Die Fackeln in der kühlen Grabkammer flackerten unruhig, als Mairi sich schwerfällig von der Bank erhob. Ihr tiefer Gruß „Seiner Schwingen Schutz“ läutete ein, was Raven Vandokir schon den ganzen Abend als eine drückende Vorahnung auf den Schultern gelegen hatte. Er neigte den Kopf vor seinen Geschwistern und sträckte den Rücken durch. Es fühlte sich an, als stünden sie alle vor einer unsichtbaren Wand. Das Gespräch plätscherte dahin – über die Arkorither, die sie noch nicht kontaktiert hatten, und über die Hexen, die lieber mit ihren Tees und Kräutern beschäftigt waren, als sich Zeit für einen Austausch zu nehmen.
Doch Ravens Gedanken kreisten um etwas anderes. Sein Blick wanderte zu der Gebetsecke. Die Gebete, die ihnen einst Trost gespendet hatten, fühlten sich in letzter Zeit seltsam schwer an, fast so, als hätten sie eine negative Auswirkung auf das klerikale Gefüge.
„Hat sich jemand die Flöte noch einmal angesehen?“, durchbrach Floras Stimme seine Grübeleien.
Raven verzog den Mund leicht. Die Flöte. Das unheilvolle Artefakt, das sie aus jener fremden Welt geborgen hatten und das sich so unverkennbar nach Ihm – nach Kra’thor – anfühlte. Er schritt entschlossen zur Truhe, klappte sie auf und holte das hölzerne Instrument heraus. Als er zurückkehrte, spürte er die Blicke der anderen auf sich. Er hatte schon einmal in der Anderswelt darauf gespielt, und die Erinnerung daran ließ ihm immer noch den Atem stocken.
„Ich denke, es macht eher Sinn, wenn eine der Älteren diese spielt“, sagte Raven ruhig und legte das Instrument auf seine offene Handfläche. Ihre Verbindung zu Ihm war tiefer, enger. Er sah zwischen Mairi und Ravena hin und her. Mairi gestand sogleich, nie gelernt zu haben, auf einer Flöte zu spielen. Raven wollte das Mundstück gerade schon testweise selbst an die Lippen führen, als Ravena pragmatisch die Hand ausstreckte. „Gib sie mir mal. Ich versuch es“, raunte sie.
Raven reichte sie ihr weiter. Er beobachtete, wie Ravena umständlich ihre Handschuhe auszog, um ein besseres Gefühl zu haben. Seine saphirblauen Augen fixierten sie, als sie die Lider schloss und tief einatmete, vermutlich, um ihre Fühler im klerikalen Gefüge sensibler zu stellen. Mairi tat es ihr im Stillen gleich, die klerikalen Strömungen genauestens beobachtend. In diesem Moment trat auch Victoria Dracones schweigend in den Raum und neigte das Haupt.
Dann setzte Ravena an.
Sobald der erste Atemzug durch das Holz strömte, geschah etwas Unfassbares: Die Töne wurden fast sichtbar. Sie manifestierten sich als wabernde Spuren in der Luft und schwebten in die Mitte des Raumes. Gleichzeitig fiel die Temperatur in der Grabkammer rapide. Raven sah den eigenen Atem als dichten, weißen Dampf vor seinem Gesicht aufsteigen. Er schloss halb die Augen und lauschte. Doch die Melodie, die anschwoll und den Raum erfüllte, war alles andere als harmonisch oder fröhlich. Es klang falsch. Unpassend. Es lag nicht an Ravenas Unvermögen, sondern daran, dass die Töne eine schaurige Selbstständigkeit entwickelten. Raven schob die fein gezupften Brauen zusammen, als er sah, dass auch Ravena irritiert die Stirn runzelte, aber eisern weiterspielte.
„Och… nö“, hörte er Mairi noch fluchen. Dann riss es sie fort.
Als Raven die Augen wieder öffnete, raubte ihm die neue Umgebung augenblicklich die Orientierung. Er brauchte einen Moment der Benommenheit, ehe er genervt aufseufzte. Sie standen in einem schier endlosen, düsteren Raum. Ein süßlicher, von einer scharfen, altbekannten Note durchzogener Geruch stach ihm in die Nase. In der Nähe rauschte ein gewaltiger Wasserfall. Doch das Unheimlichste war die alte Standuhr vor ihnen, deren Zeiger und Pendel wie eingefroren stillstanden.
