Arbeitsam ist er, das muss man ihm lassen. Zwischen Weidenheim und Rahal pendelt er so regelmäßig, als habe er die Strecke längst in Fleisch und Blut aufgenommen. Er transportiert Weizen, Getreide, Mehl, Metallwaren und bisweilen auch Dinge, die am liebsten wenig Fragen aufwerfen.
Kerabir gehört nicht zu den Männern, die sich vor harter Arbeit drücken. Früh aufzustehen lohnt sich, wenn am Ende der Reise genug Silber in den Beutel klimpert und die Überfahrt sich bezahlt macht.
Schludern liegt ihm nicht im Blut. Das Korn, das er liefert, ist von guter Qualität, die Säcke ordentlich verschnürt, die Ware sauber verladen. Gerade an den Stallungen Rahals weiß man das zu schätzen. Pferde sollten auch keinen Dreck fressen. Kerabir hat also verlässliche Abnehmer gefunden, gesprächige dazu. Wer regelmäßig Säcke schleppt, hört irgendwann eben auch regelmäßig Dinge. Und Säcke schleppen schweißt ja auch irgendwie zusammen.
Die Überfahrt nach Rahal nahm stets ihre Zeit in Anspruch. Genug, um sich an das Schaukeln des Wassers zu gewöhnen, den Wind auf der Haut zu spüren und die immer gleichen Gespräche mit Seeleuten, Händlern und Schiffsleuten zu führen. Durch die See gekotzt hatte er schon lang nicht mehr. Er ist selbst eher selten der Geschichtenerzähler. Lieber hört er zu. Ist ja auch sinnvoll, wenn man gerne Dinge aufschnappt. Eine Schänke lag auch immer auf seinem Weg. Da gabs zwar meist eher verwässertes aber ab und an war eine Perle dabei. Zu Schiff war die Qualität meistens höher. Wer war wohin unterwegs, welche Ware könnte knapp werden, welcher Name war zuletzt in aller Munde?
Wenn er mit seiner Ladung in Rahal ankam, zog es ihn meist zuerst zu den Stallungen. Dort wurde Futter gebraucht, dort warteten Hände, die mit anpackten, und dort kamen Leute vorbei, die etwas gesehen oder gehört hatten. Händler, Reisende, Karrenführer, Knechte – die Stallungen waren ein Ort, an dem mehr Geschichten zusammenliefen, als man auf den ersten Blick vermutet hätte. Wer von außerhalb kam, brachte sein Pferd dorthin. Wer aufbrach, kam meist ebenfalls dort vorbei. Und wer warten musste, fing irgendwann an zu reden.
Kerabir verstand es, dabei unauffällig zu bleiben. Während er Säcke verlud, fragte er beiläufig, wer heute angekommen sei oder ob viele Reisende in diesen Tagen durch die Stadt zögen. Keine ungewöhnlichen Fragen für einen Mann seines Gewerbes. Ein Händler musste schließlich wissen, wer sich in der Stadt aufhielt, wer vielleicht Bedarf hatte und wer bald schon wieder weiterziehen würde.
Der junge Stallbursche Gilles ist in Kerabirs Augen ein Guter. Redet gerne und viel, ist Neugierig, hört sich bereitwillig nach dem neuesten Tratsch und Klatsch um. Und das beste? Der Kerl packt an. Nicht so wie der bei der Garde am Haupttor, der immer erst mal „Pause“ braucht. N echter Macher. Für Hilfe und.. Hilfe bekommt Gilles dafür gut und gerne ein paar Münzen oder ein Bier. Ein guter Grund nicht nur nach der Ankunft sondern auch vor der Abfahrt nochmal nen kleinen Schnack zu halten.
Lange hielt Kerabir sich nach dem Abladen selten noch in der Stadt auf. Vielleicht mal noch zum Schmied, der hatte mehr die groben Abenteuer auf Lager. Danach gings meist direkt zur Schänke, beim Burschen vorbei und dann ab zum Hafen. Die Überfahrt nach Weidenheim dauert auch ehrlich lange.
So verlief bisher eigentlich das letzte halbe Jahr ziemlich lukrativ. Überfahrten, Lieferungen, Gespräche zwischen Säcken, Ställen und Säufern, dann wieder hinaus aufs Wasser. Ein einfaches und mitunter unauffälliges Leben. N gutes.
In dieser Woche allerdings veränderte sich was. Am zweiten Tag der Woche, zwei Tage vor Kerabirs Abreise war etwas anders. Gilles fehlte. Kerabir lud an diesem morgen alleine die Säcke ab. Ab und an ein umschauen aber niemand erschien.

Diesmal dachte er in Folge nicht an die Schänke. Er machte sich auf zur Garnison. Naja, das Schiff ging ja auch erst am nächsten übernächsten Tag. Vielleicht war ja dort auch jemand redselig. Und irgendwie wars ja auch seltsam.
Denn wenn einer, den man sonst immer antrifft, plötzlich nicht mehr auftaucht, dann ist es klüger, die Legion davon in Kenntnis zu setzen.