[MMT] Dämmerung der Sieben
- Darios Soiradur
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[MMT] Dämmerung der Sieben
Es gibt Nächte, da schläft man nicht, obwohl der Leib müde ist.
Man liegt wach und spürt, dass nicht die Glieder unruhig sind, sondern der Geist. Gedanken drehen sich nicht im Kreis, weil sie keine Antwort finden, sondern weil sie eine Antwort längst kennen und sich noch dagegen sträuben, sie auszusprechen. Vielleicht ist es das, was mich seit Tagen beschäftigt. Nicht die Frage, ob etwas geschehen muss, sondern wie das Geschehnis im Detail auszugestalten ist.
Den Keim meines Gedankens hat wohl die Scharfschützin in mir gepflanzt. Nicht heute, nicht gestern. Nicht im Biwak der Garde. Vor Ewigkeiten, bei einer Patrouille wohl das erste Mal. Seitdem nährt sich mein Gedanke für diese „Sache“. Jynela ist nicht nur schlau, sondern gerissen. Es gibt die, die sind schlau, weil sie Bücher gelesen haben. Es gibt die, die sind schlau, weil sie Dinge erlebt haben. Und die, die Lesen können und was erlebt haben, die sind ausgefuchst. Jynela ist so eine. Wenn also jemand versteht, wie man einen Gedanken so setzt, dass er später von selbst seine Wurzeln treibt, dann sie.
Den Grund zur Handlung watschte mir überdies der Ahad ins Gesicht, als ich in der Feste Grünwaids unausreichend überzeugt von ausreichender Überzeugung zeugte. Ein einziger Blick genügte ihm und er hatte alles gesehen. Unzureichender Verdienst.
Meinen Blickwinkel habe ich schon öfter in dieser Sache gewechselt. Ich habe versucht, es anders zu betrachten. Ich habe versucht, etwas Abstand zu gewinnen und die Münze von beiden Seiten zu wenden. Nicht jedem Symbol muss also Macht verliehen werden. Nicht jedes Symbol braucht brutale, blutige, martialische Reaktion. Nicht alles benötigt eine pathetische und stundenlange Rede.
Aber sind Schreine nur Schreine? Und Schreine aus Stein damit nicht nur Steine?
Der Gedanke wiederholt sich. Simpel ist manchmal gut. Gut ist gerne Richtig. Trotzdem trägt der Gedanke nicht. Er klingt vernünftig, solange man es aus der Ferne betrachtet. Wirkt ausgewogen, solange man nicht zu nah hinsieht. Doch je länger mein Blick auf diesen fremden Zeichen, Schreinen und damit Steinen ruht, desto deutlicher erkenne ich, dass ihre bloße Anwesenheit bereits eine Botschaft ist. Sie stehen nicht einfach da. Sie fordern etwas. Sie behaupten viel. Sie verlangen stillschweigend Duldung und nennen diese Duldung dann Frieden.
Vielleicht ist es genau das, was mich daran so sehr aufhängt. Nicht die offene Feindschaft. Die ist ehrlich, direkt und, offengestanden, gut zu deuten. Auch die Provokation eines Schreins auf Alatarischem Grund ist es letztlich nicht. Es ist die Art, in der sie sich verhüllt. Diese Frömmigkeit. Gekünstelte Ordnung. Etwas, das aus Besonnenheit unangetastet bleiben sollte.
Es ist durchaus leichter, gegen erhobenen Stahl Zorn zu empfinden. Schwieriger ist es, in einer gesetzten Geste denselben Angriff zu erkennen. Doch – liegt das nicht hier vor?
Ein Heiligtum des Feindes auf eigenem Boden ist nicht bloß ein von Händen gemachtes Werk. Es ist ein Gedanke aus Stein. Es ist der Versuch, den eigenen Anspruch in unsere Erde zu drücken und darauf zu vertrauen, dass die Zeit den Rest besorgt. Dass Alatarien sich an seinen Anblick gewöhnt. Dass das strenge Auge müde wird. Dass der Widerspruch erlahmt.
Vielleicht geschieht Verderben oft genau so. Nicht durch den großen Zusammenbruch, sondern durch das langsame Hinnehmen.
Ich fürchte den offenen Feind nicht halb so sehr wie die Gewöhnung. Der offene Feind zwingt letztlich immer zur klaren Haltung. Die Gewöhnung aber macht den Menschen träge. Sie nimmt ihm nicht das Schwert aus der Hand, sondern den Grund, es zu ziehen. Eines Tages dann steht das Falsche vor ihm, fest verankert und alt geworden, und niemand weiß mehr zu sagen, wann der Augenblick verpasst wurde, an dem man es noch hätte beenden können.
Auch mein Kampf liegt irgendwie darin.
Ich misstraue dem Zorn in mir. Nicht, weil er unberechtigt wäre, sondern weil Zorn alleine, ungebündelt und wild, ein schlechter Herr ist. Er bringt oft nur Hast hervor, die notwendiger Klarheit zuwider ist. Er gibt der Hand Kraft, aber nicht immer aufrichtige Richtung.
Seitdem dieser Gedanke in mir gepflanzt wurde frage ich mich bereits. Ist das, was in mir wächst eine wahrhaftige Pflicht - Oder ist es nur gekränkter Stolz? Ein unzureichendes dienen gegenüber dem All-Einen, als jemand, als ein Kleingeist, der nicht erträgt vom Feind beleidigt worden zu sein?
Diese Frage trägt wenig Freude, dafür jedoch Notwendigkeit.
Ein handeln um zu handeln wäre mit falschem Gedanken falscher Gedanke. Ich will nicht handeln wie einer, der im Lärmen seiner Empörung das eigene Herz übertönt. Lärm ist letztlich Bedeutungslos, wenn er auf taube Ohren stößt. Wenn eine Tat Bestand haben soll, dann muss sie vor dem eigenen Gewissen bestehen, ehe sie vor den Augen anderer sichtbar wird.
Also prüfe ich, immer und immer wieder. Wie die Schreine dort stehen, was sie sagen wollen, was sie nicht sagen können und ob mein Stolz stolzer als glaubhafte Standhaftigkeit ist. Also rede ich, nicht um mich selbst zu hören, sondern zu prüfen, ob sich Gedanken verlaufen haben. Mit Jynela, mit Lioras, mit der Bruderschaft. Mit dem Orden, mit dem Tempel, mit den Kindern des All-Einen selbst sogar. Ich lese. Alles, was mir dazu in die Hände fällt oder sich flinke Hand besorgen kann. Ich lese über die falschen und die richtigen Tugenden. Über ungewollt gewollte Überschneidungen weil manches richtige, nur mit richtiger Richtung richtet.
Irgendwie bleibt mein Gedanke bei all dem derselbe. Es reicht nicht, das Falsche bloß zu missbilligen. Es reicht nicht, es zu verachten und im selben Atemzug unangetastet zu lassen. Denn was unangetastet bleibt, gewinnt mit der Zeit einen Anschein von Recht. Nicht, weil es wahr wäre, sondern weil Menschen allem, was fortbesteht, irgendwann einen Platz in ihrer inneren Ordnung geben. Darin liegt die List der Dauer.
Ich will diesem Feind keinen Platz geben. Weder im Gedanken, noch im Land, noch im Blick.
Darum drängt sich mir mehr und mehr der Gedanke auf, dass eine bloße Zerstörung fast zu einfach wäre. Ein Schlag, ein Fall, Staub und Trümmer. Es wäre rasch getan. Vielleicht sogar befriedigend. Doch etwas daran erscheint mir unvollständig. Fast gnädig. Denn auch im Bruch kann ein Symbol noch Größe beanspruchen. Es kann sagen, dass es gefürchtet wurde. Dass es den Aufwand wert war. Dass man ihm mit Gewalt begegnen musste, weil man vor seiner Wirkung zurückschreckte.
Was getan wird, nicht sollte, muss also tiefer schneiden.
Nicht in den Schrein, den Stein allein, sondern in das Bild, das an ihm haftet. Es muss sichtbar werden, was diese Dinge in Wahrheit sind. Ein Weckruf an das Volk. Keine unberührbaren Wahrheiten oder ehrwürdigen Zeichen, sondern sich selbst erhöhter Irrtum. Schwäche, die sich Tugend nennt. Blindheit, die um Achtung bittet, nur weil sie fromme Worte vor sich herträgt.
Vielleicht ist es das, was mich so ruhig werden lässt, je näher der Gedanke nicht nur an Entscheidung, sondern entscheidende Handlung rückt. Weder freudig ruhig, noch leicht. Treffender ist die Kälte vor dem Morgen. Eine Nüchternheit, in der Zweifel nicht verschwunden sind, aber aufgehört haben, Herrschaft zu beanspruchen.
Ich weiß, manche werden darin Irrtum sehen. Manche werden meinen jedes Heiligtum verdiene Respekt, allein weil andere daran glauben. Für mich ist dieser Gedanke trügerisch. Nicht jeder Glaube ist ehrwürdig und nicht jedes damit verbundene Zeichen verdient Schonung. Nicht jede Zurückhaltung dient friedvoller Weisheit. Es gibt Nachsicht, die aus Stärke geboren wird. Und es gibt Nachsicht, die in Wahrheit nur die Müdigkeit des Herzens ist.
Ich will nicht müde werden.
Ich will nicht stehen bleiben oder nur einen kleinen Schritt zur Seite gehen. Fortschritt treibt den Schritt der der einen Seite Schnitt, der anderen Seite Richtung gibt. Ich will nicht an den Punkt gelangen, an dem mir die Gegenwart des Falschen gleichgültig erscheint, nur weil sie vertraut geworden ist. Lieber trage ich die Schwere einer harten Tat, als mich in das weiche Gift der Gleichgültigkeit sinken zu lassen.
Ich weigere mich.
Ich weigere mich, etwas Fremdes und Feindliches irgendwann als natürlichen Teil der Ordnung hinzunehmen. Ich weigere mich, Lüge auf dem Land der Wahrheit stehen zu lassen, als seien beide nur zwei Auslegungen derselben Welt. Ich weigere mich zu schweigen, wenn Schweigen am Ende nur bedeutet, dem Unrechten Raum zu lassen.
Schuld prägt mich.
Ich bin kein Mann, der aus makelloser Höhe spricht. Vielleicht gerade deshalb erkenne ich so scharf, wie Verderben aussieht, wenn es sich nicht mehr als Verderben ausgibt. Es kommt selten mit Gebrüll. Oftmals kommt es einer Bitte gleich. Eine Bitte, geduldet zu werden.
Darauf will ich keine Antwort in Milde geben.
Was kommen muss, wird weder aus Laune noch aus Übermut geschehen. Es wird nicht aus einer Laune an Entweihung geschehen. Es geschieht, weil unterbliebene Handlung und Unterlassung selbst zur Schuld wird. Weil es Augenblicke gibt, in denen ein Mensch zeigen muss, was in seinem Inneren noch unantastbar ist.
Ich weigere mich also, das Falsche länger in Ruhe altern zu lassen.
Man liegt wach und spürt, dass nicht die Glieder unruhig sind, sondern der Geist. Gedanken drehen sich nicht im Kreis, weil sie keine Antwort finden, sondern weil sie eine Antwort längst kennen und sich noch dagegen sträuben, sie auszusprechen. Vielleicht ist es das, was mich seit Tagen beschäftigt. Nicht die Frage, ob etwas geschehen muss, sondern wie das Geschehnis im Detail auszugestalten ist.
Den Keim meines Gedankens hat wohl die Scharfschützin in mir gepflanzt. Nicht heute, nicht gestern. Nicht im Biwak der Garde. Vor Ewigkeiten, bei einer Patrouille wohl das erste Mal. Seitdem nährt sich mein Gedanke für diese „Sache“. Jynela ist nicht nur schlau, sondern gerissen. Es gibt die, die sind schlau, weil sie Bücher gelesen haben. Es gibt die, die sind schlau, weil sie Dinge erlebt haben. Und die, die Lesen können und was erlebt haben, die sind ausgefuchst. Jynela ist so eine. Wenn also jemand versteht, wie man einen Gedanken so setzt, dass er später von selbst seine Wurzeln treibt, dann sie.
Den Grund zur Handlung watschte mir überdies der Ahad ins Gesicht, als ich in der Feste Grünwaids unausreichend überzeugt von ausreichender Überzeugung zeugte. Ein einziger Blick genügte ihm und er hatte alles gesehen. Unzureichender Verdienst.
Meinen Blickwinkel habe ich schon öfter in dieser Sache gewechselt. Ich habe versucht, es anders zu betrachten. Ich habe versucht, etwas Abstand zu gewinnen und die Münze von beiden Seiten zu wenden. Nicht jedem Symbol muss also Macht verliehen werden. Nicht jedes Symbol braucht brutale, blutige, martialische Reaktion. Nicht alles benötigt eine pathetische und stundenlange Rede.
Aber sind Schreine nur Schreine? Und Schreine aus Stein damit nicht nur Steine?
Der Gedanke wiederholt sich. Simpel ist manchmal gut. Gut ist gerne Richtig. Trotzdem trägt der Gedanke nicht. Er klingt vernünftig, solange man es aus der Ferne betrachtet. Wirkt ausgewogen, solange man nicht zu nah hinsieht. Doch je länger mein Blick auf diesen fremden Zeichen, Schreinen und damit Steinen ruht, desto deutlicher erkenne ich, dass ihre bloße Anwesenheit bereits eine Botschaft ist. Sie stehen nicht einfach da. Sie fordern etwas. Sie behaupten viel. Sie verlangen stillschweigend Duldung und nennen diese Duldung dann Frieden.
Vielleicht ist es genau das, was mich daran so sehr aufhängt. Nicht die offene Feindschaft. Die ist ehrlich, direkt und, offengestanden, gut zu deuten. Auch die Provokation eines Schreins auf Alatarischem Grund ist es letztlich nicht. Es ist die Art, in der sie sich verhüllt. Diese Frömmigkeit. Gekünstelte Ordnung. Etwas, das aus Besonnenheit unangetastet bleiben sollte.
Es ist durchaus leichter, gegen erhobenen Stahl Zorn zu empfinden. Schwieriger ist es, in einer gesetzten Geste denselben Angriff zu erkennen. Doch – liegt das nicht hier vor?
Ein Heiligtum des Feindes auf eigenem Boden ist nicht bloß ein von Händen gemachtes Werk. Es ist ein Gedanke aus Stein. Es ist der Versuch, den eigenen Anspruch in unsere Erde zu drücken und darauf zu vertrauen, dass die Zeit den Rest besorgt. Dass Alatarien sich an seinen Anblick gewöhnt. Dass das strenge Auge müde wird. Dass der Widerspruch erlahmt.
Vielleicht geschieht Verderben oft genau so. Nicht durch den großen Zusammenbruch, sondern durch das langsame Hinnehmen.
Ich fürchte den offenen Feind nicht halb so sehr wie die Gewöhnung. Der offene Feind zwingt letztlich immer zur klaren Haltung. Die Gewöhnung aber macht den Menschen träge. Sie nimmt ihm nicht das Schwert aus der Hand, sondern den Grund, es zu ziehen. Eines Tages dann steht das Falsche vor ihm, fest verankert und alt geworden, und niemand weiß mehr zu sagen, wann der Augenblick verpasst wurde, an dem man es noch hätte beenden können.
Auch mein Kampf liegt irgendwie darin.
Ich misstraue dem Zorn in mir. Nicht, weil er unberechtigt wäre, sondern weil Zorn alleine, ungebündelt und wild, ein schlechter Herr ist. Er bringt oft nur Hast hervor, die notwendiger Klarheit zuwider ist. Er gibt der Hand Kraft, aber nicht immer aufrichtige Richtung.
Seitdem dieser Gedanke in mir gepflanzt wurde frage ich mich bereits. Ist das, was in mir wächst eine wahrhaftige Pflicht - Oder ist es nur gekränkter Stolz? Ein unzureichendes dienen gegenüber dem All-Einen, als jemand, als ein Kleingeist, der nicht erträgt vom Feind beleidigt worden zu sein?
Diese Frage trägt wenig Freude, dafür jedoch Notwendigkeit.
Ein handeln um zu handeln wäre mit falschem Gedanken falscher Gedanke. Ich will nicht handeln wie einer, der im Lärmen seiner Empörung das eigene Herz übertönt. Lärm ist letztlich Bedeutungslos, wenn er auf taube Ohren stößt. Wenn eine Tat Bestand haben soll, dann muss sie vor dem eigenen Gewissen bestehen, ehe sie vor den Augen anderer sichtbar wird.
Also prüfe ich, immer und immer wieder. Wie die Schreine dort stehen, was sie sagen wollen, was sie nicht sagen können und ob mein Stolz stolzer als glaubhafte Standhaftigkeit ist. Also rede ich, nicht um mich selbst zu hören, sondern zu prüfen, ob sich Gedanken verlaufen haben. Mit Jynela, mit Lioras, mit der Bruderschaft. Mit dem Orden, mit dem Tempel, mit den Kindern des All-Einen selbst sogar. Ich lese. Alles, was mir dazu in die Hände fällt oder sich flinke Hand besorgen kann. Ich lese über die falschen und die richtigen Tugenden. Über ungewollt gewollte Überschneidungen weil manches richtige, nur mit richtiger Richtung richtet.
Irgendwie bleibt mein Gedanke bei all dem derselbe. Es reicht nicht, das Falsche bloß zu missbilligen. Es reicht nicht, es zu verachten und im selben Atemzug unangetastet zu lassen. Denn was unangetastet bleibt, gewinnt mit der Zeit einen Anschein von Recht. Nicht, weil es wahr wäre, sondern weil Menschen allem, was fortbesteht, irgendwann einen Platz in ihrer inneren Ordnung geben. Darin liegt die List der Dauer.
Ich will diesem Feind keinen Platz geben. Weder im Gedanken, noch im Land, noch im Blick.
Darum drängt sich mir mehr und mehr der Gedanke auf, dass eine bloße Zerstörung fast zu einfach wäre. Ein Schlag, ein Fall, Staub und Trümmer. Es wäre rasch getan. Vielleicht sogar befriedigend. Doch etwas daran erscheint mir unvollständig. Fast gnädig. Denn auch im Bruch kann ein Symbol noch Größe beanspruchen. Es kann sagen, dass es gefürchtet wurde. Dass es den Aufwand wert war. Dass man ihm mit Gewalt begegnen musste, weil man vor seiner Wirkung zurückschreckte.
Was getan wird, nicht sollte, muss also tiefer schneiden.
Nicht in den Schrein, den Stein allein, sondern in das Bild, das an ihm haftet. Es muss sichtbar werden, was diese Dinge in Wahrheit sind. Ein Weckruf an das Volk. Keine unberührbaren Wahrheiten oder ehrwürdigen Zeichen, sondern sich selbst erhöhter Irrtum. Schwäche, die sich Tugend nennt. Blindheit, die um Achtung bittet, nur weil sie fromme Worte vor sich herträgt.
Vielleicht ist es das, was mich so ruhig werden lässt, je näher der Gedanke nicht nur an Entscheidung, sondern entscheidende Handlung rückt. Weder freudig ruhig, noch leicht. Treffender ist die Kälte vor dem Morgen. Eine Nüchternheit, in der Zweifel nicht verschwunden sind, aber aufgehört haben, Herrschaft zu beanspruchen.
