Aus Schaden wird man klug?

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Aaryon von Hohenfels
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Aus Schaden wird man klug?

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Die Mauer muss weg!


Da war sie also. Als er sie das erste Mal gesehen hatte, war ihm nur ungläubig die Kinnlade runter gefallen. Der Schrein der Ehre war geschändet. Sichtbar. Spürbar. Nun gut. So weit, so "normal".
Aber DAS hier?!
Pilger konnten den Schrein der Geistigkeit nicht mehr betreten, weil diese Mauer da war. Durch die schwarzen Platten mit diesen kruden eingeritzten Zeichnungen sah sie auch noch übel abschreckend aus. "Das ist ein langsames Sterben..!", dachte er entsetzt. Diese Mauer musste weg. Wenn es nach ihm ging, hatten in den nächsten zwei Tagen hier Bündel von Priestern anzurücken, geschützt von Truppen, und die Schreine der Ehre und Geistigkeit wiederherzustellen - und auf dem Rückweg Grenzwarth anzuzünden!
"Das ist 'mein' Schrein!", dachte er wütend. Gut, Antorius hatte die Statuette erhalten. Aber das Licht? Brannte die Flamme noch? Die Laterne in der Kirche sagte: ja. Aber wie lange, wenn niemand den Schrein aufsuchte?!

Die nächsten Tage waren verplant, und er war es leid, zu warten - wenn er die Magie, die auf der Mauer lag, untersuchen wollte, musste er es heute Abend machen. Seitens des Konvents kam keine Anweisung. Seitens des Klosters keine Anfrage. Konnte doch nicht wahr sein! Wollten die erst nach einem Magier fragen, wenn sie mit der ganzen Priesterschaft wie Ochs davor standen, oder was? Vertrauten sie darauf, dass ihr Glaube sie vor Arkorithermagie schützte?
Er traf die üblichen Vorbereitungen, wenn es gefährlich werden mochte: Notiz im Anwesen hinterlassen, wann er für was wo hin wollte und an die gewohnte Stelle legen. Persönliche Sachen weg packen, so weit es ging.
Und dann los.
Schnuppernd näherte er sich dem Schrein. Sah sich sichernd um. Auch wenn der Schrein im Wald lag, waren nahe Wege doch recht frequentierte Routen hier. Schon seit einer Weile hatte er keine Probleme mehr, sich einem Eichhörnchen entsprechend auch zu benehmen, und so huschte er mal hier, mal dort hin, lief in Spiralen um den Stamm herum einen Baum hoch, sprang zum Ast eines Nachbarbaumes, ließ sich ein wenig Zeit...

Gute, hohe Position. Er kletterte an dem Ast der Zeder weiter nach außen und reckte die Nase nach vorn, sah durch die alten offenen Fensterbögen des eigentlichen Schreingebäudes. Ja. Die Flamme brannte noch. Erstes Ausatmen. Gut.
Position wechseln. Er begann, sich jeweils bequeme Sitzpositionen zu suchen, gut zwischen den Blättern oder Nadeln vor Blicken verborgen und die beiden schwarzen Platten jeweils genauer anzusehen.
Magie spüren, wenn er "Fiep" war? Kein Problem. Aber als Eichhörnchen?
Er wusste, dass er einen Teil seiner Konzentration darauf bewahren musste, in der Tiergestalt zu bleiben. Ein Teil, der nun fehlte und womöglich wichtig werden mochte, aber er wollte erstmal ja auch nur oberflächliche Blicke werfen. Also begann er, seine Sinne für das Lied zu öffnen... Mit viel zu intelligentem Blick, viel zu lange fixiert, sah das Eichhörnchen danach jeweils auf eine der beiden schwarzen Platten und auf die Mauer insgesamt:

Keine Kuppel.
Das war fast das erste, wonach er spürte und was ihm als erstes auffiel.
Wirklich? Kein "geschlossenes System", nicht mal ein "Flachdach", das an den Oberkanten der Mauer abgeschlossen hätte?
Nein. Nur die Mauer als solche war von Magie durchdrungen.
"Seid ihr bescheuert?", dachte er irritiert. Kurz nahm in ihm der Wunsch ungeahnte Ausmaße an, vom Baum einfach zum Dach des Schreins zu springen, runter zu klettern, sich zurück zu verwandeln und ne Runde zu beten. Er blinzelte. Der Kopf ruckte herum, als über einen der Wege ein gemächlich trabender Reiter zu hören war.
Nein. Weiter. Die Zeichen...
Äh...
Bild Bild

