Liebe, Ehe, Familienglück und andere Dinge

Aalina Yazir

Liebe, Ehe, Familienglück und andere Dinge

Beitrag von Aalina Yazir »

Der Sturm war überstanden, die Angst war größtenteils vorbei und Aalina lief langsam durch die lauen Wege Menek'Urs. Sie hatten so viel durchstehen müssen und dennoch prägte es Aalina vor Stolz, wenn sie sich die Stadt ansah. Es war so schön und harmonisch überall. Hier und da hörte man ein leises Wiehern eines Pferdes. Und dennoch, irgendwo war sie traurig. Sie schlenderte den Weg entlang und niemand war da. Gut, es wäre eine Lüge gewesen, wenn sie dies behauptet hätte. Zaina und Fadi waren da, doch waren beide mit sich selbst beschäftigt, mit ihrer Liebe, mit allem drum herum. Aalina war froh, dass sich die Probleme von Zaina und Fadi einigermaßen geregelt hatten. Und doch irgendwo empfand sie auch ein wenig Mitgefühl für Saalih, wenn sie ihn auch nicht weiter kannte. Aber so war das Rad des Schicksals eben. Zaghaft schlangen sich ihre Arme um ihren Oberkörper. Ihr Bauch war sichtlich gerundet, allzu lange würde es nicht mehr dauern bis ihr Kind zur Welt kommen würde. Nicht allzu selten wäre es beinahe soweit gewesen. Mit Angst und Wut in ihrem Blick erinnerte sie sich an Bajard zurück. Baygon Lypsan - wie töricht er doch war. Dachte er wirklich, er könne ohne weiteres eine Drohung ihr gegenüber aussprechen? Er würde schon noch sehen, wie weit ihn dieses Verhalten bringen würde. Schwarz berobt, als würde Alatar selbst vor ihr stehen. Aalina konnte nur ihren Kopf schütteln und schob ihre Hand auf ihren Bauch. Es beruhigte sie, dass immer wieder ein leichtes Boxen gegen die Bauchdecke zu vernehmen war. Und auch, wenn die Schwangerschaft langsam unerträglich wurde wusste Aalina ihr Geschenk Eluives zu schätzen. Langsam ließ sie sich vor dem Haus, welches sie für ihre kleine Familie ins Auge geschlossen hatte, nieder und begann, den Zopf aus ihrem Haar zu lösen. Ihre langen Haare fielen in langen, schwarzen Locken über ihre Schulter ihren Bauch hinab. Sie sah sich um. Weit und breit war niemand zu sehen, so griff sie zu ihrer Toga und legte sich diese über. Ihr Kleid wurde allmählich immer enger, sie musste sich morgen wohl ein neues anfertigen. Barfuß und mit der Toga über ihren Körper gehüllt legte sie den Kopf in den Nacken und sacht rannte eine Träne ihre Wange hinab. Wie sehr er ihr fehlte, wie sehr sie sich nach seiner körperlichen Nähe und nach seiner Wärme sehnte. Soviel hatte er um die Ohren, so viel war zu tun, immer war er weg. Und ihr Herz zerbrach förmlich daran. Sie liebte ihn über alles, das wusste sie und doch, es tat so weh. Sie war auf sich allein gestellt. Durch einen heftigen Tritt in ihre eigenen Rippen und heftiges Gestrampel wurde sie aus ihren Gedanken und aus ihren Tränen gerissen. "Schhht... ist ja gut... er ist sicher bald wieder bei uns... und dann werden wir ein schönes Leben führen. Wir alle zusammen!" Vorsichtig legte sie ihre Hand abermals auf ihren Bauch und streichelte darüber.

"Obwohl du jetzt nicht bei mir bist.. weiss ich, dass es dein Wesen ist.. das ich jetzt ganz nah bei mir spür... und das ich mit meinem Herzen berühr! Ich bleib ganz still und hör dir zu.. denn was mich immer wärmt bist du... was du auch sagst, es zählt für mich.. denn du weißt... ich liebe dich!"

Sanft lies sie ihre Worte in den Weiten der dunklen Nacht ausklingen und legte ihren Blick auf die Sterne. Es würde nicht mehr lange dauern, vielleicht noch ein paar Tage bis sie Raakin einen stolzen Sohn schenken würde. Einen stolzen Nachkömmling ... Zufrieden lächelnd und in eine Decke gehüllt schlief sie ein und in ihr ruhte die Stille der Nacht.
Aalina Yazir

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Die Geburt

Die Tage eilten weiter heran, Tag für Tag verging. Aalina hatte sich große Mühe gemacht, dass Haus von Raakin und ihr einrichten zu lassen und es erfüllte sie mit großem Stolz, als sie sah wie glücklich er war. Sein neues Labor und die Gerätschaften dort schienen ihn sehr gerührt zu haben und Aalina war froh, dass endlich alles vorbei war. Sie hatte sich einigermaßen vo n ihren Verletzungen erholt, wenn ihre Rippen dennoch ab und an recht schmerzten - gerade dann, wenn sie schwer hob.

Und dennoch, Aalina war glücklich.

Und jeden Tag, der durch die Sonne begrüßt wurde, wusste Aalina, für was sie lebte. Zusehends verhärtete sich ihr Bauch Tag für Tag und jeder Tag rückte sie näher an ihre Geburt. Etwas Großes stand ihr bevor, das spürte sie. Und es sollte auch nicht lange dauern, so dass sie erfuhr, was es war.

Die Nacht hatte das Ehepaar Yazir noch nicht lange ereilt, als Aalina wach wurde. Es war nicht wie eine Nacht, in der sie schlecht träumte, vielmehr wurd sie wach, da sie Nässe unter sich verspürte. Stirnrunzelnd und mürrisch erhob sie sich, die Hand vorsichtig auf ihren Bauch gelegt und suchte hastig nach Tüchern. Doch wurde ihr auf einmal schwindlig und schlecht, ihr war egal, was dort ausgelaufen war und sie dachte auch nicht weiter darüber nach. Irgendwas sagte ihr, dass sie nicht allein sein sollte. Raakin war nicht da, wieder einmal trieben ihn alsbald neue Reisen früh aus den Federn, so daß er womöglich nur paar Minuten vor ihrem Erwachen das Haus verlassen hatte. So schnell wie sie nur konnte - was nicht sonderlich schnell war - warf sich Aalina eine Toga über und schloss die Tür hinter sich. Erst als sie einige Schritte gelaufen war verspürte sie dieses leichte Ziehen in ihrem Unterleib und jeder Schritt brachte sie dazu, heftiger zu schnaufen. So schwer war ihr das Laufen lange nicht mehr gefallen. Hastig bog sie ums Eck und stemmte sich mit letzter Kraft die Stufen zu Zainas Haus hinauf. Mit aller Kraft klopfte sie gegen die Tür von Zaina. "Zainaaaaaaaaaa!" Eine Weile noch blieb die Tür verschlossen, ehe sie langsam aufgezogen wurde und Zaina sie ansah.

Es war einige Zeit vergangen. Aalina lag auf ein paar Fellen in Zainas Räumlichkeiten. Immer wieder biss Aalina die Zähne zusammen und wollte eigentlich gar keine Laute von sich geben, doch gelang ihr das nicht. Innerlich fühlte es sich immer mehr an, als würde sich ihr Unterleib, ihre Gebärmutter einfach zusammenziehen und verkrampfen. Und doch waren die Abstände zu kurz als dass das Kind schon kommen wollte. Zaina stand mit Fadi vor dem Raum und sah immer wieder hinein. "Was sollen wir nur tun?" Aufgewühlt und nicht wissend, wie sie reagieren soltle geschweige denn was sie tun musste ging Zaina das Zimmer auf und ab. "Es ist mitten in der Nacht, alle Heilkundigen die Ahnung von so etwas haben schlafen doch!" Zainas Stimme hatte etwas hysterisches, doch schien Fadi sie immer wieder versuchen ein wenig zu beruhigen. Von alledem bekam Aalina nichts weiter mit. Und umso später es wurde, umso schläfriger wurde Zaina. Die Ankündigung der Geburt Aalinas war vor vielen Stunden gewesen und bisher gab es keinerlei weiteren Anzeichen, dass es gleich losgehen würde. Gähnend setzte sich Zaina auf einen Stuhl, als sie ein greller Schrei wieder aus ihren Gedanken erweckte. Gemeinsam mit Fadi rannte Zaina in das Zimmer, in welchem Aalina lag.

"Wo ist Raakin? Er sollte dabei sein!"
- "Wir können auf Raakin nicht warten, sie ist drauf und dran ihr Kind zu gebähren!"


