Leben bedeutet Lernen

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Arden Federbrandt
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Registriert: Mittwoch 18. März 2026, 18:10

Leben bedeutet Lernen

Beitrag von Arden Federbrandt »

Arden Federbrandt saß spätabends über einem Buch in seiner neuen Behausung in Rahal. Wirklich eingelebt hatte er sich noch immer nicht. Zwar hatte er in den vergangenen Wochen ein paar Münzen zurücklegen und sich nach und nach einige wenige Möbelstücke beschaffen können, doch von wirklichem Komfort konnte keine Rede sein. Immerhin besaß er nun einen richtigen Tisch und einen Stuhl, auf dem man arbeiten konnte, ohne sich den Rücken an irgendeiner Kiste oder einer rohen Bretterwand zu krümmen. Allein das erschien ihm bisweilen schon wie ein kleiner Luxus.

Betrachtete man den Raum jedoch als Ganzes, wirkte er eher wie ein notdürftig eingerichtetes Lager als wie eine echte Wohnung. Kisten standen verteilt um den Tisch herum, manche ordentlich gestapelt, andere achtlos dort abgestellt, wo gerade Platz gewesen war. Auf einigen lagen ein Mörser, Phiolen, Bündel getrockneter Kräuter, eine kleine Waage und verschiedene andere Utensilien, die sich im Laufe der Zeit angesammelt hatten. Nichts daran wirkte heimisch. Zweckmäßig, ja. Mehr aber auch nicht.

Es war spät geworden. Die Konzentration fiel ihm zunehmend schwerer. Seine Augen glitten immer wieder über dieselben Zeilen, ohne dass noch viel davon in seinem Kopf hängen blieb. Schließlich lehnte er sich etwas zurück, rieb sich mit Daumen und Zeigefinger über die Augen und ließ den Blick durch den spärlich beleuchteten Raum wandern. Dabei wurden seine Gedanken stiller, träger, und begannen schließlich, in die Vergangenheit abzudriften.

Es musste im Jahr 264 gewesen sein, vielleicht auch 265. So genau wollte ihm das nicht mehr einfallen. Auf der anderen Seite war es ihm auch gleichgültig, welches der beiden Jahre es nun gewesen war. Wichtiger war ohnehin, was damals begonnen hatte.

Er erinnerte sich noch gut daran, wie er zum ersten Mal die Stube des Baders in Eisenau betreten hatte. Leugaz, so lautete der Name des älteren Mannes. Ein sonderbarer Kerl in mancher Hinsicht. Er war keiner von den Leuten, die viel von sich preisgaben oder ihre Worte verschwenderisch einsetzten. Wenn er sprach, dann knapp, klar und ohne jede Ausschmückung. Viel seiner Zeit verbrachte er mit Büchern, Aufzeichnungen und alten Heilkunden, über die er oft mit einer fast pedantischen Gründlichkeit gebeugt saß. Kam jedoch ein Notfall herein, war davon nichts Zögerliches oder Verträumtes mehr an ihm zu sehen. Dann schien er sich mit einem einzigen Blick einen Überblick zu verschaffen und bereits zu wissen, was als Nächstes zu tun war. Keine Unsicherheit, kein Zaudern, keine überflüssigen Fragen.
Schon damals hatte Arden das beeindruckt.

Die Stube selbst hatte einen ganz eigenen Geruch. Es roch nach Lauge, nach Nässe, nach Holz und Kräutern. Nicht angenehm im eigentlichen Sinne, aber unverwechselbar. Dieser Geruch hatte sich ihm so tief eingeprägt, dass er ihn selbst jetzt, Jahre später, fast noch in der Nase zu haben glaubte, wenn er nur lange genug daran dachte.

