Ein langer Weg und seine Folgen ...

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Zaina Masari

Ein langer Weg und seine Folgen ...

Beitrag von Zaina Masari »

Lange ging sie spazieren, oft dachte sie dabei an die Zeit des Sturmes zurück, jener hatte ihr Leben doch sehr verändert. Ein sanftes Lächeln schlich über ihr Gesicht, als sie durch die Oase ging und dabei die Früchte von den Palmen nahm. Ja, so schwer diese Zeit auch war, dennoch gab es wunderschöne Momente. Zaina hatte in Hadiya eine wundervolle Freundin gefunden, doch auch Hadiya schien verschollen, selten bekam sie jene noch zu Gesicht seit der Sturm vorbei war. Sie vermisste die Tage an denen sie unbeschwert zusammensaßen und einfach nur redeten. Zaina sah hoch in den Himmel, die Sonne glänzte über ihr und spielte mit Schimmer durch die Palmwedel hindurch über ihr Gesicht. Ein wunderschöner Tag, doch irgendetwas lastete drückend auf ihrem Herzen.

Waren es die Verluste, die sie in all den Jahren erlitt … Sie verlor Saalih, ihre grosse Liebe. Nein, sie verlor ihn nicht. Sie selbst hat ihn von sich gestoßen, weil sie glaubte jemanden zu lieben, der sie jetzt noch einsamer werden ließ, als sie es je war. Saalih trieb es in den Tod, den sich Zaina bis heute noch nicht erklären konnte. Warum er? Er war immer so stark und hielt eine schützende, aufmerksame Hand über sie. Saalih war immer für sie da, wenn er nicht auf Reisen war. Und warum verlor sie dann ihr Herz sinnlos an einen anderen? Nein, sie wurde ungerecht, Gefühle kann man nicht lenken, sie sind einfach da und schleichen sich ins Herz ohne dass man es will. Zaina liess die Blicke über die Oase schweifen, ein sehnsüchtiger Blick bildete sich in ihrem Gesicht. Ja, es waren schöne, gar wunderschöne Momente mit Fadi und das, obwohl diese Zeit alles andere als leicht war. Sie liebte ihn von ganzem Herzen, mehr denn je, sie vergaß alles um sich und hatte nur noch Augen für ihn.

Die Liebe zu Fadi, aus dem Hause Yazir, zu finden, war wohl das grösste Geschenk in ihrem Herzen. Bemerkt hatte sie jene schon lange, doch gemeinsam zueinander gefunden haben sie erst zum Zeitpunkt des Sturmes. War es von Eluive so bestimmt? War es so bestimmt, dass sie sich jetzt in Arbeit stürzen musste, nur um nicht dauernd an ihn denken zu müssen, damit sie es ertragen konnte, ihn nicht ständig sehen zu können. Die Arbeit riss sie auseinander, er war nie zu Hause, selten traf sie ihn an. Saß er nicht über dem Schreibtisch, diente er dem Erhabenen oder war auf der Jagd. Es schien fast so, wie wenn sein Interesse an ihr verloren ging. Ja, er bekam was er wollte und ließ es wieder fallen wie ein gebrauchtes, langweiliges Spielzeug. Dann noch diese Worte von den anderen Menekanern, sie rissen ihr förmlich das Herz aus dem Leib. „Er traf sich mit einer anderen und das regelmässig“. Was sollte sie da noch glauben? Normalerweise seinen Worten, doch wie sollte man mit ihm darüber sprechen, wenn er nie Zeit für seine, wohl grosse Liebe aufbringen konnte. Zaina verlor den Glauben an diese Liebe, und es tat weh. Unendlich weh. Zaina liess sich im Schatten einer Palme nieder, geschützt vor der Sonne, sie zog ein Pergament hervor und begann einen Brief zu schreiben:

Salam Fadi,

es tut weh, Dir diese Worte jetzt zu schreiben, ich weiss auch nicht, ob ich Dir diesen Brief jemals zukommen lasse, doch braucht meine Seele diese Worte, um zur Ruhe zu kommen. Meine Liebe zu Dir ist unendlich, doch wird mir durch Deine Abwesenheit immer klarer, dass Deine Liebe nicht der meinen entspricht. Es scheint, wie wenn Du Dein Glück woanders gefunden hättest. Deine Liebe, die du mir vor einiger Zeit geschworen hast, ist mir verloren gegangen, ich kann sie nicht mehr fühlen … ich spüre sie nicht mehr, sie gehört mir nicht mehr und mit diesem Gedanken kann …


Zaina setzte mit der Feder ab und dachte über die geschriebenen Zeilen nach. Nein, sie dürfte ihn jetzt nicht verurteilen, nicht, ohne vorher mit ihm gesprochen zu haben. Sie faltete das Papier zusammen, steckte es sich in die Seitentasche ihrer weiten Hose und machte sich auf den Weg zurück, zurück zu Fadi. Saheeb, ihr Bruder hatte sie gewarnt und immer auf sie eingeredet. Er wusste, dass irgendetwas nicht richtig war, sie hätte auf ihren Bruder hören müssen, schliesslich hatten sie schon immer ein besonderes Band, das sie verbunden hatte. Wie konnte sie das vergessen? Blind war sie vor Liebe. Hatte sie überhaupt jemals einen Menschen so geliebt, wie sie ihren Zwillingsbruder Saheeb liebte? Aber es war ihr Bruder, auch er hatte sie verletzt … wobei das wohl zum Leben dazugehörte. Und jetzt ist er fort gegangen, hat sie allein zurückgelassen. Was hat sie ihm nur angetan, was ist ihm nur widerfahren um so zu handeln? Sie konnte es sich nicht erklären, doch verstand sie seine Lage auf irgendeine Art und Weise. Ein liebevolles Lächeln schlich sich beim Gedanken an ihren Bruder über ihre Lippen. Einen besseren Bruder konnte man sich nicht wünschen und sobald sie Gelegenheit dazu finden würde, würde sie zu ihm gehen, um ihm das sagen zu können. Aalina ihre Schwester konnte sie nur beneiden, sie war die, die immer gesagt hatte: Ich heirate nie! Nie! Und wenn doch einmal, dann nur den Erhabenen! Zaina musste leise lachen, als sie an die Worte von Aalina dachte. Irgendwann lief Aalina, Raakin über den Weg … und nun sind die beiden glücklich verheiratet, ein wunderbares Paar. Obwohl das Schicksal die beiden, mit dem Verlust ihrer einzigen Tochter, schwer traf. Doch das schweißte die beiden nur noch fester aneinander, so schien es jedenfalls. Doch traf sie ihre Schwester kaum noch an, so eine kleine Familie bedeutete eben Verantwortung und viel Arbeit. Doch was nützte Zaina das alles, sie fühlte sich im Moment einfach allein, einsam und das musste sie jetzt ändern!

