. Schmerzhaft. Sinnlos. Ich wollte kein ‚danach‘, aber mein Wollen spielte in dieser Hinsicht nicht die größte Rolle. Zum anderen war sie beinahe unmöglich in ihren Ausmaßen, weil ich diesen Teil meiner Selbst damit niemals abgeben würde.
Diese Entscheidung würde mich umbringen, quälend langsam, Stück für Stück, Tag für Tag, ohne mich zu töten. Sie würde mir einen Teil der Menschlichkeit erhalten, auch wenn ich vielleicht nichts anderes Menschliches mehr an mir hätte in vielen, vielen Jahren.
Der Unterschied zu denjenigen, die nicht den Abgrund hinter den rosaroten Wattewolken sehen konnten oder wollten, war, dass mir all das vollkommen klar war, als ich den Namen trotzdem aussprach und meine Wahl in die Hände der Wächterin legte. Der Unterschied war, dass ich nicht zu ihm gehen würde und ihm den größten und dümmsten Beweis meiner Gefühle vor die Füße legen und erwarten würde, dass er sich darüber freuen und mich jauchzend in die Arme ziehen würde. Dazu war er zu klug. Er würde das Ausmaß erkennen, zumindest erahnen. Es wäre töricht gewesen, zu glauben, dass eine solche Entscheidung dazu führt, dass man selbst mehr geliebt wird, denn sie hatte nichts mit seinen Gefühlen mir gegenüber zu tun. Ich hätte sie so oder so getroffen, sie war meine, auch wenn er mich dafür vielleicht endgültig für irre erklären würde. Vielleicht sagte sie aber zumindest das aus, was ich nicht in Worte fassen konnte, was er ohnehin wusste und wissen sollte. Ohne rosa, ohne heimelige Decken.
Ihre Worte überraschten mich, hatte ich doch viel mehr mit einer Rüge oder gar Strafe gerechnet und ich zuckte unter ihrer eisigen Berührung zusammen. Der blinde Fleck war verschwunden, als mein Blick sich auf der Wächterin und dann auf Amagar fokussierte. Nur vage am Rande nahm ich noch das Schimmern seines klerikalen Abbildes wahr.
Ich gebe dir, was ich dir genommen habe zurück, doch gibst du mir _dich_ dafür. Du bist ein Teil meines Reiches, zu oft gewandert, zu oft darin gestöbert und _du_ gehörst in manchen Bereichen schon lange hierher und mir. Für Amagar, für den Handel mit meinem Bruder, für dich, fürs Vergessen und wieder für Amagar, dann im Handel mit Newenar und im Bunde mit mir.
Sie hatte Recht. Ich war zu oft dort, hatte zu viel dort gelassen von mir, immer wieder. Manches Mal unfreiwillig. Ein Teil von mir gehörte schon lange dorthin. Ich hatte eine Ahnung, was es bedeuten würde, sich ihr ganz zu verschreiben, hatte eine Vorstellung aus dem, was ich selbst erlebt hatte und was ich aus Erzählungen kannte. Es würde bedeuten, dass ich das verlor, was mich ausmachte, was uns alle ausmachte. Warum war er es aber, der schon wieder für mich einstand? Er hatte gerade seine Freiheit zurück nach so vielen Jahren, die so viele Menschenleben umspannten. Warum ließ er sich nun erneut Fesseln anlegen? Ich wollte ihn anschreien, wollte ihn schlagen dafür, zumindest wollte ich ihn fragen. Trotzdem willigte ich einfach ein. Ich machte seine Bitte zu meiner Bedingung. Wenigstens das musste ich ihm geben und ich hatte heute ohnehin schon einmal hoch gespielt, also tat ich es nochmal. Er hatte mir Zeit geschenkt, also musste ich ihm wenigstens ein wenig von dem geben, wonach er sich sehnte.
Verschwende es nicht, fühlendes Herz! Du weißt nun, wo du mich finden kannst.
Versprochen.

Manche Kreise schlossen sich. Vielleicht konnte man aber auch auf deren Linien wandern, sie ein wenig ausdehnen. Unser Kreis schloss sich, wie er begonnen hatte, vor mehr als einem Jahrzehnt. Mit einem Versprechen. Und meiner Ewigkeit.

Verfasst: Freitag 30. Mai 2025, 19:51
von Mairi Kaija
Die Sehenden sind es nicht, die sich für sehend halten, immer nur die Blinden.