Aalina kniff die Augen zusammen. Es war wie eine Erlösung und es fühlte sich so toll an, als sie die Augen aufschlug. Schweissnass und absolut außer Puste sah sie auf und blickte sich suchend im Zimmer um. Zaina saß neben ihr und hielt ihre Hand. "Wo.. wo ist es? Und... wie geht es ihm?" Aalina wollte aufstehen, sie fühlte sich so unglaublich stark. Doch musste sie selbst feststellen, wie schwach sie war, ihre Füße gaben unter ihr nach wie Pudding. "Schh.. Du siehst sie gleich, Fadi ist da.. er wickelt sie gerade in ein paar Stoffe, damit sie sich nicht verkühlen!" Aalina nickte leicht und sah abwartend zur Tür. Nach und nach schien sie ihrer Erschöpfung bewusst zu werden und sie wäre fast schon eingeschlafen, als Fadi durch die Tür trat und auf einem Arm ein Bündel aus vielen Stoffen hielt. Lächelnd sah Aalina auf und blickte fast fragend zu ihm. Vorsichtig reichte er ihr das Bündel und Aalina begann vor Glück zu weinen. Tränen liefen ihre Wangen hinab, während Fadi sprach: "Es sind Zwillinge, wie es dir zum Teil vorausgesagt wurde ... sie sind beide wohlauf. Du hast einen gesunden Sohn und ein gesundes, wunderschönes Töchterchen der Wüste zur Welt gebracht!" Aalina konnte ihr Glück gar nicht in Worte fassen, sie blickte ihre zwei Kinder nur noch an und lächelte.

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Aalina Yazir

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Die Tage zogen dahin, die Wochen breiteten sich über das Land aus. Tage voller Sonnenschein und Idylle. Und doch waren die Ausmaße des Sturmes größer, als man dachte. Junge Menekaner wurden noch immer vermisst und viele waren nicht zurückgekehrt. Nicht selten dachte Aalina an die, die ihr nahe standen und welche sie lange nicht mehr gesehen hatte. Najiya, ihre Halbschwester. Wo war sie? Hatte sie den Sturm überlebt? Charis, ihr Lehrling. Aalina hatte alles daran gesetzt, dass ihr kleiner Zögling alles wichtige erlernen würde. Schließlich war es wichtig, dass sie vieles von ihr lernen würde. Aber auch sie war wie vom Sandboden verschluckt. Und dann war da noch Raja. Eine Freundin, die ihr so oft zur Seite stand und die sie lange nicht mehr gesehen hatte. Auch wenn Aalina sich durch ihre Ehe immer weiter zurückgezogen hatte war es schwer Raja zu vergessen. Vergessen? Sie wollte nicht einmal vergessen. Aber sie hatten immer weniger Zeit füreinander gefunden. Und jetzt war sie verschwunden. Aalina war sich sicher, dass Rajas Temperament nur abermals mit ihr durchgegangen war und sie sich irgendwo rumtrieb und das allein zauberte ihr ein leichtes Lächeln auf die Lippen. Sie würde sich so sehr freuen sie wiederzusehen, in ihre Arme zu nehmen, allein um ihr sagen zu können, wie sehr sie Raja vermisst hatte.

In den letzten Wochen hatte Aalina sich verändert, das war nicht abzustreiten. Sie wurde ruhiger, sie hatte nie geglaubt das Kinder sie so verändern könnten. Immer wieder wurde ihr richtig bewusst, dass sie nun ihre eigene kleine Familie hatte. Sie hatte ihren Mann - Raakin - den sie mehr liebte als alles andere. Sie hatte zwei wunderschöne, gesunde Menekaner zur Welt gebracht. Ein kleines Mädchen und einen kleinen Jungen - ihr ganzer Stolz. So oft hatte Aalina das Gefühl gehabt, selbst noch ein Kind zu sein. Und so oft hatte sie Angst in ihrer Rolle als Ehefrau, Hausfrau und Mutter zu versagen. Aber Eluive hatte sie mit zwei Kindern gesegnet, hatte ihrer beider Wunsch erhört. Und schon während der Schwangerschaft und erst recht mit der Geburt wuchs ihr Vertrauen in sich selbst. Sie wusste, sie würde eine gute Mutter sein. Eine gute und liebevolle Mutter. Lächelnd wiegte sie die beiden Kleinen in ihren Armen hin und her und versuchte sie in den Schlaf zu schaukeln. Raakin saß über seinen Büchern, betrieb Studien. Sanft legte Aalina ihre beiden Goldschätze in die Laken und deckte beide zu. Wie schön es anzusehen war, wie sie sich Stück für Stück entwickelten.

Kurz gab sie ihm einen Kuss auf die Stirn. "Sie schlafen, aber achte darauf wenn sie weinen, ich hab die Milch auf den Tisch in der Küche gestellt!" Aalina drehte sich um und eilte aus dem Haus. Sie wollte am heutigen Tage Sand unter ihren Füßen spüren, ein wenig durch die Wüste spazieren. So lange war sie nicht mehr außer Haus gekommen, so lange war sie nicht mehr wirklich unter Menekanern gewesen. Zwar hatte sie immer mal wieder Besuch von dem einen oder anderen Menekaner bekommen, doch sehnte sie sich ebenso nach der Freiheit, nach der brennenden Sonne auf ihrer Haut, nach den Sandkörnern die sich in jegliche Furche ihrer Haut schlich, nach dem heißen Sand unter ihren Füßen, wenn sie in ihren Sandalen durch die Wüste schlich. Die Wüste war ihr teilweise fremd geworden. Zwar sollte man denken, dass es die zweite Heimat eines Menekaners sei, doch hatte der große Sandsturm einige Dünen aufgebaut, die anderen Dünen abgebaut und woanders hingetragen. Und dennoch kannte sie sich gut genug aus, um ihrer Wege sicher zu sein. Entlang am Salzberg, entlang der westlichen Küste. Der seichte Meereswind strich durch ihre langen schwarzen Haare, die Sandkörner und die Sonne brannten auf ihrer Haut. So gefährlich die Wüste einst gewesen war, so ruhig lag sie nun vor ihr. Wenn sie vor sich sah, sah sie nichts weiter als Sand. Berge von Sand. Es war schön, dass alles sich wieder beruhigt hatte.
Wie lange sie schon durch die Wüste streifte und immer wieder ein paar Schlücke aus ihrem Wasserschlauch nahm wusste sie nicht, sie hatte die Zeit vergessen. Selten bekam sie in letzter Zeit so viel Ruhe zu spüren. Immer stand sie unter irgendeinem Stress, vielleicht auch, weil sie sich den Stress selbst machte. Umso schöner war es dann, wenn sie für ein paar Minuten - oder, wenn es gut ging, für ein paar Stunden - Erholung hatte. Von weitem hatte sie schon das Stück Stoff entdeckt, das wohl mitten in der Wüste lag. Seufzend schritt sie voran. Sie würde es mitnehmen, schließlich musste das ja wohl nicht so unsauber in der Wüste herumliegen. Langsam beugte sie sich hinab zu der Düne und sie versuchte, an dem Stück Stoff zu ziehen, doch bewegte sich der Stoff kaum unter ihrem Ziehen. Vorsichtig ging sie in die Knie und schob den Sand ein wenig auf die Seite, um das Stück Stoff freizulegen. Umso weiter sie grub - und letztendlich wusste sie gar nicht, warum sie auf einmal so besessen davon war das Stück Tuch freizulegen - umso stärker wurde der beissende Geruch von Verwesung und Tod. Hastig grub sie weiter, fast als erahne sie, was sie dort fand. Wie besessen gruben sich die von den Drachenschuppenhandschuhen geschützten Hände in den Sand. Immer wieder zog sie an dem Stück Stoff, bis er letztendlich nachgab. Erschrocken und entsetzt hielt Aalina sich eine Hand vor den Mund, schluckte anfänglich ihre Tränen hinab. So schön lag sie da, auch wenn sie schon vom Tod gezeichnet war. Ein Lächeln lag auf ihren Lippen, das Lächeln, das Aalina immer in ihrer Erinnerung behalten hatte. Ohne Scheu und Ekel umschloss Aalina den leblosen Körper vor sich und begann bitterlich zu weinen. „Warum du? Warum haben sie mir meine liebste Freundin genommen? Warum…?“ Aalina weinte und weinte, konnte es kaum fassen, was geschehen war. Die schwarzen Haare schlangen sich um den leblosen Körper, die wunderschönen Augen waren geschlossen. Nichts um sie herum schenkte sie Aufmerksamkeit. Dieser Moment würde nur ihnen beiden gehören. Und Aalina konnte einfach nicht aufhören mit weinen. Was war nur geschehen? Hatte sie den Weg zur Oase nicht gefunden? Hatte sie etwas erzürnt so dass sie ihren Weg ins Ungewisse bestritt? Aalina schien sich kaum bei Bewusstsein halten zu können und ließ den leblosen Körper von Raja wieder in den Sand sinken. Ihre Kehle war wie zugeschnürt, nur ein leises Schluchzen war von ihr zu vernehmen.

