Scathlan - Szene eines Alltags
Eine weitere schillernde Schneeflocke löste sich aus dem von Wolken verhangenen Himmel, mischte sich erfüllt von windiger Leidenschaft in den Tanz ihres Gleichen, um schließlich still und leise den gefrorenen Boden Scathlans zu küssen. Eine schier endlose Decke aus reinem Weiß lag über der Insel, bedeckte Berggipfel wie Hausdächer gleichermaßen. Und doch, wenn man sich die Zeit nahm genau hinzusehen, erkannte man an manchen Stellen den Ast einer grünen Tanne unter dem hellen Pulverschnee hervorlugen oder das dunkle Gestein der Dorfhäuser frech hervorblitzen. Aus den Schornsteinen der im Tal gelegenen Siedlung stieg grauer Dampf hervor, der in abstrusen Gebilden in der eisig schneidenden Luft umherwirbelte und schließlich in den endlosen Weiten der nordischen Kälte verschwand.
Die starr stehende Gestalt Erin's fügte sich unauffällig in das Idyll der Schneelandschaft, trug ihr langer wärmender Fellmantel inzwischen ebenfalls die weiße Farbe seiner Umgebung. Und die helle Haut der jungen Angurin war ohnehin schwer von der Farbe der vom Himmel schwebenden Flocken zu unterscheiden, wären da nicht die rote Nasenspitze und die rosigen Wangen. Doch das kleine Schaf, welches in stolzen Schritten vor Erin umherstapfte, kümmerte sich nicht um die verräterischen Anzeichen, sah es in der Frau keinerlei Gefahr. Außerdem schien es vielmehr damit beschäftigt, seinen etwas abseits stehenden Artgenossen triumphierend entgegen zu mähen und das sogar mit gutem Grund. Während sein eigener Körper von einer dicken wohligen Wollschicht gewärmt wurde, hatten die anderen Schafe ihre Schutzschicht gegen die eisigen Temperaturen bereits unter den unerbittlichen Händen der alten Elinior lassen müssen. Dass nun auch Erin zum Jäger des wärmenden Guts wurde, damit rechnete der vierbeinige blökende Angeber nicht, war er seit jeher auf Elinior fixiert.
Umso mehr brachte der plötzlich Angriff Erin's das Tier aus seinem Konzept, zutiefst erschrocken sprang es auf und wirbelte auf seinen wendigen Beinchen davon. Im Blickfeld der Angurin hinterblieb lediglich eine puderige Schneewolke. "Bleib g'fälligst steh'n! Du kommst mir net davon!", brach es wie eine donnernde Drohung aus Erin's verärgert verzogenem Mund, als sie mit stapfenden Schritten das diffuse Hindernis durchbrach und hinter dem Schaf hermarschierte. Ihre Worte wohl verstanden habend, legte der Vierbeiner noch einmal einen Zahn zu und stob im Zick Zack aus ihrer Reichweite. Frustriert stemmte Erin die behandschuhten Hände in die Hüften. "Das Mistvieh is' zu schnell!", rief sie hörbar unmutig in die Richtung des Beschimpften, doch ihre Worte erreichten noch ein weiteres Gehör. Aus dem Schatten eines verschneiten Baumskeletts trat die bucklige Gestalt einer Frau heraus, deren vom Alter gezeichnete Züge zu einem sichtbaren Grinsen verzogen waren. "Mir altem Weib gelingt's die Schafe zu fangen und dir jungem Kind spring'ns davon?". Knarrendes Gelächter verteilte sich, welchem Erin mit einem beleidigten "Hrrrumpf!" konterte. Doch die alte Elinior hatte Recht und Erin konnte diese Tatsache unmöglich auf sich beruhen lassen. Sie, eine junge kräftige Frau, nicht in der Lage ein blökendes Schaf zu fangen, lächerlich! So nahm sie ihre Schritte wieder auf und lenkte sie zielstrebig in Richtung des anvisierten Tieres. Mit seinen pechschwarzen Knopfaugen blickte es ihr fast schon belustigt entgegen, offenbar noch lange nicht erschöpft genug um es nicht noch ein zweites Mal mit seinem angurischen Gegenüber aufzunehmen. "Ich krieg' dich Freundchen, das versprech' ich dir!", murrte sie dem Wollknäuel entgegen und die Jagd begann unter lautem Gemähe und Gefluche von neuem.
"Da bist' ja endlich. Ich dacht' schon, du kommst gar nicht mehr!", empfing Agnes einige Zeit später ihre Tochter in der elterlichen gut beheizten Holzhütte. Im gleichen Atemzug nahm sie Erin die frisch geschorene Wolle aus den Händen. "Wie ich seh' warst erfolgreich?", setzte Agnes nach und erntete seitens ihres Nachwuchses ein kräftiges Brummen. "Schafe, pah!", gab die junge Angurin lediglich als Erklärung für ihr langes Fortbleiben an, während sie sich des Fellmantels und der Handschuhe entledigte und sich händereibend vor den knisternden Kamin setzte. Agnes' Lippen umwob nur ein Schmunzeln, sie fühlte sich zu gut an ihre ersten eigenen Versuche erinnert ein bockiges Schaf zu fangen und zu scheren. Welches Tier wollte auch schon freiwillig bei diesen Temperaturen seinen wärmenden Pelz abgeben? So gönnte sie ihrer Tochter eine kleine Verschnaufpause und begann ohne deren Hilfe die Wolle zu Garn zu verarbeiten.