Gerimor
Lenzing 267

Es gab keine Frage, wo ich zuerst hin wollte. Ich musste wissen, ob es wirklich vorbei war, ob der Silen nicht doch irgendetwas in der Hinterhand gehabt hatte. Ich wollte nichts und niemand anderen vorher sehen. Nur war mein Körper so schwer, so müde, dass ich es kaum noch nach oben schaffte. Nur ganz kurz sitzen, dann das Blut und den Dreck abwaschen, aus dem schützenden Leder heraus, nur ganz kurz durchatmen und dann würde ich mich auf den Weg machen. Nur dass die Erschöpfung einen anderen Plan hatte, mich nicht mehr aufstehen ließ, als die Schwere meiner eigenen Glieder, die Kälte, die mich durchzog, auf die Matratze sinken ließ. Nicht einmal Träume rissen mich in dieser Nacht aus dem tiefen Schlaf oder vertraute Hände, die mich soweit versorgten, wie es eben in diesem Zustand möglich war.
Ich wunderte mich am nächsten Morgen nicht darüber, dass auf meiner Wunde ein Verband lag, suchte nicht in meinen Gedanken nach einer Erklärung, warum mein Arm auf einem Kissen gebettet war, irgendwo in meinem Unterbewusstsein wusste ich, woher die vertraute Wärme in der letzten Nacht kam, die mich noch weiter in den Schlaf abgleiten ließ. Ich schüttelte den Gedanken ab, der mir leise einflüstern wollte, dass es wie ein roter, blutgetränkter Faden war, der sich durch mein Leben zog, dass von Zeit zu Zeit ein Monster kommen würde, um mir die Narbe immer und immer wieder aufzuschneiden und ob es derjenige sein würde, der mich liebte und dem ich vertraute, der die Wunde versorgte.
Ich ärgerte mich, darüber, dass ich zu erschöpft war, um zuerst zu ihm zu gehen, dass ich nicht aufgewacht war, dass ich überhaupt versorgt werden musste. Dass ich nicht zuerst schauen konnte, ob alles in Ordnung war. Nicht nur, weil die Worte des Alben immernoch nachhallten. Vielleicht auch, weil ich insgeheim wusste, was es bedeuten würde, wieder zu sehen. Richtig zu sehen.

Siebenwacht
Goldblatt 251

Das schlimmste war nicht der Schnitt an sich, nicht die Sekunde in der die Klinge die Haut auftrennte. Das schlimmste kam kurz danach, wenn der Körper sich gewahr wurde, dass Haut und Fleisch durchschnitten wurden, wenn der Schmerz und das Brennen einsetzte, weil die Verletzung im Bewusstsein ankam. Wenn man Glück hatte, nahm der Schmerz einem jenes Bewusstsein oder man stand so unter Schock, dass es eine Weile dauerte, bis sich Körper und Geist zusammenfinden konnten. Manchmal verlor sie das Bewusstsein, an den schlechteren Tagen, wenn sie ohnehin hungrig war oder sie nicht gut geschlafen hatte. Das waren in der Hinsicht immerhin die besseren Zeiten. Sie spürte dann zumindest für ein paar Stunden nicht das Brennen. Musste sich nicht zusammenreißen, nicht zu jammern, wenn Micah die Wunden versorgte. Er würde vielleicht mal ein Heiler werden, dachte sie sich manches Mal. Er war vorsichtig, aber bestimmt. Womöglich war es aber einfach nur die Übung, die er darin hatte, die Wunde zu versorgen. Je älter sie wurde, umso mehr versuchte sie, sich den Schmerz nicht anmerken zu lassen, biss die Zähne zusammen, bis ihr die Kiefer weh taten und wischte sich die Tränen, die immer öfter lautlos kamen, unauffällig aus dem Gesicht. Es würde es auch nicht besser oder ungeschehen machen, zu jammern und zu wimmern über etwas, was sie nicht wirklich ändern könnte. Sie redeten kaum, während er ihre Wunden versorgte. Manches Mal kamen noch die leisen Worte, die das ganze nur unerträglicher machten.
Es tut mir leid, Mairi. Sie konnte genau den Ausdruck in den grau-blauen Augen erahnen, auch wenn sie nicht einmal hinsah, wusste, wie er die Miene verzog und dass in seinem Kopf die Schuld an ihm nagte. Irgendetwas daran macht sie wütend an diesem einen Tag.
Warum tut dir das leid? Hast du das Messer in der Hand gehalten? Hast du ihm gesagt, er soll das machen? Es ist doch nicht deine Schuld. Und hör auf, das zu denken. Du kannst doch nichts dafür! Ein Schnauben setzte dem kleinen Wortschwall ein Ende und ein Blick über die Schulter, bei dem er wusste, dass sie viel zu wütend war. Woher dieses Mädchen manches Mal ihre Wut hernahm, war ihm auch ein absolutes Rätsel. Nicht, dass er Angst vor ihrer Wut hatte, aber er wusste, jedes weitere Wort würde nur darin enden, dass sie sich ihm entzog und er sie nicht weiter versorgen konnte. Nicht lange, aber doch immerhin für ein paar Stunden.