Und selbst Monate nachdem sie Raja gefunden hatte, dachte sie noch immer an sie. Immer wieder ging sie zu der Stelle, der Körper wurde immer verbundener mit dem Sand. Und sie legte dort Blumen und Schriften nieder. „Leb wohl, meine Freundin. Ich hoffe es geht dir dort gut, wo auch immer du bist!“ Die letzten Tränen wischte sie sich weg und setzte sich, als sie heim kam über ein Buch. Sie würde ihr Gesicht zeichnen, wie sie es in Erinnerung hatte, so dass sie es nie aus ihrem Leben lassen würde.
Aalina Yazir

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Mit traurigem Blick stand sie vor dem Grab. Ihre Augen flackerten, sie brannten, sie konnte schon fast nicht mehr weinen. So viele Tränen hatte sie vergossen. Es war ihr unmöglich noch mehr zu weinen, aber es ging. Raakin lag in seinen Fellen, scheinbar hatte er sich beruhigt. Aalina war verängstigt, sie war allein. Auf einmal war alles in ihr zusammengebrochen. Nicht nur der Verlust ihrer Tochter schmerzte, sie hatte alles andere um sich herum auch verloren. Ihren Glauben, ihre Hoffnung, ihren Lebenssinn. Sie wünschte sich so sehr eine große Familie gemeinsam mit Raakin. Die Vorwürfe Raakins saßen tief, ihre Wunde klaffte und trotz seiner Entschuldigung schmerzte ihr Herz. Was wäre geschehen, wenn Kemail nicht da gewesen wäre? Aalina wollte gar nicht dran denken. Zum ersten Mal durchdrang ihr Körper von Angst. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie Angst vor dem Mann, den sie doch so sehr geliebt hatte. Und dabei hatte sie solchen Schmerz verspürt, als er vor ihr zusammengebrochen war, vor dem Grab stand und nur noch weinte. Sie nahm die Schuld auf sich, die Vorwürfe, die sie sich machte hatten sie innerlich fast aufgefressen. Sie war froh, Raakin zu sehen, sie hatte sich in seine Arme geworfen, ein Stück Erleichterung fiel von ihrem Herzen. Ihre Kleidung - schwarz. Genauso wie ihre Seele. Ihr wurde das entrissen, was sie am meisten geliebt hatte - ihre Tochter. Und wenn Aalina so nachdachte fragte sie sich immer wieder, warum sie die Menschen verlor, die sie am meisten liebte. Said, Raja und nun auch noch Derya. Geschweige denn von ihrem Mann.

Aalina atmete schwer durch. Sollte sie sich zu ihren Eltern begeben und für eine Weile dort bleiben? Sie wusste es nicht. Zaghaft legte sie eine der Blumen, die sie vom Festland genommen hatte auf das Grab ihrer Tochter und sprach leise: "Ich liebe dich, meine Prinzessin!" und schlang die Arme um ihren Oberkörper. Sie sah zum Zimmer des Schlafzimmers hinauf, das Flackern der Kerze war durch das Fenster zu erkennen. Langsam schlich sie sich wieder ins Haus, nahm Turban und Schleier ab und ließ sich an der Tür hinabgleiten. Bitterlich begann sie zu weinen. Sie wusste nicht was mehr weh tat: Der Verlust ihrer Tochter oder das Gefühl, mit allem alleine dazustehen und ihren Mann verloren zu haben. Sie wusste nicht, wie sie sich ihm gegenüber verhalten sollte. Der Schmerz, so tief in ihr. Die Angst, so tief in ihr verborgen. Ob sie mit ihm reden sollte?

Sie ging in das gemeinsame Schlafzimmer, schob die Vorhänge zum Bett zur Seite und nahm das Kopfkissen und eine der beiden Decken. Raakin schlief unruhig, er wälzte sich hin und her. Für einen Moment wollte sie ihm ihre Hand auf die Schulter legen, doch ließ sie von ihm ab. Sie pustete die flackernde Kerze aus und begab sich mit dem Kissen und der Decke hinab in das Kinderzimmer. Es war leer und verlassen, Aalina fühlte sich nicht mehr zuhause. Sie war so fremd in den vier Wänden, die sie einmal ihr Heim nannte. Schwach und zerbrochen an den innerlichen Schmerzen ließ sie sich in das Bett der Kinder fallen und schlief nach einiger Zeit ein. Der Duft von Deryas Haaren lag in den Kissen, in allem, was Aalina in dem Moment umgab.

Und würde Raakin am nächsten Tag aufwachen würde er seine Frau nicht in seinem Bett vorfinden. Würde er sie suchen, würde er sie geschwächt und zusammengerollt in dem Bett ihrer Kinder auffinden. Würde er genauer auf sie achten, würde er merken, wie sehr sie sich von ihm zu distanzieren schien. Und je mehr Tage voranschlichen, desto weniger Fleisch trug Aalina auf ihren Rippen, desto bleicher war ihr Gesicht, desto fahler war ihr Haar, desto ausdrucksloser wurden ihre Augen, desto lebloser ihr Körper. Und nachts, wenn sie alleine war - in ihrem Bett oder vor dem Grab ihrer Tochter - konnte man leises Schluchzen vernehmen und ein leises Flehen an Eluive, dass sich alles wieder hinbiegen würde. Und wenn sie könnte, würde sie ihren Mann am liebsten einfach nur umarmen, aber seit dem Vorfall war sie innerlich zerbrochen - und scheinbar würde nur die Zeit weiterhelfen und die Wunden schließen. Sie hatte keinen Zweifel daran, sie liebte ihren Mann. Und sie war sich bewusst, dass sie es ohne ihn niemals schaffen würde.
Aalina Yazir

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Wenn sie ihn so ansah, wusste sie nicht, was sie denken sollte. Sie wusste, dass sie innerlich zerrissen war, aber wenn sie auf Raakin blickte, wie er da lag und selbst im Schlaf weinte, krampfte es innerlich noch viel mehr. Ihre Tochter war weg und würde nie wiederkommen. Ihre Kraft und ihre Stärke war am Ende angelangt, sie hatte ihren Sohn nicht mehr in ihren Armen halten können, war er bei Zaina doch so viel besser aufgehoben - zumindest für den Moment. Es würde Jafaar nur noch mehr weh tun und verwirren, wenn er seinen Vater und seine Mutter so am Boden zerstört und ohne jeglichen Sinn des Lebens sah. Und dieser eine Tag, der Tag nach dieser schrecklichen Nachricht, dieser Morgen an diesem Tag war der schlimmste Morgen, den es in der letzten Zeit gegeben hatte. Raakin saß da, er aß nicht. Aphatisch starrte er entweder eine Pflanze oder ein Regal an, irgendeinen Gegenstand fiel immer in seinen Blick. Und wenn nicht, dann starrte er auf die nackte Wand. Sie vermisste ihren Sohn, sie vermisste ihre Tochter und sie vermisste ihr normales Leben.

Sie warf sich ihre Toga über, zog sich ihren Schleier an und ging barfuß aus dem Haus. Vielleicht hatte sie Stunden da gesessen - vor dem reichlich geschmückten Grab ihrer Tochter - ehe sie die kraftlose Hand ihres Gattens auf ihrer Schulter spürte. Ohne es selbst gemerkt zu haben, hatte Aalina sich beruhigenden Bewegungen hingegeben und ein leises Lied mit ihrer sanften und zarten, wenn auch zu diesem Zeitpunkt weinerlichen Stimme gesungen. Kaum zu hören und doch traten immer wieder die schönsten Worte über ihre Lippen.

Lange waren sie gemeinsam dort gesessen, Aalina und Raakin. Und sie hatten Abschied von ihrer Tochter genommen. Aalina wusste zwar, das nichts und niemand ihre Tochter ersetzen konnte, aber sie wusste, dass ihr Leben weitergehen würde. Allein weil sie wusste, dass Derya es so mochte, wenn ihre Mutter und ihr Vater von Herzen lachten. Und doch, nachts oder wenn sie alleine war und niemand sie umgab kamen die leisen Tränen, die auf ihrem Kissen versiegten. Und sie war sich sicher, den besten Mann Menek'Urs an ihrer Seite zu haben auch wenn sie sehr gezweifelt hatte. Und wenn er nachts im Bett lag und sie so traurig ansah und ihr sagte, dass er seine Tochter so vermissen würde, nahm sie ihn in die Arme und sang mit melodischer und leiser Stimme immer wieder leise das Lied ihrer Tochter.

Und gestern drang die Nachricht dann zu mir.
Ich weiss nicht, aber es zerriss mich schier,
denn keiner kann mir sagen wie es geschah
keiner unsrer Verwandten war noch da.
Du lagst so schön da, das hat man mir gesagt.
Warum hab ich dich nie selbst danach gefragt
Du hättest eine Grosse werden können
und irgendwie wolte ich dir das nicht gönnen.

Und ich wollte noch Abschied nehmen,
das werd ich mir nie vergeben
Wie konntest du von uns gehen?
Jetzt soll ich dich nie mehr sehen.