„Was ist das für eine Uhr?“, fragte Raven mit skeptischem Blick. Mairi gab ihm nur eine scharfzüngige Gegenfrage zurück, während Flora trocken feststellte, dass Ravena wohl besser nicht mehr flöten sollte. Ravena hingegen feixte nur dreist: „Nun, ich bin sicher, dass Raven auf ganz anderen Flöten wunderbar spielen kann.“
Raven atmete tief durch und überforderte sich gar nicht erst damit, den unpassenden Kommentar seiner Schwester zu kommentieren. Stattdessen spürte er eine lähmende Anspannung in seinen Gliedern. Eine dunkle Vorahnung sickerte durch die lebendig wirkenden Wände, die fast so schienen, als würden sie im Takt eines kranken Wesens atmen.
Plötzlich nahm er ein Geräusch in seinem Rücken wahr. Ruckartig wandte er sich um. Hinter dem rauen Gestein lugte eine Gestalt hervor. Der Mann, der sich als Gero Maerdis herausstellen sollte, fixierte Raven mit einem Lächeln, das so unnatürlich breit und verzerrt war, dass es Raven das Blut in den Adern gefrieren ließ. Ein ungetümes, rötliches Leuchten waberte in Geros Augen.
„Seiner Schwingen Schutz, der Herr“, brachte Raven heraus, schloss jedoch die Lippen direkt wieder und wich einen vorsichtigen Schritt zurück, als der Fremde sich bedrohlich weit nach vorne lehnte.
Aus den Schatten heraus materialisierte sich im selben Moment eine kreischende, wandernde Seele, griff an und verschwand ebenso schnell wieder. Das schaurige Geschrei fuhr ihnen allen durch Mark und Bein, während Mairi ihren Helm überzog und Flora panisch ihre Sense aus Eis knarrend beschwor. Auch Victoria ließ ihr eigenes Blut aus den Fingern tropfen, um ihre Waffe zu manifestieren.
Doch Gero ignorierte die Frauen vollkommen. Seine Stimme säuselte wie flüssiges Öl zwischen seinen Zähnen hervor, direkt in Ravens Richtung: „Lausche den Worten, die nur dir bestimmt sind. Ein Freund, der dir die Augen öffnen möchte, Raven.“
„Warum sollen sie denn nur mir bestimmt sein? Wer seid ihr? Und was macht mich da sicher, dass ihr ein Freund seid?“, fragte Raven. Seine fein gezupften Brauen hoben sich, die Neugierde siegte in diesem Moment über die lähmende Angst. „Das, was dir deine Geschwister nicht zeigen, weil sie dich klein halten“, zischte Gero.
Bevor Raven antworten konnte, erschien eine weitere Gestalt – eine Frau namens Hope, die Flora erschreckte und Ravena zärtlich auf die Schulter tippte, um ihr kryptisch zuzuflüstern, dass Kra’thor Wege öffnete und seine Auserwählten niemals allein ließ. Victoria hatte unterdessen genug gehört. Sie trat vor und drückte Gero die scharfe Klinge ihrer Blutsense direkt an den Hals. „Du solltest mit deinen Worten Vorsicht walten lassen“, drohte sie mit ruhiger, fester Stimme.
Gero wich einen Schritt zurück, doch sein in Stein gehauenes Lächeln verrang nicht. Ruckartig sah er zu Victoria, dann wieder zu Raven: „Sieh. Sie tun es nun wieder. Die Wahrheit soll nicht ans Licht treten. Aber Victoria weiß schließlich, warum sie das verhindern will.“
„Warum denkst du so über meine Geschwister, der Herr? Ich bin durchaus offen für Gespräche und bereit für eine Aufklärung dessen“, entgegnete Raven und fixierte Gero mit seinen saphirblauen Augen. Er war Victoria dankbar für ihren Schutz, aber in diesem Augenblick brauchte er verdammt noch mal Antworten.