Was war das? "Wissen die nicht, wie man ein Pentagramm richtig zeichnet?" Nun... das war ein sehr erheiternder Gedanke, aber leider reichlich unwahrscheinlich. Trotzdem bildete sich ein unguter Verdacht bei ihm:
"Wollen die uns nur verarschen? Ist das Illusion? Ein Trugbild? Abschreckung? Einfach die Mauer gefährlicher aussehen lassen, als sie ist, und sich darüber kaputt lachen, dass sich keiner heran traut...
Das wäre... eine herablassende Art, unser Streben nach Wissen zu verhöhnen... 'Die Temoris lassen sich von Kindergekritzel abschrecken, so wichtig kann ihnen ihr Schrein nicht sein'..."
Der Gedanke hatte etwas Perfides. Dann auch noch diese überheblichen Initialien hier und dort an den Steinen... "Und es würde erklären, warum die Magie so dicht am Schrein Bestand haben kann: es ist quasi gar keine..."

Ernsthaft?! War das ein Trugbild?
Er musste entschlossener vorgehen. "Werd nicht unvorsichtig!" Er brauchte eine kurze Denkpause und musste sich in seine Rolle zurück finden, auch wenn er sich gleich zurück verwandeln wollte. Aber da lagen diese leckeren Nüsse... Mh, köstlich. Erst vom letzten Herbst. Noch perfekt geschlossen. Er genehmigte sich eine Stärkung, und ohne nachzudenken schnappte er sich die zweite und lief zu einem nahen Baumstumpf, um sie zu vergraben. Mitten im Graben hielt er inne. Keine zwei Meter neben ihm stand ein verdammtes schwarzes Pferd. Er huschte hinter den Baumstamm.
"Meine Nuss!"
"Pfeif auf die Nuss!!"

Er sah zu der schwarzen Gestalt auf dem Pferd. Weiblich. Robe. Schlangenabzeichen. Nein, um himmels willen, BLOSS nicht unvorsichtig werden! Zum Glück konnte ein Eichhörnchen nicht blass werden. Die Arkoritherin sah sich einen Moment wie gleichgültig um, ritt dann weiter. Fort. Er wartete noch etwas.
"Ich brauch ein gutes Versteck."
"Oben in der Zeder ist..."
"Ich brauch ein Versteck für MICH!"

Nein... in einem der Bäume sitzend ging leider nicht: die Birke vor der Ostwand war herzlich ungeeignet und zwischen den Nadeln einer Zeder wollte er als Mensch nicht sitzen. Er musste etwas abseits und nutze die Nähe eines Laubbaumes und vor allem mehrerer hoher Farne, um sich abzuducken und darauf zu konzentrieren, sich bereits in einer sitzenden Position zurück zu verwandeln. Bereit, sofort nach der Phiole mit dem Unsichtbarkeitstrank zu greifen, wenn nötig. Er schob die Krücken tiefer unter den Farn. Sicherte... niemand da. Gut.

Er konzentrierte sich also neu auf das Lied und nahm die Sache nun entschlossener in Angriff: WAS war das da vor ihm? Selbst im Lied sah es irgendwie nach einer Art Verwirrungszauber oder Illusionsmagie aus - leider war das nicht gerade sein Spezialgebiet. Aber diese "gruselig" oder "bedrohlich" aussehenden Schleier, die über allem lagen, gingen ihm langsam auf den Keks.
"Wie habt ihr das verankert, hm? Das ist schon erstaunlich genug, dass ihr Magie überhaupt hier in direkter Nähe eines klerikalen 'Ortes der Macht' verankert haben wollt, dass hier was stabil bestehen bleibt, das wundert mich eigentlich am meisten.
Ich muss bei Gelegenheit untersuchen, wie dieses Wechselspiel zwischen Magie und klerikaler Kraft genauer funktioniert, vielleicht ist Leandra dafür zugänglicher..
Egal jetzt.
Wo ist eure Quelle? Wenn man die entfernt, wär der Spuk vorbei."
Er ließ sich genauer auf die Strukturen ein. Verzog das Gesicht und schluckte. Woah, diese dissonanten Töne! Aber... ja: Es sammelte sich tatsächlich in diesen seltsamen Symbolen. Und die Struktur der einen Platte war gar nicht Steinmauerwerk, sondern ähnelte eher .. Diamantstahl.. häh?
Die Quelle war nicht eine Quelle, sondern zwei: je eines der Symbole. Es war so verschleiert und verwoben, dass er in der Notwendigkeit, die Quellen klar zu erkennen, dieses 'Gewaber' wie lästige Spinnweben beiseite schob, um...

