Wenn die Schatten tanzen

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Lilia Ater

Wenn die Schatten tanzen

Beitrag von Lilia Ater »

"Du siehst, nun hat sie ihre Fäden langsam vorbereitet, sie krabbelte von oben nach links unten, und wenig verständlich war auch am Anfang das Muster, wie sie herumkrabbelte, aber nun, siehst du, nun sitzt sie da und wartet auf den letzten Tanz, kreist und kreist, bindet und bindet, und am Ende ist es ein wundervolles Gebilde tödlicher Kunst, ein fertiges Spinnennetz... und nun, siehe was passiert, wenn ein Eckstein genommen wird..."
Der Mann nahm den Stein weg, an dem das Netz auch hang und das Netz blieb intakt.
"Nichts." meinte sie.
"Richtig. Nichts. Es ist fertig gewoben. Nun ist es ein Netz. Aber was wäre passiert, hätte ich den Stein am Anfang weggenommen, oder hätte es genommen als sie gerade anfing zu tanzen?"
Der Meister blickte seine Schülerin genau an und meinte: "wenn die Schatten tanzen, sei sicher, dass das Netz halten wird."


Vyra wachte auf. Sie lag auf ihrer Matratze. Ihr fielen sofort die unfertigen Bücher auf, die am Arbeitstisch lagen, ihre tägliche Arbeit im Buchladen und Millin kuschelte sich zu ihr.
Dinge, die sie oft den ganzen Tag in Besitz nahmen, Dinge, die sie fast schon lieber gewonnen hatte, als jenes andere Leben, dass sie auch führte. Doch die Begegnungen mit Rosemarie hatten ihr gezeigt, dass es kein Leben für eine Vyra gab, die nichts mit Politik zu tun hat. Sie hatte die Freundlichkeit der Gefährtinnen, Ronyas Worte immer geschätzt und hatte deren Freiheit immer bewundert, aber sie wusste, so würde sie nie werden können.
Ihre Freunde waren nie sicher, und sie vor ihnen auch nicht. Ja, aus dem Bild der Händlerin entwickelte sich langsam das Bild einer Büchertante, und ja, es war ihr manchmal sogar der liebste Beruf auf Erden, aber sie war es nun mal nicht ganz.
Ihre Bücher schützten sie mittlerweile mehr als eine Burg Eisenwart seine Insaßen decken konnte, das war offensichtlich - sie fühlte jedoch, dass sie zu sicher in ihrem Laden geworden war, aber manchmal kam ihr auch vor, zu gemütlich.

Ihr Blick schweifte kurz durch den Buchraum. So viele Bücher, aber das wichtigste Buch von allen hatte sie deshalb fast schon vergessen.
Sie zwängte sich hoch, legte einige Planken im Boden ihres Arbeitszimmers beiseite und hob aus den dortigen Dingen das Buch der Meister, ein Buch der Schattentänzer, heraus, in welchem jeder Meister seine Weisheiten niederschrieb. Die Weisheiten der alten Meister beruhigten sie.

"Sei der der du wirst, wenn du es bist. Ein Schattentänzer ist zumeist im Licht und tanzt nicht."

Dieser Satz fiel ihr als erster auf.
Ja. Meistens war sie damit beschäftigt, einfach nur jemand zu sein, der sie nicht war. Also war sie wohl doch am rechten Weg?

Rosemarie machte ihr keine Angst. Wie auch ihre Namen noch alle waren, ob Loreen, oder sonstwas, es war ihr schlichtweg egal. So Eindrucksvoll ihre Reden auch waren, zu sehr spürte sie, wie kurzzeitig diese Frau plante. Sie wollte Loran auf keinen Fall anlügen, noch würde sie zulassen, dass Bajard etwas zustiesse

"Halte dich nicht an Stadt und Reich, wie der Frosch sitzt mal da und dort im Teich, so tut es ihm der Tyrann doch gleich"

Ja, das war eine der ersten Lehren die sie lernte, aussagend, dass man sich nicht an Orte binden sollte, aber dennoch, derzeit war sie in Bajard. Und zum Teufel mit allen Regeln, die Schattentänzer waren allesamt tot, es musste anders gedacht werden.

Sie schlug die Seite auf, die nach ihrem Meister die letzte war, unbeschrieben, im Buche der Meister. Da war noch Platz, in jenem Buch.
Würde sie in ihrer Sicherheit der Bücherburg bleiben oder würde sie...

Burg...