Dort also sollte er von nun an arbeiten. Als Gehilfe des Baders.
Und als Gehilfe durfte er zunächst vor allem eines sein: ein Gehilfe.
Schrubben, putzen, waschen. Immer musste alles ordentlich und sauber sein. Der Alte verstand bei solchen Dingen keinen Spaß. Ein dreckiges Tuch, ein verschmutztes Werkzeug oder schlecht ausgespülte Schalen genügten, um ihm einen scharfen Blick und eine knappe, unangenehme Belehrung einzubringen. Arden lernte schnell, dass Nachlässigkeit in dieser Stube nicht geduldet wurde. Daneben musste er einfache Mahlzeiten zubereiten, Feuerholz heranschaffen, Wasser holen, Einkäufe erledigen und Kräuter sammeln, wenn etwas zur Neige ging. Tücher mussten gewaschen und, wenn Leugaz es verlangte, draußen vor dem Haus in einem großen Kessel ausgekocht werden. Selbst wenn Wind und Wetter miserabel waren, änderte das nichts.

Der Alltag war eine Plackerei. Dreckige Hände, schmerzende Schultern und wenig Dank gehörten dazu. So mancher Tag verging beinahe vollständig mit Arbeiten, die mit Heilkunst auf den ersten Blick wenig zu tun hatten. Arden hätte damals wohl gelogen, hätte er behauptet, nie daran gezweifelt zu haben, ob sich all das lohnte.

Doch immer dann, wenn ein Kranker oder Verletzter hereinkam, zeigte sich die andere Seite des Alten.
Dann wurde aus dem schweigsamen, strengen Mann ein Lehrender. Einer, der erklärte, vormachte, begründete und Arden immer wieder dazu zwang, genau hinzusehen. Gerade in diesen Momenten schien Leugaz fast aufzublühen. Es war deutlich zu merken, dass ihm das Erklären und Weitergeben von Wissen gefiel. Er tat es nicht sanft oder väterlich, aber mit einer eigentümlichen Ernsthaftigkeit, die deutlich machte, dass es ihm wichtig war. Und doch lag über alldem etwas Befremdliches. Denn sobald ein Patient vor ihm saß oder lag, rückte dessen Person oft in den Hintergrund. Für Leugaz wurde aus ihm in solchen Augenblicken beinahe ein Anschauungsobjekt. Ein Fall. Eine Wunde. Eine Krankheit. Etwas, an dem man lernen konnte.

Arden hatte das früh bemerkt und nie ganz gewusst, was er davon halten sollte.
Bergleute kamen fast täglich in die Stube. Platzwunden, zerschlagene Hände, Fremdkörper in den Augen, Prellungen, verrenkte Gelenke, gebrochene Knochen. Danach folgten nicht selten die Schmelzer mit Verbrennungen und verätzter Haut. Hier und da kamen auch Männer mit verdorbenen Wunden, weil sie zu lange gewartet hatten, aus Angst vor Lohnausfall oder aus stumpfer Sturheit. Manche rochen bereits so, dass Arden den Kopf leicht abwenden musste, noch ehe sie ganz durch die Tür getreten waren.

Geruch, das hatte der Alte ihm früh eingebläut, sei eines der mächtigsten Mittel in der Heilkunst.
„Die Nase verrät dir besser als die Augen ob etwas am verderben ist. Egal ob es sich dabei um eine Wunde oder etwas anderem handelt.“, hatte Leugaz einmal gesagt.
Und er hatte es nicht nur gesagt, sondern immer wieder demonstriert. Er ließ Arden an Wundverbänden riechen, an altem Auswurf, an fauligen Entzündungen, an sauberen Kräutersuden und an jenen, die bereits umgeschlagen waren. Es war unerquicklich, aber lehrreich. Arden hatte es gehasst und zugleich verstanden, weshalb der Alte darauf so großen Wert legte.

Über die typischen Krankheiten der Bergarbeiter hatte er zu jener Zeit bereits einiges gelernt. Er kannte die Beschwerden, die der Staub in Brust und Lunge anrichtete, die Schwäche, die manche Männer mit sich herumtrugen, das Fieber, das sie auszehrte, und den Husten, der nicht mehr weichen wollte. Er hatte manches davon gesehen, manches davon nur beschrieben bekommen.
Doch an einen bestimmten Tag erinnerte er sich bis heute besonders deutlich.