Fehler.

Im gleichen Moment, wie er klar erkannte, dass hier also der Ursprung des Übels lag, aktivierte sich: eines der Übel. Das wirrere der beiden Symbole leuchtete auf der arkanen Ebene auf, ihm quasi direkt ins Gesicht und versuchte, in seinen Geist einzudringen.
"Jeder Geist hat eine natürliche Abwehr." Und die von Magiern war noch geschult. Aber das hier... war gebündelt. Hier hatten zwei oder mehr, die von ihrem Fach wirklich etwas verstanden, sich zusammen getan und darauf vorbereitet, einen Geist wie seinen nieder zu zwingen!
Es war ein widerliches Gefühl, als er merkte, dass er dagegen nicht würde ankommen können. Als er seinen Verstand in eine Ecke zurück drängen lassen musste und über die äußeren Bereiche seines Denkens etwas anderes die Kontrolle übernahm.
Angst.
Sie fluteten alles mit Angst. Nein: Panik. Blankem Horror.
Die Schatten der Lichtung schienen sich lila zu verdichten. Schwarze Nebelschwaden kamen auf. "Das ist nicht echt...!" Er fühlte sich aber wie in dem Moment, als er außerhalb des Forts bei Grenzwarth zwischen der Palisade und der schwarzen Armee eingekeilt gewesen war und tatenlos zusehen musste, wie sich Skelette aus dem Boden gruben.
Nur...

hier waren es keine Skelette, die auftauchten, sondern sein niedergerungener Verstand machte selbst aus den harmlosesten Waldbewohnern (und wenig später unter anderem aus einem Kronritter) völlig andere Kreaturen...

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"Wo der wohl wieder reingeraten ist... Der zieht das magisch an!"
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Aaryon von Hohenfels
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Re: Aus Schaden wird man klug?

Beitrag von Aaryon von Hohenfels »

Er kehrte mit Arenvir zum Schrein der Geistigkeit zurück, als klar war, dass das Problem ernster war: "Ich habe seit drei Tagen nicht mehr anständig geschlafen. Der eigentliche Zauber ist vorbei, aber das, was ich unter seinem Einfluss gesehen habe, kehrt als Albtraum zurück und ich drohe, mich mit tatsächlich eingesetzter Magie dagegen zu wehren."
Das war nicht normal, definitiv nicht - kein magisch begabter Mensch würde sonst mehr als einen Albtraum überleben. Er hatte fast sein Bett angezündet, verflucht...

Aaryon schilderte die Lage. "Da sind Sigillen. Du hast die Lösung bereits genannt", erwiderte Arenvir trocken, als der noch frische Magus über mögliche Ursachen sprach, warum sein Problem ein wenig mehr Substanz hatte als "nur Albträume".
Vor Ort merkte sich Aaryon genau, welche Maßnahmen Arenvir ergriff, bevor er sich die Sache näher ansah. Und ja: VORHER SCHUTZZAUBER aktivieren, verflixt!
Geht nicht als Eichhörnchen.
Nein. Aber als Mensch hättest du es tun sollen!
Hab ich nicht drauf geachtet: zu aufgeregt.
Das passiert mir nicht noch mal...