„Ich rede mit dir, Raven. Nur mit dir“, wiederholte Gero ausweichend. „Ich habe zu viel Aufmerksamkeit für Offenheit.“
Bevor Raven den Mann weiter drängen konnte, tanzte Hope im Hintergrund mit den Worten „Wer weitergeht, geht unter Krathors Blick!“ davon und verschwand im Dunkeln. Im selben Moment kauerte sich Gero winselnd zusammen und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Raven starrte fassungslos auf den Boden vor sich. Bleiche, knöcherne Finger und Hände brachen aus dem nackten Stein hervor, umklammerten Gero und zerrten ihn mit einer schrecklichen, fließenden Leichtigkeit in die Tiefe des Bodens. Gero wehrte sich nicht einmal.
Raven trat an die Stelle vor, an der der Mann eben noch gestanden hatte. Seine Wahrnehmung täuschte ihn nicht: Da war nur noch nackter, kalter Stein. Als wäre dort nie jemand gewesen.
„Gehen wir weiter?“, fragte Ravena mit bebender Stimme in die Runde.
Ein gellendes, bösartiges Lachen hallte schrill aus der Ferne wider, gefolgt von einem unbarmherzigen, lauten Geräusch. Das Pendel der alten Standuhr hatte sich in Bewegung gesetzt. Ein rhythmisches, lautes Ticken erfüllte plötzlich den endlosen Raum.
„Oh nein… nicht wieder dieses Ticken…“, jammerte Flora mit sichtlicher Gänsehaut. Mairi stimmte wehleidig mit ein: „Ich hasse Ticken.“
Während seine Schwestern in Panik verfielen und sich die Decke mit einem Mal in strömenden Regen auflöste, spürte Raven seltsamerweise, wie sich bei dem gleichmäßigen Geräusch der Uhr eine bizarre Entspannung in ihm breitahm. Dennoch blickte er immer wieder wachsam über seine Schulter, während sie hastig an der Uhr vorbeieilten.
Plötzlich erbebte der Raum unter einem dumpfen, schweren Gong. Raven hob den Kopf, als sich ihnen eine gehörnte Fratze des Schreckens in den Weg stellte, wild mit einem Messer fuchtelte und ihnen entgegenschrie: „Ihr werdet vergehen, so wie alles… Glaubt Ihr tatsächlich, Euch wird es anders ergehen als allen, die vor Euch hier waren?“
„Wo ist Victoria?“, rief Mairi plötzlich alarmiert dazwischen.
Raven wirbelte herum. „Victoria…?“, stieß er aus. Seine ältere Schwester war zurückgeblieben. Und weit hinter ihnen, im dichten Regenschleier, tauchte aus dem Nichts wieder Gero Maerdis auf, streckte die Hand langsam nach ihr aus und lächelte sein unnatürliches, breites Lächeln. „Wirklich? Ich wollte gerade loslegen…“
Die Anspannung in der düsteren Ruine war greifbar, als Victoria Dracones sich vorsichtig rückwärts bewegte, um Abstand zu gewinnen. Gero Maerdis stand ihr gegenüber, neigte lauernd den Kopf und streckte eine Hand nach ihr aus, während er die Gruppe aufforderte, sich „fallen zu lassen“. Victoria wiechelte ab und tuschelte Raven hastig zu, dass sie verschwinden sollten. Doch Raven blieb gefasst. Seine Antwort an die unheimliche Gestalt war von einer abwartenden Skepsis geprägt: „Ob wir es genießen das werden wir noch sehen“. Plötzlich manifestierte sich eine Entität, die nur als „Schrecken“ betitelt werden konnte, begleitet von einem zweifelhaften Flüstern und einem Wirbel aus Essensresten. Als Flora versuchte, Halt im Glauben an Kra'thor zu finden, entgegnete der Schrecken mit Todesdrohungen. Während Ravena und Mairi die Unausweichlichkeit des Todes pragmatisch kommentierten, suchte Raven die direkte Konfrontation. Er schritt mutig einen Schritt nach vorne, atmete tief ein und fixierte das Wesen. Seine feinen Brauen schoben sich zusammen, als das Wesen hämisch fragte, ob sie Angst hätten.
