
Die Sonne sinkt langsam hinter dem Tempel der Mara und legt ein warmes, ruhiges Licht über die hohen Hallen. Der Stein, der den ganzen Tag über die Hitze gespeichert hat, beginnt sie nun wieder abzugeben, als würde das Gebäude selbst ausatmen. Alles wirkt für einen Moment leiser. Schritte verlieren an Gewicht, Stimmen brechen ab und verschwinden in den Gängen. Es ist dieser kurze Augenblick, in dem alles geordnet scheint. So, wie es sein sollte.
Ein Bote tritt in den Raum. Ohne Hast, ohne unnötige Bewegung. Er bleibt stehen, senkt den Blick und reicht das versiegelte Schreiben an den All Haras. Das Siegel ist bekannt und sorgt dafür, dass sich die Aufmerksamkeit sofort auf ihn richtet. Es stammt aus Alwa'Shiral.
Der All Haras bricht es.
"An den ehrenwerten All Haras Samir Rashad Omar, Haatim der All Mara, im Tempel zu Menek’Ur, geboren aus dem Blute des ersten Hauses, unter dem Blick der Schöpfermutter,
Im Namen des ersten Hauses, Eluives und im stillen Vertrauen auf eure Weisheit, schreibe ich Euch aus Alwa’shiral, der Perle des Wissens.
Ich, Haifa Rabia Bashir, Nuhriba des Wüstenklosters, Hüterin des Gartens und Dienerin der Oase, wende mich in schwerer Sorge an Euch. Vorkommnisse in den heiligen Anlagen entziehen sich unserem Verständnis und lassen sich auch durch den Haatim nicht mehr erklären.
Die Pflanzen des Gartens folgen nicht länger dem gewohnten Kreislauf. Einige treiben zu früh aus, andere welken ohne erkennbare Ursache. Besonders beunruhigend ist das Verhalten der Sternblumen: Knospen zeigen sich fern der Zeit ihres Zenits, und ihr Wuchs wirkt… fehlgeleitet, als halte etwas das Leben fest, wo Loslassen geboten wäre.
Auch das Wasser des Shiraz, das unsere Gärten nährt, scheint seinen Segen nicht mehr rein zu tragen. Es ist trüb geworden, von bitterem Geschmack, und trotz aller Gebete und Reinigungen kehrt die gewohnte Harmonie nicht zurück. In der Erde fanden wir Spuren eines Eingriffs, Zeichen, die auf ein fremdes Wirken hindeuten.
Ich fürchte, dass hier nicht bloß Unachtsamkeit oder natürliche Auslese am Werk ist, sondern ein tiefer liegendes Ungleichgewicht, dessen Ursprung wir allein nicht zu ergründen vermögen.
Daher bitte ich Euch, entsendet jemanden nach Alwa’shiral, der mit uns gemeinsam prüft, was hier geschieht, und uns hilft, das Gleichgewicht wiederherzustellen.
Möge die All Mara Eure Schritte führen wie den Wind durch die Wüste.
In Demut und Hoffnung,
Haifa Rabia Bashir
Nuhriba des Wüstenklosters Alwa’shiral"
Die Worte darin sind ruhig und sachlich gehalten, doch gerade diese Ruhe wirkt schwerer als jede Dringlichkeit. Es ist kein Bericht, der alarmieren will. Es ist einer, der feststellt, dass etwas nicht mehr in seiner Ordnung liegt.
Was beschrieben wird, ist kein einzelner Ort, der aus dem Gleichgewicht geraten ist, sondern etwas Tieferes. Als würde sich etwas durch die gewohnte Ordnung ziehen und an mehreren Stellen gleichzeitig Spuren hinterlassen. Nichts Lautes. Nichts Offensichtliches. Eher wie eine Veränderung, die man erst erkennt, wenn man zu lange hinsieht.
Mit dem Ende der Zeilen bleibt ein Druck im Raum zurück. Nicht greifbar, aber spürbar. Als hätte etwas die Luft selbst für einen Moment dichter gemacht. Für einen kurzen Augenblick entsteht das Gefühl von etwas, das festhält statt fließt. Als würde Leben nicht weitergehen, obwohl es müsste.
Dann vergeht es wieder.
Die Entscheidung fällt ohne Umweg.
Der All Haras tritt schließlich an die Khaliq Aliza heran. Seine Stimme ist ruhig, aber eindeutig.
"Aliza.
Du reist nach Alwa’shiral. Nimm Schutz mit und suche dort nach Antworten. Kläre, was den Kreislauf stört, und handle, wenn es nötig wird."
Mehr Worte gibt es nicht.
Am Hafen wartet das Schiff. Das Licht verliert sich langsam im Abend. Alles wird stiller. Seile knarren im Wind, während die letzten Vorbereitungen laufen. Das Wasser schlägt ruhig gegen den Kai, ohne wirklich beruhigend zu wirken.
Als würde etwas darauf warten, dass sich alles in Bewegung setzt.
Es hat begonnen...