Etwas war anders. Selbst, wenn Arenvir klar und selbstbewusst die Führung der Analyse und Planung der Gegenmaßnahmen übernahm - der junge Magus neben ihm wäre auch viel zu übernächtigt dafür gewesen - ging er in Details anders mit ihm um als bisher. Er lehrte ihn zwar noch, denn dieses Phänomen hier war für ihn neu:
"Sigille sind bleibende Zauber, die du nährst. Die Arkorither haben das irgendwann unter Althan entdeckt."
Althan... schon wieder. Na toll. Aaryon presste kurz die Lippen zusammen. Das erzähl ich Althan besser nicht. Aber es untermauerte seine Meinung von diesem Magier: ein genialer Denker. "Die Sigille muss entweder neutralisiert oder vernichtet werden."
"Dann ist das der Grund...", sinnierte Aaryon, "Ich hab sie ausgelöst, aber sie ist noch da..."
"So scheint es."
Ob das alles war? Er hatte den Zauber ausgelöst, eigentlich müsste die Sigille doch also unschädlich, "leer" sein. Vielleicht lag es am noch teilaktiven Verbund mit der zweiten Sigille? Leider war er zu müde, um das weiter zu hinterfragen. Er wusste nur: dieser Zustand wie jetzt, der musste aufhören!
"Man kann Sigillen mit Gegensigillen bekämpfen. Hab ich gehört", erklärte Arenvir, während er sich beide Sigillen vor Ort genauer ansah. Ist ja jetzt ungefährlich. Gern geschehen. Aaryon gab sich alle Mühe, aufmerksam zuzuhören.
"Versucht hab ich es nie. Aber die mir bekannte Art, gegen Sigillen vorzugehen, ist, sie zu zerstören. Mit entsprechenden Glyphen."
"Glyphen?", fragte Aaryon nach. 'Ausbildung zum Magus abgeschlossen' - und hier kommen neue Fachbegriffe! Das ist dann wohl das 'man lernt nie aus'...
"Glyphen sind Symbole, die für eine magische Definition stehen. Das Wappen des Konvents? Die Symbole für Erde, Feuer und so? Das sind Glyphen."
"Ah." Aaryon nickte verstehend.

Sie besprachen ein mögliches Vorgehen. Und dabei kam der Unterschied zum Tragen, auch wenn Aaryon das in seinem Zustand entging: Arenvir besprach sich mit einem Magus, nicht einem Studiosus, den er unterrichtete. Selbst, wenn er anderer Meinung war, hörte er sich Aaryons Überlegungen und Einwürfe mit der Ernsthaftigkeit an, die man einem Kollegen schuldete.
Auch wenn manches blieb wie zuvor:
"Was ist der Schwachpunkt dieser Konstruktion?" Als eine Reaktion ausblieb, sah er zu dem jungen Magus, der wie Magister Alfaran bei seiner "Nachtwache" vor sich hin starrte und mit offenen Augen zu schlafen schien.
"Aaryon!" Der zuckte zusammen. Zur Sicherheit trat ihm Arenvir noch leicht auf den Fuß.
"Hm?!"
"Reiß dich zusammen. Was ist die Schwachstelle dieser Konstruktion?"
"Die, äh... die...", er blinzelte, "Die nötige Verbindung zwischen beidem."
Arenvir meinte es etwas physikalischer als er gerade, aber egal: sie gelangten zu einer möglichen Vorgehensweise.

"Und dieses Mistding hier zersprengt man am besten in tausend Stücke." Arenvirs linker Augenwinkel zuckte. "Bin ich komplett dafür", erwiderte Aaryon monoton. "Denk ich mir. Bereiten wir entsprechend vor."
Vorbereiten..., sickerte es träge durch sein Hirn, Das dauert Zeit...
"Und die Albträume?", fragte er leise besorgt. Sag mir nicht, ich muss noch weitere Nächte mit Cecilias Tränken oder Valentins Hexenstahl-Armschienen meine eigene Zauberfähigkeit negieren, damit ich wenigstens eine von Horror-Albträumen zerpflückte, nicht erholsame Nacht verbringen kann!
"Hören auf, sobald das Ding zerhackt ist."
Ja, das ist gerade das PROBLEM!!, begehrte er innerlich auf, als Arenvir aber zum Glück fortfuhr:
"Und du kannst schon jetzt dagegen ankämpfen. Gib dem ganzen keine Nahrung mehr. Meditiere und versetze dich in einen Zustand der Entspannung, wo dir klar ist, dass es nur eine Sigille ist.Deine Botschaft der Macht ist: Ich raube der Sigille ihre Macht. Ich nehme dem Horror seinen Schrecken. Ich schlage vor, du tust dies auf dem Glasboden im Konvent. So hat man dich auch immer im Auge. Klar soweit?"
Er beäugte Aaryon mit seinem nur einen vorhandenen Auge und trat dem Magus auf seinen nur einen vorhandenen Fuß, härter diesmal, gerade als dieser träge antwortete:
"Mhm... Au! Was denn? Ja."
"Nicht. Schlafen!"
Du hast gut reden... In seinem Zustand half auch Helisandes stärkster Mokka, Sorte á la "Kra'thor: Ich weck selbst Tote auf!" nicht mehr.