"Mit der Zeit geht's schneller, nich?", brach Erin nach einigen Minuten das Schweigen und damit auch die fauchende Melodie der brennenden Holzscheite. "Erinnerst' dich noch, als du das erste Mal Garn g'woben hast?", entgegnete Agnes ohne auch nur eine Sekunde ihr Tun zu unterbrechen, wissend, ein Nicken zu ernten, auch wenn sie es nicht sah. "Siehst, damals hat's auch 'ne Ewigkeit gedauert. Und heut'? Heute machst es zack zack. Genauso wird's dir beim Scher'n gehen, wart's nur ab". Kurz sah Agnes von ihrer Arbeit auf um Erin ein Augenzwinkern zu schicken. "Und nun ab in die Küche mit dir, dein Vater und dein Bruder kommen sicher bald von ihrer Jagd zurück und wollen was Gut's auff’m Tisch hab'n!". Erin rollte mit den Augen, doch erhob sie sich protestlos von ihrem gemütlichen Platz am Feuer. "Das hab' ich g'sehn!", warf ihr Agnes hinterher noch bevor sie vollends im Nebenzimmer verschwunden war. Lautlos wiederholte Erin die Worte ihre Mutter, dabei das Gesicht zu einer Fratze verziehend. Und trotz der Lustlosigkeit des heutigen Abends gelang es Erin ihre Familie einige Zeit später mit einem warmen wohlmundenden Mahl zu erfreuen. Die ausgelassene Stimmung am Tisch und das viele Lachen taten ihr übriges um Erin von den zähen Erfolgen des Tages abzulenken.
[...]
Eisige Kälte und hitzige Glut
-
Erin-Iseabel MacAgrona
Eisige Kälte und hitzige Glut
Zuletzt geändert von Erin-Iseabel MacAgrona am Samstag 6. Januar 2007, 18:53, insgesamt 1-mal geändert.
-
Erin-Iseabel MacAgrona
Scathlan – Schicksalsschlag
Das fordernde und unrhythmische Hämmern an der hölzernen Türe ihres kleinen Wohnhauses ließ Erin und ihre Mutter Agnes genauso zusammenzucken, wie das grollende Donnern, welches vor Tagen plötzlich über die Insel hereingebrochen war. Unerbittlich hatte es den gefrorenen Boden Scathlans erzittern lassen und damit auch die Herzen der Anguren, die jenen Grund als ihre Heimat bezeichneten. Seither waren die meisten Männer und auch einige Frauen des Clans MacAgrona verschwunden, selbst der Mimir war seitdem nicht mehr gesehen worden. Keiner im Dorf wusste um den Verbleib der Brüder und Schwestern, keiner konnte sich das Donnern und Grollen erklären, welches aus so weiter Ferne kam und sich doch so nah anfühlte.
„Agnes, Erin! Macht uff!“, dröhnte eine tiefe Männerstimme von draußen, dem Gehör der beiden Frauen gut bekannt, doch gleich erkennend, dass ihr die sonstige Kraft abhanden gekommen war. „Das is’ Garvan!“, rief Erin aus und sprang wie gestochen von ihrem Platz auf um an die Türe zu hechten. Als sie jene voller Eifer aufriss, stieß ihr eine heftige Windböe entgegen und trieb ihr weiße Schneeflocken ins Gesicht. „Garvan, verdammt, wo warst?!“, fiel Erin über ihren Bruder her und bevor jener zu Wort kommen konnte, hatte sie sich ihm schon um den Hals geworfen. Die Bindung der beiden Geschwister war seit jeher sehr innig, abgesehen von den üblichen Zankereien zwischen großem Bruder und kleiner Schwester. Doch mit wachsendem Alter wurden auch jene Streitereien rarer.
„Nu’ lass’ ihn halt auch zu Wort kommen, Erin!“, schalt Agnes ihren jungen Sprössling und legte ihr die Hand auf die Schulter um sie von Garvan wegzuziehen. „Komm herein endlich, sonst is’ die Hütte bald weiß!“. Mit diesen Worten zerrte Agnes ihren Sohn ins Innere des Hauses, hinter sich die Türe schließend und damit Wind und Wetter aussperrend.
„Garvan, nun sag’ doch endlich ma’ was“, flehte Erin ihren großen Bruder regelrecht an, der sich unter einem schweren Seufzen in einen der Stühle fallen ließ, welcher unter seiner Last gefährlich aufknarzte. Und als sich der Schein der Kerze in den großen Augen des Kriegers spiegelte, sah die junge Angure etwas, was sie seit Jahren nicht mehr an ihrem Bruder gesehen hatte. Funkelnd verschleierten Tränen seinen Blick, er machte sich nicht einmal die Mühe sie wegzuwischen. So blieb Erin die nächste Frage, welche ihr auf den Lippen brannte, buchstäblich im Halse stecken und sie schüttelte entsetzt ihr blondes Haupt.
