Der Abend hatte sich schon weit in die Nacht gestreckt, als Lykka am Ahnenbaum ankam. Njall war bereits da, saß zwischen den knorrigen Wurzeln des alten Baumes und sah auf, als er ihre Schritte hörte. Sie nickte ihm zu, setzte sich, und kurz darauf kam auch schon Norwin.
Die Hagvirkr kamen nicht oft so zusammen. Zumindest nicht in dieser Ruhe, ohne dass irgendjemand ihre Kraft gerade brauchte, ohne Dringlichkeit im Nacken. Sie waren keine große Gruppe. Aber vielleicht gerade deshalb wog jeder Abend wie dieser auf die gute Art schwer. Norwin, dessen Wissen über die Wächterahnen tiefer reichte als das irgendjemand anderen, den Lykka kannte. Und Njall, der Jüngste unter ihnen, dessen Bedachtheit manchmal fast vergessen ließ, wie kurz er erst dabei war.
Lykka begann zu erklären, warum sie die beiden gerufen hatte.
Ein Gedanke hatte sie seit Wochen beschäftigt, einer, den sie lange mit sich herumgetragen hatte, ohne ihn auszusprechen. Die Thyren trugen Hautbilder, seit irgendjemand sich noch erinnern konnte. Zeichen der Jagd, des Krieges, der Zugehörigkeit. Manche nur zu besonderen Anlässen, andere als stille Erzählungen vergangener Taten, in Haut und Holz geritzt wie Worte in Stein. Das gehörte zu ihnen. Das war nie eine Frage gewesen.
Aber was, wenn diese Zeichen mehr tragen könnten?
Was, wenn bestimmte Symbole nicht nur für die Augen der Lebenden gemacht waren?
Sie sprach langsam, versuchte die Worte zu finden, die davon erzählten, was ihre Gedanken waren. Es gelang ihr nicht immer gut, die richtigen Worte zu finden. Es war etwas, was tatsächlich schwer in Worte zu fassen war. Dann wartete sie innerlich auf das Zögern, auf den Einwand, auf das Aber.
Beide hörten zu, ließen sich Zeit, bevor sie antworteten, und was sie sagten, war kein Nein. Ganz im Gegenteil. Sie tauschten sich rege aus, sprachen über die Mittel die bereits da waren, Einwände und Diskussionen die zeigten, dass sie die Gedanken nicht nur gehört, sondern wirklich durchdrungen hatten. Beide bedächtig, beide ernsthaft, und das war mehr, als Lykka sich insgeheim erhofft hatte.
Erst dann holte sie die Holztafel aus dem Rucksack.
Sie hatte sich Zeit damit gelassen. Die Symbole waren sorgfältig in das Holz geritzt, keines davon zufällig gewählt. Sie hatte lange darüber nachgedacht, welche Zeichen die Wächterahnen vielleicht als die ihren erkennen würden, Muster, die zu ihrem Wesen passten, zu dem was sie im Leben gewesen waren und was sie nun hüteten. Norwin und Njall betrachteten die Tafel schweigend, ihre Blicke folgten den Linien, und Lykka sah, dass sie wirklich nachdachten.
Die Verbindung zwischen den Thyren und den Wächterahnen bestand. Das war keine Frage des Glaubens, das war etwas, das die Hagvirkr mit eigenen Händen, mit ihrer eigenen Stimme immer wieder erlebt hatten. Wenn sie riefen, antworteten die Ahnen, meistens. Wenn sie wirkten, strömte diese Kraft durch sie hindurch, spürbar, greifbar, so real wie die Rinde des alten Baumes vor ihnen.
Aber ließ sich diese Kraft noch genauer lenken? Ließ sich der Blick der Wächterahnen gezielt auf jemanden richten, auf einen Krieger, einen Hüter, jemanden der Schutz brauchte oder Führung? Lykka dachte dabei an ein Schlachtgetümmel, in der die Konzentration der Hagvirkr schwer war. Ein Ruf des Namens der reichte, damit die Ahnen den Claner finden konnten. Wie ein brennendes Feuer in der Dunkelheit, dass den Blick der Ahnen lenken sollte.
Die Frage, wie man herausfinden würde, ob die Ahnen diese Zeichnungen verstanden und nutzen konnten zog sich durch den Abend. Niemand wusste, ob irgendjemand vor ihnen Ähnliches versucht hatte, und wenn doch, ob er darüber gesprochen hatte. Zu viel war verloren gegangen, nicht mit Absicht, sondern so, wie Dinge verloren gehen, still, zwischen einer Generation und der nächsten.
Am Ende stand ein Entschluss. Lykka würde die Symbole auf sieben einzelne Holztafeln übertragen, eine für jeden der Wächterahnen, mit Zeichen, die zu ihnen passen sollten. Danach würden die Tafeln gemeinsam aufgestellt werden, die Ahnen angerufen, und sie würden beobachten.
Was dabei zählte, war nicht nur das Ergebnis. Sie wollten zeigen, dass dieser Versuch aus ehrlichem Wunsch entstand, dem Wunsch, die Verbindung nicht stillstehen zu lassen, die alten Bande nicht nur zu tragen, sondern weiter zu festigen. Sie wollten nicht nur den Ahnen beweisen, wie wichtig ihnen die Bindung war... es sollte ein Teil des Rudels werden. Es musste dabei sein.
Lykka war die Erste, die aufstand.
Sie verabschiedete sich von den beiden, schlang den Rucksack über die Schulter und ließ den Ahnenbaum hinter sich. Ihre Schritte trugen sie durch die Dunkelheit, und in ihrem Kopf drehte sich noch immer alles um das Gespräch, um die Tafeln, um die Fragen, die sie aufgeworfen hatten und noch keine Antwort kannten. Aber da war noch jemand, dem sie davon erzählen wollte. Thorlav war vielleicht schon von der Wacht zurück. Sie hoffte es.