Ins Konvent zurück gekehrt, wies Arenvir auf den Meditationsbereich:
"Ich werde noch eine Weile oben arbeiten. Für alle Fälle. 'Ich nehme dem Horror seinen Schrecken. Ich bin die Ordnung.' Das sind deine Kernbotschaften. Alles was in diese Richtung geht. Viel Erfolg. Mal sehen, ob du morgen noch du bist."
Der Arcomagus blinzelte seinem Zögling launisch zu, ehe er sich abwandte.

Aaryon sah sich unwohl um, blickte über die Statuen und die Büsten der Arcomagiere, die die weißen Akademien seit Calor von Gryffenhorst hervor gebracht hatten und sondierte kurz, was hier brennbar war. Dann atmete er tief durch.
"Ich bin die Ordnung", murmelte er nach, "Wenn ich das Fainche erzähle, lacht die mich aus...
Oder Valentin.
Oder Marlan.
Oder Hein.. ne, der lacht nicht."
Er seufzte und setzte sich.
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Aaryon von Hohenfels
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Re: Aus Schaden wird man klug?

Beitrag von Aaryon von Hohenfels »

Der Kampf - Runde Eins

Da war er. Der Seelenreißer. Fliegend, an fast schon lächerlich aussehenden Fledermausflügeln, nur leider für eine Fledermaus viel zu groß. Von einem nicht nenneswerten Leib herunter hängend unzählige Gliedmaßen, die an winkelige Spinnenbeine erinnerten, die in einer einer langen, säbelartig gebogenen Klinge endeten. Lauter Widerhaken und weitere rasiermesserscharfe Kanten waren darauf ausgelegt, das Opfer - ihn - zu zerlegen und ihm wort-wörtlich die Seele aus dem Leib zu reißen.
Seine rechte Hand zitterte.
"Es ist nur eine Sigille."
Wuahahaha. So, wie er klang, glaubte er sich nicht einmal selbst. Er schaute auf das Ding.
"Wie entwirre ich das?"
Aus dieser Ansammlung von Strichen musste ein ordentliches Pentagramm werden, so viel war ihm irgendwie klar. Das in sich ausgewogene, ästhetische und stabile, schützende Pentagramm. Es war in dem, was er da vor sich sah, noch erkennbar....
Er streckte mit gefurchter Stirn Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand aus und wischte über die Linien, schob die rechte Spitze am Kreis auf die Höhe der Spitze links unten...
"Nein. Zu tief."
Bild
Er versuchte, neu anzusetzen. Aber es ging nicht; er musste mit dem arbeiten, was da war. Ein Pentagramm zeichnen. Pfh! Er konnte das im Schlaf. Aber nicht ein falsches Pentagramm so einfach ordnen, wenn sich mit einem schmatzenden Geräusch schlangenschuppige Tentakel um seinen Leib schoben, mit Mäulern statt Saugnäpfen.
"Je 72 Grad. Wo sind die? Die beiden Spitzen links liegen doch BEIDE nicht an der richtigen Stelle!" Spinnen krabbelten über sein Gesicht, während er zu ignorieren versuchte, dass die Tentakel ihn auffraßen und der Seelenreißer über ihm auf seinen Einsatz wartete.
"Ich nehme dem Horror seinen Schrecken."
...
"Scheiße verflucht, das klappt nicht!" Er spürte, wie ihm Tränen über das Gesicht liefen. "Ich bin doch fast wach... Weck mich irgendwer!"
Irgendwo abseits saß sie und sah dem Spektakel ungerührt zu. Bild

"Leg dein Gesicht in den Sumpf zurück, aus dem du es raus genommen hast, blödes Weib!", dachte er wütend und wusste, dass er diese Runde verloren hatte.
Er wachte mit Tränen im Gesicht auf dem Glasboden des Konvents sitzend auf und wischte sich fast eine halbe Stunde lang immer wieder mit dem Gefühl über das Gesicht, da Spinnweben kleben zu haben.
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Aaryon von Hohenfels
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Re: Aus Schaden wird man klug?