Verzeih mir all die Dinge, die ich sagte
nur weil mich wieder irgendetwas plagte.
Verzeih deinem Vater und mir, dass wir nicht da waren.
Vergib mir, dass ich nicht mit all dem klar kam.

Was machen wir jetzt ohne unsere Heldin?
Wir vermissen dich und ich jeder Reichtum ist egal.
Du bist weg, was nützt der ganze Rest?
Mein kleiner Engel wird für immer vermisst

Wie konntest du von uns gehn?
Jetzt soll ich dich nie mehr sehn.
Wir vermissen dich, was machen wir jetz?
Aalina Yazir

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Die ersten Tage waren die schwersten. Immer wieder wurde Aalina bewusst, dass sie einfach nicht endgültig loslassen konnte. So oft erwischte sie sich dabei, wie sie in Tagträume versank und einfach nur noch darauf hoffte, dass ihre Tochter zur Tür hereinkam. Aber sie wusste, dass das nie wieder passieren würde. Aber sie hatte es geschafft, sich aus ihrer Einsamkeit zu entreissen. Immer öfters bekam sie Besuch von den liebeswertesten Menekanern. Von Freunden, von Bekannten, von Verwandten. Sie führte lange Gespräche, bat Speis und Trank an, versuchte sich gezielt abzulenken mit all den Dingen, die ein Haushalt umgab. Selten, dass das Haus von Aalina so sauber zu sehen war. Scheinbar schien nirgendwo auch nur ein Staubkorn umherzuschwirren. Hauptsache sie musste nicht weiter über den tragischen Tod ihrer Tochter nachdenken.

So viele waren bei ihr gewesen, hatten ihr Beleid ausgesprochen. Yashira, die sie so liebevoll in den Arm genommen und bei sich empfangen hatte. Khalida, mehr oder weniger seit der Ehe mit Raakin ihre Cousine, welche ihr sanft einen Kuss auf die Stirn gegeben hatte - eine Geste, bei der Aalina sich geborgen gefühlt hatte. Kemail, der in dieser Zeit für Aalina mehr zum Freund wurde, als sie es sich je gedacht hätte. Ismaael, der mit seiner Ungeschicktheit von einem Fettnäpfchen ins andere tapste. Der sie mit so großen, bewundernden und staunenden Augen ansah, als sei sie eine Gottheit über Menek'Ur. Rasha, zu welcher sie ein außerordentlich gutes Verhältnis hatte. Und auch Amira. Und doch hatte Aalina so oft hin und her überlegt, ob sie ihrer Tochter mit einem riesigen Fest die Wege für ihre neuen Wege ebnen sollte. Aber ihr fehlte die Kraft. Ihr fehlte einfach die Kraft dazu.

Und wenn sie abends vor den Kissen auf ihrem Bett saß und so zu Raakin aufsah, wie er da saß und entweder etwas las oder sie zu beobachten schien, während sie irgendwelche neuen Kleiderkreationen erschuf, war sie sich bei einem sicher. Die vier Jahre, die Eluive ihnen mit ihren Kindern geschenkt hatten, waren die vier schönsten Jahre gewesen. Menek'Ur war durch die Beiden so erhellt, so wunderschön aufgeblüht. Und jetzt versprühte Jafaar mit seinem Charme all das, was Derya sich von ihm gewünscht hatte, dass er es tun würde.
Und irgendwann würde Jafaar noch weitere Geschwister bekommen. Zwar war es für Aalina im ersten Moment schwer gewesen überhaupt dran zu denken, weitere Kinder in die Welt zu setzen aus Angst auch diese wieder zu verlieren, doch war ihre Liebe zu ihrem Mann und seinem Wunsch nach Kindern so groß, daß sie sich selbst schon fast darauf freuen könnte.

Und wenn man den Stimmen glauben schenken konnte, würden sie erzählen, dass die junge Menekanerin jeden Tag so oft am Grab ihrer Tochter saß. Das junge "Mädchen" saß da und sprach mit ihrer Tochter, sang ihr Lieder vor, erzählte ihr Geschichten aus den fernsten Ländern.

Und auf die Frage, wie es ihr denn gehen würde antwortete sie ehrlich. Ihre Tochter war tot, doch lebte sie in ihrem Herzen und in den Herzen einiger Menekaner weiter. Sie wusste, Derya wäre eine stolze und wunderschöne Menekanerin geworden.
Und umso mehr zerfetzte es Aalinas Herz, dass nicht einmal der Erhabene es für nötig empfand, sich wenigstens nach Derya zu erkunden. Und Aalina musste leicht auflächeln, als sie ihre Tochter in diesem Moment vor sich sah und sie ihr Schnütchen zog: "Mah, der Emir mag mich nicht so, wie ich ihn mag, oder?" Und als würde ihre Tochter wirklich da sein antwortete Aalina darauf mit einem Lächeln auf den Lippen, die Reitechse auf das Grab zurechtrückend: "Mein Engel, du bist wie deine Mutter... Sie hat den Emir, Said Omar, bevor er starb, auch vergöttert!" Und jetzt, wo sie so über den weisen Emir nachdachte - Said Omar - war ihr klar, dass es Derya gut gehen würde. Zwar wusste Aalina nicht in welcher Welt sich ihre Tochter befand, aber ihr war klar, dass Said mit Sicherheit seine schützenden Hände über ihre kleine Tochter hielt.

Und manchmal, wenn Raakin abends nicht in dem gemeinsamen Bett lag, weil er wie immer unterwegs war und die letzten Schiffe ihn nicht mehr nach Hause bringen konnten würde er trotzdem, so er nach Hause kommen sollte, kleine Zettelchen und Notizen vorfinden: "Ein paar Worte für den schönsten und besten Mann Menek'Urs, ohne welchen mein Leben verloren wäre. Auf das unsere Liebe zueinander weiter so erblühen mag, wie sie es bis zum heutigen Tage tat. In aufrichtiger Liebe, deine Aalina". Zufrieden schloß sie ihre Augen, das kleine Hemdchen ihrer Tochter in ihren Armen haltend und schlief in den Wogen ihrer beruhigenden Bewegungen ein.
Aalina Yazir

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Aalina war gerade dabei, ihr Leben wieder zu leben. Der Verlust ihrer Tochter war schwer und doch war es leichter zu verkraften, dass sie diese so nah bei sich hatte. Jeden Tag trat sie vor das Grab ihrer Tochter, welches sich neben dem Westflügel ihres Hauses befand und legte dort die schönsten Kristalle ab.

Sie wusste, ihre Tochter würde immer in ihrem Herzen bleiben. Und niemand konnte ihr diesen Platz rauben. Und vielleicht würde es bald wieder an der Zeit sein, dass Eluive ihr ihre Tochter auf einen anderen Weg wiedergab.

Es sollte ein ruhiger Tag für Aalina werden. Sie war zuhause, sie nähte ein paar neue Kleidungsstücke für Jafaar als es an der Tür klopfte. Ein Bote, der einen Brief von Fadi überbringen sollte. Aalina nahm ihn zu sich, entlohnte den Boten und eilte die Treppen hinab zu Raakin, um ihm den Brief zu geben. Doch es gelang ihr immer wieder ein paar Worte aufzufassen. Wütend und enttäuscht rannte sie die Treppen nach oben. Alles was ihr in den Weg kam wurde von ihr Richtung Wand geworfen und zersplitterte dort. Ihre Schreie hörte man vermutlich durch halb Menek'Ur. "Wie können sie nur so herzlos sein? Kann man uns nicht einmal unserem Schicksal überlassen?"

Aalina weinte und zitterte. Sie sah Raakin an, er hielt den Zettel in seiner Hand, hüllte sich in Schweigen. "Nun sag du doch auch was dazu!" Aalina weinte bitterlich, sie bekam kaum noch Luft, hatte ihr eine unsichtbare Hand die Möglichkeit zu atmen genommen.
Nach Stunden des Weinens erhob sie sich und ging in ihr Bett. Geballt waren ihre Fäuste, vor Wut pochte ihre Schlagader am Hals. Murmelnd und fluchend schlüpfte sie aus ihrer Kleidung und legte sich in ihr Bett, um dort ein paar Stunden Schlaf zu finden. Doch stattdessen starrte sie die Wand an.
Aalina Yazir

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Sie vernahm ein Tippen auf ihrer Schulter. "Wo darfs denn hingehen?" Aalina sah die männliche Wache hinter sich an und zog ihren Umhang ins Gesicht. Sie erklärte ihm, dass sie für etwa eine Stunde nach Gerimor müsse, dort würde sie sich mit einer alten Freundin treffen, mit der sie ein sehr persönliches und privates Gespräch führen müsste. "Ich wünsche, dass dieser Wunsch respektiert wird. Und ihr wollt doch sicherlich nicht, dass ich eine Beschwerde über euch verfasse, weil ihr mich nicht zu einem Termin lasst, den ich auch nicht verpassen sollte?" Der Wachmann sah sie an und schüttelte den Kopf. "Ich kann euch hier nicht ohne Wachen von der Insel lassen!" Aalina sah ihn an. "Schenkt euch eure Wachen!" sprach sie und eilte eiligen Schrittes davon und verschwand im Schiff.