Sie war nicht der einzige Schatten dieser Welt, waren da noch so etliche andere, wie beispielsweise jener Mann aus Eisenwart.
Es war schwer verständlich, aber Eisenwart diente dem Panther. Und Eisenwart diente nun auch dem Raben. Sie wusste es, und Eisenwart wusste es auch. Sie hatte gehofft, an jenem Abend, als der Schatten bei ihr eintrat, und sie ihm gegenübersaß, ihre Maske fallen ließ und ihm sagte, dass auf seiner Burg auch bald ein anderer Gott Einzug hielt, Eisenwart sich selbst heilen würde. Sie hoffte, Khazkal wüsste noch nichts von alledem, und sie hoffte, der Schatten, der gegenüber ihr saß, würde mit dem Burgherren dafür Sorge tragen, dass es keinen Schaden in ihr gab.
Doch nachdem sie sah, was die Burg in letzter Zeit hervorbrachte, und nun gehört hatte, dass auch der Schatten offenbar nichts ausrichten würde, war auch diese Hoffnung gestorben.
Offenbar versuchten die stolzen Herren in Eisenwart das unmögliche, eine Burg der Ehre und des Glanzes gepaart mit dem Bund zweier dunkler Götter...

Aber Vyras Aufgabe war Frieden zu halten, nicht Kriege vorzeitig auszulösen. Und deshalb gebot sie sich nun Ruhe. Es war noch keine Zeit zu Tanzen. Es war noch nicht gut genug, um ein Netz fertig zu spinnen.
Wenn es zum Krieg kam, würde sie dafür Sorge tragen, dass die wahren Verführer nicht entkamen. Das war ihre Aufgabe, nichts anderes.

Der Schatten hatte sie interessiert. Dieser Mann war aufrichtig, wie sie bis jetzt alle Eisenwartler in ihrer Richtung erlebt hatte, ehrenvoll, und bedacht darauf, seine eigene Burg, damit wohl sein Heim, seine Familie zu schützen.

So saßen zwei dunkel gekleidete Gestalten sich gegenüber. Wie ähnlich sie sich sein mussten, war Vyra durch den Kopf gegangen. Wie ähnlich doch für diesen Schatten die Burg sein muss, wie für Vyra Bajard geworden ist?
Zwei, deren Namen nichts bedeuten, oder doch alles, zwei Gestalten, die im Dunkel der Nacht darauf hofften, wohl etwas in Gleichgewicht zu halten.

Und dennoch waren sie wohl an anderen Ufern eines unsteten Flusses, der sich durch den Nebel der Welt wand. Eisenwart war stolz, aber Eisenwart hatte sich die dunklen Götter eingeladen. Und mochte auf den ersten Augenschein das uralte Vorurteil gegenüber jenen zuerst entscheiden, denn die Tugenden selbst, so war doch dieses Vorurteil nicht von Irgendwo gekommen.
Der Rabe würde Alatar auf lange Sicht nicht dulden. Er würde Eisenwart in Besitz nehmen, und bald würde er nach Blut trachten. Geduld war keine Stärke Kra'Thors. Ein Diener der zu geduldig war, würde wohl bald die Ungeduld seines dämonischen Herren zu spüren bekommen. Kra'Thor war nicht Alatar. Er war kein berechnender Gott, kein Gott, der warten würde, bis das Netz reif war.

Der blutdurstige mag eine Zeit lang diesen unterdrücken, doch irgendwann übermannt ihn das Gefühl nach Mehr.
Sie kannte die Fabeln, die dunklen Fabeln, die sie lieber nicht herauslegte, wollte sie doch die jungen Bajarder nicht zu derart verführen, aber irgendwann, irgendwann...

Ihre Augen fielen auf das Buch, welches sie noch nicht gelesen hatte, das Buch über den Raben aus der Sicht eines Dieners. Und vor ihr bahnte sich ein großer innerer Zwist an. Ja, sie würde Bajard schützen, obwohl es gegen ihren Orden verstösst. Sie war nun die Meisterin der Schattentänzer, nicht jemand anders. Sie würde sich an einen Ort binden. Ihn emporheben über das andere.

Und mit einem Seufzen fügte sie langsam Wort für Wort ihre erste Weisheit in das Buch ein.