Fokus auf Erkenntnis gerichtet. Ruhig und monoton entgegnete er dem Schrecken, keine Angst vor dem Tod oder dem Versagen zu haben, sondern wissen zu wollen, wer sie seien und was hier vor sich gehe. Selbst als die Finger des Schreckens sich bedrohlich in den Boden krallten, hielt Raven der psychologischen Zermürbung stand und wies das Wesen zurecht, dass es nicht das Recht habe, ihre Grenzen aufzuzeichnen, da es sie gar nicht kenne. Parallel dazu versuchte Gero im Hintergrund, Zwietracht zu säen, indem er Victoria und später Mairi einredete, sich niemandem unterzuordnen und dass die Geschwister sie enttäuschen würden. Raven entgingen diese giftigen Einflüsterungen nicht; er schnaubte verächtlich ob Geros Worten auf. Den Stab einsatzbereit in der Hand haltend, beobachtete er, wie der Schrecken mit einer Fratze kurz vor ihren Gesichtern verpuffte und nur ein schrill hallendes Lachen zurückließ.
Nachdem das Wesen über einer modrigen Kiste verpufft war, bemerkte Raven messerscharf, dass sich in dieser Truhe das befinden musste, was die Kreatur so vehement zu beschützen versucht hatte. Ihm war der giftige Blick des Schreckens nicht entgangen, als dieser zuvor bemerkt hatte, dass Ravens Augen die Kiste gemustert hatten. Raven trat vor und blickte in das Innere der Kiste, die mit zahlreichen Lederbeuteln gefüllt war. Er griff nach einem der Beutel, öffnete ihn zielgerichtet und präsentierte den Inhalt den Geschwistern. Zum Vorschein kam ein mystisches Artefakt: der Spiegel der Selbstzweifel. Kaum dass Raven den Spiegel in den Händen hielt, breitete sich eine unnatürliche, unheilvolle Kälte in seiner Handfläche aus. Fast zeitgleich öffnete sich in der Wand hinter ihnen eine verborgene Tür. Raven steckte den Spiegel besonnen ein, wandte sich um und folgte den Geschwistern durch den neu geöffneten Durchgang, um dem unaufhörlichen, nervenaufreibenden Ticken des Raumes zu entkommen.
Hinter der Tür lag ein verschlossener Gang. Während Ravena und Mairi die Wände nach Hebeln abtasteten, beteiligte sich auch Raven an der Suche und rüttelte hier und da am Mauerwerk. Plötzlich wurden sie von einem stinkenden Wirbel attackiert, der eine widerliche Substanz auf die Gruppe warf. Trotz des ekelerregenden Gestanks setzte Raven einen Fuß vor den nächsten und behielt den Korridor im Auge. Doch der Gang war verflucht. Ein verheißungsvolles Gefühl zog sie nach Süden, während ihnen zeitgleich auf brutale Weise die Lebenskräfte entzogen wurden. Nacheinander brachen Mairi, Flora und Ravena zusammen. Auch an Raven ging der schleichende Verfall nicht spurlos vorbei. Als das Ticken jäh verstummte, zwang ihn die schwindende Stärke in die Knie. Er musste sich schwer gegen die Wand lehnen und sich schließlich keuchend auf den kalten Boden setzen. Seine Blicke schweiften erschöpft zum anderen Ende des Ganges, wo die Rettung zu warten schien. Angetrieben von purem Überlebenswillen begann Raven, japsend und keuchend auf allen Vieren vorwärts zukriechen und sich mühsam an Mairis Fersen zu heften, während sein Körper von Sekunde zu Sekunde schwächer wurde.
Als sie schließlich einen Podestraum erreichten, schlug die körperliche Schwäche in einen schier unerträglichen, die Sinne vernebelnden Hunger und Durst um. Raven verbalisierte seine Qualen offen: „Ich habe Hunger, ich habe Durst.... Ich könnt auch Kotzen ja!“. Während die Schwachten der Geschwister – getrieben vom Hunger – bereits mit dem Gedanken spielten, von den verrotteten Rattenlebern und schimmelig aussehenden Äpfeln auf dem Podest zu essen, bewahrte Raven trotz allem einen Funken rationaler Skepsis. Zwar fiel es ihm sichtlich schwer, sich nicht auf das Wasser und die Äpfel zu stürzen, doch statt der potenziell vergifteten Nahrung zu erliegen, richtete er seinen Fokus auf das Unbekannte: Er robbte sich voran und streckte seine Hand stattdessen kontrolliert nach einem dort befindlichen Kristall aus, um das Geheimnis dieses Ortes zu ergründen.