Ich weiß, manche werden darin Irrtum sehen. Manche werden meinen jedes Heiligtum verdiene Respekt, allein weil andere daran glauben. Für mich ist dieser Gedanke trügerisch. Nicht jeder Glaube ist ehrwürdig und nicht jedes damit verbundene Zeichen verdient Schonung. Nicht jede Zurückhaltung dient friedvoller Weisheit. Es gibt Nachsicht, die aus Stärke geboren wird. Und es gibt Nachsicht, die in Wahrheit nur die Müdigkeit des Herzens ist.
Ich will nicht müde werden.
Ich will nicht stehen bleiben oder nur einen kleinen Schritt zur Seite gehen. Fortschritt treibt den Schritt der der einen Seite Schnitt, der anderen Seite Richtung gibt. Ich will nicht an den Punkt gelangen, an dem mir die Gegenwart des Falschen gleichgültig erscheint, nur weil sie vertraut geworden ist. Lieber trage ich die Schwere einer harten Tat, als mich in das weiche Gift der Gleichgültigkeit sinken zu lassen.
Ich weigere mich.
Ich weigere mich, etwas Fremdes und Feindliches irgendwann als natürlichen Teil der Ordnung hinzunehmen. Ich weigere mich, Lüge auf dem Land der Wahrheit stehen zu lassen, als seien beide nur zwei Auslegungen derselben Welt. Ich weigere mich zu schweigen, wenn Schweigen am Ende nur bedeutet, dem Unrechten Raum zu lassen.
Schuld prägt mich.
Ich bin kein Mann, der aus makelloser Höhe spricht. Vielleicht gerade deshalb erkenne ich so scharf, wie Verderben aussieht, wenn es sich nicht mehr als Verderben ausgibt. Es kommt selten mit Gebrüll. Oftmals kommt es einer Bitte gleich. Eine Bitte, geduldet zu werden.
Darauf will ich keine Antwort in Milde geben.
Was kommen muss, wird weder aus Laune noch aus Übermut geschehen. Es wird nicht aus einer Laune an Entweihung geschehen. Es geschieht, weil unterbliebene Handlung und Unterlassung selbst zur Schuld wird. Weil es Augenblicke gibt, in denen ein Mensch zeigen muss, was in seinem Inneren noch unantastbar ist.
Ich weigere mich also, das Falsche länger in Ruhe altern zu lassen.
- Jynela Dhara
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- Registriert: Montag 28. Dezember 2020, 18:02
Re: [MMT] Dämmerung der Sieben
“Wer ich bin. Was ich daraus mache.”
Es gibt viele Worte für das, was Menschen für richtig halten.
Tugenden. Gebote. Ehre. Glaube. Pflicht.
Die Leute aus dem Osten mit ihrem diamantenen Kodex und ihrer Spiritualität und ihrem rechten Maß. Als wäre das Leben eine Waage, auf die man Tugenden legt wie Münzen, bis sie aufhört, sich zu neigen.
Mitgefühl. Gerechtigkeit. Demut.
Schöne Wörter. Runde Wörter. Wörter, die klingen, als würden sie in hellen Hallen gesprochen, in denen das Licht durch bunte Fenster fällt.
Manifestiert in 7 Schreinen, um ihnen zu huldigen.
Schwachsinn.
Ich habe Wörter immer gemocht, sogar als Kind. Sogar als das Einzige, was ich hatte, Dreck unter den Füßen war. Andere Kinder haben Steine gesammelt, Plunder und anderes Zeug. Ich habe Worte gesammelt, habe sie hin und her gewendet, geprüft, behalten oder verworfen, ohne genau zu wissen, wonach ich eigentlich suchte.
Und als ich schließlich gelernt habe, sie selbst festzuhalten, habe ich angefangen, Geschichten zu schreiben. Keine großen, keine guten, aber es waren meine.
Welten, in denen ich entscheiden konnte, wer stirbt und wer überlebt. Orte, an denen Dinge einen Anfang und ein Ende hatten, an denen Entscheidungen nachvollziehbar waren und Konsequenzen nicht einfach aus dem Nichts kamen, nicht wie ein Schlag, den man nicht hat kommen sehen, nicht wie ein leerer Teller, nicht wie eine Tür, die sich schließt und nicht wieder aufgeht.
Es gab verflucht viele Türen, die nicht wieder aufgingen.
Also habe ich geschrieben. Nicht weil ich etwas zu sagen hatte, ich war ein Kind, ich hatte nichts zu sagen, nur etwas zu fühlen und keine Sprache dafür, außer der, die ich mir selbst gebaut habe.
Satz für Satz, in den Rissen zwischen dem, was war, und dem, was ich mir vorstellen konnte. Es war Flucht. Nicht die heldenhafte Art, nicht die Art, über die man später mit Stolz spricht, sondern die einzige Art, die einem bleibt, wenn man nirgendwo hingehen kann und trotzdem irgendwo anders sein muss. Vielleicht auch eine Übung. Wahrscheinlich beides.
Ich weiß also, was Wörter können. Ich weiß auch, was sie verbergen.
Mitgefühl verbirgt die Frage, wem es gilt.
Gerechtigkeit verbirgt die Frage, wer sie bestimmt.
Und Demut? Demut ist das „Schönste" von allen, weil es so gut klingt, solange man derjenige ist, vor dem sich die anderen verbeugen.
Ich bin in Alatarien groß geworden. Und ich meine damit nicht geboren, nicht aufgewachsen, sondern im Sinne von: ich bin hier größer geworden, als ich es in meiner Heimat geworden wäre.
Ich bin hier angekommen, nicht weil ich es wollte, sondern weil das Leben manchmal Entscheidungen trifft, bevor man selbst dazu kommt. Und weil ein Zufall mich hierher geworfen hat, wie ein Sturm ein Stück Treibholz an eine Küste.
Rahal hat mich nicht erzogen, es hat mich geschliffen. Ich kannte Götter bereits, als ich ankam. Ich kannte den Geschmack von dem, was Menschen tun,wenn sie den Glauben Temoras, die Tugenden als Werkzeug benutzen. Wenn sie ihn nehmen, schärfen und wetzen, bis er eine Klinge ist, die gegen alles gerichtet wird, was ihnen im Weg steht.
Ich habe gelernt, was von einer Familie übrig bleibt, wenn ein Mann nie wirklich richtig geglaubt hat, aber die Tugenden immer benutzt hat. Als Werkzeug, sauber genug, um keine Spuren zu hinterlassen.
Ich habe Jahre damit verbracht, dagegen zu arbeiten. Mit den Mitteln, die man hat, wenn man nichts hat außer Wut und der Überzeugung, dass irgendwer aufhören muss, wegzuschauen.
Als ich hier ankam, war ich ganz unten. Es blieb nur ein Weg. Also habe ich mich von unten nach oben gearbeitet. Erst in der Garde, dann in der Bruderschaft. Schritt für Schritt. Und das ist der einzige Unterschied zwischen denen, die ankommen und denen, die es nicht tun. Die Bereitschaft, noch einen Schritt weiter zu gehen, wenn man eigentlich schon längst hätte aufgeben sollen.
Und immer wieder begegneten mir die Tugenden auf dem Weg.
Am Ende sind sie aber nur etwas für Menschen, die es sich leisten können, zwischen richtig und falsch zu wählen, ohne dass jemand dabei stirbt.
Gebote sind für Reiche, für Armeen, für Ordnung. Für Mauern, Banner und Throne.
Für mich gab es lange keinen Namen für das, was ich stattdessen hatte. Nur die Gewissheit, dass es etwas gab, eine Art innere Linie, die ich nicht überschritt, auch wenn ich nicht hätte erklären können, warum.
Jetzt lebe ich diese Linie im Namen des Alleinen.
Der Kodex der Bruderschaft ist für Menschen wie mich.
Für Menschen, die im Dreck aufgewachsen sind und trotzdem gelernt haben, gerade zu stehen.
Für Menschen, die sehr genau wissen, dass Ehre nichts ist, was man sich einmal verdient und dann für immer behält, sondern etwas, das man jeden einzelnen Tag aufs Neue verteidigen muss, gegen Feinde, gegen Befehle, gegen sich selbst.
Die Bruderschaft schreibt nichts an Wände und predigt nicht auf Plätzen. Ihr Kodex wird nicht laut vorgelesen, sondern leise gelebt und wenn man ihn bricht, dann steht das nirgends geschrieben, aber man weiß es trotzdem. Er weiß es.
Ohne Ehre bist du nichts.
Als Schütze lernt man etwas, das andere gerne vergessen. Manche sehen es nur als wichtig an, vorne zu stehen. Sie vergessen, was ihnen schnell den Arsch retten kann. Der Schütze steht hinten und beobachtet. Geduld ist wichtiger als Stolz. Zögern ist nicht immer Schwäche. Und die schwierigste Entscheidung ist nicht, den Pfeil zu schießen. Die schwierigste Entscheidung ist, auf wen man zielt.
Ohne Ehre bist du nichts.
Im Osten eine sehr helle, ritterliche, ideale Tugend. Aber ich lebe in einer Welt, in der man manchmal zwischen zwei falschen Dingen wählen muss.
Die Kirche im Osten sagt, Ehre bedeutet, eine Aufgabe nicht abzubrechen, loyal zu sein, nicht zu zögern, immer der Wahrheit zu folgen, egal wie stark der Sturm ist.
Ich habe Menschen sterben sehen, weil jemand eine Aufgabe nicht abbrechen wollte.
Ich habe Menschen sterben sehen, weil jemand nicht gezögert hat.
Und ich habe Menschen sterben sehen, weil jemand glaubte, die Wahrheit zu kennen.
Ehre bedeutet nicht, niemals zu zweifeln. Ehre bedeutet, die Last der Entscheidung zu tragen.
Ehre ist das, was übrig bleibt, wenn niemand hinschaut. Es ist die Frage, die man sich selbst stellt, wenn es still ist, und die Antwort, mit der man lebt, ob sie passt oder nicht.
Der Kodex verlangt kein Heucheln. Er verlangt kein Lächeln, wenn der Zorn gerechter ist. Er sagt: sei hart, sei stark, sei unerbittlich im Angesicht des Feindes — und er sagt auch: du und nur du allein bist verantwortlich für deine Taten.
Das war immer mein Weg.
Und irgendwo auf diesem Weg hat Alatar hingeschaut.
Ich weiß nicht wann genau, ob schon immer oder erst später. Aber er hat hingeschaut und eine Entscheidung getroffen. Und das ist mehr, als die meisten je bekommen. Dass ich hier bin. Dass ich hierher gehöre. Ich habe keine Wahl getroffen, die seiner ebenbürtig wäre. Ich habe nur geantwortet. Nicht mit Worten, sondern mit dem, was ich tue.
Rahal hat mich geschliffen, aber die Hand dahinter war seine. Er hat mich zu seiner Waffe gemacht. Eine Waffe gegen die falschen Tugenden.
Und ich spreche seinen Namen nicht leichtfertig aus. Niemals. Denn er ist kein Werkzeug und kein Schild und kein Argument. ER ist das, was bleibt, wenn man alles andere wegredet. Ich glaube nicht an ihn, weil mir jemand gesagt hat, dass ich das soll. Ich glaube an ihn, weil ich die Alternative kenne, weil ich in Gesichtern gelesen habe, was passiert, wenn Menschen kein Fundament haben und weil ein Leben ohne etwas, dem man verpflichtet ist, kein Leben ist, sondern nur ein Warten. Mein Glaube ist kein helles Licht. Eher so etwas wie ein ferner Stern, an dem man sich orientiert, mit dem festen Ziel ihn irgendwann zu erreichen.
Mein Glaube treibt mich an.
Dem Herrn gelte dein ganzes Tun und Streben.
Ich tue. Ich strebe. Ich ziele, atme und lasse los — und dann lebe ich mit dem, was mein Pfeil trifft. Das ist alles, was Alatar je von mir verlangt hat.
Und auf diesem Weg habe ich mich selbst gefunden.
Hauptmann der Garde. Scharfschütze Alatars. Ein Straßenkind, das gelernt hat, dass man schneller rennen muss als die anderen, wenn es um Brot geht. Eine Frau, die Befehle gibt, nach denen Männer sterben. Eine Waffe der Bruderschaft.
Vielleicht bin ich keine Klinge. Ich bin der Pfeil. Ein Pfeil fliegt nur einmal. Aber wohin er fliegt, entscheidet der, der ihn schießt.
Ich bin all das. Und nichts davon ganz.
Tugenden, Gebote und Kodizes laufen am Ende alle auf dieselbe Frage hinaus:
Wer bin ich, wenn niemand hinsieht und wofür bin ich bereit, die Verantwortung zu tragen?
Diese Frage habe ich für mich beantwortet.
An einem Abend im Rauch. Als ich wieder einmal vor einem Scheiterhaufen stand. Als Hauptmann, die Hände auf dem Rücken verschränkt, wie ich es immer tue, wenn jemand hinsieht. Haltung kann man lernen, genau wie Zielen, Lügen, oder stilles Zuhören.
Zwei meiner Männer brannten dort oben zu Asche.
Übermacht aus dem Osten. Pilgerzug zu den Schreinen. Sie hatten keine Chance. Im Namen der verfluchten Tugenden. Auf alatarischem Boden, als gehöre er ihnen.
Und ich konnte das Bild vor mir sehen, wie die Ketzer dort standen und predigten, während nur wenige Meter entfernt gute Männer tot am Boden lagen.
Man kann vieles hinnehmen. Schlechte Versorgung, Regen im Dienst, Befehle von Leuten, die noch nie im Schlamm gestanden hatten. Das alles gehörte zum Leben eines Soldaten und wer etwas anderes erwartete, hätte Bäcker werden sollen.
Aber das hier, dass der Feind regelmäßig über unsere Grenze kommt, meine Leute tötet und sich dann auf diese verfluchten heiligen Steine beruft, das war keine Unannehmlichkeit mehr.
Es war eine Gewohnheit geworden.
Und Gewohnheiten muss man brechen.
- Jynela Dhara
- Beiträge: 629
- Registriert: Montag 28. Dezember 2020, 18:02
Re: [MMT] Dämmerung der Sieben
"Was man anstößt. Was man loslässt."
Kyrian Rabenstein hat damals nicht viele Worte verloren.Das schätze ich an ihm. Männer, die sich selbst gerne reden hören, haben meistens am Ende wenig zu sagen. Er hat mich angehört, hat kurz geschwiegen und da war dieses Zucken in seinem Mundwinkel, bevor er genickt hat. Nicht weil ich ihn überzeugt hätte, er war längst überzeugt, bevor ich den Mund aufgemacht habe. Alatar hatte hingeschaut und der Alka hatte es sicher gespürt, so wie man einen Windzug spürt, bevor man ihn hört.
Die Erlaubnis kam ohne Federlesens.
Ihr habt somit die Zustimmung, Hauptmann.
Nur ein Satz. Ich hätte mir mehr erhofft. Sicher nicht aus Eitelkeit, eitel war ich noch nie wirklich, sondern weil ein Satz für das, was ich vor hatte in meinen Augen fast schon komisch wenig war. Aber vielleicht war das auch der Punkt. Manche Dinge klingen kleiner, wenn man sie ausspricht, damit man anfängt, sie zu tun, statt darüber zu reden. Über diese Sache wurde viel zu lange nur geredet.
Also habe ich angefangen.
Planung ist das Langwierigste an einem Krieg und das Wichtigste. Jeder will eigentlich nur das Schwert ziehen, den Pfeil fliegen sehen. Aber kaum jemand will wissen, wie lange man vorher geredet und diskutiert hat, abgewogen und entschieden. Wie oft man zusammen saß bis endlich schweigend ein Vorgehen abgenickt wurde.
Die Schlacht selbst war meist schneller geschlagen als gedacht. Der Schlüssel zum Erfolg lag in einer guten Vorbereitung. Ich habe Karten auf die Tische gelegt und wieder zusammengerollt. Habe Wachen gezählt, Wege gemessen, Jahreszeiten abgewogen und Tage in Wind und Wetter verbracht bis ich überhaupt genügend Informationen hatte.
Die Garde hat vom ersten Moment an mitgezogen, so wie sie immer mitzieht, wenn sie weiß, dass es einen Grund gibt. Nicht weil ich es befohlen habe, Befehle kann man vergessen, wenn niemand hinsieht. Sondern weil sie am Scheiterhaufen gestanden haben. Weil sie genauso wie ich zusehen müssen, dass ihre Kameraden unnötig sterben. Weil manche Dinge keine Erklärung brauchen, wenn man dabei war.
Ich habe geplant. Ich habe gewartet. Ich habe die Linie gezogen, auf der wir uns bewegen würden.
Und dann ist Soiradur in mein Leben getreten.
Nicht dramatisch. Nicht so, wie es in Geschichten passiert, mit Donnerwetter und Vorzeichen und dem Gefühl, dass sich gerade etwas verändert. Er ist einfach da gewesen. Ein Mann mit zu viel Energie für seine eigene Ruhe und zu viel Verstand für das, was er sich erlaubt zu denken.
Ein Mann, der seinen Dienst getan hat, als wäre es das Einzige, was ihm noch geblieben war. Weil es das war.
Mir ist allerdings zuerst aufgefallen, was er nicht getan hat.
Er hat nicht viel geredet.
Hat nicht geklagt.
Hat nicht um Aufmerksamkeit gekämpft, nicht um Gunst, nicht um irgendetwas.
Er ist aufgetaucht, hat seine Arbeit gemacht, hat gebrummt, wenn man ihn direkt angesprochen hat und ist wieder verschwunden. Ein Mann, der Raum einnimmt ohne Anspruch darauf, gesehen zu werden.
Das fällt auf. Mehr als die meisten denken.
Und irgendwann bekam ich dann einen Blick hinter die stoische Fassade. Das was ich dort sah, kam mir bekannt vor. Das Gesicht von jemandem, der morgens aufsteht, nicht weil er einen Grund hat, sondern weil Liegenbleiben keine Option ist, die er sich erlaubt.
Und das Zittern seiner Hand, das habe ich auch gesehen. Er hat trotzdem funktioniert.
Das waren Dinge, die mir an ihm aufgefallen sind, weil es als Hauptmann meine Aufgabe ist zu beobachten. Nicht die Wunden, nicht das Schweigen, nicht das, was er mit sich herumträgt wie einen Stein, den man irgendwann nicht mehr spürt, weil er immer da ist. Sondern die Tatsache, dass er trotzdem da war. Jeden Tag. Zuverlässig wie eine Uhr, die niemand aufgezogen hat, die aber weiterläuft, weil Aufhören keine Frage ist, die sie sich stellt.
Und dann sein Glaube.
Das hat mich am meisten überrascht. Ein Mann, dem das Leben das genommen hat, was er geliebt hat und Alatar ist trotzdem geblieben. Nicht als Trost, nicht als schönes Bild an einer Wand. Sondern als Fundament. Als das Einzige, worauf er noch stand, wenn alles andere Boden weggebrochen war.