Er sollte das hören. Als Erstes.

Die Hagvirkr kamen nicht oft so zusammen. Zumindest nicht in dieser Ruhe, ohne dass irgendjemand ihre Kraft gerade brauchte, ohne Dringlichkeit im Nacken. Sie waren keine große Gruppe. Aber vielleicht gerade deshalb wog jeder Abend wie dieser auf die gute Art schwer. Norwin, dessen Wissen über die Wächterahnen tiefer reichte als das irgendjemand anderen, den Lykka kannte. Und Njall, der Jüngste unter ihnen, dessen Bedachtheit manchmal fast vergessen ließ, wie kurz er erst dabei war.
Lykka begann zu erklären, warum sie die beiden gerufen hatte.
Ein Gedanke hatte sie seit Wochen beschäftigt, einer, den sie lange mit sich herumgetragen hatte, ohne ihn auszusprechen. Die Thyren trugen Hautbilder, seit irgendjemand sich noch erinnern konnte. Zeichen der Jagd, des Krieges, der Zugehörigkeit. Manche nur zu besonderen Anlässen, andere als stille Erzählungen vergangener Taten, in Haut und Holz geritzt wie Worte in Stein. Das gehörte zu ihnen. Das war nie eine Frage gewesen.
Aber was, wenn diese Zeichen mehr tragen könnten?
Was, wenn bestimmte Symbole nicht nur für die Augen der Lebenden gemacht waren?
Sie sprach langsam, versuchte die Worte zu finden, die davon erzählten, was ihre Gedanken waren. Es gelang ihr nicht immer gut, die richtigen Worte zu finden. Es war etwas, was tatsächlich schwer in Worte zu fassen war. Dann wartete sie innerlich auf das Zögern, auf den Einwand, auf das Aber.
Beide hörten zu, ließen sich Zeit, bevor sie antworteten, und was sie sagten, war kein Nein. Ganz im Gegenteil. Sie tauschten sich rege aus, sprachen über die Mittel die bereits da waren, Einwände und Diskussionen die zeigten, dass sie die Gedanken nicht nur gehört, sondern wirklich durchdrungen hatten. Beide bedächtig, beide ernsthaft, und das war mehr, als Lykka sich insgeheim erhofft hatte.
Erst dann holte sie die Holztafel aus dem Rucksack.
Sie hatte sich Zeit damit gelassen. Die Symbole waren sorgfältig in das Holz geritzt, keines davon zufällig gewählt. Sie hatte lange darüber nachgedacht, welche Zeichen die Wächterahnen vielleicht als die ihren erkennen würden, Muster, die zu ihrem Wesen passten, zu dem was sie im Leben gewesen waren und was sie nun hüteten. Norwin und Njall betrachteten die Tafel schweigend, ihre Blicke folgten den Linien, und Lykka sah, dass sie wirklich nachdachten.
Die Verbindung zwischen den Thyren und den Wächterahnen bestand. Das war keine Frage des Glaubens, das war etwas, das die Hagvirkr mit eigenen Händen, mit ihrer eigenen Stimme immer wieder erlebt hatten. Wenn sie riefen, antworteten die Ahnen, meistens. Wenn sie wirkten, strömte diese Kraft durch sie hindurch, spürbar, greifbar, so real wie die Rinde des alten Baumes vor ihnen.
Aber ließ sich diese Kraft noch genauer lenken? Ließ sich der Blick der Wächterahnen gezielt auf jemanden richten, auf einen Krieger, einen Hüter, jemanden der Schutz brauchte oder Führung? Lykka dachte dabei an ein Schlachtgetümmel, in der die Konzentration der Hagvirkr schwer war. Ein Ruf des Namens der reichte, damit die Ahnen den Claner finden konnten. Wie ein brennendes Feuer in der Dunkelheit, dass den Blick der Ahnen lenken sollte.
Die Frage, wie man herausfinden würde, ob die Ahnen diese Zeichnungen verstanden und nutzen konnten zog sich durch den Abend. Niemand wusste, ob irgendjemand vor ihnen Ähnliches versucht hatte, und wenn doch, ob er darüber gesprochen hatte. Zu viel war verloren gegangen, nicht mit Absicht, sondern so, wie Dinge verloren gehen, still, zwischen einer Generation und der nächsten.
Am Ende stand ein Entschluss. Lykka würde die Symbole auf sieben einzelne Holztafeln übertragen, eine für jeden der Wächterahnen, mit Zeichen, die zu ihnen passen sollten. Danach würden die Tafeln gemeinsam aufgestellt werden, die Ahnen angerufen, und sie würden beobachten.
Was dabei zählte, war nicht nur das Ergebnis. Sie wollten zeigen, dass dieser Versuch aus ehrlichem Wunsch entstand, dem Wunsch, die Verbindung nicht stillstehen zu lassen, die alten Bande nicht nur zu tragen, sondern weiter zu festigen. Sie wollten nicht nur den Ahnen beweisen, wie wichtig ihnen die Bindung war... es sollte ein Teil des Rudels werden. Es musste dabei sein.
Lykka war die Erste, die aufstand.
Sie verabschiedete sich von den beiden, schlang den Rucksack über die Schulter und ließ den Ahnenbaum hinter sich. Ihre Schritte trugen sie durch die Dunkelheit, und in ihrem Kopf drehte sich noch immer alles um das Gespräch, um die Tafeln, um die Fragen, die sie aufgeworfen hatten und noch keine Antwort kannten. Aber da war noch jemand, dem sie davon erzählen wollte. Thorlav war vielleicht schon von der Wacht zurück. Sie hoffte es.
Er sollte das hören. Als Erstes.