Die Sinne der Gefährten waren vom Hunger bereits merklich vernebelt, als sie das Podest in der Steinruine erreichten. Während um ihn herum die Disziplin der Gruppe zu bröckeln begann und Flora bereits eine Rattenleber ins Auge fasste, kämpfte Raven sichtlich mit den eigenen Instinkten. Sein Mund war ausgetrocknet, das Verlangen, sich auf das dort dargebotene Wasser und die Äpfel zu stürzen, mächtig. Mit rauer, trockener Stimme versuchte er noch, eine rationale Alternative zu bieten, indem er anmerkte, er habe selbst noch Orangen bei sich. Doch als Victoria und wenig später auch Ravena und Flora den verrotteten Früchten erlagen, siegte auch bei Raven das körperliche Bedürfnis über die Vorsicht . Da sein Durst die Oberhand hatte, griff er zuerst nach dem vergammelten Brackwasser. Mit kühlem Pragmatismus – und wohl auch, um der besorgten Mairi zu trotzen – kommentierte er seinen Zustand trocken: „Aktuell habe ich keinen Durchfall.“ . Erst nachdem er getrunken hatte, wandte er sich den schimpligen Äpfeln zu. Er schlang eine Frucht nach der anderen hinunter, bis die systemische Sättigung ihn regelrecht überkam und sein Hunger endlich nachließ . Nachdem er sich vollgefressen hatte, reinigte er sich mit der ihm eigenen, fast aristokratischen Manier den Mund mit einem seidenen Taschentuch. Nüchtern stellte er fest, dass die drohenden Magen-Darm-Beschwerden zumindest den darmreinigenden Vorteil hätten, dass „der Darm frei“ bliebe.
Kaum war die körperliche Kraft zurückgekehrt, spürte die Gruppe einen seltsamen Sog und bemerkte einen kalten Luftzug, der unter einer Mauer im Norden hervortrat. Begleitet von den schaurigen Klagen und Schmerzen gequälter Schreie, begannen die Gefährten, die Wände nach Geheimgängen abzutasten . Raven beteiligte sich entschlossen an der Suche, klopfte den Stein ab und suchte nach Mechanismen. Als eine verborgene Tür zwar den Blick freigab, dahinter jedoch eine brüchige, aber dennoch massive Ruinenwand den Weg versperrte, fackelte Raven nicht lange. Er griff auf seinen Rücken, ließ seine schwere Hellebarde in den Händen erscheinen und schwang die Stangenwaffe mit der geübten, professionellen Kraft eines gelernten Kriegers gegen den Stein . Seine Hiebe waren wuchtig und gezielt auf die porösen Stellen gerichtet – doch das Eisen bewirkte nichts als fliegende Funken . Nach einem knurrenden, kraftvollen letzten Versuch musste er sich keuchend der Logik Mairis beugen, die ihn fragte, warum er eine Kriegswaffe gegen eine Wand einsetze . Er gestand ein, dass dies „bisher immer gereicht“ habe, machte jedoch Platz für Flora, die die Wand schließlich mit einer Spitzhacke zum Zerbröseln brachte .
Kaum war die körperliche Kraft zurückgekehrt, spürte die Gruppe einen seltsamen Sog und bemerkte einen kalten Luftzug, der unter einer Mauer im Norden hervortrat. Begleitet von den schaurigen Klagen und Schmerzen gequälter Schreie, begannen die Gefährten, die Wände nach Geheimgängen abzutasten . Raven beteiligte sich entschlossen an der Suche, klopfte den Stein ab und suchte nach Mechanismen.