Gerimor
Lenzing 267

Menschen sind eigenartige Wesen und ihre Empfindungen noch viel mehr. Dass mich meine eigenen Gefühle noch immer überraschen konnten, oder vielleicht war wundern lassen hier die bessere Formulierung, ließ mich den Kopf über mich selbst schütteln. Ein kleiner Augenblick machte manchmal so viel aus. Ein Anblick konnte dazu führen, dass Schmerz vergessen war. Oder dass er dich zu Boden riss. Wenige Worte, dass Sorgen verpufften oder entfacht wurden und sich in deine Gedanken fraßen.
So sehr wie die Worte des Silen, die Provokation, mich getroffen hatten und meine Ruhe oder vielmehr meinen Hang zu Menschlichkeit hatten bröckeln lassen, so sehr nagten sie an mir, riefen Sorgen hervor, die vielleicht unberechtigt waren, vor allem jetzt. Das Ziehen und Brennen der Wunden, die er mir zugefügt hatte, erinnerten mich aber auch daran, dass er weg war. Verschlungen. War er damit für immer weg? Getötet? Solange ich diese Fragen nicht mit absoluter Sicherheit beantworten konnte, würde immer ein wenig Sorge bleiben. Darüber, dass er sich befreien könnte. Darüber, dass Newenar nicht so treu in seinen Pakten war, wie ich. Darüber, dass die einzige Seele, deren stetiges Leuchten mir die Welt bedeutete, doch entrissen werden könnte. Facettenreich. Gesplittert. Berührt. Ich wusste da bereits, dass diese Worte mich nicht loslassen würden. Nicht, bis ich sie durchdrungen hatte und mir ihrer Bedeutung wirklich bewusst war. Konnte ich eine Seele von den anderen unterscheiden? Nicht einmal auf diese Frage wusste ich die sichere Antwort. Ich hatte sie so lange betrachten können. Einen Jahreslauf und einen halben. Und ich hatte schon gestern in der Erschöpfung und unter Schmerzen noch am Rande bemerkt, dass meine neue Sicht nicht ganz verloren war. Sie lag unter der anderen, wie zwei halbdurchsichtige Bilder, die sich übereinandergelegt hatten.
Ich hatte mich schon fast wieder in meinen Gedanken verirrt, in Möglichkeiten und Sorgen, in Theorien und Erinnerungen, als das Klicken des Türschlosses mich aus eben jenen riss. Dafür war noch lange Zeit. Nur für den Bruchteil eines Augenblicks streifte mein Blick das seichte Schimmern. Nichts daran war für mich gesplittert. Es war aber nicht die Zeit, darüber nachzudenken, mal davon abgesehen, dass mir diese Möglichkeit gerade genommen war. Ein wenig hatte ich damit gerechnet, dass das Wiedersehen, das richtige, wortwörtliche, mich ein wenig aus der Bahn werfen würde. Ich hatte aber keine Ahnung, was es tatsächlich ausmachen würde, das Sturmgrau nicht mehr von einem Schleier überlagert zu betrachten. In dem Moment war mir aber sehr klar, dass ich so schnell nicht mehr damit aufhören würde.

Verfasst: Sonntag 19. Oktober 2025, 22:26
von Mairi Kaija
Heimat ist dort, wo Herzen dich erkennen, nicht wo du herkommst.