Ihre Schläfen pochten. Das Schiff hatte den Weg längst angetreten und ihr nächster Weg würde sie nach Berchgard führen. Sie hatte genügend lebensnotwendige Dinge eingepackt. Was musste sie noch alles verlieren? Zuerst starb ihre Tochter und sie war froh, dass sie nicht ganz so weit weg von ihr war. Ihre Seele, ihr Geist ruhte neben dem Haus und Aalina saß jeden Abend mehrere Stunden bei ihr. Vielleicht hätte Aalina den Brief nie lesen dürfen. Aber als sie den Brief in ihrer Hand hatte, hatte sie ein mulmiges Gefühl.

Vielleicht war es eine Kurzschlussreaktion, vielleicht einfach ein Zeichen des Schicksals. Zusammengekauert saß die junge Menekanerin auf einer der Bänke im Schiff. Wohin ihre Wege sie führen würden wusste sie genau, wann sie nach Menek'Ur zurückkehren würde, nicht. Das einzige, was ihr jetzt schon fehlte war... Raakin.
Aalina Yazir

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Sie war in Berchgard angekommen. Doch nicht einmal hier fand sie Ruhe. So viele Gedanken schossen durch ihren Kopf. Sie fühlte sich hier allein, verlassen, fern von ihrer Heimat. Zu allem übel auch noch ungeschützt. Einzig allein ihr Dolch im Schaft ihrer Stiefel schien sie schützen zu können. Die ganze Nacht war sie am Lagerfeuer in der kleinen Hafenstadt gesessen, hatte Kleinholz in das Feuer geworfen und zitterte am ganzen Leibe. Doch ihre Gedanken konnte sie nicht ordnen. Vielleicht war sie einfach noch nicht bereit loszulassen? Vielleicht konnte sie ihre Tochter nicht einfach so gehen lassen? Vor lauter Aufregung und Angst biss die junge Menekanerin sich ihre Lippen ganz wund.

Jung war sie, ohja. Aalina hatte immer von sich gedacht, dass sie seit ihrer Ehe ein Stück erwachsener geworden war. Aber sie war wieder einmal davon gelaufen, anstatt sich ihrer Ängste zu stellen. Aber sie war so verzweifelt, sie hatte so bitterlich geweint zuhause und niemand war da gewesen, der sie hätte in den Arm nehmen können.

Vielleicht war es falsch, dass sie ging?

Vielleicht sollte sie einfach akzeptieren, dass ihre Tochter nur in der Familiengruft ihre letzte Ruhe finden konnte?

Vielleicht sollte sie endlich loslassen können?

Vielleicht sollte sie über ihren Schatten springen und zurückkehren nach Menek'Ur?

Sie senkte ihr Haupt. Sie konnte nicht zurück. Sie wusste genau, was ihr dort blühen würde... "Aalina, sei einmal in deinem Leben nicht so verdammt feige!" Sie saß da, zusammengekauert vor dem Feuer. Sie hatte es nicht geschafft zu Alliestra zu gehen. Sie vermisste Raakin. Sie vermisste ihn sehr. Aber sie hatte Angst. Angst davor, zurückzukehren. Angst davor, dass er sie verurteilen und beschimpfen würde, was für eine Mutter sie doch wäre. Er konnte das, was in ihr vorgeht, vielleicht nicht verstehen. Aalina war nicht bereit ihre Tochter von sich gehen zu lassen. Noch nicht... Tränen liefen über ihre Wangen. Zitternd nahm sie ein Papier hervor, fing an zu schreiben.

"Raakin, mein ganzer Stolz, mein Ehemann, mein Herzblut... keinerlei Worte lassen sich für mich finden, keinerlei Gedanken kann ich ordnen um sie so auf Papier zu bringen, dass du mich vielleicht verstehen kannst. Vielleicht war es falsch von mir zu gehen, mir Luft zu machen... alles hinter mir zu lassen. Und ich werde womöglich die Konsequenzen tragen müssen, wenn ich zurückkehre. Vielleicht war es falsch von mir, nur an mich zu denken, egoistisch und nur auf mich selbst bedacht. Aber versteh das Herz einer Mutter, die sich noch nicht von ihrer Tochter trennen kann. Vielleicht hat Fadi Recht, dass sie im Familiengrab beigesetzt werden soll, aber ich fühlte mich einfach nicht bereit. Es kam so überrumpelnd und was mich noch mehr enttäuschte - per Brief. Was auch immer du nun von mir halten magst... du fehlst mir sehr, du fehlst mir mehr als alles andere auf der Welt, ich wünschte ich könnte einfach so zurückkommen und du würdest mich einfach nur in deine Arme schließen. Ich liebe dich, mein Herzblut!"

Der letzte Satz des Briefes mag ein wenig verwischt sein ob der tränen, die auf das Pergament gefallen waren. Eilig ließ Aalina das Schreiben durch einen Boten nach Menek'Ur bringen, ehe sie sich wieder in ihre dicken Klamotten wickelte.

Vielleicht würde Raakin verstehen, warum sie reagiert hatte, wenn sie ihm das erzählte, was sie vermutete. Sie hatte innerlich schon einmal solche gemischten Gefühle gehabt und diese hielten eine Weile an. Damals hatte sie nicht gewusst was es war, doch dieses Mal spürte sie es ganz deutlich. Vielleicht würde es ihn erfreuen, vielleicht würde er sie vor die Tür setzen und nie wieder sehen wollen.

"Nur Eluive weiss, wie er sich entscheiden wird...!"
Aalina Yazir

Beitrag von Aalina Yazir »

Der Tag hatte sich sehr in die Länge gezogen. Hier und da blickte Aalina auf, wenn sie durch die Straßen huschte und sich ihre Wege durch die Wälder Gerimors zogen. Letzte Nacht war es das Lagerfeuer gewesen, welches sie gewärmt hatte, doch wo sollte sie sich diese Nacht wärmen? Zu Thancred und Alliestra konnte sie nicht, da würden alle zuerst nach ihr suchen. Sharay? Sharay hatte sie so lange nicht mehr gesehen, sie wusste gar nicht mehr, wie es ihr ging und wo sie sich überhaupt befand. Nichts wusste sie von ihr. Aalina seufzte. Sie wusste ganz genau, dass nur eine Person ihr die erwünschte Wärme geben konnte. Sollte sie zurückkehren? Nein, sie wusste nicht wie Raakin reagieren würde. Vielleicht war es ganz gut so, wenn sie ein wenig fort war. Vielleicht würde sie dadurch merken, wie sehr sie ihren Mann liebt. Doch das brauchte sie nicht tun - sie merkte es schon jetzt. Sein Lachen, seine Gesten, jede einzelne Bewegung fehlte ihr. Sein Augenaufschlag, sein unruhiges Hin- und Herwälzen im Bett. Seine gerunzelte Stirn, wenn er einmal nicht verstand, was Aalina ihm auf umständlichen Wege versuchte zu erklären.

Und da saß sie an diesem Stück Strand Gerimors. Die Erinnerungen daran waren so schmerzhaft und doch auch so schön. Das letzte Mal, als sie dort war ... Es war unglaublich... und es war so lange hergewesen. Weinend ließ sie sich mit ihren Gewändern in den Sand fallen. "Wie gerne würde ich dich jetzt in meinen Armen halten, unsere Schmerzen von uns fernhalten.. dir dafür danken, was du für mich getan hast.. verzeih mir all meine Fehler... es gibt nichts, was ich lieber täte als deine Stimme erneut zu hören..." Tausende an Gedanken huschten durch ihren Kopf. Ihre Sehnsucht machte sie halb verrückt. Wann würde sie Raakin wiedersehen? War sie denn ganz Menek'Ur egal geworden? Als ob sie nicht bemerkt hätte, dass aus irgend einem Grund den sie nicht verstand, ihre Zeit als Schneiderin für den Erhabenen zu Ende ging? Dabei hatte sie alles dafür getan, seine Wünsche so zu erfüllen, wie er es befahl. Dabei war sie es, die damals zu Raakin und Aasim ging und ihnen beiden erzählte, was auf Menek'Ur geplant wurde. War das der Dank dafür, dass sie zu jeder ihrer Lebzeiten hinter den Omar stand? Aalina verstand die Welt nicht mehr, ihr Herz schmerzte. Und wann verdammt nochmal würde sie Raakin wiedersehen?

- Wann?
Aalina Yazir

Beitrag von Aalina Yazir »

Sie hatte sich dazu durchgerungen, sich endlich auf den Weg zu Alliestra und Thancred zu machen. Es dauerte nicht lange, bis sie sich von dem Strand aufgemacht hatte und vor der Tür stand. Vorsichtig drückte sie die Klinke der Tür hinunter und trat ins Innere. Stimmengemurmel war von außen zu vernehmen, so daß sie sich sicher war, das Thancred und Alliestra zuhause waren.