Beitrag von Aaryon von Hohenfels »

Der Kampf - Trockenübung

Er saß auf dem Glasboden des Konvents vor drei Blättern: das erste zeigte das Sigill vom Schrein. Das zweite zeigte ein Pentagramm, wie es sein sollte. Er legte sie übereinander.
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Trennte sie wieder. Als Eibenbruch ein mal nach ihm sah, blieb der alte Magister am Rand des Zuganges stehen und zog die buschigen weißen Brauen zusammen.
Er kannte diese Mimik, die von heilloser Überforderung sprach. Sie regte bei Alfaran schon lange kein Mitleid mehr - das gewöhnte man sich nach so vielen begleiteten Prüfungen und dem Mitansehen von Siegen und Scheitern irgendwann einfach ab.
Aaryon ignorierte den Blick. Auch wenn er ihn deutlich spürte - genau genommen wurde er das Gefühl, beobachtet zu werden, nun seit Tagen schon nicht mehr los. Das hatte ihn vorher nicht gestört; als Adeliger war er es gewohnt, dass man ihn beobachtete, aber seit es ständig die Blicke von Monstern waren, die ihm irgend etwas vom Körper rissen, hob er bald doch nervös den Blick, um sich zu vergewissern:
Ja, es war wirklich nur der Magister Eibenbruch.
Keine Spinne.
Keine Schlange.
Kein Dämon.
Keine Arkoritherin.

"Wo war ich? Ach ja, die Spitze... da hin..." Er sah auf die Anordnung und versuchte, sich bildlich vorzustellen, wie durch diesen Zug der Verlauf der Linien sich ändern würde. "Wenn die da ist und die da... dann...
nein, das passt nicht."
Er atmete durch und tief aus. Blinzelte. Presste die Kiefer zusammen.
"Ihr benötigt keine Hilfe, Magus?" Aaryon zuckte leicht zusammen. Wer..?!
Eibenbruch. Er entspannte sich - oder versuchte es. "Nur Eibenbruch!
"Nein... Danke", versuchte er möglichst ruhig zu erwidern, "Ich muss das selber begreifen. Und verinnerlichen. Selber lösen." "Bis ich's im Schlaf kann..."
"Ich verstehe." Der Magister zog sich leise raschelnd zurück.
"Wenn ich die da hin, und..." Er furchte die Stirn und begann, die Knickpunkte zu zählen. "Die beiden Endpunkte müssen doch verbunden werden! Aber dann sind es... sechs!" Er blinzelte. "Sechs." Einen undefinierbaren, aber schrecklich lang wirkenden Moment hatte er das Gefühl, er würde aus dieser Nummer nicht raus kommen, weil das ein unlösbares Rätsel war. Dass er riet und riet und riet, wie Morgosh auf seiner Magusfeier, obwohl er die Lösung schlicht nicht wissen konnte.
"Bewundernswerte Hartnäckigkeit", drifteten seine Gedanken ab, "Aber dann sitzen wir hier morgen noch.
Konzentrier dich!"

Er atmete durch. Kurz klappte es, wieder nüchterner zu denken: "Dann muss, nein: wird, einer der Knicke eben durch das Verschieben bereinigt werden." Inneres Ächzen. "Aber welcher? Und wenn das falsch ist?!"
Er schüttelte den Kopf, schob die Zettel beiseite und meditierte, um die drohende Panik, die in ihm aufzusteigen begann, abzulegen. Abstand. Einfach nur etwas Abstand.

Nächster Versuch:
"Mach es nicht komplizierter, als es ist. Wahrscheinlich verschwindet dieser kleine Knick da, weil DIE Spitze hoch muss... passt das?"

Hinterher wusste er nicht mehr, wie lächerlich lange er daran gesessen hatte.
"Die. Da hin. Die? Da hin. Die da hin, und die da hin. Dann bleibt hier.. da hin!"
Er starrte die Pfeile an und hatte das Gefühl, sie nicht mehr zu verstehen.
Bild
"Noch mal." Er drehte den Zettel um und zeichnete, den Blick starr auf das Bild mit der Sigille gerichtet, erneut etwas auf die Rückseite, was man dann grob als Pentagramm erkennen konnte. Starrte. Nickte. Noch mal. Neuer Zettel.
Nein, er wirkte überhaupt nicht wie ein Geisteskranker, wie er da auf dem Boden über selig ruhig schwimmenden Fischen hockte und Zettel mit Linien und Pfeilen voll malte, dabei Augenringe im Gesicht, die wohl bald bis zum Kinn reichen mussten...!
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Aaryon von Hohenfels
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Re: Aus Schaden wird man klug?