„Nein!“, schrie sie, protestierend die Hände zu Fäusten ballend, während Agnes vor ihrem Sohn in die Knie sank und ihre Hände auf die Seinen legte. Garvan konnte sich nur zu einem schwachen Nicken durchringen, die Hände seiner Mutter, welche in seinen Pranken gebrechlich und schmal wirkten, drückend. Und dann brach es aus ihm heraus, wie ein Wasserfall sprudelten die Worte aus seinem Mund, bröckelte die Last von seinen breiten Schultern.
Er berichtete von einer gewaltigen Schneelawine, welche sich von einem der Berge gelöst hatte und auf die Zeremoniehöhle gestürzt war. Binnen Sekunden hatten die Schnee- und Eismassen alles unter sich begraben. Während einiger der dort anwesenden Clansmitglieder von dicken Eisbrocken regelrecht erschlagen worden waren, verendeten andere aufgrund des Mangels an Luft unter dem Schnee. So auch Erins und Garvans Vater Lulach, zu spät erst hatte man ihn aus der pulvrigen Substanz ziehen können, die schon unlängst sein Grab geworden war. Doch war den Überlebenden keine Zeit zur Trauer geblieben, so sie ihr eigenes Leben retten wollten. Die Höhle, welche sich wie eine Käseglocke um sie herum gebildet hatte, bot nicht für Ewig Atemluft und man musste sich so schnell es nur ging befreien.
Mehrere Tage hatte man gegraben, Fäuste und Waffen in die eisigen Wände um sich herum geschlagen, geflucht und gezweifelt, vorangeschritten und zurückgeworfen, bis sie sich endlich einen Weg nach draußen gebahnt hatten. Und als die Gruppe wieder den Wind Scathlans auf ihrer Haut gespürt hatte, schlug sogleich die nächste Schreckensnachricht nach ihnen. Pfützen, wo sonst stabiles Eis glänzte. Schnee, der noch immer von den Hängen rutschte. Scathlan schmolz, direkt unter ihren Füßen.
Stille. Ein furchtbar lang gezogener Moment voller Schweigen, in dem sich alle nur betroffen ansahen. Dann die entschlossene Stimme Agnes’. „Geht zu Berek, geht zu Jall-Argayth. Die Beiden werden euch in Sicherheit führ’n, hier dürft ihr net bleiben. Wenn das Eis unter unseren Füßen schmilzt, dann wird unsere Heimat bald zerbrech’n.“
„Und was is’ mit dir?“, starrte Garvan seine Mutter mit aufgerissenen Augen an.
„Ich bleib’ Garvan, ich bleib’. Mein ganzes Leben hab’ ich hier verbracht und ich bin zu alt um mich einem derartigen Schritt noch zu stell’n.“ Fest entschlossen drückte Agnes ihren perplexen Sohn gen Türe und schob ihn zusammen mit Erin die letzten Zentimeter aus der Hütte heraus. „Versuch’ ja net mich zu packen und über die Schulter zu werf’n! Es ist mein Wunsch, also nimm’ deine Schwester und bringt euch in Sicherheit, los!“.
Krachend schlug sie die Türe ins Schloss, ehe sich die Tränen ihrer bemächtigten. Doch für die alternde Angure gab es nur diesen einen Weg und so die Ahnen es mit Scathlan tatsächlich so schlecht meinten, war sie bereit diesen zu beschreiten.
Garvan eilte unterdessen mit seiner Schwester an der Hand durch das wie ruhig da liegende Dorf. Seine Friedlichkeit strahlte fast blanken Hohn auf jene aus, die wussten wie es um Scathlan stand. Erin befand sich noch immer unter Schock, sah nur das Bild ihres Vaters vor Augen, realisierte nicht wohin Garvan sie zerrte. Als sie das Ufer zum Eismeer erreichten, befand sich die Eisscholle mit der Gruppe Anguren schon weit entfernt von der Küste. Nur noch ein kleiner Fleck am Horizont ließ erahnen, in welche Richtung sie trieben.
„Das darf net wahr sein!“, entbehrte Garvan einen lauten Fluch, während sein Blick weiter über die Küstenregion hastete. Ein unter dem leichten Wellengang gemütlich hin und her schwankendes Eisstück stach ihm hierbei ins Auge, auf die Entfernung geschätzt gerade groß genug für ihn und seine Schwester. Er gab sich keinen großen Überlegungen hin sondern jagte los, Erin hinter sich her ziehend, ihre leise aufkeimenden Protestworte ignorierend. Mit zum Glück nur nassen Füßen und Waden erreichten sie die kleine Scholle, welche wahrlich keinen Zentimeter kleiner hätte ausfallen dürfen. So stachen auch sie in See, ihren Hoffnungen folgend.
[...]
Das fordernde und unrhythmische Hämmern an der hölzernen Türe ihres kleinen Wohnhauses ließ Erin und ihre Mutter Agnes genauso zusammenzucken, wie das grollende Donnern, welches vor Tagen plötzlich über die Insel hereingebrochen war. Unerbittlich hatte es den gefrorenen Boden Scathlans erzittern lassen und damit auch die Herzen der Anguren, die jenen Grund als ihre Heimat bezeichneten. Seither waren die meisten Männer und auch einige Frauen des Clans MacAgrona verschwunden, selbst der Mimir war seitdem nicht mehr gesehen worden. Keiner im Dorf wusste um den Verbleib der Brüder und Schwestern, keiner konnte sich das Donnern und Grollen erklären, welches aus so weiter Ferne kam und sich doch so nah anfühlte.