Und ich habe gedacht: Der hat mehr bezahlt für seinen Glauben als die meisten, die laut darüber reden. Und er redet nicht einmal darüber. Er lebt ihn einfach. Leise, verbissen, ohne Publikum.
Das ist die Art von Glaube, die ich verstehe.
Und irgendwo zwischen dem Schweigen, dem Gebrumme und den Abenden mit Planungen und Vorbereitungen, habe ich begonnen, ihn wirklich zu sehen. Nicht den Mann, der gebrochen war, sondern der Mann, der trotzdem noch stand. Und langsam, Gespräch für Gespräch, Dienst für Dienst, hat er angefangen, mich auch zu sehen. Das war der Anfang.
Menschen zu durchschauen ist keine Kunst, die man lernt. Entweder man sieht Menschen, oder man sieht sie nicht. Ich sehe sie. Und was ich in Soiradur gesehen habe, war das, was ich bei den meisten vermisse: eine innere Linie. Nicht die aufgesetzte Ehre derer, die in hellen Hallen aufgewachsen sind und nie vor der Wahl standen, sie zu brechen.
Sondern etwas Echtes. Etwas, das man nicht lehrt, sondern das einfach da ist, wie eine Wurzel unter dem Boden, unsichtbar, aber der Grund, warum der Baum noch steht.
Und ich wusste es bald: Soiradur wird den Weg eines Ritters gehen.
Nicht als Wunsch. Als Feststellung. So wie man feststellt, dass es gleich regnen wird, weil der Himmel die richtige Farbe hat. Manche Menschen tragen ihre Zukunft vor sich her, ohne es zu wissen. Soiradur hat das. Er trägt sie wie eine Klinge, die noch nicht gezogen wurde. Man sieht sie nicht, aber man weiß, dass sie da ist.
Das Problem war, dass er sie nicht ziehen wollte.
Verantwortung ist eine merkwürdige Sache. Manche Menschen greifen danach wie nach Wasser, wenn sie Durst haben, instinktiv, ohne nachzudenken. Andere sehen sie kommen und treten einen Schritt zur Seite, nicht aus Feigheit, sondern weil sie sehr genau wissen, was sie bedeutet. Was sie kostet.
Soiradur wusste es. Und er wollte noch nicht zahlen.
Das habe ich verstanden. Wirklich verstanden, nicht so, wie man etwas versteht, das man gleich wegdiskutieren will. Ich war auch einmal an diesem Punkt, irgendwo zwischen Wut und dem Wunsch, dass die Welt einfach aufhört, Dinge von einem zu verlangen. Es ist eine legitime Haltung. Sie hat nur einen Fehler: die Welt fragt nicht, ob man bereit ist.
Und ich hatte keine Zeit, zu warten, bis er es von selbst herausfand.
Die Schreine. Soiradur. Die Bruderschaft. Sein Weg. Das alles lag vor mir und ich habe lange genug in meinem Leben auf Karten gestarrt, um zu wissen, wie man Dinge zusammenführt, die noch nicht wissen, dass sie zusammengehören.
Er war die richtige Hand für diese Aufgabe. Nicht ich. Nicht weil ich sie nicht hätte durchführen können, ich hätte. Aber eine Waffe, die immer dieselbe Hand hält, wird berechenbar. Und es gab Dinge, die Darios tragen konnte, die ich nicht tragen sollte. Dinge, die ihn formen würden auf eine Art, die wichtig sein würde für seinen weiteren Weg.
Ich bin den Weg schon gegangen. Er steht noch am Anfang.
Ich bin Schützin. Ich weiß, wie man zielt. Ich weiß auch, dass man manchmal auf etwas anderes zielt, als man vorgibt zu treffen. Es wäre einfacher gewesen, ihn zu fragen. Aber meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass Menschen, die noch nicht wissen, was sie sind, die falsche Antwort geben, wenn man sie fragt. Nicht weil sie lügen, sondern weil sie die Wahrheit noch nicht kennen. Man muss ihnen manchmal den Umweg bauen, auf dem sie sie finden.
Das klingt nach Manipulation. Vielleicht ist es das auch.
Aber ich habe einen Kodex, der sagt, dass ich allein für meine Taten verantwortlich bin. Nicht für die Absicht, nicht für die schöne Verpackung, sondern für das, was am Ende dabei herauskommt. Und was dabei herauskommen würde, wenn ich Soiradur auf diesen Weg zwang, das hatte ich gesehen, bevor er den ersten Schritt gemacht hatte.
Manchmal muss man jemanden in eine Richtung stoßen, weil man weiter sehen kann als er. Manchmal muss man damit leben, dass er es einem nie verzeiht.
Das gehört dazu.
Ich habe die Planung in seine Hände gelegt. Nicht alles auf einmal, so funktioniert das nicht. Man gibt jemandem nicht das ganze Gewicht, wenn er noch nicht weiß, dass er tragen kann. Man gibt ihm ein bisschen.
Wartet.
Gibt mehr.
Und irgendwann trägt er, ohne zu merken, dass er längst angefangen hat.
Die Schreine. Soiradur. Alatar, der hinschaut.
Ein Pfeil fliegt nur einmal.
Aber manchmal schießt man zwei auf einmal und hofft, dass beide treffen. Ich bin Scharfschütze. Ich hoffe nicht.
- Darios Soiradur
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Re: [MMT] Dämmerung der Sieben
Sie bleibt. So bin auch ich willentlich zu bleiben.
Mit jedem Gespräch mit ihr gewinnt das Vorhaben schärfere Konturen. Es wird mehr und mehr zu dem, was der Sache dient. Die Übertragung dieser Aufgabe, die Übertragung ihres Gedankens an mich ist bedeutungsvoll. Es zeigt, was sie ausmacht. Und selbst wenn es scheitert, wäre es nicht sie, die ich enttäusche. Sondern mich. Es wäre Verrat an meiner Verantwortung. Danach weiterzugehen, stünde mir nicht zu.
Zu viert besuchten wir den Hort des Wissens, betrachteten das Modell ihres Baumes. Lenkten ab, zeichneten, hielten fest, was für eine Nachbildung notwendig war. Es war einfach. Nicht weil der Osten durch Dummheit geprägt ist. Simpler: Sie plakatieren ihre Symboliken mit soviel Selbstverliebtheit, dass mir die Galle hochkommt.
Mit diesem Grundstein führte mich mein Weg zu den Handwerkern des Reiches.
Ennika war die Erste, die ich Ansprach. Ihre Fähigkeiten hatte sie der Legion oft genug bewiesen. Sie schuf Kriegswerkzeug, das durch Funktion und Robustheit hervorstach. Doch es war nicht allein das Grobe, womit sie überzeugte. Auch im Kleinen lag ihre Stärke. Ich ließ sie Tablett, Schachbrett und Pfeife fertigen — nicht, um mein Auge an Schönheit zu erfreuen, sondern um ihre Hand auch in der Feinarbeit zu prüfen. Sie überzeugte. Damit war entschieden, wer die Kreation des Modells federführend übernehmen sollte.
Leopold Barthel hingegen war für mich die Wahl, die dem Gedanken an die Tugend Schuld trug. Ein grober Kerl, der gute Fragen stellt. Einer, der hinter die Worte anderer blicken mag und sich selbst kleiner macht als er ist. Er gehörte nicht bevorzugt, aber gesehen. Um selbst wachsen zu können. Ich hoffe, sie werden gemeinsam die Symbolik der Ketzer derart herrichten, dass selbst jene das schändlich geschaffene Bild verstehen würden.
Ardhar war ohnehin die Wahl, wenn es um Stein und Eisen ging. Ein Mann, der den edlen Tropfen gleich dem Grobwerk frönte. Hier lag seine Kleinteiligkeit. Sein Verdienst wurde bereits durch die Alkas honoriert. Er hatte mein Rüstwerk bereits so oft gerichtet, die Klingen bereits so oft geschärft, dass es für mich bei der Richtung der Gegner oft anmutete, als wäre es sein Hammerschlag der, der führt. Auch diese Wahl war eine einfache. Hier hingegen ließ ich offen, für was das Werk gedacht war. Die Symbolik war so einfach und einleuchtend, dass für das Verständnis der Ketzer kein Zweifel offen bleiben würde. An gebrochenen Flügeln eines Adlers und dem Appetit eines Panthers ist wohl wenig falsch zu verstehen.
Für das, was Schrift und Bild auf den durch Dhara errungenen Bannern tragen würde, für die dritte Symbolik, fiel meine Wahl auf Liathe. Meine Kameradin. Zugleich Statthalterin der Stadt des freien Willens. Sie bestätigte mir, was ich brauchte, und überzeugte mich, dass das Schwarz und Rot, an das ich dachte, die Zeit überdauern würde. Selbstredend sagte sie mir ihr Zutun zu.
Melia schließlich würde gemeinsam mit der Garde das Fundament finalisieren. Jeder sollte daran sehen, dass die Größe Alatariens ihren Ursprung nicht in schönen Worten, sondern in jenen Menschen hat. In den Handwerkern. Sie füllen die Kornkammern und schaffen damit die Kraft für Macht. Auf ihnen fußt alles. Sie sind das Fundament, auf dem die anderen Säulen überhaupt erst stehen können. Melia würde die Einmauerung koordinieren. Melia würde den Stein des Glaubens legen, um Frevel zu versiegeln. Wie passend, dass für den Richtspruch der Richter anwesend ist.
Mit den Handwerkern war damit das Fundament gelegt. Nach dem Fundament folgten die Säulen.
Die Selbstverständlichkeit, mit der Serana und Evilyn mir begegneten, war eine weitere Bestärkung auf dem rechten Weg. Die Begehung vor Ort geschah ebenso selbstverständlich wie ihre Zusage. Ihr Plan, ihr Entschluss — all das folgte ohne Zögern. Beide sprachen, als hätte es nie einen Zweifel daran gegeben, dass es richtig sei. Keinen Zweifel daran, dass sie die Richtigen seien, dass der Orden der rechte Partner für diese Tugend sei. Frühe Warnung und zusätzliche Zeit bedeuteten langfristige Konsequenz. Ein doppelter strategischer Vorteil, der uns den Raum verschaffen würde, den Verurteilung braucht.
Was zu Grabe gelegt wird, wurde bereits im Vorfeld beendet. Das Gespräch mit den Letharen war erneut eine Erfahrung, die es nicht innerhalb eines Tageslaufs einzuordnen gilt. Jedes ihrer Worte benötigt Reflexion, nicht um Deutung zu erhaschen, sondern um die Tiefe zu verstehen. Dass die Speerspitze durch die Letharen dargestellt und jene wiederum den Tempel repräsentieren wird, gibt Hoffnung, gewisses Licht erlöschen zu lassen und die Sargnägel tief genug einzutreiben. Der Ausblick auf eine einschneidige Erfahrung hinaus macht mir nicht Angst, sondern Mut.
In zwei Tagen würde ich der Bruderschaft vorlegen, was Jynelas Gedanken in mir ausgelöst hatten. Nicht mein Werk. Unseres. Das von Jynela. Das von Lioras, der Garde, den Handwerkern, dem Orden, den Kindern des Herrn selbst. Die Bruderschaft würde dabei ebenso an meiner Seite stehen wie die Garde. Ich hoffe, dass dies der Verantwortung Anker sein wird.
Nicht mehr lange. Dann würden ihre Masken fallen.
Mit jedem Gespräch mit ihr gewinnt das Vorhaben schärfere Konturen. Es wird mehr und mehr zu dem, was der Sache dient. Die Übertragung dieser Aufgabe, die Übertragung ihres Gedankens an mich ist bedeutungsvoll. Es zeigt, was sie ausmacht. Und selbst wenn es scheitert, wäre es nicht sie, die ich enttäusche. Sondern mich. Es wäre Verrat an meiner Verantwortung. Danach weiterzugehen, stünde mir nicht zu.
Zu viert besuchten wir den Hort des Wissens, betrachteten das Modell ihres Baumes. Lenkten ab, zeichneten, hielten fest, was für eine Nachbildung notwendig war. Es war einfach. Nicht weil der Osten durch Dummheit geprägt ist. Simpler: Sie plakatieren ihre Symboliken mit soviel Selbstverliebtheit, dass mir die Galle hochkommt.
Mit diesem Grundstein führte mich mein Weg zu den Handwerkern des Reiches.
Ennika war die Erste, die ich Ansprach. Ihre Fähigkeiten hatte sie der Legion oft genug bewiesen. Sie schuf Kriegswerkzeug, das durch Funktion und Robustheit hervorstach. Doch es war nicht allein das Grobe, womit sie überzeugte. Auch im Kleinen lag ihre Stärke. Ich ließ sie Tablett, Schachbrett und Pfeife fertigen — nicht, um mein Auge an Schönheit zu erfreuen, sondern um ihre Hand auch in der Feinarbeit zu prüfen. Sie überzeugte. Damit war entschieden, wer die Kreation des Modells federführend übernehmen sollte.
Leopold Barthel hingegen war für mich die Wahl, die dem Gedanken an die Tugend Schuld trug. Ein grober Kerl, der gute Fragen stellt. Einer, der hinter die Worte anderer blicken mag und sich selbst kleiner macht als er ist. Er gehörte nicht bevorzugt, aber gesehen. Um selbst wachsen zu können. Ich hoffe, sie werden gemeinsam die Symbolik der Ketzer derart herrichten, dass selbst jene das schändlich geschaffene Bild verstehen würden.
Ardhar war ohnehin die Wahl, wenn es um Stein und Eisen ging. Ein Mann, der den edlen Tropfen gleich dem Grobwerk frönte. Hier lag seine Kleinteiligkeit. Sein Verdienst wurde bereits durch die Alkas honoriert. Er hatte mein Rüstwerk bereits so oft gerichtet, die Klingen bereits so oft geschärft, dass es für mich bei der Richtung der Gegner oft anmutete, als wäre es sein Hammerschlag der, der führt. Auch diese Wahl war eine einfache. Hier hingegen ließ ich offen, für was das Werk gedacht war. Die Symbolik war so einfach und einleuchtend, dass für das Verständnis der Ketzer kein Zweifel offen bleiben würde. An gebrochenen Flügeln eines Adlers und dem Appetit eines Panthers ist wohl wenig falsch zu verstehen.
Für das, was Schrift und Bild auf den durch Dhara errungenen Bannern tragen würde, für die dritte Symbolik, fiel meine Wahl auf Liathe. Meine Kameradin. Zugleich Statthalterin der Stadt des freien Willens. Sie bestätigte mir, was ich brauchte, und überzeugte mich, dass das Schwarz und Rot, an das ich dachte, die Zeit überdauern würde. Selbstredend sagte sie mir ihr Zutun zu.
Melia schließlich würde gemeinsam mit der Garde das Fundament finalisieren. Jeder sollte daran sehen, dass die Größe Alatariens ihren Ursprung nicht in schönen Worten, sondern in jenen Menschen hat. In den Handwerkern. Sie füllen die Kornkammern und schaffen damit die Kraft für Macht. Auf ihnen fußt alles. Sie sind das Fundament, auf dem die anderen Säulen überhaupt erst stehen können. Melia würde die Einmauerung koordinieren. Melia würde den Stein des Glaubens legen, um Frevel zu versiegeln. Wie passend, dass für den Richtspruch der Richter anwesend ist.
Mit den Handwerkern war damit das Fundament gelegt. Nach dem Fundament folgten die Säulen.
Die Selbstverständlichkeit, mit der Serana und Evilyn mir begegneten, war eine weitere Bestärkung auf dem rechten Weg. Die Begehung vor Ort geschah ebenso selbstverständlich wie ihre Zusage. Ihr Plan, ihr Entschluss — all das folgte ohne Zögern. Beide sprachen, als hätte es nie einen Zweifel daran gegeben, dass es richtig sei. Keinen Zweifel daran, dass sie die Richtigen seien, dass der Orden der rechte Partner für diese Tugend sei. Frühe Warnung und zusätzliche Zeit bedeuteten langfristige Konsequenz. Ein doppelter strategischer Vorteil, der uns den Raum verschaffen würde, den Verurteilung braucht.
Was zu Grabe gelegt wird, wurde bereits im Vorfeld beendet. Das Gespräch mit den Letharen war erneut eine Erfahrung, die es nicht innerhalb eines Tageslaufs einzuordnen gilt. Jedes ihrer Worte benötigt Reflexion, nicht um Deutung zu erhaschen, sondern um die Tiefe zu verstehen. Dass die Speerspitze durch die Letharen dargestellt und jene wiederum den Tempel repräsentieren wird, gibt Hoffnung, gewisses Licht erlöschen zu lassen und die Sargnägel tief genug einzutreiben. Der Ausblick auf eine einschneidige Erfahrung hinaus macht mir nicht Angst, sondern Mut.
In zwei Tagen würde ich der Bruderschaft vorlegen, was Jynelas Gedanken in mir ausgelöst hatten. Nicht mein Werk. Unseres. Das von Jynela. Das von Lioras, der Garde, den Handwerkern, dem Orden, den Kindern des Herrn selbst. Die Bruderschaft würde dabei ebenso an meiner Seite stehen wie die Garde. Ich hoffe, dass dies der Verantwortung Anker sein wird.

Nicht mehr lange. Dann würden ihre Masken fallen.
- Jynela Dhara
- Beiträge: 629
- Registriert: Montag 28. Dezember 2020, 18:02
Re: [MMT] Dämmerung der Sieben
Was man nimmt. Was man zurücklässt.
Es gibt Aktionen, die kompliziert sind, weil die Lage es verlangt. Und es gibt Aktionen, die kompliziert sind, weil man sich selbst eine Grenze gesetzt hat, die man nicht überschreiten will und dann trotzdem einen Weg finden muss, das Ziel zu erreichen.
Das hier war beides.
Für einen der Schreine brauchten wir eine Hand. Nicht im übertragenen Sinne, nein, eine echte Hand. Um genau zu sein, die eines Regimentlers.
Barbarisch?
Ja.
Ohne Zweifel. Ich werde nicht so tun, als wäre es das nicht.
Ich habe vor genug Türen gestanden, um zu wissen, was Tod bedeutet. Habe geklopft, habe gewartet, habe gesehen, wie sich ein Gesicht verändert, bevor man auch nur den Mund aufmacht. Habe es selbst durchlebt, auf beiden Seiten dieser Tür. Tod gehört zum Leben eines Soldaten. Das ist keine verdammte Weisheit, das ist einfach wahr und wer etwas anderes erwartet, hat den falschen Beruf gewählt.
Aber es gibt einen Unterschied zwischen dem Tod, der aus einer Entscheidung folgt, und dem Tod, der aus Gleichgültigkeit entsteht. Zwischen dem Verlust, der einen Grund hat, und dem Metzeln, das keiner braucht.
Dagegen muss man handeln.
In ein paar Tagen würde es soweit sein.
Mitgefühl.
Wieder mal ein wichtiges Wort im Osten.