Beitrag von Aaryon von Hohenfels »

Der Kampf - Runde zwei
Da tauchte sie wieder auf... die Sigille. Er hatte sich während mehrerer Stunden Meditation zuvor so fest vorgenommen, was nun zu tun war, dass er tatsächlich zu Boden blickte und sich bereits in einem Schutzkreis befand. "Besser." Er sah zur SIgille und begann, mit Gesten von Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand die Zacken an ihre zugewiesenen Stellen zu schieben. Die Schatten, Schemen und Schrecken, die sich drum herum ballten und näher rückten, versuchte er zu ignorieren.
Sie hielten an dem Schutzkreis, der ihn umgab und stemmten sich dagegen. "Das hält nicht ewig", wurde ihm mit ungutem Gefühl klar. Ein Monster presste sein Maul wie ein Fisch gegen den Glasbo.. äh, die unsichtbare Barriere des Schutzkreises und offenbarte mehrere Reihen rotierend kreisender Sägezähne. Das Kreischen dabei war so angenehm wie Fingernägel auf einer Tafel. Er presste die Zähne zusammen, bis sie schmerzten.
Er blickte zur Sigille. Auch diese sperrte sich gegen die Korrektur, als würden die Linien wieder zurück wandern wollen.
"Alles versucht, in seinen Ursprungszustand zurück zu kehren. Hat man Euch das nicht gelehrt, Magus?", höhnte eine Stimme, die für ihn überraschenderweise nicht von der Arkoritherin kam - die saß wieder stumm im Hintergrund und schaute nur zu.

Die Stimme war männlich, laut, fast dröhnend und doch schneidend, und als er zu dem Geschöpf sah, fühlte er sich unwillkürlich weit kleiner, als er war. Da stand ein Dämon, der auf verdrehte Art etwas majestätisches an sich hatte. Lauter Fesselketten aus Pyrian hingen wie ein Umhang seinen Rücken herab und bewegten sich elegant, als schwängen sie im Wind. Die nach oben ragenden Hörner an seinen Flügeln waren golden. Seine Zähne waren makellos weiß, als er Aaryon siegesbewusst anlächelte, leider sahen die Eckzähne ungesund - für andere - lang und spitz aus. Sein Schweif peitschte gelassen hin und her und endete in einem überdimensionierten Skorpionstachel.
"Das da ist nicht der Ursprungszustand", erwiderte Aaryon möglichst ruhig und energisch, nachdem er sich von dem Schreck erholt hatte. So viele Horrorwesen er jetzt gesehen hatte, irgend etwas an diesem war anders. Der Dämon betrachtete wie gelangweilt seine perfekt polierten Klauen, von denen Säure tropfte. "Der Ursprungszustand ist das", erneuerte der junge Magus die Veränderung der Sigille in ein Pentagramm.
Ich bin die Ordnung.

"Ja. Ja. Für einen Magus war es reichlich erbärmlich, wie Ihr die Wirkung abbekommen habt", monierte der Dämon und Aaryon merkte, wie sich etwas in ihm kalt zusammen zog: Treffer. "Sind wir ein bisschen blind an etwas heran gegangen, was uns eine Nummer zu groß war?", höhnte das Wesen in einer Mischung aus Tadel und Spott, die tiefer schnitt als die Klauen, "Wer hat Euch eigentlich die Prüfung bestehen lassen, hm? Denkt nicht mal an Schutzzauber, wenn er an Magie der Arkorither ran geht!" Der Dämon kam näher.
Aaryon blickte hektisch nach unten: sein Schutzkreis war weg.
"Nicht schummeln...!", lachte der Dämon und fügte erbarmungslos dazu: "Du hast nicht dran gedacht!" Sein Schweif peitschte, und Aaryon spürte, wie sich der Skorpionstachel durch seinen Rücken bohrte, bis er ihm aus dem Bauch ragte. Wie freundlich mentorenhaft legte das Wesen die Hände auf des Magus' Schultern und bohrte ihm die Krallen ins Fleisch.
In Schmerz aufschreiend - "Aufwachen!" - riss er die rechte Hand noch mal hoch und bündelte einen Feuerball. Der Dämon lachte schallend und fauchte:
"Du hast GAR NICHTS gelernt, Bursche!"
"Doch! Dass Dämonen witzigerweise auf Feuer oft empfindlicher reagieren als auf Blitz!
Und verdammt noch mal: WACH AUF!!!"

"Mag sein, aber...", gröhlte die Stimme des ... Fürsten... ihm überlegen... und hüllte seine ganze Welt in Feuer...

"ICH! BIN DER HERR DER FLAMMEN!"