„Agnes, Erin! Macht uff!“, dröhnte eine tiefe Männerstimme von draußen, dem Gehör der beiden Frauen gut bekannt, doch gleich erkennend, dass ihr die sonstige Kraft abhanden gekommen war. „Das is’ Garvan!“, rief Erin aus und sprang wie gestochen von ihrem Platz auf um an die Türe zu hechten. Als sie jene voller Eifer aufriss, stieß ihr eine heftige Windböe entgegen und trieb ihr weiße Schneeflocken ins Gesicht. „Garvan, verdammt, wo warst?!“, fiel Erin über ihren Bruder her und bevor jener zu Wort kommen konnte, hatte sie sich ihm schon um den Hals geworfen. Die Bindung der beiden Geschwister war seit jeher sehr innig, abgesehen von den üblichen Zankereien zwischen großem Bruder und kleiner Schwester. Doch mit wachsendem Alter wurden auch jene Streitereien rarer.
„Nu’ lass’ ihn halt auch zu Wort kommen, Erin!“, schalt Agnes ihren jungen Sprössling und legte ihr die Hand auf die Schulter um sie von Garvan wegzuziehen. „Komm herein endlich, sonst is’ die Hütte bald weiß!“. Mit diesen Worten zerrte Agnes ihren Sohn ins Innere des Hauses, hinter sich die Türe schließend und damit Wind und Wetter aussperrend.
„Garvan, nun sag’ doch endlich ma’ was“, flehte Erin ihren großen Bruder regelrecht an, der sich unter einem schweren Seufzen in einen der Stühle fallen ließ, welcher unter seiner Last gefährlich aufknarzte. Und als sich der Schein der Kerze in den großen Augen des Kriegers spiegelte, sah die junge Angure etwas, was sie seit Jahren nicht mehr an ihrem Bruder gesehen hatte. Funkelnd verschleierten Tränen seinen Blick, er machte sich nicht einmal die Mühe sie wegzuwischen. So blieb Erin die nächste Frage, welche ihr auf den Lippen brannte, buchstäblich im Halse stecken und sie schüttelte entsetzt ihr blondes Haupt.
„Nein!“, schrie sie, protestierend die Hände zu Fäusten ballend, während Agnes vor ihrem Sohn in die Knie sank und ihre Hände auf die Seinen legte. Garvan konnte sich nur zu einem schwachen Nicken durchringen, die Hände seiner Mutter, welche in seinen Pranken gebrechlich und schmal wirkten, drückend. Und dann brach es aus ihm heraus, wie ein Wasserfall sprudelten die Worte aus seinem Mund, bröckelte die Last von seinen breiten Schultern.
Er berichtete von einer gewaltigen Schneelawine, welche sich von einem der Berge gelöst hatte und auf die Zeremoniehöhle gestürzt war. Binnen Sekunden hatten die Schnee- und Eismassen alles unter sich begraben. Während einiger der dort anwesenden Clansmitglieder von dicken Eisbrocken regelrecht erschlagen worden waren, verendeten andere aufgrund des Mangels an Luft unter dem Schnee. So auch Erins und Garvans Vater Lulach, zu spät erst hatte man ihn aus der pulvrigen Substanz ziehen können, die schon unlängst sein Grab geworden war. Doch war den Überlebenden keine Zeit zur Trauer geblieben, so sie ihr eigenes Leben retten wollten. Die Höhle, welche sich wie eine Käseglocke um sie herum gebildet hatte, bot nicht für Ewig Atemluft und man musste sich so schnell es nur ging befreien.
Mehrere Tage hatte man gegraben, Fäuste und Waffen in die eisigen Wände um sich herum geschlagen, geflucht und gezweifelt, vorangeschritten und zurückgeworfen, bis sie sich endlich einen Weg nach draußen gebahnt hatten. Und als die Gruppe wieder den Wind Scathlans auf ihrer Haut gespürt hatte, schlug sogleich die nächste Schreckensnachricht nach ihnen. Pfützen, wo sonst stabiles Eis glänzte. Schnee, der noch immer von den Hängen rutschte. Scathlan schmolz, direkt unter ihren Füßen.
Stille. Ein furchtbar lang gezogener Moment voller Schweigen, in dem sich alle nur betroffen ansahen. Dann die entschlossene Stimme Agnes’. „Geht zu Berek, geht zu Jall-Argayth. Die Beiden werden euch in Sicherheit führ’n, hier dürft ihr net bleiben. Wenn das Eis unter unseren Füßen schmilzt, dann wird unsere Heimat bald zerbrech’n.“
„Und was is’ mit dir?“, starrte Garvan seine Mutter mit aufgerissenen Augen an.
„Ich bleib’ Garvan, ich bleib’. Mein ganzes Leben hab’ ich hier verbracht und ich bin zu alt um mich einem derartigen Schritt noch zu stell’n.“ Fest entschlossen drückte Agnes ihren perplexen Sohn gen Türe und schob ihn zusammen mit Erin die letzten Zentimeter aus der Hütte heraus. „Versuch’ ja net mich zu packen und über die Schulter zu werf’n! Es ist mein Wunsch, also nimm’ deine Schwester und bringt euch in Sicherheit, los!“.