Aber Mitgefühl gilt nicht nur für die, die man liebt. Mitgefühl kennt keine Ausnahmen, wenn es echt ist. Nicht für die eigenen Leute, nicht für Fremde, nicht einmal für den Feind. Das ist der Unterschied, ob man etwas lebt, oder nur eine Tugend als Werkzeug sieht. Ein Werkzeug benutzt man, wenn es passt und legt es weg, wenn es unbequem wird. Eine echte Überzeugung trägt man auch dann, wenn sie schmerzt. Gerade dann. Das hat mich das Leben gelehrt, das hat mich der Eine gelehrt.
Ich glaube nicht an die Tugenden des Ostens. Aber ich glaube daran, dass man das, was man predigt, auch dann leben muss, wenn niemand applaudiert. Wenn es kostet. Wenn der, dem man hilft, derjenige ist, den man am liebsten im Stich lassen würde.
Das ist der Maßstab. Nicht die Schreine. Nicht die schönen Worte.
Und das wird die Aussage sein, die wir hinterlassen werden.
Der Osten kommt auf unseren Boden und tötet unsere Wachen. Nicht weil es nötig wäre. Nicht weil es taktisch klug wäre. Das ist in den letzten Jahren, aber vor allem in den letzten Wochen zu einem Muster geworden, zu ihrem Werkzeug. Vielleicht ihre Art zu sagen: Wir waren hier und ihr seid nichts.
Ich habe zu viele Menschen brennen sehen, weil jemand aus dem Osten entschieden hat, dass Hindernisse aus dem Weg geräumt werden. Ich hatte nicht vor, dasselbe zu tun und es anders zu nennen, wenn man mich nicht dazu zwingt. Wenn wir anfangen, uns mit der Methode unserer Feinde zu rechtfertigen, dann haben wir bereits verloren, auch wenn wir die Schlacht gewonnen haben.
Also war die Regel für diesen Abend klar: die Wache lebt.
Das macht eine solche Aktion nicht einfacher. Es macht sie präziser. Und Präzision ist eine Frage der Vorbereitung.
Es wurde lange ausgekundschaftet.
Das klingt unspektakulär und das ist es auch. Es bedeutet: Tage, in denen man wartet und beobachtet und zählt. Wachrhythmen. Ablösungen. Gewohnheiten. Menschen haben Gewohnheiten, auch Soldaten. Gerade Soldaten, weil Routine das Einzige ist, das in einem unruhigen Leben Struktur gibt. Man lernt diese Gewohnheiten kennen, und dann plant man um sie herum.
Am Ende war die Entscheidung einfach. Ein Wirtshaus. Eine Wache. Und ein Hund.
Wir trafen uns kurz in der Burg der Bruderschaft. Shasul, Vasai, Soiradur und ich. Keine langen Reden, keine Wiederholung von Dingen, die bereits besprochen waren. Wer gut vorbereitet ist, muss sich im letzten Moment nicht mehr groß erklären. Das ist das Ziel jeder Vorbereitung: dass der Moment selbst keine Überraschungen mehr enthält.
Zwei Schüsse.
Zuerst der Hund. Dann der Wachmann.
Ich sage das so, als wäre es wenig. Als wären zwei Schüsse in der Nacht, auf zwei verschiedene Ziele, mit zwei Pfeilen in einer Abfolge, die keinen Herzschlag Spielraum hat, eine Selbstverständlichkeit. Für manche vielleicht. Für mich ist es das, was es ist: Mein Leben. Jahrelang geübtes, teuer bezahltes Talent. Beinahe wie ein Handwerk, das dann funktioniert, wenn man aufgehört hat, darüber nachzudenken.
Lähmungspfeile sind eine Wissenschaft für sich. Der Winkel, die Tiefe, die Stelle am Körper, wo sie sitzen müssen, damit sie das tun, was man von ihnen will und nicht mehr. Zu flach, und der Wachmann schläft eine Stunde. Zu tief und er wacht gar nicht mehr auf. Der Hund war die kleinere Herausforderung, nicht weil er unwichtig war, sondern weil er berechenbarer war. Tiere reagieren ehrlicher als Menschen. Sie stellen sich nicht, sie laufen nicht auf Befehl, sie tun, was ihr Instinkt ihnen sagt.
Ich habe den Hund zuerst genommen, weil Instinkt schneller ist als Verstand.
Der Wachmann hatte keine Zeit mehr zu begreifen, was passiert war, bevor er es auch schon nicht mehr konnte. Der Hund sackte lautlos zusammen. Kein Laut, kein Lärm, kein Chaos.
Zwei Schüsse. Zwei Ziele. Eine Bewegung, die aufgehört hat, Bewegung zu sein und einfach nur noch Atem ist. Das ist alles, was Präzision bedeutet.
Ich sage das so nüchtern, weil es so war. Es gab keinen Herzschlag zu viel, keine Bewegung, die nicht geplant war. Tanara und Darios waren bereits in Bewegung, bevor der zweite Pfeil die Sehne verlassen hatte. Shasul folgte auf dem Fuß. Jeder an seiner Stelle, jeder mit dem Blick auf das, was als nächstes kam.
Wir wollten alle keine unnötige Zeit verschwenden.
Nicht weit von Junkersteyn am Fluss stand ein kleiner Unterstand. Fischer räuchern dort ihre Fänge, einfache Konstruktion, abgelegen genug und vor allem: Ein stetig brennendes Feuer in dem wir bereits das Kautereisen platzieren konnten, bevor wir zum eigentlich Ziel aufbrachen. Vorbereitung bedeutet, an die Dinge zu denken, die man nicht vergessen will, wenn man mittendrin steckt.
Darios hat nicht gezögert. Das war der Moment, an dem ich gewusst habe, dass ich richtig gelegen hatte mit dem, was ich in ihm sehe. Es gibt Menschen, die in der Theorie alles richtig machen und dann im entscheidenden Moment einen Herzschlag zu lang warten. Nicht aus Feigheit, sondern weil der Körper aufholt, was der Kopf bereits entschieden hat. Darios hat diesen Herzschlag nicht gebraucht. Die Knochensäge war in seiner Hand und er hat getan, was getan werden musste. Sauber. Schnell.Und dann, das war das Detail, das ich nicht erwartet hatte, obwohl ich es hätte erwarten können, hat er die Hand so positioniert, dass ich direkt dran kam. Keine Absprache. Kein Wort. Er hatte einfach mitgedacht, einen Schritt weiter als den, den er gerade machte.
Das macht einen guten Soldaten aus. Nicht die Stärke. Nicht der Mut. Sondern das: dass man im schlimmsten Moment noch an denjenigen denkt, der neben einem steht.
Ich habe das Kautereisen genommen.
Und da war er: der Geruch. Verbranntes Fleisch hat eine Qualität, die man nicht beschreiben kann, wenn man sie nicht kennt und die man nicht vergisst, wenn man sie kennt. Er setzt sich fest, hinter den Augen, unter der Haut, in einem Ort, den man nicht erreicht, egal wie oft man sich die Hände wäscht. Ich kenne ihn zu gut. Aus Zeiten, die ich nicht laut benenne, aus Momenten, die ich trage: still, verbissen, ohne Publikum. Und scheinbar nicht nur ich.
Ich wusste nicht, was in ihm hochgekommen ist in diesem Moment. Es war nicht der Augenblick für Fragen, nur sehe ich manchmal mehr als ich sollte. Und in diesem Moment sah ich die Bewegung des Kiefers unter der Maske, die Art, wie er für einen einzigen Herzschlag ganz still wurde, so wie Menschen still werden, wenn sie etwas wegschieben, das größer ist als der Augenblick.
Ich kenne dieses Still werden.
Ich habe es selbst getan, eine Sekunde später, als der Geruch mich eingeholt hat und darunter etwas aufgestiegen ist, das ich schon lange nicht mehr an die Oberfläche gelassen habe. Bilder, die man nicht wegdenken kann. Geräusche, die man nicht überhört. Das, was vom Krieg bleibt, wenn der Krieg längst vorbei ist.
Wir haben beide nicht weggeschaut.
Nicht aus Gleichgültigkeit. Nicht weil es uns nichts ausgemacht hätte. Sondern weil wir entschieden hatten, dass dieser Mann lebt - und eine Entscheidung ist keine Entscheidung, wenn man sie nur trifft, solange sie bequem ist. Also haben wir sie gehalten. Beide. Jeder mit seinem eigenen Albtraum im Nacken, jeder mit dem Gesicht eines Menschen, der gerade etwas tut, das er nicht vergessen wird.
Im Namen Alatars.
Darios hat nicht gezittert. Ich auch nicht.
Das ist das Holz, aus dem man geschnitzt sein muss, wenn man diesen Weg geht. Nicht das Holz, das nie brennt - sondern das, das brennt und trotzdem steht.
Dann haben wir ihn zurückgelegt.
Nahe der Brücke, nah genug an Junkersteyn, dass er sich, wenn er zu sich kommt, selbst dorthin schleppen kann. Oder gefunden wird. Beides war möglich. Beides war eingeplant.
Er hatte eine Hand weniger als vorher. Aber er hatte noch sein Leben. Und bei ihm einfaches Stück Pergament. “Wer Hand an meine Frau legt, verliert sie.”
Die Worte haben mich tatsächlich zum Schmunzeln gebracht. Am Ende war es egal, ob sie es glauben würden, oder nicht. Keiner von uns war in Uniform, keiner war auffällig gekleidet. Eine Bande Räuber, vielleicht bezahlt, die agiert hatten.
Auf dem Rückweg hat niemand viel geredet.
Das ist keine Schwäche. Das ist das Gegenteil davon. Menschen, die nach einer Aktion reden müssen, verarbeiten noch. Menschen, die schweigen können, haben bereits verstanden, was passiert ist, und lassen es einfach sein, was es ist.
Wir vier wussten, was wir getan hatten. Wir wussten, warum. Und wir wussten, dass kein Wort der Welt das eine oder das andere größer oder kleiner machen würde, als es war.
Die Hand hatten wir.
Und der Wachmann aus Junkersteyn würde irgendwann aufwachen. Er würde sich nach Junkerstein schleppen, oder gefunden werden und irgendwann würde jemand entscheiden müssen, was man mit ihm macht. Wie man ihn versorgt. Ob man ihn versorgt. Das Ketzerreich würde eine Antwort geben müssen. Vor seinen eigenen Leuten. Vor den Männern und Frauen, die an die Tugenden glauben, die man ihnen gepredigt hat. Die glauben, weil man ihnen gesagt hat, dass sie es sollen, nicht weil sie je gesehen haben, was dahinter steckt, wenn die Worte aufhören und die Entscheidungen anfangen.
Vielleicht würden manche von ihnen hinsehen.
Vielleicht würden manche anfangen zu fragen.
Das war der Punkt. Nicht die Hand, nicht der Schrein, nicht die Aktion selbst. Sondern die Frage, die wir hinterlassen hatten, wie einen Splitter unter der Haut — unsichtbar, unscheinbar, und trotzdem da. Immer da. Tiefer, je länger man ihn ignoriert.
Wir waren nicht die ersten, die etwas in Bewegung gesetzt hatten, das größer war als sie selbst.
Aber wir hatten unsere Arbeit getan.
Den Rest erledigt die Zeit.

- Darios Soiradur
- Beiträge: 33
- Registriert: Mittwoch 23. April 2014, 21:20
Re: [MMT] Dämmerung der Sieben
Das Tor der Feste Grünwaids stand offen. Knappe Vasai und die Scharfschützin hatten sich bereits für unser heutiges Treffen eingefunden. Für mich war es noch immer ein seltsames Gefühl, den Torbogen zu durchschreiten und mich innerhalb der Gemäuer der Bruderschaft zu bewegen. Vielleicht würde ich mich nie daran gewöhnen können. Alles hier schmeckte und roch nach Verantwortung, die über die eigene weit hinausging.
Das Begrüßungsgebaren brachte ich rasch hinter mich und wir begannen, über das Vorhaben des heutigen Abends zu sprechen. Worte wiegen schwer, und so entschied ich mich, wie gewohnt, für möglichst wenige.
Junkersteyn. Schwingenstein. Möglichkeiten, Wege und Hindernisse. Zwei Wachen auf der einen Seite, ein Wachposten und ein Wachhund auf der anderen. Jeder Ort barg Vor- und Nachteile, und jeder einzuschlagende Weg brachte neben Blut auch Risiko mit sich. Der Gedanke daran, für die Sache einen Hund zu opfern, wog schwerer als die Bereitschaft, gleich zwei Männern das Leben zu nehmen, sollte es scheitern. Kein Mitleid gegenüber dem Hund in dem Sinne. Aber das Wissen darüber, dass jenes Tier sich niemals für ein bestimmtes Banner entschieden hatte. Es folgt eben nur der Hand, die es füttert.
Die Scharfschützin hatte die Orte ausgekundschaftet. Der Plan war, zu betäuben, zuzuschlagen, abzutrennen und abzuziehen. Simpel und doch bedeutsam für Späteres. Simpel und doch risikoreich, sollten wir einen Alarm auslösen. Mit dem Erscheinen des Ahads begann die ursprüngliche Besprechung, die für diesen Abend angedacht war.
Ich legte dar, was wir in den kommenden Tagen vorhatten. Die Pläne über die Schändungen wurden ausgeführt, erläutert. Die Botschaften dahinter ergaben ein klares Bild. Die Einmauerung, die Auslöschung, jedes einzelne zu setzende Zeichen entgegen ihrer frevelhaften Gedanken. Der Ahad hörte zu, nickte ab und an Gewisses ab. Die Scharfschützin war so oder so im Bilde und auch Knappe Vasai hatte durch die Garde bereits das eine oder andere Offensichtliche mitbekommen. Und so stand am Ende nicht bloß ein Plan für diese eine Nacht, sondern das Abbild eines größeren Vorhabens, das noch weit größere Vorboten in sich trug. Krieg lag als Möglichkeit im Raum. An dieser, sich an die Tage der Umsetzung anschließenden Möglichkeit, bestand keine Blindheit. Ein Zurückweichen würde indes niemals in Frage kommen.
Nach der Besprechung vermummten wir uns. Nicht aus Angst, sondern zur Finte. Dunkle Stoffe, Masken, Kapuzen. Nichts, was auf Rahal, die Bruderschaft oder die Legion hätte schließen lassen. Nur vier Schatten, die sich durch die Lande des Feindes bewegen würden. Ich prüfte sowohl Rüstung als auch Werkzeug. Bereitete den Brief als Mitgift vor. Prüfte die Zähne der Knochensäge, die alsbald ihren Einsatz an menschlichem Fleisch finden würde. Der Himmel war uns an diesem Abend gnädig und dämpfte durch den vorherigen Regen unsere Umgebung in mattes Licht.
Vier „bunte“ Personen stiegen an diesem Abend aus der Kutsche. Einer von ihnen trug gar Waffengurte und Farben, die regimentseigen anmuteten. An einer Feuerstelle bereiteten wir vor. Mit Holz wurde die Glut neu geschürt. Das Kautereisen fand Platz in der Kohle. Unser Weg führte uns über die schmale Brücke.
Hinter der Hauswand in Junkersteyn, an der Taverne, warteten wir im Schatten.
Der Scharfschützin oblag der Auftakt. Der erste Pfeil traf den Hund. Der zweite die Wache. Kein großes Schauspiel, kein dramatisches Ringen. Nur zwei präzise gesetzte Urteile. Als ihr Zeichen kam, stürzten wir vor. Tanara war schnell am Mann und sicherte mit gezielten Schlägen nochmals ab. Wir packten zu, schleppten Hund und Mann fort. Weg von Blicken, weg von Fragen, hinüber zur vorbereiteten Stelle.
Dort wurde aus dem Plan Wirklichkeit.
Wir ließen die Wache zu Boden. Ich legte die Hand auf, schob den Arm so, dass das Gelenk richtig lag. Ein Stock fand Platz zwischen seinen Zähnen. Dann setzte ich die Knochensäge an. Ich erinnere mich nicht an jeden einzelnen Zug, aber ich erinnere mich an das Geräusch. Dieses nasse, widerwärtige Arbeiten von Metall durch Fleisch und Knochen. Es ist eine Art Laut, die man nicht vergisst, selbst wenn man es gerne wollte. Ich habe in meinem Leben genug Verwesung gerochen, genug Wunden gesehen, genug Blut an Händen kleben gehabt, um zu wissen, dass Gewöhnung eine Lüge ist. Man stumpft ab, ja. Aber man gewöhnt sich nicht. Nicht wirklich.
Endlich gab der Knochen unter dem Druck nach.
Ich verstaute die Hand im Beutel und Jynela trat mit dem glühenden Eisen heran. Sie presste es auf die Wunde. Das Zischen war kurz, der Geruch dafür umso länger. Verbranntes Fleisch in kalter Nachtluft. Auch an diesen Geruch, der bereits in der Vergangenheit Erlebnisse einschneidend geprägt hatte, würde ich mich nie gewöhnen.
Wir säuberten, so gut es ging. Zogen die Spuren zurecht. Steckten den Brief zu, damit der Verdacht in eine andere Richtung fiel. Dann brachten wir den Mann und den Hund zurück bis dorthin, wo ihr Auffinden wahrscheinlich genug, aber unser eigener Schatten fern genug sein würde.
Der Plan war aufgegangen. Kein Alarm. Kein offenes Gefecht. Kein Toter, wo keiner nötig war. Zurück in der Feste brachte ich die Hand in die Kühlkammer. Hängte den Beutel auf wie Ware, die auf den nächsten Gebrauch wartet. Ein absurder, kalter Anblick.
Der nächste Schritt würde folgen.
Das Begrüßungsgebaren brachte ich rasch hinter mich und wir begannen, über das Vorhaben des heutigen Abends zu sprechen. Worte wiegen schwer, und so entschied ich mich, wie gewohnt, für möglichst wenige.
Junkersteyn. Schwingenstein. Möglichkeiten, Wege und Hindernisse. Zwei Wachen auf der einen Seite, ein Wachposten und ein Wachhund auf der anderen. Jeder Ort barg Vor- und Nachteile, und jeder einzuschlagende Weg brachte neben Blut auch Risiko mit sich. Der Gedanke daran, für die Sache einen Hund zu opfern, wog schwerer als die Bereitschaft, gleich zwei Männern das Leben zu nehmen, sollte es scheitern. Kein Mitleid gegenüber dem Hund in dem Sinne. Aber das Wissen darüber, dass jenes Tier sich niemals für ein bestimmtes Banner entschieden hatte. Es folgt eben nur der Hand, die es füttert.
Die Scharfschützin hatte die Orte ausgekundschaftet. Der Plan war, zu betäuben, zuzuschlagen, abzutrennen und abzuziehen. Simpel und doch bedeutsam für Späteres. Simpel und doch risikoreich, sollten wir einen Alarm auslösen. Mit dem Erscheinen des Ahads begann die ursprüngliche Besprechung, die für diesen Abend angedacht war.