Eirensee
Lenzing 268

Ich blieb noch an der Reling des Schiffes, bis ich das Ufer nicht mehr sehen, nur noch erahnen konnte. Ich hasste Abschiede, auch wenn ich wusste, dass sie nur ein Abschied für eine kleine Zeit waren. Er mochte auch keine Abschiede, umso mehr hatte es mich überrascht, dass er mich zum Schiff gebracht hatte. In meinem Kopf wollten schon wieder Fragen aufbegehren, ob es ein anderer Abschied war, wenn er mich bis dorthin brachte oder ob es ein anderer Abschied war, weil die letzten Nächte meine gewesen waren und seine Worte. Meine Gedanken sollten wirklich aufhören, sich immer zuerst das Schlimmste auszumalen. Ich nahm einen tiefen Atemzug, starrte weiterhin auf das Wasser oder viel mehr zum Horizont. Am liebsten wäre ich direkt zurück… ich könnte auch jetzt noch und es würde vielleicht nicht mal jemand merken. Aber auch wenn mich alles zurück zum Hafen zog, wo der Abschied mich zögern ließ, musste ich das hier für mich tun. Auch wenn es scheiße und schwer war. Ich wollte es schlichtweg wissen. Woher ich stammte, woher ich kam, wie die Menschen waren, die mich in dieses Leben gebracht hatten und wie die Menschen waren, die hätten auf mich Acht geben sollen. Ich wollte nicht wissen, wer ich bin. Das wusste ich. Ich wusste auch, wo ich hingehörte. Ich wusste, wie ich leben wollte und warum. Und ich wusste, wie meine Ewigkeit aussah und wem ich sie gegeben hatte. Unwiderruflich und mit allem, was ich geben konnte.

Als der Wind zu kalt wurde, oder ich es zumindest mehr wahrnahm, und er mich immer wieder aus den Gedanken riss, ging ich in meine Kajüte. Ich hatte schon vor der Abreise ein anderes Aussehen angenommen, ich würde es nach der Ankunft noch einmal ändern. Nur zur Sicherheit. Der Eine, der mich im Notfall erkennen musste, wusste ohnehin, wie er mich erkennen konnte. Egal, welche Haarfarbe oder Körperform. Nicht, dass das nötig werden würde. Ich schlief einen Großteil der Reise und holte das nach, was mit in den letzten Naechten geraubt wurde und ich bereitwillig gegeben hatte. Den anderen Teil verbrachte ich damit, an der Reling zu stehen und die Wasseroberfläche anzustarren, auf der Suche nach… etwas. Ich hatte das Meer nie gemocht. Doch jetzt suchte ich nach den Bewegungen unter den Wellen, vielleicht einem kleinen Hinweis, das sich darunter etwas bewegte. Manchmal skizzierte ich dabei etwas in meinem Büchlein und hatte den kurzen Gedanken, dass ich damit vielleicht wieder anfangen sollte. Vielleicht, wenn ich wieder da war. Bei meinem Starren auf das offene Meer lag der Ring unter meiner Kleidung an einer Kette befestigt, kühl auf meiner Haut. Er war der Nachdruck zu dem Versprechen zurückzukehren. Ihn wieder mitzubringen und seinem Besitzer zu übergeben.

Nach der Ankunft mietete ich ein schlichtes Zimmer in einem Gasthof in Eirensee, nicht weit vom Hafen. Von hier aus sollte es dann morgen weitergehen. Ich würde bei der Frau anfangen, die man als meine Schwester bezeichnen würde.

Wie lange war ich nun weg? Eine Woche? Es kam mir vor wie eine kleine Ewigkeit, aber auch nur, weil ich meine Heimat vermisste. Ich schlief nicht besonders gut, fand wenig Ruhe und wenn ich doch mal ein paar Stunden eingeschlafen war, plagten mich mal wieder Träume, die ich noch nicht einzuordnen wusste. Es waren alles Träume von Szenarien, die einen Abschied mit sich trugen. Keinen, der nur auf Zeit war. In allen Varianten. Sie machten mir Kopfschmerzen. Auch wenn ich wusste, dass sie vermutlich den Umständen geschuldet waren.
Es wäre so schön, wenn ich meinen Kopf einfach ausschalten könnte, ihm vermitteln könnte, dass ich mir nicht so viele Sorgen machen musste. Dass alle Sorgen und Szenarien vermutlich Quatsch wären. Trotzdem fütterten sie dieses kleine, hungrige, ekelhafte Wesen, das schon immer in einer dunklen Ecke in meinen Gedanken kauerte und sich nährte an den Zweifeln.

Ich hatte die Frau, die meine Schwester war, kennengelernt. Zuerst hatte ich nur beobachtet. Ich hatte Ähnlichkeiten gesucht. Irgendwas an ihrem Aussehen, an ihrem Verhalten, an ihrer Art oder ihren Bewegungen, die mir ähnelten. Ich fand nichts. Nicht die Augen- oder Haarfarbe, nicht die Form ihres Gesichts oder ihres Körpers. Sie war weder so klein noch so zierlich wie ich. Und sie war laut. Und hübsch. Ihr Mann auch. Auch ihre Kinder waren ganz gut geraten. Es waren halt Kinder. Sie schien in ihrer Familie und in ihrem Leben aufzugehen. Ich fragte mich, ob es die richtige Reihenfolge war, bei ihr anzufangen. Oder ob ich doch besser erst einmal weiter sollte. Sollten sich Geschwister nicht irgendwie ähneln?