Krachend schlug sie die Türe ins Schloss, ehe sich die Tränen ihrer bemächtigten. Doch für die alternde Angure gab es nur diesen einen Weg und so die Ahnen es mit Scathlan tatsächlich so schlecht meinten, war sie bereit diesen zu beschreiten.
Garvan eilte unterdessen mit seiner Schwester an der Hand durch das wie ruhig da liegende Dorf. Seine Friedlichkeit strahlte fast blanken Hohn auf jene aus, die wussten wie es um Scathlan stand. Erin befand sich noch immer unter Schock, sah nur das Bild ihres Vaters vor Augen, realisierte nicht wohin Garvan sie zerrte. Als sie das Ufer zum Eismeer erreichten, befand sich die Eisscholle mit der Gruppe Anguren schon weit entfernt von der Küste. Nur noch ein kleiner Fleck am Horizont ließ erahnen, in welche Richtung sie trieben.
„Das darf net wahr sein!“, entbehrte Garvan einen lauten Fluch, während sein Blick weiter über die Küstenregion hastete. Ein unter dem leichten Wellengang gemütlich hin und her schwankendes Eisstück stach ihm hierbei ins Auge, auf die Entfernung geschätzt gerade groß genug für ihn und seine Schwester. Er gab sich keinen großen Überlegungen hin sondern jagte los, Erin hinter sich her ziehend, ihre leise aufkeimenden Protestworte ignorierend. Mit zum Glück nur nassen Füßen und Waden erreichten sie die kleine Scholle, welche wahrlich keinen Zentimeter kleiner hätte ausfallen dürfen. So stachen auch sie in See, ihren Hoffnungen folgend.
[...]
-
Erin-Iseabel MacAgrona
Das Eismeer - der kalte Griff des Verlustes
"Ich seh' sie immer noch net!". Erins hohe, vor Panik regelrecht triefende Stimme, durchschnitt das Schweigen wie eine scharfe Klinge. In den himmelblauen, weit aufgerissenen Augen spiegelte sich neben dem schäumenden Meer auch die blanke Angst. Die Angst nicht zu überleben.
"Wir seh'n se bestimmt gleich wieder! Vielleicht sind se nur von 'ner Nebelbank eingehüllt", ächzte Garvan, der mit einem morschen Stück Treibholz versuchte die Eisscholle in eine bestimmte Richtung zu lenken. Dass die Meeresströmung ihm dabei einen gehörigen Strich durch die Rechnung machte, rief bei ihm kein Interesse hervor und so versuchte er sein Glück weiter. Wie schon seit vielen Stunden.
"Ne Nebelbank?! Siehst' hier irgendwo Nebel?! Um uns rum is' alles klar, erzähl mir net solche G'schichten!", brauste Erin auf, die Augenwischerei ihres Bruders nicht mehr hören wollend. Sie waren einsam und alleine auf dem weiten Meer, gefangen auf einer kleinen Eisscholle, gerade mal so groß, dass man drei Schritte darauf machen konnte ehe sie sich gefährlich gen Wasser abkippte.
"Is' ja gut! Hast ja Recht!". Verärgert zog Garvan das Treibholz aus dem Wasser und feuerte es krachend auf das schwimmende Eis. Es brach in der Mitte durch und kleine hölzerne Splitter flogen durch die kalte Luft. Es gefiel ihm nicht, doch Erins Lippen sprachen die Wahrheit. Zulange schon hatten sie den Blickkontakt zu den anderen Anguren verloren, als dass noch ein Hoffnungsschimmer auf ein Wiedersehen bestand. Und für eine Rückkehr nach Scathlan war es zu spät.
"Komm' her Erin". Er öffnete die kräftigen Arme um seine kleine Schwester in Empfang zu nehmen, deren Gesichtszüge von mehr und mehr Besorgnis erzählten. Gemeinsam ließen sie sich auf den kalten Untergrund sinken, wohl wissend, dass die fellene Kleidung nicht lange Schutz vor der langsam hinauf kriechenden Kälte bieten würde. Doch waren sie beide erschöpft und ihr Stand auf dem Eis wurde von Minute zu Minute wackeliger. Weder Wasser noch Nahrung hatten sie bei sich, was sich zum Zeitpunkt des übereilten Aufbruchs aus Scathlan in den Taschen befand war längst aufgebraucht. Und das Wasser aus dem Meer trug soviel Salz bei sich, dass es sie mehr ausdörren als den Durst stillen würde. Eng aneinander geschmiegt und die Köpfe aneinander gelegt, versuchten sie sich gegenseitig ein wenig Körperwärme zu spenden, während der eisige Wind über sie hinwegfegte.