Ich legte dar, was wir in den kommenden Tagen vorhatten. Die Pläne über die Schändungen wurden ausgeführt, erläutert. Die Botschaften dahinter ergaben ein klares Bild. Die Einmauerung, die Auslöschung, jedes einzelne zu setzende Zeichen entgegen ihrer frevelhaften Gedanken. Der Ahad hörte zu, nickte ab und an Gewisses ab. Die Scharfschützin war so oder so im Bilde und auch Knappe Vasai hatte durch die Garde bereits das eine oder andere Offensichtliche mitbekommen. Und so stand am Ende nicht bloß ein Plan für diese eine Nacht, sondern das Abbild eines größeren Vorhabens, das noch weit größere Vorboten in sich trug. Krieg lag als Möglichkeit im Raum. An dieser, sich an die Tage der Umsetzung anschließenden Möglichkeit, bestand keine Blindheit. Ein Zurückweichen würde indes niemals in Frage kommen.
Nach der Besprechung vermummten wir uns. Nicht aus Angst, sondern zur Finte. Dunkle Stoffe, Masken, Kapuzen. Nichts, was auf Rahal, die Bruderschaft oder die Legion hätte schließen lassen. Nur vier Schatten, die sich durch die Lande des Feindes bewegen würden. Ich prüfte sowohl Rüstung als auch Werkzeug. Bereitete den Brief als Mitgift vor. Prüfte die Zähne der Knochensäge, die alsbald ihren Einsatz an menschlichem Fleisch finden würde. Der Himmel war uns an diesem Abend gnädig und dämpfte durch den vorherigen Regen unsere Umgebung in mattes Licht.
Vier „bunte“ Personen stiegen an diesem Abend aus der Kutsche. Einer von ihnen trug gar Waffengurte und Farben, die regimentseigen anmuteten. An einer Feuerstelle bereiteten wir vor. Mit Holz wurde die Glut neu geschürt. Das Kautereisen fand Platz in der Kohle. Unser Weg führte uns über die schmale Brücke.
Hinter der Hauswand in Junkersteyn, an der Taverne, warteten wir im Schatten.
Der Scharfschützin oblag der Auftakt. Der erste Pfeil traf den Hund. Der zweite die Wache. Kein großes Schauspiel, kein dramatisches Ringen. Nur zwei präzise gesetzte Urteile. Als ihr Zeichen kam, stürzten wir vor. Tanara war schnell am Mann und sicherte mit gezielten Schlägen nochmals ab. Wir packten zu, schleppten Hund und Mann fort. Weg von Blicken, weg von Fragen, hinüber zur vorbereiteten Stelle.
Dort wurde aus dem Plan Wirklichkeit.
Wir ließen die Wache zu Boden. Ich legte die Hand auf, schob den Arm so, dass das Gelenk richtig lag. Ein Stock fand Platz zwischen seinen Zähnen. Dann setzte ich die Knochensäge an. Ich erinnere mich nicht an jeden einzelnen Zug, aber ich erinnere mich an das Geräusch. Dieses nasse, widerwärtige Arbeiten von Metall durch Fleisch und Knochen. Es ist eine Art Laut, die man nicht vergisst, selbst wenn man es gerne wollte. Ich habe in meinem Leben genug Verwesung gerochen, genug Wunden gesehen, genug Blut an Händen kleben gehabt, um zu wissen, dass Gewöhnung eine Lüge ist. Man stumpft ab, ja. Aber man gewöhnt sich nicht. Nicht wirklich.
Endlich gab der Knochen unter dem Druck nach.

Ich verstaute die Hand im Beutel und Jynela trat mit dem glühenden Eisen heran. Sie presste es auf die Wunde. Das Zischen war kurz, der Geruch dafür umso länger. Verbranntes Fleisch in kalter Nachtluft. Auch an diesen Geruch, der bereits in der Vergangenheit Erlebnisse einschneidend geprägt hatte, würde ich mich nie gewöhnen.
Wir säuberten, so gut es ging. Zogen die Spuren zurecht. Steckten den Brief zu, damit der Verdacht in eine andere Richtung fiel. Dann brachten wir den Mann und den Hund zurück bis dorthin, wo ihr Auffinden wahrscheinlich genug, aber unser eigener Schatten fern genug sein würde.
Der Plan war aufgegangen. Kein Alarm. Kein offenes Gefecht. Kein Toter, wo keiner nötig war. Zurück in der Feste brachte ich die Hand in die Kühlkammer. Hängte den Beutel auf wie Ware, die auf den nächsten Gebrauch wartet. Ein absurder, kalter Anblick.
Der nächste Schritt würde folgen.
- Darios Soiradur
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Re: [MMT] Dämmerung der Sieben
Zwei Lügen weniger
Der gestrige Abend wird mir in Erinnerung bleiben.
Wir zogen nicht aus, um bloß Steine zu schänden oder nur ein Feuer zu ersticken, das niemals auf dem Boden des All-Einen hätte brennen dürfen. Wir zogen aus, um ein Zeichen zu setzen. Nicht für mich. Nicht für Lärm oder eitlen Triumph. Sondern für Ihn. Für den All-Einen. Für die Wahrheit auf Seinem Boden.
Als ich die Riege aus Templern, dem Orden und meinen Kameraden vor mir auf dem Heerschauplatz stehen sah, erfüllte mich ein seltenes Gefühl. Meine Worte entsprangen keiner geübten Rede. Sie ergaben sich aus dem, was ich vor mir sah – und aus dem, was längst überfällig war.
Zwei Schandflecke sollten an diesem Abend nicht länger unangefochten auf dem Boden unseres Herrn stehen. Zwei Lügen, hinter denen die Ketzer sich verbergen, sollten vor aller Augen entblößt werden: ihre sogenannte Ehre und ihre sogenannte Geistigkeit.
Unser erstes Ziel war Wetterau. Der Schrein der Ehre.
Das, was sie Ehre nennen, würden wir nicht einfach nur beschädigen. Wir würden es zu Grabe tragen. Ihrer Lüge sollte mit ehrlicher, aufrichtiger Verachtung begegnet werden.
In die Särge legten wir ihre Zeichen hinzu: ein Banner Lichtenthals sowie das Schwert Granns. Er war einst ein treuer Diener der falschen Sache, ehe er die Lüge erkannte. Dinge also, die in ihren Augen für Tugend stehen mögen – für uns aber nichts anderes sind als Beweise dafür, wie gern Schwäche sich in feierliche Worte kleidet.
Dann sprach ich. Ich zitierte eines ihrer Gebete, ihre hohlen Verse.
Diese Worte sprachen von Ehre, von einer Ordnung, die den Feind am Leben lässt, weil man sich an Vorstellungen bindet, die in Wahrheit nichts als Fesseln sind. Vor den Augen aller verbrannte ich den falschen Schrieb. Klarheit sollte Urteil sein.
Ehre, wie sie sie verstehen, ist nichts als Verrat mit schöner Stimme.
Danach trat der Tempel vor.
Die Templer betraten die Brücke und näherten sich der Flamme. Ich sah, wie ihnen die Hitze entgegenschlug. Ich sah, wie der Hass in ihnen wuchs, anstatt sie zurückweichen zu lassen. Aliyahna sprach mit einer Inbrunst, die selbst die Dunkelheit erzittern ließ. Velvyrs Stimme schnitt wie ein Messer durch die Nacht. Horatio sprach, als wolle er die Krone der Ehre eigenhändig von den Köpfen der Ketzer reißen. Und Drin ließ seinen Hass so offen sprechen, dass kein Zweifel an der Wahrheit seiner Worte blieb.
So begann ihr Wirken.
Ich spürte förmlich das Knistern seiner Macht. Ich sah, wie sich die Kraft der Templerschaft bündelte, wie sich Opfergabe und Glaube vereinten und sich gegen jene blaue Flamme richteten, die sich so hartnäckig heilig nannte.
Als die Kugel schließlich zerbarst und das Licht in einem grellen Schlag über die Lichtung brach, gab es für einen Atemzug nichts als Blendung.
Die Schale stand noch, doch die Flamme war versiegt.
Damit war die erste Lüge offenbart.
Gemeinsam verschütteten wir den Zugang. Geröll, Stämme, Steine – wir trugen heran, was wir finden konnten. Die Kameraden schleppten, zerrten, bauten. Denn eine Lüge verschwindet nicht durch Worte allein. Man muss ihr auch den Weg zurück versperren.
Zuletzt stürzten wir unter Anleitung Vasais' die Statuen davor. Gemeinsam.
Am Schrein der Geistigkeit war der Ton ein anderer. Hier ging es ums Schweigen und Einschluss. Um das Ende einer Suche, die niemals zur Wahrheit hätte führen können.
Wir bereiteten die Steine vor. Mörtel wurde angerührt. Meine Kameraden hatten zuvor bereits den Grund gelegt, die Mauer vorbereitet. Sie hatten geschaffen, was an diesem Abend vollendet werden sollte. Abermals erhob ich die Stimme. Diesmal sprach ich über das, was die Ketzer Geistigkeit nennen – diese verlogene Innerlichkeit, dieses Suchen nach Antworten außerhalb Seines Willens, dieses Umherirren im Falschen, das sie Erkenntnis heißen.
Doch ihre Suche endet nicht in Weisheit. Sie endet im Irrtum.
Stein um Stein wurde gesetzt. Der Zugang schloss sich durch Elizio, durch Sayer, durch Melia. Jeder Handgriff war ein weiterer Satz in der Antwort, die wir diesem Ort gaben. Als nur noch die letzte Lücke blieb, bat ich den Scharfschützen, den letzten Stein zu setzen.
Jynela nahm ihn. Sie setzte den Schlussstrich.
Gegen Irrtum. Gegen falsches Wort. Gegen Geist ohne Wahrheit.
Der Orden der Arkorither vollendete schließlich, was wir weltlich begonnen hatten. Medeia, Maya, Serana – ich sah ihrem Wirken zu, soweit ein einfacher Blick es überhaupt erfassen konnte. Linien und Muster zogen sich über das Gemäuer, wirr für das Auge, und doch von einer Härte, die man beinahe erfühlen konnte. Es war, als nähme die Mauer selbst etwas Fremdes, Kaltes und Unerbittliches an. Nicht bloß verschlossen. Versiegelt. Verstärkt. Bereit jeden zu brechen, der sich an ihr vergreifen wollte.
Frühwarnung und Falle zugleich. Besser hätte man diese Lüge kaum beenden können.
Wir hatten nicht nur geschändet. Wir hatten begraben. Wir hatten verstummen lassen. Zwei Lügen weniger auf dem Boden des Herrn.
Ich dankte dem Tempel. Ich dankte dem Orden. Ich dankte meinen Kameraden. Für diesen Tag war das Werk vollbracht.
Später, zurück in Rahal, trat ich in den Tempel und sank ins Gebet. Dort, vor dem Altar, als der Lärm hinter mir verstummt war, wurden die Gedanken wieder klar.

All-Einer,
zwei Lügen sind abgestraft.
Fünf weitere werden folgen.
Unter deiner schützenden Pranke, durch meinen freien Willen.
Durch das gesammelte Volk Alatariens.
zwei Lügen sind abgestraft.
Fünf weitere werden folgen.
Unter deiner schützenden Pranke, durch meinen freien Willen.
Durch das gesammelte Volk Alatariens.
Nicht aus Übermut und nicht aus blinder Wut. Immer jedoch für sie. Für Aelyn. Für Maev. Für ...
Das gestern war erst der Anfang.
- Jynela Dhara
- Beiträge: 629
- Registriert: Montag 28. Dezember 2020, 18:02
Re: [MMT] Dämmerung der Sieben
Was man hinterlässt. Was bleibt.
Darios hatte den Befehl und ….er hat gesprochen. Und das gut.
Die Stimme etwas rau, nicht von Emotion, sondern von mangelnder Übung, was bei ihm dasselbe sein kann oder auch nicht, man weiß es nie genau. Er spricht nicht gerne.
Das ist keine Übertreibung, das ist schlicht eine Tatsache, so wie es eine Tatsache ist, dass er nicht hört, wenn er eigentlich soll und Pfeife raucht, als wäre es eine religiöse Pflicht.
Er würde lieber schweigen. Durch dieses Leben gehen wie durch eine Halle mit hohen Decken: allein, ohne Hall und ohne dass ihn jemand dabei stört.
Manchmal muss ich ihn zwingen.
Nicht laut.
Nicht grob.
Eher so: eine Wand aus Stille oder Provokation, die ich aufbaue und dann einfach stehen lasse, bis er gegen sie läuft. Er weiß, was ich tue. Er kommt mir meist dennoch nicht entgegen. Und ich tue so, als wäre es mir egal und er tut so, als würde er es nicht bemerken. Und irgendwann spricht er dann doch.
Er hasst es. Und ich hasse es, dass ich es tun muss und ich hasse auch ein bisschen, dass es funktioniert. Aber ich tu es dennoch. Immer wieder wenn nötig.
Weil es dazu gehört. Zum Leben. Zu uns.
Es gibt Menschen, die ihre Worte wie selbstverständlich verschenken. Darios ist nicht so einer. Bei ihm ist jedes Wort ein Entschluss. Man merkt es, wenn er spricht, dieses kurze Zögern, oder einfach eine Pause davor, als würde er abwägen, ob es das wert ist. Meistens entscheidet er sich dagegen. Und wenn er sich dann doch dazu durchringt, wenn er etwas rauslässt, das er lieber behalten hätte, dann trifft es anders. Dann sitzt es.
Ich habe gelernt, dass ich ihn manchmal eiskalt dazu bringen muss. Nicht weil ich der Hauptmann, der Scharfschütze bin, nicht weil ich es ihm befehlen kann. Sondern weil ich weiß: Wenn ich warte, wartet er auch. Und dann warten wir beide - aneinander vorbei. bis es zu spät ist, um noch irgendetwas zu sagen, das zählt.
Also stelle ich die Frage, die er nicht will. Oder sage nichts, obwohl er darauf hofft, dass ich anfange. Oder bleibe, wenn er sich schon halb abgewandt hat.
Einfach stehen bleibe, ohne Erklärung, bis er begreift, dass ich nicht weggehe.
Und dann spricht er.
Rau. Widerwillig. Worte die sitzen. Nicht die schönen Worte, nicht die runden, abgeschliffenen — sondern die Ehrlichen. Die ohne Verpackung. Die, die man nicht vergisst, weil sie keinen Umweg genommen haben.
„Ehre im Dienst der Lüge ist nur Verrat mit feierlicher Stimme."
Die Särge standen bereit. Das Schwert. Die Banner, die ich damals bei Berchgard mitgenommen hatte - nicht als Trophäen, sondern weil man manche Dinge nicht zurücklässt. Ich wusste, irgendwann werden wir sie brauchen.
Das Begräbnis der Ehre und zwar nicht als Geste, nicht als Symbol für die, die zuschauen. Als Aussage. Als Antwort auf alles, was der Osten in heilige Worte gekleidet und mit Blut besiegelt hatte. Wir haben es begraben. Feierlich, mit Zeugen, auf alatarischem Boden.
Es hätte vielleicht reichen können. Aber das war nie genug gewesen. Es waren da einige kluge Köpfe im Osten und einige Idioten. Eine Botschaft konnte man durchaus falsch verstehen, egal wie deutlich sie war. Wenn man nicht wollte, würde man irgendeine Scheiße hineininterpretieren.
Es musste noch deutlicher sein. Es musste weh tun.
Was ich gefühlt habe, als die Flamme erlosch?
Ich weiß nicht, wie ich das beschreiben soll und das sage ich nicht oft. Normalerweise finde ich Worte. Das ist einer der wenigen Vorteile davon, dass man viel schweigt und viel beobachtet: Man weiß irgendwann, wie die Dinge heißen und wie man sie benennt. Aber es gibt Momente, die größer sind als jede Benennung und das war einer davon.
Das Licht hat geblendet. Grell und plötzlich, ein letztes Aufbäumen und dann war es weg. Die Schale leer.
Der Schrein ohne Flamme, ohne das blaue Leuchten, das er so lange getragen hatte wie eine Krone, die ihm niemand abgenommen hatte.
Jetzt eine leere Schale. Nichts weiter.
Ich habe sie angestarrt, die leere Schale und für einen Moment war alles still. Für einen Herzschlag, für zwei, verschwand der Lärm, war die Erschöpfung weg und die Gesichter neben mir verblassten. Und dann hat etwas in mir die Entscheidung getroffen, bevor ich dazu kam. So passiert das manchmal. Der Kopf plant und dann meldet sich etwas, das tiefer sitzt und keine Erlaubnis braucht. Lauter als beabsichtigt, rauer als erwartet, aus einem Ort tiefer als der Gedanke, den ich kenne, den ich lebe.
Und meine Stimme die seit einem Jahr klingt wie über zerbrochenes Glas gegossen, rau und brüchig, jedes Wort ein kleiner Kampf, ein Sieg über den Schmerz, den niemand wirklich sieht.
Aber der Eine kennt ihn. Er weiß alles.
Und sie war lauter als je zuvor.
Für Alatar.
Nicht für mich. Nicht für die Garde, nicht für die Bruderschaft, nicht für den Plan, der so lange nur ein Plan gewesen war. Für ihn. Für das, was er mir gegeben hat, ohne dass ich je darum gebeten hätte - einen Grund, noch einen Schritt weiter zu gehen, wenn man eigentlich schon längst hätte aufgeben sollen.
Das war der Moment.
Und er war perfekt.
Düstersee, der zweite Schrein hingegen war anders.
Ruhiger, irgendwie. Als hätte der erste Schrein etwas verbraucht, das jetzt fehlte. Nicht die Entschlossenheit, nicht die Kraft, sondern das Rauschen im Kopf, das einen antreibt, wenn man nicht weiß, ob es klappt. Wir wussten jetzt, dass es klappt. Das macht etwas mit einem.
Die Mauer stand bereits. Die Garde hat gute Arbeit geleistet, so wie sie immer gute Arbeit leistet, wenn man ihr Raum gibt, es zu tun. Ein schmaler Zugang, der jetzt geschlossen werden würde. Darios riss das Ketzergebet in Stücke - gegen Irrtum, gegen falsches Wort, gegen Geist ohne Wahrheit - und ich habe zugesehen, wie die Fetzen fielen und gedacht, dass manche Dinge einfacher sind, als sie aussehen und trotzdem genau das bedeuten, was sie bedeuten.
Und dann hat er mich überrascht.
Ich lasse mich nicht leicht überraschen. Das ist keine Stärke, die ich mir anmaßen will. Es ist einfach so, dass ich es mir angewöhnt habe, die Dinge vorauszudenken, bevor sie passieren, weil das der einzige Weg ist, wie man nicht unvorbereitet erwischt wird. Darios hat mich trotzdem erwischt.
Der letzte Stein in der Mauer sollte von mir gelegt werden.
Und als er mir den Stein in die Hand drückte, geschah das - welch Überraschung - nicht mit vielen Worten. Nicht mit einer Geste, die Aufmerksamkeit suchte. Einfach so. Der Stein in meiner Hand, sein Blick kurz auf mir. Aber in diesem Moment lag alles wichtige.
Das hier gehört dir. Das hast du dir verdient.
Ich kenne den Ursprung dieses Abends besser als irgendjemand sonst. Die Schreine. Ihre Vernichtung. Das hatte ich in mir getragen, lange, so lange, dass es irgendwann aufgehört hatte, eine Idee zu sein und einfach Teil von mir geworden war. Wie eine Narbe, die man vergisst zu zeigen, weil man sie schon zu lange trägt.