Als eine verborgene Tür zwar den Blick freigab, dahinter jedoch eine brüchige, aber dennoch massive Ruinenwand den Weg versperrte, fackelte Raven nicht lange. Er griff auf seinen Rücken, ließ seine schwere Hellebarde in den Händen erscheinen und schwang die Stangenwaffe mit der geübten, professionellen Kraft eines gelernten Kriegers gegen den Stein . Seine Hiebe waren wuchtig und gezielt auf die porösen Stellen gerichtet – doch das Eisen bewirkte nichts als fliegende Funken . Nach einem knurrenden, kraftvollen letzten Versuch musste er sich keuchend der Logik Mairis beugen, die ihn fragte, warum er eine Kriegswaffe gegen eine Wand einsetze . Er gestand ein, dass dies „bisher immer gereicht“ habe, machte jedoch Platz für Flora, die die Wand schließlich mit einer Spitzhacke zum Zerbröseln brachte .
Nachdem sie eine schweigende, unheimliche Gestalt namens Zweifelhaftes Flüstern passiert hatten und Victoria durch das Betätigen eines Hebels eine weitere Barriere öffnete, schritt Raven als einer der Ersten voran in das Innere eines geheimnisvollen Turms .
Der Turm barg eine Treppe, die sie in einen Raum voller Spiegel führte . Hier geriet Ravens gewohnte, kriegerische Fassade ins Wanken. Seine Blicke fielen auf den Spiegel der Erinnerung. Das Glas zog ihn augenblicklich in seinen Bann. Was Raven sah, erschütterte sein Fundament. Vor seinem geistigen Auge blitzten Szenen einer glücklichen Kindheit auf: Er hörte Kindergelächter, sah strahlende Sonne und spürte, wie er über grüne Wiesen rannte . Ein tief melancholischer, nachdenklicher Ausdruck legte sich auf seine Züge, und ein leises, fast ungläubiges „Mutter...“ entwich seinen Lippen. Doch Raven wusste um seine wahre, harte Vergangenheit. Diese glücklichen Kindheitstage hatte er nie erlebt. Verwirrung mischte sich in seine Melancholie; seine Augenbrauen hoben sich, als er flüsterte: „Kann nicht sein...“ . Plötzlich wechselte das Bild und er fand sich schwimmend in einem reißenden Flusslauf wieder, der ihn mitzureißen drohte. Mit einem bitteren Schnauben schloss er die Augen, um sich der Illusion zu entziehen, zutiefst aufgewühlt von dem Trugbild, das ihm vorgaukelte, er habe je eine Kindheit voller Lachen besessen .
Um dem ersten Spiegel zu entkommen, trat er vor den Spiegel des eigenen Ich. Auch dieser webte ein dichtes Netz aus Emotionen. Der Spiegel zeigte ihm alles Gute, das ihm je widerfahren war – Bilder von der Akademie auf Kawi und die Gesichter von Tom und Angelica tauchten vor ihm auf . Ein warmes, seltenes Gefühl von Geborgenheit und Sicherheit umfing ihn, und seine Mundwinkel hoben sich dezent . Obwohl die Trugbilder mächtig waren, ermöglichte der aufkommende Zweifel den Gefährten – und so auch Raven –, den Bann der Spiegel schrittweise zu brechen.
Die Anspannung im Raum war greifbar, als die Gruppe sich bereit machte, den Ort zu verlassen. Raven hielt sich im Hintergrund und beobachtete aufmerksam, wie Victoria erneut an den Hebeln hantierte, während die Schwestern nacheinander den Raum verließen. Er spürte das unterschwellige Unbehagen der anderen; niemand wagte es mehr, einen Blick in die Spiegel zu werfen. Erst als alle den Raum verlassen hatten, geschah es: Mit einem lautstarken, klirrenden Bersten zersprangen die Spiegel in tausend Teile. Raven zuckte wie die Frauen kurz zusammen, als das ohrenbetäubende Geräusch die Stille zerriss. Sofort veränderten sich die Gegebenheiten. Ein vertrautes, aber weitaus deutlicheres Ticken als zuvor drang an sein Ohr. Während Raven seine Blicke wachsam über die Umgebung schweifen ließ, ertönte beim Nähern an den Ausgang ein schwerer, mehrfacher Gongschlag. Direkt vor ihnen schob sich das Gestein beiseite und gab einen finalen Durchgang frei, der eine Steintreppe hinabführte. Victoria äußerte die gequälte Hoffnung, dass dies der letzte Raum für heute sei. Raven, der versuchte, die Fassung zu bewahren, blickte konzentriert nach vorne in die Dunkelheit des neuen Korridors. Ravena gab sich gefasst und betonte, dass es gewiss nicht der letzte Weg sei, den sie gemeinsam beschreiten würden, woraufhin Victoria matt einwandte, dass es zumindest für den heutigen Tag reichen müsse. Aus dem hinteren Teil des Gangs drang plötzlich sanfter Kerzenschein und das melodische Spiel einer Harfe zu ihnen durch. Während Mairi und Flora die Melodie verunsichert kommentierten, schöpfte Ravena neuen Mut und lauschte den Klängen. Raven entschied sich, die Initiative zu ergreifen. Vorsichtig und mit geschärften Sinnen schritt er voran in den beleuchteten Bereich, dicht gefolgt von Ravena.