Zaina bemerkte gar nicht, wie die Zeit verging. Als sie aufblickte stand sie bereits vorm heiligen Berg. Sie liebte ihre Arbeit, auch wenn es manchmal sehr schwer war, den Anforderungen gerecht zu werden und dann wurde man auch noch beschuldigt, dem Emir Salz geraubt zu haben. Zaina musste ihre Wut sehr unter Kontrolle halten, es brachte sie fast soweit ihren Beruf aufzugeben. Aber Zaina liebte ihre Arbeit viel zu sehr, um einfach klein bei zu geben. Voller Stolz ging sie jeden Tag in den Berg, um die heiligen Tränen Eluives zu gewinnen. Es war ein ehrbarer Beruf und der Berg verbarg schöne Kindheitserinnerungen. Sie musste immer wieder daran denken, wie sie früher zusammen mit ihrem Bruder, die Salzkristalle angestarrt hatten, die voller Glanz immer wieder aufs neue ihr Glitzern zur Schau stellten. Ihr Vater hatte sie beide oft mit zur Arbeit genommen, weil er wollte, dass Saheeb in seine Fußstapfen trat, was ihm auch gelang, doch glaubte Vater wohl nie, dass ihm das auch bei seiner Tochter gelang. Sie musste schmunzeln, als sie an all die Auseinandersetzungen dachte, die sie gemeinsam mit Vater und Bruder deswegen führen musste. Zaina ging in den Berg hinein, es trieb sie regelrecht hinein. Nein, sie wollte nicht arbeiten, sie war auf dem Weg zu Fadi, aber es konnte schließlich nicht schaden, nach dem Rechten zu sehen und den Anblick der Kristalle zu genießen. Es hatte immer wieder eine beruhigende Wirkung auf sie. Wie üblich ging sie zu ihrem Platz, an dem sie immer zu schürfen begann, sie ließ die Blicke über die Salzkristalle schweifen und strich sanft mit den Händen die Bergwände entlang. Zaina war so vertieft in Gedanken, dass sie nicht bemerkte, wie sich über ihr einige Felsbrocken lösten und zu Boden krachten, sie schreckte sichtlich zusammen, gab einen lauten Schrei von sich, wich einen Schritt zurück, nocheinmal krachten Felsbrocken herab und dann plötzlich war es Still. Totenstill.

Die Wachen eilten aufgeregt zum Unfallort, als sie mitbekamen was geschah, sie versuchten dann die Felsbrocken von ihr zu nehmen, doch vergeblich. Zaina wurde regelrecht darunter begraben. Die Felsen waren zu schwer und die Wachen zuwenig um auf die Schnelle etwas ausrichten zu können. Der kleine Brief, den Zaina begonnen hatte … eine Wache bemerkte jenen und nahm ihn an sich, kurze Blicke schweiften über das Pergament, ehe er diesen einer anderen Wache in die Hand drückte, mit folgenden Worten: „Bring diesen Brief sofort zum Statthalter und berichte ihm, was geschehen ist … dann überbring die tragische Nachricht ihrem Bruder, dem Familienoberhaupt Saheeb Masari, alles weitere erledige ich hier!“
Saheeb Masari

Beitrag von Saheeb Masari »

Fast zwei Mondläufe lebte Saheeb nun schon fernab der Heimat, fernab einer Stadt, die er zu lieben und auch zu hassen gelernt hatte und mit der er unwiderruflich verbunden war, was auch immer er versuchte. Und wahrlich, er hatte oft den Versuch gewagt, sich aus den Fängen seines Volkes und dieser Stadt zu befreien. Seinem Vater war er damals entflohen, als er es nicht mehr aushielt – die Flucht seiner Schwester, den ständigen Ärger im eigenen Heim und die Unzufriedenheit. In die Wüste war er gegangen, hatte alles hinter sich abgebrochen. Wie eine Flucht sah es aus, wie ein Wegrennen vor den Problemen, die sich wie ein gewaltiger Berg über ihm aufgetürmt hatten.

Heute war das nicht anders, auch heute stand Saheeb am Fenster des kleinen Palastes, den Fateen und Yasemeen Masari am Rande der Wüste errichtet hatten, um ihren Lebensabend dort zu genießen. Die Sonne stieg gerade von ihrer Reise über das Himmelszelt herab und sank als roter, flammender Ball über dem Meer hernieder, spiegelte sich in unzähligen funkelnden, flammenden Funken und verlieh dem Ausblick etwas unglaublich Magisches. Aiwa, wieder war er „davongerannt“, wie man ihm vorhalten würde, käme er jemals zurück. Aber was hatte er tun sollen? Es war zuviel geworden. Pflichten und Lasten, die er nicht mehr erfüllen konnte, weil das Leid, das ihm seine Familie und sein eigenes Schicksal auferlegten, nicht mehr zu stemmen in der Lage war. Hier, am Rand der Einöde, galten diese Probleme nichts mehr. Alles schien wie eine Nichtigkeit klein und unbedeutend, vergangen und nicht wert, dass man sich darüber echauffierte.
Seine Mutter hatte ihm ab und an zur Seite gestanden, ihn bewegt, zu sprechen und sein Herz auszuschütten – und wahrlich, seine Eltern waren merkwürdigerweise nun in dieser schweren Stunde die letzten, denen er sich anvertrauen konnte, denen er selbst das erzählen konnte, wofür seine Schwestern nicht mehr geeignet waren. Reden hilft, sagt man immer. Reden erleichtert, macht einem das Herz frei und den Kopf klar. Nichts davon war wahr. Er hatte alles erzählt – nun ja, fast alles – aber noch immer lag der Schleier auf seinem Herzen und vermochte sich nicht zu lösen. Zeit heilt alle Wunden. Noch so ein Spruch. Vielleicht würde wenigstens dieser Recht behalten, wenn schon die großen Weisheiten anderenorts versagten.