Doch mit dem, was sie innen empfangen würde hatte sie nicht gerechnet. Vor ihr standen Thancred und Alliestra, neben den beiden fanden sich auch noch Zaina und Kemail ein. "Verdammt, warum müssen die beiden hier sein?" Aalina hatte zu spät reagiert. Vor lauter Verfolgungswahn hatte sie alle Zeichen Alliestras nicht gesehen, nun war es zu spät. Zaina fiel ihrer Schwester erleichtert um den Hals, doch Aalina zeigte keinerlei Regung. In ihr war alles leer. Alliestra und Thancred stellten sich zu Aalina, Zaina sprach auf Aalina ein, während sich Kemail zuerst ruhig an eine der Auslagen stellte. Zaina versuchte auf sie einzureden, dass sie doch wieder mit nach Hause kommen sollte, doch Aalina wehrte sich. Sie wollte nicht. Nicht jetzt, nicht so.
Ja, sie vermisste Raakin, aber sie war umso enttäuschter das nicht er es war, der sie zu sich zurückholte. "Ich hab ihm ausgeredet, dass er dich sucht!" sprach Kemail zu ihr. Aalina kochte innerlich. Sie wusste nicht, wie sie sich fühlen sollte. Ihr war für den Moment alles ziemlich egal, sie wollte nur ihre Ruhe haben, über alles nachdenken. "Du hast Raakin allein zurückgelassen, du verlangst, dass er für die Familie da ist und nicht soviel arbeitet, doch selber lässt du deine Familie im Stich!" Aalina sah Zaina an. Es tat weh, was sie ihr sagte, denn sie wusste, dass es wahr war. Aber es tat so verdammt weh. Konnte denn niemand den Schmerz einer Mutter verstehen, die sich mit all dem noch nicht abgefunden hatte? Nein, das konnten sie nicht. Niemand von den Anwesenden hatten jemals verspürt was es heisst Mutter zu sein und erst recht nicht, was es bedeutete seine über alles geliebte tochter zu verlieren. Aalina dachte an Jafaar. Was musste er von seiner Mutter denken? Sie hatte ihn zu Zaina gebracht, Zaina zog ihn quasi auf. War Aalina nicht fähig ihre eigenen Kinder großzuziehen? So langsam fing sie an, an sich selbst zu zweifeln. Wenn sie zurückkehren würde, würde sie zu allererst ihren Sohn in ihre Arme schließen. Doch vorerst gab es kein zurück.

"Du willst also Raakin sehen?" sprach Kemail. Aalina sah ihn mit einem langgezogenen Blick an. "Ich hab ihm gesagt, er soll auf sein Herz hören, dann findet er mich!" Aalinas Herz war umhüllt von Trauer. Sie fühlte, wie sich ihr Magen innerlich zusammenkrampfte, suchte Halt an der Wand, sah hilflos im Haus umher. All die Vorwürfe, die Befehle, die auf sie einrasselten, Aalina wollte sie nicht mehr hören. Sie zog sich in das Eck in dem sie stand zurück, hielt sich die Ohren zu und schüttelte immer und immer wieder den Kopf. Sie wollte zu Raakin, sie wollte seine Nähe spüren, aber so einfach war es nicht. Nein.

"Ich werde Fadi sagen, dass sie das Grab erst dann versetzen lassen sollen, wenn Aalina soweit ist!" Das war das letzte, was Aalina von Zaina vernommen hatte, ehe sie sich auf den Boden sinken lies und zusammenkauerte. Hoffentlich fand sie Ruhe für diese Nacht, einfach nur Ruhe. Der nächste Tag würde sie vielleicht weiterbringen.
Zaina Masari

Beitrag von Zaina Masari »

Gemeinsam mit Kemail suchten sie Alliestra und Thancred in Berchgard auf. Recht verwundert sahen die beiden drein, als sie Zaina und Kemail sahen, doch Aalina war nicht hier. Innere Verzweiflung machte sich in Zaina breit. Die Sorgen und der Kummer lasteten schwer auf ihren Schultern, langsam verstand sie Saheeb ... sie bekam immer deutlicher zu spüren, was es bedeutete für die Familie da zu sein, immer den richtigen Weg zu finden ... doch konnte sie sich immer noch nicht erklären, warum er einfach auf und davon ist. Saheebs Brief klang so verzweifelt, auch wenn er es mit einem zweiten aufheben wollte, doch sie kannte ihren Bruder, irgendetwas hat ihn innerlich zerrissen und sie wusste nicht was. Zaina konnte ihm nichtmal beiseite stehen, um seinen Kummer mit ihr zu teilen ... sie musste warten, bis er wieder kam, wenn er überhaupt wieder zurück will. Leise seufzte sie bei all den Gedanken. Zuerst Saheeb, dann noch der Verlust der kleinen Derya und nun auch noch Aalina, eine Welt die langsam an Schmerz zerbrechen drohte. Wie schwer musste es für sie sein, den Verlust ihrer Tochter zu verstehen ... zu ertragen. Selbst für sie als Tante war es nicht leicht. Aalinas Sohn war auch nicht mehr der fröhliche kleine Junge, er war in sich gekehrt, still und stellte tausend Fragen, die den Schmerz nur noch vertieften ... Sie zog den Jungen sehr gerne auf, das einzige was sie für Aalina tun konnte, wenn sie ihr schon den Schmerz nicht abnehmen konnte, egal wie sehr sie das auch wollte.
Und nun war sie nichtmal da, wo sie erhoffte ihre Schwester zu finden.
Alliestra war eine gute Freundin des Hauses, und als Kemail letzten Abend erwähnte, das Aalina aufs Festland "geflohen" sei, wusste Zaina ... es gab nur einen Weg, den sie jetzt gehen konnte. Zu Alliestra! ...

Irgendwann öffnete sich die Tür im Laden, neugierig sahen wohl alle dorthin und zu ihrer Erleichterung trat Aalina in den Laden. Zaina konnte zuerst nichts sagen vor Erleichterung, ehe sie dann doch ein leises "Salam" hervorbrachte. Sie hatte sich nicht getäuscht in ihrer Schwester, also schien noch nicht alles verloren. Eine Umarmung aus Erleichterung und Freude sie zu sehen, doch schien Aalina kaltherzig und zerbrochen ...
Was war nur mit ihr geschehen? Ihr Schmerz musste tief sitzen, sehr tief. Sie hatte vergessen, wer sie war ... die Frau des Grosswesiren, Mutter ihrer Kinder. Zaina redete auf sie ein, versuchte sie zur Vernunft zu bringen, ihr klarzumachen, dass sie ihren Schmerz nicht alleine tragen musste, doch schien sie nicht zu ihr durchdringen zu können. Sie wehrte alles ab, das einzige was sie wollte, war Raakin ... aber warum ging sie dann nicht mit ihr zurück. Dorthin zurück, wo ihr Mann auf sie wartete. Auch sie ließ ihn mit dem Schmerz allein sowie sie es ihm vorwarf, doch wollte sie von alldem nichts hören. Zaina wusste, es hatte keinen Sinn weiter auf sie einzureden, Aalina brauchte ihre Ruhe. Aalina muss erst zu sich finden, ehe man den nächsten Schritt gehen kann.
Sie nahm sich fest vor, Raakin aufzusuchen, um ihn zu Aalina zu schicken. Genauso wie sie nochmals mit Fadi reden musste, damit die Verlegung des Grabes nicht ohne Aalina von statten ging. Denn sie konnte nicht zulassen, dass Aalina diesen Weg nicht mit ihrer Tochter gehen könnte.

Kemail blieb zurück, er hielt Wache vor Thancred und Alliestra's Laden. Er machte sich Vorwürfe und wollte wenigstens diesmal keinen Fehler machen. Sie selbst wollte schnellstmöglichst wieder zurück nach Menek'Ur, Fadi und Raakin aufsuchen, doch beide schliefen wohl bereits. Sie musste sich ablenken, da Fadi schon schlief, schlich sie sich nach oben zu Hadiya. Vielleicht hatte sie ja noch Zeit einwenig zu plaudern, schoss es ihr durch den Kopf. Und wie es der Zufall wollte, traf sie auf jene und sie sprachen noch lange über all die Geschehnisse der letzten Wochen und Tage ... irgendwann ging auch sie zu Bett, doch die Nacht war unruhig, sie wälzte sich hin und her ... konnte nicht schlafen, zuviele Gedanken vernebelten ihren Verstand. Sie musste raus. Frische Luft ... ein langer Spaziergang, das würde ihr jetzt gut tun, um ihre Gedanken wieder sortieren zu können.
Zaina packte sich fest in ihren Mantel und ging nach draussen. Lange irrte sie planlos durch die Stadt, machte sich Gedanken darüber, wie sie Aalina den Schmerz über den Verlust ihrer Tochter leichter machen konnte. Gedanken über Saheeb und sein Verschwinden, dass sie sich immer noch nicht erklären konnte ... ja, sie fühlte sich zum ersten Mal allein gelassen und einwenig verloren. Sie hatte sich in Arbeit gestürzt, um die Gedanken weg zu wischen, doch legten sich jene nur in den Hintergrund und nun drangen sie noch heftiger als gewollt in sie, während sie durch die Gassen schlenderte.