Was sich Raven und der Gruppe im nächsten Raum offenbarte, war ein Bild des Grauens. Seine Blicke schweiften über eine riesige, geschliffene Steintafel, an der die reglosen Seelen und Körper Verstorbener saßen. Inmitten dieser unheimlichen Szenerie bewegte sich Kra'thor. Machtvoll und quälend langsam schritt die Gestalt an den Tischen entlang und begutachtete die sitzenden Gestalten. Plötzlich legte sich eine absolute, drückende Stille über den Raum, die selbst das Atmen wie einen Frevel wirken ließ. Raven hielt den Atem an und fixierte Kra'thor, der vor dem toten Jakop stehen blieb. Mit einer langsamen Bewegung deutete Kra'thors Hand auf einen Teller, auf dem ein menschliches Herz lag. Das Wort „Hass... Iss!“ hallte befehlerisch durch den Raum. Raven musste wie gebannt mitansehen, wie der tote Jakop in mechanischen, seelenlosen Bewegungen zu Messer und Gabel griff und begann, das Herz zu verspeisen. Jakops Mimik blieb dabei völlig reglos. Kaum war das Herz aufgezehrt, rief Kra'thor die Seele des Toten zu sich und verleibte sie sich selbst ein. Als Raven sah, wie der leblose Körper von Jakop im selben Moment zu Staub zerfiel, öffneten sich seine Lippen vor Entsetzen. Er blieb wie angewurzelt stehen, unfähig sich zu rühren. Ravena flüsterte schockiert das Wort „Sünden“. Kra'thor schritt jedoch unbarmherzig weiter. Auf den Tellern der anderen Toten – Guntholm, Molina, Moibel, Kellen, Gerdhe, Ingemar, Mhilani, Elleris, Pador und Relmur – lagen die Herzen bereit, beschriftet mit den Sünden wie Habsucht, Wollust, Völlerei, Habgier, Hass, Neid, Rachsucht, Eifersucht, Mörder und Hochmut. Ein eiskalter Luftzug fegte durch den Raum, als Kra'thor erneut den Befehl „ISS!“ von sich gab und sich auch die Seele von Guntholm einverleibte.