Die Tage seines selbst erwählten, zweiten Exils vergingen schleppend, ruhig, gaben ihm jede Menge Zeit zum Denken und Grübeln, was er lange vermieden hatte und nun nachholen musste. Die seltenen Briefe, die er aus den Händen Zainas bekam, halfen ihm nicht unbedingt, zu vergessen, was geschehen war, sondern brachten mehr Probleme auf den Plan, als es vorher gegeben hatte. Der Verlust seiner Nichte, der kommende Verlust seiner Schwester Amira… vielleicht würde sie wenigstens Glück finden mit einem Mann, auch wenn Saheeb sich dessen inzwischen schon lange nicht mehr sicher war. Das perfekte Eheglück, wie seine Eltern es vorgelebt und vorgespielt hatten, schien ihm wie das zu erreichende Ziel der Liebe, des Lebens, aber erreicht hatte es keiner von ihnen wirklich.

Zaina dreht sich in einem endlosen Kreis, verliebte sich in den, dann in den. Er konnte es ihr nicht übel nehmen, denn ihm selbst war es nicht anders ergangen, auch wenn er nicht so offen und offiziell dazu Stellung bezogen hatte. Sie waren sich nicht einmal in dieser Beziehung sehr verschieden, aber Kummer bereitete sie ihm dennoch. Die Bindung an den Statthalter und Wesir des Reiches vermochte er nicht gutzuheißen, und geschickt war er bisher um jedes Gespräch zwischen Fadi und ihm selbst herum gekommen. Was würde er antworten, wenn Fadi um ihre Hand anhielte? Sein Herz sagte nein, doch sein Verstand fand keine Begründung.

Amira? Gab sich Kemail hin. Kemail… er vermochte sich kein rechtes Bild über diesen Mann zu machen, die wenigen Begegnungen, die er mit ihm hatte, waren nicht unbedingt erfreulich gewesen, aber das Glück seiner Schwester stand im Vordergrund. Zaina würde wissen, was zu tun war, würden sie mit den Fragen ihrer Zukunft zu ihr kommen. Er selbst jedoch, Saheeb, würde so schnell keine Frau seines Hauses mehr in die Hände eines Mannes vergeben, dessen war er sich sicher. Je öfter er diese Prozedur hinter sich gebracht hatte, desto mehr wurde ihm klar, was sein Vater Fateen durchzustehen hatte. Ein Vater von Töchtern, wie seine Schwestern es waren, brauchte viel Kraft, um die richtigen Ehen zu schließen und sie in die Hände der richtigen Männer zu geben. Jetzt, da er nicht mehr die Kraft und den Willen dazu hatte, musste Saheeb ein Amt übernehmen, dass keineswegs einfach und in jedem Fall Nerven zerreißend war.

Aalina? Sie war glücklich verheiratet mit Raakin. Raakin… ja, an das „Verkaufsgespräch“ damals mit dem Großwesir konnte Saheeb sich noch erinnern, das gehörte zu den schönen Zeiten, die er anfangs verlebt hatte. Einem Weisen dieses Formates leise beibringen zu müssen, wie er um seine Zukünftige zu feilschen hatte, während diese bestimmt irgendwo stand und lauschte, war genau das, was Saheebs spitzbübischem Charakter entsprach und gefiel. Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen, während er so an diese Zeit zurück dachte. Aiwa, man könnte meinen Aalina wäre glücklich, verheiratet mit einem wundervollen Mann, reich, bekannt und berühmt, wichtig… Allein ihr Leid mit dem Kind, das Eluive ihr nahm, aus welchen Gründen auch immer. Sie war glücklich, zumindest in der Ehe, das war ein schwacher Trost, aber der Verlust ihrer Tochter musste ihr nahe gehen.


Als die Sonne versunken war und Dunkelheit sich über das Land zog, kam auch die Kälte der Nacht einher und trieb den jungen Menekaner mit den traurigen Augen, der stundenlang am Fenster stand und hinausstarrte, in das warme und weiche Bett – doch der Schlaf vermochte nicht, ihn zu übermannen, zu voll war sein Kopf, zu schwer seine Gedanken.
Er hatte seine Schwestern alle verloren, Stück für Stück. Zuerst war es wohl Amira gewesen, die mit ihrer großen Ehre, dem Harem des Emirs anzugehören, so fern und fremd war. Wie oft war er ihr schon begegnet? Einmal? Zweimal? Wie sah sie eigentlich aus? Er hatte noch das mädchenhafte Gesicht vor Augen, die kleine Amira, die sie einmal war, als auch er noch jung und frech sein konnte, ohne dafür bestraft zu werden.
Die zweite war Aalina gewesen, und an ihr hatte Saheeb schmerzhaft feststellen müssen, dass Blut keineswegs dicker als Wasser war. Die Liebe und die Ehe mit Raakin hatte seine Schwester immer mehr entfremdet und von ihr abgetrieben. Schwestern kannten dieses Problem vermutlich nicht, aber für Saheeb war es schwer, nicht mehr der einzige Mann in Aalinas Leben zu sein, sondern von jemandem verdrängt zu werden, mit dem er nicht konkurrieren konnte.
Und zuletzt war es Zaina gewesen. Ihre unverständlichen Sinneswandlungen, ihr Gespür dafür, ihn zu verletzen, auf eine Weise, gegen die er sich nicht wehren konnte. Was nur hatte diese Frau an sich, dass ihn so wahnsinnig machte. Sie war seine Schwester, aber manchmal sah er sie mehr als eine Frau, die sie war, und weniger als das eigen Fleisch und Blut, das sie teilten. Nein. Nein, dem war nicht so. Dieser Gedanke war unzüchtig und erlaubte sich nicht – auch wenn er schon lange nicht mehr fort zu denken war. Die erhabene Mutter konnte unendlich grausam sein, wenn sie es wollte, und er musste es spüren… Doch diese Bindung mit Fadi hatte sie entfremdet, sie waren sich ferner denn je, und Saheeb spürte den Stich regelrecht in der Brust…

Und in eben jenem Augenblick spürte er ihn wirklich. Ein sanfter, kaum merklicher Stich, irgendwo in ihm. Er wirkte nicht einmal sonderlich echt, mehr wie eine Einbildung. Saheeb fuhr auf und tastete an seine Brust. Dieser Stich verhieß nichts Gutes, aber was es war, vermochte er nicht zu deuten. Oder war es nur Einbildung gewesen? Die ganze Zeit der Trauer und des Selbstmitleids hatten seinen Geist wässrig gemacht und ihn wahnsinnig werden lassen, so musste es wohl sein. Denn kein Stich, den je jemand empfunden hatte, würde jemals irgendein Unheil bedeutet haben. Nein.
Merkwürdige Gedanken waren es also, die Saheeb noch umflossen, ehe die Nacht und der Schlaf den Geist des jungen Mannes übermannten.