Die Idee abzugeben hat mich keinerlei Überwindung gekostet. Das klingt seltsamer als es war. Aber ich habe gewusst, was er daraus machen würde, bevor er es selbst gewusst hat. Das ist das Privileg derer, die beobachten. Man sieht manchmal mehr in einem Menschen als er selbst bereit ist zu sehen.
Und er hat mich nicht enttäuscht.
Er hat die Idee genommen und sie zu etwas gemacht, das größer war als das, was ich ihr gegeben hätte. Das ist sein Talent - nicht dass er Dinge baut, sondern wie.
Als hätten sie nie anders existiert. Als wären sie immer schon da gewesen, wartend auf die Hand, die sie in die richtige Form bringt. Andere Menschen zimmern Pläne zusammen. Darios legt sie frei, als wären sie schon immer im Stein gewesen.
Ich habe das gewusst, als ich ihm alles übergeben habe. Und heute Abend habe ich gesehen, dass ich recht hatte.
Aber der Stein.
Der Stein war sein Weg, mir zu sagen, dass er es weiß. Dass er nie vergessen hat, wo das alles angefangen hat. Er braucht keine langen Erklärungen. Das war seine Anerkennung. Ruhig. Direkt. Ohne Aufhebens.
Ich habe den Stein gesetzt.
Der Orden hat versiegelt. Die schwarzen Zeichen hatten etwas Endgültiges, etwas das schwerer wog als Tinte, sogar schwerer als Stein. Wie ein Mahnmal fanden sie ihren Platz auf der schlichten, einfachen, grauen Mauer. Als wäre ein Satz zu Ende geschrieben worden, der zu lang offen geblieben war.
Ich habe sie angesehen und gedacht: Das ist gut.
Nein, das ist richtig gut. Es ist beeindruckend.
Und als ich den Blick hob, wurde mir klar, was diesen Moment wirklich trug.
Wir waren alle da. Jeder Einzelne.
Die Letharen, still und wachsam aals Speerspitze, bereit für einen Feind, der sich nicht zeigte und dennoch jeden Moment vollkommen präsent.
Der Tempel, der die Flamme nahm und sie zur Ruhe brachte, ruhig, präzise, ohne Drama, so wie es sein sollte.
Der Orden, der mit sicherer Hand das Ende brachte und das Siegel setzte, das so wichtig war, weil es nicht nur verschloss, sondern auch warnen würde.
Die Legion - Bruderschaft und Garde - die längst im Vorfeld alles gelegt hatten, jeden Schritt, jede Bewegung, so sauber, dass es keine Befehle mehr brauchte. Sie funktionierten einfach. Miteinander.
Und auch einzelne wie Gregor Grann. Der einstige Verräter, der das Schwert zu Grabe trug, als hätte es nie einen anderen Weg für ihn gegeben. Ich weiß nicht, was es für ihn bedeutet hat, aber ich weiß was es für mich bedeutet, dabei zuzusehen.
Jeder war Teil dessen, was hier geschehen war und hatte seine Aufgabe erfüllt. Nicht weil sie gezwungen waren, nicht weil jemand es befahl, nein, sie taten es weil sie wussten warum wir dort waren. Wir alle kennen die Tragweite unseres Tuns.
Und genau das war es, was bleiben würde, was hoffentlich die Zukunft und das Handeln des Reiches beeinflussen würde.
Nicht die Mauer. Nicht das Zeichen.
Sondern das, was so selten gelingt und doch immer das eigentliche Ziel gewesen war:
Einheit.
Gemeinschaft.
Im Namen des Alleinen.
Danach, als alles vorbei war, bin ich in den Tempel gegangen.
Allein.
Das war wichtig. Manche Dinge tut man für sich. Nicht weil man eitel ist, nicht weil man Bestätigung sucht, sondern weil man dem, dem man verpflichtet ist, manchmal einfach still gegenüberstehen muss, ohne Publikum, ohne Worte, ohne die Rüstung, die man den Rest des Tages trägt.
Ich habe gekniet und nichts gesagt. Ich muss im Tempel keine Worte aussprechen, weil die Verbindung zum Einen auch wortlos passiert. Das ist genug, manchmal. Einfach da sein. Einfach wissen, dass er hinschaut.
Als ich den Tempel verließ, wartete ich.
Das war eine Entscheidung, auch wenn sie sich nicht so anfühlte. Ich habe mich gegen eine Mauer gelehnt und gewartet, bis Darios auftauchte und ich habe mir nicht die Mühe gemacht, so zu tun, als wäre es Zufall.
Er wirkte erschöpft. Das war fair. Wir alle waren erschöpft, aber bei ihm sah es anders aus. Nicht die körperliche Erschöpfung, sondern die andere. Jene, die entsteht, wenn man zu lange zu viel trägt und dann an einem Tag noch mehr trägt und am Ende nicht mehr weiß, ob man leichter oder schwerer geworden ist. Aber es war die richtige Erschöpfung.
Die, die man verdient hat. Die, die sich anders anfühlt als die Erschöpfung des Scheiterns, des Wartens, des Nicht-Weiterkönnenss, sondern die, die kommt, wenn man ans Ende eines langen Weges tritt und feststellt, dass man noch steht.
Ich kenne dieses Gefühl. Es hat kein gutes Wort, aber man erkennt es sofort im Gesicht eines anderen Menschen, wenn man weiß, wonach man schauen muss.
Er wusste, was er vollbracht hatte. Und das sah man.
Zufrieden?
Er hat genickt. Zu viele Worte, hat er gemurmelt, aber ja.
Ich habe ihm gesagt, dass es gute Arbeit war. Das stimmt — es war eine gute Arbeit. Nicht weil ich ihn loben wollte, sondern weil es wahr ist und weil ich als Hauptmann, als Scharfschütze, als jemand der andere anleitet, der andere lehrt, gelernt habe, dass die Wahrheit ausgesprochen werden muss, wenn sie gilt, nicht nur wenn sie bequem ist.
Ruh dich aus. Das war erst der Anfang. Die wirkliche Prüfung kommt.
Er hat mir gedankt. Fürs Bleiben.
Immer.
Das Wort war raus, bevor ich es hätte zurückhalten können. Ich habe nicht zurückgeschaut.
Ich bin nicht nach Hause gegangen.
Das wäre die vernünftige Entscheidung gewesen: schlafen, ruhen, den Körper das tun lassen, was er nach einem solchen Tag braucht. Ich habe das Pferd gesattelt und bin geritten.
Zurück nach Düstersee. Zurück zur Mauer.
Es war still dort.
Die Art von Stille, die entsteht, wenn ein Ort aufgehört hat, etwas zu sein, das er nicht sein sollte. Der Schrein hinter der Mauer verschlossen, versiegelt und fertig. Die schwarzen Siegel schwach sichtbar im Mondlicht, als würden sie atmen.
Ich bin nahe genug herangetreten, um die Mauer zu spüren, aber nicht nahe genug, um das Siegel zu stören. Manche Dinge respektiert man, auch wenn man sie selbst geschaffen hat.
Dann habe ich den Dolch gezogen.
Der Stein, den ich gesetzt hatte. Den letzten. Ich musste ein wenig suchen, er sah aus wie alle anderen, was vielleicht der Punkt war, dass er sich eingereiht hatte, dass er Teil von etwas Größerem geworden war. Aber ich habe ihn gefunden.
Und ich habe meine Initialen hinein geritzt.
Nicht tief. Nicht sichtbar für jeden, der vorbeiläuft. Nur sichtbar, wenn man weiß, wo man suchen muss und vielleicht nicht einmal dann. In dem Stein, den er mir gegeben hatte, in der Mauer, die auf alatarischem Boden stand, über einem Schrein, der schweigen würde.
Ich habe die Hand einen Moment auf dem Stein gelassen, nachdem ich fertig war.
Das ist der Unterschied zwischen Dingen, die man tut und Dingen, die man meint. Man lässt die Hand liegen. Man hält inne. Man lässt zu, dass der Moment das ist, was er ist, ohne ihn weiterzuschieben, ohne schon an das nächste zu denken.
Der Stein war kalt unter meiner Hand.
Und ich habe gedacht: Ich war hier. Nicht als Hauptmann, nicht als Waffe, nicht als Schütze oder Werkzeug oder Name in einem Befehl. Ich. Jynela Dhara, die im Dreck aufgewachsen ist und Wörter gesammelt hat, weil sie nichts anderes hatte. Die gelernt hat, was Tugenden verbergen können, wenn man sie falsch trägt.
Ich war hier. Und das hier bleibt.
Irgendwann bin ich aufgestanden, habe das Messer weg gesteckt und bin zum Pferd zurückgegangen.
Die wirkliche Prüfung kommt noch. Das habe ich Darios gesagt und es stimmt. Fünf Schreine noch und der Weg wird nicht leichter werden. Es wird Gegenwehr geben. Es wird Momente geben, in denen man nicht weiß, ob man richtig liegt.
Und es wird Entscheidungen geben, die man allein tragen muss, auch wenn man nicht allein ist.
Das gehört dazu.
Aber heute Nacht, auf dem Rückweg durch die Stille, habe ich etwas getragen, das kein Gewicht hat oder vielleicht das Gegenteil davon. Etwas, das einen nicht drückt, sondern hält.
Zwei Schreine.
Und irgendwo in einer Mauer, beim Schrein vor dem Düstersee, zwei Buchstaben in einem Stein.

- Edora
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- Registriert: Sonntag 15. Juli 2018, 21:09
- Wohnort: Berlin
Re: [MMT] Dämmerung der Sieben
Später kommt eine Gardistin zurück zur Mauer.
In der Hand einen kleinen Meissel und einen kleinen Hammer.
Damit hämmert sie an einer Sichtbaren Stelle in den Stein ein Gesicht was die Zunge Raus steckt und mit dem Finger das untere Augenlied herunter zieht.
Darunter kommt dann nur ein Reines E.
Danach verschwindet sie lachend den Ort wieder
In der Hand einen kleinen Meissel und einen kleinen Hammer.
Damit hämmert sie an einer Sichtbaren Stelle in den Stein ein Gesicht was die Zunge Raus steckt und mit dem Finger das untere Augenlied herunter zieht.
Darunter kommt dann nur ein Reines E.
Danach verschwindet sie lachend den Ort wieder
- Christine Lorene
- Beiträge: 40
- Registriert: Freitag 30. Oktober 2020, 12:09
Re: [MMT] Dämmerung der Sieben
Die Nacht im Forst vor Düstersee war von einer schweren, fast greifbaren Stille erfüllt. Nur das ferne Knacken von Unterholz und das Rascheln ihres üppigen, rubinroten Mantels begleiteten ihren Weg zurück zu dem Ort, an dem die Legion den Ketzertempel endgültig zum Schweigen gebracht hatte. Die massive Mauer ragte wie ein grauer Riese zwischen den uralten Stämmen auf, kalt und zweckmäßig.
Doch für Christine war dieses Bauwerk mehr als nur eine Barriere. Es war eine Bühne.
Sie trug den Federhut mit einer fast königlichen Arroganz, die Feder wippte im Takt ihrer federleichten Schritte. An einer strategisch gewählten Stelle, genau dort, wo das Mondlicht die raue Oberfläche des Gesteins in silbernes Licht tauchte, hielt sie inne. Hier, auf Augenhöhe, sollte ihr Zeichen prangen.
Mit der spielerischen Präzision einer Bildhauerin setzte sie die goldene Münze an. Es war kein einfacher Stein, sondern ein poliertes Stück Metall, das im Dunkeln fast von selbst zu leuchten schien – der Inbegriff von High-Gloss-Eleganz inmitten von Schmutz und harter Arbeit. Mit kräftigem Druck presste sie die Plakette in den noch frischen Mörtel einer vorbereiteten Vertiefung.
Das kunstvoll gravierte „CL“ funkelte provokant. Es sah aus wie die Signatur eines Meisters auf einem Gemälde, das er eigentlich verachtet, aber dennoch als sein Eigentum betrachtet. Ein sardonisches Lächeln umspielte ihre smaragdgrünen Lippen, während sie mit den Fingerspitzen über die kühle Glätte des Goldes fuhr.

Sie hatte mit den Kameraden geschuftet, gelacht und geflucht, doch mit dieser Münze verwandelte sie den gemeinschaftlichen Dienst in ein monumentales Stück Selbstdarstellung. Wer auch immer in den kommenden Jahren an dieser Mauer vorbeikäme, würde nicht an die gesichtslosen Soldaten denken. Sie würden das Gold sehen und wissen: Christine war hier.
Doch für Christine war dieses Bauwerk mehr als nur eine Barriere. Es war eine Bühne.
Sie trug den Federhut mit einer fast königlichen Arroganz, die Feder wippte im Takt ihrer federleichten Schritte. An einer strategisch gewählten Stelle, genau dort, wo das Mondlicht die raue Oberfläche des Gesteins in silbernes Licht tauchte, hielt sie inne. Hier, auf Augenhöhe, sollte ihr Zeichen prangen.
Mit der spielerischen Präzision einer Bildhauerin setzte sie die goldene Münze an. Es war kein einfacher Stein, sondern ein poliertes Stück Metall, das im Dunkeln fast von selbst zu leuchten schien – der Inbegriff von High-Gloss-Eleganz inmitten von Schmutz und harter Arbeit. Mit kräftigem Druck presste sie die Plakette in den noch frischen Mörtel einer vorbereiteten Vertiefung.
Das kunstvoll gravierte „CL“ funkelte provokant. Es sah aus wie die Signatur eines Meisters auf einem Gemälde, das er eigentlich verachtet, aber dennoch als sein Eigentum betrachtet. Ein sardonisches Lächeln umspielte ihre smaragdgrünen Lippen, während sie mit den Fingerspitzen über die kühle Glätte des Goldes fuhr.

Sie hatte mit den Kameraden geschuftet, gelacht und geflucht, doch mit dieser Münze verwandelte sie den gemeinschaftlichen Dienst in ein monumentales Stück Selbstdarstellung. Wer auch immer in den kommenden Jahren an dieser Mauer vorbeikäme, würde nicht an die gesichtslosen Soldaten denken. Sie würden das Gold sehen und wissen: Christine war hier.
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Avani Sayer
- Beiträge: 17
- Registriert: Montag 8. Mai 2023, 21:06
Re: [MMT] Dämmerung der Sieben
Avani Sayer kniete im Staub, die Hände tief im Mörtel, während die Sonne langsam über den Horizont kroch. Mit ruhigen Bewegungen rührte sie mit Hilfe ihres Kameraden Elizio die zähe Masse an, bis sie die richtige Konsistenz hatte - nicht zu flüssig, nicht zu fest genau wie Grundausbilder Melia es wünschte.
Um sie herum arbeiteten ihre Kameraden schweigend, jeder Handgriff saß, als hätten sie einen solchen Bau schon hundertmal errichtet.
Stein um Stein wuchs die Mauer, die den Ketzerschrein umgeben sollte. Niemand sprach laut darüber
warum dieser Schrein ummauert werden sollte, doch alle spürten die Bedeutung die in der Luft lag.
Zum Schluss wurden noch die Übergänge geglättet und kleine Unebenheiten ausgeglichen wobei ein kleiner Durchlass offen blieb, der erst später zugemauert werden sollte. Die Finger waren bald rau und grau vom Mörtel, doch der Blick blieb konzentriert auf die Arbeit gerichtet.
Als die Nacht hereinbrach, war die Ummauerung vollendet. Sie stand schlicht und stark.
Am nächsten Morgen kehrte Avani allein zurück. Der Tau lag noch auf den Steinen, und die Welt war ruhig. Vorsichtig legte sie ihre Hand auf die Mauer. Der Mörtel war getrocknet, fest wie Fels. Kein Stein wackelte, nichts gab nach. Sie trat einen Schritt zurück und betrachtete das Werk, und zog dann ein kleines aber robustes Messer hervor. An einer unauffälligen Stelle kniete sie nieder und ritzte behutsam ihre Initialen in einem Stein. Kein großes Zeichen, kein lautes Vermächtnis.
Nur ein stilles Wissen: Sie haben etwas geschaffen, was bleiben würde
Dann stand sie auf, steckte das Messer weg und ging, während die Mauer schweigend zurück blieb
Um sie herum arbeiteten ihre Kameraden schweigend, jeder Handgriff saß, als hätten sie einen solchen Bau schon hundertmal errichtet.
Stein um Stein wuchs die Mauer, die den Ketzerschrein umgeben sollte. Niemand sprach laut darüber
warum dieser Schrein ummauert werden sollte, doch alle spürten die Bedeutung die in der Luft lag.
Zum Schluss wurden noch die Übergänge geglättet und kleine Unebenheiten ausgeglichen wobei ein kleiner Durchlass offen blieb, der erst später zugemauert werden sollte. Die Finger waren bald rau und grau vom Mörtel, doch der Blick blieb konzentriert auf die Arbeit gerichtet.
Als die Nacht hereinbrach, war die Ummauerung vollendet. Sie stand schlicht und stark.
Am nächsten Morgen kehrte Avani allein zurück. Der Tau lag noch auf den Steinen, und die Welt war ruhig. Vorsichtig legte sie ihre Hand auf die Mauer. Der Mörtel war getrocknet, fest wie Fels. Kein Stein wackelte, nichts gab nach. Sie trat einen Schritt zurück und betrachtete das Werk, und zog dann ein kleines aber robustes Messer hervor. An einer unauffälligen Stelle kniete sie nieder und ritzte behutsam ihre Initialen in einem Stein. Kein großes Zeichen, kein lautes Vermächtnis.
Nur ein stilles Wissen: Sie haben etwas geschaffen, was bleiben würde
Dann stand sie auf, steckte das Messer weg und ging, während die Mauer schweigend zurück blieb
- Gregor Grann
- Beiträge: 28
- Registriert: Samstag 5. Juli 2025, 12:07
Re: [MMT] Dämmerung der Sieben
Als das Schwert in den Sarg gelegt wurde, hatte Gregor geglaubt, damit würde etwas enden.
Nicht die Vergangenheit. Dafür war sie zu tief in Fleisch und Geist eingebrannt. Nicht die Schuld. Die trug man nicht zu Grabe wie einen Stahl. Aber vielleicht, so hatte er für einen flüchtigen Herzschlag gedacht, würde mit dem Eisen wenigstens ein letzter Rest jener alten Stimme verstummen, die ihn so viele Jahre genarrt hatte.
Doch als seine Finger das Heft verließen und der Blick auf die Flamme fiel, die wenig später erlosch, durchfuhr ihn etwas.
Kein Schlag.
Kein Schmerz.
Eher wie eine feine Nadel, die sich zwischen Rippen und Herz schiebt.
Ein kaum greifbarer Stich in der Brust, so flüchtig, dass er ihn zunächst fast für Einbildung hielt. Doch dann kam es wieder. Nicht im Leib allein, sondern hinter den Augen. In Gedanken, die nicht die seinen waren, oder sich zumindest nicht danach anfühlten.
Ein verschwommenes Bild.
Als trüge jemand eine Laterne durch seinen Geist.
Flackernd. Fern. Und doch aufdringlich.
Dann wieder Leere.