Am Abend, als ich zurück in mein gemietetes Zimmer kam, zog ich ein Pergament hervor. Es war an der Zeit, vielleicht schon darüber. Die Müdigkeit machte sich allerdings bald bemerkbar und ich schlief recht schnell, am Schreibtisch sitzend, ein. Natürlich ohne wirkliche Ruhe und mit den Dingen im Kopf, die das Zweifelwesen in meinen Gedanken fütterten. Nach dem plötzlichen Aufwachen und der kurzen Orientierungslosigkeit, die das Aufschrecken mit sich brachte, blieb von dem Traum nicht mal mehr viel übrig, als der eine Satz, der mir in den letzten Tagen immer wieder in den Ohren lag. Ich versuchte, es abzuschütteln, stattdessen das zu tun, was ich ohnehin vor hatte. Das Vermissen hatte längst eingesetzt

Werlental
Wechselwind 268

Ich war weitergereist, immernoch in anderer Gestalt, manches Mal auch gar nicht in menschlicher Form. Ich beobachtete noch immer, andere Menschen, andere Situationen. Ich schaffte Situationen mit Interaktionen. Aber wofür eigentlich? Je mehr Zeit ich hier verbrachte, umso mehr fragte ich mich, warum? Und warum alles so gekommen war. War ich einfach nicht genug?

Ich hatte mich weiter entfernt, und mit jedem Schritt, den ich ging, fragte ich mich mehr, ob das alles richtig war. Ob ich wirklich finden wollte, was ich suche. Ob es überhaupt etwas gab, das ich finden konnte. Ich dachte, es würde sich anders anfühlen. Ich dachte, ich würde vielleicht ein Gefühl von Zugehörigkeit spüren oder zumindest eine Art Gewissheit. Aber alles, was ich hatte, waren Fragen, Unsicherheiten – und diese verdammte Leere, die ich hier mit Sicherheit nicht füllen konnte. Sie schienen alle so glücklich und erfüllt und ich fragte mich, warum ich das nicht haben konnte. War es nur, weil man mich nicht gewollt hatte? Obwohl doch alles da war. Warum wollte man mich nicht? Ich wusste, dass ich nicht immer Antworten auf alle Fragen bekommen konnte. Vermutlich auf diese auch nur, wenn ich die Frage irgendwann stellte. Der Frau, die mich in die Welt gebracht hatte.
Und vielleicht würde es mich nicht verändern, aber es nagte an mir. Diese Frage nach dem Warum und dass ich offenbar nicht genug gewesen war. War ich es jetzt?

Nun war ich hier seit Wochen. Alleine diesen Zeitraum zu denken, fiel mir schwer. Nicht allein, aber hauptsächlich wegen dem Vermissen. Ich vermisste direkte und beruhigende Worte, Klarheit in Aussagen. Vielleicht auch einfach das vertraute Gefühl, das er hervorrief, auch wenn ich das nie zugeben wollte und würde. Es sei denn, er würde fragen und sowieso Recht haben mit seiner Annahme. Ich vermisste, wie sehr er mich kannte und die kleinen Spitzen, die es mir jedesmal zeigten. Ich hätte ihn hier gerne neben mir gehabt. Um mich nicht zu verlieren oder meine Gedanken. Dabei erinnerte ich mich oft an unser Gespräch darüber. Ich würde mich hier nicht verlieren und es würde mich nicht ändern. Nicht nachhaltig. Nicht für ihn. Vielleicht auch nicht für mich. Trotzdem nagte wieder mal etwas an meinen Gedanken, das ich nicht abschütteln konnte. Und natürlich träumte ich mal wieder viel. Der Erschöpfungsschlaf fehlte mir.
Eigentlich hatte ich, nachdem Garvin gegangen und ich gespürt hatte, dass er nicht mehr da war, geschworen, so etwas nicht nochmal zu empfinden. Schon gar nicht in dieser Intensität, obwohl ich damals gar keine Vorstellung davon hatte, dass man jemanden so lieben konnte, wie ich es jetzt tat. Hätte man mich vor ein paar Jahren gefragt, hätte ich gesagt, dass ich die Liebe meines Lebens schon gefunden hatte. Dass ich behütet war. Dass ich die warme Decke, die um mich gelegt wurde, mochte.
Wenn man mich heute fragte, würde ich das auch antworten. Nur klarer. Und ich würde sagen, dass ich die Liebe für mein damaliges Leben gefunden hatte. Ich würde sie jetzt nicht mehr so bezeichnen, denn ich liebte anders. Ich liebte nicht mehr in Sicherheit einer Ehe und wohliger Wärme. Nicht mehr in Glauben, dass alles für immer hält und mit großen Versprechen. Dafür liebte ich mit Leidenschaft und Verlangen, mit Hingabe und absoluter Sicherheit, was ich empfand. Er war nicht meine erste Liebe. Aber würde gewiss meine letzte sein und die, die ich als stärkste bezeichnen würde. Vielleicht, weil es keine vermeintliche Sicherheit einer Ehe gab. Vielleicht weil es anstatt der wohligen Wärme der umgelegten Decke die Hitze war, die er in mir entfacht hatte. Vielleicht, weil er mich mit einer Bestimmtheit liebte, die ich manchmal nicht begreifen konnte. Er war meine Ewigkeit. Und vielleicht war das ein bisschen mehr als eine große Liebe. Für mich war er das jedenfalls.