Die folgenden Tage fühlte Saheeb sich schlecht, leer, irgendwie ausgelaugt. Das war kein sonderlich neuer Zustand, denn recht viel anders hatte er sich die ganzen anderen Tage auch nicht gefühlt, aber jetzt war es viel tiefgehender und schärfer, als es vorher gewesen war. Selbst seine Mutter sorgte sich um ihn, und die Heimreise, die Rückkehr nach Menek’Ur, die er vorgehabt hatte, musste er verschieben. Ein für einen Menekaner untypischer Husten befiel ihn und sorgte für einige Tage dafür, dass er das Bett hüten musste, umsorgt von seinen Eltern, aber dennoch irgendwie rastlos. Vorboten einer schlimmen Nachricht, das war ihm heute klar, doch konnte er dies nicht wissen.

Zwei Tage später kam er an. Ein Bote mit einer Nachricht, die einen spitzen Schrei des Entsetzens quer durch den kleinen Palast jagte. Yasemeen, Mutter von Zaina und Saheeb, schrie auf, und das so hoch und so entsetzt, dass Saheeb eine gewaltige Gänsehaut den Rücken hinunter lief, als er es eine Etage weiter oben vernahm. Mühsam quälte er sich aus dem Bett und lief barfüßig die steinerne Treppe hinunter. Das Bild, das sich ihm bot, war erschreckend und entsetzlich zugleich.

Yasemeen saß mit dem Rücken gegen eine Wand gelehnt auf dem Boden, die Knie eng an den Körper gezogen und mit beiden Armen umschlungen. Ihr Gesicht war starr und Tränen liefen über ihre Wangen, ohne dass sie wirklich weinte, aber sie war blass – für einen Menekaner fast schon erschreckend blass. Neben ihr lagen einige Scherben, die einer kostbaren Vase gehört hatten, die sie einmal von Fateen geschenkt bekommen und seitdem wie ihren Augapfel gehütet hatte. Selbiger Herr des Hauses bot kein besseres Bild, er rang um Fassung und stand, abgestützt mit einer Hand im Türrahmen, fast schwankend und kraftlos neben seiner Frau, unfähig, ihr beizustehen. Zwischen den beiden hindurch vermochte Saheeb die Gestalt eines jungen Mannes zu erkennen, Brahir Yazir, einem Boten, dessen Dienste er in der Wüstenstadt Menek’Ur schon manches Mal in Anspruch genommen hatte. Auch in seinen Augen stand Trauer, Furcht… irgendetwas in diese Richtung, jedenfalls war es keine freudige Nachricht, die er brachte.

„Saheeb…“ Seine Stimme zitterte richtiggehend. Hatte er ihm sein Todesurteil zu überbringen? Hatte die große Mutter sich entschlossen, nun endgültig den Deckel auf sein verbautes Leben zu legen?
„Brahir, was ist denn los? Ist etwas geschehen? Ich…“ Ein weiterer Blick auf seine Eltern, die immer noch vollkommen willenlos und kraftlos vor ihm standen und saßen, zwang ihn, zu schweigen.
„Saheeb… ich… es tut mir leid.“
„Was tut dir… leid? Was ist geschehen?“ Und plötzlich war es wieder da. Dieses Gefühl, der Stich. Nein, es war keine Einbildung gewesen. Es war etwas geschehen. Und… nein. Es konnte doch nur eine Person geben, bei der… nein!
„Saheeb…. Zaina… sie ist… sie wurde von einem… sie ist tot.“

Tot.

Tot.

Tot.

Lange Zeit hallte nur dieses Wort in seinem Kopf nach. Tot. Zaina? Tot? Weg? Nicht mehr da? Ausgelöscht aus seinem, aus dem Leben aller Menekaner? Das… nein, das konnte nicht sein. Das durfte nicht sein. Mit wenigen Schritten war Saheeb bei Brahir, packte ihn am Kragen seines weißen Hemdes und zerrte ihn bedrohlich zu sich.

„Du lügst! Was verbreitest du solch sündige Lüge im Hause meiner Eltern?“ Zorn, Wut, Panik, Hass – ein Mischmasch aus furchtbaren Gefühlen lud sich auf den armen Brahir mit diesen wenigen Worten nieder, der sichtlich eingeschüchtert versuchte, sich aus seiner etwas unangenehmen Situation zu befreien.

„Nein, werter Herr… ich lüge nicht. Ich wurde hierher gesandt, euch als Familienoberhaupt und ihrem Bruder Meldung zu machen… ich… es tut mir leid… könntet ihr mich wieder loslassen?“

Mit einem kräftigen Stoß warf Saheeb Brahir zurück, so dass dieser rittlings im Sand landete, ehe seine eigenen Beine den Dienst versagten. Er ging in die Knie und blickte starr auf das Gesicht des Boten, in dem kein Wort der Lüge, kein Wort falschen Zeugnisses zu lesen war. Nein, der hatte nicht gelogen. Langsam, ganz so wie Gift, das durch seine Venen zog, machte sich ihm bewusst, dass sie fort war. Das Gefühl der Lehre war echt gewesen, seine Schwester fehlte. Er spürte sie nicht mehr, auch wenn er das Gefühl nicht beschreiben konnte. Sie war fort. Brahir log nicht. Das leise Schluchzen seiner Mutter im Hintergrund bewies Saheeb, dass auch sie nun verstanden hatte, dass es echt war.

Eine Stunde später war das Lama gesattelt und die Wasserflaschen dicht verschlossen. Yasemeen stand, eng umschlungen von einem stärkenden Arm ihres Mannes, im Türrahmen und blickte ihrem Sohn hinterher, der mit einem letzten Winken zum letzten Mal seine Eltern und ihr Haus sehen sollte. Die Reise nach Menek’Ur duldete keinen Aufschub. Diesmal würde er nicht mehr vor seinem Schmerz davonlaufen, diesmal kannten die Worte der erhabenen Mutter keine Wirkung mehr für ihn. Und kein Skorpion, kein Käfer der Wüste wagte es, sich dem einsamen Paar, einem tränen überlaufenen jungen Menekaner, der ab und an seine Wut und seine Trauer in die Einsamkeit der Wüste schrie, und seinem treuen Reittier, in den Weg zu stellen.
Aalina Yazir

Beitrag von Aalina Yazir »

Es hämmerte gegen ihre Türe. Aalina stand auf und ging grummelnd die Treppen hinunter zu jener Türe, an die es so heftig hämmerte.