Jegliches Gefühl für Zeit war ihnen abhanden gekommen, war mit den Wellen in die Tiefen des Meeres abgetaucht. Lediglich Dunkel- und Helligkeit gaben ihnen Ansätze, doch irgendwann verloren sie auch den Überblick über die Anzahl der dunklen und hellen Momente. Die bittere Kälte fraß an ihnen, nagte ohne einen Funken Erbarmen an ihren letzten Kräften. Die Welt um sie herum wurde mit jedem Augenblick trüber, selbst wenn sich am Horizont ein Landstrich aufgetan hätte, sie hätten es nicht mehr wahrgenommen. Sie hatten den Blick nach innen gerichtet, ihr eigenes Ich befühlend, dem schwächelnden Herzschlag lauschend. Auf Erins tonlose Frage, ob sich so Sterben anfühle, konnte Garvan nur ein Nicken hervorbringen. Wie gern hätte er sie noch fester an sich gedrückt, doch seine Glieder hatten schon vor einer Weile aufgehört ihm zu gehorchen und quälten ihn mit höhnischer Ignoranz.
Eingehüllt in die unscharfe Welt des fliehenden Bewusstseins, bemerkte keiner von ihnen wie sich ein kleiner Riss in die Eisschicht unter ihnen drückte. Unbeachtet konnte er sich durch das gefrorene Nass ziehen, mehr und mehr Eis brechen und an Größe zunehmen. Er unterwanderte die Körper der beiden Anguren, als wäre es von Anfang an seine Absicht gewesen eine Trennlinie zwischen ihnen zu schaffen. Und schließlich erreichte er sein Ziel, einfacher und schneller als gedacht. Er trennte die Eisscholle entzwei. Während sich Garvans Stück, das kleinere von beiden, augenblicklich ins Wasser absenkte und den Anguren mit sich riss, schaukelte Erins Stück gefährlich auf und ab, konnte sich aber auf der Oberfläche halten.
Garvan!", schleuderte sich Erin zurück ins lebendige Bewusstsein, versuchend die steifen Arme nach ihrem Bruder auszustrecken. Jedes Gelenk und jeder Muskel schmerzte und setzte sich der Bewegung mit allen Fasern trotzig entgegen, doch wurde ihr Widerstand gebrochen. Die Hände tauchten in das eisige Wasser, Tropfen spritzten ihr entgegen und benetzten ihr Gesicht und ihr Haar. Verfallen in panische Hektik versuchte sie Garvan irgendwie zu greifen, doch sie griff ins Leere, das Wasser glitt durch ihre Finger hindurch.
"Garvan!", schrie sie ihrem Bruder hinterher, ihre Kehle stechend vor den Nadelspitzen der kalten Luft. Doch im Gegensatz zu ihr hatte er sein Bewusstsein nicht wieder gefunden und trieb wie vorher das morsche Treibholz im Wasser, von der voll gesogenen Fellkleidung nach unten in die schwarze Tiefe gezogen. Die Wellen über ihm formten sich zu einem hämischen Grinsen, welches Erin seine gebleckten Zähne zeigte.
"Garvaaaaaan!"
[...]
"Ich seh' sie immer noch net!". Erins hohe, vor Panik regelrecht triefende Stimme, durchschnitt das Schweigen wie eine scharfe Klinge. In den himmelblauen, weit aufgerissenen Augen spiegelte sich neben dem schäumenden Meer auch die blanke Angst. Die Angst nicht zu überleben.
"Wir seh'n se bestimmt gleich wieder! Vielleicht sind se nur von 'ner Nebelbank eingehüllt", ächzte Garvan, der mit einem morschen Stück Treibholz versuchte die Eisscholle in eine bestimmte Richtung zu lenken. Dass die Meeresströmung ihm dabei einen gehörigen Strich durch die Rechnung machte, rief bei ihm kein Interesse hervor und so versuchte er sein Glück weiter. Wie schon seit vielen Stunden.
"Ne Nebelbank?! Siehst' hier irgendwo Nebel?! Um uns rum is' alles klar, erzähl mir net solche G'schichten!", brauste Erin auf, die Augenwischerei ihres Bruders nicht mehr hören wollend. Sie waren einsam und alleine auf dem weiten Meer, gefangen auf einer kleinen Eisscholle, gerade mal so groß, dass man drei Schritte darauf machen konnte ehe sie sich gefährlich gen Wasser abkippte.
"Is' ja gut! Hast ja Recht!". Verärgert zog Garvan das Treibholz aus dem Wasser und feuerte es krachend auf das schwimmende Eis. Es brach in der Mitte durch und kleine hölzerne Splitter flogen durch die kalte Luft. Es gefiel ihm nicht, doch Erins Lippen sprachen die Wahrheit. Zulange schon hatten sie den Blickkontakt zu den anderen Anguren verloren, als dass noch ein Hoffnungsschimmer auf ein Wiedersehen bestand. Und für eine Rückkehr nach Scathlan war es zu spät.
"Komm' her Erin". Er öffnete die kräftigen Arme um seine kleine Schwester in Empfang zu nehmen, deren Gesichtszüge von mehr und mehr Besorgnis erzählten. Gemeinsam ließen sie sich auf den kalten Untergrund sinken, wohl wissend, dass die fellene Kleidung nicht lange Schutz vor der langsam hinauf kriechenden Kälte bieten würde. Doch waren sie beide erschöpft und ihr Stand auf dem Eis wurde von Minute zu Minute wackeliger. Weder Wasser noch Nahrung hatten sie bei sich, was sich zum Zeitpunkt des übereilten Aufbruchs aus Scathlan in den Taschen befand war längst aufgebraucht. Und das Wasser aus dem Meer trug soviel Salz bei sich, dass es sie mehr ausdörren als den Durst stillen würde. Eng aneinander geschmiegt und die Köpfe aneinander gelegt, versuchten sie sich gegenseitig ein wenig Körperwärme zu spenden, während der eisige Wind über sie hinwegfegte.