Und mitten in dieser Leere das Gefühl, als sei mit dem verlöschenden Licht auch etwas in ihm selbst erloschen. Nicht Glaube - denn der war längst an anderer Stelle verankert. Eher ein letzter Rest von etwas, das einst Anspruch auf ihn erhoben hatte. Etwas Altes. Etwas, das sich nicht kampflos geschlagen geben wollte.
Sein Kiefer spannte sich.
Die Zähne mahlten aufeinander.
"Hinaus aus meinem Kopf...", presste er leise hervor, rau genug, dass es eher wie ein Knurren klang als wie gesprochene Worte.
Ob es Temora gewesen war, die ihn noch einmal mit ihren Fingern streifen wollte, wusste er nicht. Vielleicht war es nur Erinnerung. Vielleicht Schuld. Vielleicht der letzte Widerhall einer Lüge, die zu lange in ihm gewohnt hatte.
Aber Gregor wusste eines: Was auch immer da nach ihm griff - es kam zu spät. Das Schwert lag dort, wo es hingehörte. Bei den Toten. Bei den Irrtümern. Bei dem, was begraben werden musste. Und so hob er den Blick wieder, atmete hart durch die Nase aus und zwang sich, den nächsten Stein, den nächsten Ruf, den nächsten Handgriff bewusst wahrzunehmen. Nicht das Flüstern sollte über ihn herrschen. Nicht die Bilder. Nicht jene, die meinten, noch immer ein Recht an ihm zu haben.
Mögen sie zischen. Mögen sie sich aufbäumen. Mögen sie ihm Bilder schicken wie Bettler, die vor verschlossener Tür um Einlass winseln.
Die Tür blieb geschlossen.
Denn was Gregor an diesem Abend zu Grabe trug, war nicht nur ein Schwert. Es war ein Stück seines alten Irrweges.
Nicht die Vergangenheit. Dafür war sie zu tief in Fleisch und Geist eingebrannt. Nicht die Schuld. Die trug man nicht zu Grabe wie einen Stahl. Aber vielleicht, so hatte er für einen flüchtigen Herzschlag gedacht, würde mit dem Eisen wenigstens ein letzter Rest jener alten Stimme verstummen, die ihn so viele Jahre genarrt hatte.
Doch als seine Finger das Heft verließen und der Blick auf die Flamme fiel, die wenig später erlosch, durchfuhr ihn etwas.
Kein Schlag.
Kein Schmerz.
Eher wie eine feine Nadel, die sich zwischen Rippen und Herz schiebt.
Ein kaum greifbarer Stich in der Brust, so flüchtig, dass er ihn zunächst fast für Einbildung hielt. Doch dann kam es wieder. Nicht im Leib allein, sondern hinter den Augen. In Gedanken, die nicht die seinen waren, oder sich zumindest nicht danach anfühlten.
Ein verschwommenes Bild.
Als trüge jemand eine Laterne durch seinen Geist.
Flackernd. Fern. Und doch aufdringlich.
Dann wieder Leere.
Und mitten in dieser Leere das Gefühl, als sei mit dem verlöschenden Licht auch etwas in ihm selbst erloschen. Nicht Glaube - denn der war längst an anderer Stelle verankert. Eher ein letzter Rest von etwas, das einst Anspruch auf ihn erhoben hatte. Etwas Altes. Etwas, das sich nicht kampflos geschlagen geben wollte.
Sein Kiefer spannte sich.
Die Zähne mahlten aufeinander.
"Hinaus aus meinem Kopf...", presste er leise hervor, rau genug, dass es eher wie ein Knurren klang als wie gesprochene Worte.
Ob es Temora gewesen war, die ihn noch einmal mit ihren Fingern streifen wollte, wusste er nicht. Vielleicht war es nur Erinnerung. Vielleicht Schuld. Vielleicht der letzte Widerhall einer Lüge, die zu lange in ihm gewohnt hatte.
Aber Gregor wusste eines: Was auch immer da nach ihm griff - es kam zu spät. Das Schwert lag dort, wo es hingehörte. Bei den Toten. Bei den Irrtümern. Bei dem, was begraben werden musste. Und so hob er den Blick wieder, atmete hart durch die Nase aus und zwang sich, den nächsten Stein, den nächsten Ruf, den nächsten Handgriff bewusst wahrzunehmen. Nicht das Flüstern sollte über ihn herrschen. Nicht die Bilder. Nicht jene, die meinten, noch immer ein Recht an ihm zu haben.
Mögen sie zischen. Mögen sie sich aufbäumen. Mögen sie ihm Bilder schicken wie Bettler, die vor verschlossener Tür um Einlass winseln.
Die Tür blieb geschlossen.
Denn was Gregor an diesem Abend zu Grabe trug, war nicht nur ein Schwert. Es war ein Stück seines alten Irrweges.
- Jynela Dhara
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Re: [MMT] Dämmerung der Sieben
Was wir offenlegen. Was wir tragen. Was wir weitergeben.
Zwei Tage danach denkt man anders. Nicht besser, nicht klarer, nur anders.
Der Abstand macht aus Eindrücken Bilder, aus Bildern Gewissheiten. Man legt sich hin und schläft und wenn man aufwacht, ist irgendetwas sortiert worden, ohne dass man dabei war. Der Kopf ist manchmal gnädig auf diese Weise.
Und mit etwas Abstand denke ich an den Abend eher in Einzelbildern zurück, nicht als Ganzes, nicht als Linie und nicht als Abfolge von Ereignissen, die sauber ineinandergreifen. Nicht chronologisch, nicht ordentlich, nicht so, wie man einen Bericht schreibt oder einen Plan aufzeichnet. Eher so, wie Dinge sich ins Gedächtnis brennen, wenn man mittendrin ist und gleichzeitig irgendwie auch daneben steht und zuschaut.
Das passiert mir manchmal, im Kampf, in Momenten, die zu groß sind, um sie einfach nur zu erleben.
Der Kopf macht dann beides: Er handelt. Und er sieht zu.
Ich tue viel bereits intuitiv. Der Blick über die Schulter, fast schon automatisch, weil es mein Platz ist, weil ich weiß, dass Dinge oft nicht dort passieren, wo alle hinschauen. Und dann höre ich das Knirschen von Leder, wenn jemand den Griff festigt, ohne es zu merken. Der Moment, in dem eine Stimme ansetzt und ich schon vorher weiß, wie sie klingen wird. Und gleichzeitig nehme ich Dinge wahr. Ich weiß noch, wie das Banner roch. Verbranntes Holz und der Geruch von Farbe, der sich in die Luft gemischt hatte. Ich weiß noch, wie meine Hand am Sattel lag, locker, aber bereit, wie sie es immer ist, wenn es darauf ankommt.
Und ich weiß noch, wie ich Darios beobachtet habe.
Das ist kein Geheimnis, das ich vor mir selbst hüte. Ich beobachte ihn. Oft. Das ist meine Aufgabe, soweit man es Aufgabe nennen kann, wenn es längst zur Gewohnheit geworden ist, so selbstverständlich wie Atem zu holen. Ich kenne seinen Rücken besser als manche Menschen das Gesicht ihrer Nächsten. Ich kenne die Art, wie er die Schultern trägt, wenn er spricht und glaubt, dass es niemand bemerkt. Ich kenne das kurze Stocken, das manchmal vor einem Satz kommt und ich kenne den Augenblick danach, wenn er sich entschieden hat und die Worte herauskommen, schwer, rau aber präzise wie Pfeile, die ihr Ziel nicht verfehlen. Als Hauptmann ist es meine Aufgabe die Leute zu beobachten, die Potential haben und wenn die restliche Bruderschaft nicht anwesend ist, bleibt diese Aufgabe bei mir.
Und dieser Abend war auf besondere Art und Weise der Abschluss dieser Beobachtungen. Nicht weil er anders war. Sondern weil alles, was er ist, an diesem Abend vollständig sichtbar wurde. Als wären die Schichten, die man um sich baut, für ein paar Stunden schlicht weggefallen, weil es keinen Grund mehr gab, sie zu tragen.
Es gibt einen Ausritt, eine einfache Patrouille, an die ich ab und an denken muss. Wir waren zu zweit, kein Trupp, keine Aufgabe die drängte, nur Pferde und Landschaft und Zeit, die sich anders anfühlt, wenn man sie nicht gegen etwas abzählt. Wir haben geredet. Über die Tugenden des Ostens. Über das, was hinter den Wörtern steckt, die man in hübsche Formen gießt und dann Demut nennt, Tapferkeit, Gerechtigkeit, als wären es Vasen in einem Regal, nicht gelebte Dinge. Ich habe ihm gesagt, was ich sehe, wenn ich hinter diese Wörter schaue. Nicht als Lektion, nicht weil ich glaubte, dass er es nicht wusste, sondern weil man manchen Menschen Dinge sagen kann und es bei ihnen nicht nur ankommt, sondern landet. Tief. Und dort bleibt.
Darios ist so einer.
Er hat damals wenig geantwortet. Das hat mich nicht gewundert und nicht gestört. Er ist kein Mensch, der Ideen laut und sofort weiterdenkt. Er nimmt sie mit, dreht sie um, legt sie weg und findet sie wieder, wenn er bereit ist. Und dann passiert etwas damit. Und als wir vor den Schreinen standen und er gesprochen hat, mit jedem Zerreissen, jedem Bild, das er aufgebaut hat und das mehr sagen konnte als zehn Reden, wurde deutlich, WAS damit passiert war.
"Was sie Demut nennen, ist die Freude des Knechts an seiner eigenen Kette."
Das ist nicht mein Satz. Und es ist nicht sein Satz. Es ist das, was aus einem Gespräch wird, wenn jemand es weiterdenkt, weit über den Punkt hinaus, an dem man es ihm gegeben hat. Wenn jemand eine Idee nicht nur aufnimmt, sondern sie zu etwas macht, das eigene Kanten bekommt, eigene Schärfe, eine Form, die sie nie gehabt hätte, wäre sie bei mir alleine geblieben.
Ich habe zugehört und gedacht: Da ist es.
Nicht mit Stolz, oder doch, ein bisschen, aber das ist nicht das Hauptgefühl. Eher so etwas wie Bestätigung. Die ruhige Art. Das Gefühl, das entsteht, wenn man merkt, dass man jemanden richtig eingeschätzt hat. Dass die Zeit, die man investiert hat, nicht daneben gegangen ist. Dass man weiß, wem man vertraut und dann sieht, dass das Vertrauen berechtigt ist.
Es war auf einmal alles klar. Klar in dem Sinne, dass nichts gewankt hat.
Die Schreine – einer nach dem anderen – und jeder trug seine eigene Lüge. Aber was wir daraus gemacht haben, das war nicht nur Zerstörung. Es wäre einfacher gewesen, sie einfach niederzureißen, alles zu verbrennen und weiterzureiten. Aber das war nie das Ziel. Wir haben sie stehen lassen. Und ihnen genommen, was sie behauptet haben zu sein.
Tapferkeit.
Darios trug das Ketzergebet vor. Laut, mit Verachtung in der Stimme, die man selbst unter dem Helm hörte. Nicht die Verachtung des Zorns, sondern die des klaren Urteils.
Verkohlte Tapferkeit ist nichts als Furcht.
Avani platzierte die Statue am Schrein. Der brennende Baum des Lebens als Symbol. Darios ließ es lodern. Die Botschaft war einfach und sie war vollständig: Das, was der Osten Tapferkeit nennt, ist das Zerbrechen unter dem Gewicht einer falschen Obrigkeit. Wir haben es gezeigt, nicht erklärt.
Demut.
Hier wurden die Puppen aufgestellt. Zwei Holzfiguren, mit Seilen an einen großen Stein gebunden, so positioniert, dass sie scheinbar den Schrein zogen, gebeugt, kniend unter seinem Gewicht. Das Wort KNECHTSCHAFT in blutroten Buchstaben auf den Stein geschmiert.
Die Freude des Knechts an seiner eigenen Kette.
Demut als Tugend, sagen sie. Und hier wurde gezeigt: Sie ist nur Sklaverei, die man sich selbst beibringt, damit man die Ketten nicht mehr spürt.
Mitgefühl.
Mitgefühl ist die Hand, die im entscheidenden Augenblick zögert.
Darios hat es laut gesagt und jeder, der dort stand, hat es verstanden. Ein zerrissenes Ketzergebet blieb zurück. Fetzen auf dem Boden, die geblieben sind, weil Symbole manchmal mehr wiegen als ganze Sätze. Mitgefühl als Schwäche. Als das, was einen innehalten lässt, wenn man handeln müsste. Und mittendrin die Hand der Wache. Auf Eis gelagert und mit einem deutlich empor gereckten, mittleren Finger.
Und spätestens da war eigentlich jedem klar, wie das enden würde, als der Alarm von Adoran losging.
Und die erste, die auftauchte? Helisande von Alsted – allein vor einer Front, die groß genug war, um als schlechte Idee durchzugehen. Die Zügel locker, der Blick ruhig, dieses leichte Kräuseln an der Nase, als hätte sie sich eher verirrt, als bewusst in ein alatarisches Heer zu reiten.
Es war beeindruckend mutig. Leider.
Nicht dieses laute, heldenhafte Beeindruckend, das Barden besingen, bis man ihnen die Laute wegnimmt. Eher diese stille Sorte, bei der man sich fragt, ob das noch Mut ist – oder einfach die konsequente Weigerung, irgendwann mal nachzudenken.
Sie sah uns an, als wären wir das Problem. Was, objektiv betrachtet, nicht einmal völlig falsch war. Und während irgendwo hinter mir schon die ersten Hände an Waffen gingen, stand sie da weiterhin, unbeirrt, als hätte sie beschlossen, dass, wenn schon alles schiefgeht, dann wenigstens ohne Hast.
Man musste es ihr lassen: Wenn jemand mit stoischer Ruhe in etwas hineinreiten konnte, das ganz offensichtlich im Blut enden würde, dann war sie es.
Und genau deshalb wusste jeder von uns in diesem Moment, dass es keinen anderen Ausgang geben würde. Sie war da. Und sie wich nicht. Aber noch hatten wir Arbeit vor uns.
Der Weg nach Bajard kam mir beinahe wie ein Festzug vor. Wir vorran, der Osten, der uns beharrlich folgte, aber zu feige war, um wirklich anzugreifen, hinterher. Vielleicht noch mit der Hoffnung, dass das alles nur ein Albtraum war und wir gleich hinter unseren Grenzen verschwinden würden. Taten wir aber nicht.
Und als sie vor dem Schrein zum Schutz in Formation gingen, war der Befehl zum Kampf unausweichlich.
Ich will ehrlich sein: Es hat sich gut angefühlt. Nicht auf die laute, brüllende Art. Nicht der Rausch, der manche überwältigt, wenn das Blut schneller fließt und alles andere stiller wird. Eher so eine Gewissheit. Ein Klick, der entsteht, wenn etwas, das lange vorbereitet war, nun eintrifft und es so ist, wie es sein sollte. Es kippte innerhalb von einer Sekunde vom Warten ins Tun.
Sie flohen. Wir folgten. Und dann war es vorbei.
So einfach ist es selten und selten fühlt es sich so klar an. Es gibt Kämpfe, die man gewinnt und die trotzdem nicht sauber waren. Zu viel Zufall, zu viel Chaos, zu viele Entscheidungen, die man anders hätte treffen sollen. Das war keiner davon. Die Garde funktionierte. Die Letharen hielten die Linie. Und ich habe meinen Teil getan, ruhig, konzentriert. Aus dem Hintergrund heraus. Ich habe das nie als Einschränkung empfunden, sondern als das, was er ist: Überblick. Man sieht mehr, wenn man nicht mittendrin ist. Man zielt besser, man trifft besser. Und manchmal ist man so tödlicher als viele andere, die im Gewühl nur um sich schlachten. Sauber, schnell, konsequent.
Wir kehrten zurück und Darios brachte zu Ende, was er angefangen hatte.
Gerechtigkeit.
Das was sie Gerechtigkeit schimpfen, ist nichts weiter als Unentschlossenheit.
Durch die Augenbinde fällte Darios ein Urteil. Nicht über die Statue. Über das, was hinter ihr steht. Eine Obrigkeit, die ihre Augen für die Wahrheit schließt und es Tugend nennt. Die Verweigerung eines Urteils ist nicht Weisheit. Sie ist Feigheit in Festgewändern. Ein weiteres zerrissenes Gebet. Diesmal ein Brief, der ungeöffnet in Stücke fiel.
Opferbereitschaft.
Zwei Statuen gegeneinander positioniert. Einen Panther, Augen funkelnd, die Vorderpfoten um etwas Kleines geschlossen. Einen Adler, zerschunden, ein Auge ausgekratzt, ein Flügel gebrochen, zu Boden gebeugt. Daneben das zerrissene Banner Lichtenthals.
Was nicht erhört wird, ist kein Opfer. Es ist reine Verschwendung.
Ich habe diese beiden Statuen angesehen und gedacht, dass es manchmal kein Wort braucht, um etwas vollständig zu sagen. Der Osten bringt Opfer, die niemand empfängt. Sie bluten für eine Obrigkeit, die wegschaut. Der Panther braucht das nicht. Weil der freie Wille kein Publikum braucht, um real zu sein.
Furcht statt Tapferkeit.
Knechtschaft statt Demut.
Schwäche statt Mitgefühl.
Unentschlossenheit statt Gerechtigkeit.
Verschwendung statt Opfer.
Knechtschaft statt Demut.
Schwäche statt Mitgefühl.
Unentschlossenheit statt Gerechtigkeit.
Verschwendung statt Opfer.
Das war sein Fazit. Ruhig. Vollständig. Ohne Aufhebens.
Nicht siebenmal zerstört. Siebenmal offenbart. Im Namen Alatars.
Es war spät, als ich nach Rahal zurückkehrte und mein Weg mich direkt in den Tempel führte, so wie jeden Abend.
Ich knie nicht leicht. Das ist keine Pose und kein Trotz. Knien bedeutet für mich etwas. Es ist einfach eine Wahrheit. Es sollte kein Reflex sein, keine Geste, die man nur lernt und dann automatisch vollzieht. Es ist jedes Mal eine Entscheidung. Und es gibt bisher nur zwei Menschen, vor denen ich bereit war zu knien. Aber vor Alatar knie ich ohne Zögern.
Der Tempel war still auf diese besondere Art, die nur Orte haben können, in denen Stille beabsichtigt ist. Keine zufällige Stille, wie die nach einem Kampf oder die nach einer langen Rede. Sondern die Stille, die wartet. Die, die Platz lässt.
Ich muss im Tempel keine Worte finden. Er spürt, was ich fühle und sieht meine Gedanken.
Was ich gespürt habe? Dankbarkeit. Das Wort klingt zu klein, aber ich kenne kein besseres. Dankbarkeit für diesen Abend, für das, was gelungen ist, für die Menschen, die dabei waren. Für ihn, der gesprochen hat, auch wenn er nicht wollte und der die Idee, die ich irgendwann einmal in seine Hände gelegt hatte, zu etwas Besonderem gemacht hat. Für das Wissen, dass etwas, das einmal zwischen uns bei einer Patrouille begonnen hat, nicht stehen geblieben ist, sondern gewachsen.