"Nächstes Mal... nimmst du deinen Schlüssel mit"

Murmelnd und mit einem Grinsen im Gesicht öffnete Aalina die Türe. Doch vor der Tür stand nicht der Mann - ihr Mann - den sie erwartet hatte. Vielmehr ein Wachmann, ein junger Spund der Masari. In Aalina zog sich irgendwas zusammen. Das letzte Mal, als sie eine Wache vor ihrer Tür stehen hatte war ihre Tochter gestorben. Wie in einem Film rasselten die Bilder nur noch auf sie ein. Eine Träne rannte über ihre Wange, obwohl sie noch nicht einmal wusste, was passiert war. Hysterisch ging sie auf die Wache zu und schüttelte diese unsanft. "WER? Wen hat es diesmal erwischt?"

Verzweifelt versuchte die Wache Aalina zu beruhigen. Verzweifelt versuchte er sie wieder ins Haus zu drängen, doch Aalina schien zur Furie zu werden. "WER? VERDAMMT NOCHMAL?"

Nach einiger Zeit schien Aalinas Kraft nachzulassen, sie ging auf die Knie. "Es tut mir leid, ehrenswerte Frau Großwesirin. Eure Schwester Zaina....!" Die Wache konnte gar nicht mehr weiter sprechen, als er die junge Menekanerin nur noch weinend und zitternd wie ein Häufchen Elend vor sich sah. Nicht Zaina. Nicht ihre große Schwester, die sie über alles geliebt hatte. Nicht sie. Warum?? Aalina konnte nicht mehr stehen, nicht mehr gehen, nichts mehr. Sie saß da im Eck ihrer Schneiderei und weinte bitterlich. Sie hatte nicht einmal mehr genügen Kraft um vernünftig nach Luft zu schnappen. Ihre Schwester war tot. Was musste noch alles passieren? Hatte es nicht mit dem Verlust ihrer Tochter gereicht? Zusammengekauert saß sie fast eingeklemmt in dem Eck und starrte wie von Sinnen an die gegenüberliegende Wand, in der Hoffnung, Raakin würde bald nach Hause kommen.
Saheeb Masari

Beitrag von Saheeb Masari »

Das arme Tier war völlig am Ende und entkräftet, als Saheeb nach einem Ritt, der sich zwei Tage und zwei Nächte erstreckte, dort ankam, wo alles begann und wo alles endete. Vor den Toren der Wüstenstadt sprang der Menekaner wortlos vom Rücken des Lamas, drückte die Zügel einem vollkommen irritieren Wachmann in die Hände und rannte, dass der Sand unter seinen Füßen zerstob, zum Mineneingang. Dort drinnen war es geschehen, dort hatte die erhabene Mutter ihn seiner Schwester beraubt. Aber je näher er dem Eingang kam, dem Zeltdach, dass den Minenschacht vor Sonne und Wind schützen sollte, desto langsamer wurden seine Schritte, desto weicher seine Knie. Wenige Meter vor dem Gerüst brach sie unte ihm zusammen, und schluchzend, mit tränenüberströmtem Gesicht saß er auf seinen Knien im Sand. Die salzigen Tränen, die seine Wangen hinunterliefen, vermengten sich mit dem Sand der Wüste und färbten ihn dunkler.

Wie konnte ein Ort nur ein Hort solchen Leides sein? Und zugleich das, was ein Leben ausmacht. Nie zuvor hatte Saheeb erkannt, dass sein ganzes Schicksal, alles, was er tat, hier an diesem einen Ort zusammen lief. Er hatte hier gelernt, seinem Vater geholfen, hier war er reich geworden. Seinem Volke konnte er hier dienen, seiner Familie zur Ehre gereichen. Hier lag das Salz der Eluive, das Kostbarste, was sein Volk hatte, und das, was sein Leben ausmachte.
Und hier war er begraben worden in Zeiten des Sturmes, fernab von seinem Volk, unfähig, zu helfen und beizustehen. Hier hatte er zusehen müssen, wie ein Wachmann nach dem anderen dem Durst und dem Hunger erlag, wie ein junger Menekaner zurück gelassen wurde. In der Salzmine hatte er schließlich auch seine Schwester verloren, die ihm so viel bedeutet hatte und die das einzige war, was ihn nach all der Zeit der Trauer und des Schmerzes noch am Leben hielt.

Ein junger Wachmann, der vielleicht gerade den achtzehnten Sommer verlebt hatte, eilte herbei, hockte sich neben ihm nieder und sprach mit einer beruhigenden Stimme auf ihn ein.

“Herr… ist alles in Ordnung? Geht es euch gut? Ich begleite euch zur
Stadt, wenn ihr das wollt…

“Nein. Nein… aber sprich… weißt du von Zaina, der Perle der Wüste? Von ihrem… von ihrer Reise zur erhabenen Mutter?“

Erhabene Mutter. Was für eine Lüge, welch ein Hohn. Diese Mutter war nicht mehr als ein grausames Wesen, die einem das Leben mit zahlreichen Hürden und Schicksalsschlägen verdarb, als wäre man ein Spielball und könne sich nicht erwehren. Was wollte sie von ihm wissen? Wie lange er bereit war, ihr entsetzliches Spiel mitzuspielen? Oder wann er beginnen würde, sich aufzulehnen und zu kämpfen?

“Ja, ich weiß davon… kanntet ihr sie?“
“Führe mich zu der Stelle, an der sie.. an der es geschah.“ Herrisch und befehlshaberisch war nun der Ton, den er anschlug. Für das, was er nun vorhatte, konnte er keinen Widerstand gebrauchen. Für einen Moment schien der Wachmann nicht genau zu wissen, was von ihm verlangt wurde, schien sich aber doch für den sicheren Weg der Befehlserfüllung zu entscheiden und half Saheeb kurzerhand aus dem Sand.