"Hab ich den Trank eigentlich genommen? Ja, hab ich... sonst brennt hier jetzt alles..."
Keuchend und schweißgebadet saß Aaryon vornübergebeugt auf dem Glasboden des Konvents und sein Blick fiel auf den fast schwarzen Fisch, der mit rundem Maul daran klebte und irgendwas daran aberntete.
Es war ein unangenehmes Gefühl, zu merken, wie man dem Verlust des eigenen Verstandes näher kam, als Aaryon registrierte, wie lange er an diesem Maul ernsthaft nach winzigen rotierenden Sägezähnen suchte.
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Aaryon von Hohenfels
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Re: Aus Schaden wird man klug?

Beitrag von Aaryon von Hohenfels »

Der Kampf - Runde Drei

Er schaute irritiert auf die Mauern. Das waren die falschen.
"Das ist der Schrein der Ehre", stellte er verwundert fest und sah dann lächelnd auf das Bündel, das er an sich gepresst hielt. "Ach so, ja... der Kelch!" Er merkte, dass er ziemlich sauber auf der Grenze zwischen Träumen und Wachsein balancierte; fast zu wach. Er erinnerte sich an die Taverne in Aerenaue und an die Überraschung dort: Luzienth.
Er hätte so viele Fragen gehabt! Wieder sah er zum Schrein, zu den Balken, die im Weg lagen, zu den Särgen, dem Blut, dem Banner. "Ob der Kelch hier helfen würde?"
Das half jetzt aber nicht. "Ich muss zum anderen Schrein..." Er versuchte, sich hin zu denken und merkte, dass es nicht klappte: zu wach.
Er löste sich aus der zusammengerollten Haltung, mit der er die Stofftasche regelrecht mit seinem Körper umwickelt hatte. "Aber wenigstens mal kein Albtraum."
Ja. Der Kelch hatte ihm Hoffnung gegeben. Dann sah er sich im Raum des Konvents um und musste leise lachen: im spärlichen Licht hier glitzerten einzelne Wassertropfen, die um ihn herum ein Pentagramm und einen Kreis formten.
"SO verinnerlicht also..."


"Du schon wieder!" Sie sagten es beide gleichzeitig: Aaryon, der in einem Schutzkreis stehend, die Sigille an der Wand mal wieder korrigierte und der... tja, was war das?
"Was bist du eigentlich für ein Dämon?", fragte Aaryon ihn einfach.
Das Wesen streckte die sowieso schon aristokratisch anmutende Haltung. "Der Bursche hat wieder nicht zuhört!" Er streckte die Hände gebietend in die Luft und donnerte:
"ICH! BIN DER HERR DER FLAMMEN!"

Aaryon imitierte ihn, mit scheinbar unbeeindruckter Mimik und grotesker Geste angesichts des Größenunterschiedes und der Machtfülle, die sie jeweils beide ausstrahlten: statt einer Antwort - "Weniger reden - mehr zaubern!", hatte Arenvir ja mal gesagt - entlud sich...
ein kümmerlicher Blitzschlag kurz hinter der Kreatur.
Der Dämon lachte dröhnend auf, während Aaryon sich wie desinteressiert wieder der Sigille zuwandte und sie korrigierte. Die rubinroten Augen des Wesens leuchteten zornig auf und er trat einen Schritt auf den unverschämten Magus zu, doch der Schutzkreis hielt diesmal besser. Aaryon sah mit nüchterner Miene zu ihm, und dann knapp an ihm vorbei, runzelte leicht die Stirn und meinte trocken:
"Oh Herr der Flammen, dein Schwanz brennt."

Er verbat sich ein wirkliches Lachen, als der Dämon sich tatsächlich über die Schulter sah.
Ich nehme dem Horror seinen Schrecken.
Aaryon nutzte den Moment der Überlegenheit, schien mit beiden Händen in die Luft zu greifen, als wolle er eine massive Metalltür aufschieben und packte den Dämon mit telekinetischer Kraft, stieß ihn in Richtung der Sigille... die ein Schutzkreis geblieben war und den Dämon darin gefangen hielt.

Erstaunlich ausgeruht wachte er aus der Meditation auf.
"Das erste Mal gewonnen."
Er sah sich um. "Hab ich was angerichtet? .. Nein, scheinbar nicht, gut."
"Wo der wohl wieder reingeraten ist... Der zieht das magisch an!"
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