Zaina wusste nicht mehr wie und wann, doch irgendwann stand sie am Hafen, sie sah auf das gerade ablegende Schiff. Sie setzte sich an den Steg und sah jenem lange hinterher, solange es der Lichterschein in der Nacht zuließ. Irgendwann starrte sie mit leerem Blick aufs Meer ... Minuten, Stunden vergingen, sie wusste es nicht mehr. Die Nacht war kalt und sie fröstelte, sie zog den Mantel enger um sich und wollte gerade aufstehen, um sich nach Hause zu begeben, als ihr Blick sich starr vor Schreck am Ufer festigte. Was war das dort? Ein Stückchen tiefer näher am Wasser, ein lebloser Körper. Der Körper eines Mannes! Es durchzuckte wie ein Blitzschlag ihren Körper, als sie erkannte, wer dort lag. Sie kannte ihn nur zu gut, schliesslich liebte sie diesen Mann einmal.
"Saalih" schoss es ihr durch den Kopf ... er musste angespült worden sein von der Flut oder niemand zuvor hatte seinen Blick dorthin gerichtet. Sie eilte vom Steg nach unten ans Ufer, schrie nach den Wachen, sie sollen Hilfe holen und etwas tun.
Tränen rannen ihr über die Wangen, als sie vor ihm saß, seinen Kopf auf ihrem Schoß bettete und ihm übers nasse Haar strich. Er war tot! Wie konnte das passieren?

"NEIN!!" schrie sie in die Nacht hinein und die Tränen liefen unerbittlich die Wangen herunter. "Nein!" ... sie machte sich Vorwürfe ... unendliche Vorwürfe. Hatte sie ihn in den Tod getrieben? War es ihre Schuld, weil sie sich von ihm abgewandt hatte .... sie sackte zusammen, bitterlich weinend über dem leblosen Körper, voller Schuldgefühle, die sie nicht mehr verstand.
Aalina Yazir

Beitrag von Aalina Yazir »

Zurück in der Heimat war sie nun. Seit Tagen... aber warum fühlte sie sich dennoch so fremd? Fremd im eigenen Volke, so fern der Realität. Alles fühlte sich an, als ob sie in einer großen Seifenblase leben würde.

Sie war mit Kemail spazieren gewesen auf dem Festland, hatte viel geredet. Sie hatte es sich verkniffen zu weinen, sie wollte nicht wieder weinen. Schließlich musste sie sich damit abfinden, dass ihre Tochter tot war und nicht wiederkam. Egal wie sehr sich Aalina auch an die Hoffnung geklammert hatte. Derya war tot. Kemail sprach tröstende und rührende Worte zu Aalina. Und so hatte sie nicht einmal bemerkt, wie sich ihr eine dunkel gekleidete Person näherte. So sehr war sie darin vertieft alles zu hinterfragen. Wo Raakin war, ob er sich um sie sorgte ... sie vermisste ihn, ohne Zweifel. Und sie hatte in den letzten Tagen gemerkt das sie ohne ihn nicht mehr konnte. Und sie vermisste ihren Sohn. Ja, die ganze Zeit hatte sie nur an sich gedacht, aber langsam war es an der Zeit, dass sie ihren Sohn wieder zu sich holte. Aalina war nicht mehr die Frau, die sie einmal war. Selbst ihre über alles geliebte Schwester hatte sie mit Vorwürfen überhäuft, hatte sie angefahren und das, obwohl sich Zaina nur Sorgen um Aalina gemacht hatte. Der Schmerz drohte sie zerbrechen zu lassen. Kemail versuchte ihr weiterhin gut zuzureden, bis auf einmal dieser Menekaner aus seinem Versteck trat.

Raakin. Er war es wirklich. Er sah Aalina an - traurig, vorwurfsvoll, enttäuscht. Vielleicht war der Schmerz schlimmer als alles andere, was sie in den letzten Tagen durchgemacht hatte. Sie konnte es nicht sehen, wenn er sie so ansah. Sie fühlte sich schuldig. Langsam näherte er sich ihr, ehe er zu ihr sprach. Aalina hatte einen Fehler begangen, sie war abgehauen und das obwohl es verboten war, auf das Festland zu reisen. Sie sollte dafür normalerweise inhaftiert wenn nicht sogar ausgepeitscht werden. Oder wurde sie womöglich verstanden? Wenigstens ein bisschen? Konnte jemand den Schmerz einer Mutter nachvollziehen, deren Kind tot war? "Reiß dich endlich zusammen, Aalina!" Ihre innere Stimme hallte durch ihren Kopf. Raakin sah sie an und bat sie, wieder mit nach Hause zu kommen. Nach Hause? In das Haus ihrer tiefsten Qualen? Sie hatte immer wieder vor Augen, wie die Wache an ihrer Tür klopfte und ihr eigenes zuhause zur Folter wurde. Aber sie willigte ein und sie ging mit ihm zurück. Und mit ihm und der Rückkehr nach zuhause machten sie sich daran, sich in aller Ruhe von ihrer Tochter zu verabschieden. Lange war der Marsch durch die Dünen der Wüste bis hin zur Insel der Toten. Doch keine Träne floss über Aalinas Wangen. Sie konnte nicht mehr, sie wollte nicht mehr. Sie ging zurück nach Hause ...

Die nächsten Tage bekam sie hin und wieder Besuch von Kemail. Sie fand es sehr süss von ihm, dass er sich so rührend um sie kümmerte. Raakin war nach nicht allzu langer Zeit sofort wieder in sein altes Raster verfallen - Arbeit über Arbeit. Er hatte durch seine Pflichten kaum noch Zeit für Familie. Und Aalina wusste nicht einmal, wie sie Kemail für all die Aufmerksamkeit danken sollte.
Aalina hatte noch so viel zu tun. Sie wollte ein paar Sachen nähen, mit denen sie Jafaar überraschen wollte. Dinge, die er sich lange gewünscht hatte. Vielleicht würde ihn das aus seiner aphatischen Phase holen. Aalina wusste es nicht, aber es war an der Zeit es herauszufinden.

Sie sah auf das Geschenk. "A... aber... das... ich kann das doch nicht annehmen?" Doch Kemail nickte nur. Aalina wusste nicht, womit sie das verdient hatte. Vorsichtig fuhr sie über die scharfe, glitzernde Kante. "Ich... ich... danke!" Sie war überwältigt. Vor lauter Freude fiel sie ihm um den Hals. Das war zuviel für sie. Noch nie hatte sie solch ein wertvolles Geschenk bekommen, abgesehen von dem Eheversprechen Raakins. Sie war wirklich überwältigt.

"Aalina, du musst dir was gutes zum Dank einfallen lassen!" flüsterte sie leise in die Nacht hinein und schloss die Tür hinter Kemail, als er nach einer Weile ihr Haus verlassen hatte.
Aalina Yazir

Beitrag von Aalina Yazir »

Freundschaften bahnen sich ihren Weg

Lange hatte sie in den letzten Tagen mit Kemail gesprochen, sehr viel Zeit mit ihm verbracht. Aalina versuchte sich immer wieder daran zu erinnern, ob sie zu Kemail schon immer ein solch gutes Verhältnis hatte. Aber ihr schien nichts in Gedanken zu kommen. Womöglich hatte sie keinerlei weitere Bindung zu ihm gehabt. Seufzend saß sie nun zuhause, sah auf ihren dicken Verband am Fuß. Und dabei hatte der Tag so schön angefangen ...

Sie sah Raakin. Sie war überrascht ihn anzutreffen. Vielleicht war es seine Art sich abzulenken und in Arbeit zu stürzen, um den Verlust ihrer gemeinsamen Tochter zu verarbeiten - Aalina hatte dennoch keinerlei Verständnis dafür. Sie brauchte Ruhe, lies sich hin und wieder mit Besuchen ablenken. Und dennoch war es nicht mehr so, wie es einmal war. Aber Aalina sah aufmunternd und voller Zuversicht in die Zukunft, ihre Tochter fest im Herzen.
Sie gingen gemeinsam außer Haus. Wie jedes Mal wenn sie das Haus verließen machten sie sich auf in den Alten Tunnel. Die Bewegung tat gut, Aalina genoß es sich momentan den Jagden noch hingeben zu können. Es dauerte nicht allzu lange, ehe sie auch das große schwarze Tier erledigt und das wertvolle Leder an sich genommen hatten und wieder nach Menek'Ur zurückkehrten. Dort standen sie am Hafen und Aalina wusste, irgendwas wollte sie Raakin noch erzählen. Aber für den Moment hatte sie vergessen, was es war. "Ich werde später mit Fadi nach Rahal aufbrechen!" Kemail erwähnte dies. Raakin sah ihn an. "Vielleicht sollte ich mir ein wenig freie Zeit nehmen und mitkommen!" Aalina kochte innerlich nach diesen Worten. Zeit nehmen.. wann hatte er das letzte Mal Zeit für sie gehabt? Nur für sie? Lange war es her. Sie hatte längst abgeschalten, nachdem sie Raakin von dem Aufeinandertreffen mit Torgal erzählte. Verschleiert hörte sie nur noch etwas von Strafverfahren und dann war Raakin auch schon weg.