Der Minenstollen war entsetzlich ruhig. Zu dieser Tageszeit, wenn die Sonne ganz oben am Firmament stand, arbeitete nur selten jemand in den Tiefen der Mine. Saheeb war manches Mal so wahnsinnig gewesen – oder Zaina. Sie besaß eine unvorstellbare Durchhaltekraft, ganz so, als wolle sie ihm und ihrem Vater beweisen, dass sie besser war, dass auch sie dieses Werk tun konnte.
Die Stelle, an der Felsen und Salz herab gebrochen waren, war noch immer deutlich zu erkennen. Zwischen die steinernen Splitter und die Salzkristalle, die überall verstreut lagen, stellte sich Saheeb, an eben jene Stelle, an der Zaina gestanden haben musste. Hier war es also geschehen. Hier hatte sie gearbeitet, und hier hatte die Mutter beschlossen, sie mit sich zu nehmen. Das war nicht gerecht.

“Geht.“ Ein einziges, herrisches Wort und ein durchdringender Blick, mit dem Saheeb den Wachmann anstarrte.
“Herr… ich glaube nicht, dass dies…“
“Ich sagte, geht. Als Oberhaupt des Hauses der Masari ist es mein Wunsch und meine Bitte, dass ich für einen Augenblick an jenem Ort verweilen kann. Und nun verschwindet.“

Einem Oberhaupt widersprach man nicht, schon gar nicht, wenn einem die eigene Familie teuer war. Und so blieb dem Mann nicht viel mehr übrig, als die Mine mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend zu verlassen.
Saheeb aber fühlte sich mit einem Mal befreit. Es schien seltsam, aber hier, an ihrem Todesort, fühlte er sie wieder, glaubte er, sie wieder bei sich zu haben. Und nicht nur sie… all die anderen, die er verloren hatte, traten mit einem Mal wieder vor sein geistiges Auge, verschwommen, aber mit einem Lächeln auf den Lippen. Ein Außenstehender hätte das gleiche, merkwürdige und der Realität entfremdete Lächeln auf Saheebs Lippen erblicken können – allein, es war keiner da, der es zu sehen vermochte. Mit einem Mal lichtete sich der Schleier auf seinem Herzen, mit einem Mal schien es klar.

Etwa ein halber Stundenlauf war vergangen, als der Wachmann begann, sich Sorgen zu machen. Kein Laut war aus der Mine gedrungen, und das Oberhaupt des Hauses saß wohl noch immer am Todesort seiner Schwester. Er musste sich furchtbar fühlen, da war sich der junge Mann sicher. Aber dennoch war es nicht gut, in seinem Schmerz so lange alleine zu sein. Nach einigen weiteren Minuten des Zögerns fasste er sich also ein Herz und betrat den Stollen erneut.
Im fahlen Licht des Kerzenscheins vermochte er zunächst nicht gut zu sehen. Eine Person lag am Boden, fast so, wie Zaina es vor wenigen Tagen noch tat. Was tat er da? Berührte er den Boden, den sie berührt hatte? Oder… war er zusammen gebrochen?

Die bittere Erkenntnis traf ihn erst, als er näher trat. Ein kleines Fläschchen lag neben dem Körper, und ein unangenehm stechender Geruch fuhr dem Wachmann entgegen, als er die Flasche aufhob. Was auch immer das für ein Zeug war, es konnte nicht gut schmecken, so wie es roch. Und für einen Augenblick war er sicher, mit so einem Gesöff könnte man sich bestimmt vergiften… vergiften.
Seine Augen weiteten sich und er wandte sich dem Körper zu. Saheeb lag ausgestreckt auf dem Bauch und der Kopf lag leicht verdreht auf dem Boden, so dass er mit glasigen Augen dem Wachmann ins Gesicht starrte. Nein, sie waren nicht glasig. Sie waren leer. Und dem armen Wachmann, der so gar nicht wusste, was hier geschehen war, kamen zwei Gedanken im gleichen Augenblick, von denen er später nie wissen würde, welcher der erste war – das Oberhaupt des Hauses der Masari war tot, und er war daran schuld.

Später, nachdem der Statthalter und alle Angehörigen des Hauses Masari informiert worden waren sowie ein Bote sich auf dem Weg befand, die Eltern des Verstorbenen zu benachrichtigen, fand jemand wie zufällig einen schmalen Zettel in der Jackentasche des Toten. Er war sauber und galant beschrieben und das mächtige geschwungene M des Hauses Masari prangte oben auf dem Zettel, doch die Zeilen darunter wirkten alles andere als formell.


“Geliebte Schwester,

was auch immer geschieht, so beschwöre ich dich, stark zu sein und dir Halt zu suchen in jenem Moment, da du diese Zeilen liest. Ich habe lange mit mir gerungen, die Bürden, die man mir auferlegte, zu tragen, und ich habe mit der Zeit meine Kraft verloren. Doch alle Ämter und alle Lasten, die man mir aufsattelt, vermögen mich nicht so zu zerstören, wie das, was in mir ist.
Von diesem Augenblick an hast du keinen Bruder namens Saheeb mehr, denn ich bin weder würdig, ein Teil unserer Familie, noch ein Teil unseres Volkes zu sein. Mein Herz sündigt, seit es schlägt, und du bist der Grund, du, meine unschuldige und hübsche kleine Schwester. Ich habe schon vor langer Zeit aufgehört, die noch wie mein eigen Fleisch und Blut zu betrachten, habe seit langem die Frau in dir gesehen, die in der Lage war, mein Herz mit Freude und Leid zu überspülen, wie es keine andere vermochte. Und lange habe ich es nicht wahrhaben wollen, bis ich den toten Körper von Charis aus dem Hause Yazir erblickte. Erinnerst du dich? Ich sagte dir, ich wäre verliebt. Bei dem Anblick ihres toten Körpers war ich voll Trauer und Angst. Denn ich empfand nichts.
Seine Schwester zu lieben ist eine Sünde und ein Vergehen, deren ich mich nicht länger entziehen kann – jeder weitere Tage auf dem heiligen Boden unserer Insel ist ein Tag, an dem ich unser Volk und unsere Familie beschmutze. Und seit der Sekunde, seit meine Schmach und meine Lebenslast geschrieben steht auf einem kleinen Stück Papier, lesbar für jeden, ist mein Leben verwirkt. Tod und Ehrlosigkeit erwarten mich, sollte ich jemals zurückkehren in unsere stolze Heimat, und mein letzter Rest an Stolz verbietet mir, mich von denen, die einst meine Freunde waren, anspucken zu lassen. Ich verstoße mich hiermit selbst aus unserer Familie und unserem Volke und versage mir, weiterhin den Namen der Masari, der großen unseres Volkes, zu tragen, und wähle im gleichen Moment den Weg des Todes.
Vielleicht kann ich hier, in einem Grab beim Hause unserer Eltern, Ruhe finden. Denn ein Grab auf der Insel unserer großen Ahnen wird mir für alle Zeit verwehrt bleiben.