Jegliches Gefühl für Zeit war ihnen abhanden gekommen, war mit den Wellen in die Tiefen des Meeres abgetaucht. Lediglich Dunkel- und Helligkeit gaben ihnen Ansätze, doch irgendwann verloren sie auch den Überblick über die Anzahl der dunklen und hellen Momente. Die bittere Kälte fraß an ihnen, nagte ohne einen Funken Erbarmen an ihren letzten Kräften. Die Welt um sie herum wurde mit jedem Augenblick trüber, selbst wenn sich am Horizont ein Landstrich aufgetan hätte, sie hätten es nicht mehr wahrgenommen. Sie hatten den Blick nach innen gerichtet, ihr eigenes Ich befühlend, dem schwächelnden Herzschlag lauschend. Auf Erins tonlose Frage, ob sich so Sterben anfühle, konnte Garvan nur ein Nicken hervorbringen. Wie gern hätte er sie noch fester an sich gedrückt, doch seine Glieder hatten schon vor einer Weile aufgehört ihm zu gehorchen und quälten ihn mit höhnischer Ignoranz.
Eingehüllt in die unscharfe Welt des fliehenden Bewusstseins, bemerkte keiner von ihnen wie sich ein kleiner Riss in die Eisschicht unter ihnen drückte. Unbeachtet konnte er sich durch das gefrorene Nass ziehen, mehr und mehr Eis brechen und an Größe zunehmen. Er unterwanderte die Körper der beiden Anguren, als wäre es von Anfang an seine Absicht gewesen eine Trennlinie zwischen ihnen zu schaffen. Und schließlich erreichte er sein Ziel, einfacher und schneller als gedacht. Er trennte die Eisscholle entzwei. Während sich Garvans Stück, das kleinere von beiden, augenblicklich ins Wasser absenkte und den Anguren mit sich riss, schaukelte Erins Stück gefährlich auf und ab, konnte sich aber auf der Oberfläche halten.
Garvan!", schleuderte sich Erin zurück ins lebendige Bewusstsein, versuchend die steifen Arme nach ihrem Bruder auszustrecken. Jedes Gelenk und jeder Muskel schmerzte und setzte sich der Bewegung mit allen Fasern trotzig entgegen, doch wurde ihr Widerstand gebrochen. Die Hände tauchten in das eisige Wasser, Tropfen spritzten ihr entgegen und benetzten ihr Gesicht und ihr Haar. Verfallen in panische Hektik versuchte sie Garvan irgendwie zu greifen, doch sie griff ins Leere, das Wasser glitt durch ihre Finger hindurch.
"Garvan!", schrie sie ihrem Bruder hinterher, ihre Kehle stechend vor den Nadelspitzen der kalten Luft. Doch im Gegensatz zu ihr hatte er sein Bewusstsein nicht wieder gefunden und trieb wie vorher das morsche Treibholz im Wasser, von der voll gesogenen Fellkleidung nach unten in die schwarze Tiefe gezogen. Die Wellen über ihm formten sich zu einem hämischen Grinsen, welches Erin seine gebleckten Zähne zeigte.
"Garvaaaaaan!"
[...]
-
Erin-Iseabel MacAgrona
Das Eismeer – Daseinskampf
Unlängst war das letzte zitternde Echo ihrer flehenden Rufe auf den endlosen Weiten des Meeres verhallt. Die einsame Stille konfrontierte Erin mit der bitteren Gewissheit, dass sie keine Antwort erhalten würde. Egal wie sehr sie sich die Seele aus dem Leibe schrie.
Zusammengekauert, einem eingesunkenen Bündel aus Elend und Trauer gleich, trieb die Angure auf ihrer kleinen Eisscholle ziellos auf dem Wasser. Immer wieder brachen kleine Stücke von der frostigen Plattform ab, mal hier ein Eckchen, mal dort ein Teil. Wie kleine Begleiter schwammen sie neben ihrer Mutter her, bis sie flügge wurden und eine eigene Richtung einschlugen. Der raue Wellengang tastete sich mehr und mehr an die Scholle heran, überschritt in seiner unerbittlichen Neugierde die Grenze zwischen Wasser und festem Untergrund und spülte letztlich immer öfter über die kleine Eisinsel hinweg. Die einst wärmenden Felle hingen schwer und belastend an dem ausgezehrten Angurenkörper, zogen ihn hinab und machten jede Bewegung schwer. Die strohblonden Haare, welche sonst schwungvoll und lebensfreudig über die kräftigen Schultern glitten, klebten nun elendiglich an den hervorstehenden Gesichtsknochen, die Schultern meidend, da sie jeglichen Stolz verloren hatten. Blauviolette Lippen pressten sich schmerzhaft aufeinander, um das Klappern der Zähne zu unterdrücken. Und wenn es sich doch einmal durchrang, dann erinnerte es an das Klappern von Knochen. Es erinnerte an den Tod.
