(Monate später)
"Für einen ersten Versuch sieht das nicht schlecht aus."
Er schaute Nyome an, die sich über die Listen und Zahlen und Erklärungen beugte, während seine Mimik... mh... "ernüchterte" wäre etwas zu freundlich ausgedrückt gewesen.
"Versuch?!" Na ja - um einen "Versuch" käme er nicht drum herum, ein "Versuch" würde es zwangsläufig, denn so etwas hatte vermutlich noch niemand probiert, aber:
"Zwölf Insektenschuppen, zwölf urzeitliche Rinden und VIERUNDSECHZIG gefangene Seelen...! Hälst du das nicht für ein bisschen teuer für einen 'ersten Versuch', liebe Arcomaga?!"
Er atmete tief durch. Manchmal wusste er, wann er zu schweigen hatte und schaffte das sogar. Offener für das Thema jedoch hörte er sich ihren Hinweis an, das Wissen und Können der Elfen oder Druiden in Sachen Heilung bei dem Projekt mit in Anspruch zu nehmen.
Erioleth kam ihm da sofort in den Sinn. Sie traf er erfreulicherweise öfters einfach so, da würde sich die Gelegenheit für ein Gespräch in dieser Richtung sicher mal ergeben. Und Cid. Selbst, wenn sie bisher nicht oft Kontakt miteinander gehabt hatten, war das Gespräch über die Bruderschaft und der gegenseitige Austausch über die Art des Wirkens mit ihm einfach angenehm gewesen - manchmal harmonierte man einfach mit bestimmten Personen, und Cid schien so jemand zu sein.
Arenvir schien zuversichtlicher, alleine, weil Artefaktmagie generell nichts war, mit dem er sich nicht ausgekannt hätte. Eine dezidierte Meinung zu Aaryons Forschungsarbeit blieb jedoch aus bisher. Hm. Immerhin hatte er sie nicht mit einem "Unfug" zusammengeknüllt und weggeworfen.
(noch später)
"Himmel, fühlt sich das komisch an!" Es war eine Sache, sich in ein 'Fiep', ein Eichhörnchen oder einen Löwen zu verwandeln. Aber in eine andere Person...
"Generische Signatur, männlich, etwas älter... - vielleicht nimmt mich Heinrik dann ernst, ha!" Nein; auf diese Form von Test konnte er verzichten.
Immerhin hatten ihn seine Exkursionen in den Westen gelehrt, auf was er zu achten hatte, wenn es um die Dinge ging, die er so bei sich haben durfte und sollte und welche tunlichst nicht. Konzentriert packte er die Taschen, bis er sich, was seine persönlichen Besitztümer betraf, glatt nackt fühlte.
"So. Noch was? Die Krücken noch tausch..." Er stockte. Atmete tiefer durch. Kurz zitterte seine rechte Hand, während er schluckte.
Dann... stellte er die Krücken... ganz langsam 'einfach' in den Schrank.
Und stand immernoch.
Sah an sich herunter.
"Du kannst nicht etwas nachbilden, was nicht da ist", hatte Arenvir ihm wortwörtlich beibringen müssen. Aber mit den Verwandlungen hatte er gelernt, wie er Strukturen schaffen konnte, die eben zu einem 'vollständigen' Eichhörnchen oder was auch immer gehörten. Mit der wachsenden Übung in der Manipulation des Liedes - und WIE er das geübt hatte! Eigentlich war es ein Wunder, dass er sich in keiner der Gestalten so sehr verloren hatte, dass er nur mit Hilfe zurück zu holen gewesen wäre - war er inzwischen sogar in der Lage, sich größere Strukturenmuster zu merken und zu verinnerlichen. Die eines Sonnenjägers... oder eben auch die allgemeine eines männlichen Menschen. Mit zwei Beinen.
Auf denen er jetzt stand.
Für einen Moment traute er sich gar nicht, sich zu bewegen, und ja: als er die ersten zwei Schritte machte, taumelte er, teils vor Freude und Überwältigung, teils aus fehlender Übung, nicht auf vier, nicht auf drei, sondern auf zwei Beinen zu stehen und zu gehen.
Glatt war er froh, dass Valentin nicht da war. Er hätte über die paar Tränen, die ihm aus den Augen rannen, sicher nur blöde Kommentare gerissen.
"Welche Waffe nutzt du?", hatte Berenguer ihn noch wenige Tage zuvor gefragt und Aaryon nur den Kopf schütteln lassen. "Ich kann Euch mit meiner linken Krücke schlagen."
"Der rechten besser nicht, da verlier ich noch leichter das Gleichgewicht", dachte er angesäuert.
Erst auf dem Übungsplatz musste der Hohepriester begreifen, welche Einschränkungen und Auswirkungen Aaryons Verletzung hatte, obwohl es doch eigentlich offensichtlich war: er konnte keine Waffe halten. Keinen Schild. Und weglaufen konnte er auch nicht. Er lag. Wieder und wieder und wieder. Es wurde Keylon glatt so peinlich, dass er sich mehrfach bei ihm entschuldigte. Aaryon klopfte sich nur mit stoisch ausdrucksloser Miene den Dreck von der Kleidung.
Und heute?
Die Sonne stand noch nicht mal hoch genug, damit es warm geworden wäre, als er in Bajard stand. Aber er hatte einfach nicht mehr schlafen können. Konnte man es ihm verdenken? Seit dem Unfall, der ihn in Berchgard sein Bein gekostet hatte, hatte er wieder ein Schwert in der Hand. Aus Holz. Egal. Er schlug völlig ungelenk, das Gefühl gar nicht mehr gewohnt und noch wenig Gefühl für sein rechtes Bein, auf die Strohpuppe... und musste sich bemühen, dabei nicht vor kaum in Worte zu fassender Freude, vor Triumph, zu lachen!
"Magie ist toll! Danke!!", lächelte er in Gedanken der Statue im Wald neben dem Kloster zu.