Lebe wohl, Erfüllung meines Herzens. Eluive sei auf alle Zeit mit dir und deiner Familie,


Saheeb
Aalina Yazir

Beitrag von Aalina Yazir »

Bei jedem einzelnen Klopfen an die schwere Holztüre zuckte Aalina zusammen. Sie hatte Angst, ja. Sie hatte förmlich Angst, dass sie wieder eine Nachricht ereilte, die sie nicht hören wollte. Tag für Tag, Stunde für Stunde... Minute für Minute und Sekunde für Sekunde lebte sie mit der Angst, dass jemand an ihre Tür klopfte und ihr mitteilte, dass wieder jemand gestorben war, der ihr wichtig war, den sie liebte. Sie hatte über die Tage hinweg Fieber bekommen, ihre Lunge schmerzte, da sie kaum noch etwas zu Trinken zu sich nahm, geschweige denn zu essen. Sie weinte den ganzen Tag so sehr, dass sie sich fühlte, als ob sie keinerlei Flüssigkeit mehr in sich hatte. Wie von Sinnen irrte sie durch das Haus, hielt sich aber so wenig wie nur möglich auf den Beinen. Sie war schwach, sie war allein. Niemand war da, der sie momentan stützen konnte, der ihr Kraft geben konnte. Zu wem war sie denn sonst gegangen, wenn es ihr schlecht ging? Zu Zaina. Im schlimmsten Falle zu Saheeb. Aber Zaina war tot und Saheeb war bei ihren Eltern. Ob er schon vom Tod seiner Schwester gehört hatte? Womöglich hatte er es sogar gespürt. Die beiden waren unzertrennlich, immer.

Aalina dachte an die Zeit, in denen sie klein waren. Leise Tränen schlichen sich abermals ihre Wangen hinab. Die Erinnerungen, wie sie mit Zaina lachend durch das Haus ihrer Eltern rannte oder gemeinsam mit Zaina von Saheeb in eine Wassertonne gesteckt wurden schmerzten. Auch wenn sie ein Lächeln auf den Lippen trug, die Erinnerungen taten weh. Sie hatte ihre Schwester nicht einmal mehr in den Arm nehmen können, ihr für alles danken können, was sie für sie getan hatte. So lange hatte sie ihre Schwester nicht mehr gesehen und wäre sie bei Kräften, hätte sie sich auf den Weg gemacht um wenigstens Saheeb zu sehen. Schließlich wusste man nie, was nicht geschehen würde. Vielleicht war es das letzte Mal, das sie Saheeb sehen konnte und ihm sagen konnte, wie sehr sie ihn liebte? Wie sehr sie ihren großen Bruder ehrte und schätzte? Wenn sie es schon Zaina nicht mehr sagen konnte. Aalina schluckte sich den Kloß in ihrem Hals hinab. Vorsichtig ging sie aus dem Bett die Treppen hinab in die Küche. Ein bisschen musste sie zu sich nehmen, schließlich hatte sie nicht nur ihre Gesundheit zu verantworten sondern auch die ihres Kindes, welches sie in sich trug. Das Haus war leer, es war verlassen. So leer, wie sie sich innerlich fühlte. So leer, wie sie war? Einsam, verlassen. Vorsichtig nahm sie ein Kleidungsstück von Raakin auf, welches über dem Geländer hing und schlang ihre Arme darum. Wo nur steckte ihr Mann? Wie gerne würde sie ihr Gesicht in seiner Schulter vergraben und einfach nur noch weinen?

Irgendwann war sie wieder nach oben gegangen und eingeschlafen. Sie hatte das Klopfen an der Türe gar nicht auf Anhieb vernommen. Müde und verschlafen, total kaputt und ausgelaugt stand sie auf, warf sich eine Toga über und schlich sich geschwächt zur Tür hinab. Sie holte Luft, fast so tief, dass sie sich daran verschluckte und es in ihrer Lunge schmerzte. Jeder einzelne Schritt schmerzte. Und doch, es konnte immerhin ihr Mann sein. Obwohl er eigentlich immer einen Schlüssel hatte.
Vorsichtig öffnete sie die Tür und sah hinaus. Es war niemand da. Einzig allein ein Zettel klemmte in den Sandsteinen ihres Hauses. Vorsichtig nahm sie ihn von der Wand und begann zu lesen.

Ehrenswerte Frau des Großwesir, Aalina Yazir,

mit bedauern und anhaltender Trauer muss euch mitgeteilt werden, dass ebenso wie Zaina Masari auch Saheeb Masari den Tod erlangte. Sein lebloser Körper wurde an der selben Stelle aufgefunden wie auch der eurer Schwester.


Sie las nicht weiter. Sie kämpfte mit sich, kämpfte mit den Tränen. Sie starrte das Blatt Papier an als würde sie kaum glauben, was sie dort zu lesen bekam. Ein Zustand seelischer Bewusstlosigkeit trat ein, sie bekam keine Luft mehr. Schwankend torkelte sie ins Haus zurück, schloss die Türe hinter sich und umklammerte den Zettel weiterhin in ihrer Hand. Sie war schwach, sehr schwach, zu schwach um sich noch weiterhin auf den Beinen zu halten. Ihr war schlecht, ihr war übel. Sie musste sich übergeben. Egal, wie sehr ihre Lunge, ihr Hals schmerzte. Sie konnte es sich nicht mehr verkneifen. Es fühlte sich an, als würde sich ihr gesamtes Inneres nach aussen drehen. Tränenüberströmt sah sie gen Zimmerdecke. "WARUM?" brüllte sie. "WARUUUUUM?" Wütend und traurig zugleich sammelte sie ihre letzte Kraft und trommelte mit ihren Fäusten auf den Boden ein. Warum hatten beide sie allein gelassen? Was hatten sie sich nur dabei gedacht? Immer wieder ertönte ein lauter Schrei und lautstarkes Heulen und Schluchzen war aus dem Haus der jungen Menekanerin zu vernehmen. Sie konnte weder ihrer Schwester noch ihrem Bruder "Lebe wohl!" sagen. Aalina stand auf. Es dauerte eine Weile, so schwach war sie, aber sie schaffte es. Ihr Bauch schmerzte, ihre Lunge ließ es veranlassen, dass ihre Atmung röchelte und ihre Hände zitterten. Geschwächt schleppte sie sich in ihr Bett und deckte sich bis oben hin zu. Sie schloss die Augen. Krampfhaft. Sie wollte einfach nur schlafen, Kraft schöpfen, um den beiden eine angemessene Beerdigung zu ermöglichen.