Brauchte ich wirklich eine Familie, die mein Leben verpasst hatte? Die mich trotz scheinbar fester Familienbande, trotz einem gut laufendem Geschäft, nicht gewollt hatte? Obwohl ich alles, was ich brauchte und wollte doch schon hatte?
Ich würde bald abreisen. Das stand zumindest fest. Denn jeder Tag hier war eigentlich einer zuviel.

Der letzte Morgen war grau gewesen.
Nicht unangenehm, nur schwer. Der Nebel hatte wie ein Vorhang zwischen mir und der Welt gehangen, und irgendwie hatte das gepasst. Ich hatte mich seit Tagen gefühlt, als würde ich nur beobachtend durchs Leben laufen, ohne wirklich darin stattzufinden. Als wäre ich nur zu Gast – nicht nur in dieser Stadt und dieser Familie, sondern auch in meinem eigenen Kopf.
Ich hatte gehofft, dass ich hier Antworten finden würde. Dass ich etwas erkennen würde – ein Gesicht, eine Geste, irgendeinen Zug, der mir vertraut vorkam. Aber alles, was ich gesehen hatte, war Fremde. Und mein eigener Spiegel darin.
Ich hatte sie beobachtet. Heimlich. Still. Sie hatten nicht gewusst, dass ich da war. Dass ich war. Auch wenn ich ihnen nahe war.
Und je länger ich das tat, desto weniger wusste ich, ob ich überhaupt wollte, dass sie es jemals erfuhren. Ich hatte gedacht, Blutsbande würden sich wie Magnete anfühlen. Stattdessen hatte sich das alles angefühlt wie… Staub, der mir durch die Finger rann.
Aber dieser letzte Morgen war anders gewesen. Ich war aufgewacht mit einem Gefühl, das ich die ganzen Wochen gespürt hatte, das mich heute aber aufzufressen drohte: Sehnsucht. Und ein wenig Hoffnung und Mut. Vielleicht, weil ich endlich akzeptierte, dass ich mich nicht hier finden würde.

Ich wollte etwas finden auf dieser Reise, etwas über meine Familie, über meine Herkunft. Und ich hatte beobachtet, gelauscht, verglichen. Und ich hatte gezweifelt – so oft, dass ich manchmal kaum noch wusste, ob ich überhaupt jemandem ähnlich bin. Vielleicht musste ich das auch gar nicht sein. Solange ich wusste, wo ich sei wollte. Manchmal wanderten meine Gedanken dabei. Ich hatte sie kennengelernt, ohne dass sie von mir wussten. Die Frau, die mich in die Welt gebracht hatte. Den Großteil meiner Geschwister, ihre Familien. Neben dem Mann, der mich gezeugt hatte und vermutlich tot war, fehlte noch einer. Nicht auffindbar. Keiner redete über ihn. Es war fast so, als wäre er in der Hinsicht, wie ich – nicht existent in ihrer Welt. Ob er noch lebte?