"Verstehst du jetzt, was ich meine?" Sie sah Kemail an. Und Aalina spürte genau, wie ihr Temperament langsam wieder mit ihr durchging. "Jedes Mal das Gleiche, was erwartet er? Das man in einer Ehe nichts mehr tun muss?" Aalina war sauer. Sie war nicht nur sauer, sie war wütend, enttäuscht und gekränkt. Was bildete er sich nur ein? Oder war sie es, die einfach zuviel erwartete? Mutlos und traurig ließ sie ihre Schultern hängen. "Ich lass mich scheiden, ich wander aus! Ich nehm viele Felle mit und bau mir ein Zelt auf Fuachtero oder so!" Trotzig wie Aalina war sprach sie diesen Satz aus. "Macht es dir Spaß so egoistisch zu denken?" fragte Kemail sie. Doch Aalina hatte keinerlei Lust auf Diskussionen und Kemail ging. Vor Wut trat Aalina gegen den Pier am Hafen und jaulte vor Schmerz auf und ließ sich auf dem Pier nieder, zog ihren Schuh aus und sah sich ihr Werk an. Ihr Zeh war blau und ihr Nagel blutunterlaufen. Vorsichtig zog sie eine Bandage aus ihrer Tasche und wickelte sie hastig um ihren Zeh, doch schien der Schmerz einfach nicht nachzulassen. Kemail kam nach einiger Zeit und ewigem Getuschel mit den Wachen wieder zu ihr, sah sich ihren Zeh an und tastete diesen vorsichtig ab. Zaghaft begann er ihren Zeh sorgfältig zu verbinden, wobei Aalina ihr Gesicht vor lauter Schmerz verzog und trotzdem ihren Fuß immer wieder wegzog, da sie viel zu kitzlig war.
Nach einiger Zeit des Rumalberns versuchte sie aufzustehen, doch schien ihr das immer noch nicht zu gelingen, ehe Kemail eine Wache losschickte und einen Gehstock holen ließ. Nachdem Ruhe eingekehrt war ging auch Aalina langsam zurück zu ihrem Haus. Was sie dort machen sollte wusste sie noch gar nicht. Die schönen Kleider die sie sich extra für Raakin gekauft hatte lagen auf dem Bett verteilt. Wütend nahm sie diese, zerknüllte sie und warf sie in ein Eck. Und so starrte sie in die dunkle Nacht, keine Ahnung davon, wie sie den restlichen Abend verbringen sollte. Und keinerlei Ahnung, wie sich ihr Leben fortsetzen sollte.

Sollte sie mit Raakin darüber reden, was sie belastete?

Schließlich liebte sie ihn dennoch über alles, auch wenn er nie da war. Schließlich war er der Vater ihrer Kinder, war er ihr Ehemann. Sie hatte ihm ewige Treue geschworen - vor Eluive. Das sollte sie nicht einfach so wegwerfen. Seufzend begab sie sich in ihr Bett und leise Tränen berührten das weiche Kissen, ehe ihre Augen von der Müdigkeit berührt wurden.
Aalina Yazir

Beitrag von Aalina Yazir »

Erinnerungen

Die Nacht hatte Aalina ziemlich unruhig geschlafen. Die unterschiedlichsten Träume hatten sie immer wieder aus dem Schlaf gerissen. Müde und vollkommen ausgelaugt stand sie auf und schlürfte durch das Schlafzimmer. Raakin war längst wieder ausser Haus. War er überhaupt nach Hause gekommen? Aalinas Blick schweifte zum Bett und sie seufzte aus. Wenigstens das. Wenigstens nachts stehlte er sich noch in sein eigenes Bett zu seiner Frau. Sie zog sich ihre Sandalen über und warf sich die Toga über ihren Körper und marschierte schlaftrunken die Treppe hinab zur Küche. Sie nahm sich Dattelmus aus dem Topf, goß sich ein Glas Milch in einen Becher und setzte sich an den Tisch.

"Was sind das denn für Tiere?" Jafaar und Derya stapften mühevoll durch den Schnee und folgten Sullivan. Ihre Augen glitzerten und glänzten, sie waren so neugierig das sie am liebsten gleich losgestürmt wären, doch Sullivan hielt sie mit seiner freundlichen, doch donnernden Stimme zurück. "Das sind Schneeleoparden, sie sind aber nicht gerade ungefährlich!" Jafaar und Derya quiekten auf. "Mama, Mama, dürfen wir so einen haben?" Aalina lachte auf. "Ich fürchte, die kann man von hier nicht einfach so mitnehmen!" Die beiden Kinder seufzten langgezogen, ehe sie weiter mit Sullivan durch den Schnee, welcher für die beiden ebenso sehr fremd war, stapften. "Vielleicht könnte ich irgendwann einen Schneeleoparden für sie nähen...? Damit sie einen zuhause haben und darauf wie auf dem Schaukelpferd herumhüpfen und reiten können?" Zufrieden über ihre Gedanken stapfte Aalina weiter durch den Schnee.

Aalina zuckte. Das war es. Sie hatte irgendwo noch die weißen Leopardenfelle von Sullivan. Vielleicht könnte sie Jafaar damit aus seiner Verschlossenheit locken. So sehr hatte er sich gemeinsam mit seiner Schwester einen Schneeleoparden gewünscht. Eilig rannte Aalina durch das Haus, suchte alles zusammen, was sie zum schneidern brauchen würde. Raakin würde in den nächsten Stunden eh nicht auftauchen, sie hatte also genügend Zeit. Nadel, Faden, eine Schere, die Felle, Federn und Wolle sowie das Buch mit der etwaigen Zeichnung des Schneeleoparden breitete sie vor sich aus. Zügig rollte sie die Felle aneinander, begann damit, zwei der Felle aneinander zu nähen und dort mit einem Kohlestift die Konturen des Schneeleoparden aufzuzeichnen. Es war mühevoll, da sie die ganze Arbeit etwas umdenken musste. Sie hatte so etwas noch nie genäht, aber als großmeisterliche Schneiderin sollte es ihr doch möglich sein. Sie begutachtete die Zeichnung und nickte leicht, ehe sie begann, um die Konturen herum auszuschneiden. Es war schwer mit der normalen Schere durch die Felle zu schneiden, doch mit all ihrer Kraft schien es ihr doch zu gelingen. Stunden saß sie schon über den einzelnen Fellfetzen. Hier lag der Kopf, da der Rumpf, auf der anderen Seite von ihr die Beine mit den großen Tatzen. Immerhin sollte der Leopard einigermaßen in Lebensgröße sein. Sorgsam fügte sie einen Stofffetzen an den anderen, so daß langsam aber sicher ein deutlich erkennbares Resultat dabei herauskam. Als sie alles zusammengenäht hatte erhob sie sich kurz. Ihr Rücken schmerzte. Sie war in ihrer Schwangerschaft vielleicht gerade im ersten Monat, aber irgendwie verspürte sie die Begleiterscheinungen doch recht deutlich. Nach einiger Zeit setzte sie sich vor den noch etwas platt erscheinenden Schneeleoparden und nahm sich die Bündel an Federn und die Wolle und stopfte diese in den Schneeleoparden, bis er bis oben hin gefüllt war. Jetzt musste sie nur noch die Nähte zusammennähen, damit die ganzen Federn nicht wieder herausquollen. Zuletzt fügte sie zwei Saphire als Augen ein, nahm den Kohlestift, erhitzte ihn ein wenig und gab dem Tier noch ein Gesicht, steckte ein paar enthaarte Federspitzen in die Schnauze, um ihr Geschenk perfekt zu machen.

Zufrieden sah sie auf den Schneeleoparden. Er war fast lebensgroß und strahlte sie mit den Saphiraugen an. "Wenn Derya ihn nur sehen könnte...!"

- "Mama, ich kann ihn doch sehen!"

Aalina wirbelte herum. War das ihre Tochter gewesen? "Derya???????" Sie sah sich überall um. Sie rannte durch das ganze Haus. "Derya, wo bist du?" Keuchend kam sie in ihrer Schneiderei an. Ihre Tochter war nirgendwo zu sehen. "Aber ich hab sie eben doch noch gehört..." flüsterte Aalina und runzelte die Stirn. Irgendwas stimmte mit ihr nicht ... war alles nur eine Einbildung?
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