Und in ihren Gedanken suchte Aalina einen Schuldigen für den Tod ihrer Schwester. Irgendwer musste dafür verantwortlich gewesen sein. Zaina war groß und stark, sie hätte doch sicherlich auf sich aufgepasst, wenn sie nicht abgelenkt gewesen wäre. Nur einen kleinen Anhaltspunkt versuchte sie zu finden, nur einen klitzekleinen.

Und für Stunden schien die junge Mutter in einen tiefen Schlaf zu verfallen. Dennoch trockneten die Tränen auf ihrem Kissen nicht. Selbst im Schlaf liefen ihr weitere Tränen über ihre Wangen.
Fadi Yazir

Beitrag von Fadi Yazir »

Wie versteinert stand er vor der Wache, die ihm eben den Zettel gereicht hatte, begleitet von einigen Sätzen, die etwas erklären sollten, was kaum zu erklären war. Zaina, erschlagen von ihrer Arbeit, ihrem Lebenswerk. Wie grausam konnte..... ja was war es gewesen? Sie war Tod, ausgelöscht an eben jenem Ort, der wie kein zweiter auf Menek'Ur mit Eluive verwurzelt war. War sie nicht die Schöpferin alles seins? Und nun sollte an eben jener Stelle ihr Leben ausgelöscht sein. Unzählige Gedanken gingen ihm durch den Kopf, keiner so klar, das man ihn fassen konnte, es schien alles plötzlich so leer. Er rang um Fassung. Fest presste er die Lippen zusammen und versuchte einfach Haltung zu bewahren in Anwesenheit des jungen Menekaners. Seit drei Tagen versuchte er nun schon ihn anzutreffen. Innerlich verfluchte er kurz seine Arbeit für diese drei Tage. Nochmals überflog er ihre Zeilen. Hatte sie recht gehabt? Drei Tage waren vergangen, längst hätte er etwas bemerken sollen.

Er hatte einige Aufgaben abgegeben in den letzten Tagen, erledigt, was zur Erledigung anstand, was er eben immer tat. Er wusste seit längerer Zeit, dass er sich zurücknehmen müsste.. war es nun, wo er es tat zu spät gewesen. Wieder wurde er durch die Worte des jungen Menekaners aus den Gedanken gerissen. Saheeb - auch er war nun tot. Er hatte keine drei Tage gebraucht, um davon zu erfahren. Die Umstände seines Todes ließen ihn innerlich fast erfrieren. Vergiftet am Leid, welches ihm aufgebürdet wurde. Zuviele waren dahingeschieden in den letzten Wochen und nun auch Zaina. Es gab nur wenige Menekaner abgesehen vom Emir, die er so schätzte wie er Saheeb schätzte. Treu Reich und Volk ergeben, mit einer Weisheit und im Wissen um die Traditionen vielen weit vorraus. Welch ein Ende für einen solchen Menekaner, so sollte man ihn nicht in Erinnerung behalten, das sollte dem Haus nicht noch zusätzlich aufgebürdet werden.

Die junge Wache blieb an der tür stehen, während er schnell einige Zeilen verfassen wollte. Schnell und nicht in der Gründlichkeit, in der sonst solche Schreiben verfasst wurden, schrieb er nieder was zu verkünden sei. Schnell, schnell... er müsse sich beeilen, damit der junge Menekaner endlich aus seinen Augen treten könnte. So gab er ihm am Ende vier Schreiben mit und ließ ihn mit einem kurzen Wink zur Tür hinaus, nachdem jener habe schwören müssen, nichts zu den Umständen weiter zu erzählen, unter welchen beide zu Tode kamen. Eilig, wie getrieben, verzog er sich selbst in den Keller, in dem alles begonnen hatte.
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Salam Kemail aus dem Hause der Ifrey, Hauptmann unserer Truppen,

wie Ihr vermutlich bereits erfahren konntet sind Zaina und Saheeb aus dem Hause der Masari in den Salzminen ihres Lebens beraubt worden. Jenes Haus ist ein schweres Los zugemutet worden. Um Ihnen weiteres Ungemach zu ersparen, werden keine weiteren Angaben über ihr Ableben verbreitet. Die Wachen vor Ort sind entsprechend einzuschwören. Beide wurden in der Mine von herabfallendem Gestein erschlagen.

Das Volk Menek'Urs sei gesegnet.

Wesir Fadi aus dem Hause der Yazir
Statthalter Menek'Urs
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Salam mein Emir,

mit tiefster Trauer im Herzen muss ich Euch mitteilen, dass Saheeb, Euer ergebener Beauftragter für alle Fragen das Salz und den Handel betreffen sowie Oberhaupt der Masari und Zaina aus gleichem Hause bei Arbeiten in unserer heiligen Mine ums Leben kamen. Mögen sie ihre ewige Ruhe finden.

Möge dem Reich weitere schmerzliche Verluste durch Umsicht erspart bleiben.

Wesir Fadi aus dem Hause der Yazir
Statthalter Menek'Urs
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Salam Ismaael aus dem Hause der Masari,

vermutlich erreichte euch schon vor tagen die traurige und schmerzliche Kunde über das Ableben von Saheeb und Zaina. Ich möchte euch hiermit die tief empfundene Trauer und mein Beileid aussprechen. Weiter seid ihr hiermit im Namen des Emirs beauftragt, die weiteren Geschicke des Hauses zu lenken.

Ich hoffe das Haus, welches soviel Leid erfahren musste, mag von weiterem ewig verschont bleiben.

Wesir Fadi aus dem Hause der Yazir
Statthalter Menek'Urs
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Ein Aushang an den zur Mine führenden Stadttoren.

Salam werte Menekaner,

in tiefster Trauer haben wir den Verlust von Saheeb und Zaina aus dem Hause der Masari zu beklagen, die bei Arbeiten an der Mine, unserer heiligsten Aufgabe, ihr Leben lassen mussten. Saheeb, war lange als oberster Beauftragter des Emirs für den Handel und das Salz tätig und diente so uns allen. Man soll sich ihrer stets erinnern und die Traditionen und Werte unseres Volkes die durch sie verkörpert wurden ehren.

Möge Menek'Ur jenen Verlust überwinden können.

Wesir Fadi aus dem Hause der Yazir
Statthalter Menek'Urs
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