Ein Bergarbeiter war damals mit seiner Frau gekommen. Arden sah das Bild noch immer klar vor sich. Die Frau stützte ihren Mann auf einer Seite, während dieser sich Schritt für Schritt in die Stube kämpfte. Er war ein großer, kräftiger Kerl gewesen, eigentlich genau die Art Mann, die sonst jeden Raum ausfüllte. An jenem Tag jedoch wirkte er, als würde ihn jeder einzelne Schritt große Mühe kosten. Seine Augen waren gerötet, sein Gesicht grau und eingefallen, und immer wieder wurde sein Körper von hartem Husten geschüttelt.

Leugaz begann sofort mit seiner Befragung. Wie er schlafe. Ob ihm nachts heiß oder kalt werde. Seit wann der Husten so schlimm sei. Ob Fieber aufgetreten sei. Ob der Schleim sich verändert habe. Dann horchte er Brust und Rücken ab. Auch Arden wurde herangerufen und sollte selbst lauschen. Er erinnerte sich noch gut an das Geräusch. Es klang rasselnd, eng, als läge etwas in der Brust, das dort nicht hingehörte und der Luft den Weg versperrte.

Der Alte erklärte ruhig, dass der Mann einen heißen Kräutertee trinken solle, möglichst regelmäßig, damit sich der Schleim löse. Er sagte Arden später, dass man gerade daran oft bereits wichtige Hinweise erkennen könne. Der Bergarbeiter bekam ein helles, sauberes Tuch gereicht und sollte beim Abhusten den Schleim hineinspucken. Arden stand daneben, als Leugaz das Tuch aufschlug und den Auswurf mit einem dünnen Stäbchen auseinanderzog. Erst auf den zweiten Blick wurden darin feine, zarte Blutfäden sichtbar.

Arden wusste noch, wie still es in der Stube geworden war.
Leugaz wandte sich daraufhin an den Bergarbeiter und dessen Frau, die weiterhin dicht bei ihm saß und ihm mit einer Hand den Arm hielt, als könne sie ihn allein dadurch aufrechter halten. Der Mann müsse in Zukunft mehr Ruhe finden, sagte er. Er dürfe nicht weiter in den tiefsten Stollen arbeiten. Wenn irgend möglich, solle er leichtere Tätigkeiten übernehmen, eher Tragearbeiten oder anderes, das ihn weniger dem Staub aussetzte. Dazu warme Brühen, Kräutertees und alles, was das Abhusten erleichtere.

Die Reaktion war damals scharf ausgefallen.
Der Bergarbeiter hatte zuerst nur ungläubig geschaut, dann war Zorn in sein Gesicht getreten. „Wie soll ich meine Familie ernähren?“ hatte er aufgebracht gefragt. „Wovon soll meine Frau das Mehl kaufen? Von eurem guten Rat?“

Es war nicht zu einer offenen Eskalation gekommen. Dafür war der Mann zu erschöpft und seine Frau zu sehr bemüht, die Lage zu glätten. Dennoch blieb eine bedrückende Schwere in der Stube zurück, die Arden nie vergaß. Er erinnerte sich noch gut daran, wie der Mann keuchend vor Zorn und Ohnmacht dastand, während seine Frau nur den Blick senkte.

Darin lag für Arden eine der ersten wirklich harten Lehren seines Weges.
Heilkunst zu beherrschen bedeutete nicht, Herr über Krankheiten zu sein. Es bedeutete nicht, für jedes Leiden eine Lösung zu haben. Oft konnte man nicht mehr tun, als zu lindern, zu begleiten und unbequeme Wahrheiten auszusprechen, die niemand hören wollte.
Gerade als Arden diesem Gedanken in seiner kleinen Behausung in Rahal nachhing, schreckte er plötzlich in seinem Stuhl hoch.

War da ein Klopfen gewesen?

Für einen Moment wusste er nicht, wo er war. Die Kerze war inzwischen heruntergebrannt und erloschen. Der Raum lag vollkommen im Dunkeln. Stockfinster. Nur irgendwo draußen drang schwach ein Laut durch die Nacht.

Arden fluchte leise.

Verdammt. Er war eingenickt.
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