Der Tod, welch verlockende Versuchung. Steife Finger unter von Eiskristallen besetzten und mit Wasser voll gesogenen Handschuhen krallten sich in die kleine Eisscholle. Eine kräftige Welle hatte Erin von ihrer schützenden Insel geworfen und sie dem Meer zum Fraß vorgeworfen. Nadelspitze Tropfen spritzten ihr immer wieder ins Gesicht, die sofort zu Kristallen froren. Eine bizarre Maske aus Eis verformte die einst lebensfrohe Mimik zur Fratze einer Sterbenden. Alle Kraft war ihr entschwunden, dem im Wasser treibenden Körper entglitten. Der kleine Lebensfunke, der noch in ihrem Herzen brannte, hatte es aufgegeben zu kämpfen. Das eisige Meer hielt einen Trumpf in der Hand, mit dem zu messen der schwache Funke nicht mehr in der Lage war. Fordernd, keine Gegenwehr duldend, griff es nach dem Herzen Erins. Und es ließ sich bereitwillig in die Arme schließen, der Unendlichkeit des dunklen Meeresgrundes entgegenfiebernd, den ewigen Schlaf herbeisehnend.
Sie nahm die Spitzen der Berge nicht mehr wahr, die sich in weiter Ferne auftaten. Das kräftige Boot, welches dem Wellengang trotzte, erreichte nicht mehr ihr Bewusstsein. Sie fühlte nicht mehr die Hand, die sich nach ihr ausstreckte. Auch nicht die anderen Hände, die der ersten folgten. Sie spürte nicht, wie sie aus dem Wasser gehievt und wenig sanft auf einen harten Untergrund gelegt wurde. Der nach warmen Fellen fordernde männliche Bass erreichte nicht mehr Erins Gehör.
„Zurück nach Andraste!“
Zurück ins Leben?
[…]
Unlängst war das letzte zitternde Echo ihrer flehenden Rufe auf den endlosen Weiten des Meeres verhallt. Die einsame Stille konfrontierte Erin mit der bitteren Gewissheit, dass sie keine Antwort erhalten würde. Egal wie sehr sie sich die Seele aus dem Leibe schrie.
Zusammengekauert, einem eingesunkenen Bündel aus Elend und Trauer gleich, trieb die Angure auf ihrer kleinen Eisscholle ziellos auf dem Wasser. Immer wieder brachen kleine Stücke von der frostigen Plattform ab, mal hier ein Eckchen, mal dort ein Teil. Wie kleine Begleiter schwammen sie neben ihrer Mutter her, bis sie flügge wurden und eine eigene Richtung einschlugen. Der raue Wellengang tastete sich mehr und mehr an die Scholle heran, überschritt in seiner unerbittlichen Neugierde die Grenze zwischen Wasser und festem Untergrund und spülte letztlich immer öfter über die kleine Eisinsel hinweg. Die einst wärmenden Felle hingen schwer und belastend an dem ausgezehrten Angurenkörper, zogen ihn hinab und machten jede Bewegung schwer. Die strohblonden Haare, welche sonst schwungvoll und lebensfreudig über die kräftigen Schultern glitten, klebten nun elendiglich an den hervorstehenden Gesichtsknochen, die Schultern meidend, da sie jeglichen Stolz verloren hatten. Blauviolette Lippen pressten sich schmerzhaft aufeinander, um das Klappern der Zähne zu unterdrücken. Und wenn es sich doch einmal durchrang, dann erinnerte es an das Klappern von Knochen. Es erinnerte an den Tod.
Der Tod, welch verlockende Versuchung. Steife Finger unter von Eiskristallen besetzten und mit Wasser voll gesogenen Handschuhen krallten sich in die kleine Eisscholle. Eine kräftige Welle hatte Erin von ihrer schützenden Insel geworfen und sie dem Meer zum Fraß vorgeworfen. Nadelspitze Tropfen spritzten ihr immer wieder ins Gesicht, die sofort zu Kristallen froren. Eine bizarre Maske aus Eis verformte die einst lebensfrohe Mimik zur Fratze einer Sterbenden. Alle Kraft war ihr entschwunden, dem im Wasser treibenden Körper entglitten. Der kleine Lebensfunke, der noch in ihrem Herzen brannte, hatte es aufgegeben zu kämpfen. Das eisige Meer hielt einen Trumpf in der Hand, mit dem zu messen der schwache Funke nicht mehr in der Lage war. Fordernd, keine Gegenwehr duldend, griff es nach dem Herzen Erins. Und es ließ sich bereitwillig in die Arme schließen, der Unendlichkeit des dunklen Meeresgrundes entgegenfiebernd, den ewigen Schlaf herbeisehnend.
Sie nahm die Spitzen der Berge nicht mehr wahr, die sich in weiter Ferne auftaten. Das kräftige Boot, welches dem Wellengang trotzte, erreichte nicht mehr ihr Bewusstsein. Sie fühlte nicht mehr die Hand, die sich nach ihr ausstreckte. Auch nicht die anderen Hände, die der ersten folgten. Sie spürte nicht, wie sie aus dem Wasser gehievt und wenig sanft auf einen harten Untergrund gelegt wurde. Der nach warmen Fellen fordernde männliche Bass erreichte nicht mehr Erins Gehör.
„Zurück nach Andraste!“
Zurück ins Leben?
[…]