Und für etwas, das noch schwerer zu benennen ist.
Für das Gefühl, am richtigen Ort zu sein. Im richtigen Moment. Mit den richtigen Menschen. Das ist seltener, als es klingen mag. Man kann jahrelang das Richtige tun und sich trotzdem manchmal fragen, ob man dort ist, wo man sein sollte. An diesem Abend gab es diese Frage nicht. Sie war einfach nicht da. Zumindest für einen kurzen Moment.
Das hat der Eine mir gegeben. Und ich habe es, kniend auf dem kalten Stein, ohne Worte, angenommen.
Sieben Schreine.
Sieben Lügen, denen man den Namen genommen hat.
Und überall Menschen, die wussten, was zu tun war, ohne dass jemand sie dazu zwingen musste.
Die Legion.
Die Letharen.
Der Tempel.
Der Orden.
Gregor Grann, der das Schwert trug.
Darios der es anleitete.
Es hatte etwas Sauberes. Nicht im Sinne von rein – dafür war zu viel Blut im Spiel gewesen – sondern in der Art, wie alles ineinandergriff. Wie niemand zögerte. Wie selbst Zweifel, wenn sie aufkamen, nicht laut wurden.
Ich hab mich im Tempel wieder erhoben und wie immer folgt der Abschied. Heute lag mein Blick etwas länger auf der Statue, denn neben all der Dankbarkeit, der Euphorie, dem Stolz, all den guten Gefühlen zeigte sich bereits der Schatten. Ich wusste es seit Wochen, dass dieser Moment kommen würde. Der Schatten kam unaufhaltsam.
Es war vorbei. Und darin lag etwas Endgültiges. Wie ein Schloss, das zufällt, ohne dass jemand es absichtlich zuschlägt.
Ich hatte meine Arbeit getan.
Langsam zog ich die Handschuhe fester, spürte das Leder an den Fingern, den fehlenden kleinen Finger, der sich wie immer bemerkbar machte, wenn ich zu bewusst darüber nachdachte. Ein kurzer, fast unmerklicher Zug an der Rüstung, als müsste irgendetwas sitzen, das schon längst an seinem Platz war.
Es war vorbei.
Dann wandte ich mich ab. Nicht abrupt. Nicht demonstrativ.
Einfach weiter.

- Helisande von Alsted
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Re: [MMT] Dämmerung der Sieben
Wir suchen die Wahrheit, finden wollen wir sie aber nur dort, wo es uns beliebt.
Marie von Ebner-Eschenbach
Marie von Ebner-Eschenbach
***
Das gesamte alatarische Heer sammelte sich zwischen ihr und dem Schrein des Mitgefühls. Noch eben saß sie im Dorfkrug und unterhielt sich, jetzt saß sie auf einem ungeübten Schlachtroß. Das Heer ihr gegenüber. Moira hatte den Alarm ausgegeben, sie und einige Kaluren waren informiert worden, dass nun auch Schreine außerhalb Alatariens wohl Ziel von Schandtaten waren.Sie spürte die Anspannung des Tieres unter sich. Mocca wäre ruhig und würde stehen wie ein Felsen. Gregor reagierte auf die letharischen Echsen, sowie deren Laute und die laute der Letharen auf jenen Echsen. Die hochgewachsene Frau überblickte die Situation mit einer Mischung aus Irritation und der inneren Ruhe, die dem Sturm vorangeht. Das ganze Heer. Natürlich. Ohne das würden sich die Verwirrten nicht nach Lichtenthal trauen, es nicht wagen sich an heiligen Orten zu vergreifen. Templer garniert mit Magiern und ein wenig überbacken mit Angehörigen der Bruderschaft.
Shasul, Drapenstein, Vasai und natürlich Dhara. Immer wieder die Kleine. Langsam ging ihr das Mädchen doch ein wenig auf die Nerven. Zu oft und zu erfolgreich waren ihre Einfälle und Ausfälle nach Lichtenthal mittlerweile. Ein neues Gesicht mehrte die Reihen der Bruderschaft Alatars. Ein Anwärter. Soiradur. Viel Zeit ihn einzuschätzen, blieb nicht, der Wortwechsel war schleppend und der Feind darauf bedacht noch weitere Schreine zu besuchen. Bedauerlicherweise nicht in der gebotenen Andacht, sondern in unbotsamem Hochmut.
Gerade genug Wortwechsel und Verwirrung hatte sie erzeugen können, gerade genug, dass Moira doch noch einige Streiter zusammenziehen konnte. Doch mehr als das Heer in Rot-Schwarz verfolgen war nicht möglich. Die Verteidiger in der Unterzahl, die Alarmkette zu langsam, die Reaktionen zu träge.
Ein Vorstoß.
Soiradur gab den Befehl zum Angriff. Interessant.
Zu wenige gegen zu viele. Dennoch fehlte es nicht an Entschlossenheit, nur an Schlagkraft. Die Schrammen und Blessuren des verlorenen Kampfes würden verblassen, sie hatte schon schlimmer ausgesehen. Besser allerdings auch. Die Übergriffe auf die Schreine war ein Affront, ein Tiefschlag und eine unmissverständliche Aufforderung des Feindes. Eine Aufforderung zum Tanz, auch wenn sich schon herausgestellt hatte, dass Shasul zwei linke Füße hatte, Drapenstein kein Taktgefühl und Vasai darin noch nicht ausgebildet war. Eine Auffoderung. Ohne Verneigung und ohne die Pflicht mit einem Knicks das Angebot anzunehmen. Dhara würde sicher gern tanzen, nur nicht mit ihr. Der Anwärter – man würde sehen. Geduld.
***
An sieben aufeinanderfolgenden Tagen das Stundengebet in der Kirche Adorans oder in der Kapelle der Burg. Rache ist zu einfach für etwas, was ein bewusst tiefer Schnitt sein soll. Die Rosthaarige hatte sich entschlossen dem Feind erstmal gar nicht zu antworten. Schweigen. Die Geweihten würden die Schreine reinigen und sich sammeln, womöglich einen Plan entwerfen. Bis dahin war die Ruhe des Gebetes und der Einkehr der Rat der Stunde.Demut.
Keine Schwäche – auch wenn der Feind es so postuliert. Der Feind betrachtet nur Ehrfurcht als Wahrheit. Doch Ehrfurcht beinhaltet Furcht. Die Furcht davor, demjenigen, dem man Ehre tut nicht zu entsprechen, sich nicht einzufügen. Eisige Angst vor dem Versagen, dem Nichtgenügen, dem Abgelehnt werden in seiner ehrbaren Furcht.
Die Demut erkennt, welchen Platz man innehat. Einen, den man schätzt, pflegt und verteidigt. Demut lässt echte Führung zu, der man aus Überzeugung folgt, nicht auf Furcht.
Je älter die Ritterin wurde, desto mehr wuchs in ihr die Erkenntnis, dass am Ende alles auf die Säulen fußte. Wahrheit, Mut und Liebe. So sehr sie auch beim Anblick des feindlichen Heeres von Zorn erfüllt wurde, der in ihr aufwallte wie eine Sturmflut und drohte mit sich zu reißen, was nicht wich. Und doch war da kein Hass in ihr. Nichts worauf Alatar zurückgreifen konnte. Sie hasste nicht, ihr Herz ließ es nicht zu.
Folger Alatars waren nichts als verwundete Seelen. Teilweise zu jung in die Fänge der einfachen und verführerischen Lehren geraten, teilweise verwundet vom Leben und leichte Beute für den Panther und teilweise zerbrochen erschaffen. Die Letharen würden nie ganz sein, nie eine reine Seele in sich tragen können. Das Einzige, was mit diesen Wesen blieb, war sie schnell zu erlösen.
Wahrheit – Wahrhaftigkeit. Das was am Ende bleib das, was klar ist und bestand hat. Mut. Kein Gefühl, sondern eine Haltung. Man ist guten Mutes, frohen Mutes – von gutem Gemüt. Liebe. Allumspannend von Mensch zu Mensch, nicht zwingend romantisch oder körperlich, sondern ein wohlmeinendes Erkennen des Anderen. Und dessen Wahrheiten.
So ruhte auch die Demut auf diesen drei Säulen. In Wahrheit seinen Platz zu finden, seinen eigenen Raum einzunehmen. Mut den Raum zu füllen und zu prägen und genug Liebe um anderen darin einen Platz freizuhalten.
***
Soiradur.Etwa ihr Alter, Heinriks Größe. Tiefere Stimmlage. Er sprach langsam und kein Wort zu viel. Anwärter der Bruderschaft. Nicht die erste Begegnung mit ihm aber eine wegweisende. Er stank nach Bewährung und dem Wunsch zu gefallen. Er hatte das Kommando über den Einsatz erhalten.
Spannend.
- Darios Soiradur
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- Registriert: Mittwoch 23. April 2014, 21:20
Re: [MMT] Dämmerung der Sieben
Nicht siebenmal zerstört, sondern siebenmal offenbart.
Die zweitägige Taktierung zur Aufdeckung der Lügen der sieben Schreine des Lichten Reichs war damit erfolgt. Es waren Tage des Werkes ohne jeden Zweifel.
Zu Anfang begaben wir uns dort hin, wo die alten Lügen über hunderte von Jahren tief und modrig in Wald und Gemäuer seuchten. Der Elfenwald, der Schrein der Tapferkeit.
Das Zeichen war klar gesetzt. Ähnlich wie am ersten Abend galt es, der Symbolik des Feindes eine Offenbarung teilwerden zu lassen. Was für sie der Baum des Lichts war, war nichts anderes als eine hölzerne Umspannung von Fäulnis im Kern. Die Tapferkeit ist nichts als eitler Trotz, wenn sie sich nicht vor dem All-Einen beugt. Mut hat keine Bedeutung, wenn sie keinem höheren Streben dient. Standhaftigkeit ist Unwahr, wenn sie nur der Selbstverherrlichung eines fehlgeleiteten Geistes entspringt. Also brachen wir am Schrein der Tapferkeit durch ein gut gesetztes Bildnis die Fäulnis unterhalb des Stammes auf und setzten ihre Symbolik, den Baum des Lichts dort, wo Augenmerk unweigerlich hinfallen würde.

Mein bisheriges Leben hat es mir bereits oft genug gezeigt. Nicht alles, was aufrecht steht, ist auch gerecht. Ich habe Männer beten sehen und zugleich für zu Geringes morden. Ich habe Milde aus Mündern gehört, die voller Hochmut waren. Ich habe selbst lange genug in der Finsternis gestanden. Daher mute ich mir zu, zu erkennen, wie gern sich Lüge in edle Worte kleidet. Eine Maske damit weniger, aufgedeckt durch korrigierte Symbolik.
Am Schrein der Demut ergab sich ein anderes Bild, welches ihrem Volk die einzige Wahrheit Alatars eröffnen würde. Ihr Verständnis von Demut erwiesen wir als Betrug. Ihre Demut ist nichts als Zierde. Ein Mantel aus sanften Worten, unter dem der freie Wille als nichts mehr statt kleiner Glut am Leben gehalten wird. Nichts mehr als Knechtschaft des Volks vor der Obrigkeit, ohne Erkenntnis von Alatars Wahrheit über den freien Willen.
In meiner Vergangenheit war ich demütig. Meine Gebrochenheit nannte ich Einsicht. Ich war zu schwach, zu demütig, mich selbst zu richten. Erst als der All-Eine mich in den Staub warf und ich mich selbst erheben musste, lernte ich den Unterschied.
Am Schrein des Mitgefühls war es nicht anders. Schließlich ist Mitgefühl ohne Wahrheit nur Schwäche, die sich edel nennt. Mitgefühl schont, wo das Feuer reinigen müsste. Es tröstet, wo Strafe nötig ist. Es salbt die Wunde und lässt den Eiter darunter weiterleben. Barmherzigkeit ist damit kein Widerspruch zur Härte. Sie findet erst in ihr ihre Reinheit. Alatar sieht tiefer als das Zittern des Fleisches. Er kennt die Notwendigkeit des Schnittes, wenn nur durch ihn Leben gerettet werden kann. Auch das ist Mitgefühl. Nur die Feigen nennen es Grausamkeit.
Damit waren zwei weitere Lügen offengelegt. Nicht durch leeres Geschrei oder wilden, ungerichteten Zorn. Sondern durch Ernsthaftigkeit, die aus Gewissheit geboren wird.
Ich spürte währenddessen eine Ruhe in mir, die ich früher nicht kannte. Es gab eine Zeit, da wäre ich mit Wut an solche Orte gegangen. Ich hätte geschändet, um meinen eigenen Schmerz sprechen zu lassen. Doch wie wir ihre Ehre zu Grabe getragen haben, so habe ich bereits vor langer Zeit eben jenen Mann zu Grabe gerichtet. Was heute in mir wirkt, ist nicht mehr bloß der Drang zu zerstören. Es ist der Wille, im Namen des Einen zu richten. Und der Wille, im Namen des Herrn das Volk vom Unrecht Temoras zu befreien.
Später führte uns der Weg zum Schrein der Gerechtigkeit vor Bajard. Ein Trupp unterschiedlicher Ketzerkulturen, ein Potpourri aus Elfen, Zwergen und Menschen flankierte uns großmütig seit Adoran, wohl angeführt durch Helisande von Alsted, einer Frau die, zu meiner Verwunderung, nicht auf den Kopf gefallen zu sein schien. Damit kam es zu einem unausweichlichen Kampf, stellten sie sich doch aus einer falschen Vorstellung von Mut der Streitkraft des All-Einen entgegen.
Ich erinnere mich an das erste Aufeinandertreffen wie an einen Glockenschlag. Metall traf auf Metall. Ich hatte Befehl zum Angriff getönt und sie alle folgten. In all dem Lärm lag für mich eine merkwürdige Klarheit. Keine Hast. Kein Zweifel. Nur die Gewissheit, dass unsere Sache gerecht war.
Die Lichtenthaler kämpften, als könnten sie mit Haltung ersetzen, was ihnen an Wahrheit fehlte. Haltung allein trägt dich jedoch nicht durch den Schlag. Sie bewahrt dich nicht vor dem Irrtum. Sie schützt dich nicht vor dem Gericht. Wir aber standen geschlossen. Kein Mann fiel. Kein Bruder, keine Schwester wurde aus unseren Reihen gerissen. Das Alatarische Reich gewann diesen Kampf ohne einen einzigen Verlust. Ich sah darin mehr als einen bloßen militärischen Erfolg. Ich sah ein Zeichen.
Alatar prüft. Aber er lässt auch erkennen.
Als der Widerstand gebrochen war, trat Stille ein. Ich stand vor dem Schrein der Gerechtigkeit und sah ihn an. Ein Ort, der dieses hohe Wort trug und es doch nicht verdiente. Denn Gerechtigkeit ohne den All-Einen ist nichts als Willkür im Festgewand.
Ich dachte an die Gerechtigkeit, die mich einst traf. Sie war weder mild, noch angenehm, noch verhandelbar.
Und gerade deshalb war sie Wahrhaftig.
Denn der All-Eine hatte mich nicht gerichtet, um mich zu vernichten. Er hatte mich gerichtet, damit ich mich aus dem Dreck ziehen konnte, in dem ich mich selbst so reumütig suhlte. Diese Erinnerung trug ich in mir, als wir den Schrein zu echter Gerechtigkeit erhoben. Ein falscher Altar muss fallen, damit nicht noch mehr Seelen an ihm verderben. Eine weitere Maske war gefallen.
Unser finaler Marsch führte in die Wüste, zum Schrein der Opferbereitschaft. Opferbereitschaft ist für mich ein Wort, das vielzählig bedeutsam ist.
Ich habe in meinem Leben vieles gegeben, aber nicht alles davon war Opfer. Manches war Verlust. Manches Strafe. Manches die Folge meiner eigenen Verfehlungen. Ein wahres Opfer, nicht jedoch Opferbereitschaft, wird nicht einfach erlitten. Es wird dargebracht. Es wird in Freiheit auf den Altar gelegt, auch wenn die Hände dabei zittern. Ich glaube, dass ich diesen Unterschied erst spät begriffen habe. Früher nahm ich mein Leiden oft als Beweis meiner Tiefe. Heute weiß ich, dass Leiden allein nichts heiligt. Erst wenn es Alatar geweiht wird, erhält es Sinn.
So standen wir vor diesem Schrein, und ich fragte mich für einen Moment, wie viele ihn wohl angesehen und geglaubt hatten, sie verstünden Opfer. Wie viele hatten dort ihre kleinen Entbehrungen beweihräuchert und sie für heilig gehalten. Wie viele hatten vom Geben gesprochen, ohne je wirklich bereit gewesen zu sein, sich selbst brechen zu lassen. Denn Opferbereitschaft ist kein Schmuck des Charakters. Sie ist ein Messer. Sie nimmt dir das, woran du dich klammerst. Erst dann keimt die Frage, ob du noch immer glaubst.
Ich schwieg, als wir den Ort entweihten. In mir war viel Erinnerung. Zu viel vielleicht, um sie in Worte zu fassen. Ich dachte an das, was hinter mir liegt. An Schuld und alte Schatten. An den langen Weg, den ich durch Blut, Irrtum und Läuterung gegangen bin. Und ich dachte daran, dass ich ohne den Einen längst verloren wäre. Nicht besiegt von einem äußeren Feind sondern verloren an die Schwäche in mir selbst.
Ich spürte, wie weit Alatar mich bereits geführt hat. Kein geifern nach Triumph. Heute suche ich die Reinheit des Werkes. Früher hätte ich nach dem Kampf meinen eigenen Namen hören wollen. Heute höre ich nur noch seinen.
Noch lange bin ich nicht am Ende meines Weges. Noch immer gibt es in mir alte Narben. Noch immer kenne ich die Verlockung von Stolz und noch immer kenne ich die Müdigkeit des Herzens. Doch ich glaube eben dies führt mich zur Wahrheit. Keine Predigt über einen ungesehenen Abgrund sondern predigt über ebenjenen. Über und durch den, der gesehen wurde.
Als wir schließlich heimkehrten, war das Werk des Tages vollbracht. Die Lügen der Tapferkeit, der Demut und des Mitgefühls waren entlarvt. Die Seite Lichtenthals war am Schrein der Gerechtigkeit geschlagen worden, ohne dass das Reich auch nur einen einzigen Mann verlor. Der falsche Ort der Gerechtigkeit war geschändet worden. Und in der Wüste fiel zuletzt auch die Maske der Opferbereitschaft.
Kein großmütiger Triumph. Nur ein weiterer Schritt und abermals nur eine Prüfung des eigenen Inneren.
Möge Alatar mir die Kraft geben, auch weiterhin mit fester Hand zu richten und mit aufrichtigem Herzen zu dienen. Möge er mich vor der Eitelkeit des Erfolges bewahren. Und möge er niemals zulassen, dass ich vergesse, aus welchem Staub ich mich durch seine Wahrheit erhob.
Denn alles Werk ist leer, wenn es nicht auf ihn weist.
Und aller Sieg ist wertlos, wenn er nicht ihm gehört.
Und aller Sieg ist wertlos, wenn er nicht ihm gehört.