Auf der Rückfahrt begnügte ich mich wieder damit, die meiste Zeit die von Gischt bewehrte Oberfläche des Wassers anzustarren. Sie waren dort unten, ganz sicher. Die Wesen, die man nur selten sah. Die so tödlich waren, wie kaum eines, das man einfach so sehen konnte. Erst als die Ausrufe erklangen, dass wir bald den Hafen erreichen würden, löste ich mich aus meinen Gedanken und von dem Anblick und atmete tief durch. Ich wusste, wo hin hingehörte und ich konnte es kaum erwarten, wieder zurück zu sein. Zeit, heimzukehren.

Verfasst: Montag 3. November 2025, 18:21
von Mairi Kaija
Zwischen dem, was wir sind, und dem, was wir sehen, liegt ein Flüstern aus Zweifeln.

Geisterwelt
Ashatar 268

Er saß neben mir in seiner Gestalt, die er eben hatte. Manchmal war es mir kaum möglich, wegzuschauen. An anderen Tagen fühlte es sich mehr an, als säße ich neben einem alten Freund. Gerade, weil ich die letzte Zeit hier verbracht hatte. War er das?
Glaubst du, es war die richtige Wahl? Also... ich?
Ich blickte zu ihm auf, seine Miene war wie immer ruhig, er schaute mich nicht einmal an. Trotzdem wusste ich, dass er bei mir war.
Warum zweifelst du daran?
Weil ich manchmal das Gefühl habe, nicht einmal in der Welt bestehen zu können, in die ich noch gehöre. Wie kann ich es dann hier? Wie kann ich so alten Wesen eine Nachfolgerin sein, wenn ich da draußen nicht einmal...
Ich unterbrach mich. Auch wenn ich wusste, dass er nachfragen würde.
Wenn du nicht einmal was, Mairi?
Wenn ich da draußen manchmal nicht einmal die kleinste Auseinandersetzung durchstehen kann, ohne das Gefühl zu haben, dass ich daran zerbreche.
Er richtete seinen Blick nun auf mich und betrachtete mich eine Weile, ehe er antwortete, nicht aufdringlich, nicht forschend oder bohrend, vielleicht mitfühlend, ohne Mitleid vorzugaukeln.
Du weißt, dass das nicht stimmt. Dass du den überwiegenden Teil der Auseinandersetzungen löst und sogar sehr gut, ohne das, was du fühlst außen vor zu lassen. Wenn du ehrlich zu dir selbst wärst, würdest du das sehen. Glaubst du noch immer, dass es eine Schwäche und keine Stärke ist, wie du deine Entscheidungen triffst?
Ich schüttelte den Kopf, schweigend.
Deine Ewigkeit... du hast sie gewählt, obwohl du die Konsequenzen kennst. Warum?
Ich schwieg eine Weile. Zeit hatte hier ohnehin keine Bedeutung, für ihn schon gar nicht. Warum fragte er mich nun nach ihm? Ich ließ mir Zeit mit meiner Antwort, hing für einen Moment einfach meinen Gedanken nach. Er war es, der neben mir stand, als ich der Wächterin meine unverschämte Bitte entgegenbrachte, er war es, der den Namen hörte, als ich ihn aussprach. Ich glaubte, dass er es in dem Moment sogar nachvollziehen konnte, vielleicht auch jetzt noch.
Weil ich in dem Moment, in dem ich die Entscheidung treffen musste, nur einen Namen im Kopf hatte. Keine einzelne Situation, sondern hunderte. Schöne, aufregende, lebendige, traurige und schmerzhafte. Und ich wusste, dass ich keine davon loslassen will. Es gab keine andere Wahl. Es wird nie eine andere Wahl für mich geben, selbst wenn ich mich noch unzählige Male umentscheiden könnte.
Ich senkte den Blick, starrte auf das graue, im seichten Sturm wankende Gras.
Auch wenn ich weiß, dass sie mich eines Tages umbringen wird.
Der Zusatz war leise, nicht viel mehr als ein Flüstern, dennoch lag die Wahrheit darin, die mir schon die ganze Zeit klar war.
Aber ich kann sie nicht bereuen. Ich bereue sie nicht. Trotz der Erkenntnis, trotz allem. Selbst in den Momenten, in denen mir die Luft zum Atmen fehlt, weil ich denke, dass alles vorbei ist. Selbst dann, wenn ich das Gefühl habe, es zerreißt mein Herz oder meine Seele oder mich. Die Entscheidung ist immer die gleiche.
Ich denke, genau deshalb fiel ihre Wahl auf dich.
Ich zog die Brauen mehr zusammen und legte meine Stirn in Falten, als ich wieder seitlich zu ihm hochblickte. Zweifel lag auf meinen Zügen.
Du siehst mit solcher Klarheit, wie diese eine Entscheidung ausgehen kann. Andere würden es weder sehen, noch würden sie es auch noch eingestehen und aussprechen können. Du weißt, wieviel Schmerz sie dir bringen kann, dass sie dich irgendwann langsam und grausam umbringen wird, dass sie dich immer an deine Menschlichkeit binden wird, auch dann, wenn du sie eigentlich verlieren solltest. Du siehst diese Konsequenzen so klar und hast dennoch genug Mut, genug Hingabe, die Entscheidung zu treffen. Weil sie sich richtig anfühlt, für dich. Weil auch bei ihr wieder deine Empfindungen mitspielten und nicht nur kaltes Kalkül. Glaubst du, der Name, den ich dir gab, hatte nicht einen Grund?
Ich zuckte mit den Schultern, eine Geste der Hilflosigkeit vielmehr als der Gleichgültigkeit.
Weißt du, ich sehe die anderen, sehe jene, die vorgeben nichts zu fühlen, die vielleicht auch tatsächlich nicht viel empfinden. Dann sehe ich jene, die sich bemühen, ihre Emotionen abzulegen, die darauf hinarbeiten mit aller Macht. Und jene, die bestätigen, dass sie meinen Umgang damit gut finden.
Und dann bin da ich. Und ich frage mich, ob es manchmal zu viel ist. Ob es besser wär, weniger zu fühlen. Einfacher.