"Wenn sich der Takt ändert, tanze anders"

Die Zeit wirds zeigen, ob es im richtigen Buch stand.
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Malachai Schwarzmourne
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Registriert: Montag 2. April 2007, 01:04

Beitrag von Malachai Schwarzmourne »

Die Nacht brach ein. Die Zeit der Ruhe, die Zeit, wo man der sein konnte, der man war.
Der Schattenlord verbrachte jenen Abend wieder auf der Spitze des Turmdaches, welcher hoch hinaus den höchsten Punkt der Burg markierte.
Es war kalt und ein wenig Schnee fiel, doch Zeit zum ruhen gab es keine.
Die Neulinge mussten im Auge behalten werden, während sie ihren Zinnendienst verrichteten.
Es war nicht leicht, das Vertrauen zu finden, was jene bräuchten. Er gab es ihnen nicht, noch nicht, denn erzählen kann man viel, nur Taten sagen mehr aus.
Er zog sich in seinen Umhang zurück und kniete dort auf der Schrecke des Daches vom Rundturm. Seinen rechten Arm hielt er an der Stange des Wappens, seinen linken nutzte er zur Ausgleichung, indem er sie flach auf die Ziegelsteine legte. Ein Bein geknickt, das andere ausgestreckt kniete er dort für Stunden, kaum sich zu bewegen oder gar ein Geräusch zu machen.
Keiner kannte diesen Ort, den er zum beobachten nutzte.
Beobachten, dass war es, was er immer konnte.
Oft sass er nur in einer Taverne in einer Ecke und beobachtete die Leute und je öfter er in die Taverne kam, umso mehr erfuhr er über diese Personen:
Namen, Wohnorte, Frau und Kinder, ob jene Person einen Streit hatte, was die Person gern trank, ob er eine zu große Liebe für Alkohol besass, ob er seine Frau betrügte, ob sie ihren Mann hintergang.
Ja wirklich alles konnte man durch reines beobachten herausfinden. Informationen, die man sicherlich bei Zeiten für andere, wichtigere Informationen eintauschen könnte.
So wie er es in Bajard tat.
Diese Frau, sie erkannte ihn wieder. Etwas, was wohl kaum jemanden gelang. Sie wollte mit ihm sprechen, sie bot ihm ein Geschäft an nach guter alter Tradition: Information gegen Information.
Sie erzählte ihm alles über die Krathorgläubigen, die sich in der Burg niederliessen. Der Schattenlord ahnte schon dergleichen, am Anfang, als er eine von jenen unten im Keller fand. Doch einen Verdacht hegen oder gar es zu wissen, da liegen Welten zwischen.
Ein falscher Verdacht kann zu oft das Leben anderer kosten.
Er hielt an seiner Ehre, gab ihr dafür die Informationen, die Sie haben wollte. Es war nicht schwer zu erkennen, dass Sie wohl gegen die Diener arbeiten würde, es sollte ihm recht sein, solange die Burg nicht darunter leiden würde.
Er weiss, was für eine Gefahr sie in die Burg gelassen haben, doch er gab jenen die selbe Chance wie allen anderen.
Es ist ihm gleich, welchen Gott sie dienen, es ist ihm gleich, ob sie als Marionetten jener Götter ihr Leben opfern. Der Frieden und das Leben jener Mannen und Frauen, die auf seinen Schutz vertrauen war ihm das wichtigste, denn die Burg war eines seiner vielen Orte, die er Heimat nennen würde.
Er würde mit aller Macht Kriege und Streitereien wie Blutbäder hinter den Mauern verhindern, selbst wenn der Friede sein Leben kosten würde.
Langsam vermehrte sich der Schnee und er sah, wie der Zinnendienst näher ans Feuer rückte.
Diese Frau...ja diese Frau. Sie war keine gewöhnliche Spionin, die für Gold sich für irgendjemand dienlich machte. Nein.
Sie handelte auch nach ihrem Interesse. Sie machte jene Arbeit für jemanden, der ihr näher stand. Vielleicht jemanden, den sie Familie nennen würde?
Sie besass soviele Geheimnisse und waren sich doch irgendwie ähnlich.
Es hätten ihre Karten offen auf den Tisch legen können, ihre Maske voreinander abnehmen und sie wüssten, dass es kein Fehler wäre, dass man vom gleichen Schlag seie und die Ehre bewahren würde.
Es war die Morgenstund, der Zinnendienst wechselte und heraus kamen nur Prätorianer der Burg. Alle schon bekannt, alle schon einmal überwacht und ehe der erste Glockenschlag zum Schichtwechsel schlug, war die Gestalt, wo nun die aufgehende Sonne den Turm bestrahlte, verschwunden.
Doch eines behielt er im Hinterkopf:
Wer auch immer diese Frau genau war, es würde sich kaum vermeiden lassen, sich wieder zu sehen und dann, würde man mehr über seinen Gegenüber erfahren.
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