Ein diabolisches Geräusch echote durch das Gewölbe und die überwältigende, finstere Präsenz von Kra'thor wurde für alle körperlich spürbar. Jede Angst und jeder Zweifel wurden in diesem Moment hinweggefegt; sie fühlten sich von den Augen des mächtigen Wesens nackt und durchschaut an. Als Kra'thor sich schließlich von den Tischen abwandte und sich mit den Worten „Meine Diener...“ direkt an die Gruppe richtete, gab es für Raven kein Halten mehr. Zusammen mit den Frauen sank er augenblicklich auf die Knie. Ravena gelobte im Namen aller mit gesenkter Stimme den Dienst für den Herrn. Während Kra'thors Stimme den Raum erfüllte, krochen pulsierende, silbrige Linien über die Steinplatten – wie frostige Adern, die auf jede noch so kleine Bewegung reagierten. Kra'thor begann zu sprechen und predigte über das, was die Gruppe in sich trug. Er erklärte, dass sie es nur deshalb „Krankheit“ nannten, weil sie Angst davor hätten. Das Netz, das in ihnen wuchs, sei nicht fremd und trenne sie nicht, sondern erinnere sie an eine ewige Verbindung. Wer das Mal trage, trage niemals nur sich selbst. Raven belauschte die Worte mit äußerster Aufmerksamkeit, hütete sich jedoch starr vor Angst, auch nur ein Wort zu erwidern. Kra'thor wies darauf hin, dass sie fälschlicherweise Heilung suchten, obwohl die Verwandlung längst begonnen hatte. Dann hob das Wesen den Finger und zeigte nacheinander direkt auf die Anwesenden: zuerst auf Raven, dann auf Alecia, Victoria, Mairi und schließlich Lucia. Kra'thor stellte klar, dass der Schmerz nicht vom Mal selbst herrühre, sondern von ihrem vergeblichen Versuch, sich dagegen zu stemmen und das Netz aus ihren Seelen zu reißen. Das Eis und die Anderswelt seien kein Untergang, sondern ein Erwachen. Mit markerschütternder Eindringlichkeit rief Kra'thor aus, dass er sie nicht gezeichnet habe, um sie zu brechen, sondern um sie miteinander zu verbinden. Kurz darauf wandte er sich kühl ab. Ein beiläufiger Handwink Kra'thors genügte, um die Gruppe unsanft wieder in die Grabkammer zu verlegen.
Mit einem Schlag fand sich Raven in einer Ecke der kalten Grabkammer wieder. Um ihn herum stolperten und schlitterten die Frauen zu Boden, geplagt von einer heftigen, tief sitzenden Übelkeit, während sich die Wände vor ihren Augen noch für einige Momente weiterzudrehen schienen. Raven setzte sich erschöpft auf den Boden, unfähig, die Übelkeit sofort zu vertreiben, und versuchte verzweifelt, das eben Erlebte im Geist zu verdauen. Seine Gedanken waren völlig gefangen von den Worten des Meisters. In der folgenden Diskussion plapperte Flora die Worte Kra'thors nach: „Ihr nennt es Eindringen, ich Erwachen...“. Raven, der sich noch immer wie in einem Traum fühlte, schaltete sich nachdenklich in das Gespräch ein und warf ein, dass Magier diesen Begriff des „Erwachens“ nutzen, wenn sie das erste Mal ihre Magie wirken. Seine Stimme klang dabei belegt und hinkte den Ereignissen hinterher. Mairi und Victoria stimmten der Analogie zu, merkten jedoch an, dass sie keine Ahnung hätten, wie man mit dieser Verbundenheit oder den gehörten Melodien umgehen solle. Mairi klagte über Hunger, merkte aber an, dass es ihr in den nächsten Tagen womöglich besser gehen würde als den anderen. Raven nickte zustimmend und vermutete klarsichtig, dass dies daran lag, dass sie an der Tafel im Gegensatz zu den anderen nichts gegessen hatte. Als die Nacht weit fortgeschritten war, schlug Ravena vor, sich für heute auszuruhen und das Erlebte in den kommenden Tagen gemeinsam aufzuarbeiten. Raven erhob sich schwerfällig aus seiner Ecke und steuerte einen letzten, essenziellen Gedanken bei: Er erinnerte sich an einen früheren Unterricht an der Akademie auf Kawi. Dort war einmal von einem „Seelensiegel“ gesprochen worden, das erst brechen müsse, damit Magie überhaupt gewirkt werden könne. Er schüttelte den Kopf, überwältigt von der Tragweite dieser eigenen These. Nachdem die Gruppe beschlossen hatte, das Gehörte sacken zu lassen, verabschiedeten sie sich nacheinander mit dem rituellen Gruß „Seiner Schwingen Schutz“. Raven sprach den Gruß wie in Trance aus. Während sich die Schwestern und Gefährten langsam zu den Schlafplätzen zurückzogen, blieb Raven tief bewegt von dem Bewusstsein zurück, dass die vermeintliche Krankheit in Wahrheit ihre Transformation war.
...so legte er sich in dieser Nacht in eines der Betten der Grabkammer und träumte von keinem geringeren als Krathor, wie er ihn sah, als er jemandem die Seele im Speisesaal nahm...