Ein wissender Ausdruck lag auf seinen Zügen. Kein Schmunzeln, zumindest nicht auf den Lippen.
Es wäre einfacher.
Ich langgezogenes Seufzen verließ meine Lippen. Ich stützte meine Arme auf der Kante ab, auf der ich saß, blickte wieder voran auf die in Graunuancen schattierte Fläche.
Ich glaube manchmal, wir mussten uns begegnen, weil ich das komplette Gegenteil von dem bin, was du lange sein musstest. Und weil ich sonst nicht ich hätte bleiben können.

Ich zögerte, betrachtete seine Miene nachdenklich und ich wusste, dass er meine Angst spürte, meine Sorge. Er wartete geduldig, bis ich meine Worte fand und sie auszusprechen bereit war.
Was hat er gemeint, als er sagte, dass seine Seele so schön gesplittert und facettenreich sei?
Er blickte seitlich zu mir herab, wenn ich es nicht besser gewusst hätte, hätte ich ein langgezogenes Seufzen vermutet. Er musterte mich mit einer Mischung aus Bedauern und Interesse, wenn man es denn so deuten wollte. Es dauerte eine ganze Weile, zumindest fühlte es sich hier so an, in dieser Welt, in der die Zeit anders lief, bis er das Wort wieder ergriff.
Du wirst diesen Satz nicht einfach loslassen.
Eine bloße Feststellung, es lag nicht einmal ein Urteil darin. Ich schüttelte trotzdem den Kopf.
Es ist nichts, wobei ich dir helfen kann. In den Jahren, in denen du nun diese Sicht hast, hast du so viel gelernt, stößt trotzdem immer wieder an Grenzen. Das wird auch nicht aufhören, bis du deinen Platz hier gänzlich eingenommen hast und wir wissen beide, dass das noch sehr lange dauern wird. Es ist nicht immer gut, alles zu wissen, Mairi. Mir ist klar, dass du es trotzdem willst und dir dieser Gedanke im Kopf hängt. Das fühlende Herz, mal wieder. Ich weiß aber auch, dass du es nicht loslassen wirst, keine Ruhe findest.
Ich schüttelte den Kopf und hob die Schultern etwas, um sie gleich wieder sinken zu lassen und die Arme um meine Knie zu schlingen.
Was hat das denn alles für einen Sinn, wenn man seine Ewigkeit nicht schützen kann? Du hast es auch versucht.
Der Blick, der mich traf, war strenger, von weniger Verständnis geprägt, ehe er wieder nüchterner wurde.
Und du weißt, was es mich gekostet hat.
Es dauerte einen Moment, bis das Urteil folgte, das sich schon beinahe amüsiert anhörte. Wenn ich es nicht besser gewusst hätte, hätte ich gedacht, dass es mit einem Lächeln versehen war, zumindest aber mit Nachsicht und einem Hauch Resignation.
Es ist erstaunlich, wie sehr du dich manchmal selbst unterschätzt. Du weißt doch längst, wo du die Antwort finden kannst